Studien zur Wiener Konzerthausgesellschaft und den Nationalsozialisten


Diplomarbeit, 2006

100 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhalt

2. Quellenlage und Vorwort

3. Einleitung

4. Situation 1934
4.1. Konzerthaus und Gemeinde Wien
4.2. Standestaat und Deutsches Reich

5. Handelnde Personen
5.1. Philipp von Schoeller
5.2. Gottfried Schenker-Angerer
5.3. Armin Caspar Hochstetter
5.4. Friedrich Reidinger

6. Rund um den Anschluss
6.1. Veranstaltungen getarnter und ungetarnter Nationalsozialisten
6.2. Verkundung des Ergebnisses der Volksabstimmung

7. Nationalsozialistische Kulturpolitik
7.1. Subventionierung
7.2. Kraft durch Freude
7.3. Festivitaten

8. Das Ende
8.1. Uberblick uber die Saison 1944-1945
8.2. Kampfe in Wien

9. Ausblick

10. Abbildungsverzeichnis

11. Abkurzungsverzeichnis

12. Personenverzeichnis

13. Quellenverzeichnis

14. Literaturverzeichnis

15. Anhang
15.1. Erklarung der kulturpolitischen Institutionen des deutschen Reiches
15.2. Erklarung der kulturpolitischen Institutionen der Gemeinde Wien
15.3. Aufbau der Wiener Konzerthausgesellschaft

2. Quellenlage und Vorwort

Die Quellenlage zu den Beziehungen zwischen Nationalsozialisten und der Wiener Konzerthausgesellschaft ist durftig. Im Archiv der Wiener Konzerthausgesellschaft hat sich nur ein Bruchteil der Geschaftsakten aus den Dreifiiger- und Vierzigerjahren erhalten. In den Siebzigerjahren wurde auf Anordnung der Feuerpolizei der Keller des Konzerthauses geraumt. Dabei wurde vermutlich das gesamte Archiv der Gesellschaft bis zum Jahr 1961 dem Altpapier zugefuhrt.[1]Es ist nicht davon auszugehen, dass gezielt Material aus der Zeit, die diese Arbeit behandelt, vernichtet wurde. Ein kleiner Teil des Archivguts war in der Buchhaltung aufbewahrt und hat uberlebt. Dennoch muss auf andere Archive zuruckgegriffen werden, deren Sammlungen aufgrund der Geschafts- beziehungen zur Wiener Konzerthausgesellschaft oder aufgrund ihres allgemeinen Charakters Ruckschlusse auf das Wiener Konzerthaus zulassen. Folgende Institutionen ruckten hierbei ins Zentrum des Interesses: Das Wiener Stadt- und Landesarchiv, das Archiv der Republik im Osterreichischen Staatsarchiv und das Bundesarchiv Berlin.

Das Wiener Stadt- und Landesarchiv bietet ein wenig Ersatz fur die verlorenen Bestande des Wiener Konzerthauses. Der Generalsekretar der Wiener Konzerthausge- sellschaft seit 1938, Armin Caspar Hochstetter, war Musikbeauftragter der Gemeinde Wien. Aus diesem Grund haben sich in den Akten des Stadtischen Musikbeauftragten[2]einige das Konzerthaus betreffende Schriftstucke erhalten. Immerhin hatte der Stadti- sche Musikbeauftragte als Organ des Amtes fur Konzertwesen das stadtische Musikle- ben zu beaufsichtigen. Auch das Handbuch der Stadt Wien, das fur die Jahre 1941[3]und 1944 erschienen ist, sowie der Verwaltungsbericht der Gemeinde Wien bringt ein wenig Licht in den Dschungel der verschiedenen Behorden, mit denen das Konzerthaus zu tun hatte.

Im Archiv der Republik befinden sich die wichtigsten Unterlagen aus der unmittelbaren Zeit des Anschlusses.[4]AuBerdem konnen aus den Gauakten,[5]die sowohl im Wiener Stadt- und Landesarchiv als auch im Archiv der Republik verwahrt sind, die handelnden Personen im Verein ein wenig beleuchtet werden.

Wichtige Erkenntnisse, besonders uber Vizeprasident Gottfried Schenker- Angerer, konnten im Dokumentationsarchiv Osterreichischer Widerstand gewonnen werden. Daruber hinaus lieferte das Berlin Document Center des Bundesarchivs in Berlin Lichterfelde Informationen zu den handelndenPersonen.

Im Bundesarchiv in Berlin sind die Akten der zentralen Reichsbehorden ver- wahrt. Besonders ergiebig waren hierbei die Akten der Reichskulturkammer und des Reichsministeriums fur Volksaufklarung und Propaganda. Hier fanden sich interessante Fakten nicht nur zur Zeit unmittelbar nach dem Anschluss, sondern auch uber Vorfalle aus der Zeit davor. Leider sind auch diese Bestande sehr luckenhaft. So ist zum Beispiel vom Bestand Reichsministerium fur Volksaufklarung und Propaganda „aus der Musik- abteilung [...] lediglich die Forderung musikalischer Organisationen aus den Jahren 1933-1935 mit Vorakten aus dem RMI [Reichsministerium des Inneren] sowie einiges Material uber die musikalischen Auslandsbeziehungen fur die Jahre 1927-1933 uberlie- fert.“[6]Gleichfalls ist die Uberlieferung der Reichsmusikkammer durch einen Luftangriff zum groBten Teil verloren gegangen.[7]

Auch die Sekundarliteratur ist nicht allzu ergiebig. Friedrich C. Heller widmet in seinem Beitrag zum 1983 erschienen Buch uber Geschichte und Bedeutung des Wiener Konzerthauses der Zeit vom Anschluss bis zum Kriegsende gerade einmal acht Seiten.[8]Im November 2006 wird allerdings ein Aufsatz von Erwin Barta uber das Wiener Konzerthaus im Nationalsozialismus[9]erscheinen, der mir fur die Erstellung dieser Arbeit bereits vorlag. Literatur bezuglich der Reichsmusikkammer, des Amtes fur Konzertwesen und der Wiener Kulturpolitik der Nationalsozialisten ist faktisch nicht existent. Die einzige verwertbare Arbeit zur nationalsozialistischen Kulturpolitik in Wien stammt bereits aus dem Jahre 1980,[10]sie befasst sich allerdings primar mit der nicht ganz vergleichbaren Situation im Theaterbereich.

