Die Rhetorik des Vorurteils - Sprachkritische Untersuchungen zur deutschen Literatur über den Spanischen Krieg 1936-1939


Doktorarbeit / Dissertation, 2001
252 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Einleitung
2.1 Forschungsüberblick
2.2 Begriffsbestimmungen
2.3 Methodik
2.4 Zur Problematik der sozialwissenschaftlichen Interpretation sprachwissenschaftlicher Beobachtungen
2.5 Textauswahl

3. Das Verfahren zur Implementierung von Vorurteilen, dargestellt am Roman Blutender Sommer von Hans Roselieb (1938/1939)
3.1 Inhalt, Aufbau und Form des Romans
3.2 Analyse des Textes Blutender Sommer von Hans Roselieb - inhaltliche Dimension
3.2.1 Figurenkonzepte (nach Erscheinen)
3.2.1.1 Gerhardo Baroja
3.2.1.2 Isabella Baroja y Bender
3.2.1.3 Castelar
3.2.1.4 Frau Ybarres
3.2.1.5 Schuhputzer
3.2.1.6 Maja
3.2.1.7 Tante Margit (Sponholz)
3.2.1.8 Ulrich Schnaebele
3.2.1.9 Onkel Sponholz
3.2.1.10 Die Spanier
3.2.1.11 Kommunisten bzw. Anarchisten
3.2.1.12 Velarde
3.2.1.13 Gonzales Quesada
3.2.1.14 Donna Juana
3.2.1.15 Don Juan Piquer
3.2.1.16 Wirt (in Illescas)
3.2.1.17 Die Juden
3.2.1.18 Pater Benito Arasol (Illescas)
3.2.1.19 Antonio Xamete (Ortskommandant)
3.2.1.20 Die Amme Barbara
3.2.1.21 Wirtin (Toledo)
3.2.1.22 Don Alvaro de Tavera (Polizeichef von Toledo)
3.2.1.23 Don Alvaros Sekretär
3.2.1.24 Lucio Erecachu
3.2.2 Die Di-(Tri-)chotomie als inhaltliche Kategorie
3.2.3 Die ideologische Zielsetzung des Romans
3.2.3.1 Konflikte
3.2.3.2 Die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft
3.2.3.3 Nationalsozialistische Ideologie
3.2.3.4 Ideologische Ausschlußverfahren zur Erzeugung von Feindbildern
3.2.3.5 Der voluntaristische Mensch
3.2.3.6 Das spezifische Frauenbild
3.3 Analyse des Textes Blutender Sommer von Hans Roselieb - formal-ästhetische Dimension
3.3.1 Inhaltsbezogene Formalia
3.4 Sprache und Propaganda:
Das Konzept der Emotionalisierung eines politisch-ideologischen Textes
3.4.1 Elemente realistischen Erzählens
3.4.2 Der Figurenkonflikt als Schnittstelle bei der Emotionalisierung eines politisch-ideologischen Textes
3.4.2.1 Die sprachlich-formale Realisierung des Figurenkonflikts
3.4.3 Dramatisierung und emotional-suggestive Steigerung des Textgeschehens - inhaltliche Dimension
3.4.4 Dramatisierung und emotional-suggestive Steigerung des Textgeschehens - formale Dimension

4. Das Verfahren zur Implementierung von Vorurteilen, dargestellt am Roman Grüne Oliven und nackte Berge von Eduard Claudius (1939/1940)
4.1 Inhalt, Aufbau und Form des Romans
4.2 Erste interpretatorische Ansätze
4.3 Die Analyse des Textes Grüne Oliven und nackte Berge von Eduard Claudius inhaltliche Dimension
4.3.1 Figurenkonzepte (nach Erscheinen)
4.3.1.1 Die Kommunisten
4.3.1.2 Jak Rohde (alias Arno, Ernest)
4.3.1.3 Albert Kühne
4.3.1.4 Alter Italiener
4.3.1.5 Paul
4.3.1.6 Samuel Fischbein
4.3.1.7 Thea
4.3.1.8 <Fernando>
4.3.1.9 Adam
4.3.1.10 Kommandant Max
4.3.1.11 Politkommissar Franz
4.3.1.12 Brigadekommandant
4.3.1.13 Transportleiter Otto
4.3.1.14 Wilhelm Völkel
4.3.1.15 Der einarmige Bettnachbar (Paris)
4.3.1.16 Kommunistische Gegenfiguren (insbesondere zu Jak)
4.3.1.16.1 Leutnant Martin Müller
4.3.1.16.2 <Einer mit vermanschtem Gesicht>
4.3.1.16.3 Feldwebel Karl
4.3.1.16.4 Der Murrende/Das Frettchen
4.3.1.16.5 Klaus Becker
4.3.1.17 Die Spanier
4.3.1.17.1 Der Sonderfall <Juan>
4.3.1.17.2 Miguel, Chato, José Fernandez, Pedro
4.3.1.17.3 Der Mann, dessen Dorf aus Steinen naher Berge aus dem Aragon gebaut war
4.3.1.18 Bürgerliche Figuren (Madrider Etappe)
4.3.1.18.1 Chiquita (Bordellmutter)
4.3.1.18.2 Luisa
4.3.1.19 Die Anarchisten/Kommandant der Caserna National
4.3.1.20 Die Falangisten/Nazis/<Moros>
4.3.1.21 Die Deutschen
4.3.1.22 Die Franzosen
4.3.1.22.1 Mädchen (Paris)
4.3.1.22.2 Die Frau (Paris)
4.3.1.22.3 René
4.3.1.22.4 Die Vertreter der Geheimpolizei
4.3.1.22.5 Madame Rozat
4.3.1.22.6 Monsieur Rozat
4.3.1.22.7 Alte
4.3.1.22.8 Wahnsinniger
4.3.1.23 Die Engländer
4.3.1.24 Die Russen/Rußland
4.3.2 Die Di-(Tri-)chotomie als inhaltliche Kategorie
4.3.3 Die ideologische Zielsetzung des Romans
4.3.3.1 Konflikte
4.3.3.2 Das spezifische Frauenbild
4.3.3.3 Der Pazifismus
4.3.3.4 Die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft
4.3.3.5 Ideologische Ausschlußverfahren zur Erzeugung von Feindbildern
4.4 Die Analyse des Textes Grüne Oliven und nackte Berge von Hans Roselieb - formal-ästhetische Dimension
4.4.1 Inhaltsbezogene Formalia
4.4.1.1 Formen des Exkurses
4.4.1.2 Profanierung und Ästhetisierung
4.4.1.3 Erzählerische Brüche
4.5 Sprache und Propaganda: Das Konzept der Emotionalisierung eines politisch-ideologischen Textes
4.5.1 Elemente realistischen Erzählens
4.5.1.1 Die Darstellung der physiologischen Reaktionen der Figuren
4.5.1.2 Die Darstellung des sinnlichen Wahrnehmungsvermögens der Figuren
4.5.1.3 Accessoires
4.5.2 Der Figurenkonflikt als Schnittstelle bei der Emotionalisierung eines politisch-ideologischen Textes
4.5.2.1 Die sprachlich-formale Realisierung des Figurenkonflikts
4.5.3 Dramatisierung und emotional-suggestive Steigerung des Textgeschehens - 217 inhaltliche Dimension
4.5.4 Dramatisierung und emotional-suggestive Steigerung des Textgeschehens - formale Dimension

5. Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung

6. Literatur- und Medienverzeichnis

Anhang Der Verfasser

1. Vorbemerkung

Den Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung markiert das folgende historische Datum:

„Am 17. Juli 1936 erhoben sich unter der Führung von General Franco die spanischen Militärs in Marokko gegen die republikanische Regierung; am nächsten Tag dehnte sich die Meuterei auf das Festland aus. Am 19. konnte sie in zahlreichen Städten (Madrid, Barcelona, Valencia, Bilbao) durch einen Generalstreik der unteren Volksschichten aufgehalten werden. Dieser Bürgerkrieg hatte sich schon seit mehreren Monaten angekündigt.“[1]

Dieser nach dem pronunciamento der führenden Generäle der spanischen Armee einsetzende Bürgerkrieg dauerte schließlich fast drei Jahre. Und er war von Anfang an weit mehr als nur der

(para-)militärische Ausdruck eines innerspanischen Konflikts am äußeren westlichen Zipfel Europas. Dies läßt sich schon daran ersehen, daß dieser Bruderkrieg in seinem Verlauf so viele unterschiedliche Benennungen erfahren hat: Spanischer Bürgerkrieg, dann wieder Spanischer Krieg[2], oder auch kurz Spanienkrieg:

„Der Spanienkrieg ist - blickt man auf seine geschichtlichen und gesellschaftlichen Wurzeln und die Masse der Betroffenen - ein <spanischer Bürgerkrieg>, Ausdruck innerspanischer Konflikte und Konflikt-Traditionen. Der Terminus <Spanienkrieg> erscheint dennoch berechtigt, da dieser Krieg nicht nur ein Bürgerkrieg war: Er wurde nicht nur von Spaniern ausgefochten; Art und Grad ausländischer Interventionen und Unterstützung entschieden wesentlich über seinen Ausgang; diese Intervention beruhte darauf, daß die Bürgerkriegsparteien übernationalen ideologischen Lagern der europäischen Situation von damals zugeordnet wurden und die Interventionsmächte den Spanienkrieg als <Übungsfeld> für einen größeren kommenden Krieg betrachteten.“[3]

Damit beschreibt Kreuzer in groben Zügen das Spannungsfeld, in dem insbesondere die historischen Debatten über die Bedeutung des Spanischen Krieges sich seit seiner Entstehung immer wieder bewegen: Auf der einen Seite der Krieg als Ausdruck der inneren sozialen Spannungen der spanischen Gesellschaft aufgrund der Ausbeutung der ärmeren Bevölkerungsschichten durch ein <dekadentes> und demokratiefeindliches Establishment, bestehend aus Großbürgertum, Großgrundbesitzern und einem Klerus, der als der größte Aktieneigner am Kapital des gesamtes Landes galt.[4] Auf der anderen Seite der Spanische Krieg als Versuch der kommunistischen Internationale sowie der <faschistischen Achsenmächte> Italien und Deutschland, ihren politischen Einfluß nicht zuletzt aus geostrategischen Erwägungen heraus auch im äußersten Südwesten Europas weiter auszubauen. Zwischen diesen beiden Polen entfaltet sich zudem eine Vielzahl weiterer Interpretationsansätze und politischer Positionen, die von lokaler (beispielsweise in Katalonien oder im Baskenland) oder aber internationaler Tragweite (in den europäischen Demokratien, in Amerika oder Lateinamerika) waren. Alles in allem war der Spanische Krieg somit schon kurz nach seinem Ausbruch ein über alle Maßen komplexes und kaum mehr wirklich überschaubares historisches Phänomen geworden, das in den über dieses Thema öffentlich geführten Debatten in vielen Staaten der östlichen wie westlichen Welt heftigste Kontroversen hervorrief. Und genau diese Vielschichtigkeit von Anschauungen, Erklärungsansätzen, Berichten und Interpretationen macht es bis heute so ungemein schwer, zu auch nur bedingt stichhaltigen Aussagen über diesen Konflikt, seinen Verlauf und sein schließliches Ende zu kommen.

Wer sich also intensiver mit dem Phänomen des Spanischen Krieges auseinandersetzt, stellt bereits nach kürzester Zeit fest, daß sich sehr schnell über alle Verstehensprozesse der Schleier der Ideologeme zieht. Je intensiver man sich mit der Historie des Konflikts auseinandersetzt, desto schwieriger wird es, überhaupt noch zu bewerten, welche historischen Quellen wirklich stichhaltig und zuverlässig sind und welche nicht. Diese Problematik wird zusätzlich noch dadurch verschärft, daß man noch bis weit in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein ohne große Übertreibung von ideologisierter Geschichtsschreibung im Zusammenhang mit dem Ost-West-Konflikt sprechen kann. Problematisch ist jedoch auch die Konsultation spanischer Quellen über den Spanischen Krieg wenigstens bis zu den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts: Denn erst nach dem endgültigen Ende des Regimes Franco, der Abwehr eines Putschversuches in den achtziger Jahren und der Etablierung einer demokratischen Regierungsform konnte in Spanien wieder eine halbwegs differenzierte Forschung über dieses Thema einsetzen, was im übrigen auch die Veröffentlichung einer Vielzahl von Beiträgen seit dieser Zeit dokumentiert.[5] Vermeintlich <neutrale> Bewertungsversuche des Verhaltens und Agierens einzelner am Bürgerkrieg beteiligter Gruppen, Parteien oder auch Personen lassen sich dagegen nur selten ausmachen.

Einen ersten fundierten Überblick über die historischen Vorgänge im Rahmen der sukzessiven Demokratisierung der spanischen Gesellschaft, über die Rückschläge in diesem Prozeß seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts sowie die schließliche Entstehung des militärischen Konflikts in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts bietet vor allem Hugh Thomas´ Standardwerk The Spanish Civil War[6], das alle wesentlichen vorgenannten Faktoren und Aspekte aufgreift, darstellt und kritisch reflektiert.

Ähnliches, wenn auch mit geringerer historischer Distanz und daraus resultierenden partiellen Einschränkungen in der Validität bestimmter Deutungen, gilt auch für Gerald Brenans Werk The Spanish Labyrinth. An Account of the Social and Political Background of the Civil War[7] sowie insbesondere für Raymond Carrs Beitrag zur historischen Forschung The Republic and the Civil War in Spain.[8] Nicht ohne tieferen Grund entstammen die meisten der umfassenden Darstellungen über den Spanischen Krieg dem angelsächsischen Sprachbereich. Einer der wesentlichen dieser Gründe liegt sicherlich in der grundsätzlich vorhandenen räumlichen wie ideellen Distanz der Autoren zu den ideologischen Konflikten zwischen Faschismus und Bolschewismus, die in Kontinental-Europa sehr viel stärker ausgeprägt waren und entsprechend enthusiastischer ausgefochten wurden als beispielsweise in Amerika oder in Großbritannien.

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt der historischen Wissenschaften, in dessen Zusammenhang der Spanische Krieg von gewisser Bedeutung ist, ist die direkt nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende Totalitarismusforschung.

Bei Hannah Arendt[9] spielt der Konflikt als solcher in der Gesamtdarstellung noch eine relativ untergeordnete Rolle, was sich dann jedoch seit dem Historikerstreit und der damit einher gehenden Frage nach einer grundsätzlichen Vergleichbarkeit (Kritiker würden behaupten: Aufrechenbarkeit) jener Verbrechen wandelt, die unter kommunistischer bzw. nationalsozialistischer Herrschaft verübt wurden. In diesem Zusammenhang seien hier exemplarisch die jüngeren Veröffentlichungen Ernst Noltes[10], Stéphane Courtois et al.[11], Francois Furets[12] oder Gerd Koenens[13] erwähnt, die dem Spanischen Krieg allesamt separate Kapitel widmen oder ihm zumindest eine ausführliche Schilderung angedeihen lassen, vor allem aber auch zahlreiche andere Veröffentlichungen und Artikel, die im Zusammenhang mit dem Historikerstreit und der Goldhagen-Debatte von 1996 publiziert wurden.[14]

Grundsätzlich muß an dieser Stelle angemerkt werden, daß eine wie auch immer geartete literaturwissenschaftliche Analyse von Texten über den Spanischen Krieg an einer kritischen Sichtung jener Literatur, die über die historischen Hintergründe des Konflikts und die Zeit, in der er sich abspielte, informiert, nicht oder nur sehr schwerlich vorbeikommt. Dazu ist das Thema - nochmals - viel zu komplex und vielschichtig geartet. Möglichst umfassende und genaue Vorstudien dieser Art reduzieren mithin die Gefahr undifferenzierter Interpretationen gemachter Beobachtungen ganz erheblich. Dies gilt sowohl für den Spanischen Krieg und seine historischen, sozialen, sozialpsychologischen und sozioökonomischen Voraussetzungen selbst wie auch für die überaus wichtigen Fragen, die die Literaturdebatten jener Zeit über die Rolle und die Funktion der Literatur im Spannungsfeld von Geschichte und Politik, den Zusammenhang der Expansion der Ideologien von Bolschewismus und Faschismus in Europa, die daraus resultierende Krise der europäischen Demokratien insbesondere in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die Bedeutung der Weltwirtschaftskrise für diese Krise der Demokratien und viele andere Punkte mehr betreffen. Alle diese Aspekte finden direkt oder indirekt Eingang in die Literaturen jener Zeit und dürfen daher bei der literaturwissenschaftlichen oder literaturhistorischen Analyse nicht vernachlässigt werden.

Damit ist bereits einer der Kernpunkte der nachfolgenden Untersuchung über die deutsche Literatur über den Spanischen Krieg angesprochen: nämlich die Frage nach dem Grad der Authentizität und dem Wahrheitsgehalt jener Literaturen, die im Rahmen dieses Konfliktes auf den unterschiedlichen Seiten entstanden sind, und ihrer Gültigkeit als Dokumente <objektivierbarer> Geschichtsschreibung.

Mit dem Untersuchungsfeld Spanischer Krieg betritt man dabei immer auch ein moralisches Minenfeld, denn allein der Versuch, die menschlichen Ungeheuerlichkeiten jener Jahre <sachlich> zu beschreiben, muß jedem der heute noch lebenden Opfer, Kriegsteilnehmer oder auch ihren Angehörigen als zynischer Versuch erscheinen, so oder so verharmlosen oder diskreditieren zu wollen - je nachdem.

Dem nachgeborenen Wissenschaftler bleibt indes nichts anderes als der zweite, der kritische Blick auf die durch die Quellen vermittelten Geschehnisse, Vorstellungswelten und Sichtweisen. In diesem Sinne sei an dieser Stelle abschließend angemerkt, daß die nachfolgende Untersuchung nicht den Zweck verfolgt, das Engagement des einzelnen Kämpfers für eine vermeintlich <gute Sache> herabzuwürdigen, wo ein solches bestanden hat, sondern im Gegenteil der Versuch unternommen werden soll, durch die Analyse literarischer und historischer Quellen und mit Hilfe der sprachkritischen Methode zu verstehen und zu beschreiben, daß im Widerstreit der Ideologien der Propagandaliteratur die besondere Rolle zukam, Vorurteile und Ressentiments für politische Zwecke zu erzeugen und zu <kultivieren>. Daß die Ergebnisse einer derartigen Untersuchung dann erst in einem größeren Zusammenhang an wirklicher Aussagekraft gewinnen können, versteht sich dabei beinahe wie von selbst.

2. Einleitung

2.1. Forschungsüberblick

„Als erreicht kann nur gelten,

was in die Lebenskultur ein-

gegangen ist.“

Lenin

Der Spanische Krieg als Gegenstand literaturwissenschaftlicher Forschung ist, wie bereits angedeutet wurde, ein weites Feld. Dies gilt insbesondere für den Bereich der deutschsprachigen Forschung über dieses Thema, denn der Spanische Krieg gilt in ihr nicht etwa als abgegrenzter Forschungsbereich, sondern stellt sich vielmehr als ein Konglomerat unterschiedlicher Teilforschungsgebiete dar.[15]

Zu den wesentlichen dieser Bereiche gehören die Literaturgeschichte im allgemeinen und die Exilforschung im besonderen, ferner jener literaturwissenschaftliche Bereich, der sich mit all jenen Fragen beschäftigt, die den Sozialistischen Realismus und seine konkrete Umsetzung in Texten zum Inhalt haben, und schließlich eine ganze Reihe von Einzeluntersuchungen der Werke der vielen internationalen Autoren und Publizisten, die im Rahmen der in den dreißiger Jahren öffentlich geführten politischen und kulturellen Debatten in Europa oder Amerika zu diesem Thema Stellung bezogen haben.

Im Zusammenhang mit der literaturhistorischen Aufarbeitung des Spanischen Krieges in Deutschland existieren grundsätzlich zwei unterschiedliche Forschungstraditionen: zum einen die Aufarbeitung des Themas in der DDR, zum anderen jene in der Bundesrepublik Deutschland:

„Die bundesdeutsche Literaturwissenschaft hat sich bislang noch sehr wenig mit der sogenannten <Spanienliteratur> auseinandergesetzt. Die ersten Ansätze einer Beschäftigung mit diesem Thema sind erst innerhalb der letzten 15 Jahre [das meint: seit ca. 1968; B.P.] veröffentlicht worden; sie stehen in direktem Zusammenhang mit dem steilen Aufstieg der Exilliteratur zu einem selbständigen, interdisziplinären Forschungsgebiet.

Sowohl das Jahrzehnte dauernde Ignorieren als auch die plötzliche Entdeckung der Exilliteratur haben in erster Linie politische Gründe. Gleiches gilt für die Tatsache, daß trotz des rasanten Anstiegs der Anzahl der Publikationen über die Exilliteratur insgesamt die Literatur über den Spanischen Bürgerkrieg noch immer nicht in größerem Rahmen gewürdigt wurde.“[16]

Es ist einleuchtend, daß das Phänomen <Spanischer Krieg> während der Adenauerära ein typisches Tabuthema jener Zeit darstellte. So wirkt beispielsweise ein Mahner wie Willy Brandt wie ein einsamer Rufer in der Wüste, wenn er in seinen Lebenserinnerungen das resignierende Fazit zieht, daß es in der Bundesrepublik noch lange dauerte,

„bis sachlich über <Rotspanien> geredet werden konnte. Erst im Sommer 1972 - sofern sie ihren Wohnsitz im Ausland hatten, erst im Mai 1978 - wurden Deutsche, ´die in Spanien auf republikanischer Seite gekämpft haben` (sowie deren Hinterbliebene), nach dem Bundesversorgungsgesetz mit den Angehörigen der Legion Condor gleichgestellt.“[17]

Ganz anders verhält es sich dagegen mit der Literatur über die besagte Legion Condor, die sich einerseits mit der historischen Darstellung des Einsatzes der Legion in Spanien auseinandersetzt und andererseits eine Reihe von Darstellungen der Kämpfe durch an diesen beteiligten Soldaten der Legion umfaßt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Hinweis auf eine Zweiteilung der Literatur: hier vor und nach 1939. Denn die deutsche Regierung dementierte bis zu diesem Jahr offiziell jegliche Teilnahme an dem Konflikt. Erst nach Kriegsbeginn 1939 erscheint die Thematik also in den offiziellen Publikationen[18] des Dritten Reiches, und nach 1945 ist die Legion dann zumeist das Thema konservativer oder gar nationalistischer Publizisten[19], woran sich im übrigen bis heute kaum etwas Wesentliches geändert hat.

Einen ersten fundierten Überblick über die Literatur zur Legion Condor liefert Peter Monteaths Beitrag Die Legion Condor im Spiegel der Literatur im bereits erwähnten LiLi -Heft Nr.60.[20] Monteath gelingt es in dieser überblicksartigen Darstellung, einen Abriß sowohl der historisch-wissenschaftlichen Bearbeitung des Themas sowie seiner literarischen Verarbeitung zu liefern. Für die vorliegende Untersuchung ist insbesondere seine Feststellung interessant, daß die Legion Condor als Sujet in der Interbrigadistenliteratur kaum eine nennenswerte Rolle spiele:

„Wenn man in Betracht zieht, daß die Interbrigadisten den Spanienkrieg als Gelegenheit sahen, den Faschismus zu bekämpfen, dann klingt es zunächst paradox, daß die Legion Condor eigentlich relativ selten in der antifaschistischen Literatur vorkommt. Der Grund für dieses Paradoxon liegt m.E. in dem mangelnden Kontakt zwischen den Legionären und ihrem Feind, [...]“[21]

Was hingegen die bundesdeutsche Exilforschung betrifft, so fristet der Spanische Krieg als Forschungsthema in ihr nach wie vor ein Schattendasein. Auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht, stellt sich die Forschungslage wie folgt dar:

„Das Problem jedoch, <wie der komplizierte und widerspruchsvolle Zusammenhang literarischer, politischer und sozialer Prozesse am historischen Material aufgefunden, in seinen Vermittlungsformen methodisch reflektiert und für die Darstellung analytisch aufgearbeitet werden kann>, bleibt vorläufig ungeklärt.

Das gilt auch für die Literatur über den Spanischen Bürgerkrieg; hier steckt die Forschung noch in Feststellungen allgemeinster Art und ersten zaghaften Kategorisierungs-Versuchen.“[22]

Was hingegen die literaturwissenschaftliche Aufarbeitung des Themenkomplexes in der DDR betrifft, so bleibt festzuhalten, daß es sich:

„die DDR-Forschung oft zu leicht (macht), wenn sie große Teile der Spanienliteratur vereinfachend und ohne nähere Analysen in die Tradition der sozialistischen deutschen Literatur stellt und sie als großen Schritt vorwärts in der Entwicklung des sozialistischen Realismus feiert.“[23]

Als sozialistische Vorkämpfer im Klassenkampf gegen den Kapitalismus und Faschismus genossen viele der Spanienkämpfer in der DDR nach dem Krieg ein recht hohes Maß an sozialem Ansehen. Insbesondere in der Gründungszeit der DDR übernahmen viele der Schriftsteller, die in Spanien gekämpft hatten, politische Ämter. So etwa auch Eduard Claudius, der nach kurzer Zeit der Tätigkeit im Bayrischen Ministerium für Entnazifizierung nach seiner Übersiedelung in die SBZ im Jahre 1947 schließlich Sekretär des Schriftstellerverbandes und später ab 1956 sogar Diplomat der DDR[24] wurde und damit gewiß kein Einzelfall blieb. Entsprechend diesem hohen Maß an Anerkennung des persönlichen Engagements, diente die Spanienkriegsliteratur also nicht nur im Bereich des literarischen Lebens als geeignetes Beispiel zur Exemplifikation des politischen Kampfes gegen den designierten Klassenfeind.

