Untersuchungen zur Schlacht von Cannae (216 v. Chr.)


Magisterarbeit, 2002

98 Seiten, Note: 1

Ingmar Knacke (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen der Rekonstruktion
2.1. Die Phalanx als Grundlage antiker Kriegführung
2.2. Das Heerwesen der Römer im Zeitalter der Punischen Kriege
2.3. Das Heerwesen der Karthager
2.3.1. Afrikaner
2.3.2. Iberer
2.3.3. Kelten

3. Rekonstruktion der Schlacht
3.1. Zur Quellenlage
3.1.1. Überlieferungsgeschichte
3.1.2. Appian, Silius und Plutarch
3.1.3. Livius und Polybios
3.2. Die Schlacht nach Livius und Polybios
3.2.1. Operationen vor der Schlacht
3.2.2. Vorgänge auf dem Schlachtfeld
3.3. Fragen der Forschung
3.3.1. Lokalisierung des Schlachtfeldes
3.3.2. Kräfteverhältnis
3.3.3. Schlachtverlauf
3.3.4. Verluste

4. Gesamtbild der Schlacht

5. Schlußbetrachtung

6. Literaturverzeichnis
6.1. Quellen
6.2. Sekundärliteratur

7. Anlagen

„Die Vernichtungsschlacht kann heute nach demselben Plane, wie ihn Hannibal in vergangenen Zeiten erdacht hat, geschlagen werden.“[1]

1. Einleitung

Als Generalfeldmarschall Alfred Graf Schlieffen im Januar des Jahres 1906 als Chef des Generalstabes verabschiedet wurde, begann für ihn eine Zeit reger Beschäftigung mit histori­schen Fragen. Unermüdliche Tätigkeit kennzeichnete auch seinen letzten Lebensabschnitt, bis er im Jahre 1913 im Alter von 79 Jahren verstarb. Wie berichtet wird, bewahrte er sich bis zum Schluß seine geistige Beweglichkeit und Frische.[2] Neben einer in diesem Zeitraum entstan­denen Geschichte des gräflichen Hauses Schlieffen beschäftigte er sich in erster Linie mit kriegsgeschichtlichen Studien, welche größtenteils in den vom Generalstab herausgege­benen „Vierteljahrsheften für Truppenführung und Heereskunde“ erschienen. Auch für das „Handbuch für Heer und Flotte“ verfaßte er zahlreiche Beiträge. Eine breitere Öffentlichkeit erreichte er mit seinem im Januar 1909 in der „Deutschen Revue“ erschienenen Artikel „Der Krieg in der Gegenwart“, in dem seine grundlegenden militärpolitischen Anschauungen be­sonders deutlich hervortreten. Die meisten von seinen Schriften wandten sich jedoch an ein begrenztes Fachpublikum. Aus dieser Gruppe hat seine Cannae-Studie, die gewisserma­ßen eine Erläuterung des „Kriegs in der Gegenwart“ darstellt, am meisten Aufsehen erregt und auch über seinen Tod hinaus mit Abstand die größte Wirkung erzeugt.

Auslöser für die Beschäftigung mit der Materie war die „Geschichte der Kriegskunst“ des Berliner Historikers Hans Delbrück[3], deren Studium er sich nach seiner Verabschiedung in den Ruhestand eingehend widmete und die auf ihn eine außerordentliche Faszination ausübte. Hier fand er seine in jahrelanger Generalstabstätigkeit gewonnenen Ansichten über Wesen und Gesetz der Kriegführung bestätigt.[4] Insbesondere Delbrücks Darstellung des Verlaufs von Cannae brachte ihn zu der Überzeugung, daß in dieser Schlacht gleichsam der Prototyp der Vernichtungsschlacht, welche er als höchstes anzustrebendes Ziel der Kriegführung bereits während seiner aktiven Dienstzeit als Generalstabschef postuliert hatte, in der Menschheitsge­schichte erstmalig in voller Klarheit erkennbar wird. Schlieffen gelangte durch seine intensive Beschäftigung mit der jüngeren Militärgeschichte – im Mittelpunkt seiner Untersuchung stan­den die Kriege Friedrichs des Großen, die napoleonischen Kriege sowie die deutschen Einigungskriege 1866 und 1870/71 – zu der Auffassung, daß unabhängig von der völligen Veränderung der Rahmenbedingungen, innerhalb derer kriegerische Auseinandersetzungen auch verlaufen mögen, Gesetzmäßigkeiten existieren würden, welche über die Zeiten hinweg unverändert blieben.[5] Kurz gefaßt sah er den Schlüssel zum Sieg im Angriff gegen die Flanke des Feindes, welcher zusammen mit dem Umfassungsangriff „der wesentlichste Inhalt der Kriegsgeschichte sei“.[6] Bei seinem Vergleich des Feldherrntums von Hannibal, Friedrich, Napoleon und Moltke kam er zu dem Schluß, daß sich jeder Heerführer bei seinem Streben nach der Vernichtung des Gegners von den gleichen Gesetzen leiten lasse, unabhängig davon, ob er um ihr Vorhandensein wisse oder nicht.

Nicht zuletzt die fortgesetzte Betonung des Vernichtungsgedankens brachte ihm den Vor­wurf einer gewissen Einseitigkeit der Betrachtungsweise ein.[7] Der Vorwurf erscheint einerseits nachvollziehbar. Andererseits muß berücksichtigt werden, daß Schlieffen nicht die Herangehensweise eines Historikers an den Tag legte, sondern sich von der Zielsetzung leiten ließ, die Richtigkeit seiner strategischen und operativen Ansichten zu untermauern. Maßgeb­lich für seine Bewertung kann aber nur sein, ob er in seiner Untersuchung das Wesen, die bestimmenden Momente, welche Cannae kennzeichnen, richtig erkannte oder aber ob er sich durch sein einseitiges Erkenntnisinteresse fehlleiten ließ und der Vorwurf seiner Kritiker be­rechtigt ist, daß eine zu oberflächliche Beschäftigung mit dem Thema zu einer mißverstandenen, unrichtigen Auffassung der Ereignisse des Jahres 216 v. Chr. führte.

Ob hierin möglicherweise auch eine der Ursachen für folgenreiche Fehlentscheidungen der deutschen Führung während der Westoffensive im Jahre 1914 liegen, ist eine naheliegende Frage, die schon bald nach Ende des Krieges gestellt wurde und dazu beitrug, daß sich die Geister bezüglich der Beurteilung des alten Generalstabschefs schieden. Einer Vielzahl von Epigonen und Bewunderern stand eine nicht unerhebliche Anzahl an Kritikern gegenüber, allen voran Generaloberst von Seeckt.[8] Auch Gerhard Ritter kam in seiner Untersuchung Mitte der 50er Jahre zu einem sehr negativen Urteil[9], in jüngerer Zeit Wolfgang von Groote, der Schlieffen „einen oberflächlichen Umgang mit der Geschichte und eine ungenügende Analyse“ vorwarf.[10] Am schärfsten urteilte jüngst Heinrich Nolte, der Schlieffen gar einer „willkürlichen Verfälschung des taktischen Verlaufs“ bezichtigte.[11]

Es ist immerhin überraschend, daß Schlieffens Bemerkungen, die Cannae selbst gewid­met sind, lediglich drei Seiten umfassen. Auf ein umfassendes Studium der Quellen hat er ebenfalls verzichtet und die Ansichten von Delbrück recht unkritisch übernommen, obgleich diese zum damaligen Zeitpunkt keineswegs unangefochten waren. Vielmehr fällt die Schlief­fen’sche Studie in eine Zeit, in der das Interesse an militärgeschichtlichen Fragen der Altertumskunde ungleich höher war als in der Gegenwart und um zahlreiche Fragen jahre­lange Kontroversen geführt wurden, deren Hitzigkeit den heutigen Leser bisweilen überrascht.[12] Der Ablauf der Schlacht von Cannae zählte zu ihnen. Zahlreiche Althistoriker meldeten sich im Lauf der Jahrzehnte zu Wort, und doch treten die unterschiedlichen Stand­punkte am deutlichsten in zwei Personen hervor: Hans Delbrück und Johannes Kromayer.

Die beiden Antipoden sind vor vielen Jahrzehnten verstorben, der Streit verklungen. Be­reits vor ihnen erzeugte ein seit jeher großes Interesse der historischen Zunft an der Cannae-Schlacht eine fast unüberschaubare Fülle an Literatur, und auch nach ihnen ging die For­schung weiter. Dennoch kann man mit Groote sicherlich sagen, daß „der heutige Wissenstand [...] nach jahrhundertelangen Diskussionen besonders von den Arbeiten H. Delbrücks und J. Kromayers geprägt <ist>.“[13]

Wenn wir uns nun in der vorliegenden Arbeit bemühen, anhand der Quellenzeugnisse, die von den Ereignissen des 2. August des Jahres 216 v. Chr. Auskunft geben, ein zutreffendes Bild des Schlachtgeschehens zu gewinnen, werden die Streitfragen längst vergangener Tage einen gewissen Raum fordern. Dies ist nicht zuletzt deshalb unumgänglich, weil man schon bei einer oberflächlichen Beschäftigung mit der Cannae-Kontroverse rasch feststellt, daß die unterschiedlichen Standpunkte ihren Ursprung in einer zutieftst gegensätzlichen Auffassung vom Wesen des Phalangenkampfes im allgemeinen sowie der römischen Elementartaktik im besonderen haben. Daher erscheint es unumgänglich, zunächst auf diesem Gebiet Klarheit zu schaffen. Daß eine erschöpfende Behandlung des Themas im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich sein wird, sei an dieser Stelle bereits vorausgeschickt. Dennoch erscheint zumindest die Darstellung der grundlegenden Probleme im allgemeinen zum Verständnis der im spezi­ellen Fall bestehenden Gegensätze unumgänglich. Im Rahmen dieser Erörterung soll darüber hinaus der Standpunkt des Verfassers deutlich gemacht werden. Ferner soll der erste Teil die­ser Arbeit ein Bild vom Heerwesen der Römer und Karthager zur Zeit des 2. Punischen Krieges geben.