Ahnlich verhalt es sich mit Literatur zur NSDAP in Osterreich. Insbesondere bezuglich der Illegalitat der Partei gibt es nur in sehr begrenztem Mafte Literatur. Zwar hat sich die Situation seit 1975 ein wenig gewandelt, trotz allem gilt immer noch, was Gerhard Jagschitz damals beklagte: „Im Gegensatz zu den anderen wichtigen osterrei- chischen Parteien der Zwischenkriegszeit fehlt fur die NSDAP eine Grundlagenfor- schung nahezu vollstandig.“ So biete einzig die Dissertation von Rudolf Brandstotter[11]neue Erkenntnisse uber den osterreichischen Faschismus.[12]

Auch andere Aspekte der Zeit sind bisher offenbar nicht ins Zentrum des wis- senschaftlichen Interesses vorgeruckt. Zum ,Totalen Kriegseinsatz der Kulturschaffen- den‘, im Volksmund auch ,Theatersperre‘ genannt, lassen sich in der Literatur nur Vermutungen und Geruchte finden.

Fur die Hilfe bei der Erstellung der Arbeit mochte ich folgenden Personen danken: An erster Stelle Erwin Barta, Archivdirektor der Wiener Konzerthausgesellschaft, der nicht nur den Anstoft zur Arbeit gab, sondern stets mit Rat und Tat zur Seite stand. Kristin Hartisch vom Bundesarchiv Berlin und Hana Keller vom Osterreichischen Staatsarchiv, die mir wertvolle Informationen uber den Verbleib von Dokumenten mitteilten und Hindernisse aus dem Weg raumten, und daruber hinaus naturlich den Angestellten, die unermudlich fur mich Akten aus den Archiven holten und bereitstellten.

3. Einleitung

Die Zeit seit Ende der Zwanzigerjahre war fur die Wiener Konzerthausgesellschaft wirtschaftlich nicht erfolgreich. Durch die allgemeine Rezession war der Betrieb des Konzerthauses von EinsparmaBnahmen und Lohnkurzungen gepragt.[13]Die Gesell- schaft unter dem Prasidenten Theodor Kochert, dem Generalsekretar Hugo Botstiber und dem Finanzreferenten Felix Stransky bemuhte sich, den Betrieb aufrecht zu erhalten und trotz der wirtschaftlichen Not ein kunstlerisch wertvolles Programm durchzufuhren.[14]Einnahmen erzielte das Haus unter anderem aus dem Vermietgeschaft.

Das Wiener Konzerthaus hatte in den DreiBiger- und Vierzigerjahren auf vielfal- tige Art und Weise mit den Nationalsozialisten zu tun. Nicht nur der GroBe Saal war wegen seiner Lage und GroBe ein begehrter Versammlungsort, Gauleiter Burckel wahlte ihn beispielsweise fur die Verkundung des Ergebnisses der Volksabstimmung am 10. April 1938,[15]sondern auch der Verein Wiener Konzerthausgesellschaft und seine Funktionare pflegten recht vielschichtige Beziehungen zu den Nationalsozialisten. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass das Konzerthaus, das in Berlin als „von der osterreichischen Regierung subventionierte Gesellschaft“[16]bezeichnete wurde, doch ohne weiteres seine Sale an die Nationalsozialisten fur die Durchfuhrung von Ver- anstaltungen vermieten konnte. Der Standestaat selber schien nicht die Kraft zu haben, diese Beziehungen zu unterbinden, und das, obwohl ein Vertreter des Bundesministeri- ums fur Unterricht in die Direktion kooptiert war. Auch der judische Generalsekretar Hugo Botstiber schien fur die Nationalsozialisten kein Hindernis fur eine Kontaktauf- nahme zu sein. Mit dem Tode Kocherts und dem altersgemaBen Ausscheiden Botstibers wurde die Gesellschaft dann allerdings von Personen eindeutig nationalsozialistischen Zuschnitts ubernommen. Die Gesellschaft, die vorher deutschnationalen[17]Charakter hatte, wurde nun nationalsozialistisch.

Doch auch schon vor der personellen nationalsozialistischen Ausrichtung der Gesellschaft hatten Nationalsozialisten Einfluss auf die Gesellschaft und ihr Programm, wie ich in dieser Arbeit zeigen werde. Schon seit dem Jahr 1934 taucht die Wiener Konzerthausgesellschaft im Zusammenhang mit dem Auftreten deutscher Kunstler in den Akten des Reichsministeriums fur Volksaufklarung und Propaganda und der Reichsmusikkammer auf. Dies ist aufgrund der Kontrollfunktion, die das Amt fur Konzertwesen[18]uber die Auslandsreisen deutscher Kunstler innehatte, nicht weiter verwunderlich, aber die intensiven politischen Diskussionen, die in Berlin uber die Reisen von Kunstlern zur Konzerthausgesellschaft gefuhrt wurden, sind beispiellos. So beschaftigt eine Auslandsreise Karl Bohms 1936 zur Wiener Konzerthausgesellschaft das Amt fur Konzertwesen und das Reichsministerium fur Volksaufklarung und Propaganda uber Monate.

4. Situation 1934

Eine Untersuchung uber die Wiener Konzerthausgesellschaft und ihre Beziehungen zu den Nationalsozialisten muss spatestens im Jahr 1934 beginnen. Zwar war die NSDAP in diesem Jahr in Osterreich bereits verboten, aber nicht nur wegen des Juliputschs verdient das Jahr besondere Aufmerksamkeit. Die Wiener Konzerthausgesellschaft war von den politischen Ereignissen auch wirtschaftlich betroffen. So bedeutete die Einfuhrung des Standrechts vom 12. bis zum 21. Februar 1934 eine herbe wirtschaftli- che Belastung. In dieser Zeit musste die Gesellschaft alle Konzerte absagen, da ab 20 Uhr eine „Haustor- und Schankgewerbesperre“ galt.[19]Gerade wahrend der Ballsaison bedeutete der Ausfall von Fremdveranstaltungen schmerzhafte finanzielle Verluste. „Balle und Redouten bildeten fur die KHG eine wesentliche Einnahmequelle.“[20]Aber nicht nur die aufteren politischen Umstande machten der Gesellschaft zu schaffen, die anhaltende Weltwirtschaftskrise hatte ihre Spuren auch in den Bilanzen der Konzert- hausgesellschaft hinterlassen.

