Bis zur Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stellte das „Modell Deutschland“ eine viel geschätzte Organisation des Sozialstaates dar. In der aktuellen Diskussion firmiert die Bundesrepublik hingegen allenfalls als „kranker Mann Europas“. Angesichts einer strukturell verfestigten Arbeitslosigkeit von nahezu 10 Prozent der arbeitfähigen Bevölkerung, demographischer Horrorszenarien und einer nicht enden wollenden Alimentierung der neuen Bundesländer stellt sich die Frage, wie Deutschland wieder erfolgreich und gleichzeitig weiter sozial sein kann. Was lässt sich von anderen Sozialstaatsmodellen lernen? Warum sind andere offensichtlich erfolgreicher?
In der vorliegenden Arbeit werden zunächst die Typen des Wohlfahrtsstaates nach Esping-Andersens Typologie erläutert (Teil 2), anschließend wird der Blick auf die jeweiligen Funktionen des Sozialstaats im politischen System Großbritanniens (3.1.), Deutschlands (3.2.) und Schwedens (3.3.) gerichtet. Dabei sollen die Geschichte und die Gründe, die zur Etablierung des jeweiligen Typs führten, ebenfalls erläutert werden. Diese Arbeit schließt mit einem Ausblick, in dem zusammenfassend dargestellt wird, ob eine Chance des Lernens im europäischen Kontext gegeben ist und wie speziell Deutschland von den Erfahrungen der Nachbarstaaten profitieren kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Herausforderungen des Wohlfahrtsstaates
3. Typen der Wohlfahrtsstaatlichkeit
4. Funktionen im politischen System
4. 1. Liberaler Typus: Großbritannien
4. 2. Konservativer Typus: Deutschland
4. 3. Sozialdemokratischer Typus: Schweden
5. Ausblick
6. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht vor dem Hintergrund aktueller ökonomischer und demographischer Herausforderungen die verschiedenen Ausprägungen von Wohlfahrtsstaaten in Europa. Ziel ist es, anhand der Typologie von Esping-Andersen die Funktionsweise sowie die institutionellen Besonderheiten der Sozialsysteme in Großbritannien, Deutschland und Schweden zu vergleichen, um daraus mögliche Lerneffekte für die deutsche Sozialpolitik abzuleiten.
- Vergleichende Analyse der Sozialstaatsmodelle nach Esping-Andersen
- Herausforderungen durch Globalisierung und demographischen Wandel
- Strukturelle Unterschiede zwischen liberalen, konservativen und sozialdemokratischen Systemen
- Bedeutung der Pfadabhängigkeit bei sozialpolitischen Reformen
- Analyse des Potentials für Reformen im europäischen Kontext
Auszug aus dem Buch
3. Typen der Wohlfahrtsstaatlichkeit
In seiner vielbeachteten Arbeit „The Three Worlds of Welfare Capitalism“ arbeitet der dänische Soziologe Gösta Esping- Andersen drei „Welten“ der Wohlfahrtsstaatlichkeit heraus. Als Differenzierungskriterium verwendet er das Maß der Dekommodifizierung, d. h. das Ausmaß, „… in dem die Bürger ungehindert und ohne drohenden Verlust […] ihres Einkommens oder überhaupt ihres Wohlergehens ihr Arbeitsverhältnis verlassen können, wann immer sie dies […] für nötig erachten.“.
Anhand dieses Parameters differenziert Esping- Andersen drei Wohlfahrtsstaatstypen: Zunächst den liberalen Typus, der die Rolle des freien Marktes und familiärer Hilfe hervorhebt. Typisch ist eine Bedürftigkeitsprüfung bei der Beantragung sozialer Leistungen, Anspruchsrechte sind relativ gering entwickelt. Die Finanzierung der Sozialleistungen erfolgt vorwiegend aus Steuermitteln, ein Umlagesystem gibt es nur in wenigen Bereichen. Folglich bleibt das Ausmaß der Dekommodifizierung gering. Beispiele für diesen Typ sind Großbritannien, die USA, Australien und Neuseeland.
Die zweite „Wohlfahrtsstaatswelt“ besteht aus dem sog. konservativen Typus: Er ist lohnarbeitszentriert, Ansprüche auf Sozialleistungen sind stark vom vorherigen beruflichen Status abhängig. Die Grundlage dieses Modells stellen die Normalerwerbsbiographie und die Hausfrauenehe dar. Die Dekommodifizierung erreicht je nach Lebenslauf ein mittleres bis hohes Niveau. Der konservative Typ ist in Frankreich, Italien und Deutschland verwicklicht.
