Wie lässt sich die Politik der Volksrepublik China bezüglich der Sicherung des Zugangs zu fossilen Brennstoffen erklären?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Ausgangssituation der chinesischen Energiesituation
II.1. Chinas Energiemix
II.2. Die Vorkommen fossiler Rohstoffe in China
II.3. Prognosen zum Bedarf

III. Empirische Befunde
III.1. Zielländer chinesische Investitionen und mögliche Konflikte
III.2. Die Transportproblematik
III.3. Besonderheiten der chinesischen Strategie
III.4. Fallbeispiel Afrika

IV. Theoretische Deutung

V. Zusammenfassung

VI. Anhang

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

China ist in aller Munde. Das bevölkerungsreichste und flächenmäßig viertgrößte Land der Erde zeigt der Welt ein einmaliges Wirtschaftswunder. Seit 1978 hat sich das Bruttoinlandsprodukt mehr als verzehnfacht. Nach Pro-Kopf-Einkommen und Kaufkraftparität (purchase power parity, PPP) ist das Land zwar noch weit hinter den OECD-Staaten zurück – auf Platz 109 zwischen Algerien und der Ukraine – allerdings liegt das BIP in PPP ermittelt bereits hinter den USA auf Rang zwei, bezieht man die EU als gemeinsamen Wirtschaftsraum nicht mit ein. All diese Zahlen und Vergleich sind bei uns im Westen mittlerweile so etwas wie Allgemeinwissen. Die sozialen Unruhen und Spannungen gehören noch nicht dazu. Jedoch kommt es landesweit immer häufiger zu Protesten von Arbeitslosen, Rentnern, Bauern und anderen Bevölkerungsgruppen.

Diese Entwicklungen scheinen das Land erneut vor eine Zerreißprobe zu stellen, wie sie es in der chinesischen Geschichte häufig gegeben hat. Derzeit scheint die Regierung die Situation noch kontrollieren zu können. Ein Grund dafür liegt sicherlich in dem enormen wirtschaftlichen Wachstum seit den Reformen Deng Xiaopings, das offensichtlich seine Schattenseiten hat, aber immerhin auch viele Millionen Menschen aus der Armut befreien konnte. Die Lebenserwartung stieg auf über 72 Jahre, die Kindersterblichkeit sank auf 23 Fälle pro 1.000 Lebendgeburten.

Nun ist ein zweistelliges Wirtschaftswachstum nicht zum Nulltarif zu haben. Die chinesische Wirtschaft benötigt riesige Energiemengen, um dieses Wachstum zu generieren. Dabei ist die Energieeffizienz im Vergleich zu entwickelten Industrieländern extrem schlecht. So braucht China pro Einheit BIP fünf Mal so viel Energie wie die nicht gerade als energiebewusst bekannten Amerikaner und zwölf Mal so viel wie Japan. Da aber die heimischen Reserven an fossilen Brennstoffen abgesehen von Kohle relativ gering sind, ist die chinesische Regierung gezwungen, international aktiv zu werden, um die Versorgung der Wirtschaft mit den dringend benötigten Rohstoffen sicherzustellen. Damit garantiert sie zunächst einmal den anhaltenden Wirtschaftsboom, zum anderen aber auch ihr eigenes Überleben. Denn mit der ökonomischen Liberalisierung und politischen Entideologisierung ging auch der Maoismus als Herrschaftslegitimation der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) verloren. Was bleibt, ist die Legitimation über Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und des Friedens sowie die Aussicht auf ökonomisches Wachstum. Damit soll zunächst nicht gesagt sein, dass die KPCh automatisch entmachtet oder China in einem Bürgerkrieg versänke, wenn dies nicht mehr gegeben sei, aber vorstellbar ist es allemal. Wenn man diese Argumentation akzeptiert, ist es wohl offensichtlich, welch entscheidende Rolle der Energieaspekt in diesem Zusammenhang spielt.