4.1. Konzerthaus und Gemeinde Wien

Die schlechte wirtschaftliche Lage der Wiener Konzerthausgesellschaft wird im Proto- koll der Direktionssitzung vom 2. Marz 1934 deutlich: „Finanzreferent berichtet uber die ausserst ungunstige finanzielle Lage der Gesellschaft, die sich infolge des Ausfalles vieler Veranstaltungen durch die revolutionaren Ereignisse ab 12. Februar und die Unterschlagungen des Beamten Mazanec[21]sehr verscharft hat.“[22]Die Lage der Gesell­schaft ist so angespannt, dass bei den Bezugen des Personals und den Separathonoraren funf bis zwanzig Prozent gekurzt werden muss. Die Konzerthausgesellschaft erhofft sich daher finanzielle Erleichterungen durch die Gemeinde Wien. „Es wird auch be- richtet, dass beim Bundeskommissar der Stadt Wien, Herrn Minister Schmitz, vor- gesprochen wurde, um eine Befreiung oder Ermaftigung der Lustbarkeitssteuer und anderer Gemeindesteuern zu erreichen. Eine wohlwollende Berucksichtigung wurde in Aussicht gestellt.“[23]1921 hatte sich die Gemeinde Wien neue Richtlinien zur Bewil- ligung von Subventionen gegeben. Dabei wurde beschlossen, dass das Geld der Ge­meinde Wien nicht dazu da sei, irgendeiner politischen Richtung zur Verfugung gestellt zu werden.[24]In der Praxis scheint es aber doch zur Bevorzugung einzelner politischer Vereine gekommen zu sein; fur die Jahre bis 1931 wurde namlich in der Gemeinde selbst keine Aufstellung uber bewilligte Subventionen oder auch nur Empfanger der Subventionen gefuhrt.[25]Ab 1931 wurden dann Listen uber die Empfanger der Zuwen- dungen angelegt. Leider geht aus ihnen nichts uber die Hohe der Subventionen fur die Wiener Konzerthausgesellschaft hervor.[26]In der Generalversammlung des Vereines am 5. Marz 1932 entschuldigt sich der Vertreter der Gemeinde Wien, Gustav Scheu, dafur, „dass die Gemeinde - infolge des Beschlusses, keinerlei neue Subventionen in ihr Budget aufzunehmen - nicht in der Lage sei, die Konzerthausgesellschaft zu unter- stutzen.“[27]

Im April 1934 berichtet Botstiber dann „uber die vom Rathaus zugestandene Pauschalierung der Lustbarkeitssteuer fur die Zeit vom 1. Januar bis 30. Juni 1934 mit S 8000.“ Durch diese Maftnahme erspart sich die Gesellschaft die Uberweisung von S 10.000.[28]Im Anschluss an diese Pauschalierung kann die Gemeinde im Juni 1934 von der „Exekution wegen ruckstandiger Gemeindesteuern" abgebracht werden und Ge- neralsekretar Botstiber erreicht sogar eine Stundung der „aushaftenden Betrage bis September."[29]

Der im Herbst 1934 langsam einsetzende Wirtschaftsaufschwung bringt nicht die erwunschte Besserung. Dies lasst sich nicht nur an den Gehaltskurzungen 1935 festma- chen, sondern es wird auch im Direktionsbericht vermerkt:

„Was das finanzielle Ertragnis unserer Veranstaltungen anbelangt, haben die von uns an die Wiederbelebung unserer heimischen Wirtschaft geknupften Erwartungen leider nicht ihre Erfullung gefunden."[30]

Am 5. November 1936 stirbt der Prasident der Gesellschaft, Theodor Kochert. Zu seinem Nachfolger wird am 24. November 1936 Philipp von Schoeller gewahlt. Im Dezember 1936 wird das neue Funkhaus der Radio Verkehrs Aktiengesellschaft (RAVAG) in der Argentinierstrafte eingeweiht. Die RAVAG, vorher gern gesehener Mieter, fallt als Einnahmequelle nun auf einmal weg. Da das neue Rundfunkhaus auch eine eigene Orgel besitzt, geht die Konzerthausgesellschaft von Mindereinnahmen in Hohe von S 50.000 aus.[31]Aufgrund dieser finanziellen Entwicklung wird „ein erfahre- ner Fachmann, welcher in ahnlicher Mission bereits tatig war, damit beauftragt, den Betrieb zu rationalisieren." Neben zusatzlichen Einsparungen soll an die Stadt Wien wegen hoherer Subventionen herangetreten werden. Allerdings werden nicht nur auf Seite der Einnahmen Maftnahmen erwogen: Die Wiener Symphoniker werden ersucht, bei der Berechnung der Orchesterkosten „moglichstes Entgegenkommen walten zu lassen, da die Konzerthausgesellschaft nach der ,Ravag‘ der beste Kunde fur Orchester- mieten sei.“[32]Aufgrund der finanziellen Situation werden die Kartenpreise in der laufenden Saison 1936/1937 noch um die Lustbarkeitsabgabe erhoht.

4.2. Standestaat und Deutsches Reich

Auch an die Republik Osterreich tritt die Konzerthausgesellschaft in finanziellen Angelegenheiten heran. Das Protokoll der Direktionssitzung vom 2. Marz 1934 be- richtet davon, dass „der Prasident an den Herrn Vertreter des Bundesministeriums fur Unterricht die Bitte gerichtet [hat], dafur einzutreten, dass der Konzerthausgesellschaft eine Subvention aus den Eingangen durch die Erhohung der Radiogebuhr im Marz ds.

J. zuteil werde.“ Allerdings kann der anwesende Hofrat Dr. Wisoko nur versichern, „dass die Unterrichtsverwaltung die Konzerthausgesellschaft bedenken wird.“[33]Auch einen Monat spater berichtet der Generalsekretar uber „ein Gesuch beim Bundes- ministerium fur Finanzen um Stundung der Warenumsatzsteuer“.[34]Im Juni 1934 fuhrt die Subventionierung und Programmgestaltung der Wiener Konzerthausgesellschaft zu einem Streit mit der Sophiensaal AG.

„Herr Hofrat Dr. Wisoko teilt mit, dass die Sophiensaal-A.-G. anlasslich der bekannt- gewordenen Bewilligung einer Subvention an die Konzerthausgesellschaft eine sehr geharnischte Eingabe an das Unterrichtsministerium gerichtet habe, in welcher sie darauf hinweist, dass die Konzerthausgesellschaft, wenn sie schon eine Subvention zur Forderung ihrer kulturellen Bestrebungen erhalt, Veranstaltungen wie Boxabende, ,Werbeweinkost‘, nicht in ihre Tatigkeit einbeziehen, sondern solche Veranstaltungen der auch sehr bedrangten Sophiensaal-A.-G. uberlassen sollte.“[35]

1934 wurde von Bundeskanzler Engelbert Dollfuft die Vaterlandische Front „spontan ins Leben gerufen.“[36] Im Zuge des Ausbaus der Vaterlandischen Front zur Einheits- partei wurden andere kulturelle Gemeinschaften, insbesondere die, die der Sozialdemo- kratie nahestanden, beschlagnahmt beziehungsweise eingestellt.[37] Der eingesetzte Verwalter der beschlagnahmten Einrichtungen, Karl Lugmayer, und der spatere Unter- richtsminister Hans Pernter wollten diese Einrichtungen wieder verwerten. Auch andere Stellen der Vaterlandischen Front machten Vorschlage, wie diese sich kulturell betatigen konnte. So schlug die Bundespropagandaleitung unter anderem die „Grun- dung eines Tonkunstlerorchesters der Vaterlandischen Front “ vor.[38] „ 1934 wurde innerhalb der Vaterlandischen Front ein Kulturamt eingerichtet.“[39] Dies geht ent- scheidend auf die Ernennung des neuen Bundesleiters der Vaterlandischen Front, Karl Maria Stepan, zuruck. Die Aufgabe des Kulturamts war die „Erhaltung deutscher Kultur in Osterreich und ihre Durchdringung mit vaterlandischem Geiste. Seine oberste Aufgabe ist, die Vereinigung von Kultur und Staatsgefuhl durch geeignete kultur- politische Mafinahmen anzubahnen und durchzusetzen.“[40] Der zweite geschaftsfuhren- de Vorsitzende des Kulturamts, Rudolf Henz, umschreibt die Aufgabe des Kulturamtes im April 1935 so:

„... das Wort Osterreich, von Dr. Dollfufi uns als Fahne vorangetragen, dieses heilige Wort ... mit Gestalt zu erfullen und es in die harte Wirklichkeit dieser Zeit zu stellen, bleibt fur uns auf Jahre, auf Jahrzehnte hinaus oberste Pflicht.“[41]

In weiterer Folge wurden am Sitz jeder Landesleitung ein Kulturreferat und daruber hinaus Arbeitskreise fur die Kunstsparten eingerichtet. Der ,Arbeitskreis 4: Musik‘ wurde von Bundeskulturrat Joseph Rinaldini[42]und Josef Lechthaler geleitet. Ihr Mit- arbeiter fur die Dirigenten war Anton Konrath, der Dirigent des Wiener Konzertver- eins. „Die ersten Arbeiten erstreckten sich auf das Anknupfen der Verbindungen mit den wichtigsten kulturellen Einrichtungen.“[43]Der Wiener Kulturreferent beschrieb die Aufgaben eines Kulturreferenten naher. So wird auch deutlich, dass es nicht nur um Kontakt und Forderung, sondern auch um Kontrolle und Nutzbarmachung der Kultur- institute und Organisationen ging:

„Die Aufgabe der Kulturreferenten innerhalb und aufierhalb der Vaterlandischen Front ist die Forderung und Uberwachung der kulturellen und kulturpolitischen Arbeit in Osterreich, die Verbindung der Vaterlandischen Front mit den kulturellen Verbanden, Vereinen, Kooperationen und Organisationen um die Kulturarbeit derselben fur die VF fruchtbar zu machen.“[44]

Um diese Ziele zu erreichen, kam es 1934 zur Grundung der Osterreichischen Kunst- stelle. Seit 1919 gab es in Wien ,Kunststellen‘, die, von der Stadt subventioniert, guns- tige Theater- und Konzertkarten „fur Arbeiter, Angestellte und studierende Jugend“[45]anboten. Beniston geht davon aus, dass es sich aufgrund der unterschiedlichen Welt- anschauungen als unmoglich herausgestellt habe, nur eine einzige Kunststelle zu betrei- ben. Neben der Sozialdemokratischen Kunststelle (geleitet von David-Josef Bach) und der Christlichsozialen (die unter Leitung von Hans Brecka stehende Kunststelle fur christliche Volksbildung) wurden weitere Institutionen gegrundet.[46]Die Kunststellen verkauften verbilligter Kartenkontingente der Wiener Theater und Konzerthauser und organisierten eigene Veranstaltungen. Dabei finanzierten sie sich aus der „Lustbarkeits- abgabe, einer oft beeinspruchten Vergnugungssteuer auf alles von Theater und Oper bis zu Kino und Pferderennen.“[47]1934 gab es in Wien sechs groBere Kunststellen. Die Kunststelle der offentlichen Angestellten, die Deutsche Kunststelle, die Judische Kunst- stelle, die Christliche Kunststelle, die Richard Wagner-Kunststelle und den Zentralrat der geistigen Arbeiter. Die bis dahin groBte Kunstelle, die Sozialdemokratische, war im Zuge der Februarereignisse aufgelost worden. Die neu gegrundete Osterreichische Kunststelle fasste alle diese Einrichtungen zusammen und stand unter Leitung von Brecka.[48]

Eine weitere kulturpolitische Institution des Standestaates war der Bundeskul- turrat. Dessen Aufgaben umreiBt Schuschnigg am 3. Dezember 1934 wie folgt: „Es ist gut, dass ein fur allemal alle bedeutenden Fragen der Erziehung, der Wissenschaft, des Kultus und der Kunst aus dem politischen Tagesbetriebe herausgehoben und in einer besonderen Korperschaft erortert werden. “ Schuschnigg war sich sicher, dass nur dadurch das osterreichische Volk seiner „besonderen Stellung“ auf kulturellem Gebiet bewusst werden konne.[49]Die Mitglieder des Bundeskulturrats werden nach strengen Grundsatzen ausgewahlt. Sie sollen staatstreu, landsmannisch, idealistisch, katholisch und volkisch sein.[50]Im Vordergrund steht von nun an die ,osterreichische Idee‘ bezie- hungsweise die ,osterreichische Mission*.

1936 wurde schlieftlich das Vaterlandische Frontwerk Neues Leben gegrundet, da die Arbeit des Kulturamtes und der Kunststelle nicht so wirksam gewesen waren, wie es sich die Funktionare der Vaterlandischen Front vorgestellt hatten.[51]Das Neue Leben wurde „unter anderem auch als Ersatz fur die damals schon lange nicht mehr bestehende Parteiorganisation“[52]gegrundet. Das Vaterlandische Frontwerk Neues Leben besaft verschiedene Referate, die die Idee einer „osterreichischen Volksgemein- schaft“ verwirklichen sollten, so auch ein Musikreferat.[53]Aber ebenso wie die Tatigkeit der osterreichische Kunststelle beschrankt sich die Tatigkeiten des Neuen Leben im Konzerthaus auf die Abhaltung von bunten Abenden. Fur das unter Leitung von Joseph Rinaldini stehende ,Referat 3: Musik‘ war zwar geplant gewesen „von der Betreuung der Laienmusik bis zu groften Konzerten [...] alles im Musikreferat zu ubernehmen“, aber es scheint, als habe man sich primar um die Laien- und Volksmusik gekummert.[54]

„Wie durftig die osterreichische Musikszene sich im Laufe der dreiftiger Jahre gestaltet - nicht zuletzt bedingt durch die Kulturpolitik des Standestaates -, zeigen die Namen der Preistrager des Osterreichischen Staatspreises fur Musik. Sie werden z. B. an den Neuromantiker Roderich Mojsissovics, an den Domkapellmeister Josef Messner fur dessen Schaffen auf dem Gebiete des Chorliedes oder an Theodor Streicher fur sein Liedschaffen und seine Chorwerke verliehen.“[55]

Geld und Hilfe scheint die Wiener Konzerthausgesellschaft wohl auch von anderer Seite bekommen zu haben. Naturlich muss man auch die Zeit berucksichtigen, in der Pre­sident Schoeller im Oktober 1938 seine Festrede zum funfundzwanzigjahrigen Bestand der Gesellschaft halt, aber der Text spricht gewissermassen fur sich:

„Dankbar gedenke ich an dieser Stelle der damaligen Deutschen Gesandtschaft in Wien, die unendlich viel dazu beitrug, dass wir uber diese schwere Zeit hinweg kamen.

Ohne der tatkraftigen Forderung der Herren der Gesandtschaft waren wir wohl kaum in der Lage gewesen unser Institut zu erhalten.“[56]

Mit der Ankunft Franz von Papens als Hitlers ,Gesandter in Besonderer Mission* nach dem Juliputsch der NSDAP am 28. Juli 1934 in Wien andern sich auch die Moglich- keiten der Deutschen Gesandtschaft. Nun stehen ihr grofte Geldmittel fur die Kultur- politik zur Verfugung. Inwieweit die Konzerthausgesellschaft direkt von diesem Geld profitieren konnte, ist noch nicht geklart. Auf die Forderung von Vereinen, die im Konzerthaus als Fremdveranstalter auftreten, verweist das Kapitel ,Veranstaltungen getarnter und ungetarnter Nationalsozialisten‘.[57]

5. Handelnde Personen

In den Jahren 1936-1938 gab es in der Wiener Konzerthausgesellschaft eine ganze Reihe von personellen Veranderungen. Diese Veranderungen waren zunachst unpolitischer Natur. Am 5. November 1936 stirbt der langjahrige Prasident der Gesellschaft, Theodor Kochert. Sein Nachfolger Philipp von Schoeller leitet die Gesellschaft bis 1945. Seit 1. Marz 1938 ist Armin Caspar Hochstetter Generalsekretar der Gesellschaft. Hugo Botstiber, Generalsekretar seit 1913, hatte diesen Posten aus Altersgrunden abgegeben und wurde „in Anerkennung seiner verdienstvollen Tatigkeit“[58]Mitglied des Direktori- ums der Wiener Konzerthausgesellschaft.

5.1. Philipp von Schoeller

In der Direktionssitzung vom 24. November 1936 wird Philipp von Schoeller zum Nachfolger von Theodor Kochert als Prasident der Wiener Konzerthausgesellschaft gewahlt. Der am 14. Janner 1892 geborene Schoeller „wurde im Jahr 1930 in die Direk- tion der Wiener Konzerthausgesellschaft kooptiert und im Jahr 1933 zum Vizepra- sidenten gewahlt“.[59]Zuvor war er bereits Mitglied der Direktion des Wiener Konzert- vereins. Der Bankier war „Gesellschafter der Firma Schoeller & Co in Wien und Prasident der Schoeller-Bleckmann Stahlwerke.“[60]

Der Machtwechsel im Zuge des Anschlusses in Wien bleibt auch in der Konzert- hausgesellschaft nicht ohne Folgen. Das Protokoll der Direktionssitzung vom 22. April 1938 berichtet, dass Prasident Schoeller unter dem Tagesordnungspunkt „Veranderun- gen in der Direktion“ mitteilt, „dass Vizeprasident Felix Stransky und Dr. Gustav Bloch-Bauer ihren Austritt aus der Direktion bekanntgegeben haben [...] er erwahnt, dass von Seiten Dr. Botstibers voraussichtlich in den nachsten Tagen ein ahnlicher Antrag betreffend dessen Austritt aus der Direktion zu erwarten ist.“[61]

„Der Prasident gedenkt der weltgeschichtlichen Ereignisse, die sich seit dem histori- schen 11. Marz d. J. abgespielt haben und gibt dem begluckenden Gefuhle Ausdruck, dass das, was wir alle so lange ersehnt hatten, nun endlich zur Wirklichkeit geworden ist; dass wir nicht nur einen wirtschaftlichen Aufschwung erhoffen, sondern auch auf dem Gebiete der Kunst sonnigeren Tagen entgegensehen durfen [...] Prasident Schoeller betont sodann, dass wir aber vor allem des Mannes gedenken mussen, dem wir heute wohl den grossten Dank schulden, der Oesterreich wieder frei gemacht und in das grofie Reich heimgefuhrt hat, und schliesst mit einem dreifachen Sieg Heil auf unseren Fuhrer Adolf Hitler.“[62]

Seit wann Schoeller Nationalsozialist gewesen ist, ist aus den Akten nicht wirklich ersichtlich. Die genauen Umstande der Zugehorigkeit Schoellers zur NSDAP lassen sich nicht sicher rekonstruieren, insbesondere die Frage seines Eintrittes in die Partei[63]bleibt im Dunkeln. In seinem Erfassungsantrag[64]habe er eine karitative Spende, die er 1936 seinem Freund Gottfried Schenker-Angerer gegeben habe, in einen Mitgliedsbeitrag umgelogen,[65]wie er nach dem Krieg im Hochverratsprozess vor dem Volksgerichtshof aussagte.[66]Schoeller sei 1938 davon uberzeugt gewesen, „dafi es nur gelingen wurde, die verschiedenen Schwierigkeiten [die er und auch seine] Firma zu uberwinden hatten“ leichter zu uberstehen, wenn er Parteimitglied wurde. Aufgrund der vorherrschenden

Aufnahmesperre[67]in die NSDAP sei es ihm aber nur unter Angabe einer illegalen Parteizugehorigkeit moglich gewesen einzutreten. Hier ergibt sich das gleiche Problem wie mit der Parteimitgliedschaft Gottfried Schenker-Angerers. Im Jahr 1938 hatten beide gropes Interesse daran, schon als ,illegale Kampfer‘[68]in die Partei eingetreten zu sein, wohingegen sie im Jahr 1945 gropes Interesse daran hatten, nicht bereits als illegale Mitglieder in der Partei gewesen zu sein. So lange Odilo Globocnik Gauleiter in Wien war, wurde offensichtlich ein grower Handel mit illegalen Parteimitgliedschaften getrie- ben.[69]Auch der damalige Leiter des Gaugerichts, Karl Nosko, sagt im Jahr 1951 aus, dass in einer Besprechung mit dem Gauleiter Globocnik verfugt wurde, „dass Person- lichkeiten aus dem Wirtschafts- und Kulturleben, auch wenn sie der NSDAP in der Verbotszeit nicht angehort haben, und auch ihr Erfassungsantrag nicht den Erfassungs- bestimmungen entspreche, trotzdem gleichsam als illegal anerkannt werden und ihnen eine Mitgliedsnummer aus dem 6,000.000 Block erteilt werde.“[70]In diese Richtung geht auch die Aussage des ehemaligen Regierungsprasidenten des Gaues Wien, Hans Del- brugge. So seien derartige [6,000.000] Nummern an einflussreiche Leute des Kultur- und Wirtschaftslebens vergeben worden. Diese hatten der Partei vor 1938 nicht unbe- dingt angehoren mussen.[71]

Schoeller war, so steht es in seinem Registrierungsblatt,[72]Mitglied des Na- tionalsozialistischen Kraftfahrkorps[73]seit Juli 1938 und dort Ehrencharge und Standar- tenfuhrer. Im Jahr 1940 wurde ihm die Ostmarkmedaille verliehen. Im Hochverrats- prozess sagt Schoeller 1946 aus, dass er die Behauptung, er sei Altparteigenosse gewesen, auch nach dem April 1945 beibehalten habe, weil er nun das Gegenteil nicht mehr beweisen habe konnen.