Damit ist bereits angedeutet, daß viele der von Schriftstellern wie Claudius geschaffenen Werke sich offenbar gut in das offizielle Konzept von einer Literatur des Sozialistischen Realismus einfügen ließen. Wesentlich für die Etablierung eines solchen Konzepts war neben der Entstehung der sogenannten <Volksfrontpolitik>[25] insbesondere in Frankreich (und später dann auch in Spanien) und der Einberufung der Schriftstellerkongresse zur Verteidigung der Kultur[26] in den frühen dreißiger Jahren vor allem die Expressionismusdebatte gewesen. Im wesentlichen geht es in ihr um die Aufgaben und die Funktion der Literatur als ideelles Medium für die Schaffung des sogenannten <neuen Menschen>[27]:

„Der sozialistische Realismus, der die Hauptmethode der sowjetischen schönen Literatur und Literaturkritik darstellt, fordert vom Künstler wahrheitsgetreue, historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung. Wahrheitsgetreue und künstlerische Konkretheit der künstlerischen Darstellung muß mit den Aufgaben der ideologischen Umgestaltung und Erziehung der Werktätigen im Geiste des Sozialismus verbunden werden.“[28]

Es wird später noch zu klären sein, was genau in diesem Zusammenhang unter <wahrheitsgetreu>, <Wirklichkeit> und <ideologischer Umgestaltung und Erziehung> zu verstehen ist. Wichtig ist im Augenblick die Feststellung, daß es bereits in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zu einer zunehmenden Politisierung der Literatur in ganz Europa kam, die dann nach dem Debakel des verlorenen Ersten Weltkrieges insbesondere in Deutschland noch weiter voranschritt. Parallel zu dieser zunehmenden Politisierung der Literatur entwickelte sich jedoch auch noch eine <nationale> Literatur, die man in der Retrospektive durchaus als Vorläufer dessen bezeichnen kann, was später dann <nationalsozialistische Literatur> genannt wurde.[29] Eine Form der Literatur übrigens, deren Spanienkriegsderivate bis heute kaum der Gegenstand umfassender literaturwissenschaftlicher Studien gewesen sind.

In direkter Anlehnung an den 1. Allunionskongreß des Jahres 1934 konstituierte sich am 21. Juni 1935 der 1. Internationale Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur in Paris. Das Ziel dieses Zusammentreffens von Intellektuellen aus aller Welt war der Versuch, eine gemeinsame kulturell-weltanschauliche Phalanx gegen sich zunehmend in Europa ausbreitendes faschistisches Gedankengut zu etablieren. Flankiert wurde dieses Treffen von ersten glaubwürdigen Nachrichten aus Deutschland und Italien über die Internierung und Ausweisung politischer Oppositioneller und Juden. Der Kongreß kam jedoch noch kaum über die bloß mündliche Bekundung der Solidarität mit den Opfern des Faschismus hinaus, was sich dann im Jahre 1937 ändern sollte:

„Die beiden folgenden Schriftstellerkongresse 1937 und 1938 standen ganz im Zeichen des Spanischen Bürgerkriegs. Der zweite Kongreß tagte im Juli 1937 zuerst in Paris, dann in Valencia, Madrid und Barcelona; der dritte im Rahmen der <Weltaktionskonferenz für den Frieden> Ende Juli 1938 in Paris.“[30]

Diesmal kamen die an diesen Kongressen teilnehmenden Schriftsteller zum Teil bereits direkt von der Front. Schon bald zeichnete sich jedoch ein moralisch-weltanschaulicher Bruch unter den Teilnehmern ab, wo es um Fragen des Grades des persönlichen Engagements über reine Solidaritätsbekundungen hinaus ging. Eine Problematik, die übrigens noch bis weit über die Beendigung der Kämpfe in Spanien fortwirkte.[31]

Die Expressionismusdebatte, ihr genauer Verlauf und ihr schließlicher Ausgang können hier nur angedeutet werden. Es sollte aber wenigstens erwähnt werden, daß sich zunächst und gegen den heftigen Widerstand von Intellektuellen wie Bertolt Brecht oder Ernst Bloch das Realismus-Konzept Georg Lukács´ zumindest tendenziell durchsetzte, nach dem:

„der <lebendige Humanismus> der großen realistischen Werke [...] den Leser schließlich empfänglich [macht] für den <politischen Humanismus> der Volksfront“,[32]

was in etwa so viel bedeutet, daß der engagierte Schriftsteller im Sinne des Sozialistischen Realismus durchweg solche literarischen Techniken zu verwenden habe, die der Identifikation mit dem vom Text protegierten literarischen Helden förderlich sind:

„Die Forderung nach einer gestalteten Totalität im Kunstwerk als Bedingung des Realismus führt Lukács zur Verdammung avantgardistischer Techniken, der Reportage, der Montage, auch der Verfremdungstechnik Brechts. Die Widerspiegelung der Zerrissenheit des Kapitalismus ist für ihn ideologische Verschleierung [...]“[33]

Der zuvor erwähnte <lebendige Humanismus> erwächst hingegen:

„aus der Darstellung der Kämpfe des Menschen um seine Selbstverwirklichung gegen die Entfremdung im Kapitalismus. Im Gegensatz zur Moderne, die schon vom Zustand der Entfremdung ausgeht, bedeutet realistisches Schreiben, den Gegenstand des Kampfes, den harmonischen Menschen, in die Darstellung mit einzubeziehen [...] Schon die Darstellung <reicher und entfalteter Menschen>, die Darstellung des Ideals von Schönheit und Harmonie ist - sofern nicht aus <sozialer und gedanklicher Unklarheit> romantischer Eskapismus - Revolte gegen den Kapitalismus.“[34]

In der Regel fügten sich die meisten der kommunistischen deutschen Schriftsteller,[35] die den Spanischen Krieg als Sujet ihrer Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Gedichte wählten, dem Konzept des Sozialistischen Realismus, wie er am Ende dieser Debatte von offizieller Seite her verstanden wurde, ein,[36] selbst wenn sie davon in Einzelfällen einmal abwichen und gelegentlich auf <avantgardistischere> Verfahren der Darstellung zurückgriffen.[37]

Es bleibt schließlich der Blick auf eine Reihe von Interpretationsansätzen der Werke einzelner Schriftsteller wie beispielsweise Gustav Regler, Ernest Hemingway, Georges Bernanos, André Malraux, George Orwell, John Dos Passsos, Hermann Kesten und vieler anderer mehr, wobei grundsätzlich festzuhalten ist, daß die meisten dieser Analysen - insbesondere aber jene von deutschsprachigen Texten - über die rein inhaltliche Ebene in den allerwenigsten Fällen hinausgehen. Was also die Einzeluntersuchungen der deutschsprachigen Texte über den Spanischen Krieg betrifft, so gilt nach wie vor die bereits weiter oben erwähnte Feststellung, daß:

„das Problem [...], ´wie der komplizierte und wiederspruchsvolle Zusammenhang literarischer, politischer und sozialer Prozesse am historischen Material aufgefunden, in seinen Vermittlungsformen methodisch reflektiert und für die Darstellung analytisch aufgearbeitet werden kann`, [...] vorläufig ungeklärt [bleibt].“[38]

Die umfassendsten dieser <zaghaften Versuche> sind gewiß noch die Arbeiten Macks, Hansens und Kreuzers, wobei diese die Problematik der Reduktion von Komplexität im Sinne einer überschaubaren Theorie jedoch nur andeutungsweise zu lösen vermögen. Ihr Engagement erschöpft sich mithin in der rein inhaltlichen Beschreibung und Erfassung überhaupt vorhandener Texte oder bestimmter erzählerischer Regelmäßigkeiten. Eine Ausnahme mit Abstrichen ist Hansens Untersuchung, die zumindest einige formale Fragestellungen einmal aufwirft.[39] Insbesondere also was die sprachkritische Analyse der deutschen Literatur über den Spanischen Krieg sowie der eventuell daraus ableitbaren Interpretationsansätze betrifft, handelt es sich in bezug auf den erwähnten Gegenstand zumeist um terra incognita.

Um diese Forschungslücke zu schließen, bildet den Kern der nachfolgenden Analyse der Vergleich von völkisch-nationaler und republikanisch-kommunistischer Literatur über den Spanischen Krieg, in der Annahme, daß beide Phänomene in vielerlei Hinsicht durchaus vergleichbare literarische Erscheinungen darstellen, deren Ähnlichkeiten sich dort am ehesten nachweisen lassen, wo sie auf engstem inhaltlichen Raume einander begegnen: im Spanischen Krieg.

Der philosophische Ausgangspunkt der nachfolgenden Untersuchung ist dabei das sogenannte <Wahrheitsproblem>, wie es sich durch die gesamte (Post-)Moderne-Debatte zieht. Im Hinblick auf den Faschismus und den Kommunismus, aber auch auf den klassischen Liberalismus in seiner scheinbar wissenschaftlichen Erscheinungsform kommt hierbei das Phänomen zum Tragen, daß diese großen Ideologien des vergangenen 19. und des 20. Jahrhunderts offenbar durch eine große Suggestivkraft bestachen, weil sie die Komplexität der lebensweltlichen Veränderungen auf ein überschaubares gedankliches, aber auch emotionales Maß komprimierten und so die Angst vor der Offenheit der Geschichte im einzelnen Subjekt abzumildern fähig waren.[40] Ganz offenbar vermittelten die großen ideologischen Konzepte also eine genuine Form der sozialen wie psychologischen Sicherheit in ihren Anhängern, zum einen in Form der staatlichen Organisation des alltäglichen Lebens, jedoch auch auf der Ebene des inneren Erlebens und Denkens.[41]

Das Ziel dieser Ideologien war es jedoch nicht allein, die gesellschaftlichen Kräfte auf eine gemeinsame Utopie hin auszurichten, sondern sie erfüllten zudem die überaus wichtige Aufgabe, jenes Geschichtskontinuum vorzubereiten, das später einmal, nach dem Sieg über den ideologischen Rivalen, zur offiziellen Version der Geschichtsschreibung erhoben werden sollte:

„Nach 1945 wurde in den Schulen, oft auch in den Zeitungen der Bundesrepublik [...] unangefochten die Legende vom <kommunistischen Aufstand> in Spanien aufrechterhalten, der durch die Kräfte der Ordnung (und der Freiheit!) niedergeworfen worden sei.

Anderswo kultivierte man den anderen Mythos von einer Revolution, die nichts als Edelmut kannte, und von einer Republik, die nur duldete. Die Wahrheit ist hier wie dort differenzierter.“[42]

Hier wie dort bedeutete Geschichtsschreibung also in erster Linie nicht Vermittlung von <Wahrheit>. Vielmehr war die Geschichtsschreibung schon früh selbst zum Ort der Kontoverse zwischen verfeindeten Staaten und Ideologien und später dann gar zwischen Ost und West geworden; zu einem Ort der Selbstdarstellung, der Selbstbehauptung, der Diffamierung des (ideologischen) Gegners, der Stabilisierung des eigenen Machtbereichs, der Manipulation der eigenen Bevölkerung und vieles andere mehr also. Der innere Bezugspunkt aller dieser Erscheinungen war dabei die Propaganda der jeweiligen Seite. In negativer Hinsicht und was den ideologischen Gegner betraf, bedeutete dies die Erzeugung von Vorurteilen. In positiver Hinsicht und was die eigene Seite betraf, bedeutete dies die Idealisierung der eigenen Ziele und der Handlungen der Gruppenmitglieder.

Diese Kultur der Propaganda entstand schon lange Zeit vor dem Ausbruch des Kalten Krieges und zieht sich seitdem in den unterschiedlichsten Formen durch die Öffentliche Meinung der Staaten, durch ihre Institutionen, ihre Medien, ihre psychologischen Selbstkonzepte sowie ihre Bevölkerungen.[43] Die Geschichte dieser Kultur der Propaganda und ihres Aufstieges zu einem wesentlichen Kriegsinstrument läßt sich bei Cora Stephan nachlesen:

„Schon der Dreißigjährige Krieg war in vielerlei Hinsicht ein Medienkrieg. Erst im Krimkrieg aber begann die moderne Kriegsberichterstattung durch zivile Journalisten. Auch die Geschichte dieser Berichterstattung ist eine Geschichte von Propaganda, Zwecklügen, Verdrehungen, denen die Wahrheit zum Opfer fiel. Eine neue Dimension der Kriegspropaganda eröffnete der Erste Weltkrieg. Die Briten waren die ersten, die eine eigene Propagandaabteilung einrichteten.“

Und sie schließt ihre Ausführungen mit dem Fazit, daß es im Krieg immer:

„Greultaten [...] gegeben (hat) - und es gibt sie noch heute. Es kann keinen Zweifel daran geben, daß es in Kriegen zu ungeheuerlichen Exzessen gekommen ist [...] Es gibt keinen Grund, Krieg zu verharmlosen - wer es tut, lügt. Mit Sicherheit aber ist auch dem nicht zu trauen, der ein allzu gruseliges Schreckensszenario zeichnet - im Krieg beteuert gern jeder, seine Seite stehe für den Frieden und nur die andere sei für <Schrecklichkeiten> verantwortlich [...] Nur der allergarstigste Gegner kann schließlich rechtfertigen, daß man sich zu Gegenmaßnahmen entschließt, die so sehr den eigenen zivilen Werten widersprechen [...]

Daß das Publikum [...] nach einer moralischen Begründung verlangt [...]; daß die Menschen also partout belogen werden wollen, macht die Propagandamaschine [...] zur gleichwertigen Partnerin der Panzer, Flotten und Bomberverbände.“[44]

Mit der völkisch-nationalen und republikanisch-kommunistischen deutschen Literatur über den Spanischen Krieg verhält es sich damit nicht viel anders.[45] Eine Feststellung, die die Frage aufwirft, welche Kriterien denn nun eigentlich angelegt werden müssen, um Literatur als Form der Propaganda wirksam von nicht propagandistischer Literatur unterscheiden zu können? Und weiter: Wie es eigentlich angehen kann, daß die deutsche Literatur über den Spanischen Krieg häufig und vielfach ohne nähere Angabe von genaueren Gründen als <autobiographistische Literatur>[46] bezeichnet wird, nur weil ihre Verfasser auch persönlich Teilhabe am erzählten Gegenstand hatten? Dies allein kann wohl kaum Grund genug für eine derartige Einschätzung sein, was den Verdacht nahe legt, daß in vielen Fällen der Umstand der Teilnahme am Spanischen Krieg die Wahrhaftigkeit des Erzählten suggerieren und somit den unter Umständen hohen Grad seiner (womöglich ideologisch motivierten) Fiktionalität verschleiern helfen soll.

2.2 Begriffsbestimmungen

Der nachfolgende Exkurs über die Verwendung von Begriffen dient ganz allgemein dem Zweck, dem Leser zu einer besseren Orientierung im manchmal dichten Unterholz der Begrifflichkeiten zu verhelfen, das gerade im Hinblick auf den Spanischen Krieg ungeheuerliche Formen des Un- bzw. Urwuchses annehmen kann. Die nachfolgende Differenzierung verfolgt dabei den Zweck, die Auswahl der der Analyse zugrunde liegenden Texte und des gewählten Untersuchungsmodus näher zu begründen. Die nachfolgend näher zu bestimmenden Begriffe sind jene der Propaganda, des Vorurteils sowie verschiedener politischer Kampfbegriffe wie Faschismus, Nationalsozialismus, Francismus, Kommunismus, Bolschewismus, Sozialdemokratie, Sozialismus oder Anarchismus.

Der Terminus <Propaganda> bezeichnet ursprünglich eine kirchliche Institution der frühen Neuzeit, die auf der Bulle Incrutabili Divinae de Propaganda Fide Papst Gregor XV. vom 22. Juni 1622 basiert:

„The term <propaganda> has distinctly religious origins [...] From the earliest days of mission movement in non-European lands, the Church showed an ability to integrate local customs and even beliefs into it´s encompassing framework. Propaganda, as the new congregation was called colloquially, quickly became one of the most powerful institutional arms of the Church[...]

Propaganda thus mobilized talented intellectuals of every sort into a vast social apparatus to persuade men and women all across the globe to believe in Christian doctrine.“[47]

Wesentlich in diesem Konzept der Indoktrinierung ist von Beginn an die Kunst der Überredung,[48] die im Zeitalter aufkommender Massenmedien ungeahnte Dimensionen annimmt:

„Propaganda is the product of intellectual work that is itself highly organized; it aims at persuading large masses of people about the virtues of some organization, cause, or person. And it´s success or failure depends on how well it captures, expresses, and then rechannels specific existing sentiments.“[49]

Offenbar existiert also so etwas Ähnliches wie eine <Kunst der Propaganda>, die, ähnlich wie alle Kunst, <den ganzen Menschen> zu erfassen sucht, also auch dessen emotionale Erlebens- und Erlebnissphäre:

„The propagandist may persue his task not only on the ordinary <common sense> level but also on a level leading to the underlying emotional life of those whom he desires to influence.“[50]

Eine solche Art der Einflußnahme ist mithin nicht allein ein Instrument zur Durchsetzung politischer oder anderer Interessen, sondern vielmehr erst die Voraussetzung für jene uns noch heute oftmals so irritierend und unverständlich erscheinende Entstehung von Irrationalismus und religiös gefärbter Weltanschauung, wie sie im Nationalsozialismus, aber auch im Kommunismus zum Tragen gekommen sind: quasi magische Überzeugung von der Richtigkeit der eigenen Weltschau[51]:

„Magie ist keine Erscheinung, die nur bei sogenannten <Primitiven> anzutreffen ist, sie ist vielmehr ein generelles psychisches bzw. Bewußtseinsphänomen, eine - wie Freud es formulierte - ´allgemeine Überschätzung der seelischen Vorgänge, das heißt eine Einstellung zur Welt, welche uns nach unseren Einsichten in die Beziehungen von Realität und Denken als solche Überschätzung des letzteren erscheinen muß.`53a Entscheidend ist, daß diese Verschiebung der Beziehungen von Realität und Denken kein spekulativer Akt ist, der politisch und sozial irrelevant wäre. Vielmehr folgt aus dem Glauben, der 30. Januar 1933 [oder aber der 22. Oktober bzw. 04. November 1917; B.P.] sei die Resultante einer <seelischen Umkehr> und ein Wandlungsvorgang <metaphysischen Ursprungs>, mit innerer Notwendigkeit die Überzeugung, durch Imaginationen des Bewußtseins die Realität manipulieren zu können, es folgt - [...] - ´der Versuch, durch innerliche oder psychologische Manipulationen, durch ein Verhalten, das von inner-psychischen Bedürfnissen determiniert wird, die keinen Kontakt mehr mit den Tatsächlichkeiten derjenigen Welt haben, die man beeinflussen will, Kontrolle über die äußere Umwelt zu gewinnen.`53b [...]

Die Metastase der alten, verdorbenen Gesellschaft zur <neuen Gemeinschaft>, die Wandlung des bisherigen, unvollkommenen Menschen in < den neuen deutschen Menschentyp>, ist in erster Linie ein Bewußtseinsakt, ein <innerer Erneuerungsvorgang>. Als Artikulations- und Manipulationsinstrument fungiert die Dichtung; [...]“[52]

Auf der Ebene der Beeinflussung der Öffentlichen Meinung durch die Propaganda kommt es so zum einen zur Dämonisierung, Kriminalisierung oder Barbarisierung des Gegners, auf der anderen Seite dagegen zur Idealisierung und Heroisierung der eigenen <Helden> und <Heldentaten>:

„Thus for the mobilization of national hatred the enemy must be represented as a menacing, murderous aggressor, a satanic violator of the moral and conventional standards, an obstacle to the cherished aims and ideals of the nation as a whole [...] Through the elaboration of war aims the obstructive role of the enemy becomes particularly evident. The maintenance of hostility depends upon supplementing the direct representation of the menacing, obstructive, satanic enemy by assurances of ultimate victory [...]“[53]

Ein Zusammenhang, der im übrigen kaum jemandem so bewußt war wie den Nationalsozialisten, die nicht ohne Grund in der frühen Phase der Machtübernahme eine Politik betrieben, die die Stabilität des Regimes garantieren sollte. Dazu mußten zunächst einmal funktionierende Apparate der Beeinflussung der Öffentlichen Meinung und der Gleichschaltung der unterschiedlichen Medien und Künste etabliert werden. In einem zweiten Schritt galt es anschließend, im Sinne der in Hitlers Mein Kampf[54] bereits vorweggenommenen Zielsetzungen, die deutsche Bevölkerung sukzessive auch moralisch-psychologisch auf einen späteren Angriffskrieg vorzubereiten, der in ihrer Vorstellung jedoch im oben angesprochenen Sinne ein Verteidigungskrieg sein mußte.[55]

Auf der anderen Seite stand dagegen die kommunistische Internationale in Form der Komintern-Vertretungen in nahezu allen europäischen Staaten, die sich ganz offiziell den Antifaschismus als Programm auf die Fahnen geschrieben hatten. Dazwischen hingen, unschlüssig und orientierungslos, die europäischen Demokratien und die in ihnen tätigen bürgerlichen Parteien, insbesondere in Frankreich und England. Sie waren mehr oder minder unfähig zu entscheiden, wohin die Reise der europäischen Geschichte gehen sollte.[56] An ihren extremen Enden formierten sich unterdessen die Abordnungen der großen Konkurrenzideologien und arbeiteten daran, ihren Kampf durch hemmungslose Provokation in die Hauptstädte aller europäischen Staaten zu tragen. Die Folge davon waren Demonstrationen, Straßenschlachten, Attentate, Mord und Totschlag; kurz: zum Teil bereits bürgerkriegsähnliche Zustände. Und alle an diesen Konflikten beteiligten Parteien referierten, schrieben und sangen fortwährend ihre Propaganda in dem Bewußtsein, im Besitz des Steins der Weisen zu sein, der letztendlich jegliches Mittel zur Bekehrung der Unverständigen legitimierte.[57]

Im Zusammenhang mit der vorliegenden Untersuchung ist es dabei von besonderem Interesse, daß Propaganda hier wie dort als etwas Gemachtes galt. Sie geschah also nicht etwa allein aus spontanen und unkoordinierten Bedürfnissen des Ausdrucks und der Einflußnahme heraus, sondern stellte sich in den meisten Fällen und in Anlehnung insbesondere an die Ergebnisse massenpsychologischer Forschungen als ein komplexes und wohl organisiertes System zum Erreichen klar definierter Ziele dar. In letzter Konsequenz diente sie hier wie dort der Implementierung von Vorurteilen, wo diese noch nicht oder nur gering ausgeprägt, bzw. zu ihrer Verstärkung und gezielten Ausrichtung auf einen äußeren (oder inneren) Feind hin, wo sie bereits hinreichend etabliert waren.[58]

Alphons Silbermann liefert eine Reihe unterschiedlichster Definitionen des Begriffs Vorurteil, die er vorzugsweise den folgenden Sozialwissenschaften entnimmt:

„Die Psychologie sieht im Vorurteil eine Meinung oder ein Element der persönlichen Einstellung, das nicht durch Sachkenntnis gestützt ist. Vorurteile entstehen durch ungeprüftes Übernehmen fremder Urteile, Ansichten, Meinungen, oft auch als subjektive Eigenbildungen [...]

Die Soziologie umschreibt Vorurteil in der ihr eigenen Terminologie als eine im allgemeinen emotionale Attitüde, die ohne angemessene Beweise und Erfahrungen erworben wurde [...] Der Inhalt des Vorurteils sei in der Regel wertend-moralisch, indem der Urteilende sich selbst und seiner Gruppe gegenüber positive Vorurteile entwickele, gegenüber anderen Personen und Gruppen jedoch negative.

In ihrer Eigenschaft als Wissenschaft vom Lesen der Seele hat auch die Psychoanalyse ihr Scherflein zur Läuterung des zur Debatte stehenden Begriffs beigetragen [...] Vorurteil sei eine Paranoia des Non-Psychotischen und vorzugsweise ein leidenschaftlicher Glaube an etwas Nichterwiesenes oder Unerweisbares. Es bestehe aus einer Beschuldigung und Untauglichkeitserklärung anderer Menschen und einer Selbstüberhebung über dieselben.“[59]

Gemein ist allen diesen Definitionsversuchen die Einsicht, daß es sich bei einer Erscheinung wie einem Vorurteil offenbar um ein Amalgam aus intellektuell-inhaltlichen und psychisch-emotionalen Elementen handelt: Nach Alphons Silbermann ist die Beeinflussung oder Erzeugung von Vorurteilen also ein doppelbödiger Prozeß.

