Le réveil du désir féminin - Catherine Breillats 'Une vraie jeune fille'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Transgression als grundlegender Gestus des Breillatschen Werks
I.1 Zum Begriff der Transgression
I.2 Transgression bei Breillat

II Une VRAIE jeune fille – Dekonstruktion eines Konzepts
II.1 Das ambivalente Verhältnis zum eigenen Körper
II.2 Normierende Instanzen: Mutter, Dorf
II.3 «La (con) naissance de soi via l´expérience sexuelle»

III Surrealistische Ästhetik in Une vraie jeune fille
III.1 Breillat und der Surrealismus
III.2 Surrealistische Körperinszenierungen in Une vraie jeune fille

Resümee

Bibliographie

Einleitung

« La transgression est la règle de l´art.[1] »

Diese Aussage Breillats soll programmatisch für die folgenden Ausführungen als Grundgestus der Kunst Breillats, sei es in Kino oder Literatur, festgehalten werden. Es wird hier um eine Auseinandersetzung mit dem Roman Une vraie jeune fille, ursprünglich 1974 mit dem Titel Le Soupirail erschienen, gehen, der als Grundlage für den 1976 gedrehten, ersten Film Breillats dient. Nichtsdestotrotz ist der Roman unbedingt als eigenständiges Werk zu verstehen, das keinesfalls als ein Drehbuch für den Film fungiert.

In der noch sehr jungen, wissenschaftlichen Forschung zu Breillat, konzentriert sich die bisher erschienene Sekundärliteratur auf deren filmische Werke, die zweifelsohne den bedeutenderen Teil ihres Schaffens darstellen. Une vraie jeune fille als Roman ist jedoch nicht minder interessant, da er in literarischer Form andeutet, was Breillat später im Film – mit filmischen Mitteln – erkunden wird. Er öffnet sich zahlreichen Lesarten, gerade weil es noch keine publizierte Analyse dazu gibt. Anregungen für die folgenden Ausführungen bietet vor allem die Publikation David Vasses´ Catherine Breillat: Un cinéma du rite et de la transgression, ebenso wie Literatur, die ähnlich mit Transgressionen arbeitet (Bataille, de Sade) – in deren Tradition Breillat sich einschreibt – und bestimmte Prinzipien der surrealistischen Filmkunst und Literatur, die sich in diesem Roman Breillats wieder finden lassen.

I Transgression als grundlegender Gestus des Breillatschen Werkes

I.1 Zum Begriff der Transgression

Um den transgressiven Gestus der Breillatschen Kunst am Beispiel Une vraie jeune fille herauszuarbeiten, soll der Transgressions- Begriff von Foucault – erörtert in einer Hommage an Georges Bataille in Préface à la transgression[2] - zu Grunde gelegt werden. Bei Bataille und dem des Öfteren herangezogenen de Sade findet Transgression auf diskursiver und semantischer Ebene um das Thema der menschlichen Sexualität, besonders bei Bataille untrennbar mit Religion verbunden, statt. Dies steht auch im Zentrum des Interesses von Breillat, weshalb hier mit dem Foucaultschen Begriff gearbeitet wird.

« La transgression est un geste qui concerne la limite; c´est là […] son origine même.[3] » Transgression betrifft demnach eine Grenze, ein Tabu. Grenzen werden gesetzt durch Normen und Verbote, seien sie in einer Gesellschaft schriftlich fixiert oder unausgesprochen vorhanden. Ohne diese gibt es deren Überschreitung nicht und umgekehrt gibt es keine Überschreitung ohne eine anerkannte Norm, Transgression und Tabu bzw. Norm bedingen sich gegenseitig, existieren nur durcheinander: « La limite et la transgression se doivent l´une à l´autre la densité de leur être: inexistence d´une limite qui ne pourrait absolument pas être franchie; vanité en retour d´une transgression qui ne franchirait qu´une limite d´illusion ou d´ombre. Mais la limite a-t-elle une existence véritable en dehors du geste qui glorieusement la traverse et la nie? […] Et la transgression n´épuise-t-elle pas tout ce qu´elle est dans l´instant où elle franchit la limite, n´étant nulle part ailleurs qu´en ce point du temps?[4] »

Welcher Bereich des menschlichen Lebens ist seit jeher mehr mit religiösen und gesellschaftlichen Tabus belegt als die Sexualität? Hier finden Künstler wie Bataille und Breillat ihr bevorzugtes Terrain, um sowohl semantisch als auch auf der Ebene sprachlicher Repräsentationen – beides immer in Verbindung mit Grausamkeit, Rohheit, Religion (in unterschiedlicher Gewichtung in den jeweiligen Werken) – Grenzen zu überschreiten und dadurch offensichtlich zu machen, aber auch die Frage zu stellen, warum es jene Grenzen überhaupt gibt. « […] [L]´émergence de la sexualité dans notre culture […] est liée à la mort de Dieu et à ce vide ontologique que celle-ci a laissé aux limites de notre pensée; elle est liée aussi à l´apparition […] d´une forme de pensée où l´interrogation sur la limite se substitue à la recherche de la totalité et où le geste de la transgression remplace le mouvement des contradictions. Elle est liée enfin à une mise en question du langage par lui- même en une circularité que la violence «scandaleuse» de la littérature érotique, loin de rompre, manifeste dès l´usage premier qu´elle fait des mots.[5] » Das Aufkommen der Sexualität ist nach Foucault an drei Kontexte gebunden: den Tod Gottes und die dadurch entstandene Leere an den Grenzen unserer Vorstellungswelt, die bis dahin Gott bot; das Infragestellen des Absoluten zu Gunsten der Frage nach Grenzen und deren Überschreitung – beides findet gegen Ende des 19.Jahrhunderts bzw. um die Jahrhundertwende statt - ; und letztlich die Sprache als Material der literarischen Kunst, welche sich selbst durch eine Zirkularität bzw. Selbstreferentialität infrage stellt, was die erotische Literatur bereits seit ihrer Existenz kennzeichnet. Vor diesem Hintergrund situiert sich das Werk Batailles, auch schon das Werk de Sades, und im Weiteren Sinne auch das Breillats.

