'Zigeunerbilder' in Clemens Brentanos "Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter"


Seminararbeit, 2004

21 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
- ‘Zigeunerbilder’
- ‚Zigeunerbilder’ in der deutschen Literatur
- ‚Zigeunerbilder’ in Clemens Brentanos: „Die mehreren Wehmüller und die ungarischen Nationalgesichter“

Hauptteil
Michaly
* „zweiter Orpheus“
* „Naturpoesie“
Großmutter
Mitidika
- „exotisches, wildes Naturkind“
- „treue, bindungsscheue Liebende“
- „kühne, androgyne Anführerin in männlicher Kleidung“
- „Personifikation der Poesie

‚Zigeunermilieu’
* ‚Zigeunerhütte’
* Gewohnheiten der ‚Zigeuner’

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

- ‘Zigeunerbilder’

Auffallend bei dem Thema ‚Zigeuner’ ist die Tatsache, dass fast jeder der auf dieses Thema angesprochen wird, seine eigene Meinung, seine eigene Vorstellung dieser Menschen zu haben scheint. Fast jeder hat sich in seinem Kopf ein eigenes ‚Zigeunerbild’ gebildet, doch wenn man näher nachfragt, stellt sich heraus, dass meist keiner dieser Menschen jemals Kontakt zu den Sinti und Roma hatte. Aus dieser Feststellung lässt sich ohne weiteres schließen, dass unser (west-europäisches) ‚Zigeunerbild’ fast überhaupt nichts mit den eigentlichen ‚Zigeunern’, den Sinti und Roma, gemeinsam hat. Diese ‚Zigeunerbilder’ spiegeln nicht die Lebensverhältnisse der Sinti und Roma wieder, sie zeigen nichts von diesen Menschen, außer die Phantasien, Ängste und Wünsche, die von der Mehrheitsbevölkerung auf sie projiziert wurden. Somit handelt es sich bei den uns geläufigen ‚Zigeunerbildern’ nicht um Selbstbilder, sondern es sind allesamt Fremdbilder.1

Auch wenn die gängigen Bilder von den ‚Zigeunern’ nicht auf persönlichen Erfahrungen beruhen, so sind sie, wie Wilhelm Solms hervorhebt, aber auch nicht aus der Luft gegriffen, denn sie gehören zum kulturellen Erbe.2

- ‚Zigeunerbilder’ in der deutschen Literatur

Schon in der deutschen Literatur des 16. Jahrhunderts findet man Darstellungen von Zigeunern. Hier handelt es sich meist um sehr menschenverachtende Fremdbilder: der ‚Zigeuner’ wird als Prototyp des Landstreichers, Gauners und Diebs dargestellt.3

In der Zeit des Barock erscheinen nun die Schriften von H. Grellmann, der für lange Zeit ein sehr angesehener deutscher ‚Zigeunerforscher’ war. Grellmann wendet sich zwar gegen die Dämonisierung der ‚Zigeuner’ als Zauberer, Hexen und Teufel, aber dennoch rückt er das allgemeine Bild des ‚Zigeuners’ nicht in ein besseres Licht, denn er behauptet, die ‚Zigeuner’ seien von Natur aus „schlecht“ und „böse“. Er verbreitet über die ‚Zigeunerfrauen’, sie seien „zügellos“ und „wollüstig“ und sie würden Kinder rauben, um diese zu essen.4

Die berühmteste ‚Zigeunerszene’ des Sturm und Drang ist die nächtliche Waldszene in Goethes „Götz von Berlichingen“, wo die ‚Zigeunerinnen’ als dämonische Wesen dargestellt werden.5

Eine sehr bedeutende Gestalt in Bezug auf das ‚Zigeunerbild’ in der deutschen Literatur ist die Figur der Mignon in Goethes „Wilhelm Meister“, denn, obwohl Mignon selbst keine Zigeunerin ist, hat diese Figur eine Welle von Romanen, Erzählungen und Dramen über die „schöne ‚Zigeunerin’“ ausgelöst.6

