Die Auswirkungen des Wirtschaftswachstums Chinas auf die ökonomische Entwicklung in Südostasien - Eine Analyse von Export und ausländischen Direktinvestitionen


Magisterarbeit, 2006
138 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

INHALTSVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

Einleitung

1 Die Volkswirtschaften im Vergleich
1.1 Das chinesische Wirtschaftswunder
1.1.1 Reformen in der Wirtschaftspolitik
1.1.2 Wachstum des Außensektors
1.1.3 Wandel in der Handelsstruktur
1.2 Südostasien: Von Mirakel zu Debakel?
1.2.1 Reformen in der Wirtschaftspolitik
1.2.2 Wachstum des Außensektors
1.2.3 Wandel in der Handelsstruktur
1.2.4 Die Asienkrise
1.3 Nach der Krise: Veränderte Kräfteverhältnisse
1.4 Keine Chance gegen den Drachen?
1.4.1 Größenvorteile
1.4.2 Arbeitskraft
1.4.2.1 Große Arbeiterschaft
1.4.2.2 Niedrige Löhne
1.4.2.3 Qualifikation
1.4.3 Fortschreitende Technologisierung des Landes
1.4.3.1 Forschung und Entwicklung
1.4.3.2 ICT-Infrastruktur
1.5 Bedeutung von Export und ADI für die Region
1.5.1 Export
1.5.2 Ausländische Direktinvestitionen
1.5.2.1 Was sind ADI?
1.5.2.2 Abhängigkeit von ADI
1.5.2.3 Wirkung von ADI auf das Wirtschaftswachstum
1.5.2.4 Zusammenhang zwischen ADI und Industriegüterproduktion
1.6 Aufbau der Arbeit
1.6.1 Export
1.6.2 ADI

2 Export
2.1 Einleitung
2.1.1 Relevanz der Fragestellung
2.1.2 Wirtschaftstheoretische Überlegungen
2.1.3 Aufbau des Exportteils
2.2 Konkurrenzeffekte
2.2.1 Überschneidung der Exportstruktur
2.2.1.1 SITC-Vergleich auf dreistelliger Ebene
2.2.1.2 Produktkategorien nach Technologieintensität
2.2.2 Beurteilung bisheriger Verdrängungseffekte
2.2.2.1 Weltmarktanteile
2.2.2.2 Marktanteile in den westlichen Industrienationen
2.2.2.3 Matrixdarstellung der Marktanteilsänderungen
2.2.2.4 Analyse des konstanten Marktanteils
2.2.2.5 Gravitationsmodell
2.2.2.6 Zusammenfassung
2.2.3 Ausblick: WTO
2.2.3.1 Eine Revolution?
2.2.3.2 Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Chinas
2.2.3.3 Erste Trends
2.2.3.4 Zukunftssimulationen
2.2.3.5 Zusammenfassung
2.3 Chinas Importe aus Südostasien
2.3.1 Entwicklung der Handelsbeziehungen bis Ende der achtziger Jahre
2.3.2 Heutiges Handelsvolumen
2.3.3 Gründe für den Nachfrageanstieg
2.3.4 Handelsstruktur
2.3.5 Intraregionaler Handel im Vergleich
2.3.6 Anteil des chinesischen Marktes am Export Südostasiens
2.3.7 Gravitationsmodell
2.3.8 Zusammenfassung
2.3.9 Ausblick: WTO
2.3.9.1 Einleitung
2.3.9.2 Neue und alte Mitgliedstaaten
2.3.9.3 Zukunftssimulationen
2.4 Gesamtbetrachtung
2.4.1 Marktanteilsanalysen
2.4.2 Gravitationsmodell
2.4.3 Ausblick: WTO
2.4.4 Zusammenfassung

3 Ausländische Direktinvestitionen
3.1 Einleitung
3.1.1 Die Entwicklung von ADI in Asien: „Alles geht nach China“?
3.1.2 Aufbau des Investitionsteils
3.2 Konkurrenzeffekte
3.2.1 Theorie
3.2.2 Beliebtheit der Investitionsstandorte China und ASEAN
3.2.3 Desinvestitionen
3.2.4 Gegenläufige Entwicklung von ADI in der Region
3.2.4.1 Betrachtung der Bestände statt Flüsse von ADI
3.2.4.2 Übertreibung der Daten von ADI in China
3.2.4.3 Ein Nullsummenspiel?
3.2.4.4 Generierung von ADI in China
3.2.4.5 Zwischenergebnis
3.2.5 Fehlentwicklungen in einzelnen Ländern
3.2.6 Aufschlüsselung der Quellen von ADI in der ASEAN
3.2.7 Ausblick: WTO und danach
3.2.8 Analyse mittels ökonometrischer Verfahren
3.2.9 Zusammenfassung
3.3 Chinas Investitionen in Südostasien
3.3.1 Hintergrund chinesischer Direktinvestitionen
3.3.2 Bisherige chinesische Direktinvestitionen in der ASEAN
3.3.3 Ausblick
3.4 Gesamtbetrachtung

4 Schlussfolgerungen
4.1 Gemischte Auswirkungen
4.2 Produktionsnetzwerke
4.3 Ökonometrische Analysen
4.4 ASEAN - Im Fall von der technologischen Leiter?

LITERATURVERZEICHNIS IX

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abb. 1: Das BIP der ASEAN und von China, 1995 und 2003

Abb. 2: Verhältnis Export zu Bruttoinlandsprodukt verschiedener Regionen

Abb. 3: ADI in China und der ASEAN, 1991-1997

Abb. 4: Verhältnis Bestand von ADI zum Bruttoinlandsprodukt, 1980-2000

Abb. 5: Wirkungsweisen von ADI auf die Industriegüterproduktion der ASEAN

Abb. 6: Denkbare Einflüsse auf die ASEAN-Region

Abb. 7: Warenexporte von China und den ASEAN-5 1990 und 2003

Abb. 8: Exportwachstum und Änderungen von WMA 1990-2000

Abb. 9: Auswirkungen des WTO-Beitritts auf Exporte Südostasiens 2001-2010

Abb. 10: Exporte der ASEAN nach China, 1993-2004

Abb. 11: Intraregionaler Handel im Vergleich

Abb. 12: Zielmärkte der Exporte Südostasiens, 1980-2002

Abb. 13: Nettoeffekt auf Exporte der EA-7

Abb. 14: Entwicklung der ADI in China und in der ASEAN 1991-2004

Abb. 15: ADI in Südostasien und China, 1991 und 2002

Abb. 16: Desinvestitionen von ADI in China

Abb. 17: Bestände von ADI in China, Hongkong und ASEAN

Abb. 18: Entwicklung der ADI in der ASEAN ohne Indonesien

Abb. 19: Japanische Direktinvestitionen in der Region

Abb. 20: Direktinvestitionen der USA in der Region

Abb. 21: Direktinvestitionen der EU-4 in der Region

Abb. 22: Kapitalrendite japanischer Unternehmen

Abb. 23: Anteile von Elektrogeräten am bilateralen Handel, 1993-2004

TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1: Überschneidung der Exportstrukturen

Tabelle 2: Technologiestruktur der Exporte beider Wirtschafträume

Tabelle 3: Weltmarktanteile nach Technologie-Kategorien

Tabelle 4: Marktanteile in der westlichen Welt, nach Produktkategorie

Tabelle 5: Matrix zur Konkurrenz auf dem Exportmarkt 1990 und 2000

Tabelle 6: Exporte unter DT nach Technologie

Tabelle 7: Exportzuwächse der ASEAN-5 in den USA 1995-2000

Tabelle 8: Einfluss des WTO-Beitritts auf die Exporte der ASEAN im Jahr 2020

Tabelle 9: Struktur der chinesischen Importe aus der ASEAN 1993-2004

Tabelle 10: Die Exporte der ASEAN nach China

Tabelle 11: Einfluss des chinesischen BIP auf seine Importe aus der ASEAN

Tabelle 12: Gewichteter Durchschnitt der Zollhöhe von Exporten nach China

Tabelle 13: Nettoeinfluss des BIP Chinas auf die Exporte der ASEAN

Tabelle 14: Inward FDI Performance Index 1988-1990 und 1998-2000

Tabelle 15: Chinas Direktinvestitionen in der ASEAN

Tabelle 16: Struktur der Importe der ASEAN aus China, 1993-2004

Tabelle 17: Struktur der Exporte der ASEAN nach China, 1993-2004

Southeast Asian countries are under intense competitive pressure, as their former activities, especially labor-intensive manufacturing, migrate to China. One indicator of this massive shift is the fact that Southeast Asia used to attract twice as much foreign direct investment as Northeast Asia, but the ratio is [now] reversed.1

Lee Hsien Loong

Einleitung

Chinas gegenwärtiger Aufstieg zur Industrie- und Exportmacht ist einer der einflussreichsten Vorgänge, die das zukünftige Aussehen der Weltwirtschaft formen. Der jährliche Anstieg der im Industriesektor Beschäftigten von 25 Millionen Menschen ist gleichbedeutend mit der Erweiterung der Weltwirtschaft um ein mittelgroßes Land. Chinas zunehmende Bedeutung als Produktions- und Montagestandort von Exporterzeugnissen, als Empfänger ausländischer Direktinvestitionen und als Importeur von Technologie, Rohstoffen und Industriegütern ist keine einmalige Angelegenheit, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der die weltweite Angebots- und Nachfragelage nachhaltig prägen wird.