„Nun könnte man angesichts der Vorstellung vom Vorurteil als einer Vor-Beurteilung leicht verführt sein, das Vorurteil kurzum als eine begriffliche Meinung anzusehen. Doch das wäre falsch. Denn dann würde übersehen, daß hinter jedem Vorurteil, so wie hinter jeder Beurteilung, der Mensch mit seinen Gefühlen steht, seien es nun Gefühle für oder gegen jemanden. Das bedeutet, daß sich beim Entgegenkommen von Vorurteilen, wie sie beispielsweise auf Abneigung, Mißtrauen, Schuld, Neid oder Angst gründen, zwei Elemente vereinen: das begriffliche und das emotionale. Daher wird vom Vorurteil gerne als von einer emotional konditionierten Attitüde gesprochen, die sich auf einfache Überzeugung, Meinung oder Verallgemeinerung stützt und die Sympathie oder Antipathie gegenüber anderen Menschen oder Gruppen bestimmt.“[60]

Dazu ist anzumerken, daß die propagandistische Intervention stets versucht, an der Schnittstelle beider Komponenten des Vorurteils anzusetzen, denn genau an dieser Stelle des <seelischen Apparats> des zu manipulierenden Subjekts verspricht sie sich den größten Nutzen einer versuchten Einflußnahme auf dessen Gefühls- und Gedankenwelt für ihre eigenen Zwecke.

Gewiß mag man sich dabei über die letztliche Wirksamkeit mittel- oder langfristiger propagandistischer Beeinflussung streiten können.[61] Die offensichtliche Mühe jedoch, die sich die einzelnen Parteien und Staaten bei der Ausübung ihres Geschäfts machten, läßt auf die besondere Wichtigkeit und auch Notwendigkeit einer solchen Einflußnahme auf die Öffentliche Meinung und somit in letzter Konsequenz auch auf das Bewußtsein des einzelnen schließen. Interessanterweise ist dies auch der Punkt, um den sich bis heute alle Debatten über die moralischen Implikationen der Teilnahme an Krieg, Vernichtung und Ausrottung drehen: zurechnungsfähig oder nicht? Oder anders formuliert: Spricht der Umstand einer Beeinflussung durch Propaganda nicht eigentlich sogar für die Täter als Opfer viel tiefer gehender Prozesse? Oder noch anders formuliert: Ist eine solche Annahme nicht eigentlich nur billige Ausrede? Der armselige Versuch der Täter oder ihrer Nachkommen etwa, sich der Verantwortung für das eigene bestialische Verhalten noch im nachhinein zu entziehen, ja es vielleicht noch über die Jahrzehnte hinweg wenn nicht gar zu rechtfertigen, so doch zumindest scheinheilig zu verharmlosen? Alle diese Fragen, soviel gleich vorweg, werden auch in der vorliegenden Untersuchung nicht abschließend beantwortet werden können. Man kann aber zumindest versuchen, den Zusammenhang zwischen propagandistischer Beeinflussung und der Legitimation von nach allen zivilen Vorstellungen kriminell oder gar unmenschlich erscheinenden Handlungen näher zu beleuchten, um so vielleicht einige aussagekräftige Erkenntnisse über jene Dynamiken zu gewinnen, die solche Handlungsweisen wenn nicht gerade unmittelbar produzieren, so doch zumindest ihre Entstehung in einem bestimmten sozialen Kontext fördern können.

Die Propaganda-Literatur über den Spanischen Krieg ist dabei lediglich als ein Ausschnitt aus einem ganzen Arsenal von Themen, Medien und Institutionen zu begreifen, die erst in ihrer Gesamtheit das gesamte System propagandistischer Beeinflussung ausmachen. An ihr sollen im folgenden grundsätzliche Mechanismen einer Beeinflussung der Wahrnehmungsverhältnisse innerhalb des rezipierenden Subjekts aufgezeigt werden.

Propagandistische Beeinflussung beginnt häufig schon mit der Verwendung bestimmter Begriffe, die oftmals zu politischen Kampfbegriffen mutieren. In ihrer simplifizierenden Ausdrucksform eignen sie sich besonders gut als begriffliche Auffangbecken für diffuse Ressentiments.[62] Im folgenden sollen lediglich die für die vorliegende Arbeit wesentlichen Begriffe näher betrachtet werden, wobei diese Darstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Es geht lediglich um die Sensibilisierung des Lesers für derartige sprachliche Erscheinungen.

Der basale politische Kampfbegriff der republikanischen Allianz im Spanischen Krieg lautet Faschismus und das, obwohl die Bezeichnung eigentlich eindeutig den italienischen Faschisten zugeordnet wird:

„Ob mit dem Terminus <faschistisch> allerdings ein adäquater Generalbegriff gewählt wurde, ist fraglich angesichts der Tatsache, daß dieser Terminus immer mehr zum Kampfbegriff in der politischen Auseinandersetzung geworden ist, auf alle möglichen politischen und ideologischen Gruppierungen angewendet wird und so jegliche wissenschaftliche Trennschärfe verloren hat.“[63]

Vom deutschen Nationalsozialismus unterscheidet sich der italienische Faschismus durch den programmatisch nicht vorhandenen Antisemitismus sowie die besondere Betonung des Reichseinheitsgedankens: das <Risorgimento>.

Faschismus und Nationalsozialismus unterscheiden sich vom Francismus wiederum dadurch, daß letzterer eher eine Allianz aus Konservativen, Militärs, Carlisten und bestimmten Teilen des spanischen Klerus darstellt, wohingegen der Nationalsozialismus und auch der Faschismus ein eher gespaltenes Verhältnis zur Kirche und zum Adel aufweisen. Die Falange als institutionalisierte Partei der nationalen Erneuerung hatte in Spanien hingegen von Beginn an nur einen recht geringen Einfluß, woran auch die Einmischung der europäischen Diktaturen in den Spanischen Krieg nur wenig änderte.[64] Alles in allem suggeriert der Begriff Faschismus in seiner herkömmlichen Verwendungsform eine Einheitlichkeit in Zielsetzung und Gesinnung, die in der angenommenen Form so niemals wirklich bestanden hat.[65]

Die Begriffe Sozialismus und Sozialdemokratie beschreiben im Zusammenhang mit dem Spanischen Krieg zumeist jene politischen Traditionen, die in ihrer Gänze demokratisch-liberalen Charakters sind. Sozialismus nennt man in kommunistischer Terminologie jedoch auch das Übergangsstadium vor Erreichen des eigentlichen Kommunismus. Programm wird diese Auffassung dann in Stalins Diktum vom <Sozialismus in einem Land>.[66]

Sozialfaschismus ist hingegen ein typischer Kampfbegriff der Komintern gegen die zuvor genannten Formen der Sozialdemokratie und verdeutlicht die Auffassung der Kommunisten, daß die Demokratie als politische Institution im Grunde genommen faschistische Züge aufweise, weil sie den Kapitalismus als Wirtschaftsform fördere und so die Ausbeutung der Arbeiter durch die Kapitalisten vorantreiben.

Kommunismus gilt innerhalb dieses Systems der Begrifflichkeiten gemeinhin als die international gebräuchliche Selbstbezeichnung aller kommunistischen Parteien. Er evoziert positive Konnotationen, die sich an die sozialen Utopien und die Aufbauarbeit in der Sowjetunion anheften, die gerade in der ersten Phase nach der Oktoberrevolution auch viele europäische und außereuropäische Intellektuelle zu begeistern vermochten.

Bolschewismus (aber auch Kommunismus) ist dagegen ein typischer Kampfbegriff der deutschen Nationalsozialisten,[67] wohingegen der Begriff Trotzkismus eine Sammelbezeichnung für verschiedene Formen des Dissidententums innerhalb der Kommunistischen Parteien ist. George Orwell definiert diesen Begriff ironisch wie folgt:

„Das ist ein Wort, mit dem man sehr freizügig um sich wirft und das in einer Art und Weise gebraucht wird, die äußerst irreführend ist und oft irreführen soll [...] Das Wort Trotzkist wird gebraucht, um drei voneinander verschiedene Dinge zu bezeichnen:

1. jemand, der wie Trotzki, <Weltrevolution> statt <Sozialismus in einem [...] Land> befürwortet.
2. ein Mitglied der Organisation, deren Anführer Trotzki ist.
3. ein verkappter Faschist, der sich als Revolutionär ausgibt und als Saboteur in der UdSSR [oder sonstwo; B.P.] wirkt, der überhaupt versucht, die Kräfte der Linken zu zersplittern und unterminieren.“[68]

Anarchisten schließlich sind jene zumeist katalonischen, zum Teil aber auch andalusischen Milizen, die sich gemeinhin aus lose zusammenhängenden Gewerkschaftsgruppen rekrutieren. Besonders verwurzelt ist der Anarchismus in Katalonien, wo er sehr stark an die dort seit Jahrhunderten wirksamen Autonomiebestrebungen angekoppelt ist. In der republikanischen, sofern es sich nicht um anarchistische Schriftsteller handelt, insbesondere aber in der kommunistischen Literatur zum Spanischen Krieg überwiegt zumeist die nagative Charakterisierung dieser politischen Gruppe als undiszipliniert, übereifrig, kriminell, unberechenbar und vor allem als unkontrollierbar.[69]

Alles in allem läßt sich festhalten, daß eine Einheitlichkeit sowohl der politischen wie auch der weltanschaulichen Gesinnung weder auf der einen noch auf der anderen Seite angenommen werden kann, noch daß eine solche jemals wirklich bestanden hat. Die Basken beispielsweise, das vielleicht katholischste Volk Spaniens, sympathisierten eindeutig mit der Spanischen Republik; andernorts weigerte sich hingegen der Großteil der Bevölkerung ganzer Regionen, in denen die Carlisten oder die Falange starken Einfluß hatten, sich der republikanischen Sache anzuschließen, als die Spanische Volksarmee diese Gebiete besetzte. Alle diese lokalen und historisch bedingten gesinnungsmäßigen Unterschiede müssen bei der kritischen Betrachtung der Literatur über den Spanischen Krieg mitberücksichtigt werden.

2.3 Methodik

Im folgenden soll ein kurzer Überblick über die Vorgehensweise in der vorliegenden Untersuchung zur deutschen Literatur über den Spanischen Krieg gegeben werden. Das vorrangige Ziel der nachfolgenden Analyse es ist, einen sinnvollen Vergleich völkisch-nationaler und republikanisch-kommunistischer Literatur über das behandelte Thema zu ermöglichen. Dabei wird ein doppelter methodischer Ansatz gewählt, bei dem davon ausgegangen wird, daß analog zu der im Zusammenhang mit der Definition des Begriffs <Vorurteil> getroffenen Unterscheidung von inhaltlicher und emotionaler Komponente eines eben solchen, diese Differenzierung auch Eingang in die Methodik finden müsse. Konkret bedeutet dies, daß sich die Analyse im ersten Untersuchungsschritt eher am Inhalt bzw. an inhaltlich-formalen Erscheinungen der zu untersuchenden Texte orientiert. Während dann im zweiten Schritt die durch die Aufbietung bestimmter rhetorischer Verfahren erzeugte emotionale Wirkung dieser Texte auf den Leser analysiert wird. Die jeweiligen Ergebnisse aus der Analyse der völkisch-nationalen und republikanisch-kommunistischen Texte werden schließlich in einem dritten Schritt einander gegenübergestellt und kritisch reflektiert, wobei zur Verdeutlichung der Ergebnisse des Vergleichs eine Reihe von nachweislich <neutraleren> Referenztexten herangezogen werden soll.[70] Der Ausgangspunkt der inhaltlichen Analyse der zu untersuchenden Texte ist dabei die Erforschung der Sprache des Nationalsozialismus.

In Anlehnung an Victor Klemperers Werk LTI[71] entstanden diese Untersuchungen zur Sprache des Nationalsozialismus als Beitrag der Sprachwissenschaft zum Verständnis dessen, was in Nazideutschland geschehen war. Im Rahmen eines groß angelegten Entnazifizierungsprojekts war ihre Aufgabe u.a. die, diejenigen sprachlichen Strukturen zu erklären, durch die das deutsche Volk über mehr als eine Dekade hinweg sowohl inhaltlich belogen wie auch psychologisch manipuliert worden war. Mit seinen tagebuchähnlichen Aufzeichnungen liefert Klemperer ein sehr umfassendes Kompendium über den Gebrauch der nationalsozialistischen Sprache innerhalb des von ihm miterlebten Alltagsrahmens. Dominiert dabei gerade zu Beginn des Textes eine geradezu wissenschaftliche Betrachtungsweise hinsichtlich einer derartigen Verwendung, so ändert sich dies (vermutlich unter dem Einfluß der wachsenden existentiellen Bedrohung durch das Regime) im weiteren Textverlauf zunehmend, wodurch am Ende die emphatische Darstellungsform der persönlichen Tagebuchaufzeichnung fast völlig überwiegt. Dennoch zählen seine Beobachtungen auch heute noch zu dem Eindringlichsten dessen, was bisher über die Struktur, die Verwendung und die Wirkung nationalsozialistischer Sprache auf die sie permanent reproduzierende deutsche Bevölkerung geschrieben wurde.

Eine umfassende gattungsgeschichtliche Betrachtung der NS-Literatur liefert u.a. Klaus Vondung, der sich in seinem in den siebziger Jahren erschienenen Buch bisweilen über alle Maßen kritisch mit der bis dahin veröffentlichten Literatur zur Sprache des Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat.[72] In dem Bemühen, eine fundierte Abgrenzung zu anderen literarischen Richtungen, die seit der Jahrhundertwende entstanden, zu erreichen, siedelt er die Wurzeln der nationalsozialistische Literatur im Spannnungsfeld der Debatte um l´art pour l´art und Neue Sachlichkeit an:

„Da gab es eine Zeit, wo die Kunst sich von ihrem Inhalt zu lösen suchte, wo sie der Form allein den Preis zusprach. Es war die Zeit der l´art pour l´art, [...] Da war die Zeit der Expressionisten, die ihre Gefühle in die Welt hinauszustreuen suchten, aber nur das Erlebnis und den Laut ihrer Einsamkeit kannten. Da war die Zeit der Gesinnungsdichtung -trivial [...], hohl [...], da war die Zeit der Sachlichkeit, die an der Oberfläche der Gefühle blieb...“[73]

Als Vorläufer der späteren nationalsozialistischen Literatur sieht Vondung zum einen die Weihedichtung[74] und zum anderen die (nicht-pazifistische) Kriegsliteratur über den Ersten Weltkrieg an.

In ganz ähnlicher Weise versucht auch Rolf Geißler[75] die Genese der nationalsozialistischen Literatur zu erklären, wobei er wie Vondung als geschichtlichen Ausgangspunkt ebenfalls den verlorenen Großen Krieg wählt:

„Diese vom Nationalsozialismus protegierte Literatur ist ein Produkt jener völkisch-nationalistischen Bürgerschichten, die sich weigerten, den katastrophalen Ausgang des Ersten Weltkrieges geistig zu akzeptieren.“[76]

Aus dieser Weigerung resultiere schließlich, so Geißler, im Bereich des Poetischen das Bedürfnis nach einer eigentlich längst obsoleten und neuromantisch geprägten Ganzheitlichkeitsdarstellung:

„Die völkischen Schriftsteller halten an der illusionären Auffassung einer überschaubar geordneten und heilen Welt fest, sind dabei zunächst zwar konkreter als die zeitgenössischen sich ins Allgemeine verströmenden Expressionisten, setzen aber an die Stelle der expressionistischen Utopie einer geeinten Welt und einer verbrüderten Menschheit ein reduziertes Menschenbild und verengte nationale Ziele.“[77]

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten scheint sich dieses Bedürfnis nach Ganzheitlichkeit schließlich flächendeckend durchzusetzen, da sich dieses Ganzheitlichkeitskonzept gut in ihre ideologischen Zielvorstellungen einfügen läßt. Ein Prozeß, der einher geht mit einer sukzessiven Auswechslung der Literaturen:

„Für das, was die völkisch-nationalsozialistische Literaturkritik als erstes veranstaltete, nachdem sie nun die öffentliche Meinung beherrschte, fand Paul Fechter die programmatische Formulierung Die Auswechslung der Literaturen, mit der er einen bemerkenswerten Artikel in der Deutschen Rundschau überschrieb. Er ging von der Feststellung aus, während der letzten fünfzehn Jahre hätten in Deutschland zwei Literaturen nebeneinander existiert: ´Die eine war die sozusagen offizielle, die Literatur der bürgerlichen Linken in all ihren Schattierungen von der Annäherung an die Sozialdemokratie bis zum Kokettieren mit dem Kommunismus, die Literatur der falschen Psychologie und der Analytik, der Erotik und der Psychoanalyse [...]

Daneben gab es eine zweite Literatur, für die eine Reihe komischer Leute immer von neuem eintrat mit der seltsamen Behauptung, daß diese zweite Literatur die eigentliche sei, die richtige, die wirklich deutsche, weil sie nämlich keine Literatur, sondern im Gegensatz zu der offiziellen immer noch so etwas wie Dichtung im alten deutschen Sinne sei.`[78]

Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, daß:

„(d)iese Literatur [...] aus der neuromantischen Ablehnung des Naturalismus (erwächst), vor allem seiner sozialkritischen Tendenzen, aber stilistisch viele Elemente naturalistischer Darstellungsweise bei(behält) [...]

In der Tradition des deutschen Bildungsromans stehend, epigonal an alten Stil- und Gestaltungsformen festhaltend, hat die Mehrzahl dieser Werke einen Entwicklungsgang des Helden zum Gegenstand.“[79]

Entsprechend des bereits weiter oben angesprochenen Spannungsfeldes zwischen l´art pour l´art und Neuer Sachlichkeit löst sich die völkisch-nationale Literatur mit der Zeit dann aus eben diesem Spannungsfeld heraus. Als neuer Orientierungsbegriff gilt schließlich jener des <Heroismus>:

„Heldisches Vorbild zeigt sich am deutlichsten in der Konfrontation des Menschen mit dem Schicksal. Das <Absinken> der sogenannten dekadenten Romane ins Allzumenschliche hatte das Pathos der Schicksalshaftigkeit aus der Literatur verbannt. Dafür war das Zufällige offenkundig geworden, das als herrschendes Moment den Menschen in seinem Leben bestimmte [...]

Aus heroischer Gesinnung leistet der Mensch das wirklich, was die Tragödie mitreißend im Bild vollbringt. Ein Mensch, der <auf verlorenem Posten> steht oder zu stehen glaubt und dabei einem Gesetz treu ist, z.B. dem völkischen Gesetz der Ehre, kann sich zu heroischem Verhalten durchringen. Er gibt sich auf, aber kämpfend, und hat in diesem Augenblick das Feld der tragischen Auseinandersetzung bereits durchlaufen.“[80]

Der Ort, an dem der einzelne dem Schicksal ins Auge blicken kann, der Ort der seelischen Erneuerung, ist gemeinhin der Krieg, weshalb denn auch ein Großteil der völkisch-nationalen Literatur Kriegsliteratur ist oder den Krieg doch zumindest in der einen oder anderen Form verherrlicht:

„In der Ausgangssituation der Kriegssituation stecken [...] wie bei Roth und Schnitzler die Keime des Verfalls. Ganz auf diesen hin wird die Vorkriegswelt interpretiert. Dazu tritt als typische Dekadenzerscheinung das Mißverhältnis zwischen einzelnen und Welt, das durch den Massencharakter des menschlichen Daseins, mit einem Wort: durch seine Alltäglichkeit, konstituiert wird.

Zum Gefühl absoluter Überflüssigkeit und Bedeutungslosigkeit gesellt sich der Zug der Ambivalenz. Die Gleichgültigkeit, ob es sich im Krieg um Schrecken oder Schönheit handelt, besser: die Identität beider [...] Sie offenbaren eine grundsätzlich gewollte irrationale Ambivalenz [...] Aber gerade aus dieser Irrationalität erfolgt bei den völkisch-nationalsozialistischen Autoren das Wunder des Umschlags.“[81]

Das Resultat einer solchen Grenzerfahrung führt, so Geißler, unweigerlich zur Überhöhung des Kriegshelden, und Kriegsheld ist in diesem Kontext jeder zu nennen, der die Erfahrung <Verdun> teilt; eine Konzeption, die später dann in die Literaturauffassung des Nationalsozialismus übernommen wurde.

Neben diesen eher gattungstheoretischen Arbeiten entstanden gerade in der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem auch etymologisch-lexikalisch geprägte Untersuchungen der Sprache des Nationalsozialismus. Die wesentlichsten dieser Arbeiten sind jene von Cornelia Berning[82] sowie jene von Sternberger, Storz und Süskind,[83] die in Form von alphabetisch geordneten Kurzbeiträgen das typische Vokabular des Nationalsozialismus unter die sprachwissenschaftliche Lupe nehmen und seine Herkunft, seinen Gebrauch sowie die dahinterstehende Gesinnung kritisch reflektieren. Insgesamt betrachtet, stehen alle diese Analysen in der Tradition von Victor Klemperers LTI, wobei sie seiner Untersuchung gegenüber den Vorteil aufweisen, ganz allgemein distanziertere Betrachtungen und Schlüsse aufzuweisen, als Klemperer sie gemeinhin liefert. Im Rahmen der vorliegenden Analyse wird diese Art von Untersuchungen nur gelegentlich zur genaueren Definition auftauchender Begriffe mit herangezogen.

Einen ganz anderen sprachwissenschaftlichen Ansatz wählt dagegen Sigrid Frind in ihrer Dissertation mit dem Titel Die Sprache als Propaganda-Instrument in der Publizistik des Dritten Reiches.[84]

Empirisches Material ihrer Untersuchung sind Adolf Hitlers Mein Kampf sowie verschiedene Jahrgänge des Völkischen Beobachters. Anhand dieses Materials liefert sie einen umfassenden Überblick über die Formen der propagandistischen Einflußnahme der NS-Diktatur auf die Öffentliche Meinung und kommt schließlich zu folgendem Ergebnis:

„Durch zwei Merkmale unterscheidet sich jedoch die Nachrichtenpolitik im totalitären Herrschaftsbereich grundlegend von den Techniken der Meinungs- und Willensbildung freiheitlich-demokratischer Ordnungen.

Erstens: Sie orientiert sich - was das Recht der Öffentlichkeit auf möglichst wahrheitsgetreue und vollständige Berichterstattung betrifft - bewußt nicht mehr an der Forderung, öffentlich bedingt zu sein [...] alle Nachrichten werden fortlaufend entobjektiviert und ausschließlich in einer Weise veröffentlicht, die dem Regime zur Ausbreitung und Erhaltung seiner Machtansprüche nützlich erscheint [...]

Zweitens: Die totalitäre Diktatur besitzt das Nachrichtenmonopol und nutzt es als Machtinstrument. Korrigierende Einflüsse, wie sie in der pluralistischen Demokratie durch die Vielfalt der zu Worte kommenden Publikationsmittel [...] gegeben sind, schaltet der totalitäre Staat aus.“[85]

Alles in allem stellt Frinds Untersuchung eine der umfassendsten zum Thema Sprache des Nationalsozialismus dar. Im folgenden soll deshalb im Zusammenhang mit der Analyse der völkisch-nationalen und kommunistischen Literatur über den Spanischen Krieg gerade auf ihre Arbeit und die darin herausgearbeiteten Ergebnisse häufiger zurückgegriffen werden.

Zusammenfassend bleibt bis hierher anzumerken, daß im Hinblick auf die sprachkritische Betrachtung der republikanisch-kommunistischen Literatur über den Spanischen Krieg derzeit kein vergleichbares Instrumentarium der Analyse, wie es für die völkisch-nationale Literatur vorliegt, existiert. Entsprechend wird im Rahmen der vorliegenden Analyse der Versuch unternommen, die von Klemperer eingeleitete Forschungstradition aufzugreifen und sie auch zur Analyse der republikanisch-kommunistischen Literatur über den Spanischen Kriegan zu nutzen, wodurch schließlich ein Vergleich beider Literaturen ermöglicht wird.