Bei den Romantikern rückt nun die Figur des ‚Zigeuners’ und vor allem die der eben genannten „schönen ‚Zigeunerin’“ in den Mittelpunkt. Diese Figur tritt in vielen romantischen Werken als Titel- oder Hauptfigur auf, und lässt sich, wie Wilhelm Solms hervorhebt, als die „Muse der romantischen Poesie“ ansehen. Außerdem gehört zu dem ‚Zigeunerbild’ der Romantik noch die Figur der „alten ‚Zigeunerin’“.7

In den Gedichten des Biedermeier wird die äußere, exotisch wirkende Erscheinung der ‚Zigeuner’ gezeigt, die ‚Zigeunerbilder’ werden entdämonisiert, und, wie Wilhelm Solms schreibt: „als idyllische Miniaturen in die kleinbürgerliche Welt eingefügt“8

In den Werken des Realismus finden sich noch mehr ‚Zigeunerfiguren’ als in denen der Romantik. Nur fallen diese Figuren hier weniger auf, da sie sich nicht mehr so stark (durch ihre dämonische Natur oder ihr exotisches Aussehen) von ihrer Umgebung abheben. In einigen Erzählungen des späten Realismus werden die ‚Zigeuner’ erstmals als Menschen mit eigenen Bedürfnissen wahrgenommen.9

Später greifen die Dichter dann wieder auf die abgenutzten Bilder der Biedermeier zurück und versuchen, diese Bilder zu steigern oder zu vertiefen.10

Nach 1945 findet man das Thema der ‚Zigeuner’ nicht mehr so häufig in der deutschen Literatur. Dennoch gibt es einige Dichter, die weitererzählen, als wenn es das Dritte Reich nie gegeben hätte, und die ‚Zigeuner’ mit wilden Tieren gleichsetzen. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Dichter, die versuchen in ihren Werken das Verbrechen an den Sinti und Roma aufzuarbeiten.11

Obwohl durch diese zahlreichen Klischeebilder der Ausgrenzung, die Verfolgung und die Vernichtung der Sinti und Roma vorbereitet, und sogar gerechtfertigt wurde, wurden sie bis in die Gegenwart weitergegeben. Auffallend ist, dass H. Grellmann auch heute noch von einigen Tsigantologen als Schöpfer einer fruchtbaren ‚Zigeunerwissenschaft’ gepriesen wird.12

- ‚Zigeunerbilder’ in Clemens Brentanos: „Die mehreren Wehmüller und die ungarischen Nationalgesichter“

Wie schon vorher erwähnt, findet man in der Literatur der Romantik hauptsächlich die Figur der „schönen ‚Zigeunerin’“ sowie die der „alten ‚Zigeunerin’“. Beide Figuren treten sich in Brentanos Erzählung „ Die mehreren Wehmüller “ gegenüber. Nach Wilhelm Solms gehören beide Portraits zusammen, denn das eine ist die Kehrseite des anderen. Zusammen ergeben diese Portraits, das der schönen jungen Zauberin und das der hässlichen alten Hexe, das ‚Zigeunerinnenbild’ der Romantik.13

Diesen beiden ,Zigeunerinnen’ fügt Brentano in seinem Werk noch eine weitere ‚Zigeunerfigur’ hinzu: ein junger kühner ‚Zigeuner’, der sehr virtuos die Geige zu spielen vermag.

Als Hauptquelle für die drei ‚Zigeunergestalten’, eigentlich für das gesamte ‚Zigeunermilieu’ in seiner Erzählung, diente Brentano ohne Zweifel das folgende bereits erwähnte kulturgeschichtliche Buch von Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann: „Die Zigeuner. Ein historischer Versuch über die Lebensart und Verfassung, Sitten und Schicksahle dieses Volks in Europa“ als Quelle.14

Da mir im Augenblick leider keine Ausgabe diese Werkes zur Verfügung steht, werde ich mich ausschließlich auf die Beispiele beschränken, welche von anderen Schriftstellern zitiert worden sind.