Die Ungewissheit, wie sich das plötzliche Erwachen dieses Riesen auf die Weltwirtschaft auswirken wird, schürt denn auch die Angst davor, ins Hintertreffen zu geraten. Insbesondere die mit einem ähnlichen komparativen Vorteil ausgestatteten Entwicklungsländer, und hier vornehmlich die des benachbarten Südostasiens, fürchten die chinesische Konkurrenz auf Exportmärkten und um ausländische Direktinvestitionen, was sich in den Reaktionen von Wissenschaftlern und Politikern wie Lee Hsien Loong widerspiegelt. Dabei ist diese Sorge nur zu verständlich, wenn man die zentrale Bedeutung dieser beiden Faktoren für das exportorientierte Wachstum Südostasiens bedenkt, das die Region bis zur Wirtschaftskrise zum „Asiatischen Wunder“ machte.

Gleichwohl sind die Ängste nicht immer begründet. Die vorliegende Arbeit beabsichtigt, die Auswirkungen des chinesischen Aufschwungs auf die ökonomische Entwicklung in Südostasien anhand einer Analyse der statistischen Daten zur Exporttätigkeit und zu den empfangenen ausländischen Direkt- investitionen beider Wirtschaftsräume zu ermitteln. Dies bedingt ein hohes Aggregationsniveau der Analyse, also die Verwendung von Daten zu Ländern oder der ganzen Region. Einzelne Produktgruppen werden nur im Zusammenhang mit dem gesamten Exportspektrum analysiert; das Schicksal einzelner Produkte oder gar Unternehmen muss dabei hinter das große Bild zurücktreten.

Gleichzeitig wird viel Wert darauf gelegt, die Größenordnung der beteiligten Effekte, wo möglich, anzugeben, da die allgemeine Diskussion vielerorts einer methodischen Vorgehensweise ermangelt und daher oft zu subjektiv geführt wird. Hierfür bedient sich die Untersuchung volkswirtschaftlicher Analyseverfahren, deren Ergebnisse zwar angreifbar sind, aber durchaus eine Vorstellung von der Bedeutung einzelner Prozesse geben können.

Die Untersuchung gliedert sich in vier Teile. Der erste vergleicht die Werdegänge beider Wirtschaftsräume bis heute. Dabei wird auf die wichtige Rolle ausländischer Direktinvestitionen auf ihr exportorientiertes Wachstum eingegangen. Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Einfluss Chinas auf die Exporte Südostasiens. Zuerst wird die zwischen ihnen bestehende Konkurrenz auf den Exportmärkten der westlichen Industrieländer behandelt, anschließend die wachsende Rolle Chinas als Importeur südostasiatischer Waren. Im dritten Teil werden die Ströme ausländischer Direktinvestitionen nach Südostasien daraufhin analysiert, ob sie durch die wachsenden Zahlen in China beeinträchtigt werden. Den entgegengesetzten Effekt haben chinesische Direktinvestitionen im südostasiatischen Raum.

Der letzte Teil resümiert die Ergebnisse der Arbeit und stellt heraus, welche Position die Länder der ASEAN im Wirtschaftsgefüge des asiatischen Raumes einnehmen können.

1 Die Volkswirtschaften im Vergleich

1.1 Das chinesische Wirtschaftswunder

1.1.1 Reformen in der Wirtschaftspolitik

Die phänomenale ökonomische Entwicklung Chinas seit 1980 ist eng an die seither durchgesetzten Wirtschaftsreformen gebunden. Diese Reformen waren aber nicht ohne Voraussetzung, denn trotz sozialer und wirtschaftlicher Miseren war es der sozialistischen Regierung im Zeitraum von 1949 bis 1979 gelungen, Struktur- reformen auf den Weg zu bringen, die den Agrarsektor modernisierten, die Infrastruktur verbesserten und zum Aufbau elementarer Industrien wie Stahl und Textilien führten.2Die Wirkung dieser Maßnahmen war jedoch im abgeschotteten China begrenzt, es ermangelte eines funktionierenden Wettbewerbs, der Anreize zu Produktverbesserung und Produktivitätssteigerung geschaffen hätte.

Diese Situation änderte sich grundsätzlich durch die Öffnung Chinas zum Weltmarkt. Ein traditionell durchsetzungsstarker Staatsapparat leitete verschiedene Reformen ein, die die Integration des Landes in die Weltwirtschaft bei gleichzeitiger Stärkung des heimischen Marktes zum Ziel hatten. Gegenstand der Reformen waren neben dem ländlichen Bereich und der Staatsbetriebe auch das Finanz- und Steuersystem. Vor allem aber öffnete man sich dem internationalen Handel und hieß ausländische Direktinvestitionen (ADI) willkommen.3Zugute kamen China hierbei die engen Beziehungen, die es seit jeher mit Hongkong und den ethnischen Chinesen in Südostasien unterhalten hat.

1.1.2 Wachstum des Außensektors

Diese Kehrtwende hat die Industrie- und Handelsstruktur des Landes nachhaltig verändert. Die nun zur Industrialisierung der ländlichen Regionen angeworbenen ausländischen Direktinvestitionen haben die exportorientierte Entwicklung vorangetrieben.

Heute liefert der Außensektor den größten Beitrag zum Wirtschaftswachstum. In der Zeit zwischen 1990 und 2002 stieg der Außenhandel jährlich um durchschnittlich 17%,4im Jahr 2000 wurden Güter im Wert von 249 Milliarden US$ exportiert und von 206 Milliarden US$ importiert.5 Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt betrug in den achtziger Jahren weniger als 10%, heute sind es über 20%. Die größten Handelsströme bestehen dabei nach wie vor zu Japan, den Vereinigten Staaten von Amerika und Europa. Chinas Exportmarktanteil in Japan ist seit 1990 von 5% auf 19% gestiegen, in den USA von 3% auf 12% und in der EU von 2% auf 9%.

2003 besaß China einen Exportmarkanteil in Japan von 19% (1990 waren es lediglich 5%), in den USA von 13% (3%) und in der Europäischen Union von 9% (2%).6

Schon seit langem ist China der größte Empfänger ausländischer Direktinvestitionen unter den Entwicklungsländern. Auch wenn sich das Land schon 1979 geöffnet hatte, sprang das Interesse des Auslandes, in China zu investieren, erst richtig an, nachdem Deng Xiaoping während einer Rundreise durch die südlichen Provinzen im Jahr 1992 sein Engagement für marktfreundliche Reformen und die weitere Öffnung des Landes bekräftigt hatte. In den Jahren zwischen 1989-1994 bezog man jährlich durchschnittlich 14 Milliarden US$ an ausländischen Direktinvestitionen, in den darauf folgenden fünf Jahren bereits 40,9 Milliarden US$. Dies entspricht einem Anteil von 23 Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen in Entwicklungsländern.72002 hat China die USA als Empfänger von ausländischen Direktinvestitionen überholt und setzte sich mit 53 Milliarden US$ an die Weltspitze.8

Diese Entwicklung resultierte in einem durchschnittlichen Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 8,9% von 1994-2003.9

1.1.3 Wandel in der Handelsstruktur

Sowohl Importe als auch Exporte haben sich von Agrarprodukten hin zu Industrieprodukten verschoben. Hielten sich die Agrar- und Industrieexporte 1980 noch die Waage, betrug das Verhältnis 1993 schon 18:82; die entsprechenden Importe verhielten sich ähnlich.10

Anfangs dominierten technologiearme, arbeitsintensive Branchen sowie rohstoffintensive Produkte den Export, sie machten Ende der achtziger Jahre 40% der Exporterträge aus.11 Schon Mitte der neunziger Jahre sind mittel- bis hochtechnologische, kapitalintensive Güter wie Büromaschinen und Telekom- munikationsgeräte an ihre Stelle getreten. Datenverarbeitungssysteme, Telekommunikationszubehör und hochentwickelte Elektroartikel sind neuerdings hauptsächlich verantwortlich für Chinas Deviseneinkünfte.12 Exporte der Maschinen- und Transportkategorie sind im Jahrzehnt nach 1993 sprunghaft von 20% auf 58% angestiegen.13

1.2 Südostasien: Von Mirakel zu Debakel?

1.2.1 Reformen in der Wirtschaftspolitik

Bis in die frühen achtziger Jahre haben die 14südostasiatischen Staaten, im besonderen Indonesien, Malaysia und Thailand, an einer Industrialisierungs- strategie des Importersatzes festgehalten und fuhren eine restriktive Außenhandelspolitik, wodurch die katalysierende Wirkung des internationalen Wettbewerbs und ausländischer Direktinvestitionen auf die wirtschaftliche Entwicklung gehemmt wurde. Die Folge war das Gedeihen hochgradig ineffizienter Staatsbetriebe. In den Jahren 1982-1986 hatten die südostasiatischen Staaten mit steigenden Ölpreisen und geringen Erträgen aus Handelserzeugnissen zu kämpfen. Die schlechte Wirtschaftlichkeit der Staatsbetriebe wurde nicht länger von stabilen makroökonomischen Grunddaten gedeckt und verstärkte damit den Ruf nach Liberalisierung der Wirtschaft.15Freier Wettbewerb auf dem heimischen Markt, sowohl für nationale als auch für internationale Akteure, wurde in der Mitte der neunziger Jahre das neue Paradigma der Wirtschaftspolitik.

