Sprache (1774)
„Vieles hab ich versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen,
Öl gemalt, in Ton hab ich auch manches gedrückt,
Unbeständig jedoch, und nichts gelernt noch geleistet;
Nur ein einzig Talent bracht ich der Meisterschaft nah;
Deutsch zu schreiben. Und so verderb ich unglücklicher Dichter
In dem schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.“
Es ist bekannt, dass Johann Wolfgang von Goethe, wie dieses Zitat aus den ‚Venezianischen Epigrammen’ deutlich zeigt, zeitweise über die Mängel der deutschen Sprache seufzte. Diese Klagen beginnen in der Zeit, in der Goethe versucht mit dem italienischen Singspiel zu wetteifern, und eine Zeitlang ist sein Unmut so groß, dass er behauptet er würde lieber in der italienischen als in seiner eigenen Sprache dichten.
Arthur Hübner nennt die Sprache des Dichters einen kostbaren Wertstoff, und vergleicht sie mit dem Stein des Bildhauers. Dieses Bild zeigt meiner Meinung nach sehr deutlich, dass es Aufgabe des Dichters ist, sein „Material“, d.h. die Sprache, zu bearbeiten und so zu gestalten, dass es ihm möglich wird durch sie das auszudrücken, was er auszudrücken wünscht. Dadurch dass Johann Wolfgang von Goethe stets versucht, sein „Material“ zu bearbeiten, überwindet er die Schwierigkeiten, die ihm seine Muttersprache bereitet, es gelingt ihm, seinem Ausdruck Schärfe und Bestimmtheit zu verleihen.
Diese Arbeit des Dichters an seinem „Material“, führt dazu dass Goethe eine sehr bedeutende Rolle in der Entwicklung der deutschen Sprache übernimmt, insbesondere in der Festigung der nationalen Literatursprache.
Inhaltsverzeichnis
I. Goethe und die deutsche Sprache
II. Wortbildungen in Johann Wolfgang von Goethes „Faust“
1 Wortbildungen des jungen Goethe
a) Substantivbildung
b) Adjektivbildung
c) Bildung von Verben
2. Wortbildungen des klassischen Goethe
a) Substantiv- und Adjektivbildung nach dem Muster der antiken Sprachen
b) Bildungen von Verben
3. Wortbildungen des alten Goethe
a) Verbbildung durch Präfigierung
b) Adjektivbildung durch Suffigierung
c) Goethes Streben nach größtmöglicher Kürze im Ausdruck
III. Goethes Einfluss auf den deutschen Wortschatz
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wortbildungsprozesse in Johann Wolfgang von Goethes Faust-Drama, um anhand dieses zentralen Lebenswerkes die sprachliche Entwicklung des Dichters sowie seine Methoden der Wortneuschöpfung nachzuvollziehen. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie Goethe durch morphologische Innovationen und affektbetonte Sprachgestaltung seinen Ausdruck prägte.
- Analyse der sprachlichen Entwicklung Goethes von der Sturm-und-Drang-Zeit bis zum Alterswerk.
- Untersuchung verschiedener Wortbildungstypen wie Substantiv-, Adjektiv- und Verbbildungen.
- Erforschung der Rolle von Affixen und Präfigierungen zur Intensivierung des Ausdrucks.
- Betrachtung von Goethes Streben nach Kürze, Bildhaftigkeit und Dynamik in der Sprache.
- Einordnung von Goethes Einfluss auf die deutsche Literatursprache im Kontext der Sprachgeschichte.
Auszug aus dem Buch
3. Wortbildungen des alten Goethe
Die bereits erwähnten Einwirkungen der Antike reichen bis weit in die Alterszeit des Dichters hinein, aber hier sind diese Bildungen nicht mehr entscheidend. Sie sind nun nicht mehr die einzigen charakteristischen Einwirkungen, denn in Goethes Altersstil lässt sich auch ein Zurückgreifen auf den Sprachgebrauch früherer Zeiten beobachten. Friedrich Maurer hebt sehr treffend hervor, dass Goethes Alterssprache gewissermaßen ein Zusammenfassen, ein Zusammenfließen der Anschauungen der früheren Epochen darstellt. So tritt in Goethes Alterssprache z.B. wieder eine gewisse Vorliebe für gefühlsbetonte Wortbildungen hervor.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Goethe und die deutsche Sprache: Dieses Kapitel erläutert Goethes ambivalentes Verhältnis zu seiner Muttersprache und seine Bestrebungen, durch die Arbeit am Sprachmaterial die deutsche Literatursprache maßgeblich mitzugestalten.
II. Wortbildungen in Johann Wolfgang von Goethes „Faust“: Hier erfolgt eine detaillierte Untersuchung der Wortneubildungen des Dichters, unterteilt in die Schaffensperioden des jungen, des klassischen und des alten Goethe.