Bevor wir uns der Analyse des eigentlichen Schlachtgeschehens widmen können, muß des weiteren festgelegt werden, welche Quellen die Grundlage unseres Herangehens zu bilden haben. Hier hat der Grundsatz Delbrücks zu gelten, daß eine Quelle, deren Glaubwürdigkeit erst einmal nachhaltig erschüttert erscheint, für den weiteren Gang der Untersuchung aus­scheiden muß.[14] Kaum etwas ist gefährlicher, als sich in Ermangelung guter Quellen an die schlechten zu halten. An diesem Fehler krankt nicht nur der Großteil der zahlreichen popu­lärwissenschaftlichen Darstellungen der Schlacht von Cannae[15], sondern auch – soviel sei jetzt bereits gesagt – scheinbar wissenschaftlich fundierte Arbeiten wie die von Nolte.[16] Ha­ben wir hier festen Boden gewonnen, steht einem Rekonstruktionsversuch nichts mehr im Wege.

Neben der Lokalisierung des Schlachtfeldes, die insbesondere deshalb vorgenommen werden muß, um herauszufinden, inwieweit die Geländebedingungen den Schlachtverlauf beeinflußten, werden wir uns eingehend mit den Heeresstärken[17] zu beschäftigen haben. Gerade das Zahlenverhältnis, der Sieg Hannibals gegen eine doppelte Übermacht, hat viel zu einer mythischen Verklärung beigetragen, die bereits in der Antike feststellbar ist und bis auf den heutigen Tag andauert. Wie so häufig in der alten Geschichte, bewegen wir uns auch hier auf unsicherem Terrain.[18]

„Eine Bewegung, die eine Schar von 1.000 Mann ohne weiteres macht, ist für 10.000 Mann schon eine Leistung, für 50.000 ein Kunstwerk, für 100.000 eine Unmöglichkeit.“[19] Eingedenk dieser Feststellung kann es nicht nur um Klarheit im Zahlenverhältnis gehen, sondern gerade um eine richtige Vorstellung von den absoluten Zahlen. Diese exakt zu bestimmen, wird aller Voraussicht nach genauso wenig möglich sein wie eine präzise Aussage über die Länge der Schlachtordnung oder die Zahl der Toten. Auch erscheint der Versuch wenig sinnvoll, den Schlachtverlauf in das 24-Stunden-Schema eines Tages einzupassen.[20] Vielmehr gilt der Grundsatz, überall dort, wo die Quellenzeugnisse uns im Stich lassen, sich nicht in Spekulationen zu ergehen und ohne Scheu die Bereiche zu nennen, in denen letzte Gewißheit nicht gewonnen werden kann. Hier hat das Bemühen im Vordergrund zu stehen, die „großen allgemeinen Wahrheitsmomente“ (Delbrück) herauszukristallisieren[21], mit Hilfe derer wir ein schlüssiges Gesamtbild des Ereignisses gewinnen können.

Ein solches würde dann auch die Grundlage für eine kritische Prüfung der Annahme Schlieffens geben, der in der Schlacht von Cannae Gesetzmäßigkeiten des Krieges zu erkennen glaubte, die unabhängig von der technischen Entwicklung des Kriegswesens zu allen Zeiten Geltung hätten.[22] Mit der Schaffung einer derartigen Grundlage erschöpft sich allerdings die Zielsetzung dieser Arbeit. So interessant und gewinnbringend eine von dieser Basis ausgehende Analyse nicht nur des Schlieffen’schen Alterswerkes, sondern der neuzeitlichen Kriegführung im Ganzen auch erscheinen mag, fehlt uns dazu doch der Raum, und wir werden diesen Bereich nur oberflächlich streifen können. Dennoch sollte am Schluß der Arbeit eine grundsätzliche Bewertung von Schlieffens Cannae-Bild möglich sein.

2. Grundlagen der Rekonstruktion

2.1. Die Phalanx als Grundlage antiker Kriegführung

Bevor zu einer Analyse des Schlachtgeschehens übergegangen werden kann, soll zunächst knapp umrissen werden, auf welchem Stand sich das antike Kriegswesen zur Zeit des 2. Punischen Krieges befand. Hiermit soll die Grundlage für eine angemessene Beurteilung der Quellenzeugnisse gegeben werden.

Kennzeichnend für das Kriegswesen des Altertums ist die Zusammenfassung gepanzerten Fußvolks zu einem geschlossenen taktischen Körper, der Phalanx. Diese stellt eine ununterbrochene, mehrgliedrige Linearaufstellung dar. Sie wird gebildet von den Hopliten, im allgemeinen mit Helm, Harnisch, Schild und Beinschienen ausgerüstetem Fußvolk. Angriffswaffe ist die Stoßlanze; hinzu kommt als Hilfswaffe ein kurzes Schwert. Zur Zeit der Perserkriege erscheint die Phalanx bereits vollständig entwickelt. Wann genau der Entwicklungsprozeß weg von dem archaischen Zustand des Einzelgefechts hin zu dieser Stufe eingesetzt hat, läßt sich nicht bestimmen. Es kann jedoch als erwiesen angesehen werden, daß die Kampfdarstellungen in der Ilias, die bereits Merkmale des Hoplitengefechts erkennen lassen, einen Reflex der Kampfwirklichkeit in der Zeit der Abfassung dieses Werkes darstellen.[23] Die Anfänge des Prozesses reichen also mindestens bis ins 7. vorchristliche Jahrhundert zurück.

Im 5. Jahrhundert v. Chr., wo wir durch Herodot und Thukydides über brauchbare Quellen verfügen, erscheint die Phalanx als Instrument der Kriegführung bereits voll entwickelt. Die Schlachtentscheidung erfolgt nicht mehr als Masseneinzelkampf, sondern es stehen sich zwei taktische Körper gegenüber. Die kriegsgeschichtliche Bedeutung, die in dieser Entwicklung liegt, rechtfertigt es, eine nähere Erläuterung folgen zu lassen.

Aus der Ilias läßt sich nicht nur entnehmen, daß zur Zeit Homers bereits die Grundlagen des taktischen Körpers bestanden. Vielmehr wird wiederholt geschildert, wie ein einzelner Held eine große Zahl von Feinden vor sich hertreibt, sein Erscheinen allein ausreicht, um dem Kampfgeschehen eine Wende zu geben. Delbrück weist hier auf die Widersprüchlichkeit hin, welche ganz offenbar in diesem Vorgang liegt.[24] Wäre es nicht das Naheliegendste, daß eine kleine Gruppe seiner Gegner ihm geschlossen entgegentritt? Auch wenn der Held einen oder zwei von ihnen niederstrecken könnte, so müßte er doch unweigerlich einem gleichzeitig ausgeführten Angriff von mehreren Seiten erliegen. Die Erklärung des Widerspruchs liegt darin, daß angesichts der unmittelbaren Todesgefahr - aus psychologisch verständlichen Gründen – keiner zu dem notwendigen Bauernopfer bereit sein wird. Es findet sich aller Voraussicht nach nicht der Eine, der sich um der gemeinsamen Sache willen von der unfehlbaren Lanze des Recken durchbohren läßt, und indem der erste die Flucht ergreift, beginnt sich das Kräfteverhältnis bereits umzukehren. Aller Voraussicht nach werden die anderen ihm folgen. So verbürgt die Überlegenheit des Einen über den Einzelnen einer Gruppe auf einer primitiven Ebene der Auseinandersetzung den Erfolg selbst gegen die Übermacht.[25] Die Gefechtsbedingungen ändern sich jedoch, wenn es gelingt, aus der Vielzahl der Einzelnen eine durch Übung, Disziplin und Korpsgeist verbunde Einheit zu formen, welche von einem einheitlichen Willen gelenkt wird. Sie verkehren sich geradezu ins Gegenteil. Es ist nichts damit gewonnen, einige aus den vorderen Reihen niederzustrecken, da unweigerlich der vereinzelte Kämpfer der Übermacht unterliegen wird. Die psychologischen Nachteile sind nun auf der Seite des Angreifers.

„Die Idee des taktischen Körpers ist die Einheit des Willens in der Vielheit. Der Einzelne soll die ganze Energie seines Willens behalten und dennoch seinen Willen dem einheitlichen Willen unterordnen.“[26] Diese so einfach klingende Definition ist aber in ihrer Umsetzung äußerst schwer, da sie dem Wesen des Individuums zunächst zuwiderläuft. In den Gesängen Homers wird ein derartiger Vorgang erstmalig greifbar, um in den folgenden Jahrhunderten zur vollen Ausprägung zu gelangen.[27]

Zur Zeit der Perserkriege verfügten die Griechen über die Errungenschaft des taktischen Körpers. Dieser Umstand sicherte ihnen letztendlich aufgrund der eben ausgeführten Vorteile den Erfolg in der Auseinandersetzung mit dem mächtigen Perserreich, dessen Heeresmacht im wesentlichen auf der Ritterschaft beruhte, sich somit auf einer anderen Stufe der Entwicklung befand.[28] Die Phalanx sollte fortan die Grundlage der antiken Kriegführung bleiben.