Importzölle wurden gesenkt, Zinsen dereguliert, Staatsbetriebe privatisiert und die Reglementierung für ausländische Direktinvestitionen weitgehend aufgehoben:16

Die Wirtschaftspolitik hatte einen Kurswechsel von Importsubstitution zu einer exportorientierten Entwicklung vollzogen und folgte damit dem Beispiel der Tigerstaaten.

1.2.2 Wachstum des Außensektors

Die Folge dieser Politik war ein von der Industrie angeführter, stetig steigender Außenhandel. Im Jahrzehnt vor der Asienkrise ist der Außenhandel Südostasiens um durchschnittlich 11% im Jahr angestiegen. Dies resultierte in einer Relation zwischen Export und Bruttoinlandsprodukt, die teilweise deutlich über dem der westlichen Industrienationen17lagen: Thailand überschritt 1995 erstmals die 40%- Marke, Indonesien erreichte schon 1974 durch den stark expandierten Rohstoffhandel 30% und Malaysia verzeichnete vor der Asienkrise eine Relation von 90%.

Dieser Exportboom hängt mit den seit dem Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik in die Region strömenden Direktinvestitionen zusammen. In dieser Zeit war das Investitionsvermögen Japans und der Tigerstaaten sehr groß, was auch mit der Aufwertung ihrer Währungen gegenüber denen Südostasiens zusammenhängt.18 Diese Staaten suchten damals angesichts im Inland steigender Löhne und einer protektionistischen Wirtschaftspolitik der USA und der EU nach billigen Produktionsstätten. Seit Mitte der achtziger Jahre sind die ausländischen Direktinvestitionen dann rasant gestiegen, bis 1990 waren sie in Malaysia um das zwölffache auf 6 Milliarden US$ angewachsen, in Indonesien um das elffache auf 9 Milliarden US$ und in Thailand gar um das 24-fache auf 14 Milliarden US$.19

Die Welle von ausländischen Direktinvestitionen, zusammen mit dem dynamischen Effekt von Liberalisierung und Deregulierung auf die Exportzahlen, bescherte Südostasien in den Jahren zwischen 1987 und 1995 ein Wirtschaftsboom sondergleichen. Die jährliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes lag in Singapur bei durchschnittlich 9%, in Thailand bei 10%, in Malaysia bei 9% und in Indonesien bei 7%.20

Das südostasiatische Wunder war perfekt.

1.2.3 Wandel in der Handelsstruktur

Ähnlich wie China hat auch Südostasien die Produktion hin zu immer höherwertigen Produkten verlagert. Die Exporterfolge basierten zunehmend auf einer Diversifikation und Weiterentwicklung der gehandelten Produkte. Anfang der achtziger Jahre haben die Länder Südostasiens ihre Produktpalette von Grundstoffen erweitert. Der Rohstoffsektor, vormals von Öl, Naturkautschuk und Zinn dominiert, wurde um Flüssiggas, Palmöl sowie Holz ergänzt; die Agrarproduktion erweiterte sich um Kaffee, Tapioka, Maniok und Naturfasern.21 Seit den achtziger Jahren ist die Abhängigkeit der rohstoffreichen Länder von der Ausfuhr von Grundstoffen zurückgegangen. Vor allem Singapur und Malaysia begannen mit dem Export arbeitsintensiver Produkte und stiegen später immer mehr in die Produktion kapitalintensiver Güter ein. Lag 1970 der Anteil von Industrieprodukten am Gesamtexport der ASEAN-4 bei einigen wenigen Prozenten, betrug er 1993 zwischen 50% und 70%. Die Industrieproduktion Singapurs wuchs von 30% auf 80%.22

Die wirtschaftliche Entwicklung beider Wirtschaftsräume verlief bis hierhin in Richtung und Geschwindigkeit weitgehend parallel. Die Asienkrise markierte dann das vorläufige Ende dieser Parallelität.

1.2.4 Die Asienkrise

Die Asienkrise war ein schmerzhaftes und einschneidendes Ereignis für die Staaten Südostasiens, insbesondere für die am stärksten betroffenen Länder Thailand, Indonesien und Malaysia. Auch die neuen ASEAN-Staaten Vietnam, Kambodscha, Laos und Myanmar hatten ob ihrer Abhängigkeit von diesen Ländern als Exportmärkten und Investoren stark unter der Krise zu leiden.

Der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts resultierte hauptsächlich aus nachlassenden privaten Investitionen, verhaltenem Konsum und sinkenden Exportzahlen. Nationale Investitionen gingen infolge einer rigorosen Verschärfung der Kriterien für die Geldvergabe zurück, welche die Kreditinstitute unter pessimistischer Zukunftserwartung vorgenommen hatten. Das Liquiditätsproblem und eine schwache Nachfrage aus dem Ausland, vor allem angesichts einer schwerfälligen japanischen Wirtschaft, verhinderten, dass man aus den geschwächten Wechselkursen in Form gesteigerter Exporte hätte Gewinn ziehen können. Im Gegenteil, die gerade in dieser Situation bei sinkendem Konsum im Inland so wichtigen Exporte sanken 1998 empfindlich, die Philippinen ausgenommen.23

Dramatische Folgen hatte der sich daran anschließende Abzug ausländischen Kapitals, was die Region dem freien Fall überließ. Man führt heute das Ausmaß der Krise hauptsächlich auf den hohen Anteil leicht beweglichen Kapitals zurück, das bei den ersten Anzeichen eines Nachfragerückgangs das Land fluchtartig verließ.24 Schätzungen zufolge belief sich das im Krisenjahr 1997 zurückgerufene Kapital auf zwölf Milliarden US$.25

Im Gegensatz zu den beeindruckenden zehn Jahren vor der Krise sanken die Wachstumsraten signifikant, manche Länder mussten sogar ein Negativwachstum verzeichnen. 1998 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt von Thailand um 8%, nachdem es schon im Vorjahr ein Nullwachstum hingelegt hatte und damit die Krise einläutete. Indonesien gar verlor 15%, Malaysia 6%, die Philippinen und Singapur stagnierten, Vietnam und Laos verloren drei Prozentpunkte ihres Wachstums:26Die Auswirkungen waren verheerend.

1.3 Nach der Krise: Veränderte Kräfteverhältnisse

Bis Mitte der neunziger Jahre wiesen Südostasien und China vergleichbare Bruttoinlandsprodukte auf. Nachdem aber die Krise über Südostasien hinweggefegt war, ergab sich ein anderes Bild: China hatte die Krise offenbar besser überstanden und war an seinen südlichen Nachbarn vorbeigezogen.

Abb. 1: Das BIP der ASEAN27und von China, 1995 und 2003

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: IMF, World Economic Outlook (2006)28

Das Bruttoinlandsprodukt von China war 2003 mit 1410 Milliarden US$ mehr als doppelt so hoch wie das der ASEAN. China trägt mittlerweile 4% zur globalen Gesamtausbringungsmenge bei, vor zwei Jahrzehnten war sein Anteil noch verschwindend gering.29Unter Berücksichtigung der Kaufkraftparität nahm China 2004 mit einem Beitrag von 13% zur globalen Gesamtausbringungsmenge sogar den dritten Platz hinter den USA und der EU (als Einheit betrachtet) ein.

Ist es denkbar, dass diese an Geschwindigkeit aufnehmende Erfolgsgeschichte zumindest zu einem gewissen Teil zulasten der südostasiatischen Staaten ging, dass diese sich ohne die Präsenz ihres mächtigen Nachbarn im Norden schneller und deutlicher von der Krise erholt hätten? Und stellt der wiedererwachte Drache vielleicht einen Hemmschuh für das weitere Fortkommen dieser Länder dar? Wie diese Fragen von Verantwortungsträgern der Region wie dem eingangs zitierten Premierminister von Singapur beantwortet werden, bestimmt immerhin, unter welchem Paradigma die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Volksrepublik stehen.