Schoeller stellte erst nach Aufforderung am 11. Janner 1940 einen Aufnahme- antrag fur die Reichsschrifttumskammer,[74]da er unter dem Pseudonym ,Philipp Freiho- fer‘ den Roman ,Abschied von Ragusa‘ publiziert hatte. Der Antrag wurde genehmigt, und daraufhin war er Mitglied der Reichsschrifttumskammer.

1951 wird in der Wiederaufnahme des Urteils gegen ihn die gesamte Angelegen- heit des Parteieintritts noch einmal rekonstruiert. So gibt der Zeuge Paul Slupetzky an, dass mehrere „uber die angebliche illegale Betatigung [Schoellers] durchgefuhrte Erhe- bungen negativ verlaufen seien“. Die Mitgliedsnummer sei aber trotzdem zugeteilt worden, da „man dadurch die Uberfremdung wichtiger Stellungen in Osterreich durch reichsdeutsche Nationalsozialisten verhindern wollte“. Als Schoeller Prasident des Industriellenverbandes wurde, seien daher alte Parteimitglieder vor den Kopf gestoften gewesen, er sei „nicht als uberzeugter Angehoriger der NSDAP bekannt gewesen, sondern sogar als judisch versippt angesehen worden“.[75]Als 1938 von Schoeller verlangt wurde, „die Pensionszahlungen an den im Jahre 1937 wegen Alters pensionierten fruheren judischen Generalsekretar einzustellen, erreichte Dr. Philipp Schoeller, unter Androhung seiner Demission, dass diese Pensionszahlungen bis zur Auswanderung des betreffenden Herrn im gesetzlich moglichen hochsten Ausmasse weiter bezahlt wur- den.“[76]

Die Ubersicht uber die Aktivitaten des Bankhauses Schoeller, die im Zuge des Hochverratsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg angefuhrt wurden, enthalt die folgende Bemerkung: „Als im Jahre 1938 im Zuge der zahlreich vorkommenden Arisie- rungen sehr oft Antrage an das Haus herangebracht wurden, diese oder jene Firma zu ubernehmen oder Arisierungen zu finanzieren u. dergl. haben die offentlichen Gesell- schafter des Hauses den formellen Beschluss gefasst, sich an keiner wie immer gearteten Arisierung zu beteiligen oder derartige Bestrebungen finanziell zu unterstutzen.“[77]

Schoeller genoss aber offensichtlich das Vertrauen wichtiger Entscheidungstrager im Reichsgau Wien. So habe ihn Schirach bei der Berufung in die Gauwirtschafts- kammer in Schutz genommen, da Schoeller ihm vom Reichswirtschaftsminister Walther Funk als der „beste osterreichische Wirtschaftler“ empfohlen worden sei. Des weiteren habe Funk gegenuber Schirach die Bemerkung fallen lassen, dass „doch niemand als Nationalsozialist auf die Welt gekommen“ sei.[78]

1941 wird die „nicht rein arische-Abstammung seiner Ehefrau“[79]publik. Auf dem Gnadenweg verfugt Adolf Hitler personlich, dass „Dr. Mont.h.c. Philipp v. Schoeller, Wien 1, Wildpretmarkt 10, geb. 4.1.1892 zu Cakovic b. Prag, [...] ohne Einschrankung der Mitgliedschaftsrechte weiterhin der NSDAP. angehoren kann.“[80]Aufgrund seiner besonderen Stellung in der Industrie wurde Schoeller auch Ratsherr der Stadt Wien[81]und Prasident der Gauwirtschaftskammer. Im Oktober 1945 konnten wahrend des Hochverratsprozesses „im Zuge der Erhebungen [konnten] keine Feststellungen uber eine illegale Zugehorigkeit des Dr. Phillip [sic!] Schoeller zur NSDAP gemacht werden“.[82]

5.2. Gottfried Schenker-Angerer

Gottfried Schenker-Angerer ist wahrscheinlich die schillerndste Figur aus dem Vor- stand des Wiener Konzerthaus in den Jahren 1934-1945. Der mit Schoeller befreundete Schenker-Angerer war seit der Saison 1922/1923 Mitglied des Direktoriums der Wiener Konzerthausgesellschaft.[83]Auch die Rekonstruktion der Parteimitgliedschaft Gottfried Schenker-Angerers stoht auf sich gegenseitig widersprechende Quellen und Aussagen. Schenker-Angerer, geboren am 18. August 1898, hatte im Jahr 1938 ein grohes Interesse daran, als Altparteimitglied gezahlt zu werden, dieses Interesse bestand ab April 1945 naturlich nicht mehr. Am 27. Mai 1938 gibt er auf seinem ,Personal-Fragebogen zum Antragschein auf Ausstellung einer vorlaufigen Mitgliedskarte und zu Feststellung der Mitgliedschaft im Lande Osterreich‘ der NSDAP als Eintrittsdatum den 19. Juni 1933 an. Schenker-Angerer sei bei der Ortsgruppe ,Brigade Graf Hans Hardegg‘ eingetreten. Die Beitrage seien bis einschliehlich Marz 1938 an die Landesleitung der NSDAP gezahlt worden. Unter der Rubrik ,Angaben des Antragstellers uber sonstige Tatigkeit fur die NSDAP‘ gibt er an: „Grunder des sogenannten Industriesturmes nach Verbot der Partei, 2ter Sturmfuhrer dieser Abteilung, mobilisiert beim Juliputsch 1934, ab August 1936 wurde der Sturm als S.A. aufgelost und als Gruppe Demar-Schenker direkt der Landesleitung unterstellt; zuerst unter Pg. Leopold dann unter Pg. Klausner und seinem Stabschef Pg. Gauleiter Globotschnigg [sic!].“[84]Der Personalfragebogen tragt den Vermerk: „Angaben bestatigt“ und darunter die Unterschrift Odilo Globocniks.

[...]