2.4 Zur Problematik der sozialwissenschaftlichen Interpretation

sprachwissenschaftlicher Beobachtungen

Betrachtet man die vorgenannten Untersuchungen genauer, so fällt u.a. auf, daß unter ihren Verfassern sowie deren Kritikern schon früh eine Kontroverse darüber entbrannte, wie die in ihnen gemachten sprachwissenschaftlichen Beobachtungen im Hinblick auf eine sozialwissenschaftliche Interpretation im Sinne der Gesamtthematik <Faschismusanalyse> verwertbar seien. So weist beispielsweise Vondung in bezug auf Cornelia Bernings Dissertation darauf hin, daß deren Versuch der Etablierung eines erweiterten Interpretationsrahmens sprachwissenschaftlicher Analysen von seiten einer eher puristisch orientierten Sprachwissenschaft her harsch gerügt wurde:

„Berning war jedoch außerdem bestrebt, auch ideologische und moralische Sachverhalte darzustellen, welche sich in der Sprache ausdrückten und durch Sprachanalyse aufgedeckt werden konnten, so z.B. Zynismus, Skrupellosigkeit und Nihilismus. Das trug ihr allerdings von Seiten einer streng sprachwissenschaftlichen Position den Vorwurf ein, unter einer Fragestellung, welche sich Erkenntnisse über den Nationalsozialismus selbst zum Ziel setze, die Sprachwissenschaft zur Hilfswissenschaft gemacht zu haben.“[86]

Dieser Disput zieht sich so oder so ähnlich durch die gesamte Forschungsliteratur zur völkisch-nationalen Literatur. So weist beispielsweise Werner Betz im Vorwort zu Cornelia Bernings Dissertation zu Recht auf die Gefahr hin, daß manche (Sprach-)Wissenschaftler leichtfertig dazu neigen würden, die sozialwissenschaftliche Interpretierbarkeit ihrer Beobachtungen zu überschätzen:

„Das Ziel mancher Regierungssysteme war und ist es, den Menschen auch von seinen inneren unbewußten Sprachreaktionen zu lenken, also etwa das Gleiche auf politischem Gebiet zu erreichen, was die <hidden persuaders> in der Werbung auf dem kommerziellen Gebiet versuchen [...] Man neigt heute vielfach dazu, solche Wirkungsmöglichkeiten zu überschätzen.“[87]

Ganz ähnliche Bedenken äußert auch Vondung, wenn er im Hinblick auf die sprachwissenschaftliche Aufarbeitung der Sprache des Nationalsozialismus das eher nüchterne Fazit zieht, daß:

„die Untersuchungen zur Sprache des Nationalsozialismus (insgesamt) alle mehr oder weniger belastet (waren) durch die zu keinen schlüssigen Ergebnissen gelangte Diskussion zwischen sprachkritischen und streng sprachwissenschaftlichen Positionen, d.h. durch die theoretisch wie praktisch noch nicht eindeutig geklärte Frage, wieweit die Sprache - ohne als Entität verstanden zu werden - doch Bewußtsein und Handeln beeinflussen kann, also die Frage nach der Sprachwirkung, sowie durch die damit zusammenhängende Frage nach der Möglichkeit von Sprachlenkung. Ebenfalls hemmend wirkte sich häufig der Zwiespalt aus zwischen einer eher positivistischen Position, die korrekte sprachwissenschaftliche Untersuchungen auf die Analyse von Sprachstrukturen und die Beschreibung von Wortbeständen beschränkt sehen will, und andererseits dem Versuch, gerade aus dem Ungenügen an dieser Position gegenüber einem Gegenstand von politischer Relevanz, historische, politische, ideologische und sozialpsychologische Sachverhalte in die Untersuchung einzubeziehen und <wertungsfreudiger> zu werden.“[88]

Die rein spachwissenschaftliche Analyse des literarischen Gegenstands allein scheint also angesichts der Komplexität und insbesondere wegen der erheblichen ethisch-moralischen Implikationen, die der historische Gegenstand <Totalitarismus>[89] in sich birgt, vielfach zu kurz zu greifen. Andererseits besteht die berechtigte Befürchtung, die sprachwissenschaftliche Analyse könnte zu einem bloßen Instrument der Sozialwissenschaften verkommen. Und die aus der Unlösbarkeit dieser Aporie resultierende Frustration macht sich dann auch des öfteren in einzelnen Untersuchungen Luft, so z.B. bei Frind, die sich in ihrer Dissertation immer wieder einmal zu wütenden Ausbrüchen über das Maß der versuchten Einflußnahme durch die Nazipropaganda auf die ihr ausgesetzte Bevölkerung hinreißen läßt, obwohl sie zu Beginn der Untersuchung deutlich beteuert, eine Betrachtung eher positivistischer Natur liefern zu wollen.

Ganz offensichtlich herrscht also angesichts der zuvor erwähnten offenen Fragen erhebliche methodische Unsicherheit vor; ein Problem, das, wie Vondung sehr richtig anmerkt, dort besonders evident wird, wo darauf hingewiesen wird, daß nach wie vor unklar ist, wie die <noch nicht eindeutig geklärte Frage, wieweit die Sprache -...- doch Bewußtsein und Handeln beeinflussen kann, also die Frage nach der Sprachwirkung, sowie durch die damit zusammenhängende Frage nach der Möglichkeit von Sprachlenkung> beantwortet werden kann. Auch wenn also eine umfassende Forschungstradition über die Aufarbeitung der Sprachgewohnheiten und -regelungen im Nationalsozialismus existiert, so muß doch auch festgestellt werden, daß sich diese Forschungstradition in vielerlei Grabenkämpfen aufgerieben hat, ohne dabei wirklich jemals zu einer abschließenden und befriedigenden Lösung des von Vondung und Betz angesprochenen Grundproblems gekommen zu sein.

Angesichts des Wandels des Selbstverständnisses der Wissenschaften seit etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts erscheinen uns die beschriebenen Trennungen und Rivalitäten zwischen den einzelnen Wissenschaften heutzutage als einigermaßen befremdlich, obwohl sie auch in der Gegenwart noch nicht immer und überall ausgestanden sind. Anerkennungsprobleme bei verschiedenen Wissenschaftsauffassungen sind nach wie vor die Regel, Paradigmenwechsel angesichts eines rasanten Wissensfortschritts und der Entwicklung neuer Technologien heute bedeutend häufiger als beispielsweise noch vor hundert Jahren bei der Invention der Psychoanalyse. Seit dem Aufkommen system- und chaostheoretischer Theorien gelingt es uns zunehmend besser, immer komplexere Verknüpfungen zwischen einzelnen (Sub-) Systemen aufzudecken.[90] Die Grenzen zwischen den einzelnen Wissenschaftsbereichen sind also zunehmend fließender und durchgängiger geworden, und eine Folge davon ist, daß es mittlerweile kaum mehr wirkliche Schwierigkeiten bereitet, sich dort auch ruhig einmal interdisziplinär zu verhalten, wo dies angesichts einer bestimmten wissenschaftlichen Fragestellung als sinnvoll erscheint, sich also gegenseitig zu befruchten und voneinander zu lernen, statt einander Kompetenz abzusprechen, solange nur die formalen Regeln, nach denen sich dieser Akt der Kommunikation vollziehen soll, klar und möglichst unmißverständlich definiert werden.

Ein solch produktives Klima gemeinsamer Zusammenarbeit insbesondere im Bereich der kulturwissenschaftlichen Forschung erleichtert es, Grenzen zu überschreiten. So auch in der vorliegenden Untersuchung, wo es um die Interpretation der aus der textimmanenten Analyse gewonnenen Ergebnisse gehen wird. Im Rahmen der Interpretation der im ersten Untersuchungsschritt gemachten Beobachtungen zur inhaltlichen und inhaltlich-formalen Ausgestaltung der ausgewählten Texte soll im zweiten Untersuchungsschritt das System der Emotionalisierung literarischer Texte im zuvor geschilderten Sinne der Etablierung und Implementierung von Vorurteilen genauer erfaßt werden. Maßgeblich ist dabei die Annahme, daß es durch die rhetorische Aufbereitung der Texte durchaus zu einer psychologischen Beeinflussung der emotionalen Wahrnehmung des Lesers kommen kann, nicht aber notwendigerweise kommen muß.[91] Nachfolgend wird von der Annahme ausgegangen, daß der propagandistische Roman ganz bewußt nicht auf Differenziertheit oder Darstellung von Relativität oder Zweifel angesichts einer zur absoluten Einsicht in die Dinge und Sachverhalte völlig ungeeigneten Sprache abzielt, sondern vielmehr auf Wirkung, und zwar auf suggestive Wirkung in dem Bewußtsein zu wissen. Zu wissen nämlich, im Besitz einer allumfassenden Weisheit (oder gar <Wahrheit>) zu sein, die mit sprachlichen Mitteln eigentlich kaum mehr wirklich vermittelbar ist, ein Glauben also und somit politische Metaphysik.

Propagandaliteratur löst sich damit per se von der Vorgabe der poetischen Unentschiedenheit, wie beispielsweise Milan Kundera[92] sie einfordert, ab, bei dem der innerste Kern der Literatur immer die Freiheit und die Unverletzlichkeit des Subjektes zu sein hat, wohingegen die besondere Leistung der Propagandaliteratur eben darin besteht, bestimmte, als einzig richtig erkannte Herrschaftsverhältnisse herbeizuführen, sie anschließend auf eine möglichst breite Anerkennungsbasis zu stellen und sie dann ideologisch zu zementieren. Herrschaft selbst fußt dabei immer auf einem doppelten Fundament von Vorurteilsangebot und Anpassung an dieses Angebot durch die Beherrschten. Es existiert also durchaus so etwas wie ein psychologischer Vorurteilsgewinn für das jeweilig beeinflußte Subjekt: und zwar in Form von sozialer Sicherheit und Anerkennung, was auch die Bereitschaft des einzelnen erklären würde, Vorurteile ungeprüft zu übernehmen und das eigene Handeln nach ihnen auszurichten, also ein Stück weit die persönliche Freiheit für mehr soziale Sicherheit aufzugeben:

„Im Befehlsverhältnis, das zwischen einem übernommenen Vorurteil und dem Ich entsteht, spiegelt sich ein bestehendes Herrschaftsverhältnis in der Außenwelt wider. Das Vorurteil besorgt die reibungslose Einpassung in diese Staffelung der Subordination; es erspart dem Ich den Konflikt der Abweichung oder gar Auflehnung [...]

Der Vorurteilsgehorsam verrät also insbesondere durch die Affekte, die ihn begleiten, etwas von der seelischen Gleichgewichtslage einer Gesellschaft und von den Mitteln, mit denen sie aufrechterhalten wird. Vorurteilstreue kann sich ebenso mit Friedfertigkeit wie mit zerstörungsbereiter Aggressivität vertragen. Es macht demnach einen erheblichen Unterschied aus, von welchen Triebanteilen Vorurteile besetzt gehalten werden: von libidinösen oder aggressiven [...]

Das Machtpotential, mit dem sich vorurteilsgesteuertes Denken in den Massengesellschaften Nachdruck zu verschaffen vermag, verdrängt weitestgehend den Impuls, sich urteilend zu vergewissern [...] Auch die begleitenden Gefühle bleiben unbefragt, weil die Wertung, die das Vorurteil enthält, sie selbstverständlich macht.“[93]

Was nun die Gesamtkonzeption propagandistischer Werke betrifft, so leitet sich aus dem zuvor Gesagten ab, daß in dieser Form der Literatur zumeist solche Erfahrungen und Konflikte der dargestellten Figuren beschrieben werden, die am ehesten der Überzeugungskraft des Textes im Sinne der jeweiligen ideologischen Zielausrichtung dienlich sind. Konkret bedeutet dies, daß die meisten über diese Texte vermittelten Sichtweisen Vorurteilscharakter besitzen. In wirkungsästhetischer Hinsicht ist eine Gleichschaltung der Literatur deshalb von besonderer Tragik, weil durch die Zensur gerade alternative Sichtweisen und mithin bestimmte Erfahrungshorizonte (meistens kritischere und differenziertere) aus dem geistigen Leben verbannt werden.[94] Im Laufe der Zeit wird deshalb mit zunehmendem Einfluß eindimensionaler Kunstformen auch das ästhetische Interesse (im Sinne der Suche nach Alternativorientierung) verkümmern, ganz einfach, weil die durch die nivellierte Kunst und Erziehung vermittelten Erfahrungshorizonte verengt sind. Im Hinblick auf den Spanischen Krieg als Sujet der Literatur kann nun davon ausgegangen werden, daß es sich bei dieser militärischen Auseinandersetzung um ein Thema handelte, das ganz allgemein ein großes Interesse hervorrief.[95] Dieser Gegenstand eignete sich also besonders gut dazu, ideologisch verbrämte Sichtweisen mit Vorurteilscharakter darzustellen und zu verbreiten. Für den bereits ideologisch präformierten Rezipienten stellt die propagandistische Kunst über den Spanischen Krieg also ein weiteres geeignetes Medium zur Selbstvergewisserung dar. Die ihn beschäftigende Frage ist fortan nicht mehr die, ob der Text wahre oder unwahre Verhältnisse aufzeigt, sondern vielmehr die Frage, inwieweit ihm eine dort durch bestimmte Figurenerfahrungen vermittelte Sichtweise als richtig, human, ja vielleicht sogar als liebenswert erscheint.

Diese Fähigkeit bestimmter Sichtweisen, den Rezipienten zu überzeugen, erschöpft sich jedoch nicht in der logisch-inhaltlichen Darstellung von Erfahrungen, sondern gewinnt ihre besondere ideologische Durchschlagskraft erst durch die Erzeugung bestimmter Affekte im Leser während der Rezeption eines Werkes, die dieser dann mit eigenen Erfahrungen und Erfahrungsemotionen zu Vorurteilen verbinden kann. Wie bereits angedeutet wurde, kann auch das Teilen von Vorurteilen eine solche gemeinsame Erfahrung darstellen. Analog zu der Feststellung, daß es sich bei Vorurteilen gemeinhin um ein Amalgam aus intellektuell-inhaltlichen und psychisch-emotionalen Elementen handelt, ist also auch im Rahmen der vorliegenden Analyse entsprechend zu trennen zwischen materialbeschreibendem und subjektiv-beschreibendem Kommentar.

Im Rahmen der Textanalyse wird deshalb, um eine möglichst nachvollziehbare Behandlung des Themenkomplexes <Literatur über den Spanischen Krieg> zu gewährleisten, bei der Beschreibung der suggestiven Wirkung dieser Literatur auf den Interpreten auf das psychologische und psychoanalytische Begriffsinstrumentarium zurückgegriffen. Was die Validität der Ergebnisse eines derartigen methodischen Ansatzes, wie er hier zugrunde gelegt wird, betrifft, so sei in diesem Zusammenhang auf Markus Hagel verwiesen, der in seiner Dissertation Zur Validität psychoanalytischer Deutungen auch darauf hinweist, daß die naturwissenschaftlichen Methoden der Erkenntnisgewinnung nicht ohne weiteres auch zur Beantwortung sozialwissenschaftlicher Fragenkomplexe herangezogen werden dürften.[96] Denn mit den rein materialbeschreibenden wissenschaftlichen Methoden allein gelangt man scheinbar nicht zu tieferen Einsichten über jene Wirkungszusammenhänge, die neben rein strukturellen Funktionen wie Terror, Mord, Rechtsbeugung und dergleichen mehr die Stabilität und vielleicht auch den besonderen Reiz totalitärer Systeme für die sie ja erst am Leben erhaltenden Menschen ausmachen:

„Man kann Wissenschaft so definieren, daß allein beobachtbare Sachverhalte als Instanz der Bewährung zugelassen sind [...] Indes bezweifle ich, ob es dem Verständnis gedient hat, über den Wissenschaftsstatus der Psychoanalyse zu streiten. Letztendlich entscheidend ist die Frage, ob man die Methode der Psychoanalyse begründen kann; wenn ja, ist es zweitrangig, ob man ihr den Namen <Wissenschaft> verleiht oder nicht.“[97]

Was nun die konkrete Untermauerung der Interpretationsergebnisse der an der psychologischen und psychoanalytischen Theorie orientierten Analyse betrifft, so wird im folgenden überwiegend auf solche Studien zurückgegriffen werden, die sich explizit mit der Erforschung des Krieges beschäftigen. Einen ersten umfassenden Überblick über diese Thematik aus kulturwissenschaftlicher Perspektive bietet Cora Stephans bereits erwähnte Publikation Das Handwerk des Krieges.

Was hingegen die motivationalen Beweggründe des Tötens sowie die sozialwissenschaftlichen Faktoren, die im Rahmen des Konzepts vom <totalen Krieg> zum Tragen kommen, betrifft, wird nachfolgend insbesondere auf die Veröffentlichungen Dave Grossmans,[98] Inge Scholz-Strassers (et al.),[99] Stavros Mentzos´,[100] Alfred Krozovas[101] sowie diverse Veröffentlichungen Alexander Mitscherlichs[102] und anderer zu dieser Thematik zurückgegriffen werden.

2.5 Textauswahl

Angesichts der nachfolgend zu verifizierenden Hypothese, nach der durch die Einwirkung propagandistischer Literatur Vorurteile in den Rezipienten solcher Literatur erzeugt werden, wurde bei der Textauswahl Wert darauf gelegt, daß die in die Analyse Eingang findenden Texte nachweislich während des Spanischen Krieges entstanden sind oder mit nur geringem zeitlichen Verzug verfaßt oder veröffentlicht wurden.

Im Hinblick auf die völkisch-nationale Literatur über den Spanischen Krieg wird dabei als Ausgangstext auf Hans Roseliebs Roman Blutender Sommer[103] zurückgegriffen. Ergänzt wird die detaillierte Analyse dieses Textes durch die partielle weiterer völkisch-nationaler Texte wie beispielsweise Erich Dietrichs Roman Kriegsschule Toledo,[104] Major A. Kropps So kämpfen deutsche Soldaten,[105] Dr. Josef Goebbels´ Bolschewismus in Theorie und Praxis[106] und Die Wahrheit über Spanien[107] sowie die eher im Stile von Reisebeschreibungen gehaltenen Erzählungen Edwin Erich Dwingers Spanische Silhouetten[108] und Will Vespers Im Flug durch Spanien.[109]

Grundsätzlich sollte in diesem Zusammenhang angemerkt werden, daß - abgesehen von den Veröffentlichungen über die Legion Condor - die zeitgenössischen völkisch-nationalen Texte zu diesem Thema gegenüber jenen, die die Thematik aus republikanisch-kommunistischer Perspektive behandeln, zahlenmäßig eindeutig unterrepräsentiert sind, was jedoch durch die offiziell betriebene Nichteinmischungspolitik sowie die dann 1939 einsetzende Akzentverschiebung angesichts des deutschen Überfalls auf Polen durchaus erklärlich ist.

Analog zur Auswahl der völkisch-nationalen Texte gilt es auch im Falle der republikanisch-kommunistischen Literatur über den Spanischen Krieg zunächst eine Vorauswahl zu treffen, um die überbordende Textvielfalt auf ein bearbeitbares Maß zu reduzieren. Im vorliegenden Falle ist hinsichtlich einer derartigen Vorauswahl besondere Vorsicht geboten, weil der Spanische Krieg als Sujet im <linken politischen Lager> weitaus verbreiteter ist, als im Bereich des <rechten politischen Lagers>. Ferner weist diese Art der Literatur in der Regel weit über das gängige Maß hinaus, mit dem Literatur für gewöhnlich betrieben wird:

„das Gattungsspektrum der deutschen Exilliteratur zum Spanienkrieg erstreckt sich vom Zeitungsartikel über die Reportage, Essayistisches, ja der Versepik, und bis zum Drama, Hörspiel, Film und nicht zuletzt bis zur Lyrik [...] in den Internationalen Brigaden wurde tendenziell das Schreiben aller gefördert und genutzt [...] Als Forum dienten die [...] Zeitungen.“[110]

Darüber hinaus organisierte man auf republikanischer Seite Alphabetisierungskampagnen und gründete Kindergärten, Waisenheime und Schulen. Alle diese Aktionen im Bereich des ideologischen Überbaus wurden stets auch <literarisch> flankiert, womit bereits eines der wesentlichen Kriterien zur Auswahl der Texte für die vorliegende Analyse genannt ist. Da propagandistische Literatur nicht zuvorderst informieren und Kenntnisse vermitteln will, gilt es, bei der Textauswahl vorrangig auf solche Texte zurückzugreifen, die nachweislich zur propagandistischen Beeinflussung des Lesers im Sinne der Erzeugung von Vorurteilen dienen. In bezug auf die hier behandelte Literatur ist eine derartige Unterscheidung indes häufig nur schwer zu leisten, denn viele der Texte stellen Hybridformen dar. Reine Propagandatexte sind im republikanischen Lager insbesondere deshalb nur sehr schwer auszumachen, weil die Vielzahl der Texte ein Spiegelbild der Volksfrontproblematik mit allen in ihr auftauchenden Problemen darstellt. Entsprechend finden überwiegend solche Texte Eingang in die Analyse, von denen angenommen werden kann, daß es sich bei ihnen um solche von eindeutig kommunistischer Provenienz handelt.

Analog zu Hans Roseliebs Roman Blutender Sommer wird entsprechend Eduard Claudius´ Roman Grüne Oliven und nackte Berge[111] zum Ausgangspunkt für die Analyse republikanisch-kommunistischer Literatur. Ergänzt wird die detaillierte Analyse dieses Romans durch Berichte und Romane von Willi Bredel: Spanienkrieg II. Begegnung am Ebro,[112] Gustav Regler: Das große Beipiel[113] bzw. Das Ohr des Malchus,[114] Erika und Klaus Mann: Solidarität[115] sowie durch den punktuellen Rückgriff auf eine Vielzahl weiterer, oftmals kürzerer Erzählungen und Theaterstücke, von denen an dieser Stelle exemplarisch genannt seien: E. Brendts Das Opfer,[116] Egon Erwin Kischs Die drei Kühe,[117] Rudolf Leonhards Der Tod des Don Quijote,[118] E. Mohrs Wir im fernen Vaterland geboren[119] sowie Franz Werfels Die Arge Legende Vom Gerissenen Galgenstrick[120] und Bert Brechts Die Gewehre der Frau Carrar.[121]

Es bleibt schließlich die Auswahl jener Texte, auf die im Rahmen der Diskussion der aus der Textanalyse extrahierten Ergebnisse zurückgegriffen werden soll, um diese Ergebnisse einer kritischen Betrachtung und Würdigung zu unterziehen. Da es sich bei dem Phänomen <Spanischer Krieg> um ein international behandeltes Literaturphänomen handelt, stammen neben dem Roman Die Kinder von Gernika von Hermann Kesten[122] und dem Bericht des Prinzen Hubertus Friedrich von Löwenstein Ein Katholik im republikanischen Spanien[123] die meisten dieser Referenztexte von internationalen Autoren wie z.B. von Ernest Hemingway,[124] George Orwell,[125] Ilja Ehrenburg,[126] Arthur Koestler,[127] Georges Bernanos[128] oder John Dos Passos.[129]

Was hingegen den Darstellungsmodus der Analyseergebnisse betrifft, so wird nachfolgend auf eine erschöpfende Darstellung der Teilergebnisse im jeweiligen Ausgangstext verzichtet. Statt dessen ist ein Ergebnisdarstellungsverfahren gewählt worden, das die konkrete Nennung exemplarischer Exempel im Ausgangstext mit dem Hinweis auf weitere vergleichbare Erscheinungen in anderen Texten in Form von Fußnotenverweisen verknüpft. Dieses Verfahren weist den Vorteil auf, umfassend und präzis zugleich zu sein, weil es zum einen die Verwendung inhaltlicher und rhetorischer Stilelemente im Ausgangstext selbst sowie in der propagandistischen Literatur zum Spanischen Krieg im allgemeinen mitberücksichtigt.

3. Das Verfahren zur Implementierung von Vorurteilen, dargestellt am Roman Blutender Sommer von Hans Roselieb (1938/1939)

„´Alles weltgeschichtliche Geschehen ist

nur eine Äußerung des Selbsterhaltungs-

triebes der Rassen.`

Solche Sätze haben eine große Suggestions-

kraft. Wer sie liest, hat das Gefühl, daß ihm

plötzlich ein Licht aufgeht: Das Verworrene

wird einfach, das Schwierige leicht.“[130]

3.1 Inhalt, Aufbau und Form des Romans

Der vollständige Titel des im Rahmen dieses Abschnittes als Ausgangstext gewählten Romans von Hans Roselieb lautet Blutender Sommer - Roman aus dem Spanischen Bürgerkrieg,[131] in dem die Geschichte vom Ausbruch des Spanischen Krieges und den politisch-ideologischen Strudel, in den die handlungstragenden Protagonisten geraten, erzählt wird.

Isabella Baroja, Tochter eines Madrider Kaufmanns und Medizinstudentin in Deutschland, besucht während der Sommerferien ihren Vater Gerhardo. Kurz nach ihrer Ankunft kommt es im Zuge der Revolution zur Denunziation ihres Vaters bei den republikanischen Behörden. Dieser, von der verschmähten Verehrerin Frau Ybarres des Komplotts gegen die neuen Machthaber bezichtigt, flüchtet aus Angst vor Verfolgung aus der Stadt und läßt seine Tochter zurück. Durch die Mithilfe des Pensionsmädchens Maja gelingt Isabella noch rechtzeitig die Flucht vor der republikanischen Geheimpolizei. Unterstützt wird sie dabei durch ihren Jugendfreund Uli, der sich in Isabella verliebt hat und die Gunst der Stunde dazu nutzen will, ihr durch sein heroisches Verhalten seine inzwischen erworbene Reife zu demonstrieren. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach Isabellas Vater, der inzwischen Toledo erreicht hat, wo er sich von seinem Freund und Geschäftspartner Velarde Geld für seine weitere Flucht besorgen will.

In Toledo muß er jedoch feststellen, daß auch dort bereits die Revolution wütet. Er sucht Velarde auf und findet diesen, wie er über der Leiche seiner von Anarchisten ermordeten Frau kniet, während seine Tochter unmittelbar davon bedroht ist, von einer Horde junger Anarchisten vergewaltigt und ermordet zu werden. Velarde verhindert dies, indem er zunächst sie und anschließend sich selbst tötet. Zuvor bittet er Gerhardo Baroja noch um einen Ehrenhandel. Als Gerhardo schließlich aus Velardes Haus flüchten will, wird er verwundet und stürzt in den Tajo.

Währenddessen versuchen Isabella und Uli verzweifelt, Isabellas Vater zu finden. Über den Umweg zum Wochenendhaus ihres Onkels Sponholz erreichen sie den kleinen Ort Illescas. Zuvor noch erfahren sie durch einen Boten ihres Onkels, daß sich die politische Lage inzwischen noch weiter zugespitzt hat. Isabella kommt auf die Idee, daß Gerhardo sich auf dem Weg nach Toledo gemacht haben könnte, um dort seinen alten Geschäftsfreund Velarde um Hilfe zu bitten.

Auf der Landstraße nach Toledo begegnen sie schließlich einem Motorradfahrer namens Quesada, mit dem gemeinsam sie die Reise fortsetzen. Quesada, ein junger Jurastudent in Diensten der republikanischen Geheimpolizei, hat den Auftrag, Isabellas Vater auszufindig zu machen, ihn zu verhaften und den Behörden auszuliefern. Bald aber verlieben sich Isabella und er ineinander, während Uli zunehmend eifersüchtiger auf den neuen Begleiter wird.

In Illescas geraten Isabella, Uli und Quesada in die Hände des Anarchistenführers Xamete. Als dieser die Motorräder der Reisenden beschlagnahmen lassen will, gibt sich Quesada als Geheimpolizist zu erkennen und gibt öffentlich seinen Auftrag preis. So gelingt es ihm, sich und seinen Begleitern freie Weiterfahrt nach Toledo zu verschaffen. Aus dieser Konstellation ergibt sich für Isabella ein Gewissenskonflikt im Hinblick auf ihre wachsende Liebe zu Quesada einerseits und die Sorge um ihren Vater andererseits. Sie löst diesen Konflikt, indem sie sich schließlich dafür entscheidet, Quesada die volle Wahrheit über ihre Herkunft und den Grund für ihre Reise zu erzählen. Dieser, zunächst überrascht, dann aber tief berührt durch ihre Aufrichtigkeit, erkennt plötzlich die Unrechtmäßigkeit des eigenen politischen Systems und verspricht Isabella, ihr bei der Suche nach ihrem Vater zu helfen. Die Wandlung vollzieht sich jedoch nicht ohne innere Widersprüche im Hinblick auf Quesadas Lojalität gegenüber seinem Dienstherrn und seiner intuitiven Einsicht in die Richtigkeit der vom Roman vermittelten Sichtweise. Gemeinsam suchen sie weiter nach Isabellas Vater, der sich, wie sich inzwischen herausgestellt hat, auf dem Gut <Las Posadas> des dekadenten Großgrundbesitzers Don Piquer befindet. Dessen Tochter, Donna Juana, hatte den bewußtlosen Gerhardo Baroja auf der Landstraße gefunden und auf dem Gut in Sicherheit gebracht. Durch einen Trick gelingt es Quesada, den Ortkommandanten von Toledo, Don Alvaro de Tavera, einen ehemaligen Priester und aktuellen Anarchisten, dazu zu bewegen, ihn gemeinsam mit Isabella und Uli zum Gut fahren zu lassen. Dort wolle Quesada Don Piquer eine Falle stellen, wodurch dieser als Verschwörer verhaftet und sein Besitz an die neuen Machthaber fallen soll. Don Alvaro willigt aus Habgier ein, woraufhin sich Quesada, Isabella und Uli auf den Weg nach <Las Posadas> machen.

Auf dem Gut angekommen, weihen sie schließlich den Besitzer und seine Tochter in ihren Plan ein. Inzwischen ist auch Gerhardo wieder zu Kräften gekommen und erwehrt sich erfolgreich gegen einen von Don Alvaro geschickten Spitzel, dessen Auftrag es ist, zu überprüfen, ob Quesada die Wahrheit gesagt hat oder aber ein doppeltes Spiel treibt. Don Alvaro selbst befindet sich inzwischen ebenfalls auf dem Gut und genießt es, die Anwesenden allein durch sein Erscheinen in Angst und Schrecken zu versetzen. Irgendwann trennt sich Don Alvaro von der Gruppe der Anwesenden, um das Gelände auf das Vorhandensein potentieller Verschwörer hin zu sondieren. In dieser Phase des Romans suchen Don Alvaro immer wieder Größenwahn- und Angstphantasien heim. In einem kleinen Wäldchen trifft er schließlich auf Gerhardo, der ihn schließlich erschießt und damit den Grundstein für die gemeinsame Flucht seiner eigenen Familie und der Don Piquers legt. Der Roman endet mit dem gemeinsamen Übertritt der Flüchtenden auf nationales Gebiet.

Mit einem Umfang von <nur> 189 Seiten, die zudem mit nur wenig Text versehen sind, und einer Unterteilung in 15 sehr knapp gehaltene Kapitel handelt es sich um einen eher kurzen Roman. Die damit verbundene relativ straffe Abwicklung der Romanhandlung kann als für die völkisch-nationalen Texte durchaus typisch angesehen werden.[132] Anders als beispielsweise in Eduard Claudius´ Roman Grüne Oliven und nackte Berge herrscht also auch keine Einteilung in Bücher vor.

Grundsätzlich dominiert eine personale Erzählweise mit gelegentlichen kurzen Einbrüchen eines auktorialen Erzählers zum Beispiel in Form des Nebensatzkommentars. Entsprechend dieser Erzählhaltung wird die Vermittlung des Romangeschehens überwiegend durch die Schilderung des Innenlebens der Figuren beispielsweise in Form der Lösung bestimmter innerer Konflikte vollzogen. Gemäß Geißlers Hinweis, daß die völkisch-nationale Literatur eine naturalistische Darstellungsweise präferiert,[133] herrscht ein hohes Maß an Dialogizität, inneren Monologen und Bewußtseinströmen vor. Darüber hinaus tauchen in den Texten häufig Exkurse verschiedenster Art sowie realistische Natur-, Gegenstands- und Personenbeschreibungen auf.

Die erzählte Zeit des Romans umfaßt einen Zeitraum von etwa vierundzwanzig Stunden, wobei im Hinblick auf die dramaturgische Gestaltung darauf hinzuweisen ist, daß - in Anlehnung an Schäfers Diktum vom literarischen Heldentum -[134] ein solch ungemein kurzer erzählerischer Zeitraum bereits die Klimax des dramatischen Handlungsablaufs im Sinne einer existentiellen Grenzerfahrung der Figuren darstellt. Diese, binnen kürzester Zeit auf sich selbst zurückgeworfen, erstehen im Angesicht der Grenzerfahrung zu einem neuen Menschentypus auf. Oder aber sie fallen mangels Anpassungsbereitschaft und Einfühlungsfähigkeit in die neue Zeit und die in ihr aufkeimende Ideologie aus dem <kommenden> System bereits im Vorfelde heraus. Entsprechend markiert den Beginn des Romans zunächst ein Zustand relativer Ruhe. Rein formal betrachtet, drückt sich dies in zunächst vorherrschender Ordnung und Stabilität des Ortes der Handlung Madrid aus; während dann im weiteren Textverlauf zunehmend Unruhe durch die Trennung der Hauptfiguren voneinander, die Ausbreitung und Lösung der jeweiligen Figurenkonflikte, den Zerfall der Handlung in mehrere Erzählstränge, häufige Ortswechsel und rapide Szenenwechsel aufkommt, bis es schließlich zur Wiedervereinigung, zur <Reinigung des Figurenkorpus> und zur Errettung der heldischen Vorbilder sowie der <errettungswürdigen Grenzcharaktere> kommt.

Im Rahmen einer derartigen Dramaturgie und Figurenkonstellation[135] wirken verschiedene Erzähldimensionen, die in je besonderer Weise den inhaltlichen Rahmen abgeben für die schließlich einsetzende <charakterliche>[136] Bewährung oder aber verpaßte Bewährung der Protagonisten. Dies sind im einzelnen:

die politische Geschichte vom Ausbruch des Spanischen Krieges

die Liebesgeschichte zwischen Isabella und Quesada

die Abenteuergeschichte der Flucht von zu Unrecht Verfolgten

die <persönlichen> Geschichten der Figuren sowie damit verbundene Konflikte und deren

Lösung

Das Geschehen selbst vollzieht sich, wie erwähnt, an unterschiedlichen Orten im republikanischen Spanien. D.h. Roselieb beschreibt vorwiegend die Zustände <auf der anderen Seite> und nicht etwa jene auf der eigenen, also der francistischen. Insofern eignet sich das Setting des Romans in besonderer Weise dazu, ein bestimmtes Feindbild zu konstruieren.

Der Umstand, daß der Roman den Beginn des Bürgerkriegs in Madrid bzw. in Toledo sowie den politisch-ideologischen Strudel, in den die überwiegend bürgerlichen, nach kommunistischer Auffassung also pro-faschistischen[137] Protagonisten geraten, beschreibt, macht bereits deutlich, daß es sich im vorliegenden Fall nicht um einen Frontroman im eigentlichen Sinne handelt.[138] Vielmehr dient die an den Abenteuerroman angelehnte Rahmenhandlung einer Flucht vor einem brutalen und unerbittlichen Verfolger dazu, eine Vielzahl von politischen, ideologischen und charakterlichen Konflikten auszubreiten, um durch die Erfahrung der existentiellen Grenzsituation ein bestimmtes Menschenbild propagieren zu können. Insofern ist der Text durchaus zukunftsorientiert, weil er das Setting (Spanischer Krieg) weniger dazu nützt, zu erklären, was dort eigentlich de facto geschehen ist (die Vorgeschichte des Ausbruchs wird in einem etwa nur halbseitigen Exkurs abgehandelt), sondern vielmehr einen erzählerischen Raum schafft, in dem bestimmte charakterliche Merkmale und Dimensionen herausgearbeitet werden können, die im weitesten Sinne der Stilisierung des nationalsozialistischen oder besser noch faschistischen Menschen dienen sollen. Darüber hinaus wirkt der Roman auch insofern ideologisch, als in ihm anhand der unterschiedlichen Figurenkonflikte ein bestimmtes Gesellschaftskonzept entwickelt wird, das vielfach über die reine Schwarz/Weiß-Dichotomie von Nationalsozialismus und Kommunismus bzw. Faschismus und Bolschewismus hinausgeht. Für eine solche Lesart spricht im übrigen auch die Ausgestaltung der polyperspektivischen Sicht des Geschehens insbesondere in den Kapiteln 12 bis 15, wobei der Autor keinen Zweifel daran offen läßt, welche Weltanschauung für ihn die einzig <wahre> und wünschenswerte darstellt. Sehr wohl kann also davon ausgegangen werden, daß es sich um eine Instrumentalisierung des Textes im Sinne der Zuspitzung eines Konfliktes (zwischen den beiden Ideologien als Alternativen zur bürgerlichen Gesellschaft) hin zum dramatischen Höhepunkt des Romans (Klimax) handelt. Durch Polyperspektivität wird dem Leser die jeweilige Geisteshaltung eingehend durch ihre wesentlichen Figurenträger vor Augen geführt - und schließlich dann befürwortet oder aber abgelehnt.

Vorrangiges Ziel der Nationalsozialisten war ja insbesondere in der Frühphase der Machtergreifung der Versuch, sich zunächst einmal als Alternative zur bürgerlichen Gesellschaft darzustellen. Sie mußten sich also abgrenzen im Sinne einer Volksgemeinschaft, was im vorliegenden Roman eindrucksvoll an der Liebesbeziehung zwischen Quesada und Isabella exemplifiziert wird. Indem diese Figuren durch die politische Erfahrung des Bürgerkriegs zueinander finden, emanzipieren sie sich gleichsam von den Erwartungen, die die bürgerliche Gesellschaft (in Form ihrer Eltern und Rivalen) an sie stellt.

Eine derartige <Abgrenzung> weist insbesondere im Frühstadium der Etablierung der faschistischen (Denk-)Systeme jedoch nur selten einen wirklich radikalen Gestus im Sinne eines Entweder/Oder auf, wie er dann in der späteren System-Phase allenthalben überwogen hat. Vielmehr zeichnet sie sich durch eine dem heutigen Betrachter überraschend <differenzierte> Weise der Darstellung und Beurteilung auch und gerade des schließlich dann doch als <degeneriert> eingestuften Feindes aus. Eine generelle und vor allem allzu plakative Verurteilung des ideologischen Feindes scheint zu diesem Zeitpunkt also noch nicht unbedingt opportun und, angesichts der vorherrschenden Rezeptionsästhetik, wohl auch kaum sinnvoll gewesen zu sein. So wird beispielsweise auch die bürgerliche Gesellschaft zunächst noch verhältnismäßig differenziert dargestellt, denn grundsätzlich hatten die Nationalsozialisten durchaus ein Interesse daran, auch das Bürgertum für ihre Sache zu gewinnen.

Zusammenfassend läßt sich an diesem Punkt der Analyse also festhalten, daß es im Roman Blutender Sommer von Hans Roselieb zunächst einmal um die Etablierung eines neuen gesellschaftlichen Verständnisses geht. Die handelnden Figuren sind so oder so soziologisch präformiert, ziehen jedoch unterschiedliche Schlüsse aus der sich für sie plötzlich und unvermutet verändernden politischen Situation. Die damit einher gehenden Konflikte werden durch eine entsprechende personale Erzählweise ausgestaltet. Dadurch entsteht, zumindest was die konkurrierenden Ideologien betrifft, eine Sicht der Dinge von Gut und Böse, wobei der Autor besondere Mühe darauf verwendet, dem Leser durch die differenzierte Darstellung der Entwicklung und Gesinnung der neuen republikanischen Machthaber deren grundsätzlich inhumanen Charakter aufzuzeigen bzw. andererseits durch die Schilderung der allgemeinen Seelenlage des spanischen Volkes die Notwendigkeit der <Erneuerung des Volkskörpers> zu verdeutlichen.

Im Hinblick auf die Wirkungsabsicht der Texte bleibt anzumerken, daß die im Rahmen dieser Untersuchung analysierten Texte überwiegend in deutscher Sprache verfaßt wurden, wobei eine je unterschiedliche Adressatenschaft bestand. Nationalsozialistische Texte wurden überwiegend in Deutschland veröffentlicht und wandten sich entsprechend an ein deutsches bzw. deutschsprachiges Publikum. Kommunistische und sozialistische Texte wurden dagegen zumeist in Exilverlagen veröffentlicht und wandten sich i.d.R. an ohnehin schon überzeugte Kämpfer und Sympathisanten der Volksfrontidee. Insofern ist m.E. bis heute einigermaßen unklar, inwiefern diese Art der Literatur insbesondere auf seiten der Volksfront auch dazu diente, politisch Unentschiedene innerhalb und außerhalb Deutschlands für die jeweilige Sache zu gewinnen.

Ausgehend von der Annahme, daß beide politischen Gruppierungen (Nationalsozialismus wie Kommunismus) für sich in Anspruch nahmen, mit ihren Ideologien die <geschichtliche Wahrheit> (oder auch <Notwendigkeit>) zu repräsentieren, mußten die Autoren der jeweiligen Couleur in ihren Romanen zunächst ein möglichst hohes Maß an realistischer Schilderung etablieren, um so einen möglichst umfassenden Wirkungsgrad im Hinblick auf die Identifikation des Lesers mit den Figuren herzustellen:

„Betrachten wir die literarische Gattung des Entwicklungsromans wirkungsästhetisch, dann ergibt sich, daß sich der Leser mit dem Helden identifizieren muß, um selbst etwas von der Entwicklung, aber auch von der befreienden Macht eines geschichtlichen Prozesses zum Fortschritt hin zu spüren. Da diese Romane in ihrer ästhetischen Wirkung - [...] - optimistisch und idealistisch sind, eignen sich ihre Entwicklungsstrukturen natürlich besonders für pädagogische und politische Intentionen, d.h., gerade diese Gattung ist am leichtesten propagandistisch zu mißbrauchen.“[139]

In einem zweiten Schritt wurden dem Roman die ideologischen Inhalte eingewoben. Diese sollten dann durch die Aufbietung einer Reihe rhetorischer Mittel und der aus ihrer Anwendung resultierenden suggestiven Wirkung internalisiert werden.

Analog zu Cora Stephans Aufzeichnungen zur Kultur des Krieges,[140] erfüllen die in diesem Prozeß wirksam werdenden psychosozialen Mechanismen in der Regel die Aufgabe, die Etablierung von Feindbildern in der gesamten zivilen Gesellschaft zu fördern; sie führen also letztendlich dazu, daß es, wie im Falle des Soldaten, zu einer Verringerung der Hemmschwelle zu töten kommt, während bei den Mitgliedern der zivilen Gesellschaft sukzessive ein höherer Grad der Toleranz (oder aber: der Ignoranz) gegenüber diesem Töten entsteht.[141] Dabei wiederum ist zu beachten, daß ein Großteil der Leser derartiger Literatur bei der Imagination während des Lesens unmittelbar auf ihre direkten oder indirekten Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg zurückgreifen konnte; ein für die Generierung eines neuerlichen Feindbildes in dieser Generation gewiß nicht zu unterschätzender Faktor.[142]

Um sich diesem Konzept der Generierung von Vorurteilen in einem literarischen Text zu nähern, empfiehlt sich als Ausgangspunkt die Analyse der einzelnen Figurenkonzepte, die in einem derartigen Roman ausgebreitet werden. Ausgehend von der Charakterisierung der jeweils auftauchenden Figuren sowie der ideologischen Konzepte, die sie repräsentieren (inhaltliche und inhaltlich formale Analyse), soll im Anschluß daran untersucht werden, welche ideologischen Ausschlußverfahren im Text angewendet werden, um eine bestimmte Ideologie zu präferieren und mithin zu propagieren. Abschließend werden dann die rhetorischen Mechanismen näher erläutert werden, durch die bestimmte inhaltliche Ressentiments mit der emotionalen Erlebenssphäre verwoben werden, um Vorurteile im Sinne der eingangs erwähnten Definition zu erzeugen (formale Analyse).

3.2 Analyse des Textes Blutender Sommer von Hans Roselieb - inhaltliche Dimension

3.2.1 Figurenkonzepte (nach Erscheinen)

Die nachfolgende Analyse der Figurenkonzepte basiert auf zwei wesentlichen Kategorien: ihrem physiognomischen Erscheinungsbild sowie ihrer charakterlichen Beschreibung. Was die Bedeutung der Physiognomie im Hinblick auf ihre ideologische Aussagekraft betrifft, so heißt es dazu bei Klemperer:

„Wo Hitlers Kampfbuch allgemeine Richtlinien der Erziehung aufstellt, da steht das Körperliche weitaus im Vordergrund. Er liebt den Ausdruck <körperliche Ertüchtigung>, den er dem Lexikon der Weimarschen Konservativen entnommen hat [...] Die Ausbildung des Charakters nimmt für Hitler ausdrücklich nur die zweite Stelle ein; nach seiner Meinung ergibt sie sich mehr oder minder von selber, wenn eben das Körperliche die Erziehung beherrscht und das Geistige zurückdrängt.“[143]

Entsprechend kann die Beschreibung des physiognomischen Erscheinungsbildes einer Figur durchaus als feststehender Topos in der NS-Ästhetik angenommen werden. Das bedeutet, daß dem Leser durch die Beschreibung des Äußeren einer Figur bereits ihre charakterliche Integrität bzw. Minderwertigkeit bescheinigt werden kann. Ein sehr eindringliches Beispiel für die Anwendung dieses Konzepts ist Edwin Erich Dwingers Beschreibung General Francos:

„Unter mächtig gewölbter Stirn brannten zwei Augen, die mir für immer unvergeßlich bleiben werden! Man konnte sie ohne Übertreibung nachtschwarz nennen, dabei waren sie von ungewöhnlicher Größe, zudem von einem Blick mit solch starker Strahlung, daß sich viele Menschen ihm gerne beugen würden. Neben seinem Mund, der fast schön zu nennen war, war auch seine Nase auffällig, sie zeigte die feine Modellierung des Sensiblen, erinnerte in ihrem Adel an die Nüstern eines arabischen Pferdes [...] Er drückte meine Hand soldatisch fest [...]“[144]

3.3.1.1 Gerhardo Baroja

Gerhardo Baroja ist ein Vertreter des alten, bürgerlichen Spanien. Insgesamt betrachtet, weist er eine eher ambivalente Charakterstruktur auf. Insofern stellt er einen jener Grenzcharaktere dar, an denen zum einen die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft, zum anderen jedoch auch angesichts einer positiven Wendung im Sinne der Romanideologie die Wandlung von der unpolitischen (d.h. charakterlosen) zur politischen Figur exemplifiziert werden soll. Diese Ambivalenz des Charakters Barojas kommt bereits in der Beschreibung seiner Physiognomie zum Ausdruck:

„Sein Gang war abwesend und doch sicher. Sein längliches, gepflegtes Gesicht mit leuchtenden braunen Augen und feuchten roten Lippen, belebt von einer ernsten Kraft, war überglänzt von einem Schimmer der Freude.“[145]

Was seinen Charakter betrifft, so bezeichnet der Text ihn zunächst als egozentrisch, feige, oberflächlich und unsicher:

„War er wirklich gerettet? Wenn der Spitzel die ohnmächtige Frau Ybarres fand, aufweckte, befragte, was dann? Würde dann nicht die zum Sprechen gebrachte Frau ihn erst recht als Komplice in der Spitzelsache anklagen? Und war nicht aller äußerer Schein dafür? Sein ganzer Körper fühlte nichts mehr als das Entsetzen, gefangen, fälschlich beschuldigt, gemartert, erdrosselt zu werden [...] Da erst verlor er ganz die Besinnung. Er vergaß, nur an seine Rettung bedacht, seine Tochter, für die er zu sterben können gedacht hätte.“[146]

Im weiteren Textverlauf durchläuft Baroja eine persönliche Krise, die schließlich zu seiner charakterlichen Bewährung führt, wodurch am Ausgang des Romans ein Übergang in faschistisches Hoheitsgebiet gerechtfertigt wird.

3.2.1.2 Isabella Baroja y Bender

Die Tochter Gerhardo Barojas, Isabella, ist zunächst ebenfalls eine Vertreterin des alten Spanien. Als Medizinstudentin in Deutschland, die in den Sommerferien nach Hause kommt, um die Familie zu besuchen, wird sie im Textverlauf jedoch zunehmend zur Trägerin und zum Katalysator einer neuen Geisteshaltung. Im Hinblick auf ihre <rassische Herkunft> fungiert eine deutschstämmige Großmutter als <Reinheitsausweis>. Ihre charakterliche Entwicklung im Romanverlauf vollzieht sich in Form der Loslösung von den Erwartungen der bürgerlichen Gesellschaft an sie[147] und einer zunehmenden Neuorientierung im Sinne der Romanideologie.

Entsprechend dieser tragenden Funktion der Figur Isabella handelt es sich bei ihr um eine ausgesprochen attraktive Erscheinung mit einem über alle Maßen liebenswürdigen Charakter:

„Wie wunderbar es war, in der Betrachtung ihrer Züge zu versinken! Zug um Zug beobachtete er [Quesada; B.P.] unauffällig mit scheuem Blicke die Wölbung der Stirn, die Fläche der Wangen und die Biegung der Nase, dann schloß er etwas die Augen, [...] , und stellte sich vor, daß diese Frau ihre wunderbare Haltung auch in Gefahren nicht verlieren würde.“[148]

Alles in allem entsteht so ein Charakter, der aufrichtig, diszipliniert, anmutig, zart, tapfer und mutig ist.[149] Isabella stellt also das Leitbild und die Zielvorgabe eines neuen, künftigen Charaktertypus dar.

Es wir dann zu einem späteren Zeitpunkt noch genauer zu untersuchen sein, inwieweit dieses Konzept der Idealisierung einer Figur über die reine Figurenebene hinaus auch in den Bereich der allgemeinen ideologischen Einflußnahme herüberreicht.

3.2.1.3 Castelar

Castelar, ein Freund und Geschäftspartner Gerhardo Barojas, taucht als Nebenfigur lediglich zu Beginn der Handlung auf und ist ein Vertreter des alten Spanien. Analog zu Gerhardo, wird er als ängstlich, unpolitisch und hypertrophiert beschrieben:

„Der Ausdruck seines ergrauten Gesichts, dessen Backen rosig gepudert waren, hatte etwas Ängstliches. Seine schwitzende gebogene Nase über dem leicht geöffneten Mund und die braunen Augen, die leicht tränten, schienen hilflos.“[150]

3.2.1.4 Frau Ybarres

Als Vertreterin des alten wie des neuen Spanien in jeweils negativer Ausprägung, als Kapitalistin und Denunziantin, ist sie aufgrund <niederer Beweggründe> der eigentliche Auslöser für die Flucht Gerhardos, Isabellas und Ulrichs. Offensichtlich in Gerhardo verliebt, wird sie von diesem verschmäht und rächt sich an ihm durch die Denunziation bei den republikanischen Behörden.

Rein äußerlich betrachtet, ist ihr Erscheinungsbild, ähnlich wie im Falle Gerhardos, durch eine gewisse Dekadenz und Ambivalenz geprägt. Etwas Überladendes, Schwüles umgibt sie:

„In den Winkeln ihrer granatfarbig schwellenden Lippen saß ein bittendes Lächeln. Ihre großen dunklen Augen, die lange Wimpern beschatteten, schossen Glutpfeile in Gerhardos leeres Gesicht. Ihre kleine mollige Hand fächerte mit auffällig eingebogenem Daumen und dem langen Zeigefinger sich und den zwei Gästen Luft zu. Ihr kleiner Mund richtete dabei Worte, deren Klang dunkel war, nur an den älteren, glücklich verheirateten und mit Kindern gesegneten Castelar [...]“[151]

Ihr Charakter ist dubios und eindeutig negativ gezeichnet. Sie ist jähzornig, geschwätzig und kriminell:

„Es war der Schuhputzer [...] Er besaß eine lockere, böse Zunge und hatte es damit so weit gebracht, daß ihn die Wirtin nach und nach mit allerlei geheimen Erkundigungen für ihre Häuser- und Grundstücksgeschäfte beauftragte.“[152]

3.2.1.5 Schuhputzer

Der Schuhputzer ermittelt im Auftrage von Frau Ybarres Information über die finanzielle Lage von sich in Schwierigkeiten befindenden Hauseigentümern. Er ist ein potententieller Krimineller:

„Dieser Mann hatte dabei eher einen frechen als verlegenen Zug im papageinasigen Gesicht. Augenscheinlich hatte er es auch nach dem Geld, das noch bei dem einen Glase lag, abgesehen.“[153]

3.2.1.6 Maja

Maja heißt das Mädchen in der Pension, in der Isabella während ihres Aufenthaltes in Madrid wohnt. Ihr Spitzname lautet: la Batida oder <die (von Gott) Geschlagene>, was auf einen Unfall verweist, der ihr als Kind zugestoßen ist:

„Die erst Vierzehnjährige hatte ein Gesicht, dessen Nase durch einen Eselhuftritt in frühester Kindheit verunstaltet worden war [...] Ihre Augen leuchteten dazu in neidischem Empfinden [...]“[154]

Zunächst wegen ihres Neides angesichts der komplexen Schönheit Isabellas eher negativ gezeichnet, wird diese Charakterisierung relativiert, als sie Isabella und Ulrich vor der Polizei warnt und ihnen so die Flucht aus Madrid ermöglicht:

„Die Lage wird ernster, als ich glaubte. Ein Mädchen, sie nannte sich Maja, hat heute früh angerufen von Iabellas Pension aus und gesagt, ja sie hat es gewagt - es gibt noch gute Menschen - mir zu sagen, daß Leute dagewesen wären, um [...] Isabella mitzunehmen.“[155]

Von besonderem Interesse ist im Zusammenhang mit dem Physiognomie/Charakter-Topos der Umstand, daß die Häßlichkeit dieser Figur nicht natürlichen Ursprungs ist. Deshalb darf sie offenbar auch einen gewissen Grad an charakterlicher Integrität aufweisen.

3.2.1.7 Tante Margit (Sponholz)

Als Vertreterin des Großbürgertums verkörpert Tante Margit (Sponholz) das Klischee des hysterischen Charakters, dessen Hauptbeschäftigung es in einer dekadenten Gesellschaft ist, Exaltation und Luxus zu zelebrieren. Alles in allem ist die Wertung dieser Figur als eher uneindeutig zu bezeichnen. Deutlich ist jedoch der Hinweis des Textes, daß sie einen Typus repräsentiert, der nur wenig belastbar und widerstandsfähig ist:

„´Unser Essen wartet auf dich, liebe Isabella, fangen wir an [...]` sagte die befehlshaberische

Stimme der großen, kränklich aussehenden, aber frisch in blaue Seide gekleideten Tante.“[156]

In ihrer ebenso unpolitisch-blauäugigen, gütigen wie liebevollen Art erscheint sie als weltfremd und wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit.

3.2.1.8 Ulrich Schnaebele

Der Schweizer Jugendfreund Isabella Barojas ist als Mitglied der jungen Generation ein Vertreter des kapitalistischen Liberalismus. Sein anfängliches Motto im Roman lautet: „Im Krieg gilt es nur, sich aus der Patsche herauszuarbeiten.“[157]

Ulrich Schnaebele ist eine der Hauptfiguren des Romans, weshalb es bisweilen ein wenig verwundert, daß vom Text nur wenige Hinweise auf sein konkretes äußeres Erscheinungsbild gegeben werden. Bei näherer Betrachtung dieser Figur deckt sich eine derartige <Konturlosigkeit> jedoch durchaus mit seiner erst ungenügend ausgeprägten charakterlichen Reife:

„Ulrich, mißtrauisch auf jede Tücke gefaßt, schritt hinter ihm her, schwer und geräuschvoll.“[158]

Neben einer gewissen Unreife wird Ulrich ein ausgeprägter Egoismus attribuiert; einerseits ist er stolz, mutig und durchaus pragmatisch veranlagt, dann wieder wird er als unzuverlässig, oberflächlich und jähzornig bezeichnet:

„Ulrichs Gesicht war weiß. Seine Augen flackerten, als sähen sie nicht mehr menschliche, sondern dämonische Mächte am Werke. Er vergrub sein Gesicht in den Armen mit einer jähzornigen Gebärde, die schon vieles verschlimmert hatte.“[159]

Im Hinblick auf seine Sprachgewohnheiten merkt Isabella einmal an:

„Du hast die Sprache auch nur, um das Wahre noch mehr zu verdecken, als es durch das Leben sowieso schon geschieht.“[160]

Schließlich jedoch wandelt auch er sich im Sinne der durch den Text vermittelten ideologischen Vorgaben:

„Er überlegte: Was fange ich an, wo es jetzt auch in Barcelona drunter und drüber gehen wird? Er fühlte seine wachsende Mannheit antworten: Alles, alles ist noch zu tun. Alles liegt noch vor dir. Nutze, was du jetzt erfahren hast!“[161]

3.2.1.9 Onkel Sponholz

Der weltmännische Kaufmann Sponholz ist wie Ulrich Schweizer. Er verfügt über sehr viel Erfahrung, ist vielleicht etwas schwerfällig, aber durchaus humorvoll und liebenswürdig und in Anbetracht seiner Zugehörigkeit zur bürgerlichen Gesellschaft im Text auffallend positiv gezeichnet. Über das Aussehen Arnold Sponholz´ erfährt der Leser verhältnismäßig wenig. Es scheint sich bei ihm jedoch angesichts der in seinem Hause üblichen üppigen Mahlzeiten um einen etwas rundlichen, nicht unbedingt großen Mann zu handeln. In charakterlicher Hinsicht besticht er durch eine gewisse Souveränität und seinen gesunden Pragmatismus:

„Ich glaube, daß man in Revolutionszeiten vorsichtig sein muß und nicht nur dann. Vielleicht löst sich die Sache Baroja zu einem Ulk auf. Dann hat man einen Grund, einen guten Tropfen zu trinken und sich zu freuen. Immer vorsichtig überlegen, immer! Das heißt, wenn man Zeit dazu hat. Noch besser aber ist´s, auf seinen Instinkt zu hören.“[162]

3.2.1.10 Die Spanier

Der überwiegende Teil der völkisch-nationalistischen Literatur über den Spanischen Krieg zeichnet das Gros der mit der Spanischen Republik sympathisierenden Spanier als eine hilflose und willenlose Masse, die von einigen wenigen skrupellosen politischen Aufsteigern (Anarchisten bzw. Kommunisten) ausgenutzt und schließlich zum Aufstand gedrängt wird. Der niedrige Bildungsstand der Bevölkerung, verbunden mit einem allgegenwärtigen Aberglauben und der Unfähigkeit zu kritischem Denken im Sinne eines <richtigen> Denkens, wie es die Romanideologie einfordert, begünstigte dabei die Wirkung der <massenhypnotischen> Maßnahmen der <Roten>. Im großen und ganzen entsteht so ein Bild vom spanischen Volk als einer Menge von Schlafwandlern, Hypnotisierten und eingeschüchterten Individuen.

In diesem Konzept der amorphen Masse wirkt die willenlose Gemeinschaft als suggestives Erzählmoment bei der Entstehung der Vorstellung einer allumfassenden Bedrohung des Lesers durch den Kommunismus selbst. Das Gespenst, das am Horizont erscheint, ist also nicht mehr nur die andere Ideologie, sondern vor allem auch die furchteinflößende, bildhafte Vorstellung von aus den mongolischen Ebenen nach Europa einfallenden, willenlosen und bestialischen Horden:

„Der Direktor des Sprach-Instituts in Valencia gibt zu Protokoll: ´Ich sah die Ermordung der Nonnen und Priester, eine Horde von etwa 50 Männern, die sich auf die tierischste Art an Frauen vergingen, fünf Nonnen im Alter von über 70 Jahren, die gegenüber dem englischen Konsulat wohnten, wurden von einer Horde Kommunisten aus ihrem Heim gestoßen, mitgeschleppt und erschossen.`“[163]

In der republikanisch-kommunistischen Literatur taucht dagegen immer wieder ein ähnliches Motiv auf: jenes des Zwangs. Die für die Faschisten kämpfenden Soldaten werden dabei, von einigen begründeten Ausnahmefällen abgesehen, für gewöhnlich als Klassenbrüder betrachtet, die eigentlich gar nicht gegen ihre <Genossen> kämpfen wollen. Sie würden vielmehr durch die faschistischen Regierungen dazu gezwungen zu kämpfen, weil andernfalls ihre Familien in Gefahr geraten würden - so zumindest das propagandistische Konzept, in dem die Möglichkeit, daß die Soldaten auch aus Überzeugung kämpfen könnten, zumeist geleugnet wird.[164]

Letztlich spiegelt sich in einer solchen Konstruktion immer eine bestimmte propagandistische Operation: indem die gegnerische Partei als ausgesprochen totalitär in ihrem Machtanspruch dargestellt wird, wertet man die eigene als einzig <wahre> (im Sinne einer wirklich solidarischen) Alternative für eine Neuordnung der Gesellschaft auf. Logischerweise kann eine solche Sichtweise nur dann glaubwürdig verbreitet werden, wenn alle erdenkliche Kritik an den kriminellen und inhumanen Machenschaften des eigenen Systems in einem Akt der allgemeinen systematischen Projektion gleichsam auf den politischen Gegner übertragen wird. Und je größer dabei das Ausmaß der Lüge und der Generalisierung sein wird, desto wirksamer wird sich beim Angehörigen der eigenen Ideologie die Gewißheit verstärken, daß für alle dysfunktionalen Erscheinungen des eigenen Systems stets ein ominöser Anderer die <Schuld>, die Verantwortung zu tragen habe, hat dieser schließlich als einziger ein begründetes Interesse an einer möglichst wirksamen und allumfassenden Sabotage am konkurrierenden System:

„Diese kommunistischen Sektionen in den einzelnen Ländern haben die Aufgabe, die bolschewistische Revolution mit Hilfe eines Geldüberflusses ohnegleichen und einer raffinierten, nach Moskauer Muster aufgezogenen Propagandatechnik vorzubereiten und durchzuführen. Diese Propaganda tritt mit dem Zweck und Ziel auf, die Völker über das wahre Wesen des Bolschewismus zu täuschen und das Durchdringen von Tatsachennachrichten aus Sowjetrußland entweder ganz zu verhindern oder doch vollkommen zu entwerten [...] Terror, Mord und Bestialität sind die charakteristischen Merkmale jeder bolschewistischen Revolution.“[165]

Entsprechend dieser Charakterisierung des Feindes entfaltet auch der vorliegende Roman, über bestimmte konkrete Figurendarstellungen hinaus, im Sinne der o.e. Beeinflussung des <Volkes> durch die Feindpropaganda eine ganze Reihe allgemeiner Charakteristika des <Volkes> wie beispielsweise Destruktion, Hypnose, Instrumentalisierung, Aberglaube, Verrohung oder aber Verwilderung:

„Ein Schreien, Klatschen, Stampfen brach in der Straßenmenge los, ein Rasen, als hätte jeder die Herrschaft über seine Sinne verloren. Jeder umarmte seinen Nachbarn, küßte ihn, tanzte mit ihm Hand in Hand, die Rechte zur Faust geballt und erhoben [...] Gerhardo hatte die Brust einer hexenhaft aussehenden Frau umarmt, hielt sie an der heißen Hand, tanzte mit ihr, sang, [...], und blickte wie ein Berauschter.“[166]

Über diese eher allgemeine Charakterisierung hinaus, führt der Text zur weiteren Illustration der Anfälligkeit des Volkes für die feindliche Propaganda zusätzlich noch Figuren wie den Boten ins Feld. Dieser, eigentlich ein Angestellter des Onkel Sponholz, versucht die Gunst der Stunde dazu zu nutzen, um aufzusteigen. Dabei kostet er er das Gefühl der vermeintlichen Machtstellung im Hinblick auf Isabella und Ulrich aus, die er in der Hand zu haben glaubt. Der Text hingegen zeichnet ihn entgegen seiner eigenen Einschätzung als lächerliche Erscheinung, wofür insbesondere seine clowneske Erscheinung spricht:

„Etwas bockhaft Tänzelndes, etwas Schrulliges war an den Gebärden des Fremden./ Es war ein junger Mann, betont geckenhaft, wie einer, der sich nicht ganz im Gleichgewicht befindet. Sein Straßenanzug war zu auffällig grün und hatte zu grellrote Aufsätze da und dort.“[167]

Zusätzlich schwankt sein Charakter permanent zwischen Komik und Pathologie:

„Dieser Umstand treibt mich, etwas Politisches zu tun; er treibt mich in die Reihe der großen neuen Männer, für die letzte, die wahre Revolution. Ich bin auserlesen, eine Rolle zu spielen. Ich melde alles der Polizei. Das wird mein Beginn sein.“[168]

3.2.1.11 Kommunisten bzw. Anarchisten

Nahezu alle Charaktere, die im vorliegenden Text dem Figuren-Komplex der Kommunisten bzw. Anarchisten zugeordnet werden, sind negativ gezeichnet. Als Funktionsträger der gegnerischen Ideologie sind sie geradezu prädestiniert, durch ihre charakterliche Entwicklung und die Beschreibung ihres äußeren Erscheinungsbildes die grundsätzliche Verwerflichkeit des politischen Gegners aufzuzeigen. Entsprechend der Zielvorgabe Roseliebs, die Vertreter der Konkurrenzideologie umfassend zu diffamieren, um diese so aus jeder sozialen und menschlichen Gemeinschaft auszuschließen, gilt es ferner, bestimmte Ausschlußverfahren zu entwickeln, die rigoros auf die Vertreter dieser Klasse übertragen und ihnen dann als eine Art ontologischer Konstante zugeordnet werden können. Im vorliegenden Falle sind dies die folgenden Kategorien:

die Kriminalisierung

das Element der Lächerlichkeit (Diskriminierung)

die Animalisierung bzw. Barbarisierung

die Dämonisierung

die Entmoralisierung (das meint die Suspendierung jeglichen Begriffs von Ehre)

die Pathologisierung

Auf alle diese Kategorien und ihre Funktion im Einzelfall wird später noch näher eingegangen werden. Beispiele für die Anwendung dieser ideologischen Ausschlußverfahren finden sich im vorliegenden Roman sowohl in direkter wie indirekter Form zuhauf. Wichtig für die vorliegende Analyse ist, daß im vorliegenden Fall gemeinhin kein Unterschied zwischen Anarchisten und Kommunisten gemacht wird. Grundsätzlich lehnt sich die Charakterisierung dieser Figurengruppe nahtlos an jene des Spanischen Volkes an bzw. stellt ihre jeweilige Erweiterung und Spezifikation dar:

„Gerhardo fühlte eine Eiseskälte im Kreuz, und da sah er den Anführer hervortreten. Erst hatte er ihn für den Jüngsten der Mordbuben gehalten; aber er war ein Zwerg mit mächtig breitem, tierhaft behaartem Gesicht, einem ungeheuren Kinn und kleiner zotteliger Stirn. Die Augen waren Blitzgruben unter stacheligen Brauen. Die Wolfsnase hatte feuerflammende Nüstern [...]“[169]

Einen Sonderfall stellt im übrigen die Geheimpolizei dar. Ähnlich dem Boten im Falle des Spanischen Volkes, handelt es sich auch hier um eine Präzisierung der allgemeinen Charakterisierung der beschriebenen Gruppe. Im vorliegenden Falle enthält die Beschreibung der Gruppe über das gewöhnliche Maß der Diffamierung hinaus noch zusätzliche Hinweise auf den totalitären Charakter des neuen Regimes; beispielsweise wenn der Direktor der Geheimpolizei seinen Angestellten Quesada überwachen läßt:

„Vorgestern hatte ihm sein Direktor eine neue selbständige Aufgabe gestellt, die ihn nach auswärts ins aufrührerische Gebiet führte. Sie bestürzte ihn innerlich. Mußte er sich doch fragen, ob sein Direktor ihm diese Aufgabe aus Vertrauen und zur Ermunterung oder nur als eine Falle stellte.“[170]

3.2.1.12 Velarde

Velarde ist der Schatzmeisters der Falangisten in Toledo. Er ist ein Geschäftspartner und alter Freund Gerhardo Barojas. Als dieser ihn während seiner Flucht aufsucht, wird er gerade von Anarchisten überfallen, die seine Frau töten und seine Tochter zu vergewaltigen drohen. Baroja übernimmt für ihn einen Ehrenhandel, während Velarde seine Tochter und anschließend sich selbst tötet. Seine Erscheinung ist eher durchschnittlich:

„Sein Freund Velarde war da. Er saß auf einem Stuhl. Von seinem grauhaarigen Kopf konnte er nur die mächtig gerundeten Schläfen, deren Adern hervorquollen, dann einen Teil der scheinbar geschlossenen haarumbuschten Augen und einen Streifen der braunhäutigen, reich gefurchten Backe sehen.“[171]

[...]


[1] Stéphane Courtois et al.; Das Schwarzbuch des Kommunismus - Unterdrückung, Verbrechen und Terror; München, Zürich; 1998; Teil 2, Kapitel 2: Der lange Schatten des NKWD fällt auf Spanien; S.365.

[2] Im folgenden soll die Bezeichnung Spanischer Krieg vorgezogen werden, weil sie, nach Auffassung des Verfassers, die <ideologisch neutralste> Bezeichnung für den Konflikt darstellt.

[3] Helmut Kreuzer; Zum Spanienkrieg. Prosa deutscher Exilautoren; In: LiLi - Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik; Jahrgang 15/1985; Heft 60: Spanienkriegsliteratur; S.10.

[4] Vgl. Frederick R. Benson; Schriftsteller in Waffen. Die Literatur und der Spanische Bürgerkrieg; Zürich, Freiburg i. Br.; 1969; Kapitel 5; Der heilige Krieg; S.182-S.211.

[5] Exemplarisch seien hier erwähnt: Santiago Carillo, Régis Debray, Max Gallo; Spanien nach Franco; Berlin (West); 1975; S.45-S.65. In diesem schriftlich niedergelegten Interview reflektiert Santiago Carillo (Jg. 1916), führendes Mitglied der KP Spaniens, kritisch die Rolle der spanischen KP während der Periode des Spanischen Krieges.

[6] Vgl. Hugh Thomas; The Spanish Civil War; London 1961; New York; 1994.

[7] Vgl. Gerald Brenan; The Spanish Labyrinth. An Account of the Social and Political Background of the Civil War; Cambridge, New York; 1943 (deutsch: Berlin; 1978).

[8] Vgl. Raymond Carr; The Republic and the Civil War in Spain; London; 1971.

[9] Vgl. Hannah Arendt; Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft; zuerst: Frankfurt/Main; 1955 (hier zitiert nach: München, Zürich; 1996). Dort heißt es auf S.590: „Es ist in dieser Hinsicht bemerkenswert, daß weder Hitlers Armeen noch die Resistance-Bewegungen einheitlich waren, daß aber in beiden Fällen, wie auch im Falle der Internationalen Brigade im spanischen Bürgerkrieg, die Fremden in nationalen Formationen kämpften [...]“

[10] Vgl. Ernst Nolte; Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus; München; 1987 (hier: 1997); Kapitel III.4: Deutschland und die Sowjetunion im Spanischen Bürgerkrieg; S.246-S.256.

[11] Stéphane Courtois et al.; Das Schwarzbuch des Kommunismus; a.a.O.; S.366-S.387.

[12] Francois Furet; Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20.Jahrhundert; a.a.O.; S.315-S.339.

[13] Gerd Koenen; Die Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus; Berlin; 1998; S.211.

[14] Vgl. Daniel J. Goldhagen; Hitler´s Willing Executioners. Ordinary Germans and the Holocaust; London; 1997; sowie: Julius H. Schoeps (Hg.); Ein Volk von Mördern? Die Dokumentation der Goldhagen-Kontroverse um die Rolle der Deutschen im Holocaust; sowie: Christopher R. Browning; Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die <Endlösung> in Polen; Hamburg; 1999.

[15] Grundsätzlich sollte das Thema Spanischer Krieg auch in der Literaturwissenschaft als interdisziplinäres Forschungsfeld verstanden werden. Vgl. dazu: Helmut Kreuzer; Einleitung zum LiLi -Heft Nr.60; Jg.15/1985; a.a.O.; S.7. Dort heißt es: „Der inhaltliche Schwerpunkt dieses Heftes liegt auf deutschsprachigen Texten; die besser bekannten, z.T. oft behandelten englisch-amerikanischen und französischen <Klassiker> der Spanienkriegsliteratur (von Hemingway, Malraux, Orwell und Bernanos) bleiben demgegenüber am Rande; unbehandelt bleiben Texte aus slawischen Literaturen. Doch sorgen u.a. zwei Beiträge von Romanisten für die bei diesem Thema unerläßliche Ausweitung der Perspektive über das germanistische Blickfeld hinaus.“

[16] Vgl. Ulf Hansen; Die Darstellung des Spanischen Bürgerkriegs in der deutschen Exilliteratur. Zur Problematik politisch engagierter Literatur; unveröffentlichte Magisterarbeit; Kiel; 1984; S.3.

[17] Willy Brandt; Links und frei. Mein Weg 1930-1950; Kapitel: Ende und neuer Anfang; Hamburg; 1982; S.258.

[18] Exemplarisch seien hier genannt: Helmut H. Führing; Wir funken für Franco. Einer von der Legion erzählt.; Gütersloh; 1941. Klaus Köhler; Kriegsfreiwilliger 1937. Tagebuch eines Freiwilligen der Legion Condor; Leipzig; 1939. Albert Kropp; So kämpfen deutsche Soldaten. Von Rittern des Goldenen und Brillantenen Spanienkreuzes; Berlin; 1939. Hier heißt es im Vorwort: „Die herrliche neuerstandene Luftwaffe hat ihre Feuerprobe glänzend bestanden.“ (S.3).

[19] Vgl. Kulturweltspiegel; ARD -Fernsehen; 19.04.1998; Guernica. Picasso - Wie der Maler das Bild manipulierte.

So wurde in jüngster Zeit von neofaschistischen Gruppen und einigen ihrer Sympathisanten in Analogie zur sogenannten <Auschwitzlüge> versucht, auch den <Mythos Guernica> zu zerstören, indem man darauf hinwies, daß diese Stadt ein Truppenstandort der spanischen republikanischen Armee war, was ein Bombardement in Kriegzeiten gerechtfertigt hätte. Es wird an anderer Stelle noch genauer zu untersuchen sein, welcher Zusammenhang besteht zwischen diesem Mythos Guernica und dem Mythos vom totalen Krieg. Vgl. auch: Adolf von Thadden; Guernica. Greuelpropaganda oder <Kriegsverbrechen>? Ein Bombenschwindel; Leoni am Starnberger See; 1982.

[20] Peter Monteath; Die Legion Condor im Spiegel der Literatur; Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik Nr.60 (1985); a.a.O.; S.94-S.111. Vgl. insbesondere auch die umfangreiche Bibliographie gegen Ende des Aufsatzes und die Bibliographie am Ende dieses Textes.

[21] Ibidem; S.98. M. E. findet eine solche Auseinandersetzung indirekt sehr wohl statt, denn der faschistische Terror wird in den meisten republikanischen Texten mit dem Bombardement durch die francistische bzw. deutsche und italienische Luftwaffe identifiziert.

[22] Vgl. Ulf Hansen; Die Darstellung des Spanischen Bürgerkriegs in der deutschen Exilliteratur. Zur Problematik politisch engagierter Literatur; a.a.O.; S.5. An dieser Stelle weist Hansen ferner auf die ´äußerst knappe Behandlung der Spanienliteratur in den Darstellungen über die Exilliteratur` an sich hin. Vgl. dazu: Alexander Stephan; Die deutsche Exilliteratur 1933-1945. Eine Einführung; München; 1979. Walter A. Berendsohn; Die humanistische Front. Einführung in die deutsche Emigranten-Literatur. 2 Bde.; Zürich; 1946. Hans. A. Walter; no pasaran! Deutsche Exilschriftsteller im Spanischen Bürgerkrieg; In: Kürbiskern; Heft Nr.1; 1967; S.5-S.27. Gerhard G. Mack; Der Spanische Bürgerkrieg und die deutsche Exil- Literatur. Dissertation; Los Angeles; 1972. Alle diese Darstellungen kommen in den seltensten Fällen über eine rein historische Betrachtung der Materie hinaus; lediglich Kurzinterpretationen liefert Mack, und auch Hansen gelingt es nur ansatzweise, eine dem Gegenstand angemessene und nachvollziehbare methodische Eingrenzung der Fragestellung in Form einer Theorie zu entwickeln.

[23] Ulf Hansen; Die Darstellung des Spanischen Bürgerkriegs in der deutschen Exilliteratur. Zur Problematik politisch engagierter Literatur; a.a.O.; S.6. Diese Äußerung Hansens trifft, auch wenn sie polemisch gemeint ist, durchaus den wahren Kern der Problematik. Vgl. dazu: Edgar Kirsch ; Der spanische Freiheitskampf (1936-1939) im Spiegel der antifaschistischen deutschen Literatur; In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 4; Heft Nr.1; 1954; S.99-S.120. Klaus Hermsdorf, Hugo Fetting, Sylvia Schlenstedt; Exil in den Niederlanden und in Spanien; Akademie der Wissenschaften der DDR/Zentralinstitut für Literaturgeschichte; Frankfurt/Main; 1981; Sylvia Schlenstedt; Exil und antifaschistischer Kampf in Spanien; a.a.O.; S.191-S.359.

[24] Vgl. Marcel Reich-Ranicki; Deutsche Literatur in West und Ost; Hamburg; 1970; S.289.

[25] Nahezu alle einschlägigen Veröffentlichungen zur Entstehung des Zweiten Weltkrieges, über die Nichteinmischung im Falle Spaniens oder die britische Appeasement-Politik (vgl. Kapitel 1: Vorbemerkung) gehen zumeist auch auf dieses Thema ein. Die Volksfront-Politik der Vereinigung linker und liberaler politischer Gruppierungen hatte sich zuerst in Frankreich bewährt und wurde später auch in Spanien erfolgreich angewandt. Bald jedoch kam es zu großen inneren Spannungen innerhalb dieser Koalitionen, wodurch ihr faktischer politischer Einfluß sich bald verflüchtigte.

[26] Zu diesem Thema vgl.: Dieter Schiller et al.; Exil in Frankreich. Kunst und Literatur im antifaschistischen Exil 1933-1945. Bd.7; Frankfurt/Main; 1981. Hans-Jürgen Schmitt, Godehard Schramm et al.; Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum 1. Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller; Frankfurt/Main; 1974.

[27] Zu diesem Konzept siehe: Gerd Koenen; Die Utopie der Säuberung; a.a.O.; Kapitel 6: Der sozialistische Übermensch. Von der Erziehung zur Züchtung; S.125-S.145. Vgl. auch Stalins, Bucharins, Leo Trotzkis und Lenins Ansätze zur Schaffung eines neuen Menschengeschlechts durch Eliminierung aller vorhergegangenen gesellschaftlichen Schichtungsverhältnisse, Sozialisationsprozesse und Kultur-Traditionen.

[28] Vgl. Hans-Jürgen Schmitt, Godehard Schramm et al.; Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum 1. Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller; a.a.O.; S.390.

[29] Vgl. Klaus Vondung. Völkisch-nationale und nationalsozialistische Literaturtheorie; München; 1973; S.105. Im folgenden soll der Begriff <völkisch-nationale Literatur> zur Bezeichnung faschistischer deutscher Literatur verwendet werden.

[30] Vgl. Ulf Hansen; Die Darstellung des Spanischen Bürgerkriegs in der deutschen Exilliteratur. Zur Problematik politisch engagierter Literatur; a.a.O.; S.45. Vgl. ebenfalls: Sylvia Schlenstedt ; Exil und antifaschistischer Kampf in Spanien; a.a.O.; S.319.

[31] Über den Verlauf der Expressionismus-Debatte siehe und vgl. u.a.:

Hans-Jürgen Schmitt, Godehard Schramm (Hg .); Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum 1.Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller. Frankfurt/Main; 1974. Dieter Schiller; „...von Grund auf anders.“ Programmatik der Literatur im antifaschistischen Kampf während der dreißiger Jahre. Berlin; 1974. Klaus-Detlef Müller; Die Funktion der Geschichte im Werk Bertolt Brechts. Studien zum Verhältnis von Marxismus und Ästhetik; Tübingen; 1967. Georg Lukács; Es geht um den Realismus; In: Hans-Jürgen Schmitt (Hg.); Die Expressionismusdebatte. Materialien zu einer marxistischen Realismuskonzeption; Frankfurt/Main; 1973; S.192-S.230. Manfred Lefèvre; Von der proletarisch-revolutionären zur sozialistisch-realistischen Literatur. Literaturtheorie und Literaturpolitik deutscher kommunistischer Schriftsteller vom Ende der Weimarer Republik bis in die Volksfrontära; Stuttgart; 1980. Manfred Jäger; „Sozialistischer Realismus“ als kulturpolitisches Losungswort. In: Klaus-Detlef Müller (Hg.); Bürgerlicher Realismus. Grundlagen und Interpretationen; Königstein/Taunus; 1981; S.98-S.112. Ernst Bloch; Diskussionen über Expressionismus; In: Hans-Jürgen Schmitt (Hg.); Die Expressionismusdebatte. Materialien zu einer marxistischen Realismuskonzeption; Frankfurt/Main; 1973; S.180-S.191. David R. Bathrick; Moderne Kunst und Klassenkampf. Die Expressionismus-Debatte in der Exilzeitschrift „Das Wort“; In: Reinhold Grimm, Jost Hermand (Hg.); Exil und Innere Emigration I. Third Wisconsin Workshop; Frankfurt/Main; 1972; S.89-S.109.

[32] Vgl. Ulf Hansen; Die Darstellung des Spanischen Bürgerkriegs in der deutschen Exilliteratur. Zur Problematik politisch engagierter Literatur; a.a.O.; S.65.

[33] Ibidem; S.63.

[34] Ibidem; S.66.

[35] Im Hinblick auf die Verwendung von Termini wie <republikanisch> oder <kommunistisch> sei an dieser Stelle angemerkt, daß <republikanisch> im folgenden als ein übergeordneter Begriff verwendet wird; d.h. er bezeichnet Texte, die im weitesten Sinne für die Sache der Volksfront Stellung beziehen. <Kommunistisch> bezeichnet dagegen Texte, die nachweislich von zu jenem historischen Zeitpunkt linientreuen Mitgliedern einer kommunistischen Partei verfaßt wurden.

[36] Wie beispielsweise Bert Brecht, der im Einakter Die Gewehre der Frau Carrar vom Prinzip der Verfremdung absieht.

[37] Dies gilt insbesondere für solche Schriftsteller, die sich der republikanischen Sache zwar verpflichtet fühlten, aber keine Kommunisten im eigentlichen Sinne des Wortes waren; exemplarisch sei hier erwähnt die Literaturverfilmung von André Malraux´ L´Espoir (Hoffnung) aus dem Jahre 1937 (ndr3- Fernsehen; 28.März 1999) durch diesen selbst. Die szenische Umsetzung der Literaturvorlage ist dabei alles andere als <realistisch> im Sinne des Konzepts vom Sozialistischen Realismus, sondern besticht durch modernistische, ja teilweise sogar symbolistisch-surrealistische Bildmotive. Detailaufnahmen, wie der Hals einer Figur, Vogelschwärme, Sonnenblumen oder Schmetterlinge, aufgehängt in einem Rahmen, dominieren; die Handlung selbst vollzieht sich in oft abrupten Brüchen und unzusammenhängenden Szenenanreihungen, die vielfach nur durch Erläuterungen auf eingeschobenen Texttafeln verständlich werden.

[38] Vgl. Ulf Hansen; Die Darstellung des Spanischen Bürgerkriegs in der deutschen Exilliteratur. Zur Problematik politisch engagierter Literatur; a.a.O.; S.5.

[39] So beschreibt Hansen im Zusammenhang mit der Analyse von Claudius´ Roman Grüne Oliven und nackte Berge auch die in diesem Roman verwendete Sprache und die in ihm angewandten formalen Gestaltungsmittel: „Die Vermischung der Zeitebenen ist ein durchgängig angewandtes Stilmittel des Romans, wenn auch nicht so gelungen wie in der Erzählung Das Opfer. Neben den Rückblenden ist häufig ein unvermittelter Wechsel des Erzählers vom Präteritum ins Präsens zu verzeichnen, vor allem bei Reflexionen Jaks (90), vor wichtigen Diskussionen und Aktionen (29, 92, 110, 145), manchmal nur für wenige Sätze (112, 199); durch solche Wechsel wird die Intensität des Dargestellten gesteigert, der Leser wähnt sich unmittelbar im Geschehen. Die Sprache des Romans ist von intensiver Dichte, Claudius verwendet häufig einprägsame Bilder: [...]“; Ulf Hansen; Die Darstellung des Spanischen Bürgerkriegs in der deutschen Exilliteratur. Zur Problematik politisch engagierter Literatur; a.a.O.; S.109. Alle diese Beobachtungen sind zwar grundsätzlich richtig, doch fügen sie sich als lediglich aneinandergereihte Beobachtungen nicht einer einheitlichen theoretischen Fragestellung ein, wodurch sie zwar durchaus interessant, aber gleichsam auch sonderbar beziehungslos erscheinen.

[40] Vgl. hierzu das Gespräch zwischen Günter Grass und Pierre Bourdieu; Günter Grass und Pierre Bourdieu im Gespräch; arte -Fernsehen; 04. Dezember 1999.

[41] In den Geschichtswissenschaften resultiert aus dieser Dualität dann die Trennung der Faschismusforschung in zwei Teilbereiche: zum einen in jenen des Intentionalismus, der im weitesten Sinne sozialpsychologische Erklärungsansätze zu liefern versucht, wie es zum Holocaust kommen konnte; zum anderen in jenen des Funktionalismus, der die strukturell-institutionalen Merkmale der totalitären Machtausübung zu erklären versucht. Beide Forschungsbereiche haben dabei ihre Berechtigung, wobei insbesondere die Intentionalisten den Funktionalisten häufig vorwerfen, sie würden voreilig die Verantwortlichkeit des einzelnen exkulpieren, indem sie ihn als Opfer einer umfassenden Maschinerie der psychologischen und soziologischen Beeinflussung darstellen, wodurch so etwas wie die freie Entscheidungsfähigkeit des Subjekts gewissermaßen abgeschafft würde. Vgl. dazu: Norbert Frei; Ein Volk von <Endlösern>?; In: Süddeutsche Zeitung; 13./14. April 1996. Julius H. Schoeps (Hg.); Ein Volk von Mördern? Die Dokumentation zur Goldhagen-Kontroverse um die Rolle der Deutschen im Holocaust; Hamburg; 1996.

[42] Willi Brandt; Links und frei. Mein Weg 1930-1950; a.a.O.; Kapitel: Mit Blindheit geschlagen; S.220f.

[43] Vgl. zu diesem Thema: Umberto Eco ; Vier moralische Schriften. Das Kapitel: Nachdenken über den Krieg; München, Wien; 1998; S.25f. An dieser Stelle weist Eco darauf hin, daß eine solche Form der Indoktrination in der Zweiten Moderne nicht mehr möglich oder doch zumindest erheblich abgeschwächt sei: „Jeder Krieg der Vergangenheit basierte auf dem Prinzip, daß die Bürger im Glauben, er sei ein gerechter Krieg, den Feind zu vernichten trachteten. Heute dagegen bringt die Information nicht nur den Glauben der Bürger ins Wanken, sondern macht sie auch empfindlich für den Tod der Feinde - der kein fernes, undeutliches Ereignis mehr ist, sondern eine unerträgliche visuelle Evidenz.“

[44] Beide Zitate vgl. Cora Stephan; Das Handwerk des Krieges; Berlin; 1998; S.156f.

[45] So weist beispielsweise auch Cornelia Berning auf diesen Sachverhalt hin: „Im Dritten Reich bedeutet Propaganda: <Ein politisches Führungsmittel, mit dessen Hilfe eine geschlossene Ausrichtung des Volkes in allen politischen Fragen sichergestellt ist.> [zitiert nach: Meyers Lexikon; Bd.8; 1940; Sp.1508]“; In: Cornelia Berning; Vom Abstammungsnachweis zum Zuchtwart; Berlin; 1964; S.150.

[46] vgl. dazu: Sigrid Bock; Roman im Exil. Entstehungsbedingungen, Wirkungsabsichten und Wirkungsmöglichkeiten; In: Sigrid Bock, Manfred Hahn (Hg.); Erfahrung Exil. Antifaschistische Romane 1933-1945; Berlin, Weimar; 1979; S.49-S.51.

[47] Robert Jackall (ed.); Propaganda; Houndmills, Basingstoke, Hampshire, New York; 1995; Introduction; S.1.

[48] Wobei diese freilich von Beginn an von einem schier unfaßlichen Ausmaß der physischen Gewaltanwendung ergänzt wird.

[49] Robert Jackall (ed.); Propaganda; Houndmills, Basingstoke, Hampshire, New York; 1995; Introduction; S.2.

[50] Harold D. Lasswell; Propaganda (1934); In: Robert Jackall; Propaganda; a.a.O.; S.19.

[51] Vgl. zum Mythos des Religiösen bei Stalin: bücherjournal; ndr3- Fernsehen; 13. Dezember 1999; Besprechung des Romans Stalin von Richard Lourie.

[52] Klaus Vondung; Völkisch-nationale und nationalsozialistische Literaturtheorie; a.a.O.; S.108f.

Zitat 53a: Sigmund Freud; Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken; In: Totem und Tabu; Frankfurt/Main; 1956; S.103. Zitat 53b: R.J. Lifton; Die Unsterblichkeit des Revolutionärs; München; 1970; S.50f. Vgl. auch: Alexander Mitscherlich; Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft; München; 1973; S.317.

[53] Harold D. Lasswell; Propaganda; a.a.O.; S.18.

[54] Adolf Hitler; Mein Kampf; 2 Bde.; München; 1925-27.

[55] Eine solche Interpretation der Sachlage deckt sich im übrigen auch mit der immer wieder von deutschen Kriegsveteranen geäußerten Beteuerung, man habe im Osten für den Bestand der westlichen Kultur und gegen eine aggressive, barbarische und vor allem expandierende Weltmacht gekämpft, was zwar aus dem Angriffskrieg noch lange keinen Verteidigungskrieg macht, aber vielleicht zu erklären hilft, warum sich so viele Deutsche freiwillig, euphorisch und guten Glaubens in den Dienst einer so grausamen Sache wie den Krieg stellten. Vgl. Guido Knopp; Hitlers Helfer - Goebbels; phoenix- TV; 22.November 1998. Dies deckt sich auch mit Natters Feststellungen hinsichtlich der Euphorie, mit der in Deutschland anfangs der Erste Weltkrieg begrüßt wurde: „Gerade dieser [...] Gedanke eines nur defensiv geführten Krieges taucht neben einem moralisch-ästhetisch fundierten Anspruch der Überlegenheit in den veröffentlichten Essays und Feldpostbriefen der Kriegsjahre immer wieder auf [...]“; Wolfgang Natter; Nachricht, Botschaft, Verheißung - Der (veröffentlichte) Erste Weltkrieg; In: Tübinger Vereinigung für Volkskunde; Kapitel: Der Krieg in den Köpfen; Tübingen; 1988; S.141-S.148; hier: S.143. Vgl. auch: Alexander Mitscherlich; Der Kampf um die Erinnerung; München; 1975; Kapitel X: Massenpsychologie; S.220f: „Viele der kollektiven Phänomene verlangen tatsächlich ein anderes Verständnis, als es etwa in der individuellen Neurosenbehandlung erarbeitet worden ist. So haben zum Beispiel die Verhaltensweisen der deutschen Bevölkerung während der Naziherrschaft und danach gezeigt, wie präformierte Charakterstrukturen, gemeinsame Phantasiebildungen usw. mit aggressiven Propagandatechniken sich in spezifischer Weise verzahnen konnten.“

[56] Es ist im übrigen eben diese Problematik, die bei Georges Bernanos; Die großen Friedhöfe unter dem Mond; Hamburg; 1992; thematisiert wird.

[57] Vgl. zum Phänomen des Antifaschismus und zur Lage in den europäischen Demokratien um 1920-1940: Francois Furet; Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20.Jahrhundert; a.a.O.; Kapitel 6: Kommunismus und Faschismus; S.209-S.271. Sowie Kapitel 7: Kommunismus und Antifaschismus; S.273-S.339.

[58] So entwickelte beispielsweise Goebbels in Anlehnung an die Marketingstrategien amerikanischer Wirtschaftsunternehmen sowie der Veröffentlichungen über die britische Propaganda des Ersten Weltkrieges geradezu eine eigene Ästhetik der Propaganda. Vgl. dazu: Leonard W. Doob; Goebbels´ Principles of Propaganda; In: Robert Jackall; Propaganda; a.a.O.; S.190-S.216. Doob beschreibt hier in Anlehnung an ein von Goebbels in Auftrag gegebenes, aufwendig gestaltetes Skript die neunzehn wesentlichen Prinzipien der Einflußnahme auf die Öffentliche Meinung, nach denen er seine Propaganda ausrichtete und gestaltete.

[59] Ibidem; S.16f.

[60] Ibidem; S.18f.

[61] So weist beispielsweise Victor Klemperer in seiner LTI mehrfach auf den engen Zusammenhang zwischen Sprache, Denken und Handeln sowie die Möglichkeiten ihrer Beeinflussung durch Propaganda und Sprache hin, wobei er insgesamt diese Möglichkeiten der Einflußnahme ein wenig überschätzt: Viktor .Klemperer; LTI; Leipzig; 1975; S.29: „Jede Sprache, die sich frei betätigen darf, dient allen menschlichen Bedürfnissen, sie dient der Vernunft wie dem Gefühl, sie ist Mitteilung und Gespräch, Selbstgespräch und Gebet, Bitte, Befehl und Beschwörung. Die LTI dient einzig der Beschwörung [...] Die LTI ist ganz darauf gerichtet, den einzelnen um sein individuelles Wesen zu bringen, ihn als Persönlichkeit zu betäuben, ihn zum gedanken- und willenlosen Stück einer in bestimmter Richtung getriebenen und gehetzten Herde [...] zu machen.“ Was das in der konkreten Situation bedeutet, verdeutlicht dann das folgende Beispiel einer Frau, die erfährt, daß der Jude Klemperer mit einer Arierin verheiratet ist:

„Dieser Sancta-Simplicitas-Seele, die unnazistisch und ganz menschlich empfand, war das Grundelement des nazistischen Giftes eingeflossen; sie identifizierte das Deutsche mit dem magischen Begriff des Arischen; es schien ihr kaum faßlich, daß mit mir, dem Fremden, der Kreatur aus einer anderen Sparte des Tierreiches, eine Deutsche verheiratet sei, sie hatte <artfremd> und <deutschblütig> und <niederrassig> und <nordisch> und <Rassenschande> allzuoft gehört und nachgesprochen: sie verband sicherlich mit alledem keinen klaren Begriff - aber ihr Gefühl konnte es nicht fassen, daß meine Frau eine Deutsche sein sollte.“ (S.102).

Klemperers kleine Anekdote weist auf das unterschwellige, nicht mit schäumendem Mund verbundene Wirken von Propaganda hin, d.h. auf den Zusammenhang von Machtausübung und Duldung durch die regierte Bevölkerung. Dem entsprechen im übrigen die jüngsten Berechnungen der Historiker, die heute gemeinhin von einer Anzahl von <nur> ca. 50000-100000 aktiven Tätern am Holocaust ausgehen, was nicht nur Goldhagens Kollektivschuldthese einigermaßen widerlegt, sondern auch auf die besondere Bedeutung der <stillen Dulder und Mitläufer> im System totalitärer Herrschaft verweist, ohne deren ausgeprägte Fähigkeit zur Verleugnung die ca. 50000-100000 ihrem grausamen Geschäft kaum in dieser Präzision hätten nachgehen können. Vgl. kulturzeit; 3sat -Fernsehen; 07.Dezember 1999.

[62] Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diese Erscheinung ist auch der Begriff <Antisemitismus>: „Arthur Koestler hat kürzlich glaubhaft gemacht, daß gerade die von Hitler am schwersten heimgesuchten Ostjuden in ihrer großen Masse wahrscheinlich gar keine Semiten sind, sondern Abkömmlinge der Khasaren, eines ursprünglich zwischen Wolga und Kaukasus siedelnden Turkvolks, das im Mittelalter die jüdische Religion annahm [...] (Insofern ist sogar das Wort <Antisemitismus> unpräzise, aber wir verwenden es, da es nun einmal eingebürgert ist.)“. Vgl. Sebastian Haffner; Anmerkungen zu Hitler; Frankfurt/Main; 1989; S.93.

[63] Klaus Vondung; Völkisch-nationale und nationalsozialistische Literaturtheorie; München; 1973; S.166.

[64] So heißt es beispielsweise bei Georges Bernanos zur Rolle der Falange auf Mallorca; Die großen Friedhöfe unter dem Mond; a.a.O.; S.83f: „Ich habe Spanien in seiner vorrevolutionären Epoche erlebt. Ich war in dieser Zeit viel mit einer Handvoll junger Falangisten zusammen, jungen Leuten von Ehre und voller Mut; ich billigte nicht ganz ihr Programm, aber ich sah, wie es sie – [...] – mit einem starken Gefühl sozialer Gerechtigkeit befeuerte [...] Was ist aus diesen jungen Leuten geworden, werdet ihr fragen? Mein Gott, ich werde es euch sagen. Am Vorabend des Pronunciamento zählte man kaum fünfhundert in Mallorca. Zwei Monate später waren´s ihrer fünfzehntausend, dank einer schamlosen Rekrutierung, die von Militärs durchgeführt wurde, denen es nur um die Zerstörung der Partei und ihrer Disziplin ging.“

[65] Vgl. auch: Umberto Eco; Der immerwährende Faschismus; In: Vier moralische Schriften; a.a.O.; S.37-S.69.

[66] Vgl. Francois Furet; Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20.Jahrhundert; Kapitel 5: Der Sozialismus in einem Land; a.a.O.; S.173-S.208.

[67] So lautet der Titel der Goebbels-Rede auf dem Reichparteitag in Nürnberg von 1936 bezeichnenderweise Bolschewismus in Theorie und Praxis; München; 1936.

[68] George Orwell; Mein Katalonien (1938); Zürich; 1975; S.219.

[69] „Die Anarchisten hatten Trambahnen und Busse halb rot und halb gelb bemalt. Mit ihren langen Mähnen und Bärten, Patronengürteln und -armbändern, waren sie die Hauptdarsteller von Spaniens Todeskarneval [...] Meist waren sie in Banden, die, vor den Haupteingängen der Gebäude postiert, rauchend und spuckend mit ihrer Bewaffnung protzten. Ihre Hauptsorge und -beschäftigung war, bei eingeschüchterten Hausbewohnern die Miete zu kassieren. Oder sie zur freiwilligen Herausgabe ihrer Juwelen, Ringe und Uhren zu bewegen.“

Pablo Neruda; Confieso que he vivido. Memorias; Barcelona; 1981; S.191f. Übersetzung nach: Günther Schmigalle; Anarchistische Lyrik im Spanischen Bürgerkrieg; In: LiLi; Heft 60; 15/1985; a.a.O.; S.68.

[70] Der Terminus <nachweislich neutralere Referenztexte> mag zunächst überraschen. Er drückt jedoch eine grundsätzliche Unsicherheit der Forschung im Hinblick auf derartige Texte aus. Zumeist handelt es sich hierbei um ausländische Texte. So z.B. von Hemingways Roman For Whom the Bell Tolls, der lange Zeit als vermeintlich <neutrale> Schilderung der Geschehnisse in Spanien galt, was die jüngere Hemingwayforschung jedoch einigermaßen plausibel widerlegt hat.

