Zu: "Austerlitz" und der "Roman eines Schicksallosen"

Reflexionen über zwei bedeutende literarische Werke zum Holocaust


Seminararbeit, 2006

42 Seiten, Note: max. Punktzahl


Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG
1.2. TRAUMA UND LITERATUR: Schreibende Annäherung an das Unbeschreibliche

2. ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN
2.1. DAS ANTHROPOLOGISCHE ATTRIBUT
2.2. ROMAN UEBERSICHT
2.3. TRAUMA STRUKTUREN IM ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN

3. AUSTERLITZ
3.1 UEBER UNTER- UND ABGRÜNDE
3.2. BUCH UEBERSICHT
3.3. TRAUMA STRUKTUREN IM BUCH AUSTERLITZ
3.3.1. „DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT“ (S. 350 bis 362)
3.3.2. „THERESIENSTADT – EIN DOKUMENTARFILM AUS DEM JÜDISCHEN SIEDLUNGSGEBIET. HISTORISCHE DATEN
3.3.3. DER FILMTITEL UND SEINE NENNUNG IM BUCH AUSTERLITZ

4. AUSTERLITZ UND DER SCHICKSALLOSE : ABSCHLIESSENDE GEDANKEN

LITERATUR

Schaue auf meine Stadt,

ihre Umtriebigkeit;

sehe erst jetzt

ihre Dunkelheit.

Wir weinen, sind fröhlich,

haben die Erdachse erdacht;

als sei alles wirklich

und längst ein Anfang gemacht.

Unerkennbar das Dunkel,

stumm alles, leer, verwaist;

die Welt ist noch unerschaffen,

über ihr schwebt nur der GEIST.

Semjon Lipkin (1911 – 2003)

Aus dem Russischen von Kay Borowsky

„Rabbi El’azar sagte:

‚Mein Schweigen baute den

Tempel in der Höhe und baute den

Tempel in der Tiefe.’“Zohar, 1:2a

1. EINLEITUNG

Literarische Texte über die Shoah sollen laut der Forderung Adornos mit chiffrenhafter Inkommunikabilität für die Unsagbarkeit des Grauens, für die Unmöglichkeit ästhetischer Sinnstiftung stehen. Solche Texte müssen anders sein als Texte über andere Themen. Doch wie anders müssen sie sein, um im Leser jene Betroffenheit und Irritation zu erwecken, die zeitlich weit über das Lesen hinausgeht, hinausgehen muss, damit die Erinnerung gewährleistet und in der Folge in das An-denken, in die Kommunikation und die Handlung integriert wird? Denn wozu sollte Erinnerung Sinn machen, wenn nicht dazu?

Die Erinnerungen an ‚Auschwitz’ laufen jedoch Gefahr zu Zwangshandlungen zu verkommen, repräsentative Denkmäler, repräsentative Reden – eine Art Pflichtübungen zu werden, die einem Vergangenen schuldbewusst aber aus grosser Distanz gedenken, gedenken müssen, will man nicht als ignorante und empathielose Gesellschaft dastehen. Noch sind einige Zeitzeugen am Leben, viele von ihnen haben vor laufender Kamera über ihre Erfahrungen gesprochen, viele der Berichte sind aufgezeichnet, sind in Büchern festgehalten und stehen den Interessierten zur Verfügung. ‚Was aber geschieht, wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sind?’ diese Frage stellt sich früher oder später jedem, der sich mit dem Holocaust auseinandersetzt, sei es aus persönlichen, aus wissenschaftlichen oder künstlerischen Gründen. Zu Beginn des dritten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung werden immer häufiger Befürchtungen laut, dass die Erinnerungen an den Holocaust verloren gehen und sich das Furchtbarste wiederholen könnte. Denn das Ereignis dieses ethnischen Massenmordes war keine Angelegenheit zwischen Nazis und Juden, es war und bleibt die Angelegenheit des aufgeklärten Menschen schlechthin oder wie Imre Kertész sich in seiner Rede zum Nobelpreis 2002 ausdrückt: „Ich habe nie versucht, den als Holocaust bezeichneten Problemkreis als so etwas wie einen unaufhebbaren Konflikt zwischen Deutschen und Juden zu betrachten … ich habe im Holocaust die Situation des Menschen erkannt, die Endstation des grossen Abenteuers, an der der europäische Mensch nach zweitausend Jahren ethischer und moralischer Kultur angekommen ist.“ (S. 24)

„Man soll und darf die Vergangenheit nicht ‚auf sich beruhen lassen’, weil sie sonst auferstehen und zu neuer Gegenwärtigkeit werden könnte.“ Diese Mahnung äussert Jean Améry in seinem Vorwort zur Taschenbuchausgabe von ‚Jenseits von Schuld und Sühne’ im Jahr 1977. Heute, vierzig Jahre später oder anders gesagt rund sechzig Jahre nach Kriegsende und der Befreiung der Überlebenden der Konzentrationslager wird deutlich, dass Literatur über die Shoah anders ist und anders sein muss als Literatur über das ‚alltägliche’ Werden und Vergehen. Literatur über die Shoah will mehr als ästhetisch, tragisch und episch sein, Literatur über die Shoah will bestechen, will betroffen machen, will die Leser aufwühlen und verstören, sie will Bildungsrroman und Unterhaltungslektüre ad absurdum führen, und sie will sich immer wieder von neuem einschreiben ins subjektive und kollektive Gedächtnis.

„Auschwitz wird für die neuen Generationen immer mehr zu einer fremden Geschichte. Hier muss die Literatur eintreten. Es ist die Aufgabe oder der Zweck der Literatur, lebendige

Erfahrungen zu ermöglichen.“ (Kertész, 2004). Das wiederum bedeutet, dass die retrospektive Speicherkapazität der Memoria eine neuzeitliche Umrüstung erfahren muss. (vgl. Weinreich 1988 und Assmann et al. 1983)

Die folgende Arbeit befasst sich mit zwei herausragenden literarischen Werken zur Shoah, von denen das eine aus der Feder des Zeitzeugen und direkt Betroffenen ungarisch-jüdischen Autors Imre Kertész stammt, das andere von einem Nachgeborenen, dem deutschstämmigen Schriftsteller und Gelehrten W.G. Sebald.

In der Zukunft werden nur noch Nachgeborene über den Holocaust erzählen können, Menschen, die keine Zeugen mehr sind, die über Erzähltes erzählen müssen, und die trotzdem die Authentizität erhalten, die Betroffenheit und Irritation auslösen sollen, um dieses komplexe Thema im Gedächtnis der künftigen Generationen lebendig zu erhalten bzw. es stets von neuem zu aktualisieren, zu aktivieren. Seit den 90iger Jahren, und nicht zuletzt seit dem Wilkomirski-Skandal ist die literaturkritische Debatte entbrannt, wie dieses Thema mittels sprachlicher Mittel behandelt werden kann, behandelt werden darf.

In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, ob im Buch des direkt Betroffenen und in demjenigen des Nachgeborenen fundamentale Unterschiede auszumachen sind, oder ob sich die Texte in Bezug auf ihre Narrativik und ihre Mnemotechnik ähneln.

Es stellt sich indes die Frage, warum ausgerechnet der ‚Roman eines Schicksallosen’ parallel zu ‚Austerlitz’ reflektiert werden will. In beiden Fällen handelt es sich um Werke, die bei den Rezipienten auf internationaler Ebene hohe Wellen geworfen haben und es noch tun. Beiden Werken wird von den Kritikern eine herausragende literarische und intellektuelle Position bezüglich der Darstellung von Trauma, Erinnerung sowie biografischer und kollektiver Geschichtlichkeit attestiert. Es handelt sich gewissermassen um zwei Vorzeigemodelle literarischen Umgangs mit einem der schwierigsten Themen des aufgeklärten Menschen. Ausgehend von der Annahme, dass literarische Texte Teil des übergeordneten, kulturellen Sinnstiftungsprozesses sind und sie aufgrund ihrer fiktionalen Gestaltungsmöglichkeiten ein besonderes Leistungsvermögen für die Erinnerungskultur besitzen, soll in dieser Arbeit der

‚Roman eines Schicksallosen’ als der wegweisende literarische Zeugenbericht betrachtet werden, an dem sich die nachgeborene Erzählerschaft zu messen hat, von dem sie sich aber aufgrund zeitlicher Distanz, die sekundäre Zeugenschaft impliziert, in neuer Form abgrenzen muss. Wie und auf welche Weise dies geschehen kann, soll anhand von Beispielen der beiden oben genannten Werke untersucht werden.

1.2. TRAUMA UND LITERATUR: Schreibende Annäherung an das Unbeschreibliche

Seit den 1990er Jahren wächst das kulturelle und literarische Interesse an Traumatheorien, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der boomenden Gedächtnis- sprich Hirnforschung, der Suche nach Ursachen, Trägern, Prozessen und Wirkungen subjektiver und kollektiver Erinnerung.

Sigmund Freud beschrieb das Trauma bzw. seine Auswirkungen als einer der ersten im Rahmen des psychoanalytischen Modells. Als traumatisch gilt nicht das Ereignis selbst, sondern seine Auswirkungen auf den psychophysischen Apparat des Subjekts. Das traumatisierende Ereignis kann vom Subjekt weder integriert noch abgearbeitet werden, eine Überflutung von als lebensbedrohlich empfundener Reize führt zur Abspaltung von Erinnerungen und damit verbundenen Emotionen, die in der Folge fragmentarisch in Träumen, Flashbacks und Halluzinationen wiederkehren. Das dissoziierte Ereignis erzeugt also eine Erinnerungslücke, die sich kohärenter Narrativierung entzieht. So weist Narrativierung als soziokulturell geprägte und damit konventionalisierte Sinnstiftungsstrategie ein ambivalentes Potential auf: Sie führt zu einer Normalisierung des Traumas, die zwar einerseits dessen pathologische Präsenz reduziert, es anderseits seiner Singularität beraubt und somit dem Vergessen den Weg ebnet (vgl. Caruth 1995). In Folge der mangelnden Integration traumatischen Erlebens in jegliche mentale Ordnungsformen wird die individuelle Erfahrungskontinuität und Identitätsbildung destabilisiert, was auf narrativer Ebene in den ‚gesprengten’ Formen ‚klassischen’ Erzählens zum Ausdruck kommt. Obwohl das Trauma eine Grenzerfahrung ist, ist seine Darstellbarkeit auf bestimmte ästhetische Formen und Strukturen angewiesen.

Im Zentrum dieses Ansatzes steht also die Frage, wie denn das Unbeschreibliche - wenn überhaupt - narrativ inszeniert werden kann, um als Teil in den übergeordneten, kulturellen Sinnstiftungsprozess und in das kollektive Gedächtnis einzugehen.

Die prominentesten Formen narrativer Inszenierung eines Traumas sind laut den derzeitigen Literaturwissenschaftlern folgende: Anachronie (Zeitspastik); Montage- und Collagetechnik (Auflösung logischer Raum-Zeit-Strukturen); Tropen (Metaphern, Allegorien, Symbole); der Ich-Erzähler als Entfremdeter, Verdoppelter, Gespaltener (Identitätsverlust); Fiktion als Science-Fiction oder Phantastik (Gespenster); Wiederholungszwänge und Ritualisierung anstelle der Gedächtnisblindheit; Beschreibung körperlicher Signale (Panikattacke, Schlaflosigkeit, Agitiertheit etc.); Einnahme fremder und ferner Perspektiven (nah-fern und makro-mikro Thematik, Positionierung im All); Bildlichkeit vs. Sprachlichkeit; enzyklopädisches Erzählen und Intertextualität (vgl. Bronfen et al., 1999).

2. ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN

2.1. DAS ANTHROPOLOGISCHE ATTRIBUT

1975 erschien in Ungarn, nachdem das Werk von Verlagen zuerst abgelehnt worden war, der Roman Sorstalansag des ungarisch-jüdischen Autors Imre Kertész. In der Folge wurde das Werk in seinem Heimatland über Jahre hinweg totgeschwiegen, noch 2002, im Jahr seiner höchsten Anerkennung durch den Nobelpreis für Literatur, waren Kertész’ Bücher in Budapester Buchhandlungen kaum zu bekommen. Seine internationale Beachtung fand das Werk über den Weg nach Deutschland, wo es 1990 unter dem Titel Mensch ohne Schicksal erstmals erschien, ab 1996 als Roman eines Schicksallosen.

Imre Kertész wurde am 9. November 1929 in einer einfachen assimilierten jüdischen Familie in Budapest geboren, 1934 liessen sich seine Eltern scheiden und er wuchs bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr, dem Zeitpunkt seiner Verschleppung ins KZ, im Knabeninternat und abwechslungsweise bei seinem Vater und dessen zweiten Ehefrau und seiner Mutter auf. Bald nach seinem Vater wurde auch Kertész zusammen mit vielen anderen Jugendlichen und älteren ungarischen Bürgern 1944 zuerst nach Auschwitz und später ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Im Juli 1945 kehrte er nur knapp dem Tod entronnen in ein inzwischen kommunistisch-totalitäres Budapest zurück, holte das Abitur nach und arbeitete in der Folge als Übersetzer (u.a. von Nietzsche, Freud und Wittgenstein), Journalist und Autor für Radio, Theater und Zeitung.

Der Roman eines Schicksallosen ist das Ergebnis seiner Zeugenschaft als deportiertes jüdisches Kind während dem Dritten Reich. Der Rolle des überlebten Zeitzeugen verweigert sich Kertész allerdings, indem er seine Erinnerungen literarisiert und sich dadurch gegen jegliche Versuche der Aneignung sperrt, weil diese die verwertende Trennung von Erlebendem und Schreibendem, von Faktum und Stil, Person und Kultur, ‚Einzelschicksal’ und kollektiver Verantwortung nicht zulässt (Ackermann, 2005). Er will seinen Roman nicht autobiographisch verstanden wissen: „Das Autobiographischste in meiner Biographie ist, dass es in ‚Schicksallosigkeit’ nichts Autobiographisches gibt. Autobiographisch ist, wie ich darin um der grossen Wahrhaftigkeit willen alles Autobiographische weggelassen habe. Und wie aus diesem erkämpften Individualitätsmangel am Ende doch ein Sieg und der Inbegriff des in seiner Partikularität stummen Individuums hervorgeht.“ (vgl. Galeerentagebuch, S. 185)

Es wäre jedoch ein Irrtum anzunehmen, es handle sich bei diesem Text um fiktionalisierte Autobiographie, vielmehr will die Geschichte als literarisiertes Ereignis im Zeichen grösstmöglicher Wahrhaftigkeit gelesen werden. Kertész’ Postulat, ‚Auschwitz’ sei „ausschliesslich als Literatur vorstellbar“ (Galeerentagebuch, S. 253) bedeutet auch, dass sich die erlebte Extremerfahrung nur durch bewusste Stilarbeit und decouvrierende Wahrnehmung vermitteln lässt. Das heisst, statt das traumatisierende Ereignis darzustellen, verwandelt sich der Text an, was er darstellen will: Die (erlebte totalitäre Struktur) die äussere Struktur, wird zur ästhetischen Struktur und die gesellschaftlichen Gesetze (und Umgangsformen) werden zu Gesetzen der Romantechnik. (vgl. Galeerentagebuch, S. 27)

Der Roman eines Schicksallosen wagt eine neue, nicht selten als unangenehm oder gar unannehmbar empfundene Perspektive auf das, was gemeinhin unter dem Begriff Holocaust verstanden wird. Der Holocaust wird entmythologisiert, er wird als die Folge der modernen Welt gezeichnet, Opfer und Täter sind normale Menschen, das Verbrechen ein anthropologisches Attribut. Auf diese Weise verstösst der Roman gegen die Normen der Vergangenheitsbewältigung, sie ist nicht jüdisch, nicht ungarisch und nicht antideutsch genug. „Imre Kertész stellt die Frage um die Schuld an Auschwitz als universelles Problem dar, als ein Problem des totalitären 20. Jahrhunderts und der modernen Welt ganz allgemein.“ (Helga Leiprecht im Editorial des ‚du 757’).

2.2. ROMAN UEBERSICHT

Die Eltern von György Köves sind seit langem geschieden, sein Vater hat das Sorgerecht für ihn und seine Mutter darf ihn nur zu festgelegten Zeiten sehen. Sechs Wochen nachdem er sich in Budapest im Kreis von Verwandten und Freunden von seinem Vater verabschiedet hat, weil dieser ins Arbeitslager einberufen worden war, wird der vierzehnjährige György gezwungen, das Gymnasium zu verlassen und als Hilfsarbeiter beim Wiederaufbau einer von Bomben zerstörten, kriegswichtigen Fabrik zu arbeiten. Dieser Einsatz dauert jedoch nur kurze Zeit, eines Morgens wird er zusammen mit den andern Zwangsarbeitern, von denen viele in seinem Alter sind, auf dem Weg zur Fabrik aus dem Bus geholt und muss, ab sofort abgeschnitten von der Möglichkeit mit jemandem seiner Familie Kontakt aufzunehmen, tagelang mit Tausenden andern auf seinen Abtransport nach Auschwitz warten.

