Der Medienwechsel bei Literaturverfilmungen am Beispiel der Jahrestage von Uwe Johnson in der Umsetzung von Margarethe von Trotta


Seminararbeit, 2006
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Literaturverfilmung als Transformation

3 Das Filmprojekt Jahrestage

4 Kritik auf drei Ebenen

5 Medienwechsel
5.1 Reduktionen
5.2 Dominante Bilder
5.3 Die Einbindung des Zeitgeschehens
5.4 Die Umsetzung der Erzählstruktur

6 Zusammenfassung

7 Literaturangaben:
7.1 Primärliteratur:
7.2 Sekundärliteratur:
7.3 Internetquellen:
7.4 Filmmaterial:

1 Einleitung

Auf die Frage, ob er gerne einmal das Medium Film für seine Arbeit nutzen wolle, antwortete Uwe Johnson wie folgt: „ Recht ungern, da ich von meinen Personen, so erfunden sie auch sein mögen, sehr genaue Vorstellungen habe, und es mir unbe- haglich wäre, wenn ich dieses Bild jetzt plötzlich wieder finden müßte in der Gestik, in der Mimik, in der Bewegungsart, überhaupt im Gesicht eines Schauspielers, an den ich ja nicht gedacht habe, als ich die Person erfand. Der Film setzt für den Autor eine Art Verwechselbarkeit der Personen voraus, und dazu ist mein Verhältnis zu ihnen, nun sagen wir, zu intim“1. Selbst wenn diese Haltung Johnsons zur Umset- zung seiner Werke im Medium Film nicht berücksichtigt wird, scheint es zunächst undenkbar einen Roman wie die Jahrestage adäquat zu verfilmen.

Die vorliegende Hausarbeit möchte sich mit der Verfilmung der Jahrestage durch Margarethe von Trotta beschäftigen und herausarbeiten, wie der Medienwechsel von der literarischen Vorlage in das Medium Film bewältigt wurde. Dabei soll nicht die Person Margarethe von Trotta oder die Tatsache, dass sie sich in ihren Filmen mit Vorliebe „Frauenschicksalen“ widmet, der Ausgangspunkt der Analyse sein. Eine kritische Betrachtung der Jahrestage-Verfilmung auf drei Ebenen soll vielmehr si- cherstellen, dass die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen einer Literaturverfilmung, differenziert betrachtet werden können: als Fernsehproduktion, als Filmkunst und als Literaturadaption.

Dabei soll zuerst die generelle Problematik, bzw. einige theoretische Aspekte zum Thema Literaturverfilmung erläutert werden, um auf diesem Hintergrund zu beleuchten, dass eine Verfilmung der Jahrestage noch zusätzliche Herausforderungen für die Drehbuchautoren und die Regie birgt.

Das Hauptaugenmerk der Arbeit soll, nach dieser kurzen theoretischen Einführung und einem kleinen Abriss über die Produktionsumstände, dem Medienwechsel der Jahrestage-Verfilmung gelten, der an Hand einiger Beispiele erklärt und bewertet wird. Margarethe von Trotta hat - das Zielpublikum klar vor Augen - trotzdem versucht, auch den Johnson-Kenner durch Doppelkodierungen zu unterhalten und vor allen Dingen einige wichtige Leitmotive des Romans so aufrecht zu erhalten. Eine Analyse der Romanvorlage wird nur angefügt, soweit es für die Verständlichkeit der Transformationsanalyse notwendig ist.