Das Zitat macht deutlich, dass China vielerorts als Konkurrent auf dem Exportmarkt und um ausländische Direktinvestitionen angesehen wird. Diese Ängste bestehen in den westlichen Industrienationen ebenso wie in den Entwicklungsländern. Wegen der geographischen Nähe ist es nur allzu verständlich, dass sie in Ost- und Südostasien am vehementesten artikuliert werden. Beachtliche Exportzuwächse durch billige und produktive Arbeit, eine hohe Zahl an technisch geschulten Arbeitskräften, ein riesiger und weit gefächerter Industriesektor, eine ausgereifte Industriepolitik und seit neuem ein gesteigerter Weltmarktzugang durch die Aufnahme in die World Trade Organization (WTO) beschwören geradezu apokalyptische Visionen von Exportverlusten herauf. Danach stünden der Weltwirtschaft Erschütterungen bevor, die mit der Bedeutung Manchesters für die industrielle Revolution verglichen werden.30

In den Augen vieler Beobachter wiegt schwerer aber noch ein etwaiger Verlust nach China umgelenkter ausländischer Direktinvestitionen. Viele sehen ausländische Direktinvestitionen als einen Katalysator für wirtschaftliche Entwicklung, da mit ihnen nicht nur Kapital, sondern auch technisches und betriebswirtschaftliches Wissen sowie Marktverständnis ins Empfängerland übertragen werde, womit China morgen auch die höher entwickelten Industriezweige der südostasiatischen Staaten veröden könnte. Auf einen Teil dieses wertvollen Know-hows müssten letztere dann verzichten, sollte die Höhe der für die gesamte Region vorgesehenen ausländischen Direktinvestitionen eines beliebigen Jahres begrenzt sein. Chinas Mehreinnahmen gingen dann direkt auf Kosten der ASEAN.

1.4 Keine Chance gegen den Drachen?

Dabei handelt es sich mitnichten um einen kurzen Albtraum. Sollte China eine Bedrohung für Südostasien darstellen, ist nicht an ein Abklingen dieser Gefahr zu denken, im Gegenteil, das Wirtschaftspotential Chinas scheint in den Augen mancher schier unerschöpflich. Im folgenden seien einige der Aspekte genannt, die die wirtschaftliche Großmacht und vielleicht auchÜberlegenheitChinas gegenüber Südostasien begründen und Beobachter zu den eben erwähnten apokalyptischen Visionen veranlassen.

1.4.1 Größenvorteile

China ist nicht nur die am schnellsten wachsende, sondern auch die größte Industrienation unter den Entwicklungsländern. Die Größe ermöglicht die Realisierung von Skalenerträgen ("economies of scale") und Diversifikations- vorteilen ("economies of scope"), wodurch bestimmte Produkte billiger erzeugt werden können als in kleinen Volkswirtschaften. Während China kapitalintensive und komplexe Industrien selbst aufbauen und durch den Vertrieb auf dem großen heimischen Markt Exportkompetenzen erwerben kann, sind andere Länder auf internationale Unternehmen angewiesen, wodurch lokale Firmen eine weitaus geringere Vernetzung mit der Weltwirtschaft erfahren, und der Wissens- und Technologietransfer gehemmt wird.31

1.4.2 Arbeitskraft

1.4.2.1 Große Arbeiterschaft

Mit einer Bevölkerung von über 1,3 Milliarden32ist China doppelt so groß wie die ASEAN.33China besitzt eine große Arbeiterschaft, die eine Quelle für komparative Vorteile in arbeitsintensiven Produktionsbereichen bereitstellt. Im Jahr 2002 waren 769,3 Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter, verglichen mit 104 Millionen in Indonesien, 37,5 Millionen in Thailand, 10,3 Millionen in Malaysia und 34 Millionen auf den Philippinen.34

1.4.2.2 Niedrige Löhne

Chinas Lohnvorteil wird unmittelbar ersichtlich, wenn man die hier bezahlten Löhne in Relation zu denen anderer Länder setzt. Der Industriesektor der Philippinen musste 1997 etwa fünfmal höhere Löhne zahlen wie China, Malaysia und Thailand sind sogar noch etwas teurer.35Die Einschätzung, dass die Löhne mit der wirtschaftlichen Expansion ansteigen müssten, da die vielen Arbeitskräfte im Landesinneren örtlich nur eingeschränkt flexibel seien, und die politische Führung darüber hinaus auch keine Flut von in die Ballungsräume drängenden Arbeitssuchenden dulde,36beruhigt angesichts der absoluten Zahl von jährlich 25 Millionen neuen Arbeitskräften im modernen Sektor dagegen kaum.37 Der Unterschied in der Lohnstruktur stellt sich allerdings weniger alarmierend dar, wenn man sie mit der Produktivität einer Arbeitseinheit verrechnet: Die Lohnstückkosten für sämtliche Industrieprodukte sind in Indonesien mit 87% und auf den Philippinen mit nur 72% sogar geringer als in der Volksrepublik.38 Neuerdings beobachtet man ferner einen leichten Anstieg der Lohnstückkosten in China.39 Beunruhigender ist hingegen der Umstand, dass der Lohnvorteil ausgerechnet im Hochtechnologiebereich nachteilig ausgeprägt ist.40 Produktionsfaktoren in diesem Bereich sind mobiler, womit dessen Wachstumspotential außerordentlich hoch ist. Gleichzeitig ist dieser Zukunftsmarkt für alle Länder von besonderem Interesse, hiervon wird später noch die Rede sein.

1.4.2.3 Qualifikation

Je besser die Bevölkerung eines Landes ausgebildet ist, desto stärker wird es in den wichtigen Bereichen, die eine fortgeschrittene Technologie voraussetzen, vertreten sein. Um die Qualifikation der Arbeiterschaft in beiden Regionen vergleichen zu können, wird als grober Indikator auf die Immatrikulationszahlen in technischen Ausbildungsgängen zurückgegriffen. Die Güte der Ausbildung, Abschlussquoten und Bedarf an der jeweiligen Qualifikation sowie andere Formen der Schulung können hiermit nicht berücksichtigt werden. Dieser Indikator ist jedoch der einzig vergleichbare Maßstab und benennt die Basis der technologischen Entwicklung, auf die andere Formen der Weitervermittlung bauen.

China beherbergt 18% der Studenten technischer Studiengänge aller Entwicklungsländer und besitzt damit den größten Anteil (absolut übrigens den drittgrößten hinter den USA und Russland). In Bezug auf den Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt China jedoch mit einer Quote von mageren 0,1% hinter den ASEAN-4; Malaysia (0,13%), Thailand (0,19%), Indonesien (0,23%) und die Philippinen (0,55%) weisen alle günstigere Zahlen auf.41Die geringe Quote in China ist indes sehr ungleich verteilt. Während die Landbevölkerung hier gleichsam vernachlässigbare Zahlen beisteuern dürfte, ist die Rate in städtischen Regionen entschieden höher, was sie durchaus zu zukunftsträchtigen Kraftwerken und damit zu Konkurrenten Südostasiens macht. Das Bildungssystem Chinas entwickelt sich allerdings rapide, es wurden eigens Elite-Universitäten zur technologischen Aufrüstung eingerichtet.42Die Bedrohung von Seiten Chinas wird demnach nicht auf den Niedrigtechnologiesektor beschränkt bleiben.

1.4.3 Fortschreitende Technologisierung des Landes

Neben einer großen, billigen und zunehmend gut ausgebildeten Arbeiterschaft wird das Wachstumspotential Chinas von einer fortschreitenden Technologisierung des Landes flankiert. Die Anstrengungen zu weiterer Technologisierung sind vielfältiger Natur und finden auf Unternehmens-, Industrie- und nationaler Ebene statt, weshalb es nicht möglich ist, sie alle zu erfassen.43

1.4.3.1 Forschung und Entwicklung

Als ein Indikator werden die formellen Ausgaben für R&D (Research and Development) herangezogen, die gewissermaßen die Spitze des Eisbergs darstellen. Chinas absolute Ausgaben für R&D liegen weit vor denen der südostasiatischen Staaten. Geschätzte 18 Milliarden US$ geben die Unternehmen selbst aus (2003),44 der Staat steuert noch einmal die gleiche Menge für Verteidigung und Grundlagenforschung bei,45was einem Anteil von 1,2% des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Die ASEAN bringen dafür bescheidene 0,3% auf.46Diese Zahl wird dabei noch von Singapur mit 2,1% hochgehalten, in Thailand beträgt sie zum Beispiel nur 0,1%.47Bedenkt man, dass die R&D Ausgaben der Unternehmen 1998 nur 8 Milliarden US$ betrugen, wird die Geschwindigkeit von Chinas technologischer Aufholjagd deutlich. Die weltweit durchschnittliche Quote der Forschungsausgaben von 5% des Gewinns wird von zahlreichen großen Unternehmen Chinas überschritten.48

Diese Unterschiede im finanziellen Aufwand wirken sich auf die Anzahl der im Forschungsbetrieb tätigen Personen aus. Die Dichte der Erfinder und Ingenieure ist in China mit 584 pro eine Million Einwohner gleich mehrfach so hoch wie in Thailand (74), auf den Philippinen (156) und selbst in Malaysia (160).49

Der Indigenous Innovation Index, herausgegeben vom World Economic Forum, misst die auf eigenen Kräften beruhende Innovationsfähigkeit eines Landes. Die geringen Anstrengungen im Bereich Forschung und Entwicklung rächten sich für die neuen Tigerstaaten, die sich im Jahr 2000 mit den Plätzen 47 (die Philippinen), 50 (Thailand) und 55 (Indonesien) ihrem Mitstreiter China (34) geschlagen geben mussten. Nur Malaysia kam als 30. knapp vor China ins Ziel.50

