Die Diskursverarbeitung als der große Abschnitt der Informationsaufnahme – der Rezeption – beim Dolmetschen ist in der Fachliteratur erst in Ansätzen untersucht worden. Dies gilt insbesondere für das dynamische bilaterale Dolmetschen, das in vorliegender Arbeit theoretisch und praktisch unter Verwendung des Sprachenpaares Deutsch – Russisch hinsichtlich der Rezeptionsphase untersucht wird.
Ganz offensichtlich trägt eine solche Untersuchung zur Erweiterung des Theoriegebäudes der Dolmetschwissenschaft bei. Insofern aber theoretisches Wissen das praktische Handeln und die Dolmetschleistung des Dolmetschers positiv beeinflussen kann, ist vorliegende Arbeit auch praktisch relevant: Wenn die aus der Analyse gewonnenen Ergebnisse für die universitäre Ausbildung eingesetzt werden, kann eine Optimierung der Rezeptionsqualität der Studenten und somit der zukünftigen Dolmetscher erreicht werden.
Die Rezeptionsphase des Dolmetschers ist methodologisch nur schwer zu untersuchen, denn es handelt sich um kognitive Prozesse, die von außen weitestgehend unsichtbar im Kopf des Dolmetschers – in der sogenannten „black box“ – ablaufen. Zeitlich ist die Rezeptionsphase nicht eindeutig von der Transposition und auch kaum von der (Re-)Produktion zu trennen, denn mitunter kann sich der Prozess des Verstehens bis in diese anderen Phasen erstrecken. Da ein unmittelbarer Zugang des Verstehensvorganges derzeit nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich ist, muss also auf die Korrelation zwischen Original und Translat zurückgegriffen werden, um Rückschlüsse bezüglich der Rezeptionsphase zu ziehen. Nach einer übergreifenden Einordnung des weiteren Untersuchungsbereiches – des bilateralen Dolmetschen – und des engeren Untersuchungsbereiches – die Rezeptionsphase im bilateralen Dolmetschen – werden Untersuchungsmethode und -kriterien zur empirischen Auswertung des aufgenommenen Tonbandmaterials hinsichtlich der Rezeptionsphase entwickelt. Es erfolgt im eigentlichen Hauptteil der Arbeit eine graphische Darstellung von theoretisch möglichen Existenzformen der kognitiven Gliederung. Im vierten Kapitel wird die theoretische Fundierung der Rezeptionsphase mit den praktischen Erkenntnissen zusammengeführt, um didaktische Konsequenzen für Gestaltung und Optimierung der universitären Ausbildung hinsichtlich der Rezeptionsphase beim Dolmetschen im Allgemeinen und beim bilateralen Dolmetschen im Besonderen zu erarbeiten.
Inhaltsverzeichnis
1. Aufgabenstellung
1.1 Anlass
1.2 Gegenstand der Untersuchung
1.3 Ziel der Untersuchung
1.4 Verfahrensweise
2. Untersuchungsgegenstand – Einordnung, Charakterisierung und Methodik
2.1 Einordnung des weiteren Untersuchungsgegenstandes „bilaterales Dolmetschen“
2.1.1 Einordnung in das Begriffsfeld „Kommunikation“
2.1.2 Einsatzbereich, Dolmetschart und Dolmetschmodus
2.2 Einordnung des engeren Untersuchungsgegenstandes „Rezeptionsphase“
2.2.1 Rezeption als Teilhandlung des Dolmetschens
2.2.2 Definition des Begriffes „Rezeptionsphase“
2.3 Charakterisierung der Rezeptionshandlungen
2.3.1 Extra-situative Rezeptionshandlungen
2.3.1.1 Vorbereitung des Dolmetscheinsatzes
2.3.1.1.1 Thematische Vorbereitung
2.3.1.1.2 Sprachliche Vorbereitung
2.3.1.2 Nachbereitung des Dolmetscheinsatzes
2.3.2 Intra-situative Rezeptionshandlungen
2.3.2.1 Aufnahme
2.3.2.1.1 Gesprächsdynamik – zwei Kommunikationsschemata
2.3.2.1.2 Besonderheiten der Vollzugsbedingungen
2.3.2.1.3 Verstehen von Rede und die Scenes-and-Frames Semantik
2.3.2.1.3.1 Bottom-Up Prozesse
2.3.2.1.3.2 Top-Down Prozesse
2.3.2.1.3.3 Emotionen
2.3.2.1.3.4 Konzeptuelles Substrat – Genese und Verwendung
2.3.2.1.3.5 Verstehensebenen und Verdolmetschung
2.3.2.2 Begleitende Tätigkeiten
2.3.2.2.1 Gedächtnis
2.3.2.2.2 Notation
2.4 Ableitung einer Methodik zur Untersuchung der Rezeptionsphase
2.4.1 Empirische Auswertung
2.4.2 Heuristische Auswertung
3. Analyse verdolmetschter Diskurse im bilateralen Dolmetschen
3.1 Empirisches Material und Untersuchungsdesign
3.1.1 Herkunft des Untersuchungsmaterials
3.1.2 Aufbereitung des Textkorpus
3.1.3 Testpersonen und Untersuchungsdesign
3.2 Empirische Auswertung
3.2.1 Textkorpus
3.2.1.1 Anzahl und Typisierung dolmetscherinduzierter Rückfragen
3.2.1.1.1 Dolmetscher und Übersetzer – Interpretation der Ergebnisse
3.2.1.1.2 Muttersprachler Deutsch / Russisch – Interpretation der Ergebnisse
3.2.1.2 Verzögerung bis zum Einsetzen der (Re-)Produktion
3.2.1.2.1 Dolmetscher und Übersetzer – Interpretation der Ergebnisse
3.2.1.2.2 Muttersprachler Deutsch / Russisch – Interpretation der Ergebnisse
3.2.2 Notatkorpus
3.2.2.1 Größe der Notate
3.2.2.1.1 Dolmetscher und Übersetzer – Interpretation der Ergebnisse
3.2.2.1.2 Muttersprachler Deutsch / Russisch – Interpretation der Ergebnisse
3.2.2.2 Zeichenhaftigkeit der Notate
3.2.2.2.1 Dolmetscher und Übersetzer – Interpretation der Ergebnisse
3.2.2.2.2 Muttersprachler Deutsch / Russisch – Interpretation der Ergebnisse
3.2.3 Abschließende Bemerkungen zur empirischen Untersuchung
3.3 Heuristische Auswertung
3.3.1 Darstellung und Typisierung kognitiver Gliederungen
3.3.2 Gegenüberstellung beispielhafter kognitiver Gliederungen
3.3.2.1 Parameter Position
3.3.2.2 Parameter Gliederungsbreite
3.3.2.3 Parameter Gliederungstiefe
3.3.2.4 Parameter Relation
3.3.3 Rückschluss auf die Rezeptionsphase
3.3.3.1 Exkurs – methodologische Grundprobleme der Dolmetschwissenschaft
3.3.3.2 Rückschluss auf Rezeptionstypen
3.3.3.3 Rückschluss auf Rezeptionsqualität
3.3.4 Abschließende Bemerkungen zur heuristischen Auswertung
4. Verbesserung der Rezeptionsqualität in der universitären Dolmetscherausbildung
4.1 Die Bedeutung der Theorie für die Praxis
4.2 Extra-situative Faktoren
4.2.1 Generalia
4.2.2 Verbesserung der Top-Down Prozesse
4.3 Intra-situative Faktoren
4.3.1 Generalia
4.3.2 Simulierung belastender Störfaktoren
4.3.3 Entwicklung von Kommunikations- und Gesprächsfähigkeiten
4.3.4 Rückfragen
4.3.5 Qualität des Notats
4.3.6 Kognitive Verarbeitung
4.3.6.1 Verzögerung bis zum Einsetzen der (Re-)Produktion
4.3.6.2 Verbesserung der Bottom-Up Prozesse
4.3.6.3 Einbringen von Emotionen
4.3.6.4 Kognitive Gliederung des Originals
4.4 Abschließende Bemerkungen zur Didaktik der Rezeptionsphase
5. Schlusswort
5.1 Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse
5.2 Ausblick
Zielsetzung und Forschungsfragen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Rezeptionsphase im bilateralen Dolmetschen für die Sprachen Deutsch und Russisch. Ziel ist es, diese kognitiv komplexe Phase theoretisch zu fundieren und durch eine empirische sowie heuristische Untersuchung konkrete Optimierungsvorschläge für die universitäre Dolmetscherausbildung abzuleiten.
- Theoretische Einordnung der Rezeptionsphase als Teil des Dolmetschprozesses
- Untersuchung von Aufnahme, Gedächtnisleistung und Notattechnik
- Empirische Analyse von Rückfragen und Verzögerungen beim Dolmetschen
- Heuristische Untersuchung kognitiver Gliederungsstrukturen
- Didaktische Empfehlungen zur Verbesserung der Rezeptionsqualität bei Dolmetschstudierenden
Auszug aus dem Buch
2.3.2.1.3 Verstehen von Rede und die Scenes-and-Frames Semantik
Im Sinne der Psycholinguistik kann mit Hörmann gesagt werden: „Die Sprache bildet zusammen mit den Tätigkeiten, in die sie verwoben ist, ein Ganzes: das Sprachspiel, das Sprecher, Hörer und Situation umfasst“ (1994: 501). Es stellt sich die Frage, was in diesem Kontext Verstehen bedeutet. Offensichtlich ist Denken mit Sprache verbunden, beides basiert auf einer Konzeptbildung, die das Ganze erfasst. Man könnte formulieren: Wir denken in und mit Sprache und sprechen in und mit Gedanken – diese beiden Phänomene der menschlichen Handlungspraxis sind nicht vollständig voneinander zu trennen, ohne gleichzeitig den jeweils anderen Faktor, der eine konstitutive Größe darstellt, zu negieren. Festzuhalten ist, dass das Wort zunächst nur in einer Kommunikationssituation gegeben ist und in dieser situativ gebundenen Form erlernt und intersubjektiv angewendet werden kann. Allerdings ist es auch so, dass die Worte im Kopf, d. h. Bedeutungen in Form von Begriffen, der individuellen Situation entbehren können und allgemeingültig außer- und übersituativ sind. Dies trifft in geringerem Umfang auch auf Zeichen zu.