In der Schlachtentscheidung sind es zwei Grundprinzipien, die wirksam werden: Die Tiefe der Aufstellung, von der die Stärke des Drucks abhängig ist, der nach vorn entfaltet werden kann und die Breite, welche eine Umfassung des Gegners ermöglicht: Die Phalangen bewegten sich zunächst langsam, die Ordnung haltend, aufeinander zu.[29] Nur die letzten 100 bis 150 Meter wurden im Sturmlauf zurückgelegt.[30] Es folgten Zusammenprall der Schlachtreihen und Handgemenge, wobei jeder Hoplit bemüht war, den Anschluß zum rechten Nachbarn zu halten.[31]

Thukydides schreibt von der Erscheinung des „Rechtsziehens“ der Phalangen in der Einleitungsphase, das bisweilen dazu führte, daß sich beide Schlachtreihen vollständig umeinander drehten und mit verkehrter Front weiter aufeinander vorgingen.[32] Es ist wahrscheinlich, daß alle Schlachten dieses Merkmal aufwiesen, da aufgrund der äußersten nervlichen Anspannung alle Beteiligten unwillkürlich dem naheliegenden Bedürfnis nachgaben, durch die Nähe des Nachbarn zusätzlichen Schutz zu erlangen. Hier kommt nicht zuletzt zum Ausdruck, wie stark die psychische Belastung für den Hopliten gewesen sein muß. John Keegan betont in seiner „Kultur des Krieges“, daß in der griechischen Kriegführung eine Unbarmherzigkeit liegt, die Naturvölkern im allgemeinen fremd ist.[33] Deren Kampftaktik sei eher zögerlich, indirekt und ausweichend. Um so ungeheuerlicher die Tat, „die natürliche Furcht des Menschen an die Grenze des Erträglichen zu treiben, [...] nichts anderes war die Entscheidung für die Taktik der Hopliten.“[34] Keegan ist voll und ganz zuzustimmen, wenn er auf die Neuartigkeit dieser Art der Kriegführung hinweist und meint, daß man ohne diese Einsicht die Eigentümlichkeit der Phalangenschlacht nicht verstehen könne.

Es stießen also dicht gedrängte Linien aufeinander, wobei kleinere Lücken durch Männer aus dem zweiten Glied aufgefüllt wurden. Der Hoplit mußte versuchen, mit seiner Lanze eine der ungepanzerten Stellen zwischen den Schilden zu treffen (Kehle, Achselhöhle oder Leistengegend). Durch den Zusammenprall kam das Gefecht zunächst zum Stehen, es begann der çqismÒj, das Drängen mit den Schilden, wobei versucht wurde, eine Lücke in der gegnerischen Schlachtreihe zu schaffen.[35] Gelang ein kleinerer Einbruch, so wurde versucht, ihn durch Nachdrängen der hinteren Glieder zu erweitern. Nun erst kam das Kurzschwert zur Anwendung, welches wohl vornehmlich gegen die Beine des Gegners eingesetzt wurde. Konnte der Einbruch erweitert werden, konnte es zum Durchbruch, der par£rrhxij, kommen. Diese war gleichbedeutend mit der Entscheidung. War die Schlachtordnung erst ins Wanken geraten, so waren die Auflösungserscheinungen nicht mehr zu stoppen. Eine geordnete Rückzugsbewegung war nicht mehr möglich. Die Schlacht endete in einer wilden Flucht der zersprengten Reihen, wobei sich die Fliehenden meist als erstes des schweren Schildes entledigten. In dieser letzten Phase kamen die Berittenen und die Leichtbewaffneten (yilo…), ansonsten eine untergeordnete Rolle spielend und meist nur als Plänkler eingesetzt, noch einmal zum Einsatz.[36]

Wie gezeigt wurde, kamen in der Schlacht im Normalfall nur die vorderen Glieder zum Einsatz der Waffen. Die hinteren Glieder hatten die Aufgabe, die durch Ausfälle bedingten Lücken auszufüllen und übten einen „physischen und moralischen Druck“ (Delbrück) aus. „Die tiefere Phalanx wird die flachere niederkämpfen, auch wenn auf beiden Seiten nur tatsächlich genau dieselbe Zahl der Kämpfer zum Gebrauch der Waffen gelangt.“[37] Dies ist das erste Wirkungsprinzip. Das zweite liegt darin, daß eben dieser Druck in dem Moment aufgehoben wird, wo die Phalanx von der Flanke angegriffen wird. In diesem Augenblick sind die äußeren Rotten gezwungen anzuhalten, um sich des Angriffs zu erwehren, und die ganze Schlachtordnung kann nicht weiter vorgehen, ohne zu zerreißen oder in Unordnung zu geraten: Der Druck nach vorn geht verloren. Ebenso wie bei der par£rrhxij, wo die Ordnung von innen heraus gesprengt wird, hat der flankierende Angriff eine ähnlich vernichtende Wirkung, indem er das Gefüge von außen her erschüttert. Zwischen diesen beiden Polen liegt demzufolge das Aufgabenfeld des Heerführers. Er hat der Zahl der eigenen und der gegnerischen Truppen gemäß die Tiefe und die Breite der eigenen Aufstellung festzulegen, wobei er gleichzeitig die Geländegegebenheiten zu berücksichtigen hat.[38] Stellt er die eigenen Truppen zu tief auf, besteht die Gefahr der Umfassung. Andererseits ist es aber auch denkbar, daß die Aufstellung zu flach gemacht wird, so daß sie in der Mitte zerbricht, ehe der Entlastung bringende Flankenangriff Wirkung zeigen kann. Die Aufgaben des Heerführers sind also sehr begrenzt. Der Begriff „Feldherr“ kann auf ihn noch nicht angewandt werden. Von dem Signal zum Vormarsch an, war es ihm nicht mehr möglich, auf den Gang der Dinge entscheidenden Einfluß zu nehmen. Er reihte sich als Vorkämpfer (prÒmacoj) ins vorderste Glied ein und spornte durch sein Beispiel die Hopliten zu höchstem Einsatz an.[39] Die Schlacht vollzog sich nun nach den ihr innewohnenden Gesetzmäßigkeiten.

In der Praxis scheint es dabei eher selten zur klassischen Parallelschlacht gekommen zu sein. Tatsächlich war es der Normalfall, daß die Schlachtreihen bedingt durch das angesprochene Phänomen des „Rechtsziehens“ schräg aufeinandertrafen, wobei der rechte Flügel den linken überragte. Demzufolge ergriff zumeist der linke Flügel zuerst die Flucht, den Rest der Schlachtordnung mit sich reißend. Umgekehrt kann man sagen, daß der Sieg fast immer bei der Seite lag, deren linker Flügel standhielt.[40] Dieser schematische Ablauf wurde erstmals durch den Thebaner Epaminondas durchbrochen, als er bei Leuktra eine Schwerpunktbildung auf dem linken Flügel (in den Quellen mit lox¾ f£lagx bezeichnet) vornahm. Den zu diesem Zwecke geschwächten rechten hielt er bewußt zurück, versagte ihn, womit er den üblichen Ablauf auf den Kopf stellte.[41] Das Ergebnis war die erste Niederlage der Spartaner in offener Feldschlacht. Daß diese dabei sogar über die zahlenmäßige Überlegenheit verfügt hatten, macht den Vorgang noch bemerkenswerter.

Der gesteckte Rahmen dieser Untersuchung gestattet es nicht, näher auf die schiefe Schlachtordnung des Epaminondas einzugehen. Es soll jedoch angemerkt werden, daß sich das Grundschema der Phalangenschlacht trotz des wichtigen, richtungsweisenden Impulses, den Leuktra für die künftige Entwicklung bedeutete, nicht veränderte, ebensowenig durch die makedonische Phalanx und Alexanders Taktik der verbundenen Waffen.[42] Die Grundbedingungen bleiben auch in späterer Zeit dieselben. Weiterhin bleiben Breite und Tiefe die ausschlaggebenden Faktoren. Als Charakteristikum ist nochmals festzuhalten, daß der Zusammenhalt der Formation als absolut überlebenswichtig angesehen worden ist. Stets war man sich der Anfälligkeit des Organismus bewußt, der seine ganze Kraft aus dem inhärenten Ordnungsprinzip zog. Die zugemessene Bedeutung wird nicht zuletzt anhand der Tatsache greifbar, daß man den geschlagenen Gegner nur sehr zögerlich oder gar nicht verfolgte, um nicht in Unordnung zu geraten. So heißt es bei Pausanias (4, 8, 11) von den Lakedaimoniern: Ãn d aÙto‹j kaˆ ¥llwj p£trion scolaiotšraj t¦j dièxeij poie‹stai, m¾ dialàsai t¾n t£xin ple…ona œcontej prÒnoian ½ tina ¢pokte‹nai feÚgonta.[43] Statt einer nachdrücklichen Verfolgung mit dem Ziel der völligen Vernichtung der feindlichen Streitkräfte war man eher zu einer Wiederholung des Waffengangs bereit.[44]

An dieser Stelle verlassen wir die Entwicklung des Griechischen Kriegswesens, um uns der Epoche zuzuwenden, welche im Mittelpunkt unserer Untersuchung steht, dem Zeitalter der punischen Kriege. Die Gesetzmäßigkeiten, die die Phalangenschlacht und damit die Kriegführung insgesamt bestimmt haben, scheinen hinreichend gekennzeichnet. Wenn wir uns in den beiden folgenden Abschnitten dem römischen und karthagischen Kriegswesen zuwenden, verfolgen wir in erster Linie das Ziel, zum einen den Stand der Entwicklung im 3. Jh. v. Chr. in ihren Besonderheiten darzustellen, zum anderen zu prüfen, ob die Grundgesetze der Phalangenschlacht weiterhin galten oder durch den Gang der Entwicklung eine Veränderung festzustellen ist, die für unsere Untersuchung von Cannae zu berücksichtigen wäre.