1.4.3.2 ICT-Infrastruktur

Die Infrastruktur an Informations- und Kommunikationseinrichtungen (Telefon, Mobiltelefon, PCs) ist ein wichtiger Parameter für den Wettbewerbsvorsprung eines Landes. Die Telefondichte liegt in China (83 Telefonanschlüsse pro 1000 Einwohner) höher als auf den Philippinen (42) und in Indonesien (36). Thailand (88), Malaysia (198) und natürlich Singapur (570) schließen besser ab als China.51 Das Bild sieht für Mobiltelefone und PCs sehr ähnlich aus. Damit liegt China irgendwo in der Mitte der ASEAN-4. Doch auch hier gilt, dass der Schnitt durch eine weitgehend unterentwickelte Landbevölkerung gedrückt wird. Chinas Anstrengungen zum Ausbau dieser Strukturen sind gerade in den schon entwickelten Regionen sehr ehrgeizig, sie umfassen zum Beispiel die Entwicklung eines Glasfasernetzes, das die bevölkerungsreichen Gebiete der östlichen Provinzen verbinden soll.52

China ist nach alledem ein imposantes Entwicklungspotential zu attestieren. Insbesondere die größeren Anstrengungen zur Technologisierung des Landes werden sich erst in der Zukunft niederschlagen. Die Staaten der ASEAN scheinen einen zu sorglosen Umgang mit diesen zukunftsweisenden Faktoren zu üben, was die Gefahr in sich birgt, dass man technologisch immer weiter hinter China zurückfallen könnte, und der eigenen Produktion schließlich nur noch Sektoren mit geringerer Wertschöpfung verblieben. Insoweit man, wie Lee Hsien Loong unterstellt, tatsächlich um Exportmärkte und ausländische Direktinvestitionen konkurriert, müssen sich die Länder der ASEAN auf einen langen und zunehmend härter werdenden Kampf einstellen.

1.5 Bedeutung von Export und ADI für die Region

Die zentrale Bedeutung, welche dem Export von Politikern und Analysten für die Ökonomien Südostasiens zugeschrieben wird, erscheint unmittelbar plausibel. Die Literatur führt zur Charakterisierung der ökonomischen Entwicklung der Region regelmäßig den Begriff des "export-led growth" an, des exportorientierten Wachstums. Dieser Aufstieg koinzidierte mit massiven Strömen ausländischer Direktinvestitionen, weshalb sie von vielen für die treibende Kraft hinter dem Exportwachstum gehalten werden.53Singapur hat allen demonstriert, wie man sich große Summen ausländischer Direktinvestitionen für ein exportorientiertes Wachstum zunutze macht.54 Sein wirtschaftlicher Erfolg ist von keinem südostasiatischen Land übertroffen, seine Abhängigkeit von ausländischen Direktinvestitionen ebenfalls nicht.

Sollte nun dieses zugkräftige Gespann von der ASEAN abgekoppelt und vor den Karren der chinesischen Wirtschaft gespannt werden, leuchtet ein, warum die Länder Südostasiens gravierende Folgen befürchten. Der folgende Abschnitt wird die Rolle von Export und ausländischen Direktinvestitionen für das Wirtschafts- wachstum im Allgemeinen und in Asien im Besonderen beleuchten und zu einem fundierteren Verständnis ihrer volkswirtschaftlichen Zusammenhänge beitragen.

1.5.1 Export

Internationaler Handel trägt in direkter und indirekter Weise zum Wirtschaftswachstum bei. Als Summand in der Gleichung des Bruttoinlandspro- duktes führen höhere Exporte automatisch zu einem größeren Bruttoinlandsprodukt, sofern der Exportanstieg den Importanstieg in der Summe übersteigt.55Dies ist der direkte Effekt.

Der Export trägt aber noch mit einer Reihe indirekter Effekte, sogenannter „Externalitäten“,56zum Wirtschaftswachstum bei. Er ist maßgeblich verantwortlich für die Besorgung von Produktionsfaktoren wie Rohstoffen, Kapitalgütern57und Technologie, indem Güter und Dienstleistungen, die ein Land effizient herstellen kann, mit solchen ausgetauscht werden, die entweder nicht verfügbar sind oder nur unter hohem Kostenaufwand hergestellt werden können. Die durch die Exportaktivitäten bedingte Spezialisierung übt eine katalysierende Wirkung auf eine effiziente Ressourcenallokation aus.58 Der Konkurrenzdruck auf internationalen Märkten steigert die Effizienz der heimischen Wirtschaft und erfordert die Einführung neuer Technologien, was durch Lerneffekte aus dem Kontakt zum internationalen Markt begünstigt wird, sowie Ausgaben für eine Verbesserung des Humankapitals, wodurch Produktivität und schließlich Wachstum angekurbelt werden.59Vermehrte Exporte wiederum erlauben größere Importe, um Produktionsmittel aus dem Ausland zu beziehen.

China und insbesondere Südostasien haben massiv auf diese treibende Wirkung des Exports gesetzt, wie schon im einführenden Teil beschrieben. Statistiken zeigen, wie der Anteil der Exporte am Bruttoinlandsprodukt immer weiter angestiegen ist, was mit einem Wirtschaftswachstum der ASEAN einherging, das seit den achtziger Jahren bis zur Asienkrise rund doppelt so hoch ausfiel wie der Weltdurchschnitt.60

Abb. 2: Verhältnis Export zu Bruttoinlandsprodukt verschiedener Regionen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Wong/Chan (2003), S. 16, Abb. 6

Die alten Tigerstaaten bestechen schon lange mit einem hohen Export/Bruttoinlandsprodukt Verhältnis, was offensichtlich Teil ihres Erfolgsrezeptes ist. Bis zur Asienkrise haben dieneuenTigerstaaten, die ASEAN-4, ein beachtliches Verhältnis von circa 50% erreicht. Die Entwicklung nach der Asienkrise täuscht darüber hinweg, dass sich die absoluten Exportzahlen schwach entwickelt haben, 1998, als ihr einen Sprung machte, waren die Zahlen sogar rückläufig,61der sprunghafte Anstieg des Verhältnisses zum Bruttoinlandsprodukt erklärt sich durch dessen relativ noch größeren Einbruch.62China liegt zwar noch deutlich unter den ASEAN-4, doch hat sich das Verhältnis der Exporte zum Bruttoinlandsprodukt in den letzten 20 Jahren ebenfalls vervielfacht und die 20%- Marke überschritten.

1.5.2 Ausländische Direktinvestitionen

Im Laufe dieser Arbeit wird sich an manchen Stellen ein Verlust an Exportmarktanteilen an China herauskristallisieren. Der Verlust von Marktanteilen an eine große Volkswirtschaft, die ein äußerst geringes Ausgangsniveau hatte, ist aber an sich noch kein Grund zur Besorgnis, da sich hieran Umstrukturierungen der lokalen Industrien schließen können, die die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft aufrecht erhalten.

Die Umstrukturierung in Richtung lukrativerer Industrien ist aber in Frage gestellt, wenn die jenem Verlust von Marktanteilen zugrunde liegende Entwicklung der Produktivität und des technischen Fortschritts hinter derjenigen Chinas zurückbleibt.63Auf der Suche nach einem möglichen Mechanismus, durch den dieser Fall eintreten kann, gelangt man schnell zu der Rolle ausländischer Direktinvestitionen, da diese, wie im folgenden Abschnitt erläutert wird, die Wettbewerbsfähigkeit Südostasiens in der Vergangenheit maßgeblich gefördert haben. Ökonomen lenkten ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf die Bedeutung ausländischer Direktinvestitionen, als die herkömmliche Außenhandelstheorie das kontinuierliche Wachstum der Tigerstaaten nicht erklären konnte.64

Die Rolle ausländischer Direktinvestitionen für die ökonomische Entwicklung eines Landes ist etwas vielfältiger und indirekter als die des Exports und bedarf deshalb einer detaillierteren Darstellung.

1.5.2.1 Was sind ADI?

Zunächst einmal ist zu klären, was unter dem Begriff der ausländischen Direktinvestitionen genau zu verstehen ist. Nach der OECD sind ADI internationale Investitionen einer Entität (der direkte Investor) in einen Betrieb eines anderen Landes, mit der Absicht, eine dauerhafte Präsenz zu begründen.65 Ausgehend von der Motivstruktur für ADI unterscheidet man im wesentlichen vier Typen von ADI.

Absatzorientierte ADI hängen von der Größe, vom Wachstum und der sonstigen Attraktivität des Marktes des Empfängerlandes ab sowie dem Investitionsklima.66

Beschaffungsorientierte ADI hängen von den Vorkommen des jeweiligen Rohstoffes ab.

Strategische ADI bestehen in dem Erwerb von solchen Ressourcen, die zum technologischen Vorteil von internationalen Unternehmen beitragen können wie innovative Technologien oder Fähigkeiten von Arbeitnehmern. Diese Form von ADI spielt für die Region fast keine Rolle.

