Zusammenbruch der höfischen Fassade und Verfall der gesellschaftlichen Ordnung anhand des Nibelungenliedes


Hausarbeit, 2006

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Zwischen Worms und Isenstein - Die Standeslüge -

3. Sein und Schein - Zwei Realitäten einer Königin -

4. Verrat und Intrige - Siegfrieds Ermordung -

5. Verfall der gesellschaftlichen Ordnung - Das Leben nach der Ermordung -

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Entstehung des „Nibelungenliedes“[1] zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert ist bis heute, trotz intensiver Forschungen und Untersuchungen der drei vollständig erhaltenen Handschriften, ungeklärt und noch immer ein großes Rätsel für Gelehrte und Interessierte. Obwohl zur „klassischen Zeit des Minnesangs [ ... ] und Glanzzeit der höfischen Etikette“[2] verfasst, ist das Epos doch stark von Verrat, Mord und Intrigen geprägt.

Anhand einiger ausgewählter Ereignisse soll nun die Prägnanz dieser Charakteristika für den Zusammenbruch der höfischen Fassade verdeutlicht und der Verfall der gesellschaftlichen Ordnung dargestellt werden. Hierbei spielen sowohl Neid und Machtgier, als auch Misstrauen und Missgunst eine große Rolle.

2. Zwischen Worms und Isenstein – die Standeslüge -

Zu Beginn des Epos stellt Gunther den „Vertreter der Welt stabiler Strukturen und traditioneller Werte“[3] dar, weshalb am Wormser Hof großes Augenmerk auf traditionell-höfisches Verhalten gelegt wird. „Mit den Worten: ,Die herren wâren milte, von arde hôh erborn’ (5,1) werden die burgundischen Könige als ideale Herrscher eingeführt.“[4] Das gesellschaftliche Leben unterliegt einem festen Protokoll, das besonders bei feierlichen Anlässen wie Hochzeiten, Brautwerbungen und Siegesfesten durch „Turniere und Spiele, [ ... ] Aufzüge prächtiger Gefolge mit Pferden und kostbaren Gewändern“ (S.1006) in Erscheinung tritt. Somit wird durch Macht, Reichtum und die großzügige Gebefreudigkeit der milte das Ansehen und die Geltung der Höfe in der Gesellschaft bestimmt. „Exzessive Verschwendung von Geschenken spiegelt den Glanz einer Herrschaft.“[5]

Auf dieses äußere Erscheinungsbild stützt sich das gesamte Machtgebilde Gunthers, da dessen Machtanspruch nur auf Erbfolge und nicht wie bei Siegfried zusätzlich auf Stärke und kämpferischer Überlegenheit beruht. Umso wichtiger scheint es die Fassade seiner gesellschaftlichen Stellung am Wormser Hof mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten.

Bietet sich eine Gelegenheit, so wird die rîcheit[6] Gunthers in Form von großen Festen, Turnieren, herrlicher Kleidung und einer Vielzahl von Schenkungen demonstriert, um das herrschaftliche Gefüge zusammen zu halten. Stimmt das äußere Erscheinungsbild, wird die Herrschaft nicht in Frage gestellt.

Bei der Brautwerbungsfahrt um Brünhild gerät jedoch die gesellschaftliche Ordnung, wenn hier auch noch nicht für alle ersichtlich, erstmals ins Wanken.