Hauptteil

Michaly

Die erste ‚Zigeunerfigur’ die in Clemens Brentanos „Die mehreren Wehmüller und die ungarischen Nationalgesichter“ erwähnt wird, ist der Geigenspieler Michaly. Anregungen zu dieser Figur findet Brentano vor allem in dem bereits in der Einleitung erwähnten Werk H. Grellmanns.15

Dieser Geigenspieler befindet sich mit einigen anderen Personen unterschiedlicher Schichten und Nationalitäten in der Schenke der Frau Tschermack. Da ein „Pestkordon“ die Menschen an der Weiterreise hindert, versuchen sie sich in der Taverne die Zeit zu vertreiben, indem sie sich u.a. einigen Geschichten erzählen. Michaly gelingt es mehr als nur einmal, die Menschen durch seine Musik wieder miteinander zu versöhnen. Ein Beispiel dafür ist die Szene, wo Wehmüller vor dem Wirtshaus erscheint, und dies einen „allgemeinen, ziemlich lauten Wortwechsel“ (150) auslöst. Michaly macht „ein wunderbares Schariwari“ (150) dazu, und bringt die Menschen so zum tanzen.

Der ‚Zigeuner’ löst aber in der Taverne nicht nur das Chaos auf, sondern er verursacht auch Chaos. So z.B. als er nach der Erzählung des kroatischen Edelmannes über den „Kater Mores“ der Kammerjungfer Nanny die große schwarze Katze der Wirtin in den Schoß setzt, und die junge Frau daraufhin fast in Ohnmacht fällt (vgl. 160).

* „zweiter Orpheus“

Michaly ist aber nicht nur ein einfacher Geigenspieler, der in einer Taverne Geige spielt, um die Leute dort zu unterhalten, sondern ein Virtuose, ein wahrer Künstler. Dies zeigt schon die Beschreibung des Erzählers:

„Die berühmteste Personen von Allen war aber der Violinspieler Michaly, ein Zigeuner von etwa 30 Jahren, von eigenthümlicher Schönheit und Kühnheit, der wegen seinem großen Talent, alle möglichen Tänze ununterbrochen auf seiner Violine zu erfinden und zu variieren, bei allen großen Hochzeiten im Lande allein spielen musste.“ (149)

Bei dieser Beschreibung hält sich Brentano sehr deutlich an seine Quelle, denn Grellmann schreibt in seinem Werk:

„Ihr Instrument ist [...] die Violin; und darauf hat es schon so mancher so weit gebracht, dass er in Capellen gräflicher Personen ordentlich angestellt und als Meister bewundert wurde. Ein solcher Orpheus war ein gewisser Barna Mihaly der sich gegen Mitte dieses Jahrhunderts [...] auf besagte Weise auszeichnete.“16

[...]


1 vgl. Wilhelm Solms: Zigeunerbilder deutscher Dichter

2 vgl. ebd.

3 vgl. ebd.

4 vgl. ebd.

5 vgl. Wilhelm Solms: Zigeunerbilder deutscher Dichter.

6 vgl. ebd.

7 vgl. ebd.

8 ebd.

9 vgl. ebd.

10 vgl. ebd.

11 vgl. ebd.

12 vgl. Wilhelms Solms: Zigeunerbilder deutscher Dichter.

13 vgl. ebd.

14 vgl. Gerhard Schaub: Anmerkungen. In: Clemens Brentano. Sämtliche Erzählungen. 1. Auflage. Goldmann Verlag 1984. S. 435

15 vgl. Gerhard Schaub. Anmerkungen. S. 439

16 vgl. Gerhard Schaub: Anmerkungen. S. 439

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
'Zigeunerbilder' in Clemens Brentanos "Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter"
Hochschule
Universität Trier  (Fachbereich II - Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar: 'Zigeuner' in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V71194
ISBN (eBook)
9783638631198
ISBN (Buch)
9783656253877
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zigeunerbilder, Clemens, Brentanos, Wehmüller, Nationlgesichter, Proseminar, Literatur, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Sylvie Langehegermann (Autor), 2004, 'Zigeunerbilder' in Clemens Brentanos "Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71194

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