Mit effizienzorientierten ADI errichten internationale Unternehmen Produktionsstätten zur Herstellung von für den Export bestimmten Waren. Durch die technologischen Revolutionen im Transportwesen ist diese Form von ADI in den neunziger Jahren immer attraktiver geworden.67

1.5.2.2 Abhängigkeit von ADI

Die wachsende Bedeutung von ADI für die Volkswirtschaften Südostasiens und Chinas ergibt sich schon aus den bis zur Asienkrise steil ansteigenden Zahlen. Von einem äußerst geringen Niveau von 1,5 Milliarden US$ Ende der siebziger Jahre und noch unter 3 Milliarden US$ 198668stieg das empfangene Kapital 1991 auf über 13 Milliarden US$. In den sechs Jahren bis zur Asienkrise hat sich diese Zahl noch einmal fast verdreifacht. Chinas Aufstieg verlief noch rasanter.

Abb. 3: ADI in China und der ASEAN, 1991-1997 (in Mrd. US$)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: UNCTAD, WIR, verschiedene Ausgaben

Ein Vergleich mit dem Weltdurchschnitt empfangener ADI unterstreicht die besondere Bedeutung, der diesen Geldströmen in Südostasien zukommt.69Im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt erhielten südostasiatische Länder über lange Zeit ein Vielfaches an ADI wie die übrige Welt, zwischen 1988 und 1990 erzielte Malaysia etwa das 4,4-fache, Thailand 2,6-mal so viel, Singapur gar fast 14-mal so viel.70

Die Bedeutung von ADI ist hier aber nicht nur überdurchschnittlich hoch, sie ist auch für diese Länder selbst im Laufe der Zeit immer größer geworden, was ein Vergleich des Bestandes an ADI und den Bruttoinlandsprodukten der Länder erweist. In den meisten Ländern betrug die Höhe der empfangenen ADI 1980 nur wenige Prozent des Bruttoinlandsproduktes, 20 Jahre darauf waren es für diese Länder um die 20%.

Abb. 4: Verhältnis Bestand von ADI zum Bruttoinlandsprodukt, 1980-2000 (%)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: UNCTAD Country Fact Sheets71

In Malaysia und Singapur haben ADI eine noch größere Bedeutung. Diese Länder hätten das Diagramm gesprengt. Sie machten während des Betrachtungszeitraumes eine Entwicklung von 21% auf 59% bzw. von 53% auf 123% durch.

1.5.2.3 Wirkung von ADI auf das Wirtschaftswachstum

Wie auch beim Export kann man zwischen direkten und indirekten Effekten von ADI unterscheiden.72Die direkten Effekte betreffen die Tätigkeit der vom Ausland finanzierten Unternehmen selbst. Aber auch auf indirekte Weise stimulieren ADI das Wirtschaftswachstum. Schlüsselrollen kommen dabei dem Technologietransfer, der Formierung von Produktionskapital, der Entwicklung von Humankapital (d.h. externe Effekte auf lokale Zulieferer, Forschungsinstitute) und einer Förderung des internationalen Handels zu. Die Angreifpunkte für die Wirkung von ADI sind aber keinesfalls so gut trennbar wie die folgende Darstellung suggeriert. In Wirklichkeit handelt es sich um ein Geflecht wechselseitiger Abhängigkeiten.

Kapitalbildung

Unter Kapitalbildung versteht man die Formierung des physischen Kapitals, das für die weitere Produktion eingesetzt wird. Nicht nur der anfängliche Investitionsbetrag bei Errichtung einer Produktionsstätte, sondern auch alle späteren Investitionen mittels Gewinnen, Rücklagen oder Krediten des Mutterkonzerns oder der Tochtergesellschaft erhöhen das für das Wirtschaftswachstum so wichtige physische Kapital. Es wird geschätzt, dass dieser Effekt in China 0,4 Prozentpunkte zum Wirtschaftswachstum beigetragen hat.73

Humankapital

Mit einer gesteigerten Quantität und vor allem Qualität des Humankapitals wächst die Wertschöpfung einer Volkswirtschaft. ADI treibt die Entwicklung des Humankapitals durch Investitionen in Erziehung, Ausbildung, Gesundheit und Ernährung voran. Die Volkswirtschaft kann auf eine größere Arbeiterschaft zurückgreifen, die durch neue technologische Kenntnisse produktiver geworden ist und durch eine erhöhte betriebswirtschaftliche Sensibilität effektiver von Möglichkeiten auf dem Markt reagieren kann.74Sobald sich diese Maßnahmen für internationale Unternehmen auszahlen, ruft das die Aufmerksamkeit anderer Marktteilnehmer hervor, die nun höhere Investitionen in das Humankapital mit erhöhten Renditen in der Zukunft assoziieren, wodurch wieder Anreize für diese Investitionen entstehen.

Technologietransfer

Technologisches Know-how macht sich für Unternehmen in zweifacher Hinsicht bezahlt. Zum einen sinken die Stückkosten, zum anderen verbessert sich durch eine fortgeschrittene Technologie die Produktqualität, was zu höheren Marktanteilen führt. ADI verschafft durch den Import von Kapitalgütern, die die fremden Unternehmen aus ihrer Heimat mitbringen, Zugang zu den neuesten Technologien. Lokale Firmen, die in eine vertikale Arbeitsteilung eingebunden sind, erfahren technische Unterstützung durch die fremdfinanzierten Unternehmen, um ihre Produkte zu verbessern, neue zu entwickeln oder ihre Produktionsprozesse zu optimieren.75 Dieser Effekt hat in China weitere 2,5 Prozentpunkte zum Wirtschaftswachstum beigetragen.76Dabei dürfte der Effekt für Südostasien noch höher liegen, da der hohe Anteil von Hongkong an den ADI in China weniger Technologie mit sich bringt als Investitionen der westlichen Industrienationen.77

Internationaler Handel

ADI und internationaler Handel haben viele Gemeinsamkeiten, sie sind besonders eng miteinander verwoben. Beide sind zum Beispiel Reaktionen des Marktes auf Unterschiede zwischen den Produktionsaktivitäten verschiedener Länder, und zuweilen kann ADI an die Stelle internationalen Handels treten, wie bei einer auf ADI gestützten Produktion im Rahmen einer den Importersatz betonenden Industrialisierungsstrategie.78

DiedirekteWirkung von ADI, also der Handel von durch ausländische Gelder errichteten Unternehmen, ist zweifellos größer als die externen Effekte auf das Empfängerland der ADI. Aber auch sie sind nicht zu vernachlässigen. Die Vermarktungsaktivitäten internationaler Unternehmen verschaffen auch inländischen Firmen Zugang zu internationalen Vertriebsnetzwerken. Durch Hilfe beim Produktdesign, Lizenzierung des Markennamens und dergleichen wird die Attraktivität inländischer Produkte erhöht, was die Exportzahlen steigen lässt.

1.5.2.4 Zusammenhang zwischen ADI und Industriegüterproduktion

Abbildung 5 fasst die direkten und indirekten Effekte von ADI auf die Industriegüterproduktion und mittelbar auf das Bruttoinlandsprodukt vereinfacht zusammen. Um eine Vorstellung vom Gewicht der einzelnen Größen zu bekommen, wurde versucht, sie zahlenmäßig zu bestimmen. Diese Angaben können aber nicht den Anspruch auf Genauigkeit erheben, die Quellen variieren mitunter stark, genau wie die Werte für einzelne Länder.

Abb. 5: Wirkungsweisen von ADI auf die Industriegüterproduktion in der ASEAN

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Industriegüterproduktion macht in den asiatischen Ländern zwischen 40% und 50% des Bruttoinlandsproduktes aus.79Der Rest entfällt auf Dienstleistungen und den Agrarsektor. Die Hälfte der Exporte stammt aus Produktionsstätten, die mit ausländischem Kapital errichtet worden sind (Foreign Invested Enterprises).80Grob zwei Drittel der in die Industriegüterproduktion fließenden ADI landet in der effizienzorientierten Produktion (dicker Pfeil), ein Drittel sind absatzorientierte ADI, die zu einem höheren Konsum im Markt der ASEAN führen.81

Diese Zahlen sind etwas unsicher, es ist aber unverkennbar, dass der Anteil effizienzorientierter ADI immer dominierender wird.8280% aller ADI kommen der Industriegüterproduktion zugute, die restlichen 20% fließen in den Dienstleistungs- oder den Rohstoffsektor.83Das in der Industrie investierte Kapital hat wegen seiner Technologieintensität gleichzeitig die größten indirekten Effekte zur Folge.84Wie bedeutend jedoch ADI für den ExporterfolgeinheimischerUnternehmen sind, lässt sich nicht quantifizieren.

Im Rahmen dieser Untersuchung ist der Zusammenhang zwischen ADI und Exporten von besonderem Interesse, und hier wiederum der direkte Effekt durch effizienzorientierte ADI. Dieser Zusammenhang macht die Bedeutung ausländischer Direktinvestitionen für das Wirtschaftswachstum Südostasiens unmittelbar deutlich. Etwa die Hälfte aller Exporte sowohl von China85als auch von der ASEAN86stammen von Tochterfirmen internationaler Unternehmen. Im zukunftsweisenden Hochtechnologiebereich ist der Proporz noch höher.87Da ihr Anteil vor zwei Jahrzehnten noch marginal war,88ist das Exportwachstumdieser Länder sogar zu mehr als der Hälfte auf ADI zurückzuführen.89Statistische Analysen assoziieren in China mit jedem US$ an ADI einen Exportanstieg von 2,55 US$90oder mit jedem Prozent Anstieg der ADI ein Wachstum der Exporte von 0,29% im Folgejahr.91

Es überrascht demnach nicht mehr, dass volkswirtschaftliche Analysen einen positiven Zusammenhang zwischen ADI und dem Wirtschaftswachstum südostasiatischer Länder finden.92Eine Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass eine Erhöhung der ADI um eine Einheit das Bruttoinlandsprodukt um 0,56 Einheiten steigert.93Allein die im Jahr 2004 in die ASEAN geflossenen 28 Milliarden US$ an ADI haben danach das Bruttoinlandsprodukt um fast 16 Milliarden US$ angekurbelt. Selbstverständlich ist das nicht. Die bis in die achtziger Jahre von Südostasien verfolgte Industrialisierungsstrategie des Importersatzes ging davon aus, dass ADI einheimische Unternehmen verdrängen und der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes im Wege stehen könnten.

Diese für den Export so bedeutenden effizienzorientierten ADI verdienen daher ein besonderes Augenmerk. Gleichzeitig, wie unter Kapitel 3.2.1 zu sehen sein wird, ist ein Konkurrenzkampf nirgends so plausibel wie für diese Form der ADI. Zwar gibt es keine Statistiken, die effizienzorientierte ADI separat ausweisen, doch versucht diese Arbeit, den Einfluss Chinas auf genau diese Form der ADI aufzudecken.

Es ist also festzuhalten, dass China mit einer gewissen Verzögerung auf den Zug des für Südostasien seit Mitte der achtziger Jahre so elementaren exportorientierten Wachstums aufgesprungen ist. Wenn die Implementierung dieser Strategie dazu geführt haben sollte, dass dieselbe für die Länder der ASEAN nicht mehr so aufgeht wie früher, erhöhte Zahlen von Export und ADI in China die entsprechenden Werte Südostasiens also negativ beeinflussen, so könnte man davon sprechen, dass Chinas Wirtschaftswachstum in gewissem Sinne auf Kosten desjenigen Südostasiens ginge.

1.6 Aufbau der Arbeit

Angesichts der erdrückenden wirtschaftlichen Eckdaten neigen unbedarfte Beobachter zu dem voreiligen Schluss, dass es sich nur noch um wenige Jahre handeln kann, bis China den Markt für einfach alle Arten von Gütern beherrscht. Ökonomen hingegen wissen, dass selbst die größte, selbst die produktivste Volkswirtschaft komparative Vorteile besitzt, entlang derer sie sich spezialisieren, alle anderen Waren indes importieren wird, was wiederum die Attraktivität der diese Waren exportierenden Länder als Bestimmungsort für ADI erhöht. Eine Beurteilung, wie sich diese Effekte auf Südostasien ausgewirkt haben und noch auswirken können, erfordert demnach eine differenzierte Analyse.

1.6.1 Export

Hinsichtlich des Exportsektors Südostasiens liegt zum einen ein gewisses Konkurrenzverhältnis zu China auf der Hand, andererseits aber haben sich für ihn neue bzw. erweiterte Absatzmöglichkeiten auf dem chinesischen Markt aufgetan. Der Frage, inwieweit und mit welchem Ergebnis China und Südostasien um Marktanteile an bestimmten Produkten in Drittländern, insbesondere den westlichen Industrienationen (USA, EU, Japan), rivalisieren, ist ein umfangreiches Kapitel gewidmet (2.2).

Gleichzeitig aber ist Chinas Bedarf an Importartikeln gestiegen. Dieser setzt sich zusammen aus einem „Nachfrageeffekt“ und einem „Produktionsspezialisierungseffekt.“ Ein wachsender und einkommensstärkerer Markt in China wird ein gesteigertes Konsumverhalten an den Tag legen.94Darüber hinaus ist mit erhöhtem Bedarf an Industrieartikeln zu rechnen, die China für die weitere Produktion bzw. Montage seiner eigenen Exportwaren benötigt.

Diesem Komplex wird unter Kapitel 2.3 nachgegangen.

1.6.2 ADI

Bezüglich der ausländischen Direktinvestitionen befürchtet man eine magnetartige Wirkung durch China, die Kapital aus Drittländern, das ursprünglich für Südostasien vorgesehen war oder ohne die vielversprechenden Investitions- möglichkeiten vorgesehen worden wäre, in die Volksrepublik umlenken könnte ("diversion effect"). Mehr noch: Man meint, Hinweise für Desinvestitionen gefunden zu haben, also für den Abzug schon investierten Kapitals aus Südostasien, um es in China wiederzuverwenden. Die Stichhaltigkeit dieser Befürchtungen wird unter Kapitel 3.2 untersucht.

Den umgekehrten Effekt hat ein verstärktes Auftreten Chinas als Investor in der Region, das seinerseits nach einer lukrativen oder strategischen Präsenz in Südostasien sucht. Die Entwicklung dieses Kapitalstromes verfolgt Kapitel 3.3.

Abb. 6: Denkbare Einflüsse auf die ASEAN-Region

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2: Exportverluste in Drittländern?

2.3: Exportanstieg nach China?

3.2: Ablenkung ausländischer Direktinvestitionen nach China?

3.3: Empfang von Direktinvestitionen aus China?

Nach einem jeweils kurzen Überblick zur Entwicklung von Export und ADI in beiden Regionen setzen die eigentlichen Analysen etwa 1992 ein, als Chinas Wirtschaftswachstum im Anschluss an die Reise Deng Xiaopings durch die südlichen Provinzen exponentielle Züge annahm. China verzeichnete eine Explosion vom Ausland empfangener Direktinvestitionen. Sie wuchsen zwei aufeinander folgende Jahre um circa 150%,95versiebenfachten sich also binnen kürzester Zeit. Die Möglichkeit eines Konkurrenzkampfes mit China hat sich zu dieser Zeit erstmals vernehmlich artikuliert.

Anschließend wird ein kurzer und in mancher Hinsicht spekulativer Blick in die Zukunft gewagt, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Folgen von Chinas WTO-Beitritt gelegt wird.

Die Untersuchung innerhalb der im Mittelpunkt stehenden Kapitel zur Konkurrenz um Exportmärkte (2.2) und ausländische Direktinvestitionen (3.2) erfolgt mittels verschiedener Herangehensweisen. Zunächst werden volkswirtschaftliche Mechanismen und Wirkungsweisen erörtert, welche die zur Diskussion stehenden Auswirkungen theoretisch hervorrufen könnten. Im Anschluss daran werden die verfügbaren Rohdaten zu Export und ADI der Region daraufhin beurteilt, ob sie Anhaltspunkte für jene Effekte liefern oder aber solche nicht verifizieren können.

Zu diesem Zweck wird auch auf statistische Analyseverfahren der Volkswirtschaftslehre zurückgegriffen (sogenannte „ökonometrische Verfahren“96).

Die ASEAN-4 (Indonesien, Malaysia, Thailand, Philippinen) verdienen durch ihr im Vergleich zu den neuen ASEAN-Mitgliedsstaaten größeres wirtschaftliches Gewicht besondere Beachtung. Auch auf den Fall von Singapur wird eingegangen, das jedoch als ausgewachsener Tigerstaat oftmals ein anderes Schicksal erfährt als seine Nachbarn.

[...]


1 ChinaOnline vom 14.11.2002, zitiert in Chantasasawat et al. (2003), S. 3. Lee war damals stellvertretender Premierminister von Singapur. Im August 2004 übernahm er das Amt des Premierministers von Goh Chok Tong.

2 Palanca (2001), S. 3.

3 Palanca (2001), S. 3.

4 Roland-Holst/Weiss (2005), S. 19.

5 WTO (2005), S. 44.

6 Wattanapruttipaisan (2005a), S. 2.

7 Wattanapruttipaisan (2005a), S. 7.

8 UNCTAD (2005), S. 81.

9 Wattanapruttipaisan (2005a), S. 4.

10Palanca (2001), S. 7.

11Wattanapruttipaisan (2005a), S. 3.

12Eichengreen/Tong (2005a), S. 2.

13S. Tab. 17.

14Nach dem Untertitel des Buches "Southeast Asian Paper Tigers? - From miracle to debacle and beyond", Jomo (2003).

15Phongpaichit (1992), S. 12.

16Yam (1997), S. 4-5.

17Der Exportweltmeister Deutschland hatte 1999 bspw. eine Relation von 35%, Reynaud (1999), S. 32.

18Yam (1997), S. 5.

19Yam (1997), S. 5.

20Yam (1997), S. 8.

21Tongzon (2002), S. 25.

22Tongzon (2002), S. 20.

23 Tongzon (2002), S. 164: Brunei:-40%, Indonesien:-4,7%, Malaysia:-0,46%, Singapur:-9,5%, Thailand:-14,4%, Vietnam:+2% (von 24% im Vorjahr), einzig die Philippinen, Laos, Myanmar und Kambodscha konnten ihre Zahlen halten.