[1]Vgl. Erwin Barta und Gundula Fafiler, Die groBen Konzertdirektionen im Wiener Konzerthaus 1913­1945. Frankfurt am Main 2001, S. 37

[2]WSTLA MA350/A55

[3]WSTLA M514 65-66

[4] Ich habe mich entschlossen, Begriffe der Nationalsozialisten nicht, wie oftmals ublich, in Anfuhrungszeichen zu setzen. Es gibt dafur zwei Hauptgrunde: 1. Die Begriffe gehorten zur Lebenswirklichkeit der Zeit, sie stehen in den Quellen genau so, und so sind sie auch gemeint. Daher sind sie nicht mit Anfuhrungszeichen zu gebrauchen. Es wurde auBerdem sehr schwer fallen, eine Linie zu ziehen, da sehr viele Begriffe aus der von Victor Klemperer ,LTI‘ getauften Sprache heute ins allgemeine Sprachbild gehoren (Vgl. Victor Klemperer, LTI. Leipzig 1946). 2. Die Anfuhrungszeichen storen meiner Meinung nach die Lesbarkeit betrachtlich.

[5]Das Gaupersonalamt war eine der wichtigsten Schaltstellen der Partei. „Es begutachtete die politische Zuverlassigkeit der Parteigenossen.“ Durch seine politischen Beurteilungen ubte es auch eine wichtige Kontrolle uber die Vergabe der Stellen der offentlichen Verwaltung, Wirtschaft und Kultur aus. (Vgl. Gerhard Botz, Wien vom "Anschluss" zum Krieg : Nationalsozialistische Machtubernahme und politisch-soziale Umgestaltung am Beispiel der Stadt Wien 1938/39. Wien und Munchen 1978, S. 221)

[6]Wolfram Werner, Reichsministerium fur Volksaufklarung und Propaganda : Bestand R 55. Koblenz 1979, S. XV

[7]Vgl. Wolfram Werner, Reichskulturkammer und ihre Einzelkammern : Bestand R 56. Koblenz 1987, S. 60

[8]Friedrich C. Heller, Von der Arbeiterkultur zur Theatersperre. Wien 1983, S. 96 ff.

[9] Erwin Barta, Kunst, Kommerz und Politik. Das Wiener Konzerthaus 1938-1945. Wien (im Druck) 2006

[10] Evelyn Schreiner, Nationalsozialistische Kulturpolitik in Wien 1938-1945 unter spezieller Berucksichtigung der Wiener Theaterszene. Dissertation Universitat Wien 1980

[11]Rudolf Brandstotter, Dr. Walter Riehl und die Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung in Osterreich. Dissertation Universitat Wien 1969

[12]Gerhard Jagschitz, Zur Struktur der NSDAP in Osterreich vor dem Juliputsch 1934. Wien 1975, S. 9

[13]Die Direktionsberichte der Jahre 1930-1938 fuhren fast jedes Jahr MaBnahmen zur Kostensenkung an, jeweils mit dem Ausblick, dass es im folgenden Jahr besser werden musse und dass die Gesellschaft knapp an der Grenze zum Konkurs vorbeischramme.

[14]Zum Aufbau der Konzerthausgesellschaft siehe Anhang, Seite 100

[15]Siehe Seite 46

[16]BARCH R56/1186 Schreiben des Reichsministerium fur Volksaufklarung und Propaganda an Karl Bohm vom 3. September 1935

[17] Der deutschnationale Charakter der Konzerthausgesellschaft fand nicht nur in der Beschriftung der Fassade (Zitat aus den Meistersingern „Ehret eure deutschen Meister, dann bannt ihr gute Geister“), sondern auch in der Satzung der Gesellschaft Ausdruck. (Vgl. Barta 2006, S. 2)

[18]Zu den kulturpolitischen Einrichtungen des Deutschen Reiches siehe Anhang, Seite 97

[19]Kurt Peball, Die Kampfe in Wien im Februar 1934. Wien 1974, S. 23

[20]Peter Revers, Geschichte des Konzerthauses wahrend der ersten Republik. Wien 1983, S. 82

[21]Leider konnte der vollstandige Name nicht ermittelt werden.

[22]DS 2. Marz 1934

[23]DS 2. Marz 1934

[24]Vgl. Brigitte Ott, Die Kulturpolitik der Gemeinde Wien 1919-1934. Dissertation Universitat Wien 1968, S. 14

[25]Vgl. Ott 1968, S. 18

[26]Vgl. Ott 1968, S. 18 f. und S. 59

[27] GV 5. Marz 1932

[28]DS 6. April 1934

[29]DS 27. Juni 1934

[30]DB 1934/1935

[31]DS 16. Februar 1937

[32]DS 16. Februar 1937

[33]DS 2. Marz 1934

[34]DS 6. April 1934

[35]DS 5. Juni 1934

[36]Rainer Schubert, Das Vaterlandische-Frontwerk "Neues Leben" : Ein Beitrag zur Kulturpolitik der Vaterlandischen Front. Dissertation Universitat Wien 1978, S. 1

[37]Vgl. Schubert 1978, S. 1

[38]Schubert 1978, S. 2

[39]Schreiner 1980, S. 36

[40]Richtlinien fur Kulturreferenten der Vaterlandischen Front §1. Zitiert nach Schubert 1978, S. 13

[41]Wiedner Frontruf Folge 4, 1. Jg., April 1935, S. 1. Zitiert nach Schubert 1978, S. 4

[42]Direktionsmitglied der Wiener Konzerthausgesellschaft seit 1935/1936

[43]Schubert 1978, S. 6

[44]Vgl. Schubert 1978, S. 8

[45] Judith Beniston, Cultural Politics in the First Republic: Hans Brecka and the 'Kunststelle fur christliche Volksbildung'. Edinburgh 1999, S. 101

[46]Vgl. Beniston 1999, S. 102

[47]Beniston 1999, S. 103 (Ubersetzung: Philipp Stein)

[48]Vgl. Schubert 1978, S. 10

[49] Schuschnigg im ,Ottobre‘ am 3. Dezember 1934. Kurt Schuschnigg, Osterreichs Erneuerung. Klagenfurt 1935, S. 103

[50]Vgl. Gertrud Pott, Verkannte GroBe : Eine Kulturgeschichte der ersten Republik 1918-1938. Wien 1990, S. 42

[51]Schubert 1978, S. 54

[52]Irmgard Barnthaler, Die Vaterlandische Front : Geschichte und Organisation. Wien u. a. 1971, S. 189

[53]Schreiner 1980, S. 39

[54]Vgl. Schubert 1978, S. 93 f.

[55]Pott 1990, S. 193

[56] Festrede des Prasidenten Philipp von Schoeller anlasslich des 25jahrigen Bestandes des Wiener Konzerthauses. Gehalten am 18. Oktober 1938 im Mozart-Saal. Zitiert nach DB 1938/1939. Die Unterstutzung durch die deutsche Gesandtschaft ist auch in Hinblick auf das ,Kulturelle Sofortprogramm‘, das in Barta 2006 erwahnt wird, interessant. Fur diese Arbeit war es mir leider nicht moglich, in diese Richtung zu forschen.

