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Topische Struktur und Erzählfunktion der Mutter-Imago im Anton Reiser

Title: Topische Struktur und Erzählfunktion der Mutter-Imago im Anton Reiser

Term Paper (Advanced seminar) , 2007 , 28 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Clara Maria Schreiber (Author)

German Studies - Modern German Literature
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„Die Erinnerungen aus demselben [scil. meinem eigentlichen Dasein] scheinen mir alle nur Erinnerungen von Erinnerungen zu sein“2, schreibt Karl Philipp Moritz in seinem 1783 im Magazin zur Erfahrungsseelenkunde erschienenen Artikel „Zur Seelennaturkunde – Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit“. So belehrt er den Leser wage über den Status, den er den frühen Kindheitserinnerungen beimisst, vermutlich weil seine Gedanken selbst noch ebenso wage bleiben. Wie die Erinnerungen an einen Traum, so kommt ihm zum Beispiel die später im Anton Reiser wieder aufgegriffene Idee der Mutter, die ihn, „in ihren Mantel gehüllt, auf dem Arm trug“3, vor und sie wird somit weniger als ein realer Eindruck, mehr als ein Produkt der Einbildungskraft begriffen. Vermittelt scheinen Moritz die frühen Kindheitserinnerungen zu sein, ihr Bezug zu realen Erlebnissen ist dahin gestellt. Seine Gedanken muten uns bei all ihrer Wagheit als ein Vorgriff auf Freud’sche Theoriebildung an. Auch Freud zufolge werden Erinnerungen konstruiert, sie tauchen nicht unvermittelt auf, so wie es unser eigenes Erleben uns häufig glauben lässt. Besonders die frühen Kindheitserinnerungen stehen seiner Meinung nach im Dienste späterer Tendenzen und sind strukturell analog zu Mythen Phantasieprodukte, die als Deckerinnerungen an die Stelle der infantilen Amnesie treten.
Goldmann, der die Rahmenbedingung der Gelehrtenautobiographien des 18. Jahrhunderts als ein variables Grundschema detailliert aufzeigt,4 identifiziert unterschiedliche gattungskonstituierende und epochenspezifische Topoi, die sich auch im Anton Reiser wieder finden. Sie lassen sich seiner Ansicht nach allesamt „in sozialanthropologischer Perspektive als Schwellensituationen auffassen“.5 Der Begriff Schwellensituation steht hier für Initiationsprozesse von sozialer Bedeutsamkeit, die das Individuum auf dem Weg hin zur Findung der eigenen Positionierung in Gemeinschaft durchschreitet. Da sich in der damaligen Pädagogik die Einsicht in die Relevanz früher Kindheitserfahrungen für eben jene Positions- und damit Identitätsfindung durchgesetzt hat, beginnt in den autobiographischen Erinnerungen die Fixierung auf die frühesten prägenden Kindheitserlebnisse.

==
1 Freud (2000): Seite 553.
2 Moritz (1993): Seite 106.
3 ebd.: Seite 104.
4 Goldmann (1994): Seite 660ff.
5 Goldmann (1994): Seite 668.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Prolegomena: Imagines als „Erinnerungen von Erinnerungen“

2 Die topische Struktur der Mutter-Imago

2.1 Initiationsmodell als narrativer Rahmen

2.2 Ikonographischer Typus und Identitätstopos

2.3 Unrecht-Tun und Unrecht-Leiden

2.4 Melancholie, suizidale Gedanken und Fluchtmotiv

2.5 Beziehungssymbol Lesen

3 Bilanz und Ausblick: Die Ambivalenz der Mutter-Imago für Anton und den Erzähler

Zielsetzung und Themen der Arbeit

Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die narrative Struktur und die psychologische Erzählfunktion der Mutter-Imago in Karl Philipp Moritz’ psychologischem Roman „Anton Reiser“. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, aus welchen Topoi sich das Modell der Mutter zusammensetzt und wie der Erzähler durch die Konstruktion der Mutter-Imago versucht, aus der fragmentierten Biografie des Protagonisten eine Einheit zu schaffen, ohne dabei das Scheitern dieses Vorhabens zu verheimlichen.

  • Analyse der Mutterfigur als psychologische Imago und Symbolträgerin.
  • Untersuchung der kindlichen Identitätsbildung im Spannungsfeld zwischen symbiotischer Bindung und elterlicher Entfremdung.
  • Herausarbeitung des Motivs des Unrecht-Leidens und dessen Verknüpfung mit frühkindlichen Erfahrungen.
  • Deutung der Rolle des Lesens als Beziehungssymbol und Ersatzraum für emotionale Zuwendung.
  • Kritische Reflexion über die Ambivalenz des Erzählers gegenüber seiner eigenen Romanfigur.