Begriffe werden als Sprache erst im Sprechen manifest und intersubjektiv erlebbar. Rubinstein formuliert diese dialektische Beziehung wie folgt: „Sprache und Sprechen hängen wechselseitig zusammen: Das Sprechen bedarf der Mittel der Sprache, und die Sprache existiert real nur im Sprechen“ (1963: 87). Mit Denken, Sprechen und Verstehen beschäftigt sich die kognitive Psychologie, die in den 1960er Jahren aus einer der Behaviorismus kritisch gegenüberstehenden Haltung entstand (Der Brockhaus Psychologie 2001: 298ff.). Der Begriff Kognition leitet sich her aus dem lateinischen „cogito“ im Sinne von eine Sache im Geist zusammenfassen, denken, bedenken oder erwägen. Hiervon abgeleitet meint cognitio Kenntnis, Erkenntnis oder auch Begriff (ibid.). Die kognitive Psychologie beschäftigt sich also „mit Prozessen und Resultaten [...] der Informationsaufnahme und -verarbeitung“, sie berücksichtigt weiterhin kognitive Stile, die sich auf die „spezifische, typische Art und Weise des Denkens und Lösen von Aufgaben“ beziehen (ibid.). Auf den Prozess des Sprachverstehens bezogen erforscht die kognitive Psychologie die an der Sprachrezeption und Sprachproduktion beteiligten kognitiven Vorgänge.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Aufgabenstellung: Einführung in den Untersuchungsgegenstand und Definition des Zieles der Diplomarbeit.
2. Untersuchungsgegenstand – Einordnung, Charakterisierung und Methodik: Theoretische Fundierung des bilateralen Dolmetschens und der spezifischen Rezeptionsphase sowie Entwicklung der Untersuchungsmethodik.
3. Analyse verdolmetschter Diskurse im bilateralen Dolmetschen: Empirische und heuristische Auswertung der untersuchten Gespräche hinsichtlich Rückfragen, Notattechnik und kognitiver Gliederungsstrukturen.
4. Verbesserung der Rezeptionsqualität in der universitären Dolmetscherausbildung: Ableitung didaktischer Empfehlungen zur Optimierung der Dolmetschleistung basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen.
5. Schlusswort: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Ausblick auf zukünftige Forschungsfelder.
Schlüsselwörter
Bilateraler Dolmetschmodus, Rezeptionsphase, Sprachrezeption, kognitive Gliederung, Notattechnik, dolmetscherinduzierte Rückfragen, Dolmetscherausbildung, Scenes-and-Frames Semantik, Top-Down-Prozesse, Informationsaufnahme, Sprachspiel, Translationstheorie, Dolmetschwissenschaft, Konsekutivdolmetschen, Gesprächsdynamik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die spezifischen Prozesse während der sogenannten Rezeptionsphase beim bilateralen Dolmetschen zwischen Deutsch und Russisch.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die kognitiven Verstehensprozesse, die Rolle der Notattechnik, die Gesprächsdynamik und der Einfluss von Emotionen auf die Dolmetschleistung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die theoretische Beschreibung der Rezeptionsphase, um daraus fundierte praxisnahe Vorschläge für die universitäre Ausbildung zu generieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es wird eine Kombination aus empirischer Auswertung (messbare Daten wie Rückfragen und Verzögerungen) und heuristischer Auswertung (Analyse kognitiver Gliederungsstrukturen) angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einordnung, eine methodische Herleitung und die konkrete Analyse eines transkribierten Text- und Notatkorpus aus Lehrveranstaltungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Bilateraler Dolmetschmodus, Rezeptionsphase, Kognitive Gliederung, Notattechnik und Dolmetscherausbildung.
Warum ist die Notation für die Untersuchung relevant?
Die Notation dient als externe Repräsentation der internen kognitiven Verstehensprozesse und ist somit ein zentraler Indikator für die Qualität der Informationsaufnahme.
Welche Rolle spielen die Sprachpaare bei der Analyse?
Die Sprachkombination Deutsch-Russisch dient dazu, die kulturellen und sprachlichen Besonderheiten im bilateralen Dolmetschen und deren Auswirkungen auf die Rezeption zu illustrieren.
- Quote paper
- Martin Arndt (Author), 2006, Diskursverarbeitung: Analyse der Rezeptionsphase im bilateralen Dolmetschen mit dem Sprachenpaar Deutsch-Russisch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71961