2 Die Literaturverfilmung als Transformation

Versteht man Literaturverfilmungen - wie zum größten Teil in der Forschungsliteratur definiert - als „Umsetzung einer literarischen Vorlage in filmische Bilder, bei der inten- tionale Analogien zum literarischen Text feststellbar sind, die es verbieten, die litera- rische Vorlage als puren Stofflieferanten zu bestimmen“2, so muss während des Pro- zesses der Verfilmung eine mediale Transformation stattfinden. Die literarische Vor- lage kann analog umgesetzt werden, d. h. weitgehend ohne Ergänzung oder Modifi- zierung des Stoffes und in struktureller Entsprechung, oder eigenständig, d. h. in größerer Autonomie zur literarischen Vorlage3. Dabei liegt es an den Drehbuchauto- ren und dem Regisseur, sich unter anderem zu überlegen, in wie weit sie den literari- schen Text dramaturgisch in angemessener Weise umstrukturieren, ob beispielswei- se Handlungsteile wegfallen oder in zeitlich veränderter Reihenfolge erzählt werden müssen, welche Erzählperspektive gewählt werden sollte und in welcher Weise der Erzählvorgang analog zur Vorlage gestaltet und thematisiert wird, was bedeutet, dass nicht nur das erzählte Geschehen, sondern auch das Erzählgeschehen trans- formiert werden kann. Darüber hinaus muss auch die Figurenkonzeption aus der Li- teratur in den Film übertragen werden: das beginnt mit der „richtigen“ Besetzung, läuft weiter mit der adäquaten Bekleidung und Maske bis hin zur darstellerischen Umsetzung der Figur4. Während in der Literatur die Merkmale einer Figur sukzessiv und selektiv entfaltet werden können und dem Leser Leerstellen vorbehalten bleiben, muss im Film der Charakter der Figur schon alleine durch Alter, Statur, Stimme und Physiognomie des Schauspielers vom ersten Moment an präsent werden5. Bereits an dieser Stelle wird also deutlich, dass alle Entscheidungen der Filmemacher be- züglich der Umsetzung der literarischen Vorlage immer schon eine Interpretation6 derselben darstellen - ähnlich einer Theaterinszenierung -, dass eine Literaturverfil- mung also niemals das Buch ersetzen, sondern lediglich eine Lesart des Buches mit den Eigentümlichkeiten des jeweils anderen Medium anbieten kann7. Das bedeutet, eine Literaturverfilmung kann durchaus zu einer neuen, aus anderen Blickrichtungen betriebenen Lektüre führen und sie kann ebenfalls das literarische Werk mit der Ge- genwart verknüpfen, d. h. literarische Tradition mit gestalterischer Innovation verbin- den. Zusätzlich sei darauf hingewiesen, dass Literatur und Film eigenständige künst- lerische Formen8 sind, die auf produktions- und rezeptionsästhetischer Ebene unter- schiedlich funktionieren. Das kann mit sich bringen, dass zur Erreichung bestimmter Effekte beim Zuschauer, bzw. Leser, unterschiedliche Wege gegangen werden müs- sen, so zum Beispiel bei der dramaturgischen Konzeption der Handlung. Die Dreh- buchautoren müssen sich bei der Lektüre des Textes also überlegen, wie dieser auf den Leser wirkt und mit welchen Mitteln sie diese Wirkung in das andere Medium übertragen können9.

Eine weitere Entscheidung bei der stilistischen Konzeption einer Literaturverfilmung gilt der Wahl des Filmmaterials, besonders hervorzuheben ist hierbei die Farbge- bung. Bei der Wahl von Schwarzweißmaterial wird z. B. die ästhetische Präferenz oder die bewusst historisierende Absicht hervorgehoben. In diesem Zusammenhang sei kurz erwähnt, dass die Jahrestage-Verfilmung bewusst nicht in Schwarzweiß ge- dreht wurde, obwohl diese Technik zum Zeitpunkt der Geschehnisse auf der Gegen- wartsebene die aktuellste gewesen wäre. Man hat sich stattdessen dazu entschie- den, einen leichten Grauschleier über die New York-Szenen zu legen. Auch die Ver- gangenheitsebene wurde nicht Schwarzweiß konzipiert, was eigentlich die logische Konsequenz zur deutlichen Abgrenzung zur Gegenwartsebene wäre.

Doch gerade diese Trennung wollte man nicht zu deutlich zeigen, um zu betonen, dass Vergangenheit und Gegenwart ein Netz bilden und die Vergangenheit eben nicht abgeschlossen ist, sondern die Gegenwart bestimmt.

Die Analyse von Literaturverfilmungen an Hand der eben beschriebenen Theorieas- pekte zielt darauf ab, genau bestimmen zu können, was mit dem literarischen Text bei der Transformation geschieht und somit auch, ob die Umsetzung in das andere Medium plausibel ist und dem Text gerecht wird. Das Schwierige dabei ist, dass die Transformation von einem Medium in das andere hier nicht als Art Übersetzung von einer Sprache in die andere verstanden werden kann, da die zur Schriftsprache pas- sende Filmsprache oft noch nicht klar definiert ist und in einem künstlerischen Pro- zess während der Umsetzung erst erfunden werden muss10. So müssen Wortspiele, Zitattechniken, das Infragestellen der Erzählperspektive und andere literarische Mittel in einer Filmsprache umgesetzt werden.

