Kritische Meinungen über Erziehungstheorien und Erziehungspraktiken gab es schon immer. Es wird sie auch immer geben und das ist auch gut so. Durch die Kritik wird Erziehung immer wieder neu betrachtet und gewertet und ist somit gezwungen sich umzugestalten.
Pädagogen streiten sich seit der Begründung der Pädagogik als Wissenschaft um Zielsetzung, Methoden und Formen/Stile von Erziehung. Die Unstimmigkeiten beziehen sich dabei sowohl auf Theorien, als auch auf die Erziehungspraxis. Ziel der Bemühungen ist es, eine ständige Verbesserung der Erziehung zu erreichen. Trotz der Streitigkeiten steht jedoch fest, dass Kinder und Jugendliche erzogen werden müssen.
In den 70er Jahren entstand jedoch die Antipädagogik, eine Bewegung, die sich nicht mehr für eine Veränderung der Erziehung einsetzte, sondern die totale Aufhebung und Abschaffung von Erziehung forderte.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Strömung „Antipädagogik“. Sie geht auf verschiedene Positionen ein, befasst sich aber auch mit der Kritik an diesen.
Zu Beginn meiner Ausführungen werde ich kurz auf den Erziehungsbegriff und auf verschiedene Erziehungsstile eingehen. Dies soll die Grundlage für die Auseinandersetzung mit der Antipädagogik sein.
Im nächsten Punkt werde ich eine Definition von Antipädagogik geben und auf Geschichte und Ursprung eingehen. Ich möchte dann kurz die antipädagogische und die pädagogische Grundposition zur Erziehung nennen. Danach werde ich das pädagogische, sowie das antipädagogische Menschenbild erläutern. Im nächsten Abschnitt sollen die Positionen einflußreicher Vertreter der Antipädagogik etwas ausführlicher herausgearbeitet werden. Zu diesen Überzeugungen werden dann die Pädagogen ihre Meinung darlegen. Anschließend wird das Pädagogische an der Antipädagogik erörtert und es stellt sich die Frage, ob es lohnenswert ist, sich mit der Antipädagogik auseinanderzusetzen. Im letzten Teil möchte ich meine persönliche Meinung zu dem Thema äußern.
Die antipädagogische Seite wird von EKKEHARD VON BRAUNMÜHL, ALICE MILLER und HUBERTUS VON SCHOENEBECK vertreten. Vertreter der Pädagogen sind ANDREAS FLITNER, JÜRGEN OELKERS und THOMAS LEHMANN.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Erziehung – Was heißt das?
2. Antipädagogik – Ursprung und Verlauf
2.1. Definition des Begriffes Antipädagogik
2.2. Geschichte der Antipädagogik
2.3. Ursprung der Antipädagogik: ROUSSEAU
3. Positionen zur Erziehung
3.1. Die antipädagogische Grundposition
3.2. Die pädagogische Einstellung
4. Unterschiede in der Menschenbildauffassung
4.1. Das Menschenbild der Pädagogik
4.2. Das Menschenbild der Antipädagogik
4.3. Kritik am antipädagogischen Menschenbild
5. Die antipädagogische Einstellung
5.1. Position von EKKEHARD v. BRAUNMÜHL
5.2. Position von ALICE MILLER
5.3. Position von HUBERTUS v. SCHOENEBECK
6. Kritik der Pädagogen
6.1. ANDREAS FLITNER: Mut zur Erziehung
6.2. OELKERS/ LEHMANN: Müssen wir erziehen?
7. Das Pädagogische an der Antipädagogik
8. Lohnt sich die Auseinandersetzung mit der Antipädagogik?
9. Abschließende Bemerkungen
10. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der Strömung der „Antipädagogik“ auseinander, untersucht deren theoretische Grundlagen, zentrale Positionen sowie die daraus resultierende Kritik der klassischen Pädagogik, um die Sinnhaftigkeit einer solchen Bewegung für das heutige Erziehungsverständnis zu bewerten.
- Grundlagen des Erziehungsbegriffs und der Erziehungsstile
- Geschichte und Entwicklung der Antipädagogik
- Gegenüberstellung pädagogischer und antipädagogischer Menschenbilder
- Detaillierte Analyse der Thesen einflussreicher Vertreter beider Strömungen
- Kritische Reflexion über die Notwendigkeit und Möglichkeiten von Erziehung
Auszug aus dem Buch
5.1. Position von EKKEHARD v. BRAUNMÜHL
Für BRAUNMÜHL stellt jeder pädagogische Umgang mit Kindern eine Herrschaft über diese dar. Erziehen bedeutet Macht über Kinder ausüben. Dies wurde auch schon in der Pädagogik erkannt. So schreibt z.B. der Pädagoge HERMANN GIESECKE: „Erziehung impliziert immer ein Gewaltverhältnis von Menschen über Menschen, in der Regel ein Gewaltverhältnis der Erwachsenen bzw. bestimmter Erwachsener (Eltern, Lehrer) über Kinder und Jugendliche“ (GIESECKE 1970, S.68, zit. n.: BRAUNMÜHL 1991, S.72). Und auch GROOTHOFF bestätigt: „Erziehung ist immer auch so etwas wie eine Herrschaftsausübung“ (GROOTHOFF 1974, S.196, zit. n.: BRAUNMÜHL 1991, S.72). BRAUNMÜHL fragt daher, wie die Pädagogik trotz dieser eindeutigen Aussagen dennoch Erziehung rechtfertige (vgl. BRAUNMÜHL 1991, S.72). Er sieht die Rechtfertigung der Erziehung von Seiten der Pädagogen durch zweierlei begründet.