[57]Siehe Seite 37

[58]DS 1. Febuar 1938

[59]Wiederaufnahme des Urteils VG 12 f Vr 1675/45 Privatarchiv Familie Schoeller; Aufierung der Wiener Konzerthausgesellschaft

[60]Hans Gurtler (Hg.), Der Prozess Schoeller. Wien 1948, S. 23

[61]DS 22. April 1938. Manfred Mautner Markhof umschreibt diesen Vorgang im Jahr 1951 so: „Bei der Uberfuhrung in die neuen Verhaltnisse nach dem Marz 1938 gelang es Dr. Philipp Schoeller, fast die gesamte Direktion, wie sie fruher bestand, weiter zu behalten.“ (Vgl. Wiederaufnahme des Urteils VG 12 f Vr 1675/45; Aufierung der Wiener Konzerthausgesellschaft)

[62]DS 22. April 1938 (Vgl. insbesondere Barta 2006, S. 1 f.)

[63] Die Frage des Eintrittsdatums ist insofern von Bedeutung, als die NSDAP Mitglieder, die in der Verbotszeit oder gar schon vor dem „tatsachlichen Parteiverbot am 19. Juni 1933“ (Gerhard Jagschitz, Der Putsch : Die Nationalsozialisten 1934 in Osterreich. Graz Wien Koln 1976, S. 32) eintraten, mit besonderen Ehren ausstattete.

[64] Am 28. April 1938 wurde dem Parteiapparat der Auftrag erteilt, alle vor dem Parteiverbot Aufgenommenen und alle Personen, die sich hinterher nationalsozialistisch betatigt hatten, zu erfassen. (Vgl. Botz 1978, S. 210)

[65]Im Jahr 1936 habe Schoeller auf einer Autofahrt seinem Freund Gottfried Schenker-Angerer 80 bis 100 Schilling zu karitativen Zwecken gegeben. Schenker-Angerer habe Schoeller von Angehorigen in Wollersdorf inhaftierter illegaler Nationalsozialisten erzahlt und ihn um eine Spende gebeten, woraufhin Schoeller ihm „wesentlich unter 100 Schilling“ gegeben habe. Das Geld sei fur den Neffen von Schenker- Angerers Freund, Franz Pawlovsky, verwendet worden. (Vgl. dazu auch Gurtler (Hg.) 1948, S. 30 f. und 98 ff. und Wiederaufnahme des Urteils VG 12 f Vr 1675/45)

[66]Vgl. Gurtler (Hg.) 1948, S. 24

[67]Am 16. Marz verfugte Gauleiter Burckel eine generelle Aufnahmesperre fur Mitglieder in die NSDAP. Dies wurde wegen dem „einsetzenden Zustrom von Mitlaufern, Opportunisten und ,Grofideutschen‘ notig“, der die Staatspartei zu verwassern drohte. (Botz 1978, S. 210)

[68] Der Begriff ,Illegaler Kampfer‘ oder ,Illegaler‘ stammt aus der Zeit der Erfassungsaktion der Mitglieder der NSDAP in der Ostmark 1938. Mitglieder, „die erst nach dem Parteiverbot in Osterreich zum Nationalsozialismus gestofien waren und infolge der Stilllegung der geordneten Parteiarbeit keine Gelegenheit zum Erwerb einer formellen Mitgliedschaft gehabt hatten, erhielten Mitgliedsnummern zwischen 6,100.000 und 6,600.000 und als Aufnahmedatum einheitlich den 1. Mai 1938 zugeteilt. Dies war die Gruppe der ,Illegalen‘.“ (Botz 1978, S. 210)

[69]Vgl. dazu auch Evan Burr Bukey, Hitler's Austria : popular sentiment in the Nazi era. Chapel Hill and London 2000, S. 58, der von einem Handel mit illegalen Parteimitgliedschaften durch Globocnik ausgeht.

[70]Wiederaufnahme des Urteils VG 12 f Vr 1675/45

[71]Wiederaufnahme des Urteils VG 12 f Vr 1675/45

[72]Vgl. auch Gurtler (Hg.) 1948, S. 30

[73]Das Nationalsozialistische Kraftfahrkorps (NSKK) war eine Organisation der NSDAP, die von 1931 bis 1945 bestand. Sein Anliegen war es, die Mitglieder im Fuhren von Automobilen aller Art zu Unterweisen. Zeitweise fungierte das NSKK auch als Pannenhilfsdienst. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs rekrutierte die Wehrmacht Mitglieder des NSKK fur Transportaufgaben.

[74] BARCH BDC RK I/534 Fragebogen zur Verarbeitung des Aufnahmeantrages fur die Reichsschriftumskammer ausgefullt von Philipp von Schoeller

[75]Wiederaufnahme des Urteils VG 12 f Vr 1675/45

[76]Wiederaufnahme des Urteils VG 12 f Vr 1675/45; Aufierung der Wiener Konzerthausgesellschaft

[77]DOW 20014/4

[78]Wiederaufnahme des Urteils VG 12 f Vr 1675/45

[79] Vgl. BARCH BDC PK Q121 Schreiben Adolf Hitlers an den Stellvertretenden Gauleiter Scharizer vom 1. Mai 1941

[80]BARCH BDC PK Q121 Schreiben Adolf Hitlers an den Stellvertretenden Gauleiter Scharizer vom 1. Mai 1941

[81]Vgl. Handbuch der Stadt Wien 1941 (WSTLA M514 65-66)

[82]DOW 20014/4 Schreiben der Polizeidirektion Wien (Markovics) an das Volksgericht Wien Abt.2d VG 2d Vr.1676/45 v.4.10.45 vom 24. Oktober 1945

[83]DB 1922/1923

[84]BARCH BDC PK P25 Personalfragebogen Gottfried Schenker-Angerer

Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
Studien zur Wiener Konzerthausgesellschaft und den Nationalsozialisten
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Musikwissenschaft)
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
100
Katalognummer
V71371
ISBN (eBook)
9783638618618
Dateigröße
2844 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Wiener Konzerthausgesellschaft agierte zwischen 1930 und 1945 auf vielfältige Art und Weise mit Nationalsozialisten in Deutschland und Österreich. Diese Arbeit zeigt die Vorgänge im Wiener Konzerthaus und der Wiener Kulturpolitik auf. Zur Kulturpolitik der Nazis in Wien mit Schwerpunkt Musik exisitert bis zum Jahr 2006 keine vergleichbare Arbeit.
Schlagworte
Studien, Wiener, Konzerthausgesellschaft, Nationalsozialisten
Arbeit zitieren
Mag. Philipp Stein (Autor), 2006, Studien zur Wiener Konzerthausgesellschaft und den Nationalsozialisten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71371

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Studien zur Wiener Konzerthausgesellschaft und den Nationalsozialisten



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden