Wirklichkeitsbegriffe im Zeichen Neuer Medien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Unterschiedliche Wirklichkeitsbegriffe – der ontologische und formale Ansatz
2.1. Platon: Scheinhaftigkeit der gewöhnlichen Welt und „überhimmlische“ Wirklichkeit
2.2. Leibniz’ Serienmodell

3. Der potentielle Raum – ein moderner Wirklichkeitsbegriff
3.1. Potentieller Raum als Ort des Austausches zwischen Subjekt- und Objekt- Welt
3.2. „Invertierte Imitation“ als Gefährdung des individuellen potentiellen Raums

4. Fazit

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die vorliegende Hausarbeit thematisiert zwei Wirklichkeitsbegriffe unterschiedlicher Couleur und versucht dabei, ihre Kompatibilität mit den Neuen Medien herauszustellen. In Anbetracht der großen Materialdichte – allein mittels einer Internetsuchmaschine lassen sich 14.600.000 einschlägige Einträge in deutscher Sprache finden[1] – sowie des uns zur Verfügung stehenden Seitenumfangs, haben wir uns auf zwei klassische Realitätsverständnisse konzentriert, welche uns als Grundlage o.a. Untersuchung dienen.

Jenen Realitätsverständnissen widmet sich Punkt 2. Hier wird zunächst eine kurze Einführung in beide Wirklichkeitskonzeptionen gegeben, bevor einige begriffliche Voraberklärungen in puncto „Wirklichkeit“ erfolgen, gleichwohl „Virtualität“ genauso wie der Personal Computer in seiner großen Bedeutung eben für das von uns behandelte Thema genauer bearbeitet werden. Weiterhin schildert dieses Kapitel etwaige Wechselwirkungen der Dimensionen Wirklichkeit und Virtualität, was aber im Fazit vertieft wird.

2.1. referiert über Platons Theorem, um wie auch hinsichtlich der Leibniz’schen Sichtweise, welche Gegenstand von 2.2. ist, schlussendlich zu einer fundierten Bewertung gelangen zu können, für die selbstredend zunächst eben jene Präsentation des ontologischen bzw. formalen Ansatzes erfolgen muss. Zum besseren Verständnis des jeweiligen Entwurfs haben wir signifikante Beispiele verwendet, welche die Philosophen ihrerseits einst selbst ersonnen hatten.

Hernach befasst sich Abschnitt 3.1. mit einem gewissermaßen „modernen“ – weil zeitlich noch jungen – Wirklichkeitsverständnis, das von Donald W. Winnicott entworfen wurde – der „potentielle Raum“. Besonderes Interesse gilt hier den nötigen Voraussetzungen, welche für den Austausch zwischen Subjekt-Objekt-Welt elementar sind, was den potentiellen Raum ja ausmacht. Dies ist schon hinführend auf 3.2., wo die „invertierte Imitation“ als Gefährdung zuvor erläuterter Realität behandelt wird. Besonderes Augenmerk muss demnach vorangehend noch den Neuen Medien gelten, weshalb wir uns eigens mit dem kybernetischen Raum/ der „virtual reality“ näher befassen, um herauszustellen, inwiefern vermeintlich revolutionäre Prozesse im Zeichen von „www., Chatrooms und ebay“ umwälzend sind – falls überhaupt. Darüber hinaus zeigt das Kapitel etwaige (segensreiche?) Möglichkeiten dargelegter Phänomene auf.

Abschnitt 3.2. hat, wie man dem Titel entnehmen kann, ein von manchen namhaften Sachverständigen mit Argwohn beobachtetes Gefahrenpotenzial zum Thema. Hier nun wird vorderhand über die „Turing-These“ referiert, bevor wir uns neben ihrer Bedeutung für eine „Degradierung“ des Menschen auch mit einem kurzen (wohl recht erschreckenden) Zukunftsgedanken auseinandersetzen.

Das Fazit gleicht schließlich die Kompatibilität mit den Neuen Medien des platonischen sowie leibnizschen Ansatzes detailliert ab und belegt weiterhin, welcher dem anderen ggf. vorzuziehen ist, ergo besser mit den progressiven Umbrüchen unter Beachtung seines theoretischen Sinngehalts zu Rande kommt. Darüber hinaus führen wir die Synthese von Alltags- und Medienerfahrung näher aus, um die medieninduzierten Veränderungsprozesse in ihrer ganzen Tragweite besser konkretisieren zu können, bevor wir uns ein Urteil hinsichtlich der Konsequenzen für die Pädagogik mit besonderer Betrachtung des potenziellen Raums erlauben. Außerdem spricht dieses Kapitel neben den handfesten Konsequenzen des virtuellen Raums noch in einigen kurzen Worten Folgen von dessen Ausgreifen in alle – selbst intimste Lebensbereiche – an.

2. Unterschiedliche Wirklichkeitsbegriffe – der ontologische und formale Ansatz

Bevor nachfolgender Unterpunkt über eine Wirklichkeitskonzeption im Zeichen der ontologischen respektive formalen Gattung – nämlich Platon bzw. Leibniz – referiert, soll an dieser Stelle zunächst ein allgemeingültiger theoretischer Rahmen aufgezeigt werden, in dem sich die anschließenden Modelle bewegen. Hierfür ist es notwendig, begriffliche Erklärungen bereits vorab zu liefern, gleichwohl mit den Neuen Medien einhergehende Veränderungsprozesse von Interesse sind. Es gilt allem voraus zu schicken, dass trotz der normalerweise zu machenden etymologischen Differenz zwischen einerseits „Realität“ und „Wirklichkeit“ andrerseits zwischen „real“ und „wirklich“ beide Begriffspaare in ihrer Bedeutung als Subjekt bzw. Adjektiv/ Adverb synonym verwendet werden.[2]

Genau wie „Wahrheit“ oder „Zeit“ ist „Wirklichkeit“ philosophisch de facto undefinierbar, da diese Ausdrücke eo ipso einen Absolutheitsgehalt haben (müssten), den sie aber aus sich selbst heraus gar nicht vollends aufweisen können – es existiert demnach keine ultima ratio. Also müssen von den großen Denkern der Neuzeit, der Moderne und des 20. Jahrhunderts aufgestellte Theorien zu eben jenem Thema gerade angesichts der revolutionären Möglichkeiten der Neuen Medien überarbeitet oder gar vollkommen verworfen werden. Die „wirkliche Wirklichkeit“ hat, sofern sie überhaupt existiert(e), heutzutage an Bedeutung verloren, weil Simulation sowie Virtualität[3] als Produkte o.a. Umwälzungen ein

neues Wirklichkeitsverständnis verlangen; dies soll im Laufe des vorliegenden Unterpunktes herausgearbeitet werden.

Je weiter die elektronische Mediatisierung voranschreitet, desto größer ist der Wunsch des Menschen, eine „wirkliche Wirklichkeit“ erkennen bzw. benennen zu können. Diese kann – soweit sei als Geleit an die Hand gegeben – nur noch durch besagte Medien gefunden werden. „Sie scheinen – als die neuen Wirklichkeiten – die alte Wirklichkeit zu überholen oder abzulösen. »Virtual Reality« ist das bezeichnende Oxymoron für diesen Vorgang.“[4]

Kommen wir nun kurz zur Bedeutung des Computers – seines Zeichens wohl das einflussreichste Neue Medium, lancierte er doch schnell von einem bloßen Werkzeug der Intelligenzverstärkung zu einem nicht mehr wegzudenkenden Kommunikationsmittel (z.B. Internet) – für erläuterten Realitätswandel. Dieses Gerät simuliert Bild-, Ton- und Textmedien, lässt demzufolge sich nicht mehr unter „normalen“ Kategorien der literarischen, technischen sowie Massenmedien[5] fassen, was daran liegt, dass es in allen drei Domänen eingreift bzw. hierfür typische Charakteristika verändert: die Digitalisierung beeinflusst literarische Medien, die Visualisierung technische und die nahezu zeitgleiche Interaktivität die Massenmedien. Es gilt zu attestieren, dass je mehr der Computer unser Alltagsleben bestimmt, desto mehr versuchen wir Grenzen zwischen ihm und uns zu finden, uns immer noch als „tonangebender Mensch (ergo also Schöpfer?)“ zu behaupten, wobei diese aber permanent wieder verwischen und neu definiert werden müssen. Somit haben die Neuen Medien eine „wirkliche Wirklichkeit-auflösende Wirkung“, wovon das Fazit näher berichtet.

Problematisch ist hierbei weiterhin, dass versucht wird, die Neuerungen – vornehmlich im sich verändernden Realitätsbegriff –, mittels konservativer Bedeutungsmuster zu kategorisieren, welche allerdings in ihren alten Schemata nicht mehr zeitgemäß sind. Das Neue müsste auch begrifflich konkret ohne einen Rückgriff auf alte/ schon besetzte Ausdrücke erfahrbar werden, kann aber nicht ohne Bezug zu seinem vermeintlichen Gegenstück – der Realität – begriffen werden. Hierbei wird ein Kontrast gebildet, in dessen Rahmen man versucht, Formen des „Insgesamt Seienden“ als Bezeichnung gleich näher erläuterter Verwischung zwischen Wirklichkeit und Virtualität zu trennen. „Damit ist allerdings noch nichts darüber entschieden, ob der gebildete Kontrast auf Dauer stabil sein muß, oder ob es zwischen den beiden Seiten, die er unterscheidet, auch Wechselbeziehungen und Wechselwirkungen geben kann.“[6]

Wie sieht aber die Konnexion beider Dimensionen aus und welche Konsequenzen ergeben sich hieraus? Anders gefragt: wodurch drückt sich ein Ineinanderfließen bzw. Zusammenwirken von Wirklichkeit und Virtualität aus? Zu untersuchende Situation vermag beispielsweise ein Blick ins Theater erhellen, wo der Bezug von Realität und Illusion im wahrsten Sinne des Wortes „dargestellt“, das Gesehene mit der eigenen Lebenswelt/ -wirklichkeit kognitiv abgeglichen wird respektive hierauf einwirkt und emotionale Reaktionen entsprechend hervorruft. Nicht selten befördert dies die Faszination des Publikums für das Stück, begründet sie schließlich. Also kann festgehalten werden, dass Illusions- und persönliche Realerfahrungen sich gegenseitig durchdringen.

Erläuterter Prozess lässt sich womöglich eindrucksvoller ebenfalls in der Kunst aufzeigen. Von außen propagierte (generierte) Leitbilder sind in der Lage, das eigene Wirklichkeitsverständnis bzw. situationsbedingte Verhalten deutlich zu beeinflussen. So z.B. entwickelt sich erst in der Kunst des 18. Jahrhunderts ein romantisches Bild der eher unwirklichen und bis dato als feindselig empfundenen Bergwelt – einschlägige Urlaubsangebote sind schließlich das Resultat o.a., extern getragener Modifikation. Selbstverständlich gilt dies alles auch für die Neuen Medien, welche ebenfalls neue Muster „nachahmenswerter“ Verhaltensweisen transportieren, die eigene Realitätseinschätzung ergo verändern. (z.B. exzessive Gewaltszenen wie u.a. in „Underworld: Evolution“ zu sehen, lassen einen Menschen im realen Diesseits zu einem gewissen Grade „abstumpfen“). „Es gibt, allgemein gesprochen, keine durchgängige – keine kategoriale oder ontologische – Scheidung zwischen Fiktion und Wirklichkeit.“[7] Was dies konkret bedeutet, wird genauso wie die Frage, welcher Ansatz der Realitätskonzeptionen ausgeführten Wandel entsprechender Auffassungen am besten erklären kann, im Fazit aufgezeigt.

2.1. Platon: Scheinhaftigkeit der gewöhnlichen Welt und „überhimmlische“ Wirklichkeit

Der griechische Philosoph Platon (427 bis 347 v. Chr.), „der größte Sohn, den die griechische Philosophie hervorgebracht hat“[8], vertritt einen ontologischen Wirklichkeitsbegriff. Der Unterschied zwischen Wirklichem und Imaginärem ist für ihn einer der Seinsart, nicht nur des Zusammenhangs, wovon etwa Leibniz ausgeht, wie wir später noch sehen werden. Was für uns, in unserem alltäglichen Befinden, als real erscheint, ist zwar zweifellos zusammenhängend, Platon jedoch spricht schon dieser Realität den wahren Wirklichkeitscharakter ab. Seine Lehre handelt von der Scheinhaftigkeit der gewöhnlichen Welt und der Wirklichkeit der Ideenwelt.[9]

Der Text, der Platons Wirklichkeitsverständnis am prägnantesten darstellt, ist das so genannte „Höhlengleichnis“ aus der „Politeia“. Platon lässt hier Sokrates und Glaukon einen Dialog führen. Folgende Situation wird darin von Sokrates beschrieben:

„Sieh nämlich Menschen vor wie in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so daß sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorhin sehen, den Kopf aber herumzudrehen der Fessel wegen nicht vermögend sind. Licht aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen geht obenher ein Weg, längs diesem sieh eine Mauer aufgeführt, wie die Schranken, welche die Gaukler vor den Zuschauern sich erbauten, über welche herüber sie ihre Kunststücke zeigen. […].Sieh nun längs der Mauer Menschen allerlei Gefäße (Geräte) tragen, die über die Mauer herüberragen, und Bildsäulen und andere steinerne und hölzerne Bilder und von allerlei Arbeit; einige, wie natürlich, reden dabei, andere schweigen.“[10]

[...]


[1] http://www.google.de/search?client=firefox-a&rls=org.mozilla%3Ade%3Aofficial_s&hl=de&q=wirklichkeit&meta=lr%3Dlang_de&btnG=Google-Suche [07/04/06]

[2] vgl. für eine kurze etymologische Unterscheidung exemplarisch Welsch, Wolfgang: >Wirklich<. Bedeutungsvarianten – Modelle Wirklichkeit und Virtualität. – In: Krämer, Sybille (Hrsg.): Medien, Computer, Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien. Frankfurt 2000, S. 175.

[3] Krämer, Sybille: Was haben die Medien, der Computer und die Realität Miteinander zu tun?. Einleitung in diesen Band. – In: dies. (Hrsg.): Medien, Computer, Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien. Frankfurt 2000, S. 13.: „Auf eben dieser Möglichkeit zur direkten Wechselwirkung mit symbolischen Strukturen bezieht sich der Terminus »Virtualisierung«. Virtualisierung wird gegenwärtig vor allem in zwei Gestalten wirksam: als Hypertext und als sogenannte »virtuelle Realität«. »Hypertext« lässt den linearen Textfluß auf in ein Netz von Textstücken und wechselseitigen Verweisungen, in dem sich die Leser mit Hilfe der angebotenen Verbindungen je eigene Routen suchen. »Virtuelle Realitäten« beruhen auf der Technik der »Imersion« [Hervorhebungen im Original, D.M.], durch die wir die Bilder nicht nur anschauen, sondern in den Bildraum auch eintreten und auf die Bildumgebung ohne (wahrnehmbare) Zweitverzögerung einwirken können“

[4] Welsch: >Wirklich<, S. 169. Hervorhebung im Original.

[5] Krämer: Einleitung, S. 11f: „»Literarische Medien:« Zum Angelpunkt wird hier die Schrift, genauer, das Verhältnis von gesprochener und geschriebener Sprache. [...]. »Technische Medien«: In den Blick rückt die Technisierung der Information im Sinne ihrer Übertragung, Speicherung und Verarbeitung durch Artefakte. [...]. [Und schließlich noch die »Massenmedien«:] [Hervorhebungen vom Autor, D.M.] Forschungen, die auf sogenannte »Ein-Weg-Medien« [Hervorhebung im Original, D.M.] zentriert sind, erörtern die Form der Kommunikation, die von der diagonalen Bezeichnung der mündlichen Rede auf charakteristische Weise abweicht, insofern ein Sender mit Hilfe technischer Verbreitungsmittel die gleiche Botschaft an viele zerstreute und anonym bleibende Empfänger richtet.“

[6] ebda, S. 202.

[7] ebda, S. 206.

[8] Ries, Wiebrecht: Die Philosophie der Antike. Darmstadt 2005, S. 59.

[9] vgl. hierfür exemplarisch Welsch: >Wirklich<, S. 190.

[10] Platon: Phaidros. – In: Eigler, Gunther (Hrsg.): Platon. Werke in Acht Bänden. Griechisch und Deutsch. Bd. 4. Darmstadt 2005, 514a-515a.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Wirklichkeitsbegriffe im Zeichen Neuer Medien
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
1,0
Autoren
Jahr
2006
Seiten
30
Katalognummer
V71468
ISBN (eBook)
9783638632034
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit behandelt den Wandel des Wirklichkeitsbegriffs in der Zeit der Neuen Medien (Fernsehen, Computer, virtual reality...).
Schlagworte
Wirklichkeitsbegriffe, Zeichen, Neuer, Medien
Arbeit zitieren
Vincent Steinfeld (Autor)Daniel Mielke (Autor), 2006, Wirklichkeitsbegriffe im Zeichen Neuer Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71468

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