„Der Film wird sich in dem Maß auf die moderne Literatur zubewegen, indem es ihm gelingt, Wirklichkeit zu verfremden, und zwar durch […] eine sichtbar werdende Reflexion auf seinen Vermittlungscharakter und seine Vermittlungstechniken.“11, z. B. durch sprachliche, d. h. literarisierende Mittel. Diese lassen sich bei der JahrestageVerfilmung beispielsweise bei der Erzählerstimme im Off beobachten, die den Text der literarischen Vorlage als beinahe wortwörtliches „Zitat“ präsentiert und somit die Verbindung zur literarischen Vorlage hervorhebt, oder aber bei den (wenigen) Textinserts, z. B. den Zeitungsausschnitten der New York Times.

[...]


1 Fahlke, Eberhard (Hg.): "Ich überlege mir die Geschichte". Uwe Johnson im Gespräch. Frankfurt/Main 1988. S. 280.

2 Schneider, Irmela: Der verwandelte Text. Wege zu einer Theorie der Literaturverfilmung. Tübingen 1981. S. 119. Irmela Schneider unterscheidet bei der Transformation von Buch zu Film zwischen sprachlich-spezifischen Codes, die für die Filmadaption umgeformt werden müssen, und nicht-sprachlich-spezifischen Codes, die litera- rischen und filmischen Texten gemeinsam sind. D. h. es gibt durchaus Elemente, die direkt aus dem Text über- nommen werden können. Zusätzlich trifft sie die Klassifizierung in variante, d. h. austauschbare, und invariante Glieder, die den Handlungsablauf determinieren und deshalb auch im Film gegeben sein müssen.

3 Mundt, Michaela: Transformationsanalyse. Methodologische Probleme der Literaturverfilmung. Tübingen 1994. S. 66.

4 Mundt: Transformationsanalyse. S. 52-55.

5 Die oft vertretene Meinung, der Film liefere solche Leerstellen nicht, scheint mir nicht ganz zutreffend. Während der Rezipient in der literarischen Vorlage das Bild „in seinem Kopf“ ergänzen muss, muss der Zuschauer beim Film den Begriff, der durch das Bild transportiert werden soll, ergänzen. D. h. es laufen andere produktive Vorgänge als beim Lesen ab, z. B. wenn die Komposition von Szenen vom Zuschauer mit Sinn versehen und in ihrer Bedeutung entschlüsselt werden muss.

6 Kreuzer, Helmut: Arten der Literaturadaption. In: Gast, Wolfgang: Literaturverfilmung. Bamberg 1993. S. 27/28. Vgl. auch Mundt: Transformationsanalyse. S. 8.

7 Jakobs, Silke/ van Laak, Lothar: „Wir essen ihn erstmal auf.“. Ästhetisch-religiöse Präsentativität in Margarethe von Trottas Jahrestage-Verfilmung. In: Fries, Ulrich/ Helbig, Holger/ Müller, Irmgard (Hrsg.): JohnsonJahrbuch. Band 10. Göttingen 2003. S. 178/79, 199.

8 Mit Rudolf Arnheims Schrift Film als Kunst (1932) wurde die Möglichkeit des Films, Kunst zu sein, erstmals plausibel hervorgehoben und trat in Opposition zur bis dahin vorherrschenden Meinung, der Film hätte keine künstlerischen Qualitäten (z. B. Mann, Thomas: Über den Film (1928). In: ders.: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden. Band 10. Reden und Aufsätze 2. Frankfurt am Main 1974. S. 898-901.).

9 Kreuzer: Arten der Literaturadaption. S. 28.

10 Hurst, Matthias: Erzählsituationen in Literatur und Film. Ein Modell zur vergleichenden Analyse von literarischen Texten und filmischen Adaptionen. Tübingen 1996. S. 77/78.

11 Meixner, Horst: Filmische Literatur und literarisierter Film. Ein Mannheimer Projekt zur Medienästhetik. In: Kreuzer, Helmut (Hg.): Literaturwissenschaft - Medienwissenschaft. Heidelberg 1977. S. 32-43. S. 34.

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Details

Titel
Der Medienwechsel bei Literaturverfilmungen am Beispiel der Jahrestage von Uwe Johnson in der Umsetzung von Margarethe von Trotta
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V71002
ISBN (eBook)
9783638627030
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medienwechsel, Literaturverfilmungen, Beispiel, Jahrestage, Johnson, Umsetzung, Margarethe, Trotta
Arbeit zitieren
B.A. Yvonne Hoock (Autor), 2006, Der Medienwechsel bei Literaturverfilmungen am Beispiel der Jahrestage von Uwe Johnson in der Umsetzung von Margarethe von Trotta, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71002

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