Auszug aus dem Buch

2.2 Ikonographischer Typus und Identitätstopos

„Eine von Antons seligsten Erinnerungen aus den frühesten Jahren seiner Kindheit ist, als seine Mutter ihn in ihren Mantel eingehüllt, durch Sturm und Regen trug. Auf dem kleinen Dorfe war die Welt ihm schön, aber hinter dem blauen Berge, nach welchem er immer sehnsuchtsvoll blickte, warteten schon die Leiden auf ihn, die die Jahre seiner Kindheit vergällen sollten.“16

In dieser bereits im Magazin zur Erfahrungsseelenkunde geschilderten Erinnerung17, die dort in Anknüpfung an die Reflexionen über den Status der Kindheitserinnerungen als traumartige Produkte des menschlichen Gemüts geschildert wird, werden die Mutter und Antons Verbindung zu ihr positiv konnotiert. Um Reisers Gedanken und Empfindungen, vielleicht eher Sehnsüchten im Hinblick auf die Mutter Ausdruck zu verleihen, bedient sich Moritz der ikonographischen Schablone der Schutzmantelmadonna.

Dieses idealisierte Objekt erscheint als Garant für Geborgenheit und Sicherheit, aber nicht nur das, in ihm wird die frühe Mutter-Kind-Dyade figuriert, in der das Kind noch symbiotisch mit der Mutter verschmolzen ist.

Die Verschmelzung Reisers mit einer Mutter-Imago, die für Schutz und Geborgenheit steht, wird von Moritz nicht nur an dieser Stelle auf die personale Mutter bezogen. Im gesamten ersten Teil des Romans erscheint Antons Mutter mehrfach in solcher Funktion.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Prolegomena: Imagines als „Erinnerungen von Erinnerungen“: Dieses Kapitel führt in den Status von Kindheitserinnerungen im Roman ein und etabliert den theoretischen Rahmen, der die Mutterfigur als konstruiertes Produkt der Einbildungskraft und als psychologische Imago begreift.

2 Die topische Struktur der Mutter-Imago: Dieser Hauptteil analysiert die verschiedenen narrativen und topischen Ausprägungen der Mutterfigur, von der schützenden Madonna bis zur willkürlich strafenden Verfolgerin, und beleuchtet die damit verbundenen psychischen Konflikte Antons.

3 Bilanz und Ausblick: Die Ambivalenz der Mutter-Imago für Anton und den Erzähler: Das Fazit fasst zusammen, dass die Mutter-Imago ein unauflösbares Konfliktpotential symbolisiert und reflektiert das Scheitern des Erzählers daran, eine harmonische Einheit im Leben des Protagonisten zu stiften.

Schlüsselwörter

Anton Reiser, Karl Philipp Moritz, Mutter-Imago, psychologischer Roman, Kindheitserinnerung, Initiation, Identitätstopos, Unrecht-Leiden, Joy of Grief, Symbolik, Pietismus, narzisstisches Milieu, Erzählerfunktion, Ambivalenz, Todessehnsucht.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die Bedeutung und Funktion der Mutterfigur in Karl Philipp Moritz’ Roman „Anton Reiser“ unter einer literatur- und psychoanalytischen Perspektive.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Im Zentrum stehen die Konzepte der Mutter-Imago, die Identitätsentwicklung des Protagonisten, das Motiv des Leidens am Unrecht sowie die Rolle von Lektüre als Symbol für zwischenmenschliche Beziehungen.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Die Arbeit fragt nach der erzählerischen Struktur und Funktion der Mutterfigur und analysiert, wie diese als Imago zur Bewältigung oder Darstellung der psychischen Konflikte Antons beigetragen hat.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine textnahe literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die durch kultur- und entwicklungspsychologische Ansätze (u.a. von Alice Miller und C.G. Jung) ergänzt wird.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in Analysen zu Initiationsmodellen, ikonographischen Typen wie der Schutzmantelmadonna, dem Fluchtmotiv sowie dem komplexen Verhältnis zwischen Mutter und Sohn durch das Medium des Buches.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind unter anderem die Mutter-Imago, Identitätstopos, Unrecht-Leiden, psychologischer Roman und die Ambivalenz des Erzählens.

Wie unterscheidet sich die Darstellung der Mutter von anderen Romanfiguren?

Die Mutterfigur wird nicht als reale Person, sondern als variable Imago gezeichnet, die je nach narrativer Situation zwischen schützender Idylle und destruktiver Strenge schwankt.

Was bedeutet der Begriff „Joy of Grief“ in diesem Kontext?

Der Begriff beschreibt den Hang Antons und seiner Mutter, aus dem Empfinden von erlittenem Unrecht eine Form von melancholischem Genuss oder Identitätsstiftung abzuleiten.

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Details

Title
Topische Struktur und Erzählfunktion der Mutter-Imago im Anton Reiser
College
Martin Luther University  (Germanistisches Institut)
Course
Literarische Autobiographien im 18. Jahrhundert
Grade
1,3
Author
Clara Maria Schreiber (Author)
Publication Year
2007
Pages
28
Catalog Number
V72024
ISBN (eBook)
9783638633888
Language
German
Tags
Topische Struktur Erzählfunktion Mutter-Imago Anton Reiser Literarische Autobiographien Jahrhundert
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Clara Maria Schreiber (Author), 2007, Topische Struktur und Erzählfunktion der Mutter-Imago im Anton Reiser, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72024
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