2.2. Das Heerwesen der Römer im Zeitalter der Punischen Kriege

In fast noch stärkerem Maße als bei dem Heerwesen der Griechen stellt die Quellenarmut für den Historiker ein Problem dar, da Rom in der Frühzeit geradezu als ein Analpha­betenstaat betrachtet werden kann. Die Überlieferung setzt erst zu einer Zeit ein, in der die Institutionen bereits vollständig ausgebildet sind und außerdem in so starkem Maße Allge­meingut gewesen zu sein scheinen, daß die Geschichtsschreiber, die überhaupt verwertbar sind, viele Punkte und Details, welche für uns von besonderem Interesse wären, kei­ner Erwähnung für würdig befanden.[45] Polybios schildert zwar im 6. Buch die Aushebung und Gliederung des Heeres, seine Ausrüstung und Bewaffnung sowie Marsch- und Lagerordnung, bedauerlicherweise fehlt jedoch eine Beschreibung der Elementartaktik, der Aufstellung zur Schlacht sowie die Schilderung ihres generellen Ablaufs. Daß eine solche Beschreibung ebenfalls im 6. Buch, welches nur unvollständig erhalten ist, gestanden haben muß, hat Eduard Meyer als wahrscheinlich angesehen.[46] Dennoch bleibt Polybios, insbesondere für die Zeit des Milizheeres unsere wichtigste Quelle. Caesar fällt bereits in die folgende Entwicklungsphase und Erörterungen über elementartaktische Fragen oder die Grundlagen des Heerwesens seiner Zeit finden sich bei ihm nicht. Große Vorsicht ist beim „grauenhaft theorisierenden und alle Epochen durcheinanderwerfenden Vegetius“ geboten.[47]

Zur Armut an Quellen steht die Fülle der Sekundärliteratur, von der Kahrstedt bereits Anfang des 20. Jahrhunderts meinte, man müsse hundert Jahre alt werden, um sie ganz gelesen zu haben, in krassem Gegensatz.[48] Trotz der intensiven Forschungstätigkeit gelang es aber in einigen Streitfragen nicht, zu einer wirklichen Klärung zu gelangen. So auch nicht auf dem Gebiet der römischen Elementartaktik, welcher - wie gesagt - unser verstärktes Interesse gilt. Es wird sich zeigen, daß einige einander widersprechende Rekonstruktionen von Cannae auf der Grundlage gänzlich unterschiedlicher Auffassungen in diesem Punkt zustande kamen.

Da eine Begrenzung des Stoffes unumgänglich ist, werden wir uns neben einigen kurzen Anmerkungen zur Frühzeit des Heerwesens im wesentlichen darauf beschränken, die Standpunkte in dieser Kontroverse, verkörpert in den Antipoden Delbrück und Kromayer, darzustellen und zu einer Bewertung zu kommen. Einzelfragen sind auszublenden und werden, sofern sie für uns von Interesse sind, im weiteren Verlauf der Untersuchung aufgegriffen.

Das römische Heer hatte in der Frühzeit ähnlich wie bei den griechischen pÒleij den Charakter einer Miliz. Während es bei den hellenischen Staaten jedoch die Ausnahme war, daß pandhme… ins Feld gezogen wurde, so begegnet uns bei den Römern schon sehr früh eine weitgehende Verwirklichung der allgemeinen Wehrpflicht.[49] Daß ursprünglich eine genokratische Gliederung des Aufgebots entsprechend der Stammesgruppen der Ramnes, Tities und Luceres bestanden haben muß, ist wahrscheinlich. An ihre Stelle trat aber schon sehr früh eine timokratische, dadurch bedingt, daß von einer Ausrüstung des Aufgebots durch den Staat zunächst keine Rede sein konnte und jeder Wehrpflichtige für seine Ausrüstung selbst aufkommen mußte, was sich naturgemäß in erheblichen Unterschieden in der Bewaffnung ausdrückte. Entsprechend der Vermögenslage brachte jeder Bürger an Ausrüstung mit, was er sich leisten konnte. Wer keine Schutzwaffen aufbringen konnte, wurde als Leichtbewaffneter eingesetzt. Der Dienst in der Reiterei dürfte im wesentlichen beim Patrizierstande gelegen haben.[50] Die Masse des Fußvolks wurde wie bei den Griechen in einem geschlossenen taktischen Körper zusammengefaßt. Das Aufgebot gliederte sich in zwei Legionen, die jeweils eine Sollstärke von 4.200 Mann hatten. Diese wiederum waren in Hundertschaften (Centurien) unterteilt, was einer Gesamtzahl von 84 Centurien entspricht. Zur Zeit der Perserkriege umfaßte das römische Gebiet 21 Tribus (17 ländliche und vier städtische), woraus erkennbar ist, daß jede Tribus vier Centurien zu stellen hatte. Mit Ausnahme der später durch Gebietserweiterung hinzugekommenen klustuminischen, welche vier Centurien Leichtbewaffnete (rorarii) aushob, gliederte sich diese Zahl in drei Centurien an Schwerbewaffneten und eine an Rorarii. Im frühen fünften Jahrhundert setzte sich das römische Fußvolk also aus 6.000 Hopliten und 2.400 Leichtbewaffneten zusammen. Die Normalstärke von 4.200 Mann, sich zusamensetzend aus 3.000 Schwerbewaffneten und 1.200 Rorarii beruht auf diesem zufälligen numerischen Verhältnis zur Zeit ihres Entstehens und sollte sich hartnäckig über die Zeiten hinweg halten.[51] Hinzu kamen sechs Centurien Reiter sowie fünf Centurien Schmiede, Schreiber, Musiker und Intendanturbeamte.[52]

Daß es sich bei der Legion um eine administrative Einrichtung handelt und in den Centurien keine taktischen Gliederungen zu sehen sind, sondern daß sie die Aushebungsbezirke repräsentierten, hat Delbrück plausibel nachgewiesen.[53] In der Frühzeit der Republik bedienten sich die Römer also für die Schlachtentscheidung der primitivsten Form des taktischen Körpers, einer schnörkellosen Hoplitenphalanx mit den im vorangegangenen Abschnitt gekennzeichneten Eigenschaften.[54]

Bis hierher scheint weitgehende Einigkeit zu bestehen. Die folgende Phase der Entwicklung gab jedoch Anlaß zu grundlegenden Differenzen, welche durch eine These Delbrücks ausgelöst wurden, mit der er in einem 1883 in der HZ veröffentlichten Aufsatz an die Öffentlichkeit trat.[55] Die damals herrschende, allgemein anerkannte und unangefochten dastehende Auffassung war, daß etwa in der Zeit der Samnitenkriege der Ausgangspunkt zu einer tiefgreifenden Wandlung gelegen habe, in der aus der Urform der Hoplitenphalanx eine ungleich diffizilere und dabei effektivere Form des taktischen Körpers entstanden sei. Diese Form, Manipularphalanx genannt, sei das Charakteristikum in der Taktik der Römer und habe sie letztlich erst in die Lage versetzt, die Vormachtstellung in Italien zu erringen. Ausgesehen habe sie wie folgt:[56] Die Legion erscheint nun nach Jahrgängen in drei Treffen gegliedert, die hintereinander Aufstellung nehmen. Die jüngsten Mannschaften, Hastati genannt, bilden das 1. Treffen (1.200 Mann), die mittleren, Principes, das 2. Treffen (1.200 Mann) und hinter diesen wiederum stehen die ältesten Jahrgänge, welche die Bezeichnung Triarier tragen und nur die halbe Stärke (600 Mann) aufweisen. Die Centurie besteht nur noch in Form der Bezeichnung für die kleinste Unterabteilung der Legion. Zwei von ihnen sind in einem Manipel zusammengefaßt, der bei Hastati und Principes 120 Mann stark ist, bei den Triarii 60 Mann umfaßt. Geht die Legion zur Schlachtordnung über, so nehmen die Manipel eine schachbrettförmige Aufstellung ein (Quincunxstellung), wobei die Intervalle der Frontlänge eines Manipel entsprechen.[57]

In der Schlacht kämpfen zunächst nur die Hastati des 1. Treffens. Sofern es ihnen nicht gelingt, den Feind zu werfen, ziehen sie sich durch die Intervalle zwischen den Manipeln der Principes zurück, und diese führen den Kampf fort. Die Triarii verharren im Hintertreffen und bilden eine Eingreifreserve.

Soweit die seinerzeit allgemein anerkannte Vorstellung von der spezifischen Fechtweise der Römer. Das entscheidende Merkmal an ihr ist die Ablösung während des Gefechts durch die frontbreiten Intervalle. Durch diese revolutionäre Taktik, so nahm man an, hätten die Römer den Vorteil gehabt, immer wieder frische Truppen ins Gefecht werfen zu können, wenn die Kraft der Vorderen erlahmte oder aus sonstigen Gründen eine Krise drohte. Dieses Bild krankt aber an einem inneren Widerspruch, welcher sich aus den vorangegangenen Ausführungen zur Natur des taktischen Körpers ergibt: Der Zusammenhalt der Formation ist das Lebensprinzip der Phalanx. Wo immer sich die Lücke auftut, drängt der Gegner hinein, wirft sich den Hopliten in die unbeschildete Flanke, diese müssen Halt machen und sich den Eindringlingen zuwenden, woraufhin der Vorwärtsdruck erlischt. Die Phalanx ist bewegungsunfähig. Jede Bewegung eines Teiles bringt unweigerlich das Ganze vollends in Unordnung. Genau dies tritt aber unweigerlich ein, da sich schon bald die ersten zur Flucht wenden werden. Die Fluchtbewegung greift dann mit großer Geschwindigkeit um sich und binnen kurzem ist das ganze Heer in Auflösung begriffen. – So sah, sehr stark vereinfacht, der Verlauf der Schlacht aus, wenn sich in der Antike zwei Phalangen gegenüberstanden. Delbrück warf nun zu Recht die Frage auf, weshalb die Römer dieser Gesetzmäßigkeit nicht unterlegen haben sollten. Würde der Feind nicht im Moment des Anpralls in die Lücken eindringen, den Hastaten-Manipeln von beiden Seiten in die Flanke fallen und diese zwischen sich zerdrücken? Ist es überhaupt durchführbar, die zur Ablösung notwendigen Distanzen, auf denen die ganze Taktik beruhen soll, beim Vormarsch einzuhalten?[58] Wie hat man sich die Ablösung vorzustellen? Würde der Feind die zurückgehenden Manipel friedlich ziehen lassen oder würde er nicht vielmehr unmittelbar nachdrängen? Wie sieht es aus, wenn auch die andere Seite eine Quincunx-Stellung einnimmt?

Es überrascht, daß vor Delbrück kein Historiker diese naheliegenden Fragen aufgeworfen hat. Alle ließen sich von der Autorität des Livius (welche damals ungleich größer war als heute), der in Buch 8, 8 eine sehr bestimmte Beschreibung dieses Vorgangs gibt, blenden. Da es auf diese Fragen in der Tat keine befriedigende Antwort gibt, vollzog Delbrück den mutigen Schritt, entgegen dem Zeugnis des Livius eine neue Interpretation der Manipularphalanx zu geben. Distantes inter se modicum spatium lautet die Formulierung des Livius, woraus sich ein Abstand von Manipelbreite nicht entnehmen läßt. Dieser wurde angenommen, da er im folgenden den Ablösevorgang, das Zurückziehen in die Intervalle zwischen den Principes beschreibt. Der Kern von Delbrücks Interpretation war nun, tatsächlich nur einen „mäßigen Abstand“ anzunehmen und das „Durchziehen“ des Ablösevorgangs als fehlerhaft zu verwerfen. Er sah in der römischen Manipularphalanx weiterhin einen geschlossenen taktischen Körper, der durch die eingefügten „mäßigen Intervalle“ lediglich Gelenke bekommen hatte. Die Zwischenräume hätten das Ziel gehabt, der Phalanx das Vorwärtskommen im Gelände wesentlich zu erleichtern und die zwangsläufig entstehenden Verschiebungen auszugleichen. Der Flügelmann eines Manipel mußte niemals Zweifel bekommen, wenn sich der Abstand zu den Nachbarn zu vergrößern begann. Entweder schloß sich die Lücke während des Vormarsches wieder von selbst oder aber einer der Principes-Manipel, welche auf die Intervalle ausgerichtet folgten, sprang rechtzeitig ein. Ebenso konnte es zu keinen Stauungen mehr kommen. Das Wesen der ursprünglichen Phalanx sah Delbrück also weiterhin als erhalten an. Die Manipel hatten keine taktische Selbständigkeit, sondern hatten im wesentlichen die Funktion, die Abschnitte in der Schlachtordnung zu markieren, welche dieser eine vergleichsweise mühelose Bewegung im Gelände ermöglichten. Außerdem boten sie den Leichtbewaffneten die Möglichkeit, sich kurz vor dem Zusammenstoß zurückzuziehen. Bei einer vollständig geschlossenen Linie wäre ihnen nur der Weg um die Flügel herum geblieben. Somit konnten sie länger am Feind bleiben.[59]

Es blieb das Problem, daß dieser Sichtweise scheinbar das Zeugnis des Livius (8, 8) entgegenstand. Nun ist es aber so, daß dieser Abschnitt eine Vielzahl von augenscheinlichen Widersprüchen enthält[60] und letztlich davon zeugt, daß Livius eben kein Experte in militärischen Dingen gewesen ist. Für unsere Passage nahm Delbrück an, daß sie auf einer antiquarischen Notiz beruht, welche Livius vorgelegen haben muß und sich der Widerspruch auflöst, wenn diese keine Schilderung des Schlachtgeschehens sondern eine Beschreibung des Exerzierbetriebes darstellt.[61]

So mutig Delbrücks Interpretation war, so wenig waren zahlreiche Fachkollegen bereit, ihm hier zu folgen. Während die sich in Deutschland entspinnende Kontroverse im Ausland zunächst nicht wahrgenommen wurde[62], fiel es seinen Zeitgenossen schwer, sich von den gewohnten Vorstellungen zu lösen. Vielmehr bemühte man sich wiederholt, zu einem Kompromiß zu kommen und durch eine erweiterte Interpretation sowie verschiedene Ergänzungen die Glaubwürdigkeit der Livius-Stelle zu retten. Den Anfang machte 1885 Hermann Soltau, der Delbrück darin Recht gab, daß das Fechten mit Intervallen eine Unmöglichkeit darstelle und daher annahm, daß man zwar mit den frontbreiten Zwischenräumen Aufstellung genommen hätte und in dieser Formation gegen den Feind marschiert sei, daß sie aber unmittelbar vor dem Zusammenprall durch Einnahme einer gelockerten Formation, welche gleichzeitig den Gebrauch der Waffe erleichtert habe, geschlossen worden seien. Für den Ablösevorgang habe man wieder die enge Aufstellung eingenommen.[63] Mit diesem Kunstgriff sah er das Problem als gelöst an.

Es ist offenkundig, daß mit dieser Auslegung wenig gewonnen ist. Auch wenn sich der Vorgang des Zusammenziehens und der Ablösung sehr schnell und geordnet vollziehen würde, was während des Kampfes doch immerhin als problematisch anzusehen ist, so würde selbst ein kurzer Moment dem Feind genügen, den Manipeln des 1. Treffens in die Flanke (namentlich die rechte, unbeschildete) zu fallen, erst recht, wenn die Principes abwarten, bis der Abstand ihrer Frontbreite entspricht und somit ein geordnetes Einrücken ermöglicht. Darüber hinaus widerlegt sich Soltau selbst durch die angeführte Polybius-Stelle (18, 13, 6), wenn er daraus entnimmt, daß man die Abstände deshalb verdoppeln mußte, weil der Legionär diesen Raum benötigte, um ungehindert die Waffe führen zu können. Dies hieße nämlich, daß er während des ohnehin schon kritischen Ablösevorgangs eben dazu nicht in der Lage gewesen wäre.[64] Soltaus Lösungsvorschlag war also keineswegs geeignet, Delbrücks Auffassung zu widerlegen. Delbrück nahm den Angriff von Soltau zum Anlaß für eine Erwiderung, in deren Rahmen er seinen Standpunkt erneut darlegte und argumentativ ergänzte.[65] Die Auseinandersetzung um die richtige Auffassung der römischen Manipulartaktik war damit aber keinesfalls beendet, sondern führt uns in ihrem weiteren Verlauf auf den eigentlichen Gegenstand unserer Untersuchung, die Schlacht von Cannae.[66]

Es muß an dieser Stelle nachgeschoben werden, daß Delbrück erst durch die Beschäftigung mit Cannae zu dem Schluß kam, daß die gesamte herkömmliche Ansicht von der römischen Elementartaktik unrichtig sei und einer grundlegenden Revision bedürfe. Wie bereits deutlich geworden ist, beruhte diese im wesentlichen auf der einschlägigen Stelle bei Livius. Die Überlieferung läßt keine Überprüfung am belegten Ablauf irgendeiner Schlacht zu.[67] Die Schlachtbeschreibungen, welche sich in dem monumentalen Geschichtswerk des Livius finden, sind für unsere Zwecke wertlos und allein legendarischen Charakters. Das starke Gewicht des Reiterkampfes läßt höchstens den Schluß zu, daß dieser in den Ebenen Italiens ein größeres Gewicht gehabt haben mag, als in dem geographisch gänzlich anders strukturierten Griechenland.[68] Cannae ist die erste Schlacht, bei der wir über hinreichendes Quellenmaterial verfügen. Nun ist es allerdings befremdlich, daß wir gerade hier von der livianischen Elementartaktik nichts hören. Polybios sagt, daß Varro die Manipel dichter stellte als sonst und die Tiefe um ein Vielfaches größer war als die Frontbreite.[69] Dies berechtigt allerdings keineswegs zu dem Schluß, daß er damit das gesamte taktische System über den Haufen geworfen hat.[70] Ganz im Gegenteil bereitet es im allgemeinen die größten Schwierigkeiten, im Kriege ein eingeschliffenes taktisches System zu verändern. Es bedurfte viele Jahre des Experimentierens auf dem spanischen Kriegsschauplatz, bis man aus dem römischen Bürgerheer ein dem karthagischen gleichwertiges Instrument geformt hatte.

Bei Zama, der zweiten großen Schlacht, über die wir uns ein hinreichendes Bild machen können, existierte die alte Manipulartaktik schon nicht mehr. Sie war einer Taktik gewichen, die sich bereits voneinander unabhängig operierender Treffen bediente und eine Vorstufe zur Kohortentaktik darstellte. Es bleibt also dabei, daß es sich bei Cannae, sofern wir an Livius festhalten wollten, um eine Ausnahme gehandelt haben müßte. Dies anzuerkennen war Delbrück nicht bereit, und die Gegner seiner Auffassung sollten sich damit schwer tun.

In Anlehnung an Soltau unternahm Bruno Kähler in seiner Dissertation von 1912 den Versuch, die Anwendung des Quincunx-Systems für Cannae nachzuweisen. Nach seiner Darstellung hätten sich die Velites unmittelbar vor dem Zusammenstoß der Schlachtreihen durch die Intervalle zurückgezogen, woraufhin die Legionäre den üblichen Gefechtsabstand von 6 Fuß eingenommen hätten. Durch das „Zusammendrängen“ vor dem karthagischen Zentrum[71], das Polybios erwähnt, sei allerdings wieder ein Abstand von drei Fuß zustande gekommen.[72] Ohne an dieser Stelle auf Einzelheiten eingehen zu können, sei nur kurz auf die Ungeheuerlichkeit des Vorganges hingewiesen, wenn sich eine Masse von 55.000 Menschen in kürzester Zeit von 2,8 auf 1,4 Kilometer zusammenzieht. Delbrück hat zu Recht auf die sachliche Unmöglichkeit hingewiesen und auch die sonstige Argumentation Kählers einer genauen Prüfung unterzogen, welche die Unhaltbarkeit seiner Beweisführung klarstellen konnte.[73]

Zeitgleich mit Kählers Dissertation erschien der III. Band der von Johannes Kromayer herausgegebenen „Antiken Schlachtfelder“.[74] Dieser enthält auch eine sehr ausführliche Untersuchung der Schlacht von Cannae, in der mehrere Übereinstimmungen mit Kähler zu finden sind.[75] In einem gesonderten Kapitel zur römischen Taktik und Fechtweise greift Kromayer die Auffassung Delbrücks aufs heftigste an.[76] Für Cannae selbst ist er zwar einerseits auch vom Bilde der Quincunx-Taktik abgekommen, was ihn andererseits aber nicht daran hindert, generell an ihrem Bestehen festzuhalten. Im Ergebnis meint er eine Kombination aus Massendruck und Einzelkampf erkennen zu können. Die Römer seien in einer lockeren Aufstellung angerückt, hätten sich dann unmittelbar vor dem Zusammenstoß auf einen Abstand von 3 Fuß zusammengezogen, worauf die 1. Kampfphase folgte, welche durch das Drängen mit den Schilden gekennzeichnet war und in welcher das Prinzip des Massendrucks zum Tragen gekommen sei. Wurde der Druck unerträglich, so nahm man dadurch, daß aus dem 1. Glied durchschnittlich jeder 2. Mann vorsprang, eine lockerere Aufstellung von sechs Fuß Abstand ein, welche den uneingeschränkten Einsatz des Schwertes ermöglichte.[77] Wenn beide Parteien wieder zu Kräften gekommen seien, wäre man wieder zum Drängen mit den Schilden übergegangen. Die Phasen hätten sich so lange abgewechselt, bis eine Seite die Überhand gewonnen gehabt hätte.

Diese Sichtweise des Kampfablaufes ist nun offensichtlich eine originale Schöpfung Kromayers. Beim Versuch, die livianische Überlieferung zu retten, gelangt er zu einer Auffassung, welche nicht nur in keiner Weise mehr von den Quellen gedeckt wird, sondern die auch, was die praktische Umsetzung anbelangt, sehr fragwürdig erscheinen muß. Zusätzlich zu den bereits angeführten Argumenten gegen die (nach wie vor vorausgesetzte) Quincunx-Aufstellung im allgemeinen und die Erklärungsversuche Kählers und Soltaus im besonderen muß man die Frage stellen, wie eine derart kunstvolle, filigrane Taktik unter den damaligen Verhältnissen umgesetzt worden sein soll. Sie würde ein Maß an Übung und Exercitium erfordern, welches bei einem Milizheer, das sich ja immer wieder aus neuen Wehrpflichtigen zusammensetzt, nur schwer vorstellbar ist. Kromayer setzt des weiteren voraus, daß die Ermüdung, welche zum Wechsel der Kampfphase führte, auf beiden Seiten gleichzeitig einsetzte. Wäre dies zutreffend, so würden sich gänzlich neue Perspektiven für die Beurteilung nicht nur der römischen Taktik sondern auch des Phalangenkampfes insgesamt ergeben.[78] Ferner ist der Ausgangspunkt Kromayers fragwürdig: Er setzt voraus, daß der Abstand von drei Fuß nicht ausreichend für den Kampf mit dem spanischen Schwert gewesen sei und man ohne entsprechenden Raum lediglich unwirksame „Nadelstiche“ hätte führen können.[79] Vegetius bezeichnet aber ausdrücklich drei Fuß als den nötigen spatium arma tractandi, und Flavius Josephus berichtet im „Jüdischen Krieg“ ausdrücklich von den festgefügten Reihen der Römer in der Schlacht.[80] Gerade die Kürze des gladius Hispaniensis läßt es sogar mehr als Stich- denn als Hiebwaffe geeignet erscheinen. Neben den von Delbrück vollkommen zu Recht angesprochenen Punkten gibt es aber weitere Unklarheiten bei Kromayer, die bislang noch nicht in die Diskussion eingebracht wurden.[81]

So äußert er sich nicht dazu, wie die Kontingente der Bundesgenossen in das System integriert waren. Daß die spezifische Fechtweise der Römer leicht erlernbar war, ist jedoch auszuschließen, da dieses nach Kromayer ja allen anderen überlegene System sonst sicher sehr bald von anderen Völkern adaptiert worden wäre. Daß die Alen der Bundesgenossen, wenigstens teilweise, in ihrer herkömmlichen Weise fochten, ist weder an irgendeiner Stelle überliefert, noch erscheint es vorstellbar. Ferner nimmt Kromayer an, daß ein längerer Kampf aufgrund der enormen körperlichen Anstrengung ohne Ablösung im Gefecht nicht möglich war. Wie man ohne diese Möglichkeit überhaupt gegen ein römisches Heer bestehen konnte, findet keine Erwähnung. Und um einen dritten Punkt anzusprechen: Wenn die makedonische Phalanx einen Rottenabstand von drei Fuß hatte, die römischen Legionen den doppelten, hätte die römische Schlachtordnung nicht bei gleicher Zahl an Kämpfern die doppelte Ausdehnung gehabt und wäre dadurch mühelos in der Lage gewesen, das feindliche Heer fast komplett zu umfassen?

[...]


[1] Schlieffen, Alfred Graf v.: Cannae. Aus: Ders.: Gesammelte Schriften, 1. Bd., Berlin 1913, S. 29.

[2] Vgl.: Freytag-Loringhoven, Freiherr v.: Generalfeldmarschall Graf v. Schlieffen. Lebensgang und Lebenswerk. Aus: Schlieffen, Graf Alfred v.: Gesammelte Schriften, 1. Bd., Berlin 1913, S. VII-XLIII.

[3] Delbrück, Hans: Geschichte der Kriegskunst. I.Tl.: Das Altertum. Photomechan. Nachdr. d. 3. Aufl. (Bln.³ 1920). Mit e. Einl. v. Karl Christ, Berlin 1964. Grundlage für Schlieffens Arbeit war die 1908 erschienene 2. Auflage des 1. Bandes.

[4] Schon bevor Schlieffen mit den Forschungen Delbrücks in Berührung kam, war die Herbeiführung der Vernichtungsschlacht durch die Umfassung aus der strategischen Defensive heraus der bestimmende Punkt in den unter ihm vom Generalstab erarbeiteten Operationsplänen und tritt überdeutlich in Planspielen, taktisch-strategischen Aufgaben, Generalstabsreisen und nicht zuletzt seinen Denkschriften hervor. Siehe hierzu: Senger u. Etterlin, Ferdinand v.: Cannae, Schlieffen und die Abwehr. In: Wehrwissenschaftliche Rundschau, 13. Jg. (1963), S. 26-43. Daß dieser Form der Entscheidung absoluter Vorrang eingeräumt wurde, läßt sich auch aus der Tatsache ersehen, daß das Wort „Durchbruch“ in den unter seinem Einfluß erarbeiteten „Instruktionen für die höheren Truppenführer“ überhaupt nicht mehr vorkommt. Vgl. hierzu Krafft von Dellmensingen, Konrad: Der Durchbruch. Studie an Hand der Vorgänge des Weltkrieges 1914-1918, Hamburg 1937, S. 11-17.

[5] „Waffen und Kampfesart haben sich seit 2000 Jahren völlig geändert. Man geht sich nicht mit kurzen Schwertern zu Leibe, sondern man beschießt sich auf Tausenden von Metern; der Bogen ist durch das Rücklaufgeschütz, die Schleuder durch das Maschinengewehr ersetzt worden. An die Stelle von Metzeleien sind Kapitulationen getreten. Die großen Schlachtbedingungen sind indes unverändert geblieben.“ Schlieffen 1913, S. 29.

[6] Zit. nach Senger u. Etterlin 1963, S. 26.

[7] Freytag–Loringhoven weist darauf hin, daß die fortgesetzte Betonung des Vernichtungsgedankens Schlieffen schon früher als einseitig vorgeworfen wurde. Er habe darauf erwidert: „Ja, es mag ja langweilig sein; es kommt eben immer auf das dumme Gesiege heraus.“ Zit. nach Freytag-Loringhoven 1913, S. XXXVI.

[8] Vgl. insbes. Seeckt, Gen. Ob. v.: Gedanken eines Soldaten, erw. Ausg. Leipzig 1935, S. 12ff.

[9] Ritter, Gerhard: Der Schlieffenplan. Kritik eines Mythos, München 1956.

[10] Groote, Wolfgang v.: Historische Vorbilder des Feldzugs 1914 im Westen. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen, 47. Jg. (1990), S. 33-55.

[11] Nolte, Heinrich: Vom Cannae-Mythos. Tendenzen und Katastrophen. Göttingen u. Zürich 1991 [Zur Kritik der Geschichtsschreibung; 5], S. 94.

[12] Eine Aufzählung erscheint müßig. Im Mittelpunkt standen das Kriegswesen, die Elementartaktik und die Strategie im allgemeinen. Gleichzeitig galt das Interesse aber auch Einzelfragen bezüglich einer Vielzahl an Schlachten und Gefechten.

[13] Groote 1990, S. 11.

[14] Vgl. Delbrück, Hans: Die Manipularlegion und die Schlacht bei Cannae. In: Hermes, 21. Jg. (1886), S. 69.

[15] Dieses umfangreiche Gebiet der Cannae-Literatur wird im folgenden allenfalls exempli causa gestreift.

[16] Vgl. Nolte 1991, insb. S. 29-40. Abschnitt III: „Die Wahrheit über Cannae”. Kennzeichnend für Noltes Arbeit ist, daß er vollkommen wahllos und unkritisch aus allen erreichbaren Quellen zusammenwirft, was ihm für seine Argumentation dienlich erscheint. Von einer kritischen Bewertung seiner Quellen sieht er gänzlich ab. Angesichts der scharfen Polemik, mit der er Schlieffen einer quellen- und sachwidrigen Darstellungsweise sowie „tendenziöser Vergewaltigung geschichtlicher Wahrheit“ (S. 94) bezichtigt, muß dies umso mehr verwundern.

[17] „In der Geschichte des Kriegswesens gibt es gar nichts Wichtigeres als die Stärkezahlen.“ Daniels, Emil: Das antike Kriegswesen, Berlin u. Leipzig2 1920 [Geschichte des Kriegswesens; I], S. 21.

[18] „The numbers of the Roman army at Cannae are open to doubt.“ Dorey, Thomas Alan u. Donald Reynolds Douglas: Rome against Carthage, London 1971, S. 63.

[19] Delbrück I 1920, S. 7.

[20] Derartige Versuche wurden mehrfach gemacht, können aber aufgrund der zahlreichen Unsicherheitsfaktoren nicht wirklich befriedigen. Vgl. Kähler, Bruno: Die Schlacht von Cannae, ihr Verlauf und ihre Quellen. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde genehmigt v. d. Philosophischen Fakultät d. Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Berlin 1912, S. 32 ff. oder Lehmann, Konrad: Von Polybios' Schreibtisch. Nachprüfung seiner Arbeitsweise an seinem Cannä-Bericht. In: Rheinisches Museum, 80. Jg. (1931), S. 322 ff.

[21] Delbrück, Hans: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. IV. Tl.: Neuzeit. Photomechan. Nachdr. d. 1. Aufl. (Bln. 1920). Mit e. Einl. v. Otto Haintz, Berlin 1962, S. 181.

[22] „Die Kriegstaktik hängt von dem Niveau der Kriegstechnik ab.“ schreibt Lenin unter Berufung auf Engels. Das sozialistische Geschichtsbild scheint eine Annahme wie die von Schlieffen auszuschließen. Zit. nach Kertész, Istvan: Die Schlacht bei Cannae und ihr Einfluß auf die Entwicklung der Kriegskunst. In: Wiss. Beiträge d. Martin-Luther-Univ. Halle-Wittenberg, Jg. 1980, Hft. 38, S. 31.

[23] Hierzu Latacz, Joachim: Kampfparänese, Kampfdarstellung und Kampfwirklichkeit in der Ilias, bei Kallinos und Tirtaios, München 1977.

[24] Delbrück, Hans: Die Perserkriege und die Burgunderkriege. Zwei combinierte kriegsgeschichtliche Studien nebst einem Anhang über die römische Manipulartaktik, Berlin 1887, S. 16 ff. Insbesondere der einleitende Abschnitt ist als grundlegend für das Verständnis des antiken Kriegswesens anzusehen.

[25] Hierin liegt auch die psychologische Erklärung für die Jahrhunderte währende unbedingte Überlegenheit des mittelalterlichen Ritters über den Ungewappneten. Delbrück weist in seiner vergleichenden Studie auf eine Vielzahl überraschender Parallelen zwischen der griechischen Phalanx und den Gevierthaufen der Schweizer hin, welche in den Burgunderkriegen die Überlegenheit des taktischen Körpers gegenüber den qualitativ weit überlegenen, im Kern aus Rittern bestehenden Truppen Karls des Kühnen mehrfach unter Beweis stellten.

[26] Delbrück 1887, S.20.

[27] Dennoch liegt in den Kampfschilderungen Homers anscheinend ein Widerspruch, den sowohl Delbrück als auch die Homerforschung noch nicht aufzulösen imstande war: Der innere Wahrheitsgehalt der Aristien war evident, dennoch sind die im Epos dargestellten Einzelkämpfe mit taktischen Ordnungen, selbst wenn diese sich noch auf einer rudimentären Stufe befinden, nicht vereinbar. Delbrück suchte die Erklärung in der Natur des Volksepos, welches vergangene Geschehnisse nicht aus historischer Erinnerung besang, sondern sich bemühte, die Zustände lange vergangener Zeiten zu rekonstruieren, dabei aber zu sehr in der Vorstellungswelt und den Institutionen der Gegenwart befangen war, um diese gänzlich eliminieren zu können (Ebd., S. 28). Auch die neuere Forschung hielt die Kampfszenen lange Zeit für ein unentwirrbares Phantasieprodukt. Erst Latacz konnte Ende der 70er Jahre durch eine umfassende Strukturanalyse und den Vergleich mit den Paränesen von Kallinos und Tyrtaios (deren Realitätsgehalt unstrittig war) den Nachweis erbringen, „daß die Ilias-Schlachten [...] kein chaotisches Gewühl bilden, das durch mechanische Addition von Monomachien und Aristien entstanden wäre (dichterische Agglomeration), sondern daß sie nach einem übergreifenden Strukturierungsprinzip geformt sind.“ Latacz 1977, S. 243. Massenkampf und Einzelkampf bilden eine Einheit. Der Einzelne repräsentiert zugleich auch die Masse.

[28] Vgl. Delbrück 1887, S. 43; Ders. I 1920, S. 46-51; Daniels 1920, S. 17 ff.

[29] Vgl. Polyän (1, 10): Die Herakliden werden beim Opfern von ihren Gegnern, den Spartanern, überfallen. Unerschrocken befehlen sie jedoch ihren Pfeifern, voranzuschreiten. (oƒ d Ðpl‹tai prÕj tÕ mšloj kaˆ tÕn ·uqmÕn: ™mba…nontej ¨rrhktoi t¾n t£xin ™gšnonto kaˆ toÝj polem…ouj ™n…khsan). Nach der Musik und im Takt gingen ihre Krieger vorwärts, bildeten eine zusammenhängende Schlachtlinie und siegten. Ein Gott verhieß ihnen darauf den steten Sieg, solange sie im Krieg Flötenspieler bei sich und nicht gegen sich hätten. - Man muß hieraus den Schluß ziehen, daß das Flötenspiel nicht zur Erbauung und Aufmunterung erklang, sondern dazu diente, die Ordnung im Vorgehen aufrechtzuerhalten, da eine ungeordnet vorstürmende Menge die Flötenmusik übertönen würde. Vgl. außerdem Plut., Lyc. 22; Thuk. 5, 70.

[30] Delbrück hat sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, welche Strecke ein Hoplit in voller Rüstung maximal im Laufschritt zurückgelegt haben kann. Er kommt entgegen dem Zeugnis von Herodot, der berichtet, daß die Athener bei Marathon einen Anlauf von acht Stadien genommen hätten, zu der Auffassung, daß 120 bis 150 Meter die Grenze des Möglichen darstellen. Delbrück I 1920, S. 54-58. Ähnlich Daniels 1920, S. 25.

[31] Da die linke Seite durch den großen ovalen Schild (Óplon) geschützt war, drohte das Verderben von der rechten, so daß man gut beraten war, möglichst wenig Abstand zum Nebenmann entstehen zu lassen, dessen Schild einem zusätzliche Deckung geben konnte. Auf keinen Fall durfte die Lücke so groß sein, daß der Feind eindringen konnte.

[32] Thuk. V, 71. Vgl. Rüstow, W. u. H. Köchly: Geschichte des griechischen Kriegswesens von der ältesten Zeit bis auf Pyrrhos. Nachdr. d. Ausg. von 1852, Osnabrück 1973, S. 126 ff. u. 143.

[33] Keegan merkt an, daß die Perser noch zur Zeit des Alexanderzuges der Tradition des Vorderen Orients verhaftet waren, „einem Handgemenge aus dem Weg zu gehen, hinter einem Schirm von Geschossen zu kämpfen, und sich darauf zu verlassen, daß Hindernisse das Vorgehen des Feindes behinderten.“ Diese uralte kriegerische Tradition prägte weiterhin die Kampfweise, obwohl zu dieser Zeit zahlreiche griechische Söldner im Heer des Großkönigs kämpften. Keegan, John: Die Kultur des Krieges. Dt. v. Karl A. Klewer, Hamburg² 2001, S. 380.

[34] Ebd., S. 364 ff.

[35] Vgl. Zu den folgenden Ausführungen bezügl. d. Quellen und zum besseren Verständnis die ebenso detaillierte wie einfühlsame Rekonstruktion des Hoplitenkampfes bei Hanson, Victor Davis: The Western Way of War. Infantry Battle in Classical Greece, New York 1989, Chapt. IV. Weitere Aspekte in Ders. (Hg.): Hoplites. The Classical Greek Battle Experience, London u. New York² 1991.

[36] Zu den yilo… ist anzumerken, daß mit diesem Sammelbegriff alle die gemeint sind, welche keine Schutzrüstung tragen. Die Übersetzung „Ungewappnete“ dürfte am zutreffendsten sein. Einerseits also die Troßknechte, andererseits aber auch Spezialtruppen wie Bogner, Speerwerfer oder Schleuderer. Delbrück weist zu Recht darauf hin, daß wir sie uns – ähnlich der Reiterei – durchaus als Elitetruppe vorzustellen haben. Obgleich billiger in der Ausrüstung, mußten sie zur Handhabung ihrer Waffe das entsprechende Geschick erst erwerben und die notwendige Selbständigkeit im Handeln aufbringen. Beide Eigenschaften waren von etwas geringerer Bedeutung, wenn man den Mann in die Phalanx einreihte. Vgl. Delbrück I 1920, S. 110 ff.

[37] Ebd., S. 32.

[38] Daß das Gelände von großer Bedeutung sein kann, ergibt sich aus den vorangegangenen Ausführungen. Deckt ein Geländehindernis einen oder gar beide Flügel, wird die Flankierung erschwert oder gar unmöglich gemacht. Vgl. hierzu Delbrücks Rekonstruktion von Marathon (Delbrück I 1920, S. 58 ff.). Mitunter kann die genaue Lokalisierung des Schlachtfeldes erst das Verständnis der quellenmäßigen Überlieferung ermöglichen.

[39] Daher zählte er im Falle einer Niederlage auch allzu häufig zu den Gefallenen: Kallias bei Potideia (Thuk., 1, 63, 3), Leonidas an den Thermopylen (Hdt., 7, 224) oder Klearchos bei Kunaxa (Xen. An. 1, 8, 4-5) sind nur drei Beispiele unter vielen. Vgl. auch Hanson 1989, 112 ff.

[40] Vgl. Rüstow-Köchly 1852, S. 144 ff.

[41] Vgl. Delbrück I 1920, S. 156 ff.

[42] Auf das macedonische Heerwesen und seine Weiterentwicklung im Zeitalter des Hellenismus wird unter 2.3. im Zusammenhang mit dem karthagischen Heerwesen einzugehen sein.

[43] Ähnlich auch Thuk. 5, 73. Zahlreiche weitere Belege führt Delbrück an, u.a. weist er auf die Passage oÙd' ™gkatale…yw tÕn parast£thn (Delbrück I 1920, S. 38 ff.) des Bürgereides der Athener hin; des weiteren soll Erwähnung finden, daß er im Zusammenhang ein Zitat aus den Aufzeichnungen des Kaisers Franz I. für seinen Bruder Karl von Lothringen aus dem Jahr 1757 über die Kriegsweise der Preußen bringt, welches eine auffällige Ähnlichkeit zu angeführtem Pausanias-Zitat aufweist: „Sie verstünden aus einem erfochtenen Sieg nur selten bedeutsame Vorteile zu ziehen. Die Ursache sei, daß sie nichts so sehr fürchteten, als ihre Reihen in Unordnung zu bringen, weshalb sie rasches Nachdrängen meistens vermieden.“

[44] Vgl. Hanson 1989, S. 36.