In einem der Viehwaggons, die mit je sechzig Menschen gepfercht werden, kommt er nach einer mehrtägigen Fahrt ohne Wasser in Auschwitz-Birkenau an, wo er sich verwundert fragt, was die vielen Sträflinge in den gestreiften Anzügen wohl verbrochen hatten, noch ahnt er nicht, dass es sich um Seinesgleichen handelt.

Bei der Selektion durch die SS gibt er sich als Sechzehnjähriger aus und wird in die Gruppe der Brauchbaren eingeteilt, während alle Kinder unter sechzehn, alte Leute, Kranke und Schwache in die andere Gruppe und dadurch zum anschliessenden Tod verurteilt werden, was György zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht weiss. Wie alle andern muss der Knabe alles, was er am Körper trägt abgeben und es werden ihm sämtliche Körperhaare abrasiert.

Schritt für Schritt wird György Köves in die Abgründe der Konzentrationslager geführt, er erkennt allmählich, worum es hier geht, was hier tatsächlich geschieht, z.B. dass der Qualm der Schornsteine nicht nur von Toten stammt, die kremiert werden, sondern, dass dort auch seine Reisegefährten aus der Eisenbahn verbrennen. (S. 139) Nach einer Umsiedlung nach Buchenwald und von hier aus nach Zeitz, wo er zu Schwerarbeit eingeteilt wird, und wo er wieder über die Gründlichkeit und Effizienz in Sachen Ordnung und Organisation der Deutschen staunt, wird György völlig geschwächt und erschöpft und wegen einer schweren Entzündung im Knie als arbeitsunfähiger Kranker nach Buchenwald zurückgebracht und lernt, dass es sich beim Begriff ‚sterbliche Überreste’ nicht nur um Verstorbene handelt, er fühlt die Zersetzung seines Körpers durch Aushungerung, Kälte und Infektionen, durch eitrige Hautschwären, an denen sich Parasiten laben, und macht sich nur noch Gedanken über die bevorstehende Todesart, ob durch Gas, durch eine Kugel, mit Medikamenten oder anderswie. Dabei klammert er sich an die Hoffnung, es möge nicht weh tun, wie an eine ‚wirklichere Hoffnung – um es so zu sagen – die man an die Zukunft knüpft.’ (S. 207)

Das Kriegsende rettet ihn im letzten Augenblick. György Köves kehrt nach Budapest zurück, wo in die Wohnung seines Vaters jemand anders eingezogen ist, seine Stiefmutter hat inzwischen den ehemaligen Buchhalter und neuen Inhaber der väterlichen Firma geheiratet, sein Vater hat das Lager nicht überlebt. Nach einem vorwurfsvollen Gespräch mit den alten Nachbarn, in dem György sie beschuldigt, nichts unternommen zu haben, macht er sich mangels Geld für die Fahrkarte für die Strassenbahn zu Fuss auf zu seiner Mutter, von der er erfahren hat, dass sie noch am Leben ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Zu: "Austerlitz" und der "Roman eines Schicksallosen"
Untertitel
Reflexionen über zwei bedeutende literarische Werke zum Holocaust
Hochschule
Universität Zürich  (Deutsches Seminar)
Note
max. Punktzahl
Autor
Jahr
2006
Seiten
42
Katalognummer
V70987
ISBN (eBook)
9783638626910
ISBN (Buch)
9783638674829
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Trauma, Geschichte und Gedächtnis anhand "Roman eines Schicksallosen" von Imre Kertész und "Austerlitz" von W.G. Sebald
Schlagworte
Austerlitz, Roman, Schicksallosen
Arbeit zitieren
Franziska Amsel Muheim (Autor), 2006, Zu: "Austerlitz" und der "Roman eines Schicksallosen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70987

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