Zum ersten sind Pädagogen der Meinung, man müsse Kinder auf die Zukunft hin erziehen. D.h. Erzieher denken, daß sie ihre Kinder durch Erziehung auf die Zukunft vorbereiten müssen (vgl. ebd., S.8). BRAUNMÜHL glaubt aber, daß dies nicht mehr zu tragen sei. Er beruft sich dabei auf die Anthropologin MARGARET MEAD, die drei Kulturformen untersuchte: 1. Die postfigurative Kultur besteht dadurch, daß die jeweils ältere Generation ihre Erwartungen der jeweils jüngeren Generation einprägt (vgl. MEAD 1974, S.27, zit. n.: BRAUNMÜHL 1991, S.8). 2. In der kofigurativen Kultur richten die „Mitglieder der Gesellschaft ihr Verhalten nach dem Vorbild der Zeitgenossen“ aus (MEAD 1974, S.52, zit. n.: BRAUNMÜHL 1991, S.8). 3. Die präfigurative Kultur meint, daß die Zukunft heutzutage so unbekannt ist, daß man auf die kindliche Entwicklung nicht mehr durch Erziehung vorgreifen kann (vgl. MEAD 1974, S.80, zit. n.: BRAUNMÜHL 1991, S.8).
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Wandlung des Erziehungsbegriffs und führt in die radikale Forderung der Antipädagogik nach einer Abschaffung von Erziehung ein.
1. Erziehung – Was heißt das?: Dieses Kapitel differenziert verschiedene Bilder und Definitionen von Erziehung, um ein Fundament für die anschließende kritische Auseinandersetzung zu schaffen.
2. Antipädagogik – Ursprung und Verlauf: Hier werden die geschichtlichen Wurzeln, die Entstehung der Bewegung in den 70er Jahren und der Rückbezug auf ROUSSEAU historisch verortet.
3. Positionen zur Erziehung: Die Gegenüberstellung der antipädagogischen Grundhaltung zur herrschaftsfreien Interaktion und der pädagogischen Einstellung zur Verantwortung der Erwachsenen bildet den Kern dieses Abschnitts.
4. Unterschiede in der Menschenbildauffassung: Das Kapitel arbeitet die konträren Menschenbilder heraus: Während die Pädagogik eine Für-dich-Verantwortung postuliert, setzt die Antipädagogik auf die Selbstbestimmung des Kindes von Geburt an.
5. Die antipädagogische Einstellung: Detaillierte Darstellung der Positionen zentraler Exponenten wie BRAUNMÜHL, MILLER und SCHOENEBECK bezüglich Machtausübung, Manipulation und Kinderrechten.
6. Kritik der Pädagogen: Die pädagogische Erwiderung von Vertretern wie FLITNER und OELKERS/LEHMANN, die die antipädagogischen Konzepte als vereinfacht und theoretisch unzureichend entlarven.
7. Das Pädagogische an der Antipädagogik: Eine Analyse zeigt auf, dass antipädagogische Ansätze oft auf traditionelle pädagogische Denkformen zurückgreifen, diese jedoch in eine neue, fachlich unklare Sprache übersetzen.
8. Lohnt sich die Auseinandersetzung mit der Antipädagogik?: Fazit der Autoren zur Sinnhaftigkeit einer Diskussion, die zwar keine alltagstauglichen Lösungen bietet, aber das Überdenken pädagogischer Traditionen erzwingt.
9. Abschließende Bemerkungen: Zusammenfassende persönliche Reflektion der Autorin über die Notwendigkeit von Erziehung trotz berechtigter Impulse der Antipädagogik zu mehr Vertrauen und Freiheit.
10. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen.
Schlüsselwörter
Antipädagogik, Erziehung, Fremdbestimmung, Selbstbestimmung, Kinderrechte, Pädagogik, Machtverhältnis, Freiheit, Sozialisation, Erziehungsstil, Menschenbild, Erziehungskritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Strömung der Antipädagogik, die Erziehung als ein illegitimes Machtinstrument gegenüber Kindern ablehnt, und stellt sie der klassischen Pädagogik gegenüber.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit behandelt die Definition von Erziehung, die Menschenbildauffassungen beider Seiten, die Rolle der Kinderrechte und die Frage der Notwendigkeit von Erziehung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Positionen der Antipädagogik kritisch zu beleuchten und zu klären, ob eine Auseinandersetzung mit dieser radikalen Erziehungskritik für die heutige Praxis lohnenswert ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse, in der sie die theoretischen Schriften bedeutender Vertreter der Antipädagogik und der Pädagogik gegenüberstellt und argumentativ prüft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition des Begriffs, die Vorstellung der antipädagogischen Positionen, die Kontroverse um die Menschenbilder sowie die ausführliche Widerlegung durch pädagogische Theoretiker.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Antipädagogik, Selbstbestimmung, Erziehungskritik, Machtverhältnisse, Kinderrechte und das Menschenbild.
Wie bewertet die Autorin die Forderung nach der Abschaffung der Schulpflicht?
Die Autorin hält die Forderung nach einer "Angebotsschule" für problematisch, da sie soziale Ungleichheiten verschärfen würde und schulisches Lernen institutionell organisiert bleiben sollte.
Was unterscheidet den pädagogischen vom antipädagogischen Blick auf das Kind?
Die Pädagogik betont die Notwendigkeit der Führung und Verantwortung ("Für-dich-Verantwortung"), während die Antipädagogik das Kind als von Geburt an fähig zur Selbstbestimmung sieht.
- Arbeit zitieren
- Magdalena Wendt (Autor:in), 1999, Antipädagogik. Positionen und Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71153