Charlotte Brontës Roman Villette (1853) ist dominiert von der Wirklichkeitssicht der Erzählerin Lucy Snowe, die als autodiegetische Erzählinstanz retrospektiv die Entwicklung ihres Lebens beschreibt. Dabei entfaltet sie detailliert ihre eigene Perspektive sowie die Perspektive der Figuren, die ihr auf ihrem Lebensweg begegnen. Diese Arbeit wird die Entwicklung der Perspektive Lucy Snowes sowie die der anderen Figuren auf inhaltliche und formale Aspekte hin untersuchen. Aus Gründen des beschränkten Umfangs dieser Arbeit sollen nur die Perspektiven Mme Becks, M. Pauls und Grahams einer detaillierten Analyse unterzogen werden. Die im Rahmen der Besprechung der Figurenperspektiven ausgelassenen Perspektiven finden jedoch Eingang in die Überlegungen zur Perspektivenstruktur im dritten Teil dieser Arbeit.
Die Perspektivenstruktur eines Textes ist ein auf der übergeordneten Kommunikationsebene N3 anzusiedelndes Phänomen. Sie konstituiert sich durch „die Beziehung aller Figurenperspektiven zueinander und durch deren Verhältnis zur Erzählerperspektive“. Die Perspektivenstruktur ist somit mehr als nur „die Summe aller Teile, denn sie erfaßt modellhaft die strukturellen Verhältnisse zwischen allen Einzelperspektiven“. Die Kommunikationsebene N3 ist ein abstraktes Konstrukt, das von Nünning als „die Summe aller strukturellen Kontrast- und Korrespondenzrelationen, die sich durch Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen textuellen Elementen auf N1 und N2 ergeben“ beschrieben wird. Es ist also ein „virtuelle[s] System“ , da die Beziehungen, die zwischen den verschiedenen textuellen Elementen bestehen, erst von den Rezipienten durch die Auseinandersetzung mit dem Gesamttext erzeugt werden können. Aus diesem Grund stellt die Ebene N3 so etwas wie die Schnittstelle zwischen Text und Rezipienten dar. Bevor jedoch Aussagen über die Perspektivenstruktur des Textes gemacht werden können, müssen die verschiedenen textuellen Elemente analysiert werden. Eine Analyse der Einzelperspektiven wird deshalb den ersten Teil dieser Arbeit ausmachen.
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Einzelperspektiven in Villette
2.1 Lucy Snowe
2.1.1 Parameter der Perspektivenentwicklung Lucys
2.1.1.1 Beschreibung der Welt in Bretton als Projektion der Wünsche und Sehnsüchte Lucys
2.1.1.2 Selbständigkeit und Eigenverantwortung durch Isolation
2.1.2 Implizite Selbstcharakterisierung Lucys durch Auseinandersetzung mit den Perspektiven der anderen Figuren
2.1.2.1 Miss Marchmont
2.1.2.2 Ginevra Fanshawe
2.2 Figurenperspektiven
2.2.1 Mme Beck
2.2.1.1 Perspektiveninhalte
2.2.1.2 Art der Darstellung der Perspektive
2.2.1.3 Dynamik der Perspektive
2.2.2 M. Paul
2.2.2.1 Perspektiveninhalte
2.2.2.2 Dynamik der Perspektive
2.2.2.3 Art der Darstellung der Perspektive
2.2.3 Perspektiveninhalte und Dynamik der Perspektive John Graham Brettons
3 Perspektivenstruktur
3.1 Selektion und Kombination von Figurenperspektiven
3.2 Grad der Ausgestaltung der Erzählerperspektive
3.3 Grad der Integrativität der Einzelperspektiven
4 Wirkungspotential der Perspektivenstruktur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die narrative Perspektivenstruktur in Charlotte Brontës Roman Villette, mit besonderem Fokus auf die Entwicklung der autodiegetischen Erzählerin Lucy Snowe und ausgewählter Nebenfiguren. Ziel ist es, die inhaltlichen und formalen Dimensionen dieser Perspektiven sowie deren Wechselwirkungen im Kontext der gesamten Erzählstruktur zu analysieren.
- Analyse der subjektiven Wirklichkeitssicht und Bewusstseinsentwicklung Lucy Snowes.
- Untersuchung der Interdependenz zwischen Figurenperspektiven und Erzählerinstanz.
- Erforschung der Selektion, Kombination und Integrativität der Perspektiven als strukturgebendes Element.
- Diskussion des Wirkungspotentials der Perspektivenstruktur hinsichtlich gesellschaftskritischer Aspekte im 19. Jahrhundert.
Auszug aus dem Buch
2.1.1.2 Selbständigkeit und Eigenverantwortung durch Isolation
Das Ausmaß ihrer Isolation und deren Auswirkung auf ihr Leben schildert Lucy im Anschluß an die Beschreibung der Welt in Bretton. Lucy erlaubt den Rezipienten sich vorzustellen, sie habe die nächsten acht Jahre nach dem Verlassen Brettons wie ein Schiff, „slumbering through halycon weather, in a harbour still as glass“ verbracht, „idle, basking, plump, and happy, streched on a cushioned deck, warmed with constant sunshine, rocked by breezes indolently soft.“ Den Verlust ihrer Bezugspersonen und die Isolation, in die sie dadurch gezwungen wird, beschreibt sie durch ein Spiel mit der Metapher des ruhig im Hafen liegenden Schiffes, das plötzlich in einen Sturm gerät und Schiffbruch erleidet.
„However, it cannot be concealed that, in that case, I must somehow have fallen over-board, or that there must have been wreck at last. I too well remember a time - a long time, of cold, of contention. To this hour, when I have the nightmare, it repeats the rush of saltness of briny waves in my throat, and their icy pressure on my lungs. I even know there was a storm, and that not of one hour or one day. For many days and nights neither sun nor stars appeared; we cast with our own hands the tackling out of the ship; a heavy tempest lay on us; all hope that we should be saved was taken away. In fine, the ship was lost, the crew perished.“
Nach dem Verlust ihrer Verwandtschaft und Mrs. Brettons, zu der sie jeden Kontakt durch „impediments, raised by others“ verloren hat, befindet Lucy sich in einer Situation der Isolation, der sie durch die rhetorische Frage „Indeed, to whom could I complain?“ sowie durch ihre Aussage: „there remained no possibility of dependence upon others; to myself alone could I look“ auch explizit Ausdruck verleiht. An diesem Punkt der Erzählung weist Lucy ebenfalls explizit auf die Ursache - Wirkung Relation zwischen der Entwicklung ihres Voraussetzungssystems und den Umständen, die diese Entwicklung determinieren, hin: „I know not that I was of a self-reliant or active nature; but self-reliance and exertion were forced upon me by circumstances.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die zentrale Fragestellung der Analyse ein, die sich mit der Perspektivenstruktur und den Figurenperspektiven in Charlotte Brontës Villette befasst.
2 Einzelperspektiven in Villette: Dieses Kapitel analysiert detailliert die Perspektive von Lucy Snowe sowie ausgewählter Figuren wie Mme Beck, M. Paul und John Graham Bretton.
3 Perspektivenstruktur: Hier werden die methodischen Grundlagen zur Bestimmung der Perspektivenstruktur dargelegt, insbesondere durch die Untersuchung von Selektion, Kombination und Integrativität.
4 Wirkungspotential der Perspektivenstruktur: Der abschließende Teil erörtert, wie die spezifische Erzählweise und Perspektivengestaltung auf den Rezipienten wirken und zur Sensibilisierung für gesellschaftliche Rollenzwänge beitragen.
Schlüsselwörter
Villette, Charlotte Brontë, Perspektivenstruktur, Lucy Snowe, autodiegetische Erzählinstanz, Voraussetzungssystem, Figurenperspektive, Bildungsroman, Kommunikationsebene N3, Leidensfähigkeit, Isolation, viktorianische Gesellschaft, Rollenzwänge, narrative Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die narrative Gestaltung und die Dynamik der Perspektiven in Charlotte Brontës Roman Villette durch die Linse eines kommunikationstheoretischen Modells.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung des Bewusstseins der Protagonistin Lucy Snowe, die Funktionen der Figurenperspektiven sowie die Art und Weise, wie soziale und persönliche Identität im Roman konstruiert werden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Analyse der Perspektivenstruktur und die Untersuchung, wie Lucy Snowe als Erzählerin die Sicht auf die anderen Figuren filtert und durch ihre eigene Bewertung beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf ein kommunikationstheoretisches Modell der erzählerischen Vermittlung (nach Ansgar Nünning) zur Analyse der Perspektiveninhalte und -strukturen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der Einzelperspektiven (Lucy Snowe, Mme Beck, M. Paul, Graham Bretton) und die Untersuchung der übergeordneten Perspektivenstruktur durch Kategorien wie Selektion und Integrativität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Perspektivenstruktur, autodiegetische Erzählform, Bildungsroman, Voraussetzungssystem und die kritische Auseinandersetzung mit weiblichen Rollenbildern.
Wie beeinflusst die Isolation Lucy Snowes Sicht auf die anderen Figuren?
Die Isolation zwingt Lucy in die Rolle der Beobachterin; ihre Kritik an anderen Figuren dient dabei häufig der Abgrenzung und der impliziten Definition ihrer eigenen Werte und Normen.
Warum wird M. Pauls Perspektive als dynamisch eingestuft?
M. Paul zeigt eine Entwicklung innerhalb seines Werte- und Normensystems, da er im Laufe der Erzählung seine ursprünglichen Vorurteile gegenüber dem Protestantismus reflektiert und revidiert.
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- Johannes Klaas (Author), 1997, Form, Inhalt, Dynamik und Wirkungspotential der Perspektivenstruktur in Charlotte Brontes "Villette", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/717