„Sô wir die minneclîchen bî ir gesinde sehen

sô sult ir, helde maere wan einer rede jehen:

Gunther sî mîn herre, und ich sî sîn man.“ (386,1 ff)

Was zunächst mindere Bedeutung zu haben scheint, ist jedoch grundlegend für das sich entwickelnde Gerüst aus Lügen, welches letztendlich zum Verrat an Siegfried führen muss, um die gesellschaftliche Stellung Gunthers beizubehalten. Denn sowohl die Unterordnung Siegfrieds durch den Steigbügeldienst, mit welchem er Gunthers Ansehen stärkt, als auch die Lüge der Eroberung Brünhilds im Kampf, „nu hab dú die gebaere, diu werc will ich begân“ (354,3 ff) die Stärke und kämpferische Überlegenheit zeigt, haben große Bedeutung für die weitere Entwicklung der Geschichte. Das idealisierte höfische Verhalten und der prunkvolle Auftritt „Ûz árâbîschem golde vil gesteines scein“ (366,1) vervollständigen den Betrug. Um Brünhilds Macht und Unabhängigkeit noch weiter einzudämmen und Gunthers Position zu verbessern, wird ihr nahe gelegt, auf ihren Reichtum zu verzichten,

„vrouwe, iu sî geseit,

ez hât der künec von Rîne gólt únde kleit

alsô vil ze gebene, daz wir des haben rât,

daz wir von hinnen füeren iht der Prünhilde wât.“ (519,1 ff)

denn ohne Vermögen besteht ein starkes Abhängigkeitsverhältnis zwischen König und Königin.

Der gesellschaftliche Stand Siegfrieds, der in Isenstein für alle ersichtlich scheint, ist jedoch nach erfolgreicher Werbung nicht einfach rückgängig zu machen. So wird Siegfried, um die Täuschung Brünhilds aufrecht zu erhalten, obwohl dies seinem eigentlichen Rang als König wiederspricht, für einen Botendienst nach Worms gesandt, um den positiven Ausgang des Kampfes und die erfolgreiche Werbung Brünhilds bekannt zu geben. Immer wieder wird hierbei darauf hingewiesen, dass Siegfried der „höfischen Minne“ wegen, Gunther zu dienen und helfen bereit ist „Jane lób`ichz niht sô verre durch die liebe dîn sô durch dîne swester, daz scoene magedîn.“ (388,1 ff) und damit zum tragischen Verlauf des Epos beiträgt. Die Hand Kriemhilds zu besitzen, und deren Liebe zu erlangen, steht über dem Rechtsempfinden, welches er Brünhild gegenüber vertritt. Er lässt sich „von der Macht der Minne verführen und stirbt als Folge dieses Fehltritts“.[7] Denn die Wahrnehmung Brünhilds seiner gesellschaftlichen Position stellt das Schlüsselereignis der Ermordung Siegfrieds und des langsamen Verfalls der höfischen Ordnung in Worms dar.

[...]


[1] Das Nibelungenlied, Reclam, Miniatur aus der Hundeshagenschen Handschrift (b), Stuttgart 2002.

[2] Hansen, W., Die Spur des Sängers. Das Nibelungenlied und seine Dichter, Bergisch Gladbach

1987, S.13.

[3] Haymes, E., Das Nibelungenlied, München 1999, S.140

[4] Müller, J., Die Welt des Nibelungenliedes. Spielregeln für den Untergang, Tübingen 1998, S.348.

[5] Müller, J., Die Welt des Nibelungenliedes. Spielregeln für den Untergang, Tübingen 1998, S.348.

[6] Lexer, M., Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, 38. Auflage, Stuttgart 1992, S.168.

[7] Haymes, E., Das Nibelungenlied, München 1999, S.139.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Zusammenbruch der höfischen Fassade und Verfall der gesellschaftlichen Ordnung anhand des Nibelungenliedes
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Das Nibelungenlied
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
11
Katalognummer
V72141
ISBN (eBook)
9783638696210
ISBN (Buch)
9783656585220
Dateigröße
389 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zusammenbruch, Fassade, Verfall, Ordnung, Nibelungenliedes, Nibelungenlied
Arbeit zitieren
Anna-Lena Walter (Autor), 2006, Zusammenbruch der höfischen Fassade und Verfall der gesellschaftlichen Ordnung anhand des Nibelungenliedes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72141

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zusammenbruch der höfischen Fassade und Verfall der gesellschaftlichen Ordnung anhand des Nibelungenliedes



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden