Diskursverarbeitung: Analyse der Rezeptionsphase im bilateralen Dolmetschen mit dem Sprachenpaar Deutsch-Russisch


Diplomarbeit, 2006

159 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Aufgabenstellung
1.1 Anlass
1.2 Gegenstand der Untersuchung
1.3 ZielderUntersuchung
1.4 Verfahrensweise

2. Untersuchungsgegenstand - Einordnung, Charakterisierung und Methodik
2.1 Einordnung des weiteren Untersuchungsgegenstandes „bilaterales Dolmetschen“
2.1.1 Einordnung in das Begriffsfeld „Kommunikation“
2.1.2 Einsatzbereich, Dolmetschart und Dolmetschmodus
2.2 Einordnung des engeren Untersuchungsgegenstandes „Rezeptionsphase“
2.2.1 Rezeption als Teilhandlung des Dolmetschens
2.2.2 Definition des Begriffes „Rezeptionsphase“
2.3 Charakterisieru ngderRezeptionshandlungen
2.3.1 Extra-situative Rezeptionshandlungen
2.3.1.1 Vorbereitung des Dolmetscheinsatzes
2.3.1.1.1 ThematischeVorbereitung
2.3.1.1.2 Sprachliche Vorbereitung
2.3.1.2 Nachbereitung des Dolmetscheinsatzes
2.3.2 Intra-situative Rezeptionshandlungen
2.3.2.1 Aufnahme
2.3.2.1.1 Gesprächsdynamik-zwei Kommunikationsschemata
2.3.2.1.2 Besonderheiten der Vollzugsbedingungen
2.3.2.1.3 Verstehen von Rede und die Scenes-and-Frames Semantik
2.3.2.1.3.1 Bottom-UpProzesse
2.3.2.1.3.2 Top-Down Prozesse
2.3.2.1.3.3 Emotionen
2.3.2.1.3.4 Konzeptuelles Substrat - Genese und Verwendung
2.3.2.1.3.5 Verstehensebenen und Verdolmetschung
2.3.2.2 Begleitende Tätigkeiten
2.3.2.2.1 Gedächtnis
2.3.2.2.2 Notation
2.4 Ableitung einer Methodik zur Untersuchung der Rezeptionsphase
2.4.1 Empiri scheAuswertung
2.4.2 HeuristischeAuswertung

3. Analyse verdolmetschter Diskurse im bilateralen Dolmetschen
3.1 Empirisches Material und Untersuchungsdesign
3.1.1 Herkunft des Untersuchungsmaterials
3.1.2 Aufbereitung des Textkorpus
3.1.3 Testpersonen und Untersuchungsdesign
3.2 EmpirischeAuswertung
3.2.1 Textkorpus
3.2.1.1 Anzahl und Typisierung dolmetscherinduzierterRückfragen
3.2.1.1.1 Dolmetscher und Übersetzer - Interpretation der Ergebnisse
3.2.1.1.2 Muttersprachler Deutsch / Russisch - Interpretation der Ergebnisse
3.2.1.2 Verzögerung bis zum Einsetzen der (Re-)Produktion
3.2.1.2.1 Dolmetscher und Übersetzer - Interpretation der Ergebnisse
3.2.1.2.2 Muttersprachler Deutsch / Russisch - Interpretation der Ergebnisse
3.2.2 Notatkorpus
3.2.2.1 Größe derNotate
3.2.2.1.1 Dolmetscher und Übersetzer - Interpretation der Ergebnisse
3.2.2.1.2 Muttersprachler Deutsch / Russisch - Interpretation der Ergebnisse
3.2.2.2 Zeichenhaftigkeit der Notate
3.2.2.2.1 Dolmetscher und Übersetzer - Interpretation der Ergebnisse
3.2.2.2.2 Muttersprachler Deutsch / Russisch - Interpretation der Ergebnisse
3.2.3 Abschließende Bemerkungen zur empirischen Untersuchung
3.3 Heuristische Auswertung
3.3.1 Darstellung und Typisierung kognitiver Gliederungen
3.3.2 Gegenüberstellung beispielhafter kognitiver Gliederungen
3.3.2.1 ParameterPosition
3.3.2.2 Parameter Gliederungsbreite
3.3.2.3 Parameter Gliederungstiefe
3.3.2.4 Parameter Relation
3.3.3 Rückschluss auf die Rezeptionsphase
3.3.3.1 Exkurs - methodologische Grundprobleme der Dolmetschwissenschaft
3.3.3.2 Rückschluss aufRezeptionstypen
3.3.3.3 Rückschluss aufRezeptionsqualität
3.3.4 Abschließende Bemerkungen zur heuristischen Auswertung

4. Verbesserung der Rezeptionsqualität in der universitären Dolmetscherausbildung
4.1 Die Bedeutung der Theorie für die Praxis
4.2 Extra-situativeFaktoren
4.2.1 Generaba
4.2.2 Verbesserung der Top-Down Prozesse
4.3 Intra-situative Faktoren
4.3.1 Generaba
4.3.2 Simulierung belastender Störfaktoren
4.3.3 Entwicklung von Kommunikations- und Gesprächsfähigkeiten
4.3.4 Rückfragen
4.3.5 Qualität des Notats
4.3.6 Kognitive Verarbeitung
4.3.6.1 Verzögerung bis zum Einsetzen der (Re-)Produktion
4.3.6.2 Verbesserung derBottom-Up Prozesse
4.3.6.3 Einbringen von Emotionen
4.3.6.4 Kognitive Gliederung des Originals
4.4 Abschließende Bemerkungen zur Didaktik der Rezeptionsphase

5. Schlusswort
5.1 Zusammenfassung derUntersuchungsergebnisse
5.2 Ausblick

Anhang

I. Transkriptionsregeln im Überblick

II. Hinweis zum Lesen der Tabellen

III Untersuchungsmaterial

Diskurs

NotatDiskurs

TranskriptDiskurs

Diskurs

NotatDiskurs

Transkript Diskurs

Diskurs

NotatDiskurs

Transkript Diskurs

Diskurs

Notat Diskurs

Transkript Diskurs

Diskurs

NotatDiskurs

Transkript Diskurs

Diskurs

NotatDiskurs

Transkript Diskurs

Diskurs

NotatDiskurs

Transkript Diskurs

Diskurs

NotatDiskurs

Transkript Diskurs

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Begriffsfeld Kommunikation 11

Abb. 2: Darstellung des Dolmetschvorgangs nach Kutz (2004) 14

Abb. 3: Darstellung der Rezeptionshandlungen am Modell des Dolmetschens nach Kutz (2004, Modifikation Μ. A.) 15

Abb. 4: Normalform derMittlerdiskursstrukturnachKnapp /Knapp-Potthoff (1985: 451ff.) 18

Abb. 5: Dolmetscherinduzierte Rückfrage nach Knapp / Knapp-Potthoff (1985: 451ff.) 20

Abb. 6: Genese des konzeptuellen Substrats von „frame“ zu „scene“ nach Kupsch-Losereit (2005) 28

Abb. 7: Verwendung des konzeptuellen Substrats von „scene“ zu „frame“ 29

Abb. 8: Verstehensleistung inAnlehnung anKutz(2004) undRickheit/Strohner(1993: 70)31

Abb. 9: Auswirkung einer ungenügenden Verstehensleistung auf die Dolmetschqualität 31

Abb. 10: Einsetzen der vollen Verstehensleistung nach Beginn der (Re-)Produktionsphase 32

Abb. 11: Mehr-Speicher-Modell des Gedächtnisses (vgl. z. B. Arbinger 1984) 33

Abb. 12: Dauer der Diskurse im Überblick 42

Abb. 13: ParametermöglicherGliederungsänderungen 52

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Zuordnung der Faktoren der Dreieinigkeit, Variante A 12

Tabelle 2: Zuordnung der Faktoren der Dreieinigkeit, VarianteB 13

Tabelle 3: Besonderheiten der Vollzugsbedingungen im bilateralen Dolmetschmodus 21

Tabelle 4: Texttypen und Verständlichkeit 23

Tabelle 5: Untersuchungsdesign 42

Tabelle 6: Anzahl und Typisierung dolmetscherinduzierterRückfragen 44

Tabelle 7: Durchschnittliche Verzögerung bis zum Einsetzen der (Re-)Produktion 46

Tabelle 8: Größe derNotate 48

Tabelle 9: Zeichenhaftigkeit des Notatkorpus 49

1.Aufgabenstellung

1.1 Anlass

Die Diskursverarbeitung beim Dolmetschen, insbesondere in der dynamischen Form des bilateralen Dolmetscher, ist in der Fachliteratur erst in Ansätzen untersucht worden (Apfelbaum 2004, Gilè 1997, Kalina 1998, Pöchhacker 1994 und 2000).

Zunächst ist die Untersuchung der Rezeptionsphase theoretisch wichtig für die wissenschaftliche Beschreibung des Dolmetschprozesses. Dieser Teil ist relevant für die Praxis, da theoretisches Wissen das praktische Handeln und die Performanz des Dolmetschers positiv beeinflusst.

Die in dieser Arbeit vorgelegte Untersuchung ist somit auch praktisch relevant: Die aus der Analyse gewonnenen Ergebnisse können für die universitäre Ausbildung eingesetzt werden und zur Ver­besserung der Rezeptionsqualität der Studenten führen.

1.2 Gegenstand der Untersuchung

Der Untersuchungsgegenstand im weitesten Sinne ist der Dolmetschprozess als interkulturelle und interlinguale Kommunikationsform. Der engere Untersuchungsgegenstand ist das bilaterale Dol­metschen, das theoretisch und praktisch hinsichtlich der Rezeptionsphase untersucht wird.

Der Ansatz hierfür ist also sowohl ein empirischer als auch ein heuristischer (vgl. hierzu insbeson­dere Kap. 2.4 sowie Kap. 3.3.3.1 und Kap. 4.1). Die Rezeptionsphase des Dolmetschers ist metho­dologisch schwierig zu untersuchen, denn es handelt sich um kognitive Prozesse, die von außen weitestgehend unsichtbar im Kopf des Dolmetschers - in der sogenannten „black box“ (vgl. hierzu insbesondere Kurz 1994) - ablaufen. Zeitlich ist die Rezeptionsphase nicht eindeutig von der Trans­position und u. U. sogar von der (Re-)Produktion[1]zu trennen, denn mitunter kann sich der Prozess des Verstehens bis in diese anderen Phasen erstrecken. Da ein unmittelbarer Zugang des Ver­ stehensvorganges derzeit nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich ist (vgl. hierzu Kap. 3 und 5), muss auf die Korrelation zwischen Original und Translat zurückgegriffen werden, aus der Rück­schlüsse bezüglich der Rezeptionsphase gezogen werden. Hierzu wurden acht verdolmetschte Gespräche aufgenommen und anhand der erläuterten Methode hinsichtlich der Rezeptionsphase, insbesondere auf Notizentechnik, Gesprächspausen, Sprecherwechsel und die theoretisch mögliche Bildung und die praktisch anzunehmende Verwendung der kognitiven Gliederung, untersucht.

1.3 Ziel der Untersuchung

Das Ziel vorliegender Untersuchung ist die Auswertung des Korpus hinsichtlich der Diskursver­arbeitung in der Phase der Rezeption. Die Auswertung soll die Rezeptionsphase theoretisch betrach­ten, um so fundierte praktische Vorschläge für die universitäre Ausbildung zu formulieren.

1.4 Verfahrensweise

Um eine genaue Einordnung der vorliegenden Arbeit zu ermöglichen, erfolgt in Kapitel 2 zunächst die Verortung des allgemeinen Untersuchungsbereiches - des bilateralen Dolmetscher - im Kon­text einer allgemeinen Tranlsationstheorie. Im zweiten Abschnitt des Kapitels wird der engere Un­tersuchungsgegenstand - die Rezeptionsphase im bilateralen Dolmetschen - eingeordnet und de­finiert. Im dritten Abschnitt wird der engere Untersuchungsgegenstand charakterisiert, also sys­tematisch aus der Sicht der Dolmetschforschung dargestellt. Im vierten und letzten Abschnitt des Theoriekapitels werden Untersuchungsmethode und -kriterien zur empirischen Auswertung des Ma­terials hinsichtlich der Rezeptionsphase entwickelt.

Im dritten Kapitel werden verdolmetschte Gespräche im Bezug auf die Rezeptionsphase und der entsprechenden Parameter anhand der in Kapitel 2 entwickelten Methode und Kriterien untersucht und ausgewertet sowie unter Berücksichtigung der Ergebnisse aus der Analyse des empirischen Ma­terials teilweise neu theoretisch betrachtet und klassifiziert.

Im vierten Kapitel wird die theoretische Fundierung der Rezeptionsphase (Kap. 2) mit den prak­tischen Erkenntnissen (Kap. 3) zusammengeführt, um didaktische Konsequenzen für Gestaltung und Optimierung der universitären Ausbildung hinsichtlich der Rezeptionsphase beim Dolmetschen im Allgemeinen und im bilateralen Dolmetschen im Besonderen zu erarbeiten.

2 Untersuchungsgegenstand - Einordnung, Charakterisierung und Methodik

2.1 Einordnung des weiteren Untersuchungsgegenstandes „bilaterales Dolmetschen“

Ziel dieses Kapitels ist es, ein theoretisches Fundament für die weitere Untersuchung zu legen. Dementsprechend werden sowohl begriffliche als auch inhaltliche Vorüberlegungen vorgenommen. Zunächst wird das bilaterale Dolmetschen begrifflich im Umfeld anderer Forschungsarbeiten zur Dolmetschwissenschaft verortet (Kap. 2.1). Hier wird auch deutlich, womit sich diese Arbeit inhalt­lich nicht beschäftigt. Im Anschluss wird der Prozess des bilateralen Dolmetschens auf einer Zeitachse theoretisch dargelegt (Kap. 2.2 ), um die Rezeptionsphase und die sie bedingenden Fakto­ren herauszuarbeiten (Kap. 2.3). Daran anschließend (Kap. 2.4) wird eine Untersuchungsmethode erarbeitet, mit deren Hilfe im Kapitel 3 die Diskurse untersucht werden.

2.1.1 Einordnung in das Begriffsfeld „Kommunikation“

Um den Untersuchungsbereich zu präzisieren erfolgt zunächst eine globale Einordnung des bilatera­len Dolmetschens. Im Allgemeinen gelten Dolmetscher wie Übersetzer als „Fachleute für die Kom­munikation zwischen Angehörigen unterschiedlicher Sprachen und Kulturen“ (Schmitt 1999, 1). Kommunikation in diesem Sinne - über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg mit Hilfe eines Ex­perten - lässt sich hyperonymisch in dem Begriff Translation[2]zusammenfassen. Salevsky charakte­risiert Translation für die Tätigkeiten Dolmetschen und Übersetzen wie folgt:

TRANSLATION ist eine sekundäre komplexe kommunikative Tätigkeit, deren Ziel von der primären Tätigkeit im Rahmen der interkulturellen/interlingualen Kommunikation bestimmt wird, der sie dient. Dazu wird von einem da­mit beauftragten Dolmetscher bzw. Übersetzer auf der Basis eines fremdbestimmten Ausgangstextes unter spezi­fischen situativen Bedingungen (iur den Vollzug der translatorischen Basishandlungen Rezeption, Transposition und Realisation) ein Zieltext produziert, der den Ausgangstext für Adressaten in einer anderen Kultur/Sprache re­präsentierensoll [...] (Salevsky 1992: 109; HervorhebungM. A.).

In Abgrenzung zu Übersetzen definiert Salevsky Dolmetschen wie folgt:

DOLMETSCHEN ist die Art der Translation, die durch spezifische Tätigkeits- bzw. Handlungsbedingungen charak­terisiert ist und sich dadurch vom Übersetzen unterscheidet. Der Dolmetscher vollzieht die translatorischen Basis­handlungen einmalig und spontan an Textsegmenten, da der Ausgangstext erst in der aktuellen Handlungssituation produziert bzw. vorgetragen wird. Basis für die Zieltextproduktion (Transposition und mündliche Realisation) für die i. d. R. anwesenden Adressaten ist daher nicht ein vollständiger Ausgangstext, sondern das im Gedächtnis gespeicherte (bzw. notierte) logisch-begriffliche Substrat des rezipierten Segments des Ausgangstextes [...] (Salevs­ky 1992: 109 f.; Hervorhebung Μ. A).

Eine systematische Zusammenstellung der einzelnen Erscheinungsformen des Dolmetscher wird als sehr komplexe Aufgabe eingestuft, denn es existieren parallel zueinander unterschiedliche Ein­ordnungen und schematische Darstellungen (vgl. Feldweg 1996: 23ff.). Am gängigsten ist die wei­tere Unterteilung des Dolmetscher in Simultandolmetschen und Konsekutivdolmetschen, vgl. in diesem Sinne auch Salewsky (2002: 90) und Apfelbaum (2004: 23ff.). Allerdings verliert diese Un­terscheidung an Systematik durch die oft benutzte Bezeichnung Konferenzdolmetschen, denn auf Konferenzen wird sowohl konsekutiv als auch simultan gedolmetscht. Wichtig geworden ist der Terminus Konferenzdolmetschen auf Grund des 1953 gegründeten und sehr einflussreichen und prestigeträchtigen Internationalen Verbandes der Konferenzdolmetscher AIIC (Association Interna­tionale des Interprètes de Conférence), der 1984 versuchte, eine positive[3]Definition des Berufes Konferenzdolmetscher zu finden. Folgende Definition ist bis heute gültig:

A Conference Interpreter is a person who by profession acts as a responsible linguistic intermediary (alone or more often as a member of a team) in a formal or informal conference or conference-like situation, thanks to his or her ability to provide simultaneous or consecutive oral interpretation of participants' speeches, regardless of their length and complexity (AIIC Bulletin 1984: 21).

Durch die Einführung des Terminus Konferenzdolmetschen wurden andere Wortbildungen mo­tiviert, die sich ebenfalls auf den Ort der Dolmetschhandlung beziehen. Folgerichtig nimmt die Ver­wirrung zu, wenn man die dem Begriff Konferenzdolmetschen als in einem Schema ebenengleich beigefügten Partner betrachtet: Verhandlungsdolmetschen und Gerichtsdolmetschen (Feldweg 1996: 26); oder auch Mediendolmetschen, Gerichtsdolmetschen, Verhandlungsdolmetschen, Com­munity Interpreting, Gebärdensprachendolmetschen, Sateliten-Konferenzdolmetschen (Snell- Hornby et al. 1999: El, 301-326); aber auch Flughafendolmetschen und Militärdolmetschen (Van Hoof 1962: 32). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass den systematischen Darstellungen und Einordnungen der Fachliteratur ein grundlegender Mangel anhaftet, denn folgende Punkte vermischen sich injedem Versuch auf neue Art und Weise:

1. Dolmetschart (konsekutiv oder simultan) und / oder
2. Dolmetschmodus (unilateral oder bilateral) und / oder
3. Einsatzbereich / Einsatzort (Krankenhausdolmetschen, Gerichtsdolmetschen usw.).

Wie auch immer ein solches Schema aufgebaut wird - es bleibt durch Mehrfachzuschreibungen zu­mindest eine partielle Uneindeutigkeit, die zu beseitigen mithin der eigentliche Zweck der schema­tischen Darstellung ist. Der Grund hierfür liegt in der „Dreieinigkeit“ von Zeit (Punkt 1), Handlung

(Punkt 2) und Ort (Punkt 3) (Heynold 1999: 324ff.). Diese drei Faktoren sind injeder menschlichen Handlung zwingend miteinander verzahnt und begleiten auch jede Erscheinungsform des Dolmet- schens als komplexe Handlung. Ein in dieser Hinsicht geordnetes Schema stellt folgende Abbildung in Anlehnung an Salevsky (2002: 5 und 75 und 90) und Kutz (2004) dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.2 Einsatzbereich, Dolmetschart und Dolmetschmodus

Anhand der Abbildung 1 lässt sich der Gegenstand dieser Arbeit näher eingrenzen: Es geht um die dialogisch-bilaterale Erscheinungsform des Dolmetschens, die sich unterteilen lässt in Gesprächs­dolmetschen und Verhandlungsdolmetschen. Im Schema (Abb. 1) bleibt unklar, ob in einer be­stimmten Dolmetschsituation eher konsekutiv oder simultan, eher unilateral oder bilateral bzw. mit oder ohne technische Unterstützung gearbeitet wird. Mithin bleibt ungeklärt, welche Erscheinungs­formen des Dolmetschens eindeutig dem bilateralen Modus zuzurechnen sind. Um dies näher zu be­leuchten ist es sinnvoll, die Dreieinigkeit der Dolmetschsituation tabellarisch darzustellen, weil nur so jede Kombinationsmöglichkeit der miteinander verzahnten Faktoren Einsatzbereich, Dol­metschart und Dolmetschmodus ermöglicht wird. In der Variante A (Tabelle 1) können über­greifende spezifische Situationen wie folgt eingeordnet werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In einer möglichen Variante В (Tabelle 2) können auch einmalige, das heißt mit definierten Fakto­ren der Dreieinigkeit der Dolmetschsituation versehene Einträge vorgenommen werden. Dies kann insbesondere bei der Vorbereitung eines spezifischen Dolmetscheinsatzes von Wichtigkeit sein, wenn es sowohl im Interesse des Auftraggebers als auch des Dolmetschers liegt, den Einsatz voll­ständig und genau einzuordnen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit Hilfe von Tabelle 1 lässt sich das Thema dieser Arbeit bereits enger eingrenzen: es geht um all jene Erscheinungsformen des Dolmetscher, die konsekutiv, bilateral und ohne technische Anlage erfolgen können.

Somit kann der weitere Gegenstand dieser Arbeit äußerst präzise verortet werden: Es geht um in­terkulturelle / interlinguale Kommunikation im Verfahren des konsekutiven Dolmetscher im bila­teralen Modus des Gesprächsdolmetschens.

Wie fügt sich nun die Phase der Rezeption in den Gesamtprozess des bilateralen Dolmetscher ein und wie kann sie definiert werden?

2.2 Einordnung des engeren Untersuchungsgegenstandes „Rezeptionsphase“

2.2.1 Rezeption als Teilhandlung des Dolmetschens

Was genau stellt die Rezeptionsphase dar und wie ist sie gegen die anderen Phasen des Dol­metschvorgangs abzugrenzen? Um diese Frage zu beantworten wird zunächst folgendes Modell des Dolmetschens nach Kutz (2004) betrachtet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Darstellung des Dolmetschvorgangs nachKutz (2004)

Legende: [1] Vorbereitung
[2] Aufnahme
[3] Umsetzung
[4] (Re-)Produktion
[5] Begleitende Tätigkeiten
[6] Nachbereitung

Was genau passiert in der Phase der Aufnahme, welche zeitlich teilweise in Umsetzung und (Re-) Produktion hineinragt? In dieser Phase wird ein bestimmtes Verständnis des Gesagten erreicht. Dies dient der Übertragung für den anderen Gesprächspartner, der einer anderen Sprache und Kultur angehört. Verdolmetscht werden kann nur das, was zuvor verstanden worden ist, wobei dies in einem nicht zu unterschätzenden Ausmaße vom Vorwissen abhängt. Deswegen kann m. E. unter­schieden werden in intra-situative Dolmetschtätigkeit und extra-situative Dolmetschtätigkeit. Intra­situativ wird hier verstanden als die Handlung des in die aktuelle kommunikative Situation einge­bundenen Dolmetschers. Extra-situativ wird hier verstanden als die auf einen Einsatz ausgerichtete Handlung des Dolmetschers vor und nach der kommunikativen Situation. In Abbildung 2 sind le­diglich die Punkte 2, 3 und 4 eindeutig der intra-situativen Dolmetschhandlung zugehörig; die Punkte 1 und 6 der extra-situativen. Punkt 5 stellt eine übergreifende Handlung dar, für die Untersu­chung relevant ist insbesondere die Notation in der intra-situativen Dolmetschhandlung.

2.2.2 Definition des Begriffes „Rezeptionsphase“

Der Begriff Rezeptionsphase kann deshalb im weitesten Sinne wie folgt definiert werden (vgl. Abb. 3, alle durchgezogenen Linien): Es handelt sich um diejenige dolmetschgebundene Tätigkeit, die aus den Komponenten Vorbereitung, Aufnahme (Zuhören), begleitende Tätigkeiten (Gedächtnis und Notation) und Nachbereitung besteht und durch die ein bestimmtes Verständnis der zu verdol­metschenden Gesamtsituation (Rede und Non-Verbalia und implizite Redeziele usw.) entsteht.

Es mag verwundern, dass der Begriff der Rezeptionsphase im weitesten Sinne auch die Nachbe­reitung umfasst. Gerade hier wird aber der Grundstock für weitere einschlägige Dolmetscheinsätze gelegt - in diesem Sinne kann die Nachbereitung m. E. eine zukünftige, noch ausstehende Vorbe­reitungsphase ergänzen bzw. u. U. vollständig ersetzen.

Des Weiteren kann man die Rezeptionsphase untergliedern in extra-situative (Abb. 3 mit den Punkten 1 und 4, die Rezeptionsphase im weiteren Sinne) und intra-situative (Abb. 3 mit den Punkten 2 und 3, die Rezeptionsphase im engeren Sinne). Die in dieser Arbeit vorrangig be­handelten Punkte gehören der intra-situativen Dolmetschtätigkeit an (Abb. 3, fette Linien), es werden aber auch die für die Rezeption wichtigen extra-situativen Tätigkeiten betrachtet (Abb. 3, einfach durchgezogenen Linien).

Zusammenfassend ergibt sich somit folgende kontrastive Darstellung der Rezeption als komplexer Teilhandlung des Dolmetschens (durchgezogene Linien) mit den beiden anderen Basishandlungen Transposition und (Re-) Produktion (gestrichelte Linien):

Abb. 3: Darstellung der Rezeptionshandlungen am Modell des Dolmetschens nach Kutz (2004, Modifikation Μ. A.) Legende:g

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[1] Vorbereitun
[2] Aufnahme
[3] Begleitende Tätigkeiten
[4] Nachbereitung

2.3.1 Extra-situative Rezeptionshandlungen

2.3.1.1 Vorbereitung des Dolmetscheinsatzes

Bisher wurde das Thema der Vor- und Nachbereitung in der einschlägigen Fachliteratur lediglich marginal berührt. Dies ist insofern erstaunlich, als dass die extra-situativen Handlungen, die der Verbesserung der intra-situativen Dolmetschleistung dienen, für praktizierende Dolmetscher eine Pflichtübung darstellen und deswegen fester Bestandteil des beruflichen Alltags sind. Kutz (2000: 8ff.) misst diesem Thema eine große Bedeutung bei und gliedert die Vorbereitung des Dolmetschers auf einen spezifischen Einsatz in thematische und sprachliche.

2.3.1.1.1 Thematische Vorbereitung

Die thematische Vorbereitung sollte nach Kutz (2000, 8ff.) ein Top-Down Prozess sein, der vom Allgemeinen ausgeht und zum Besonderen hin fortschreitet. Im Optimalfall findet sich eine verdichtete Beschreibung des Themas in einer Enzyklopädie oder einem Fachwörterbuch. Es ist auch gut möglich, Informationen aus dem Internet heranzuziehen, wobei man sich auch ggf. an den Internetseiten des Auftraggebers orientieren kann. Ausgehend von der Globalinformation ist es rat­sam, sukzessiv und systematisch den Wissensstand zu verbreitern und zu vertiefen. Eine wertvolle Unterstützung diesbezüglich stellt das Internet mit vielfältigen (Meta-) Suchmaschinen dar, die in der thematischen Vorbereitung sehr hilfreich sein können, um beispielsweise nach Stichworten, De­finitionen und Zusammenhängen zu suchen. Die Recherche - allerdings nicht notwendigerweise im Internet - kann beispielsweise bei den Überschriften der einzelnen Beiträge einer Konferenz anfangen, um dann mit den entsprechenden Schlüsselwörtern eine Isotopiekette sinnverwandter Ausdrücke aufzubauen und diese in beiden Sprachen zu lernen. Erst am Ende der Vorbereitung werden in die Tiefe gehende Texte wie beispielsweise Presseberichte, Reden und thematisch ähnlich gelagerte Konferenztexte als Sekundärliteratur gelesen. Aufbauend auf dem vorher Erlern­ten werden diese besser verstanden und behalten. Für die innere Repräsentation ist es hilfreich, schematische Darstellungen von relevanten Informationen und deren Zusammenhänge anzufertigen. Denn die Verarbeitung visueller Information, die gedanklich erarbeitet wird, stellt eine sehr effek­tive Art des Lernens und Behaltens dar. Letzteres wiederum bildet die Grundvoraussetzung für die Bildung eines konzeptuell-begrifflichen Substrats, aus dem heraus nach Salevsky (1992: 109f.) ge- dolmetscht wird (vgl. Kap. 2.1.1).

2.3.1.1.2 Sprachliche Vorbereitung

Auf der thematischen Vorbereitung baut die sprachliche auf; hier geht es um das Auffüllen des erworbenen Wissens mit fremdsprachlichen Begriffen, Synonymen und Begriffsfeldern sowie ggf. mit Hyperonymen, Abkürzungen und umgangssprachlichen Bezeichnungen. Die eventuell bereits erstellten Isotopieketten sind hierfür wesentliche Hilfe und Orientierung. Im besten Fall entsteht so ein zweisprachiges Glossar mit schematisch-graphischer Darstellung der Sachverhalte. Darauf aufbauend kann nun mit der Verdolmetschung vom Blatt begonnen werden. Das dient der Übung und Festigung des Erlernten sowie im weitesten Sinne auch als eine „stille Generalprobe“ für die intra-situative Dolmetschtätigkeit (Kutz 2000, 8ff.).

2.3.1.2 Nachbereitung des Dolmetscheinsatzes

Was für die Vorbereitung eines Dolmetscheinsatzes relevant ist, gilt sinngemäß auch für die Nach­bereitung. Denn hier wird der Grundstock für einen weiteren, ähnlich gelagerten Einsatz gelegt. Durch die nochmalige kognitive Verarbeitung des Sachverhaltes wird dieser neu und möglicher­weise umfassender durchdacht und in das Langzeitgedächtnis übertragen, so dass eine zukünftige Top-Down Verarbeitung des Themas schneller erfolgt. Im Rahmen der Nachbereitung eines Dol­metscheinsatzes sollte deshalb ein Resümee gezogen werden: Was kann aus der Vorbereitung über­nommen werden, weil es richtig und wichtig ist bzw. was muss verbessert und aktualisiert werden? Was kann ganz weggelassen werden, weil es irrelevant ist? Für die spätere Verwendung ist es ange­bracht, die Aufzeichnungen unter einem Stichwort zu archivieren (Kutz 2000, 8ff.).

2.3.2 Intra-situative Rezeptionshandlungen

2.3.2.1 Aufnahme

Die Aufnahme der zu erfassenden und zu verdolmetschenden Situation ist von elementarer Wichtig­keit für den gesamten Dolmetschprozess. Geht in der Aufnahme Information verloren, so können die hierauf aufbauenden Basishandlungen Transposition und (Re-)Produktion nicht oder nur stark vermindert vollzogen werden. Die Art und Weise der Aufnahme von Informationen istje nach Dol­metschart (Verfahren), Dolmetschmodus (Verfahren im Verbund mit Hilfen) und Einsatzbereich (Einsatzort) verschieden. Die Untersuchung der Rezeptionsphase im bilateralen Dolmetschmodus muss die besondere Kommunikationssituation sowie die daraus resultierenden Besonderheiten der Vollzugsbedingungen berücksichtigen (vgl. Kap. 2.3.2.1.1). Der allgemeine Verstehensprozess als solcher, so ist wohl anzunehmen, ist kaum situativ gebunden, sondern gilt übergreifend für das so genannte „Stellvertreterverstehen“ des Dolmetschers überhaupt (vgl. Kap. 2.3.2.1.3).

2.3.2.1.1 Gesprächsdynamik - zwei Kommunikationsschemata

In der bilateralen Form des Dolmetscher fungiert der Dolmetscher als „Woman (or man) in the middle“ (in Anlehnung an die gleichnamige Publikation von Knapp / Knapp-Potthoff 1987). Ein professioneller Dolmetscher wird von (mindestens) zwei Personen auf Grund eines Kommunika­tionsproblems engagiert: Die Personen sprechen unterschiedliche Sprachen und stammen aus unter­schiedlichen Kulturen. In der beschriebenen Situation ist der Mittler in der Mitte die einzige Person, die potentiell alle verbalen und nonverbalen Informationen versteht und hinsichtlich ihrer In­tentionen und möglichen Konsequenzen für die Gesprächspartner deuten kann. Das macht ihn zu einer wichtigen Verbindungsperson, die nicht nur sprachliche Brücken baut, sondern zwei Welt- und Sichtweisen aktiv verbal und nonverbal handelnd aneinander fügt. An dieser Stelle setzt ein brisantes, weil ungeklärtes, berufsethisches Dilemma ein: Inwieweit muss bzw. darf der Dolmet­scher vom Original abweichen und so den Kommunikationshergang entscheidend gestalten bzw. beeinflussen? Mit diesem Problem hat sich besonders Apfelbaum (2004) in ihrer Publikation „Gesprächsdynamik in Dolmetsch-Interaktionen“ auseinander gesetzt. Sie fasst dies so zusammen:

Insbesondere neuere empirische Arbeiten deuten darauf hin, dass in Gesprächen mit Dolmetschbeteiligung die mit- telnden Personen zwangsläufig in hohem Maße Verantwortung für das Gelingen der Kommunikation übernehmen (müssen), dass aber weitgehend unklar ist, ob bzw. wie man „guten Gewissens“ die Dolmetscher/innen aktiv in die jeweilige verbale Interaktion einbeziehen könnte bzw. sollte, da dies nicht ohne weiteres mit der traditionell vorherr­schenden Vorstellung vom Dolmetscher als „Sprachrohr“ kompatibel ist. [...] Offenbar wird insbesondere in Dol­metsch-Interaktionen sichtbar, dass für die „gelungene“ Bewältigung einer Situation (a) neben der im engeren Sinne translatorischen Tätigkeit immer auch Aktivitäten der Gesprächskoordination konstitutiv sind und dass (b) das Zu­standekommen von Verständigung immer eine Gemeinschaftsleistung aller Beteiligten ist, die ohne eine aktive Be­teiligung der dolmetschenden Person gar nicht denkbar wäre (Apfelbaum 2004: Iff.; Hervorhebung im Original).

Unter welchen Umständen kann bzw. muss der Dolmetscher über eine bloße Rolle als „Sprachrohr“ hinaus handeln; und wie nimmt er Einfluss auf die globale Gesprächssituation? Folgende Ordnungs­strukturen sind in dieser komplexen dialogischen Gesprächssituation anzutreffen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: NormalformderMittlerdiskursstrukturnachKnapp/Knapp-Potthoff (1985: 451ff.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Normalfall einer Dolmetsch-Interaktion im bilateralen Modus findet die hauptsächliche Kom­munikation durch den Dolmetscher statt (in den Abbildungen 5 und 6 in fetten Linien). So geht die eigentlich für GP 2 bestimmte, situativ eingebettete Information 1 zunächst an den Dolmetscher, der diese verarbeitet und situativ adäquat für GP 2 verdolmetscht. GP 2 antwortet auf die ursprünglich von GP 1 an ihn gerichtete situativ eingebettete Information durch den Dolmetscher und so fort. Da die beiden Gesprächspartner sichjedoch wechselseitig sehen (nonverbale Ebene) und hören (phone- matische Ebene mit emotionaler Dimension, vgl. Kap. 2.3.2.1.3.3) findet in beschränktem Umfang auch eine direkte wechselseitige Kommunikation über die Kulturbarriere hinweg statt (in den Ab­bildungen 5 und 6 in gestrichelten Linien).

Aufgabe des Dolmetschers ist es, die Kommunikation auf jeder Ebene im Sinne des von den Gesprächspartnern explizit oder implizit gewünschten Gesprächsverlaufes über die Kulturbarriere hinweg zu verwirklichen. Eine Beteiligung des Dolmetschers an der Gestaltung dieses Prozesses ist dann wünschenswert, wenn es dieser Aufgabe dienlich ist, also insbesondere für die Überwindung kultureller Unterschiede. Bleiben diese im Sinne des Empfängers unkorrigiert, so können sie sich negativ auf das wechselseitige Verstehen der GP auswirken und somit den Gesprächsverlauf nega­tiv (nicht im Sinne der GP) beeinflussen. Im positiven Sinne ist festzuhalten, dass ein Dolmetscher nicht nur als Translationsmedium fungiert, sondern er kann, darf und muss im Sinne des kom­munikativen Dolmetschauftrags:

[...] in einem bestimmten Sinne selbst eine aktive Rolle als Kommunikationspartner spielen, mit der Möglichkeit, zumindest in gewissen Grenzen selbst Mitteilungsintentionen einzubringen, zur Klärung von Mißverständnissen bei- zutragenund denDiskursverlauf zu steuern. (Knapp/Knapp-Potthoff 1985: 451).

Wie bereits angesprochen besteht Konsens darüber, dass nur gut Verstandenes und Behaltenes über­haupt verdolmetscht werden kann. Hierin liegt die Wichtigkeit der Rezeptionshandlungen in der ersten Phase des intra-situativen Dolmetschvorgangs, die durch die Transposition und (Reproduk­tion komplettiert wird. Nun ist es aber in der Praxis oft so, dass der Dolmetscher auf Grund unter­schiedlicher Gründe merkt, dass er etwas nicht oder nicht ausreichend verstanden hat (vgl. Kap. 2.3.2.3.2). Im Modus des bilateralen Dolmetscher stehen in besonderem Maße Reparaturmöglich­keiten zur Verfügung:

Ein großer Vorteil (...) besteht hier darin, dass der Verhandlungsdolmetscher die Möglichkeit hat, sich mit den Gesprächsteilnehmem auszutauschen und wertvolle Erklärungen zum Sachverhalt bzw. zur Terminologie zu bekom­men (MDÜ Februar 2001, zitiert in Apfelbaum 2004: 6).

Eine derartige Reparaturmöglichkeit lässt sich wie folgt in Anlehnung an Knapp / Knapp-Potthoff (1985: 451ff.) darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

nicht ganz verstanden hat und nun bei diesem direkt nachfragt (2) und eine Antwort erhält (3). Die komplette, ergänzte situativ eingebettete Information (bestehend nunmehr aus 1, 2 und 3) wird an­schließend für GP 2 verdolmetscht. Sicherlich sind solche Reparaturmechanismen seitens des Dol­metschers von den Gesprächspartnern nicht immer erwünscht, sie verbieten sich beispielsweise dann, wenn dem Dolmetscher echter, im Gegensatz zu einem bloß vermeintlichen, Gesichtsverlust droht oder der Status des Redenden so hoch ist, dass es gesellschaftlichen Normen zufolge unange­bracht wäre, dessen Rede mit einer Rückfrage zu unterbrechen. Auch beginnt sich erst allmählich die Ansicht in der Fachliteratur[4]durchzusetzen, dass die aktive Beteiligung des Dolmetschers im Sinne einer Dolmetsch-Interaktion am Gesprächsverlauf u. U. geboten ist und sogar als qualitäts- steigemd von allen Beteiligten empfunden wird. In Abbildung 5 wird die Rückfrage als dolmet­scherinduziert bezeichnet, da hier die auslösende Unklarheit und Initiierung auf der Seite des Dol­metschers liegen. Es sind aber auch durch GP 1 oder GP 2 induzierte Rückfragen denkbar und am Korpus nachweisbar, sollte auf deren Seite Klärungsbedarf bestehen.

2.3.2.1.2 Besonderheiten derVollzugsbedingungen

Für das Dolmetschen im bilateralen Modus können in Anlehnung an Kutz (2004), folgende Beson­derheiten der Vollzugsbedingungen und die daraus resultierenden Folgen für die Dolmetschhand­lung sowie benötigte dolmetschspezifische Fähigkeiten angeführt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Besonderheiten der 'Vollzugsbedingungen im bilateralen Dolmetschmodus

2.3.2.1.3 Verstehen von Rede und die Scenes-and-Frames Semantik

Im Sinne der Psycholinguistik kann mit Hörmann gesagt werden: „Die Sprache bildet zusammen mit den Tätigkeiten, in die sie verwoben ist, ein Ganzes: das Sprachspiel, das Sprecher, Hörer und Situation umfasst“ (1994: 501). Es stellt sich die Frage, was in diesem Kontext Verstehen bedeutet. Offensichtlich ist Denken mit Sprache verbunden, beides basiert auf einer Konzeptbildung, die das Ganze erfasst. Man könnte formulieren: Wir denken in und mit Sprache und sprechen in und mit Gedanken - diese beiden Phänomene der menschlichen Handlungspraxis sind nicht vollständig voneinander zu trennen, ohne gleichzeitig den jeweils anderen Faktor, der eine konstitutive Größe darstellt, zu negieren. Festzuhalten ist, dass das Wort zunächst nur in einer Kommunikationssituati­on gegeben ist und in dieser situativ gebundenen Form erlernt und intersubjektiv angewendet werden kann. Allerdings ist es auch so, dass die Worte im Kopf, d. h. Bedeutungen in Form von Be­griffen, der individuellen Situation entbehren können und allgemeingültig außer- und übersituativ sind. Dies trifft in geringerem Umfang auch auf Zeichen zu. Begriffe werden als Sprache erst im Sprechen manifest und intersubjektiv erlebbar. Rubinstein formuliert diese dialektische Beziehung wie folgt: „Sprache und Sprechen hängen wechselseitig zusammen: Das Sprechen bedarf der Mittel der Sprache, und die Sprache existiert real nur im Sprechen“ (1963: 87). Mit Denken, Sprechen und Verstehen beschäftigt sich die kognitive Psychologie, die in den 1960er Jahren aus einer dem Beha­viorismus kritisch gegenüberstehenden Haltung heraus entstand (Der Brockhaus Psychologie 2001: 298f.). Der Begriff Kognition leitet sich her aus dem lateinischen „cogito“ im Sinne von eine Sache im Geist zusammenfassen, denken, bedenken oder erwägen. Hiervon abgeleitet meint cognitio Kenntnis, Erkenntnis oder auch Begriff (ibid.). Die kognitive Psychologie beschäftigt sich also „mit Prozessen und Resultaten [...] der Informationsaufnahme und -Verarbeitung“, sie berücksichtigt wei­terhin kognitive Stile, die sich auf die „spezifische, typische Art und Weise des Denkens und Lösen von Aufgaben“ beziehen (ibid.). Auf den Prozess des Sprachverstehens bezogen erforscht die ko­gnitive Psychologie die an der Sprachrezeption und Sprachproduktion beteiligten kognitiven Vor­gänge. Auf diese Vorgänge baut die Scenes-and-Frames Semantik auf, nach der den Worten erst durch Erfahrung prototypisch und dynamisch im Rahmen einer Kommunikationssituation entspre­chende Bedeutungen zugeordnet werden. Im Verlauf der Zeit bilden sich nach Fillmore (1977: 55ff.) durch situativ eingebettete und gesprochene Sprache prototypische „scenes“, also gewisse wiederkehrende und deswegen verallgemeinerbare Vorstellungen (also Szenen oder Schemata im Sinne von „scenes“) in unseren Köpfen. Diese können dann beispielsweise durch ein Gespräch ak­tiviert werden - sie werden mit Lauten, Worten, Sätzen, Sinnzusammenhängen aufgefüllt, können aber auch ergänzt oder eben gänzlich neu generiert werden (vgl. Abb. 6):

Schemas are not fixed structures. Schemas are flexible configurations, mirroring the regularities of experience, pro­viding automatic completion of missing components, automatically generalizing from the past, but also continually in modification, continually adapting to reflect the current state of affairs (Norman 1986: 536).

Für den Prozess des Dolmetschens ist wichtig, dass vorhandene Schemata angewendet werden, wenn Informationen eintreffen, die die vorhandenen Schemata ansprechen oder verändern. Es können aber auch „scenes“ gänzlich neu angelegt werden. Ein auf dem Weg zur Darstellung von Sprachverstehen und damit auch der mentalen Repräsentation des Dolmetschers hilfreiches Kon­strukt ist das der Interaktion von Sprache (Text) und Hörer (Dolmetscher) - denn beide bedingen sich gegenseitig. Auf der Seite des Hörers ist in diesem Sinne sein Vorwissen von Bedeutung, auf der Seite des Textes dessen Eigenschaften wie beispielsweise Struktur. Der Verstehensvorgang ist somit in den Anteil des Textes („bottom-up“, aufsteigender Prozess; sprachliche Ebene des Textes) und den Anteil des Hörers („top-down“, absteigender Prozess; Kontext, situationeile Kenntnisse und Erwartungen des Hörers, Scene) aufzugliedern (Kupsch-Losereit 2005: Intemetpublikation).

2.3.2.1.3.1 Bottom-Up Prozesse

Wie beeinflusst der situativ eingebettete Originaltext das Verstehensresultat? Beispielsweise sind besser strukturierte Texte leichter zu rezipieren als solche, deren Struktur verschleiert oder u. U. gar nicht erkennbar ist. Folgende Darstellung nach Kutz (Texttypisierung; 2004) und Göpferich (adap­tierte Verständlichkeitsdimensionen; orientiert an 2002 b: 163ff.) ist hilfreich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Jedem existierenden Text sind sämtliche Parameter der Verständlichkeit zuzuordnen. Der Einfluss einzelner Parameter auf die Charakterisierung des aktuellen Text kann hingegen variieren. So ergibt sich für jeden der vier dargestellten Texttypen ein Wert ihrer Rezipierbarkeit. Ist dieser Wert im Vergleich zu anderen Texttypen niedriger, wie im Vergleich von spontaner Rede vs. halbspontaner Äußerung, so ist die Rede relativ dazu schwerer rezipierbar. Ist dieser Wert im Vergleich zu anderen Texttypen höher, wie im Vergleich von ausgearbeitete Mitteilung in freier Rede vs. ausge­arbeitete Mitteilung in abgelesener Äußerung, so ist die Rede im Vergleich hierzu relativ leichter rezipierbar. Im bilateralen Dolmetschmodus ist somit die halbspontane oder freie Rede für den Dol­metscher am einfachsten zu rezipieren. Die einzelnen Verstehensdimensionen lassen sich wie folgt näher charakterisieren:

Die Verstehensdimension Korrektheit bezieht sich „primär auf das mentale Denotatsmodell, das im Text vermittelt werden soll, und auf die Kodierung im Text“, also auf sprachliche Fehler im Text selbst (Göpferich 2002 b: 57). In dieser Verstehensdimension werden auch Konventionsverstöße, beispielsweise juristische oder kulturelle, manifest.

Die Verstehensdimension Struktur bezieht sich zum einen auf „die Strukturierung des mentalen De­notatsmodells“, zum anderen auf die Strukturierung der Kodierung. Das mental vorliegende De­notatsmodell ist dahingehend zu prüfen, ob es in „angemessene Bauteile (Schemata) zerlegt werden kann und diese im Verlauf des Textes in einer sinnvollen Reihenfolge zusammengefügt werden“ können. Diese Strukturierung kann nicht losgelöst vom Text betrachtet werden, da sie sich gerade nicht nur in ihm manifestiert, sondern immer Teil des Verstehensbemühens ist (ibid.: 59).

Die Verstehensdimension Simplizität bezieht sich „ausschließlich auf die Kodierung im Text“. Ent­scheidendes Kriterium ist die sprachliche Einfachheit bezüglich Wortwahl und Satzbau. Nach Göpferich bestimmt die kommunikative Funktion die Verstehensdimension Simplizität ent­scheidend mit, sie beinhaltet den Zweck des Textes, den Sender und den Adressaten (ibid.: 61).

Die Verstehensdimension Prägnanz bezieht sich auf die Form des Textes im Sinne seiner ökono­mischen Gestaltung, „mit der sich die kommunikative Funktion des Textes unter Beachtung der üb­rigen Textproduktions-Eckdaten sowie der Anforderungen aus den übrigen fünf Textdimensionen erfüllen lässt“ (ibid.: 54).

Die Verstehensdimension Motivation lässt sich unterteilen in rezipientenseitig - das, was „der Rezi­pient für die [...] Dolmetschsituation [...] bereits mitbringt und quasi von außen an den Text heran­trägt“ - und textseitig - also „derjenigen Motivation oder Motivationssteigerung, die der Text aus sich heraus schafft“ (ibid.: 57).

2.3.2.1.3.2 Top-Down Prozesse

Zu dem, was jedes verstehende Subjekt bereits „mitbringt“ und unweigerlich an den zu ver­stehenden Text „heranträgt“ schreibt Hörmann:

So wie der Mensch nicht nur dafür eingerichtet, sondern darauf ausgerichtet ist, Gegenstände - und zwar sinnvolle Gegenstände! - wahrzunehmen, wann immer nur die Möglichkeit dazu besteht, so ist er auch darauf ausgerichtet, durch ein 'aus dem Lebensgeschehen Mensch aufsteigendes Tun' den bedeutungsverleihenden Akt zu vollziehen. In der Sinnkonstanz äußert sich sozusagen in reinster Form jener 'effort after meaning', der [...] Grundzug jeder kogni- tivenAktivitätist. (1994: 195)

Die in jedem Dolmetscheinsatz aktualisierten Faktoren des Top-Down-Prozesses bestimmen in ge­wisser Hinsicht die Art und Weise des Verstehensresultates. Denn das durch die Vorbereitung auf den Dolmetscheinsatz erworbene Vorwissen bestimmt die allgemeine Tendenz des Verständnisses des zu verdolmetschenden Originals in seiner situativen Einbettung mit. Hat ein Dolmetscher die Originalrede und die Gesamtsituation so durchdrungen, dass eine vorhandene „scene“ aktiviert oder verändert wird (oder aber eine neue generiert wird), so kann er im Optimalfall in den Phasen der Transposition und insbesondere der (Re-)Produktion darauf zurückgreifen.

2.3.2.1.3.3 Emotionen

Emotionen sind in die Scenes-and-Frames-Semantik nicht nur integrierbar, sondern ein fester Bestandteil des Verstehens überhaupt. So werden beispielsweise „verallgemeinerte emotionale Erfahrungen [...] selbst wieder als Schema im Gedächtnis“ verankert (Viehoff 1988: 15). Die Funktion dieser emotionalen Schemata besteht darin, evaluative Urteile zu beeinflussen und in ih­nen mitzuschwingen. Nach Viehoff sind Emotionen:

[...] besondere Formen des direkten, unmittelbaren Erlebens und Steuems von Handlungen anzusehen [...] die - qua­si ohne Umweg über den kognitiven Apparat - menschliches Handeln von der Wahrnehmung bis zur komplexen HandlungsplanungundUrteilsbildungbegleiten“ (ibid.: 16f.).

Somit werden Emotionen als „grundsätzlich dem Denken parallel laufende, das Denken durch­dringende und beeinflussende Prozesse“ bezeichnet (ibid.). Wie bereits in Kapitel 2.3.2.1.3.1, ins­besondere Tabelle 4, festgestellt wurde, bilden Emotionen in und mit Texten eine eigene Ver­stehensdimension im Verlauf eines Bottom-Up-Prozesses. Die emotionale Komponente beeinflusst also das Verstehen. Ist ein Text bis zu einem gewissen Grad emotional gefärbt, fällt das Verstehen leichter. Ist er allerdings von Emotionen geradezu „überfärbt“ - das ist dann der Fall, wenn die anderen Verstehensdimensionen negativ beeinträchtigt werden - so sind Rezeption sowie die un­mittelbar folgenden Basishandlungen des Dolmetschens erschwert.

Aufgabe des Dolmetschers ist die Sicherstellung der Kommunikation im Sinne der Gesprächspart­ner. Im bilateralen Modus ist besonders die Dynamik der Interaktion zu beachten. Dies beinhaltet auch eine emotionale Komponente, die im Rahmen der interkulturellen Kommunikation übermittelt und vermittelt werden sollte (zur Problematik des aktiv handelnden Dolmetschers vs. Dolmetscher als „Sprachrohr“ vgl. Kap. 2.3.2.1.1). Allerdings ist sicher auch der Dolmetscher nicht frei von Emotionen. Nervosität und Unsicherheit wirken sich negativ auf den gesamten Dolmetschprozess, insbesondere aber auf den Verstehensprozess in der Rezeption, aus (Risku 1998: 119). Der erfah­rene Dolmetscher verbindet daher mit der Tätigkeit Dolmetschen eher Ruhe und Sicherheit, dies trägt entscheidend zum Gelingen bei. Ebenfalls positiv auf den Dolmetschprozess wirkt sich m. E. eine emotionale Anfärbung des Textes seitens des Dolmetschers aus. Es ist aber auch wichtig, dass der Dolmetscher sich, sofern angebracht oder nötig, emotional von der zu dolmetschenden Situation freimacht, um im Sinne von Gilè (1997: 196ff.) die knappen Ressourcen besser zu nutzen. Denn eine zu emotionale Verarbeitung erschwert eine adäquate Verarbeitung, die beispielsweise auch nicht bei unvertretbarem Hintergrundlärm greifen kann. Adler (2000: 11) definiert in Abgrenzung zu „physical noise“ (der von außen einwirkenden Hemmung des Verstehensvorganges beispiels­weise durch schlechte Luft oder störende Nebengeräusche) und „physiological noise“ (medizinische Hemmnisse des Verstehensvorganges wie Krankheit und Übermüdung) auch „psychological noise“. Hierbei handelt es sich um eine innere Hemmung des Verstehensvorganges beispielsweise durch Mangel an Konzentration auf Grund übermächtig werdender Emotionen. Adler definiert wie folgt: „Psychological noise refers to forces within a communicator that interfere with the ability to express or understand a message accurately“ (ibid.).

Aus dieser Situation sind grundsätzlich zwei Auswege denkbar. So kann der Dolmetscher einen ihn emotional zu sehr belastenden Einsatz im Vorfeld ablehnen. Beispielsweise ist es denkbar, dass ein Einsatz auf einer medizinisch ausgerichteten Konferenz zum Thema „Rettung und Weiterversor­gung von Schwerstverwundeten bei Großeinsätzen“ von einem entsprechend Dolmetscher, der durch den Verlust einer ihm nahe stehenden Person bei einem Zugunglück vorbelastet ist, eher abgelehnt wird. Dies liegt sowohl im Interesse des Dolmetschers als auch der Rezipienten der Dol­metschleistung. Die andere Möglichkeit besteht darin, sich eine „gewisse seelische Hygiene“ anzu­eignen, die es dem Dolmetscher ermöglicht, sich ,,[...] ohne wesentliche Ablenkung ganz auf seine Tätigkeit zu konzentrieren“ (Feldweg 1996: 295).

2.3.2.1.3.4 Konzeptuelles Substrat - Genese und Verwendung

Aus welcher mentalen Repräsentation heraus wird gedolmetscht? Seleskovitch führt hierzu aus:

[...] the translation process appears to be not a direct conversion of the linguistic meaning of the source language to the target language but a conversion from source language to sense, the intermediate link being non-verbal thought which, once consciously grasped, can then be expressed in any language regardless of the words used in the original language (1977: 27, HervorhebungM. A.)

Wie kann man das Verstehensresultat beschreiben? Im Verstehensprozess greifen Bottom-Up und Top-Down Prozesse, sie bewirken ein Verstehensresultat, das in einem Schema gipfelt. Verstehen­sprozesse laufen nicht ohne aktives Zutun seitens des Informationsempfängers ab: Dolmetscher müssen mitunter „scenes“ bewusst evozieren. Man kann dabei unbewusste, also automatische, ins­besondere emotionale, und bewusste, also kontrollierte, Informationsverarbeitung unterscheiden (Gadenne 1996: 107ff). Erstere verläuft in der Regel schneller und ständig parallel zum Verlauf der Informationsdarbietung. Es geht hier beispielsweise um grundlegende Wahrnehmungsprozesse, reflexhafte Assoziationen von Wörtern und korrekte Satzbildung. Die kontrollierte Informationsver­arbeitung verläuft eher langsam und seriell, d. h. in QualitätsSprüngen (ibid.).

In der Dolmetschsituation kommt es darauf an, Datenströme kognitiv zu verarbeiten. Die jeweilige zu verdolmetschende Situation wird im besten Fall vom Dolmetscher szenisch visualisiert. Informa­tionen, die den Erwartungen entsprechen und im Kontext relevant erscheinen, aktivieren oder gene­rieren „scenes“. Es kommt zu einem kognitiven Verarbeitungsprozess. In kognitiven Prozessen werden relevante Textinformationen identifiziert und in größeren Sinneinheiten organisiert.

Die Schwierigkeit bei der Erzeugung eines konzeptuellen Substrats besteht darin, die relevanten In­formationen in der richtigen Beziehung zueinander zu erkennen und zu speichern. Gerade diesbe­züglich kann eine gute Vorbereitung auf den Dolmetscheinsatz hilfreich sein (vgl. Kap. 2.3.1). Hierzu kann der professionelle Dolmetscher effizient die Informationen hierarchisieren und se­quenzieren. Nach erfolgter Verarbeitung liegt eine semantische Superstruktur als kognitive Re­präsentanz vor, in der sich Haupt- und Randinformationen der Gesamtsituation auffinden und re­konstruieren lassen. Diese kognitive Repräsentanz kann ihrerseits ganzheitlich als „scene“ - als zu verdolmetschende Gesamtsituation - abgespeichert werden. Dies erklärt m. E. die oft verblüffende Langlebigkeit der Erinnerung an verdolmetschte Inhalte und Situationen von Dolmetschern.

Wenn man vom Schema der Dolmetschhandlung ausgeht, lässt sich das Postulat des konzeptuellen Substrats und seine Genese am Teilaspekt der Aufnahme (Punkt 2 in Abb. 3) in Anlehnung an Kupsch-Losereit (2005: Internetpublikation) wie folgt abbilden:

Abb. 6: Genese des konzeptuellen Substrats von „frame“ zu „scene“ nach Kupsch-Losereit (2005)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das dolmetschspezifische Verstehen fängt wie jedes redegebundene Verstehen bei den Lauten an (Punkt 1), die sich zunächst zu Morphemen und Wörtern verbinden (Punkt 2). Propositionen stellen die nächsthöhere Ebene der Verarbeitung dar, hier werden bereits komplexe Wortverbindungen re­zipiert. Eine lokale Kohärenz entsteht, wenn einige Wortverbindungen bzw. Sätze einen relativ abgeschlossenen Sinn ergeben und eine erste Ahnung dessen vorliegt, was ausgedrückt werden soll. In der Makrostruktur werden die für die lokale Kohärenz konstitutiven Elemente miteinander in Be­ziehung gesetzt, es ergeben sich bereits sehr differenzierte Verstehensresultate - dies ist wohl die Ebene, die in Form des Notais während eines Dolmetscheinsatzes entsteht und im Sinne der kogni­tiven Gliederung graphisch darstellbar ist (vgl. Kapitel 3). Das Notat stellt allerdings ein beschränktes Abbild dessen dar, was im Kopf des Dolmetschers im Sinne einer kognitive Resonanz der Ausgangssituation postuliert wird. Denn im Kopf des Dolmetschers bildet sich ein Verständnis, das mehr ist als ein bloßes Notat. Zum einen istjeder Text in seiner typischen, einmaligen Makro­struktur eingebettet in einen über den Text und seine aktuelle Bedeutung hinausgehenden kontextu- ellen Rahmen, zu dem er in Beziehung steht - dies ist die Superstruktur. Zum anderen bleibt von allen vorhergehenden Punkten zur Genese des konzeptuellen Substrats ein Gedanke ohne zeitlich­räumliche Dimension übrig. Diese Stufe kann m. E. als Punkt des tiefsten Verstehens bezeichnet werden, der in Form von Gedanken vorliegt, denen jene zeitliche Dauer und physische Existenz (Breite des Dreiecks auf der linken Seite) der ursprünglichen, zu verdolmetschenden, situativ einge­betteten Rede völlig fehlt (Spitze des Dreiecks auf der rechten Seite). Für die Dauer des Einsatzes bleibt dieser Gedanke, auf die Ausgangssituation bezogen, im Arbeitsgedächtnis gespeichert, so dass adäquat gedolmetscht werden kann. Im Anschluss an den Dolmetscheinsatz kann jedoch u. U. das Verstandene aus der Dolmetschsituation entkoppelt werden und als freie Scene in Form von besonders stabilen Gedanken und Zusammenhängen im Langzeitgedächtnis verankert werden.

Professionelle Dolmetscher dolmetschen nicht den Wortlaut, oder aus dem Verständnis einer loka­len Kohärenz heraus, sondern ausgehend vom konzeptuellen Substrat. Gerade hierin liegt aber auch der Unterschied zwischen Dolmetschern und Übersetzern und ihren respektiven Arbeitsweisen be­gründet: Der situativ eingebettete Ausgangstext ist einmalig und flüchtig. Der Aufbau eines stabilen konzeptuellen Substrats konserviert im besten Fall den Sinn, also nicht die Worte, einer Rede. Ein wichtiges Hemmnis für die sich anschließenden Basishandlungen liegt j a in der „Macht des Origi­nals“ (Kutz 2004) begründet, das sprach- und kulturgebunden in und während der Verdolmetschung mitschwingt. Diesem Problem wird durch die Evozierung eines stabilen konzeptuellen Substrats entgegengewirkt. Dies ist weniger stark bis kaum sprach- und kulturgebunden, vielmehr stellt es einen in der anderen Kultur und Sprache gedachten Gedanken dar, der sich ungehemmter und besser an die Zielkultur anpassen und übertragen lässt.

Schematisch lässt sich eine Verdolmetschung aus dem konzeptuellen Substrat heraus so darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Verwendung des konzeptuellen Substrats von „scene“ zu „frame“

2.3.2.1.3.5 Verstehensebenen undVerdolmetschung

Zusammenfassend kann man sich den Prozess des Verstehens nach der Scenes-and-Frames Seman­tik wie folgt vorstellen (Schnotz 1985: 14): Die „anstürmenden“ Worte (Textebene) werden vom Dolmetscher in Propositionen umgewandelt, die ihrerseits im besten Fall zu übergeordneten Struk­turen (Schemaebene) zusammengefügt werden. Hierbei greifen sie auf bereits vorhandene kognitive Strukturen zurück. So wird die Rede mit Hilfe vorhandener mentaler Abbilder interpretiert, gleich­zeitig werden letztere aber auch aktualisiert und auf Kohärenz geprüft, mithin also ggf. verändert, bzw. sogar vollkommen neu angelegt (ibid.).

Wenn man diesen Prozess näher betrachtet so fällt auf, dass Verstehen ein sich schrittweise komple­mentierender Vorgang ist - verstehen kann man auf qualitativ unterschiedlichen Ebenen. Zunächst können mit Schnotz (ibid.: 39) folgende zwei Verstehensebenen differenziert werden: Verstehen nä­her an der Textebene (beispielsweise einfache propositionale mentale Repräsentation) und Ver­stehen näher an der Schemaebene. Im einzelnen kann man mit Rickheit / Strohner (1993: 70) folgende vier aufeinander aufbauende Ebenen des Verstehens unterscheiden:

1. PerzeptuellesVerstehen

Gemeint ist das Erkennen von Rede als Rede, es geht also um Worterkennung.

2. Syntaktisches Verstehen

Gemeint ist das Erkennen der Wortarten und deren morphologischer Struktur, es geht also um Verstehen von Wortgruppen oder Verstehen von kleineren Sätzen bzw. Satzteilen.

3. SemantischesVerstehen

Gemeint ist die Aktivierung der „scene“ als Konzeptverstehen. Dies beinhaltet Erkennung der Gegenstände, auf die „scenes“ referieren. Man kann unterteilen in:

3.1 „Referenzverstehen“; es geht um die Zusammenfügung zu einer kohärenten Struktur mittels bereits bestehendem oder soeben erlernten Wissen, und

3.2 „Semantische Sinnverstehen“, es geht also um Verstehen der Aussage.

4. Pragmatisches Verstehen

Gemeint ist das Erfassen der einzelnen Faktoren der Kommunikationssituation, insbesonde­re der dynamischen Beziehung der Gesprächspartner, dies lässt sich unterteilen in:

4.1 „Illokutionäres Verstehen“, es geht also um Verstehen der Absicht und um
4.2 „Antizipatorisches Verstehen“, also Erraten des weiteren Gesprächsverlaufes.

Bei einer Verstehensleistung auf den ersten beiden Stufen ist das Dolmetschen gar nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich. In einem solchen Fall sollte der Dolmetscher besser eine Rückfrage in­itiieren. Ist dies nicht möglich bzw. beispielsweise durch einen drohenden Gesichtsverlust unange­bracht, so bleibt nur das Einsetzen absoluter Notstrategien wie beispielsweise das Hervorbringen des nur schlecht Verstandenen (vgl. Kap. 3.3.3.2), um wenigsten irgendetwas zu sagen.

Bei unvollständigem Verstehen auf der dritten Stufe kommt es m. E. nur eingeschränkt zur Bildung eines konzeptuellen Substrats; hier ist ein gutes Dolmetschen bereits möglich. Eine sehr gute Leis­tung entsteht wohl erst auf der vierten Verstehensstufe. Somit lässt sich aus fast jeder Verstehens­stufe eine Verdolmetschung erstellen, allerdings steigt die Qualität der Verdolmetschung (in Abse- hung anderer, die Verdolmetschung beeinflussender Faktoren wie beispielsweise Code-Switching in der Transposition und Fremdsprachbeherrschung in der (Re-)Produktion in dem Maße, in dem die Verstehensleistung steigt. Die stufige Verstehensunterteilung lässt sich wie folgt darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Verstehensleistung in Anlehnung an Kutz (2004) und Rickheit / Strohner (1993: 70)

Auf Grund einer verminderten Verstehensleistung kommt es zur (Re-)Produktion eines mangel­haften Textes - die Dolmetschqualität leidet. Der Zusammenhang (in Abbildung 9) zwischen einer schlechten Verstehensleistung (durchgezogene Linien) sowie der Transposition und (Reprodukti­on (beide mit gestrichelten Linien), kann exemplarisch für eine Verstehensleistung bis einschließ­lich der zweiten Stufe wie folgt dargestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Auswirkung einer ungenügenden Verstehensleistung auf die Dolmetschqualität

Das Translat verliert gegenüber dem Original an Qualität, was durch die schmale Darstellung in Form eines Rechtecks anstelle eines zunächst breiten und sich dann zuspitzenden Dreiecks verbild­licht wird.

Sollte der Dolmetscher die Rede erst dann wirklich verstehen, wenn er schon in der Phase der Transposition und (Re-)Produktion ist - diese Konstellation kann bei allen Erscheinungsformen des Dolmetschens auftreten, beim Simultandolmetschen ist sie allerdings grundsätzlich wegen des Zeit­verzugs nicht zu umgehen - so stellt sich das Schema wie folgt dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 10: Einsetzen dervollen Verstehensleistung nach Beginn der (Re-)Produktionsphase

Durch die in einander hineinragenden Dreiecke wird verbildlicht, dass die beiden Handlungen Re­zeption und (Re-)Produktion zeitlich ineinander übergehen. Dennoch kann es - beispielsweise beim Simultandolmetschen, aber auch beim bilateralen Gesprächsdolmetschen - noch in der Phase der (Re-)Produktion zu einer adäquaten Verstehensleistung kommen.

2.3.2.2 Begleitende Tätigkeiten

Die begleitenden Tätigkeiten beziehen sich im engeren Sinne auf die Gedächtnisleistung und die Notation, im weiteren Sinne aber auch auf die extra-situativen Handlungen eines Dolmetschers im Sinne der Vor- und Nachbereitung.

Obwohl der Schwerpunkt dieser Arbeit weitestgehend auf der intra-situativen Dolmetschhandlung liegt, referieren die in diesem Kapitel angesprochenen Punkte Gedächtnis und Notation als über­greifende begleitende Tätigkeiten auch auf die extra-situativen Handlungen des Dolmetschers.

2.3.2.2.1 Gedächtnis

Es besteht Konsens darüber, dass nur das gedolmetscht werden kann, was zuvor verstanden und memoriert worden ist. Folgende Abbildung nach Göpferich (2002 a: 118) unter Bezugnahme auf Arbinger (1984) stellt modellhaft den Aufbau des Gedächtnisses dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 11: Mehr-Speicher-Modell des Gedächtnisses (vgl. z. B. Arbinger 1984)

Alle Reize, denen wir ausgesetzt sind, gelangen in das Ultrakurzzeitgedächtnis, das über eine sehr begrenzte Speicherzeit von etwa einer drittel Sekunde verfügt. Die meisten Reize werden aus dem Ultrakurzzeitgedächtnis wieder gelöscht. Nur wenige Informationen, auf die wir fokussieren, passieren die Schwelle (gestrichelt dargestellt) zum Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnis. Auf dieser Ebene findet eine Interaktion zwischen den neu aufgenommenen Informationen und den bereits vor­handenen statt. Nach Miller (1956: 81ff.) ist auch hier die Kapazität begrenzt, sie liegt bei 5 bis 9, in der Regel bei 7 Einheiten. Welchen Umfang diese Einheiten einnehmen können hängt wesentlich davon ab, ob sie bereits im LZG abgespeichert sind und abrufbereit vorliegen. Es kann sichje nach Umstand um durchschnittlich sieben Ziffern oder Buchstaben, sieben Wörter oder sieben bedeutend größere Einheiten handeln. Die Bildung von größeren Einheiten, die dann jeweils ganzheitlich im Kurzzeitgedächtnis bzw. im Arbeitsspeicher zur Verfügung stehen, wird als Chunking bezeichnet (ibid.). All die Informationen, die vom Text aus kommend an den Dolmetscher herangetragen werden, bezeichnet man als Bottom-Up-Prozesse. Der umgekehrte Vorgang, bei dem Informationen vom LZG in den Arbeitsspeicher einfließen, wird als Top-Down-Prozess bezeichnet. Dieser Prozess ist der für den Dolmetschprozess entscheidende, denn die dolmetschspezifische Verarbeitungskapa­zität hängt wesentlich von erfolgreichen Top-Down Prozessen, also vom durch die Vorbereitung erworbenen Wissen, ab (vgl. Kap. 2.3.1).

2.3.2.2.2 Notation

Im Gegensatz zum Übersetzer, der das Original bemühen kann, steht dem Dolmetscher nur ein flüchtiges, einmaliges Original zur Verfügung[5]. Deswegen übertragen Dolmetscher eher den Sinn als den genauen Wortlaut. Hieraus lassen sich mit Matyssek (1989: 46f.) zwei Feststellungen ablei­ten. Zum einen ist der Dolmetscher ist nicht ein quasi automatisches „Sprachrohr“, das Worte der einen Sprache mit denen der anderen ersetzt, um so die Kommunikation zu ermöglichen. Zum anderen folgt der Dolmetscher in der Notizennahme nicht dem Wortlaut der rednerischen Darbie­tung, sondern bemüht sich um die Erfassung des Sinns. Auf Grund dieser Sinnanalyse „vollzieht er sodann die Speicherung dieses Sinngehalts im Gedächtnis“ bzw. fertigt Notizen auf seinem Block an (ibid.). Diese Analyse des Sinngehalts darf jedoch nicht bei einzelnen Worten (Verstehensebene 1) oder einzelnen Sinnschritten (Verstehensebene 2) stehen bleiben, sondern sollte „den gesamten Kontext möglichst weit zurück- und eventuell sogar bereits in einer geistigen Vorwegnahme vor­ausgreifend“ miteinbeziehen (Verstehensebene 3 und 4). Denn

[...] nur diese während der Notation fortlaufend weitergeführte Gesamtanalyse bietet die Gewähr dafür, daß der immer wieder angesprochene 'rote Faden' nicht abreißt, sondern - um im Bild zu bleiben - im Weiterspulen (oder richtiger: Weitergespultwerden) zu einer fortlaufenden Verdichtung des Sinngewebes beiträgt (ibid.: 47).

Die Aufgabe der Notizennahme besteht darin, dem Dolmetscher als Gedächtnisstütze zu dienen. Sie besteht nicht darin, das Gedächtnis zu behindern. Deswegen ist Stenographie zum Zwecke der Noti­zennahme beim Dolmetschen abzulehnen. Mit einer solchen „Abschrift nach Gehör“ sind mögli­cherweise bis zu 80% des Wortlauts aufPapier zu bannen,

[...] aber nur mit dem Erfolg, daß wegen des hierfür in Ansatz gebrachten Energieaufwandes die restlichen 20% völ­lig in Verlust geraten. Und da in diesen Fällen gemeinhin nicht das Sinngedächtnis, sondern - bestenfalls - das (me­chanische) Wortgedächtnis in Funktion tritt, man also möglichst viel der laut gewordenen 'Wort(hülsen)ansamlung' fixierend zu speichern bemüht ist, gerät eben das in Verlust, worauf es ankommt: der große Sinnfluss, die kontextale Logik, die überhaupt erst ein Gesamtverständnis sichern können (ibid. 42).

Um zu einem adäquaten Verstehensresultat zu gelangen ist es unabdinglich, sich auf das Wesentli­che - den Sinn also - zu konzentrieren. In Abhängigkeit von der Dolmetschsituation[6]sind ca. 60­80% der Sinnaussage des Redners „mit Hilfe der kognitiven Speicherung sinnbeständig und sinn­tragend für einen relativ kurzen Zeitraum zu erfassen und zur Verarbeitung zu bringen“ (ibid.: 41). Die restlichen 20-40% würden früher oder später im Verlauf des Dolmetscheinsatzes verloren ge­hen (vgl. Min'jar-Belorucev 1969: 75ff). Für eine qualitativ hochwertige Dolmetschleistung ist die Notizennahme unabdinglich[7].

Welche Kriterien sollten die Zeichen im Notat erfüllen? Sie lauten nach Matyssek (1989: 48ff.):

1. Einfach. Die Notizen müssen in ihrer „Formgebung und - dadurch bewirkt - Verständnis­vermittlung denjeweils einfachsten [...] unkompliziertesten Weg gehen“, d. h. die Zeichen sollten eine „klare, in sich und aus sich heraus schlüssige Formgebung“ besitzen (ibid.).

2. Ökonomisch. Auf Grund der einfachen Formgebung sind diese zügig zu zeichnen und nehmen wenig Ressourcen weg, da ihre Notation möglichst automatisch und wie nebenher läuft (ibid.).

3. Klar. Die Zeichen sollten „klar und unmissverständlich den logischen Zusammenhang und die Hauptführungslinie der rednerischen Ausführungen sowie erforderlichenfalls auch die Gewichtung dieser oderjener Aussage dartun“ (ibid).

4. Unverwechselbar

Die Zeichen müssen so gestaltet sein, dass sie nicht miteinander verwechselt werden können, denn durch das Erraten des einzelnen Zeichens gehen Ressourcen (Zeit und Ner­ven) verloren, die für die anderen Dolmetschhandlungen benötigt werden (ibid.).

5. Schnell erfassbar. Die Notizen sollten es dem Dolmetscher ermöglichen, mindestens einen Satz, besser aber einen (Teil-)Sinnschritt in der Extraktform der Notiz mit einem raschen Blick ganzheitlich zu erfassen und die „kontextale Gebundenheit zu dem bereits Gesagten wie auch zu dem noch zu Sagenden hin zu erkennen“(ibid.).

6. Bildhaft. Die Notizen sollten bildhaften Charakter haben, um weg von den Worten (die ge­schrieben werden) hin zum Sinn (der als Bild gemalt wird) zu gelangen:

[...] genauso, wie es im Bild normalerweise Schwerpunkte, 'Hauptschauplätze' und [...] optische 'Neben­schauplätze' gibt, genauso nimmt der Dolmetscher in seinen Notizen 'Gewichtsverteilungen' vor und bringt diese optisch zum Ausdruck“. Als Gestaltungsmittel dienen die Anordnung auf dem Blatt und eine hier­archische Zuordnung der einzelnen Aussageelemente (ibid.).

Was sollten Notizen enthalten? Nach Matyssek (1989: 48) sind das folgende drei Punkte:

1. Sinnträger (key words)
2. Leitlinien der rednerischen Ausführungen sowie
3. logischeVerbindungen.

Wie wird das, was die Notation enthalten soll, aus der Rede herausgefiltert? Matyssek führt diesbe­züglich das Folgende aus:

Das Wichtigste ist die Sinnanalyse des gesprochenen Wortes, in der und durch die eine Lösung vom Wort als optisch wahrnehmbarem und klanglich aufnehmbarem Sprachphänomen zu erfolgen hat, so daß nur noch seine Funktion als Sinnträger erhalten bleibt. Entscheidend ist hiermit nicht die Wortform, also auch nicht die Sprache, in der der in ihm Gestalt gewordene Begriff aufscheint, sondern einzig und allein der Inhalt, der in dieser Gestalt geis­tig Form gewinnt (1989: 55).

Wie in Kapitel 2.3.2.1.3.4 festgestellt, kann man sieben Schritte auf dem Weg zum Sinnverständnis unterscheiden und sie in vier Ebenen unterteilen. Auf den Ebenen drei und vier bzw. bei den Ver­arbeitungsschritten fünf, sechs und sieben liegt ein weitgehend entsprachlichtes Verständnis vor, an dem sich die anderen Basishandlungen anschließen.

Doch wie kann das konzeptuelle Substrat dargestellt werden? Des Weiteren: Wie kann man die Re­zeptionsphase empirisch untersuchen?

2.4 Ableitung einer Methodik zur Untersuchung der Rezeptionsphase

Nach Darstellung des theoretischen Fundaments zur Untersuchung der Rezeptionsphase muss nun eine Methode entwickelt werden, deren Maske dem empirischen Material aufgelegt werden kann, um zu verwertbaren Ergebnissen zu gelangen.

Es sind grundsätzlich zwei verschiedene Arten von Informationsgewinnung über die Rezeptions­phase denkbar:

1. Empirische Auswertung (Reinform, messbare Fakten)
2. Heuristische Auswertung (Mischform, Fakten werden interpretierend hergestellt).

Zu Punkt 1: Hierunter fallen alle im engeren Sinne messbaren und zählbaren Daten, die im Über­ blick fürjede einzelne zu untersuchende Gruppe dargestellt werden können.

Zu Punkt 2: Hierunter fällt die Herstellung eines Untersuchungskonstrukts als Mischform aus den rein empirischen Daten (des Untersuchungsmaterials) und einer auf sie angewandten „Maske“. So kann beispielsweise eine kognitive Gliederung als Abdruck der Originalrede, als mentale Re­präsentation des situativ eingebetteten Originals verstanden werden. Mit dem Versuch der Darstel­lung der kognitiven Gliederung könnte ein Blick in die black box des Dolmetschers geworfen werden. Kognitive Gliederungen könnten als hypothetisches Konstrukt aufgefasst werden, das eine Annahme von Phänomenen bzw. Vorgängen darstellt, die zwar als existent angesehen werden, je­doch als solche nicht vollständig beobachtbar sind. Hypothetische Konstrukte haben somit heuris­tischen Wert, da sie Anlass zu Untersuchungen geben, die ohne ihre Formulierung nicht zustande kämen. Auch im Sinne einer vollwertigen, allseits anerkannten Translationswissenschaft ist die Durchführung sowohl heuristisch als auch empirisch orientierter Forschung am Untersuchungs­genstand Dolmetschen in allen seinen Erscheinungsformen[8]von großer Wichtigkeit:

A juxtaposition between theoretical and empirical studies is as artificial as one between qualitative and quantitative studies. Without theoretical and qualitative analysis we do not know what it is that we are supposed to study empiri­cally or to measure quantitatively. And without empirical testing we will not have accurate knowledge about the phenomena we are interested in. On the other hand, there are aspects of translation that do not lend themselves to quantitative empirical investigation in such a way that the results are meaningful or relevant to the questions we as­ked. Thus hermeneutic approaches should not be shunned despite the fact that they tend to result in mere terminolo­gical squabbles (Tirkkonen-Condit 1997: 117).

Zusammenfassend lässt sich sagen: Theoretische und empirische Untersuchungen bedingen und be­fördern sich gegenseitig als Seiten ein und derselben Sache, nämlich der Translationswissenschaft.

[...]


[1] Das Wort (Re-)Produktion beinhaltet sowohl die Reproduktion als auch die eigenständige Produktion von Rede im Sinne einer optimalen Erfüllung der nicht immer versprachlichten, aber nahe liegenden Intention des Redners.

[2] Kade prägte den Begriff Translation für Dolmetschen und Übersetzen mit der folgenden, inzwischen teilweise überholten Definition: „Unter Translation verstehen wir den Prozeß (Vorgang), der mit der (akustisch-phonetischen oder optisch-graphischen) Aufnahme des AS-Textes beginnt und mit der (motorisch-phonetischen oder graphischen) Wiedergabe des ZS-Textes endet.“ (Kade 1968: 33).

[3] In einem Bericht über ein Kolloquium zum Thema Zukunft des Berufes Dolmetscher wird ausgeführt:,,[...] a definition has to be found to differentiate the conference interpreter from other types of interpreters, not in a negative way by saying what we are not - but by clearly stating what we are“ (AIIC Bulletin 1984: 21, Hervorhebung im Original).

[4]Insbesondere solcher Fachliteratur, die sich gegen den Dolmetscher als bloßes „Sprachrohr“ wendet (vgl. hierzu die in Apfelbaum 2004 aufgeführten Literaturangaben).

[5] Nicht so beim Dolmetschen vom Blatt. Nur eingeschränkt beim bilateralen Gesprächsdolmetschen bei Rückfragen.

[6] Nach Matyssek (1989: 9ff.) wird die Dolmetschsituation von folgenden Faktoren determiniert: Redner, Thema, Auditorium, Ermüdung, Vertrautheit mit Menschen und Material.

[7] Geniale Dolmetscher mögen ohne Notizen ausgezeichnet dolmetschen. Allerdings gibt Matyssek zweierlei zu bedenken: Zum einen ist die Anzahl dieser hochbegabten Dolmetscher zu gering, als dass man von einer zu fordernden Regel („Keine Notizen!“) ausgehen könnte. Zum anderen dürften auch solche Dolmetscher bei längeren Passagen in Schwierigkeiten geraten (1989: 41).

[8] Und nicht etwa nur am sehr interessanten Simultandolmetschen oder unilateralen Vortragsdolmetschen, sondern auch am bilateralen Gesprächsdolmetschen.

Ende der Leseprobe aus 159 Seiten

Details

Titel
Diskursverarbeitung: Analyse der Rezeptionsphase im bilateralen Dolmetschen mit dem Sprachenpaar Deutsch-Russisch
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie)
Note
1,8
Autor
Jahr
2006
Seiten
159
Katalognummer
V71961
ISBN (eBook)
9783638624268
ISBN (Buch)
9783638700696
Dateigröße
15788 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diskursverarbeitung, Analyse, Rezeptionsphase, Dolmetschen, Sprachenpaar, Deutsch-Russisch
Arbeit zitieren
Martin Arndt (Autor), 2006, Diskursverarbeitung: Analyse der Rezeptionsphase im bilateralen Dolmetschen mit dem Sprachenpaar Deutsch-Russisch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71961

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