Schließlich konstituiert sich der sozialdemokratische Typus aus sozialen Bürgerrechten, d. h. er ist universalistisch ausgelegt. Es wird Gleichheit auf hohem Niveau, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter, und beruflichem Status angestrebt. Der öffentliche Dienst spielt eine wichtige Rolle, die Sozialleistungen werden vorwiegend aus Steuermitteln finanziert. Die Dekommodifizierung ist in diesem Typ am stärksten ausgeprägt. Protagonisten des sozialdemokratischen Modells sind Schweden, Norwegen und Dänemark.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Krise des deutschen Sozialstaatsmodells und stellt die Forschungsfrage, welche Lehren aus anderen europäischen Wohlfahrtsstaatstypen gezogen werden können.
2. Herausforderungen des Wohlfahrtsstaates: Dieses Kapitel analysiert den Anpassungsdruck auf westeuropäische Sozialsysteme durch Globalisierung, demographischen Wandel, Arbeitslosigkeit und Verschuldung der öffentlichen Haushalte.
3. Typen der Wohlfahrtsstaatlichkeit: Hier wird Esping-Andersens Typologie der drei „Welten“ des Wohlfahrtskapitalismus anhand des Kriteriums der Dekommodifizierung eingeführt und erläutert.
4. Funktionen im politischen System: Dieses Kapitel vergleicht die Funktionsweisen und Entstehungsgeschichten der Wohlfahrtsmodelle Großbritanniens, Deutschlands und Schwedens als jeweilige Protagonisten.
4. 1. Liberaler Typus: Großbritannien: Es wird die marktorientierte britische Sozialpolitik beschrieben, deren Kern die Armutsverhinderung bei geringen Kosten und staatlicher Zurückhaltung bildet.
4. 2. Konservativer Typus: Deutschland: Das Kapitel erläutert den Fokus des deutschen Systems auf Statusbewahrung, Subsidiarität und die Sicherung der Normalerwerbsbiographie durch das Bismarcksches Modell.
4. 3. Sozialdemokratischer Typus: Schweden: Die Analyse konzentriert sich auf das universalistische schwedische Modell, das auf sozialen Bürgerrechten und Gleichheit auf hohem Niveau basiert.
5. Ausblick: Der Ausblick diskutiert Faktoren, die das Sozialausgabenniveau bestimmen, sowie die Schwierigkeiten durch Pfadabhängigkeiten und das Potenzial für wechselseitiges Lernen innerhalb Europas.
Schlüsselwörter
Wohlfahrtsstaat, Sozialpolitik, Esping-Andersen, Dekommodifizierung, Liberaler Typus, Konservativer Typus, Sozialdemokratischer Typus, Globalisierung, Demographischer Wandel, Pfadabhängigkeit, Soziale Sicherheit, Normalerwerbsbiographie, Arbeitsmarktpolitik, Umverteilung, Sozialquote
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Typen westeuropäischer Wohlfahrtsstaaten und untersucht, wie diese auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts reagieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Typologie nach Esping-Andersen, die ökonomischen sowie demographischen Belastungsfaktoren von Sozialsystemen und die Pfadabhängigkeit nationaler Politik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist ein Vergleich der Wohlfahrtsmodelle Großbritanniens, Deutschlands und Schwedens, um zu ermitteln, ob und wie Deutschland von den Erfahrungen seiner europäischen Nachbarn lernen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt einen vergleichenden politikwissenschaftlichen Ansatz, der auf der bestehenden Typologie von Gösta Esping-Andersen aufbaut.
Welche Inhalte stehen im Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Erläuterung der drei Wohlfahrtsstaatstypen und eine detaillierte Fallbetrachtung der Funktionen dieser Systeme im jeweiligen nationalen politischen Kontext.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Die Analyse wird maßgeblich durch Begriffe wie Dekommodifizierung, Normalerwerbsbiographie, Subsidiarität, Sozialquote und Pfadabhängigkeit geprägt.
Warum schneidet das deutsche Modell im Vergleich laut der Arbeit schlechter ab?
Die Arbeit identifiziert insbesondere die Koppelung der Sozialbeiträge an die Lohnkosten und die starre Pfadabhängigkeit als Faktoren, die die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Modells behindern.
Welche Rolle spielt die Bildungspolitik in diesem Vergleich?
Die Arbeit stellt fest, dass Bildungspolitik zur Stärkung des Humankapitals in angelsächsischen und skandinavischen Ländern eine höhere Priorität genießt als in der aktuellen deutschen Debatte.
- Quote paper
- Tim Peters (Author), 2007, Wohlfahrtsstaatlichkeit im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71451