1 Wortbildungen des jungen Goethe: Das Kapitel beleuchtet den Einfluss der Geniesprache und der Stürmer-Bewegung auf die Wortbildung, insbesondere durch affektbetonte Suffixe und die Verbalisierung der Sprache.
a) Substantivbildung: Der Fokus liegt auf der Vorliebe für Diminutivsuffixe wie „-chen“ und „-lein“, die der Sprache eine gefühlsmäßige Nebenbedeutung verleihen.
b) Adjektivbildung: Untersuchung der zusammengesetzten Adjektive und Partizipien, die dem Text eine dynamische und gesteigerte Ausdruckskraft verleihen.
c) Bildung von Verben: Analyse der Bevorzugung von Verben gegenüber Substantiven und Adjektiven, um Handlung und Bewegung in der Sprache zu betonen.
2. Wortbildungen des klassischen Goethe: Dieses Kapitel beschreibt den Übergang zu einem neuen Stilideal nach der Italienreise, das von Maßen, Ruhe und Anlehnung an antike Sprachmuster geprägt ist.
a) Substantiv- und Adjektivbildung nach dem Muster der antiken Sprachen: Darstellung, wie Goethe Präfixe wie „halb-“ oder „über-“ zur Abstufung und Strukturierung nach antikem Vorbild nutzt.
b) Bildungen von Verben: Erörterung der neuen, oft reflexiven Verbformen, die Aspekte des Entstehens oder plötzlicher Handlungen ausdrücken.
3. Wortbildungen des alten Goethe: Dieses Kapitel zeigt, wie im Alterswerk frühere Sprachansätze zusammenfließen und das Streben nach größtmöglicher Kürze zum zentralen Merkmal wird.
a) Verbbildung durch Präfigierung: Untersuchung von neuen, aktivierenden Verbneubildungen durch den gezielten Einsatz von Vorsilben.
b) Adjektivbildung durch Suffigierung: Analyse der Zunahme von Neubildungen mit den Suffixen „-haft“ und „-sam“ zur präzisen Charakterisierung.
c) Goethes Streben nach größtmöglicher Kürze im Ausdruck: Zusammenfassung der Techniken, durch die Goethe maximalen Inhalt in minimale Sprachkörper komprimiert.
III. Goethes Einfluss auf den deutschen Wortschatz: Das abschließende Kapitel reflektiert darüber, inwiefern Goethes Wortneuschöpfungen Eingang in die Gemeinsprache gefunden haben und wie sich seine Dichtersprache zur allgemeinen Schriftsprache verhält.
Schlüsselwörter
Goethe, Faust, Wortbildung, Sprachwissenschaft, Wortneubildungen, Komposita, Derivation, Sturm und Drang, Klassik, Alterswerk, Sprachschöpfung, Morphologie, Affixe, deutsche Literatursprache, Sprachwandel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die sprachwissenschaftlichen Besonderheiten in Goethes „Faust“ mit Fokus auf die morphologischen Wortbildungsprozesse des Dichters.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Entwicklung des Goetheschen Stils in drei Lebensphasen (jung, klassisch, alt) sowie die Analyse spezifischer Bildungsverfahren für Substantive, Adjektive und Verben.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Goethe durch individuelle Wortbildungen seine Sprache formte, um Ausdruckskraft, Dynamik oder Kürze zu erzielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Die Arbeit nutzt die philologische Textanalyse, bei der konkrete Textbeispiele aus dem „Faust“ unter sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten seziert und interpretiert werden.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil?
Der Hauptteil ist chronologisch gegliedert und analysiert systematisch die Wortbildungen des jungen, klassischen und alten Goethe unter Einbeziehung von Affixen, Komposita und Kurzformen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Wortbildung, Sprachneuschöpfung, Morphologie, Goethe, Faust und Literatursprache geprägt.
Warum spielt das Streben nach Kürze im Alterswerk eine so zentrale Rolle?
Für den späten Goethe wurde die „Kürze“ zum Zeichen der Kraft, um maximale inhaltliche Dichte bei minimalem Sprachaufwand zu erreichen, was zu einer hohen Frequenz an innovativen Komposita führte.
Welchen Einfluss hatte der junge Goethe auf die Sprache seiner Zeit?
Der junge Goethe wurde stark von der Stürmer-Bewegung beeinflusst und versuchte, die Sprache durch Gefühlsausdruck und Verbalisierung zu beleben, wobei er sich von rational-logischen Mustern distanzierte.
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- Sylvie Langehegermann (Autor), 2004, Wortbildungen in Johann Wolfgang von Goethes "Faust", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71193