Die letzten Jahrzehnte haben viele positive Veränderungen für Menschen mit einer Behinderung1mit sich gebracht. Ihre Rechte werden massiv eingeklagt. Das Grundgesetz wurde 1994 um den Zusatz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ (Art. 3, Abs. 3 GG) ergänzt. Im Zuge der Integrationsbewegung fand ein enormer Wandel an der allgemeinen Schule statt. Gleichzeitig ist jedoch auch eine andere Entwicklung zu beobachten: Die Gewalt gegen Behinderte steigt an. Es gibt Gerichtsurteile gegen Behinderte, in denen z.B. Urlauber ihr Geld zurückfordern, da sie sich im Hotel vom Anblick einer Gruppe Behinderter gestört fühlten. In den Jahren 1992 bis 1994 wurde in der Presse von 15 Fällen massiver Übergriffe verbaler und körperlicher Art gegenüber Menschen mit Behinderung berichtet. Oftmals sind massive Ablehnung von Menschen mit Behinderung, aber auch einfach Unsicherheit bei der Interaktion die Ursache solcher Verhaltensweisen. Diese Arbeit befasst sich mit den Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit Behinderung.
Was verstehen wir überhaupt unter Behinderung? Wie sind Menschen heutzutage generell gegenüber Menschen mit Behinderung eingestellt? Unterscheiden sich Einstellungen bestimmter Personengruppen? Wie verhalten sich Menschen gegenüber Behinderten und wie entstehen diese Verhaltensweisen? Gibt es Möglichkeiten die soziale Reaktion auf Menschen mit Behinderung zu verändern? Diese Fragen sollen im Folgenden beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1.Begriffe und Definitionen
1.1 Behinderung
1.2 Einstellung und soziale Reaktion
2. Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung
2.1 Determinanten von Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung
2.1.1 Art der Behinderung
2.1.1.1 Rangordnung von Behinderungen
2.1.1.2 Schwere der Behinderung
2.1.1.3 Funktionsbeeinträchtigungen
2.1.1.4 Eigenverantwortlichkeit
2.1.1.5 Visibilität und Auffälligkeit der Behinderung
2.1.2 Subjektorientierte Größen
2.1.2.1 Sozio-ökonomische und demografische Merkmale
2.1.2.2 Persönlichkeitsmerkmale
2.1.3 Beziehungsaspekt
2.2 Einstellungen von bestimmten Personengruppen
2.2.1 Familienmitglieder
2.2.2 Professionisten
2.2.3 Schüler
3. Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit Behinderung und deren Hintergründe
3.1 Typische Reaktionsformen
3.1.1 Negativ bewertete Reaktionen
3.1.2 Positive bewertete Reaktionen
3.2 EXKURS: Behindertenfeindlichkeit
3.3 Interaktionsstörungen
3.3.1 Soziologische Ansätze
3.3.2 Psychologische Ansätze
3.3.3 Weitere theoretische Ansätze
4. Entstehung der sozialen Reaktion auf Menschen mit Behinderung
4.1 Sozialisation
4.2 Der kulturhistorische Hintergrund
5. Reaktionen auf Behinderte im interkulturellen Vergleich
5.1 Grundannahmen aus der Forschung
5.2 Ergebnisse einer explorativen Studie
6. Möglichkeiten der Veränderung der sozialen Reaktion auf Menschen mit Behinderung
6.1 Informationsstrategien
6.2 Kontakt
6.3 Simulation von Behindertsein
6.4 Einwirkung auf persönlichkeitsspezifische Merkmale
6.5 Zulassen von originären Reaktionen
6.6 Kombinationen verschiedener Strategien
6.7 Veränderungen des normativen Kontextes
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Einstellungen und Verhaltensweisen von Menschen gegenüber Personen mit Behinderung sowie deren Ursprünge. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, wie diese sozialen Reaktionen entstehen, welche Faktoren sie beeinflussen und welche Möglichkeiten bestehen, diese Einstellungen und Interaktionsmuster positiv zu verändern.
- Determinanten für Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung
- Psychologische und soziologische Erklärungsmodelle für Interaktionsstörungen
- Die Rolle von Sozialisation und kulturhistorischen Kontexten bei der Einstellungsbildung
- Interkultureller Vergleich der Reaktionen auf Behinderung
- Wirksamkeit und Bedingungen verschiedener Strategien zur Einstellungsänderung
Auszug aus dem Buch
3.2 EXKURS: Behindertenfeindlichkeit
Der Begriff „Behindertenfeindlichkeit“ kommt aus dem politischen Bereich. Er ist kein wissenschaftlicher Begriff, sondern gehört in die gleiche Sparte wie Ausländerfeindlichkeit, Kinderfeindlichkeit und Frauenfeindlichkeit.