[45] Vgl. Veith Georg: Zeit des Milizheeres. In: Kromayer, Johannes u. Georg Veith: Heerwesen und Kriegführung der Griechen und Römer. Unter Mitarb. v. A. Köster, E. v. Nischer u. E.Schramm, München 1928 [Handb. d. Altertumswiss.; IV. Abt., 3. Tl., 2. Bd.], S. 252 f.

[46] Vgl. Meyer, Eduard: Das römische Manipularheer, seine Entwicklung und seine Vorstufen, Berlin 1923 [Abhandl. d. Preuss. Akad. d. Wiss. Jg. 1923, Philosophisch-Historische Klasse; Nr. 3], S. 3.

[47] Veith 1928, S.252.

[48] Zit. nach ebd., S. 253. So gesehen ist es schon fast begrüßenswert, daß das Interesse in den letzten 50 Jahren stark nachgelassen hat.

[49] Vgl. Daniels 1920, S.61.

[50] Vgl. Veith 1928, S. 257 ff.

[51] Selbstverständlich kam es immer wieder zu Abweichungen von dieser Sollstärke. Im Bedarfsfall konnte die Legion durchaus auf 5.000 Mann verstärkt werden. Andererseits fehlen Nachrichten, daß man diesen Wert überschritt. Im Bedarfsfall erhöhte man die Zahl der Legionen.

[52] Vgl. zu obigen Ausführungen Delbrück I 1920, S. 264-267 u. 272 ff.; Daniels 1920, S. 61 ff.

[53] Vgl. Delbrück I 1920, S. 270 f.

[54] Keppie, L.: The Making of the Roman Army, London 1984, S. 18. Veith äußert in diesem Zusammenhang die Annahme, daß diese römische Ausprägung der Phalanx von der „kultivierten Vollendung“ der griechischen weit entfernt gewesen sein muß, was hier als ergänzender Hinweis sicher wichtig ist. Siehe Veith 1928, S.262.

[55] Delbrück, Hans: Die römische Manipulartaktik. In: HZ, 51.Jg. (1883), S. 239-264. Diesem Aufsatz folgten im Rahmen der sich entspinnenden Kontroverse weitere, in denen er seine Ansichten in einigen Punkten geringfügig modifizierte. Für den letzten Stand sei verwiesen auf Delbrück I 1920, S. 279 ff.

[56] Vgl. zu den folgenden Ausführungen: Marquardt, Joachim: Römische Staatsverwaltung. 2. Bd., 3. Aufl. bes. v. H. Dessau u. A. v. Domaszewski, Darmstadt 1957, S. 317 ff.

[57] Man nahm dabei an, daß in der Front 20 Mann standen und die Rotten eine Tiefe von 6 Mann (bzw. 3 bei den Triarii) hatten.

[58] Man führe sich vor Augen, welche Schwierigkeiten allein der Vormarsch einer geschlossenen Linie bereitet. Selbst für die Heere zu Delbrücks Lebzeiten war das Einhalten von Distanzen auf dem Exerzierplatz eine der schwierigsten Aufgaben, obwohl man es in der Exerzierkunst zu einer nie dagewesenen Perfektion gebracht hatte. Die äußerste nervliche Anspannung angesichts des unmittelbar bevorstehenden Gefechts käme in unserem Fall hinzu. Ferner Geländeunebenheiten und Hindernisse. Man muß Delbrück Recht geben, daß das Einhalten der Abstände in der Praxis nicht möglich wäre. Vgl. Delbrück 1883, S. 241 f. Im folgenden noch eine Anekdote, die Delbrück in seinem Aufsatz „Die Manipularlegion und die Schlacht von Cannae“ bringt: „Ein hoher preussischer Offizier, mit dem ich über die Taktik der Alten sprach, sagte mir einmal, er könne sich eigentlich kaum vorstellen, wie ein solches Heer auch nur 10 Schritt weit vorwärts gekommen sei. Sicher konnte es nur mit äußerster Langsamkeit unter fortwährendem Haltmachen und Wiederausrichten geschehen. Das preußische Heer Ende des vorigen Jahrhunderts (sc. des 18. Jh., d. Verf.) gebrauchte, einmal aufmarschiert, stundenlang, um auch nur eine Viertelsmeile vorwärts zu kommen.“ Delbrück 1886, S. 76.

[59] Vgl. Delbrück 1883, S. 244.

[60] Die mit dieser für die Militärgeschichte wichtigen Passage verknüpften Fragen zu behandeln, gehört nicht in den Rahmen dieser Untersuchung. Es sei lediglich darauf hingewiesen, daß Delbrück zu einer bemerkenswerten Interpretation dieser Textstelle gekommen ist, die einige Fragen geklärt haben dürfte. Vgl. Delbrück I 1920, S. 300-305.

[61] Es liegt auf der Hand, daß es ein solches Exerzieren gegeben haben muß, da das Einrücken in die Lücke zum rechten Zeitpunkt keineswegs einfach ist, von dem reibungslosen Ablauf aber Sieg und Niederlage abhängen können. Delbrück weist in diesem Zusammenhang auch auf die Verantwortung der Centurionen hin, die über den Zeitpunkt des Einrückens zu entscheiden hatten. Dieses durfte einerseits nicht zu früh erfolgen, da eine Vergrößerung des Abstands durchaus nur eine vorübergehende sein konnte. Andererseits mußte es, wenn erforderlich, mit unbedingter Zuverlässigkeit erfolgen.

[62] Vgl. Dodge, Theodore Ayrault: Hannibal. A History of the Art of War among the Carthaginians and Romans down to the Battle of Pydna, 168 b.c., with a Detailed Account of the Second Punic War. Unveränd. Nachdr. d. 1. Ausg. (Boston 1891). New York 1995, S. 45. Es wurde weiterhin von Intervallen in Breite der Manipel, fußend auf Livius (8, 8), ausgegangen. Eine Erwähnung der anderslautenden Interpretation findet nicht statt.

[63] Soltau, W.: Die Manipulartaktik. In: Hermes, 20. Jg. (1885), S. 262-267.

[64] Vgl. ebd., S. 265.

[65] Vgl. Delbrück 1886, insb. S. 65-68.

[66] Der Rahmen dieser Untersuchung läßt es nicht zu, die Kontroverse in ihrer Gesamtheit bibliographisch zu erfassen. Daher werden lediglich die wichtigsten Veröffentlichungen angeführt. Weitere Literaturhinweise gibt Seibert, Jakob: Forschungen zu Hannibal, Darmstadt 1993, S. 166, Anm. 21.

[67] Zum Phänomen sog. „Annalistenschlachten“ s.u. 3.1.

[68] Vgl. Delbrück I 1920, S. 259 ff. Zu Delbrück’s These vom altrömischen Rittertum, welche er aus dieser Beobachtung ableitete, sei hier angemerkt, daß sie aus Gründen, welche bereits Georg Veith im Handbuch d. Altertumswiss. dargelegt hat, wohl nicht haltbar ist und sich in der Forschung nicht durchsetzen konnte. Vgl. Veith 1928, S. 256 f.

[69] Polyb. 3, 113: puknotšraj À prÒsqen t¦j shma…aj kaqist£nwn kaˆ poiîn pollapl£sion tÕ b£qoj ™n ta‹j spe…raij toà metèpou.

[70] „Man wird Varro nicht zumuthen, oder wenn er es gethan, nicht glauben, dass unsere zahlreichen und ausführlichen Quellen es völlig verschweigen würden, daß er für diese Schlacht die übliche Fechtweise fundamental habe ändern und das Durchziehen, wenn es denn Reglement war, unmöglich machen wollen.“ Delbrück 1886, S.76.

[71] suntršcontej ™pˆ t¦ mšsa, Pol. 3, 115, 8.

[72] Kähler 1912, S. 33 u. 38.

[73] Delbrück, Hans: Die Schlacht bei Cannä. In: HZ, 109. Jg. (1912), S. 481-507. Zu Kählers Diss. vgl. S. 481-485.

[74] Kromayer, Johannes u. Georg Veith: Antike Schlachtfelder. Bausteine einer antiken Kriegsgeschichte. Bd.III, 1. Abt., Berlin 1912.

[75] Kähler 1912, S. 80.

[76] Bezeichnend für die Auseinandersetzung zwischen Delbrück und Kromayer ist ein ungewöhnlich scharfer, mitunter persönlich verletzender Ton. Das schlechte Verhältnis zwischen den beiden Wissenschaftlern steigerte sich im Laufe der Jahre bis hin zu einer persönlichen Feindschaft. Dabei ging es nicht nur um die grundsätzlich unterschiedliche Auffassung der antiken Kriegführung. Auch in dem sog. „Strategiestreit“, in welchem es um die grundsätzliche Beurteilung der Strategie Friedrichs des Großen im Siebenjährigen Krieg ging, vertraten beide gänzlich verschiedene Ansichten.

[77] „Man mag sich das vorstellen als ausgehend von den beiderseitigen ersten Gliedern, die den Druck von hinten nicht mehr ertragen, um Luft und Raum zur Waffenführung schreien, stoßen, mit allen Mitteln der Stimme, der physischen Kraft ihre hinter ihnen stehenden Kameraden veranlassen, Raum zu geben zur Lockerung.“ Kromayer 1912 III 1, S. 351.

[78] Delbrück 1912 S. 492 f.

[79] Kromayer 1912 III 1, S. 363.

[80] Veg. 3, 14; Ios. 3, 5, 7.

[81] Zum Problem der Rottenbreite und ihrer Abhängigkeit von der Bewaffnung vgl. auch Delbrück 1920 I, S. 429-441.

Ende der Leseprobe aus 98 Seiten

Details

Titel
Untersuchungen zur Schlacht von Cannae (216 v. Chr.)
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich-Meinecke-Institut)
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
98
Katalognummer
V7138
ISBN (eBook)
9783638144872
ISBN (Buch)
9783656289340
Dateigröße
3658 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Untersuchungen, Schlacht, Cannae
Arbeit zitieren
Ingmar Knacke (Autor), 2002, Untersuchungen zur Schlacht von Cannae (216 v. Chr.), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7138

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