[71] Victor Klemperer; LTI; Leipzig; 1957 (hier: 1975). Vgl. auch: Volker Ullrich; Der Chronist des Jahrhunderts. Mit Victor Klemperers Aufzeichnungen der Jahre 1945 bis 1959 wird nun die Edition seiner Tagebücher abgeschlossen; In: Die Zeit; Nr.13; 25. März 1999; S.19.

[72] Klaus Vondung; Völkisch-nationale und nationalsozialistische Literaturtheorie; a.a.O.; S.157ff: „Die erste selbständige Veröffentlichung über völkisch-nationale und nationalsozialistische Literatur erschien 1961, ein Jahr nach Strothmanns Abhandlung: Franz Schonauers Buch Deutsche Literatur im Dritten Reich. Weitere größere Untersuchungen zu diesem Gegenstand wurden seither von nicht mehr als einem halben Dutzend Autoren vorgelegt: Geißler, Schöne, Loewy, Hartung, Ketelsen und Keller.“

[73] Klaus Vondung; Völkisch-nationale und nationalsozialistische Literaturtheorie; a.a.O.; S.40.

[74] Vgl. zu diesem Thema: Curt Langenbeck; Über Sinn und Aufgabe der Tragödie in unserer Epoche; In: Völkische Kultur; 3.Jg.; 1935; S.241-S.252.

[75] Rolf Geißler; Dekadenz und Heroismus. Zeitroman und völkisch-nationalsozialistische Literaturkritik; Stuttgart; 1964.

[76] Ibidem; S.9.

[77] Ibidem; S.12.

[78] Ibidem; S.112f. Zitat im Zitat: Paul Fechter; Die Auswechslung der Literaturen; In: Deutsche Rundschau; 59.Jg.; 1933; S.120.

[79] Ibidem; S.13f.

[80] Ibidem; S.52; S.56.

[81] Rolf Geißler; Dekadenz und Heroismus; a.a.O.; S.80; S.52.

[82] Cornelia Berning; Vom Abstammungsnachweis zum Zuchtwart. Vokabular des Nationalsozialismus; Berlin; 1964.

[83] Dolf Sternberger, Gerhard Storz, W.E. Süskind; Aus dem Wörterbuch des Unmenschen; München; 1962 (1945/57).

[84] Sigrid Frind; Die Sprache als Propaganda-Instrument in der Publizistik des Dritten Reiches; Berlin; 1964.

[85] Ibidem; S.14.

[86] Klaus Vondung; Völkisch-nationale und nationalsozialistische Literaturtheorie; a.a.O.; S.187f.

[87] Cornelia Berning; Vom Abstammungsnachweis zum Zuchtwart; a.a.O.; Vorwort von Werner Betz; S.V.

[88] Klaus Vondung; Völkisch-nationale und nationalsozialistische Literaturtheorie; a.a.O.; S.188.

[89] Wie viele Begriffe, die im Rahmen dieser Dissertation Verwendung finden, handelt es sich auch bei dem Begriff <Totalitarismus> um einen über alle Maßen komplexen. Im folgenden wird der Begriff im Sinne von Meiners Wörterbuch der philosophischen Begriffe als „Typenbegriff [...] für all jene Machtstrukturen und Ideologien, welche gekennzeichnet sind durch zentralisierte Einparteienherrschaft, durch Verbindlichkeit eines einzigen ideologisch gerechtfertigten Programms zur gesellschaftlichen Gestaltung, durch Machtansprüche nicht nur über den Staatsapparat, sondern auch über die Wirtschaft, das kulturelle Leben und die Erziehung“ verwendet. Vgl. Meiners Wörterbuch der philosophischen Begriffe; Hamburg; 1998; S.667.

[90] Vgl. Odyssee 3000; ZDF -Fernsehen; 22.November 1998.

[91] So wird im Rahmen dieser Arbeit die Auffassung vertreten, daß dem Subjekt stets die Wahl bleibt, wie es in konkreten Situationen handeln will, solange es sich dessen nur bewußt ist. Andererseits sollen jedoch die sozialpsychologischen Mechanismen nicht verharmlost werden, die einer psychologischen Abwehr der Konsequenzen des eigenen Handelns Vorschub leisten können. Dummheit, Feigheit, Sadismus und charakterliche Schwächen werden also als genuin menschliche Grundeigenschaften verstanden, was jedoch keinen Einfluß auf die grundsätzlich vorhandene moralische Verantwortlichkeit des einzelnen für sein Handeln vor der Menschheit, dem Gesetz und der Geschichte hat.

[92] Milan Kundera; Die Kunst des Romans; Frankfurt/Main; 1998; S.22.

[93] Alexander Mitscherlich; Auf dem Wege zur vaterlosen Gesellschaft; München; 1973; S.291ff.

[94] Wohl auch deshalb kam es in Deutschland zur öffentlichen Verbrennung von Büchern mit <entarteter Kunst>. Vgl. dazu: Peter Adam; Kunst im Dritten Reich; a.a.O.; S.9f. Dort heißt es in diesem Zusammenhang: „Aufgabe der Kunst war nun, eine neue nationalsozialistische Weltanschauung zu dekretieren, Geist und Haltung von jedermann zu prägen. Hitler hatte gesagt, Kunst sei zu allen Zeiten Ausdruck einer ideologischen und religiösen Erfahrung und zugleich Ausdruck eines politischen Willens gewesen. Im Hinblick auf die Weimarer Republik, die sein Staat abgelöst hatte, meinte er, der politische Verfall eines Volkes ziehe die Kunst nieder, die Wiederbelebung politischer Macht erhebe sie [...] Die Nationalsozialisten benutzten die Kunst nicht nur, um politische Botschaften zu vermitteln; diese sollte auch Wünsche und Sehnsüchte wecken, die Begeisterung der Masse programmieren und ihre Verhaltensweisen lenken. Sie waren Meister im Erfinden stereotyper Konzepte und Kunstformen als Ersatz für individuelle künstlerische Erfahrung. Damit wurde das Volk total der vom Staat vorgeschriebenen Ästhetik unterworfen, [...]“

[95] Für eine derartige Sichtweise spricht vor allem die Erwähnung dieses Themas auf den Parteitagen der NSDAP 1936 und 1937; ferner die hohe Anzahl veröffentlichter publizistischer Artikel in ganz Europa.

[96] Markus Hagel; Die Validität psychoanalytischer Deutungen; a.a.O.; S.205. Hier heißt es sinngemäß: „Indes sind es nicht allein beobachtbare Sachverhalte einer öffentlichen Welt, welche das Datenmaterial der Psychologie konstituieren. Sprachliche Äußerungen über subjektiv zugängliche Sachverhalte der privaten Welt gehören gleichermaßen zu ihrem Gegenstandsbereich [...] Es trifft zwar durchaus zu, daß die Art und Weise, wie wir beurteilen, welche Motive und Empfindungen jemand hat, nicht den Kriterien genügt, die man an die Methoden der Naturwissenschaft gemeinhin stellt; doch läßt die alltägliche Praxis keinen Zweifel an der Überzeugung, daß wir auch Sachverhalte der inneren, privaten Welt rational beurteilen können [...] Das Urteil über die Wahrhaftigkeit geäußerter Motive hat einen argumentativen Bestimmungsgrund; ihr intersubjektiver Bezugspunkt liegt im Kontext der Situation.“ Wie erwähnt, ist aufgrund der historischen Distanz und bisheriger Forschungen die Problematik der Glaubwürdigkeit von Aussagen in propagandistischen Texten eher nur ein Marginalproblem gewesen.

[97] Ibidem; S.211.

[98] Dave Grossman; Stop Teaching our Kids to Kill; Random House; New York; 1999.

[99] Inge Scholz-Strasser (Hg.); Aggression und Krieg. Referate auf dem Siegmund-Freud-Gesellschafts-Symposium im November 1993; Wien; 1994.

[100] Stavros Mentzos; Der Krieg und seine psychosozialen Folgen; Frankfurt/Main; 1993.

[101] Alfred Krovoza (Hg.); Politische Psychologie. Ein Arbeitsfeld der Psychoanalyse; Stuttgart; 1996.

[102] Alexander Mitscherlich; Über Feindseligkeit und hergestellte Dummheit. Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1969; Hamburg; 1993. Ders.; Der Kampf um die Erinnerung; hier insbesondere das Kapitel X: Massenpsychologie; München; 1975. Ders.; Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft; München; 1973.

[103] Hans Roselieb; Blutender Sommer - Roman aus dem Spanischen Bürgerkrieg; Stuttgart o.J. (1938/1939): Druckbogenbe-zeichnung).

[104] Erich Dietrich; Kriegsschule Toledo. Des jungen Spaniens Heldenkampf vom Alkazar; Leipzig; 1937.

[105] Major A. Kropp; So kämpfen deutsche Soldaten. Von Rittern des Goldenen und Brillantenen Spanienkreuzes; Berlin; 1939.

[106] Dr. Josef Goebbels; Bolschewismus in Theorie und Praxis. Rede auf dem Reichsparteitag in Nürnberg 1936; München; 1936.

[107] Derselbe; Die Wahrheit über Spanien; a.a.O..

[108] Edwin Erich Dwinger; Spanische Silhouetten. Tagebuch einer Frontreise; Jena; 1937.

[109] Will Vesper; Im Flug durch Spanien. Erzählungen von einer Reise; 3.Auflage; Gütersloh; 1943.

[110] Helmut Kreuzer; Zum Spanienkrieg. Prosa deutscher Exilautoren; a.a.O.; S.23.

[111] Eduard Claudius; Grüne Oliven und nackte Berge; München; 1976. Claudius schrieb diesen Roman direkt im Anschluß an die Kampfhandlungen in Spanien in einem Schweizer Internierungslager, vermutlich um 1939/1940. Das Werk reflektiert also auch die schließliche Niederlage der Spanischen Republik mit.

[112] Willi Bredel; Spanienkrieg II; Begegnung am Ebro. Kämpfende Kunst. Aufzeichnungen eines Kriegskommissars; Berlin, Weimar; 1977.

[113] Gustav Regler; Das große Beispiel; Frankfurt/Main; 1978.

[114] Ders.; Das Ohr des Malchus. Eine Lebensgeschichte; Frankfurt/Main; 1975.

[115] Erika und Klaus Mann; Escape to life. Deutsche Kultur im Exil; Kapitel: IX; München; 1991.

[116] E. Brendt (d.i. Eduard Claudius); Das Opfer; In: Das Wort; 3.1938; Heft 2; S.56-S.63.

[117] Egon Erwin Kisch; Die drei Kühe; In: Nichts ist erregender als die Wahrheit. Reportagen aus vier Jahrzehnten; Bd.2; Köln; 1979; S.96-S.110. Erstdruck in: Das Wort; 4.1938; S.13-S.24.

[118] Rudolf Leonhard; Der Tod des Don Quijote. Geschichten aus dem Spanischen Bürgerkriege; Berlin; 1951.

[119] E. Mohr; Wir im fernen Vaterland geboren... Die Centuria Thälmann; Wendeln; 1975.

[120] Franz Werfel; Die arge Legende vom gerissenen Galgenstrick; In: Gesammelte Werke in elf Bänden. Erzählungen aus zwei Welten; Bd.3; Frankfurt/Main; 1954; S.7-S.27.

[121] Bert Brecht; Die Gewehre der Frau Carrar; In: Bertolt Brecht; Berliner und Frankfurter Ausgabe 4; Stücke 4; Frankfurt/Main; 1988; S.306-S.337.

[122] Hermann Kesten; Die Kinder von Gernika (1939); Leipzig; 1985.

[123] Prince Hubertus Friedrich von Löwenstein; A Catholic in Republican Spain; London; 1937.

[124] Ernest Hemingway; For Whom the Bell Tolls (1940); New York; 1969.

[125] George Orwell; Mein Katalonien. Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg (1938); Zürich; 1975.

[126] Ilja Ehrenburg; Menschen, Jahre, Leben; Bd.2; München; 1965.

[127] Arthur Koestler; Als Zeuge der Zeit; Bern, München; 1982/83.

[128] Georges Bernanos; Die großen Friedhöfe unter dem Mond (1938); Hamburg; 1992.

[129] John Dos Passos; Adventures of a Young Man; New York; 1955.

[130] Sebastian Haffner; Anmerkungen zu Hitler; Frankfurt/Main; 1989; S.85.

[131] Vgl. Druckbogenbezeichnung z.B. auf S.49 unten.

[132] Die zügige, dynamische Aneinanderreihung dramatischer Handlungsabschnitte entspricht dabei auch formal dem Prinzip des Voluntarismus, wie er später noch genauer darzustellen sein wird.

[133] Rolf Geißler; Dekadenz und Heroismus. Zeitroman und völkisch-nationalsozialistische Literaturkritik; a.a.O.; S.13f. Vgl. auch: Major A. Kropp; So kämpfen deutsche Soldaten. Von Rittern des Goldenen und Brillantenen Spanienkreuzes; a.a.O..

[134] Wilhelm Schäfer; Der Dichter und sein Volk; In: NDL; 1931; S.250: „Nicht umsonst nennt er [der Dichter; B.P.] den Träger einer Handlung den Helden; nicht umsonst läßt er ihn Entscheidungen treffen, die gegen alltägliches Tun bedeutend, heldisch sind und in den Sagenschatz des Volkes eingehen möchten, als ob sie wirkliche Helden wären.“

[135] Wie sie beispielsweise auch in Erich Dietrichs Kriegsschule Toledo; a.a.O.; zum Tragen kommt.

[136] Der Begriff <charakterlich> ist dabei als einer der Kernbegriffe der völkisch-nationalen Lebensästhetik zu verstehen. Bei Berning heißt es dazu: „Charakter spielt als Schlagwort in der nationalsozialistischen Erziehungslehre eine große Rolle. Das Bild des nationalsozialistischen Menschentypus wird nicht durch Vernunft, Intellekt und Wissen, sondern durch Instinkt, Wille und Charakter geprägt. Dabei wird Charakter als eine Funktion der Rasse aufgefaßt.“ Vgl. Cornelia Berning; Vom Abstammungsnachweis zum Zuchtwart; a.a.O.; S.52.

[137] Wozu Orwell anmerkt: „Jahrelang hatten die Kommunisten selbst den militanten Arbeitern in allen Ländern beigebracht, daß Demokratie ein höflicher Name für Kapitalismus sei.“; George Orwell; Mein Katalonien; a.a.O.; S.87.

[138] Auch das ist eher eine Seltenheit (vgl. Erich Dietrich; Kriegsschule Toledo; a.a.O.). Normal ist dagegen, daß keinerlei Greueltaten der Falangisten, Italiener, Marokkaner, Italiener oder Deutschen (z.B. Legion Condor) geschildert werden.

[139] Rolf Geißler; Dekadenz und Heroismus. Zeitroman und völkisch-nationalsozialistische Literaturkritik; a.a.O.; S.73.

[140] Cora Stephan, Das Handwerk des Krieges, a.a.O.; S.185ff.

[141] So ist der <Heroismus> der Kämpfer der Legion Condor stets verbunden mit eben solcher Verharmlosung; vgl. Major Albert Kropp; So kämpfen deutsche Soldaten. Von Rittern des Goldenen und Brillantenen Spanienkreuzes; a.a.O.; S.37: „<Abendfegen> nannten wir diese Neueinrichtung und freuten uns immer wieder über den Erfolg und die lustige Jagd.“

[142] Vgl. in diesem Zusammenhang auch Quesadas Wandlung im Romanverlauf, die mit Reminiszenzen an und Assoziationen mit seinen/m Einsatz im Rahmen des Marokkokrieges einhergeht.

[143] Victor Klemperer; LTI; a.a.O.; S.8f. Später äußert sich Klemperer dann noch schärfer: „Die Plakate der Nazis sahen sich ja sonst immer gleich. Immer bekam man den gleichen Typ des brutalen und verbissen gestrafften Kämpfers vorgesetzt [...] immer war der Ausdruck der physischen Kraft, des fanatischen Willens, immer waren Muskeln, Härte und zweifellos Fehlen allen Denkens die Charakteristika dieser Werbungen für Sport und Krieg [...]“ (S.92). Vgl. auch: Peter Adam; Kunst im Dritten Reich; a.a.O.. Damit einher geht dann die Glorifizierung der <Körperertüchtigung> als Vorbereitung auf den kommenden Krieg: „Skifahren! Denkt der Sportsmann einen Augenblick - weg damit! Sein großer Auftrag heißt: E-Werk Seira!“; vgl. auch: Major Albert Kropp; So kämpfen deutsche Soldaten. Von Rittern des Goldenen und Brillantenen Spanienkreuzes; a.a.O.; S.14.

[144] Edwin Erich Dwinger; Spanische Silhouetten; a.a.O.; S.20.

[145] Hans Roselieb; Blutender Sommer - Roman aus dem Spanischen Bürgerkrieg; a.a.O.; S.6. Im folgenden wird der Titel dieses Romans abgekürzt mit <BS>.

[146] BS; S.18f.

[147] Dazu heißt es bei Rolf Geißler; Dekadenz und Heroismus. Zeitroman und völkisch-nationalsozialistische Literaturkritik; a.a.O.; S.78: „Examina, Karriere, Geldverdienen, Verbindungen, das waren die herrschenden Impulse der Vorkriegswelt, wie sie sich in diesen Romanen zeigt. Die Nation zersplitterte dadurch in viele einzelne, materialistisch ausgerichtete und sich gegenseitig befeindende Individuen. Alles war <käuflich>, und Durchschnittlichkeit machte sich am besten bezahlt.“ Entsprechend löst sich Isabella im Textverlauf zunehmend von diesen Erwartungen; sichtbarster Ausdruck dessen ist die Entscheidung, das Studium aufzugeben und sich als Krankenschwester im Bürgerkrieg für die Entstehung einer neuen Gesellschaftsform einzusetzen.

[148] BS; S.92.

[149] BS; S.13.

[150] BS; S.12.

[151] BS; S.13.

[152] BS; S.10.

[153] BS; S.10.

[154] BS; S.21; S.25.

[155] BS; S.50.

[156] BS; S.26.

[157] BS; S.106.

[158] BS; S.49.

[159] BS; S.133.

[160] BS; S.25.

[161] BS; S.184. Eine derartige Wendung im Entwicklungsgang ist durchaus typisch: Vgl. Erich Dietrich; Kriegsschule Toledo; a.a.O.; S.85: „Überhaupt: der kleine Vincente - was war das für ein Kerl geworden! Sergeant Viela kam aus dem Staunen nicht heraus. Der Bengel kämpfte mit einem Schneid und einer Unerschrockenheit, die manchen Mann hätte beschämen können.“

[162] BS; S.30; Vgl. auch: S.50f.

[163] Dr. Josef Goebbels; Die Wahrheit über Spanien; a.a.O.; S.20f.

[164] Überraschenderweise taucht diese Auffassung auch in Orwells Mein Katalonien, a.a.O., S.53ff; auf, der ansonsten durch eine angenehm erfrischende Art der Darstellung gefällt: „Auf der Regierungsseite, in den Parteimilizen, hatte man das Propagandageschrei zur Unterminierung der gegnerischen Moral zu einer richtigen Technik entwickelt. In jeder günstig gelegenen Stellung wurden Soldaten, [...] , als <Schreier vom Dienst> abkommandiert und mit Megaphonen ausgerüstet. Im allgemeinen verkündeten sie einen festgelegten Text voller revolutionärer Töne, worin den faschistischen Soldaten erklärt wurde, daß sie bloß Söldlinge des internationalen Kapitalismus seien, daß sie gegen ihre eigene Klasse kämpften und so fort [...] Es ist kaum zu bezweifeln, daß dies eine Wirkung ausübte. Jeder stimmte damit überein, daß die vereinzelt zu uns kommenden faschistischen Deserteure teilweise durch diese Parolen beeinflußt wurden.“ Etwas später betrachtet er dann jedoch die ganze Angelegenheit schon wieder etwas nüchterner: „Das Wichtigste aber ist, daß eine nicht revolutionäre Politik es schwer, wenn nicht sogar unmöglich machte, einen Schlag gegen Francos Hinterland zu führen. Im Sommer 1937 kontrollierte Franco einen größeren Teil der Bevölkerung als die Regierung, sogar viel größer, wenn man auch die Kolonien mitzählt [...] Wie jedermann weiß, ist es unmöglich, mit einer feindlichen Bevölkerung im Rücken eine Armee im Feld zu halten, ohne eine gleich große Armee zur Bewachung der Verbindungswege und zur Unterdrückung von Sabotage und so weiter zu haben. Offensichtlich gab es also keine richtige volkstümliche Bewegung im Rücken Francos.“ (S.88f). Mit anderen Worten: Die Idee der Klassenbrüderschaft war eine der vielen Illusionen der Kommunisten, ein Teil ihrer Ideologie, die sie zu ihrer Wahrheit machten, jedoch ohne sich dabei einzugestehen, daß ein Großteil der spanischen Bevölkerung sich allem Anschein nach nicht im geringsten darum scherte. In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, daß die Sympathie der Bevölkerung für eine bestimmte politische Kraft im Lande selbst ein Topos der Literatur war, was auch Kropps Schilderung des Verhaltens der Bevölkerung von Barcelona nach der <Befreiung> durch die frankististische Armee verdeutlicht: „Es zeigen sich mehr Leute, blaß aussehend, verhärmt - Sie fangen an zu schreien, erst wenige, dann sind es hundert, es werden tausend, zehntausend und dann ist die Straße schwarz von Menschen - - -... Die Menschen, Männer, Frauen, Kinder, schreien, weinen, streicheln, küssen - Sie umarmen jeden. Die Menge ist wild und fassungslos. - Sie beten laut, schreien ihre Erlösung zum Himmel... Sie waren die ersten Deutschen in Barcelona: Die ersten Befreier!“; Major A. Kropp; So kämpfen deutsche Soldaten; a.a.O.; Kapitel 17: Hauptmann Deventer; S.107. Vgl. auch Erich Dietrich; Kriegsschule Toledo; a.a.O.; S.31f.

[165] Dr. Josef Goebbels; Bolschewismus in Theorie und Praxis; a.a.O.; S.6.

[166] BS; S.17f. Analog dazu findet sich bei Erich Dietrich; Kriegsschule Toledo. Des jungen Spaniens Heldenkampf vom Alkazar; a.a.O.; S.103; die Figur Manuela, die, zunächst verführt durch <rote Propaganda>, sich schließlich den Kämpfenden im Alkazar anschließt, bzw. auf der S.59 der Fall eines Mädchens, das bei einem nächtlichen Ausbruchsversuchs gestellt wird: „Ein Mädchen, kaum sechzehn Jahre alt, zart und kindlich, stand vor dem riesigen Sergeanten [...] ´Wir können keine Gefangenen machen... Was sollen wir mit diesem elenden, verführten Pflänzchen anfangen? Haut ihr den Popo voll und schickt sie zu ihrer Amme.` [...] Der dicke Machado gab dem Mädchen einen gutmütigen Klaps auf den Hintern und schob es mit einem gelinden Stoß fort.“

[167] BS; S.44f.

[168] BS; S.47. Vgl. auch: Major A. Kropp; So kämpfen deutsche Soldaten; a.a.O.; S.31f: „Kübler fährt als letzter Panzer, als er plötzlich Kettenschaden hat [...] Für zwei Mann ist es ziemlich schwer. Doch plötzlich kommt unverhoffte Hilfe. Es sind drei Gegner, die Kübler mit ´Salud Kamerad` begrüßen. Kübler befielt: ´Stellt die Gewehre weg und packt mit zu!` Die drei tun das tatsächlich mit Begeisterung. Als der Panzer wieder flott ist, nimmt Kübler die drei als Gefangene mit.- Selten dumme Gesichter.“

[169] BS; S.63f.

[170] BS; S.75.

[171] BS; S.59.

Ende der Leseprobe aus 252 Seiten

Details

Titel
Die Rhetorik des Vorurteils - Sprachkritische Untersuchungen zur deutschen Literatur über den Spanischen Krieg 1936-1939
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien)
Note
gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
252
Katalognummer
V71868
ISBN (eBook)
9783638623544
ISBN (Buch)
9783638713504
Dateigröße
1548 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beschäftigt sich mit der faschistischen und kommunistischen Propaganda im Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939. Beschrieben werden rhetorische Verfahren zur Erzeugung von Feindbildern. Die Analyse bezieht sich sowohl auf literarische Produkte als auch auf andere Medien wie Film, Reportage und Bild. Das Ergebnis des Vergleichs kommunistischer und faschistischer Propaganda ist eine weitestgehende Identität in der Anwendung manipulativer Verfahren.
Schlagworte
Rhetorik, Vorurteils, Sprachkritische, Untersuchungen, Literatur, Spanischen, Krieg
Arbeit zitieren
Boris Pawlowski, Dr. (Autor), 2001, Die Rhetorik des Vorurteils - Sprachkritische Untersuchungen zur deutschen Literatur über den Spanischen Krieg 1936-1939, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71868

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