Schon in antiken Kulturen und im Mittelalter waren Menschen mit einer Behinderung Gegenstand von Ausgrenzung und Isolation. Sie wurden versteckt oder getötet. Es folgten - auch im christlichen Glauben - Vorstellungen, dass Menschen mit Behinderung von Dämonen besessen sind. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Ausgrenzung bis hin zu einer strukturierten Vernichtung von als minderwertig und lebensunwert betrachtetem Leben reichte.43
Im 20. Jahrhundert haben sich einige Dinge zugunsten von Menschen mit Behinderung geändert. So wurde das Grundgesetz 1994 um den folgenden Satz erweitert: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“(Art. 3, Abs. 3 GG) Behinderte Kinder und Jugendliche haben das gleiche Recht auf Erziehung und Bildung, so wird es in vielen internationalen Dokumenten ausgedrückt. Höchstrichterliche Entscheidungen, wie z.B. die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts 1997 stellen klar, dass es zwar keinen einklagbaren Rechtsanspruch auf Integration gibt, dass jedoch der gemeinsamen Erziehung grundsätzlich das Primat zugesprochen wird. Viele allgemeine Schulen wurden in den letzten zwei Jahrzehnten für behinderte Kinder geöffnet. Diese Tatsachen sind jedoch nicht als Beweis für einen behindertenfreundlichen Zeitgeist zu verstehen.44
Zusammenfassung der Kapitel
1.Begriffe und Definitionen: In diesem Kapitel werden grundlegende Fachbegriffe wie Behinderung, Einstellung und soziale Reaktion definiert, um ein gemeinsames Verständnis für den weiteren Verlauf der Arbeit zu schaffen.
2. Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung: Dieses Kapitel analysiert die verschiedenen Faktoren, die Einstellungen beeinflussen, wie etwa die Art der Behinderung, subjektive Merkmale oder den Beziehungsaspekt, und beleuchtet die Haltungen spezifischer Gruppen.
3. Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit Behinderung und deren Hintergründe: Hier werden typische Reaktionsformen im sozialen Umgang erörtert und theoretische Ansätze zur Erklärung von Interaktionsstörungen und dem Phänomen der Behindertenfeindlichkeit vorgestellt.
4. Entstehung der sozialen Reaktion auf Menschen mit Behinderung: Dieses Kapitel untersucht die Ursachen von Einstellungen, wobei der Fokus auf Sozialisationsprozessen sowie dem kulturhistorischen und religiösen Erbe liegt.
5. Reaktionen auf Behinderte im interkulturellen Vergleich: Anhand einer explorativen Studie wird aufgezeigt, inwieweit die Bewertung von Behinderung universell oder kulturspezifisch ist und wie Reaktionen in unterschiedlichen Gesellschaften variieren.
6. Möglichkeiten der Veränderung der sozialen Reaktion auf Menschen mit Behinderung: Dieses Kapitel evaluiert verschiedene Strategien zur Verbesserung der sozialen Reaktion, wie etwa Informationsmaßnahmen, direkten Kontakt oder die Kombination verschiedener Ansätze.
7. Fazit: Das Fazit fasst die wesentlichen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und betont die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Wertewandels für eine nachhaltige Verbesserung der sozialen Integration.
Schlüsselwörter
Behinderung, Einstellungen, Soziale Reaktion, Interaktionsstörungen, Sozialisation, Behindertenfeindlichkeit, Integration, Vorurteile, Kontakthypothese, Informationsstrategien, Wertewandel, Empowerment, Verhaltensweisen, Kulturvergleich, Diskriminierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit Behinderung sowie deren Ursprüngen und Veränderungsmöglichkeiten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Zu den zentralen Themen gehören die verschiedenen Determinanten der Einstellungsbildung, der Zusammenhang zwischen Kontakt und Vorurteilen, psychologische sowie soziologische Erklärungsmodelle für Interaktionsstörungen und Strategien für eine gelungene Inklusion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel der Arbeit ist es, zu analysieren, wie soziale Reaktionen auf Menschen mit Behinderung entstehen und durch welche Maßnahmen negative Haltungen in eine positivere Richtung gelenkt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es handelt sich um eine theoretische Studienarbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse sowie der Auswertung empirischer Studien zur Einstellungs- und Vorurteilsforschung basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Einstellungsdeterminanten, die Analyse konkreter Verhaltensweisen, die Ursachenforschung in Sozialisation und Geschichte, einen interkulturellen Vergleich sowie die Evaluierung von Interventionsstrategien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Behinderung, Einstellungsänderung, soziale Integration, Vorurteilsforschung, Interaktionsstörungen, Sozialisation und Behindertenfeindlichkeit.
Wie unterscheidet sich die Bewertung von Behinderungen nach der Art der Beeinträchtigung?
Die Arbeit zeigt auf, dass Beeinträchtigungen, die als weniger verständlich oder stärker stigmatisiert gelten – wie geistige Behinderungen – oft auf negativere Einstellungen stoßen als körperliche Behinderungen.
Warum sind Informationsstrategien allein oft nicht ausreichend für eine Einstellungsänderung?
Die Arbeit erläutert, dass reine Informationsvermittlung oft wirkungslos bleibt, da Einstellungen häufig emotional verankert sind und Informationen bei bereits bestehenden starken Vorurteilen sogar eine Bumerang-Wirkung erzielen können.
- Citar trabajo
- Stefanie Treutner (Autor), 2005, Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit Behinderung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71503