Noch heute begegnet man in den Städten und Dörfern dem Namen Bismarck, meistens in Gestalt von Straßen und Plätzen, aber auch Büsten und andere Denkmäler zu Ehren des Eisernen Kanzlers sind vielerorts noch vorhanden. So kann man über die ganze Bundesrepublik verteilt auf Anhöhen außerhalb der Städte noch 165 erhaltene Bismarck-Türme und -Säulen finden, die von den 234 errichteten die zwei Weltkriege und deren Folgen überstanden haben. Diese Türme und Säulen sind Zeugnisse einer enormen Bismarck-Verehrung, die zu einem wahren Kult wurde. Der Reichskanzler hatte 1871 endlich das geschafft, was so viele in einer Zeit des Nationalbewusstseins ersehnt hatten, die Gründung des Deutschen Reiches. Wegen dieser Leistung wurde um die Gestalt Bismarcks ein Mythos aufgebaut, der im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ohne gleichen war. Dieser Kult war eine Konstruktion, die damit begann, dass die Reichsgründung zur Schöpfungsgeschichte des deutschen Volkes und Bismarck zum Schmied dieser Einheit stilisiert wurden. Ihm wurden dann auch viele andere Eigenschaften zugeschrieben und die Verehrung galt jetzt nicht mehr nur dem Wunder der Reichsgründung, sondern seiner gesamten politischen Leistungen. Die Verehrung bekam immer mehr pseudoreligiöse Züge und Bismarck wurde zur nationalen Kultfigur. Trägerschaft der Verehrung und der einsetzenden Bismarck-Denkmalbewegung waren das Bürgertum und die Studenten, die vor allem nach der Entlassung Bismarcks, darin ihren Protest gegen Wilhelm II. ausdrückten. Die Denkmäler besaßen „germanischen“ Charakter, was mit der damaligen Tradition und Konstruktion einer deutsch-germanischen Geschichte zusammenhängt. Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Bismarck-Türmen und -Säulen, auf weitere Bismarck-(National)Denkmäler wird nur in bestimmten Zusammenhängen kurz eingegangen oder hingewiesen. In einem ersten Teil wird kurz auf den Begriff des Nationaldenkmals im 19. Jahrhundert allgemein eingegangen, um dann die Bismarck-Türme und -Säulen als besonderen Typus abzugrenzen. Der zweite etwas längere Teil beschäftigt sich mit der Verehrung Bismarcks. Sie ist zwar nicht Thema der Arbeit, aber für die enorme Denkmalbewegung wichtig und soll deshalb hier erwähnt werden. In einem letzten Teil werden schließlich die Bismarck-Türme und Bismarck-Säulen, eben als eine besondere Form der Denkmalbewegung, dargestellt. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Nationaldenkmal im 19. Jahrhundert
2. Bismarck-Mythos und Bismarck-Kult
2.1 Entstehung
2.2 Stilisierung zur nationalen Kultfigur
2.3 Formen der Verehrung
3. Bismarck-Türme und -Säulen
3.1 Trägerschaft
3.2 Bismarck-Türme
3.3 Bismarck-Säulen
3.3.1 Aufruf der Deutschen Studentenschaft
3.3.2 Wilhelm Kreis und „Götterdämmerung“
3.4 Geographische Verteilung der Türme und Säulen
III. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung und Verbreitung der Bismarck-Denkmalbewegung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, mit einem besonderen Fokus auf die Bismarck-Türme und -Säulen als architektonische Ausdrucksform eines nationalen Kultes.
- Die historische Entwicklung des Bismarck-Kults und dessen Stilisierung zur nationalen Identitätsfigur.
- Die Rolle des Bürgertums und der Studentenschaft als treibende Kräfte der Denkmalbewegung.
- Die architektonische Bedeutung der Entwürfe von Wilhelm Kreis, insbesondere des Modells „Götterdämmerung“.
- Die symbolische Funktion der Bismarck-Türme und -Säulen als Mittel zur Identitätsstiftung und Abgrenzung.
- Die geographische Verteilung der Bauwerke im Kontext des Deutschen Kaiserreichs.
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Aufruf der Deutschen Studentenschaft
Der Tod Bismarck am 30. Juli 1898 führte in vielen Teilen des Reiches zu neuen Turmbauinitiativen. Teilweise wurde die Architektur der frühen Türme übernommen, zum Großteil aber verändert. Mit dem Aufruf der Studentenschaft am 3. Dezember 1898 entstand ein völliger neuer Typ, die Bismarck-Feuersäule, oder einfach Bismarck-Säule: „Wie vor Zeiten die alten Sachsen und Normannen über den Leibern ihrer gefallenen Recken schmucklose Felsensäulen auftürmten, deren Spitzen Feuerfanale trugen, so wollen wir unserm Bismarck zu Ehren auf allen Höhen unserer Heimat, von wo der Blick über die herrlichen deutschen Lande schweift, gewaltige granitene Feuerträger errichten. Überall soll, ein Sinnbild der Einheit Deutschlands, das gleiche Zeichen erstehen, in ragender Größe, aber einfach und prunklos, auf massivem Unterbau eine schlichte Säule, nur mit Wappen und Wahlspruch des eisernen Kanzlers geschmückt. Keinen Namen soll der gewaltige Stein tragen, aber jedes Kind wird ihn dem Fremden deuten können: Eine Bismarck-Säule!“
Zusammen mit diesem Aufruf wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Alle deutschen Architekten wurden aufgefordert bis zum 1. April 1899 ihre Entwürfe einzureichen. Die zehn besten Vorschläge sollten mit einem schmiedeeisernen Eichenzweig ausgezeichnet und der beste Entwurf der Deutschen Studentenschaft und dem deutschen Volk für ihre Bauvorhaben empfohlen werden. Die Studentenschaft wollte den Entwurf des Gewinners in Friedrichsruh und in allen Universitätsstädten verwirklichen. Die Einheit Deutschlands sollte so durch eine möglichst Große Anzahl gleichaussehender Säulen, die über das gesamte Reich verteilt errichtet werden sollten, ausgedrückt werden. Auf diese Weise entstand ein neuer Denkmalcharakter, da weder eine Person, noch ein Portraitrelief vorhanden war. Durch eine einprägsame Architektur sollte jeder sofort wissen, dass es sich hier um ein Bismarck-Denkmal handelt. In dem Aufruf der Studentenschaft zeigt sich wieder die oppositionelle Haltung gegen Wilhelm II.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in das Thema der Bismarck-Verehrung und Abgrenzung des Fokus auf die spezifische Form der Bismarck-Türme und -Säulen.
II. Hauptteil: Detaillierte Analyse der Entstehung des Bismarck-Kults, der soziologischen Trägerschaft sowie der architektonischen Gestaltung und Verbreitung der Denkmäler.
III. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse zur Bedeutung der Bismarck-Denkmalbewegung als Ausdruck eines nationalen Identitätsbedürfnisses und als Ausdruck gesellschaftlichen Protests.
Schlüsselwörter
Bismarck, Bismarck-Kult, Bismarck-Türme, Bismarck-Säulen, Nationaldenkmal, Wilhelm Kreis, Götterdämmerung, Deutsche Studentenschaft, Reichsgründung, Denkmalbewegung, Monumentalarchitektur, nationales Identitätsbewusstsein, Kaiserreich, völkische Gemeinschaft, Bismarck-Verehrung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Entstehung, die architektonischen Merkmale und die kulturelle sowie politische Bedeutung der Bismarck-Türme und -Säulen im Deutschen Kaiserreich.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Person Bismarck als nationale Kultfigur, die Denkmalbewegung als bürgerliche und studentische Initiative sowie den Einfluss des Architekten Wilhelm Kreis auf das nationale Erscheinungsbild.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie Bismarck als nationale Identifikationsfigur durch Denkmäler instrumentalisiert wurde und welche Rolle dabei die spezifische Architektur der Säulen und Türme spielte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf Literaturrecherche und der Auswertung zeitgenössischer Dokumente und architekturgeschichtlicher Quellen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Nationaldenkmals im 19. Jahrhundert, die Entstehung des Bismarck-Mythos, die architektonischen Aspekte der Türme und Säulen sowie deren geographische Verteilung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Bismarck-Kult, Monumentalarchitektur, Wilhelm Kreis, Götterdämmerung und nationale Identität.
Warum spielt die Studentenschaft eine so wichtige Rolle für Bismarck-Säulen?
Die Studentenschaft initiierte nach Bismarcks Entlassung und seinem Tod gezielt den Bau von Bismarck-Säulen, um ihre Verehrung für den Kanzler und ihren Protest gegen die Politik Kaiser Wilhelm II. auszudrücken.
Welche Funktion hatte der Entwurf „Götterdämmerung“?
Der Entwurf von Wilhelm Kreis diente als architektonische Leitform für eine einheitliche Gestaltung von Bismarck-Säulen im gesamten Reich, die durch ihre monumentale und „germanische“ Ästhetik nationale Einheit symbolisieren sollte.
- Citation du texte
- Matthias Wies (Auteur), 2005, Neue Denkmäler zur Zeit der Nationalstaatsgründung am Beispiel der Bismarck-Türme und –Säulen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71903