24Hill (2004), S. 260.

25Tongzon (2002), S. 162.

26Tongzon (2002), S. 162.

27ASEAN steht für "Association of South East Asian Nations", dem 1967 ins Leben gerufenen Staatenbund Südostasiens. Im Kontext dieser Arbeit ist dieses Akronym gleichbedeutend mit „Südostasien“, rekurriert also nicht beschränkend auf die Organisation dieser Region.

28http://www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2006/01/data/index.htm.

29Wattanapruttipaisan (2005a), S. 5.

30Economist (2003), S. 2.

31Lall/Albaladejo (2002), S. 84.

32China Population Information and Research Center, http://www.cpirc.org.cn/en/eindex.htm, Zugriff am 12.05.2006.

33Chia (2004), S. 2.

34Aziz/Bakar (2005), S. 18.

35Lall/Albaladejo (2002), S. 96.

36Bhaskaran (2003), S. 10.

37Eichengreen/Rhee/Tong (2004), S. 1.

38Shafaeddin (2002), S. 5.

39Dullien (2005), S. 126.

40Daten zu den Lohnstückkosten nur für diesen Bereich sind nicht verfügbar. Es steht aber zu vermuten, dass diese hauptsächlich aus dem Ausland finanzierten Projekte international üblichen Produktionsprozessen folgen, weshalb die Lohnstückkosten hier niedriger ausfallen dürften als für

den gesamten Industriesektor.

41Alle Daten aus Lall/Albaladejo (2002), S. 98. Die Quote für Malaysia erscheint allerdings äußerst niedrig gegriffen.

42Lall/Albaladejo (2002), S. 99.

43Lall/Albaladejo (2002), S. 99.

44Wattanapruttipaisan (2005b), S. 18. Ein Großteil dieser Ausgaben stammt aus ausländischen Direktinvestitionen.

45Lall/Albaladejo (2002), S. 101.

46Wattanapruttipaisan (2005b), S. 19.

47Aziz/Bakar (2005), S. 21.

48Wattanapruttipaisan (2005b), S. 18 f.

49Aziz/Bakar (2005), S. 21. Singapur liegt mit 4052 deutlich höher, die Zahlen für Indonesien sind nicht verfügbar.

50McKibbin/Woo (2003), S. 34, der alte Tigerstaat Singapur erreichte Platz 14.

51Lall/Albaladejo (2002), S. 105.

52Lall/Albaladejo (2002), S. 105.

53Vgl. Lall/Albaladejo (2002), S. 78; UNIDO Expert Group Meeting (2005), S. 9; Booth (1999), S. 567.

54Tongzon (2002), S. 142.

55Mankiw (2001), S. 527. Die Exportindustrie Südostasiens ist aber in hohem Maße auf Komponenten angewiesen, die importiert werden müssen. Daher lässt sich ein Exportanstieg im Ergebnis nicht einfach auf das Bruttoinlandsprodukt aufaddieren.

56Unter „Externalitäten“ oder „externen Effekten“ versteht man Auswirkungen ökonomischen Handelns auf die Wohlfahrt eines unbeteiligten Dritten, für die niemand bezahlt oder einen Ausgleich erhält, Mankiw (2001), S. 221.

57Ein Kapitalgut ist in der Wirtschaftswissenschaft ein langlebiges ökonomisches Gut, das von Unternehmen zur Erstellung und Weiterverarbeitung von Gütern angeschafft wird, ohne direkt noch indirekt selbst in die produzierten Güter einzugehen, Mankiw (2001), S. 74.

58Tongzon (2002), S. 24.

59Bende-Nabende (1999), S. 89.

60IMF, http://www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2006/01/data/.

61Von 355 auf 331 Mrd. US$, WTO, http://www.wto.org/english/res_e/statis_e/statis_e.htm.

62Das Bruttoinlandsprodukt fiel in diesem Jahr um 9,4%, IMF, http://www.imf.org/external/ pubs/ft/weo/2006/01/data/.

63Weiss (2005), S. 2.

64Bende-Nabende (1999), S. 81.

65Zitiert nach Eichengreen/Tong (2005a), S. 9.

66Zhou/Lall (2005), S. 50.

67Hill (2004), S. 262.

68Tongzon (2002), S. 140.

69Weiss (2005), S. 12, Fn. 10.

70McKibbin/Woo (2003), S. 11. Nach einem Index der UNCTAD (Inward FDI Performance Index). Er soll weiter unten noch Verwendung finden.

71UNCTAD Country Fact Sheets,

http://www.unctad.org/Templates/Page.asp?intItemID=3198&lang=1.

72Zhang/Song (2000), S. 389.

73Tseng/Zebregs (2002), S. 19.

74Bende-Nabende (1999), S. 85.

75Bende-Nabende (1999), S. 86.

76Tseng/Zebregs (2002), S. 19.

77Wei (2003), S. 24. Zu den Quellen von ADI in der Region siehe Kap. 3.2.6.

78Bende-Nabende (1999), S. 89.

79World Facts Book, www.bartleby.com. China 51%, Indonesien: 41%, Malaysia 40%, die

Philippinen 31%, Thailand 40%, Singapur 33%.

8050% nach Bende-Nabende (1999), S. 107, 45% nach Hill (2004), S. 263.

81Cross/Tan (2004), S. 130. Der Anteil effizienzorientierter Produktion europäischer Unternehmen steigt dabei stetig, Mirza et al. (2000), S. 82.

82Takahara (2004), S. 250. Die von internationalen Unternehmen produzierten Waren, vielerorts, wie noch zu sehen sein wird, auf wenige Sparten konzentriert, sind sicherlich zum geringeren Teil für den südostasiatischen Markt bestimmt.

83 2004 gingen 20,8 der 25,6 Mrd. US$ aller ADI der ASEAN in die Industrieproduktion,

http://www.aseansec.org/18144.htm, Tabellen 6.5 und 6.1. Thomsen (1999), S. 11, schätzt den Anteil der Industrie indes geringer ein. Daten der Herkunftsländer Japan und USA ergäben, dass er nur die Hälfte aller ADI ausmacht. In China liegt der Anteil bei etwa 70%, Zhou/Lall (2005), S. 46.

84Cross/Tan (2004), S. 149.

8545,5% in 1999, Zhang/Song (2000), S. 395. Der Anteil wächst mit der Technologieintensität der Produktion, Lall/Albaladejo (2004), S. 1441.

8650% nach Bende-Nabende (1999), S. 107, 45% nach Hill (2004), S. 263.

87 1999 gingen 73,6% der chinesischen Exporte von elektronischen Geräten auf das Konto

ausländischer Unternehmen, Wong/Chan (2002), S. 86, Tabelle 3.

881980 betrug er gerade mal 0,05% und durchbrach auch erst 1990 die 10%-Marke, Wei/Liu (2001), Tabelle 2.10, S. 33 f.

89Tseng/Zebregs (2002), S. 21.

90Tan (1999), S. 38.

91Zhang/Song (2000), S. 393.

92Chowdhury/Mavrotas (2005), S. 8, gehen von einer gegenseitigen Stimulierung von ADI und Bruttoinlandsprodukt in Thailand und Malaysia aus. ADI in südamerikanischen Ländern hingegen steigern nach ihrer Untersuchung nicht das Bruttoinlandsprodukt, sondern umgekehrt.

93Jalilian/Weiss (2001), S. 22.

94Im Rahmen dieser Arbeit werden die in Südostasien an Chinesen erbrachten Dienstleistungen ausgeklammert (Dienstleistungsexporte). Nicht unerwähnt bleiben sollte hier die Bedeutung des Tourismus. 2002 besuchten 2,8 Millionen Chinesen die ASEAN, 9% aller nicht aus der ASEAN stammenden Besucher. Die beliebtesten Urlaubsorte sind Thailand, Vietnam, Singapur und Malaysia, ASEAN-China Expert Group (2001), S. 13.

95Chantasasawat et al. (2004), S. 4.

96Die Ökonometrie ist ein Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften, welches die ökonomische Theorie sowie mathematische Methoden und statistische Daten zusammenführt, um wirtschaftstheoretische Modelle empirisch zu überprüfen und ökonomische Phänomene quantitativ zu analysieren, Mankiw (2001), S. 678.

Ende der Leseprobe aus 138 Seiten

Details

Titel
Die Auswirkungen des Wirtschaftswachstums Chinas auf die ökonomische Entwicklung in Südostasien - Eine Analyse von Export und ausländischen Direktinvestitionen
Hochschule
Universität Passau
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
138
Katalognummer
V71613
ISBN (eBook)
9783638621137
Dateigröße
1161 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Auswirkungen, Wirtschaftswachstums, Chinas, Entwicklung, Südostasien, Eine, Analyse, Export, Direktinvestitionen
Arbeit zitieren
Diplom Jurist, Magister Artium Arno Brokamp (Autor), 2006, Die Auswirkungen des Wirtschaftswachstums Chinas auf die ökonomische Entwicklung in Südostasien - Eine Analyse von Export und ausländischen Direktinvestitionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71613

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