I.2 Transgression bei Breillat

« Le passage du tabou est mon lieu de cinéma préféré.[6] » - Eine Aussage Breillats, die zweifellos auf ihr gesamtes Schaffen, auch das literarische, zutrifft. Im Zentrum steht dabei immer ein Thema, welches Breillat ständig variiert und mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen künstlerisch bearbeitet: die weibliche Lust. Das weibliche Begehren, befreit von allen traditionellen Repräsentationen, vom dadurch konditionierten Blick der Rezipienten. Dabei verfolgt Breillat weder politische Absichten, insofern als dass sie nicht als Kämpferin für die feministischen Bewegungen der siebziger Jahre gesehen werden möchte[7] – in diese Periode fallen ihre künstlerischen Anfänge -, noch bewegt sie sich im Bereich der Pornographie, was ihr nichtsdestotrotz zum Teil vorgeworfen wird. Sie setzt sich ab von der Erotik der Massenmedien und der Pornoindustrie, bei der die Frau als Objekt des männlichen Blickes – traditionelles Schema der Scopophilie nach Laura Mulvey[8] – fungiert und dementsprechend repräsentiert wird. Breillat verkehrt die diesem Schema zu Grunde liegende, in ihren Ursprüngen sehr weit zurück reichende, Unterscheidung von Mann und Frau mit Hilfe der Opposition Aktivität (Mann)/ Passivität (Frau), die sich in allen Bereichen – von der Gesellschaft bis hin zur Sexualität – findet. Sie macht stattdessen die Frau zum aktiven Part, indem sie sie auf der Reise der Entdeckung ihrer Lust, ihres eigenen Körpers mit allen Bestandteilen, seien sie Tabu oder nicht (Vulva, Ausscheidungen wie Menstruationsblut), darstellt, ohne das Begehren des männlichen Blickes befriedigen zu wollen[9]. Bewusst spielt Breillat dabei mit der ständigen Konfrontation von Anziehung und Lust einerseits und Abstoßung, Ekel, Scham andererseits, die das ambivalente Verhältnis ihrer Protagonistinnen zum eigenen Körper widerspiegelt. Sie arbeitet dabei provokant mit Bildern und Sprache, die direkt, explizit und roh die traditionell mit Hässlichkeit, Ekel und Tabu belegten Teile des weiblichen Körpers bzw. dessen Ausscheidungen offenbaren. « Ne pas montrer ce que l´on attend mais ce que l´on redoute, ne pas dire ce que tout le monde sait mais ce que tout le monde tait.[10] »

Catherine Breillat hat in ihrem Schaffen drei Werke der weiblichen Pubertät gewidmet, beginnend mit Une vraie jeune fille (Roman und Film), 36 Fillette und schließlich A ma soeur. Die Pubertät ist für Breillat besonders interessant, denn hier besteht das größte Potenzial für Transgressionen. Das Verhältnis zum eigenen Körper ist am Ambivalentesten, die Neugierde treibt zur Entdeckung. Gleichzeitig ist die Pubertät eine Qual, sie ist untrennbar verbunden mit der Jungfräulichkeit: « […] la virginité […] une malédiction […] qu´il faut en finir avec[11] ». «Catherine Breillat expérimente la virginité des jeunes filles sous l´angle d´une réelle confrontation avec la honte et l´obscénité.[12] » Während in 36 Fillette und A ma sœur das Thema radikal und direkt behandelt wird, geht Une vraie jeune fille spielerischer damit um, indem sich die aufkeimende Lust und die sexuellen Abenteuer der Protagonistin Alice im Wesentlichen in ihrer Fantasie abspielen.

[...]


[1] Catherine Breillat, zitiert nach: Felten, Uta: „Juste du désir cru… Bühnen der Ars Erotica. Zur Theatralisierung der Heilsgeschichte in Catherine Breillats Film Romance, in: Lommel/ Maurer/ Rißler- Pipka: Theatralität im zeitgenössischen Film. 2004, S.157.

[2] Foucault, Michel: Préface à la transgression, in: Ders.: Dits et Ecrits 1954 – 1988 I, Paris 1994, S.233- 250.

[3] Ders., S.236.

[4] Ders., S.237.

[5] Foucault, Michel (1994), S.248.

[6] Breillat, Catherine: Scénario Romance 1999, S.17.

[7] Vasse, David: Catherine Breillat. Un cinéma du rite et de la transgression, Paris 2004, S.21ff.

[8] Mulvey, Laura: Visuelle Lust und narratives Kino, in: Texte zur Theorie des Films, Stuttgart 2001, S.389-408, S.393ff.

[9] Hier liegt die wesentliche Abgrenzung zur Pornographie. Diese zeigt zwar „alles“, aber immer den Zweck verfolgend das Begehren des im Wesentlichen männlichen Zuschauers zu wecken und zu bedienen.

[10] Vasse, David (2004), S.71.

[11] Clouzot, Claire: Catherine Breillat. Indécence et pureté, 2004, S.49.

[12] Vasse, David (2004), S.97.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Le réveil du désir féminin - Catherine Breillats 'Une vraie jeune fille'
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Esthétique de la transgression
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V71548
ISBN (eBook)
9783638632102
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Catherine, Breillats, Esthétique
Arbeit zitieren
Berit Reimann (Autor:in), 2007, Le réveil du désir féminin - Catherine Breillats 'Une vraie jeune fille', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71548

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