Deshalb will ich in dieser Arbeit der Frage nachgehen, welche Strategien die chinesische Politik verfolgt, um den Zugang zu fossilen Energieträgern zu sichern, sowie Erklärungsansätze für ihr außenpolitisches Handeln liefern. Da China selbst relativ große Kohlevorkommen besitzt, werde ich mich auf Erdöl und Erdgas beschränken, auch, weil es für die internationalen Beziehungen das brisantere Thema ist. Denn das Versiegen der Öl- und Gasquellen werden wir wohl in wenigen Jahrzehnten erleben, wohingegen die Kohlevorkommen noch etwas länger reichen werden. Zunächst werde ich die Ausgangslage darstellen, mit der sich auch die chinesische Führung befassen muss, nämlich den Energiemix des Landes, sowie den im Land lagernden Ressourcen und den Prognosen zum künftigen Bedarf. Danach werden die wichtigsten Prinzipien der chinesischen Erschließungspolitik behandelt, sowie die sich daraus ergebenden Probleme. Dies sind zum einen logistische Herausforderungen, zum anderen politische Konfrontationen, die sich immer ergeben können, wenn ein so heikles Thema wie die Energieversorgung auf der Tagesordnung steht. Am Fallbeispiel Afrika wird die Anwendung der Strategien exemplarisch dargestellt. Im vierten Teil wird die chinesische Politik im größeren Rahmen der Internationalen Beziehungen betrachtet und anhand theoretischer Modelle zu erklären versucht. Abschließend werden die wichtigsten Punkte noch einmal zusammengefasst.

II. Ausgangssituation der chinesischen Energiesituation

II.1. Chinas Energiemix

Die Zusammensetzung des Energiemix ist von besonderem Interesse, wenn man strategische politische Entscheidungen treffen, beziehungsweise in unserem Falle, analysieren will. Er gibt Auskunft darüber, welcher Primärenergieträger zu welchem Anteil in einem Land zur Stromerzeugung, Heizung, Verkehr und anderen Anwendungen verbraucht wird. Offensichtlich schränkt eine zu starke Konzentration auf nur wenige (fossile) Energieträger ein Land in seiner Entscheidungsfreiheit ein und führt zu problematischen Abhängigkeitsverhältnissen.

Betrachtet man nun den Energiemix Chinas (vgl. Abbildung 1), so sieht man, dass das Land zu über 80% von fossilen Brennstoffen abhängig ist. Knapp 62% der Primärenergie kommt dabei allein von Braun- und Steinkohle, Erdöl macht ungefähr 20%, Erdgas noch einmal 2,6% aus. Vergleicht man diese Werte mit ähnlich starken Volkswirtschaften, so zeigt sich, dass der Anteil der fossilen Energieträger beispielsweise in den USA oder Deutschland mit 86% bzw. 83% ähnlich hoch ist, jedoch ein größeres Gleichgewicht hinsichtlich der Aufteilung in Kohle, Öl und Gas herrscht. China ist also vergleichsweise überproportional von Kohle als Energieträger abhängig.

Nun ist es wie bereits erwähnt kein Geheimnis, dass eine starke Abhängigkeit von einem oder wenigen Rohstoffen sehr schnell zu politischen Abhängigkeiten führen kann, sofern man nicht mit großen und günstig zu fördernden Lagern gesegnet ist. Sollte dies nicht nicht der Fall sein, so muss es vernünftigerweise Ziel der Regierung sein, den Energiemix zu diversifizieren und sich neue, stabile Zugänge auf dem Weltmarkt zu sichern. Bevor Chinas Bemühungen um eine solche Diversifizierung näher betrachtet werden, soll aber eine Bestandsaufnahme der im Land selbst lagernden Vorkommen gemacht werden.

II.2. Die Vorkommen fossiler Rohstoffe in China

China ist weltweit größter Produzent von Steinkohle, mit 2.226 Millionen Tonnen (Mt) im Jahr 2005. Zum Vergleich, auf Platz zwei und drei folgen die USA und Indien mit 951Mt, beziehungsweise 398 Mt. In der Rangfolge der größten Exporteure liegt es allerdings nur auf dem fünften Platz. Dies spricht zum einen für den enormen eigenen Bedarf, zum anderen aber auch für die Gewissheit der chinesischen Führung, dass man mit den eigenen Reserven relativ sparsam haushalten muss, um gegenüber anderen Ländern bei steigenden Rohölpreisen und zunehmender Verknappung nicht zu sehr ins Hintertreffen zu geraten. Zwar sind die Reserven verschiedenen Quellen zufolge immens, jedoch lagert der größte Teil davon – ungefähr drei Viertel - im relativ schwer zugänglichen und unerschlossenen Teil Chinas im Norden und Nordwesten, dazu in relativ großen Tiefen. Daraus resultieren lange und teure Transportwege in die über 3.000 km entfernten Ballungsräume im Osten und Süden des Landes.

Der Abbau der Kohle ist somit nicht nur eine große Umweltbelastung, sondern auch wirtschaftlich nicht immer rentabel – zumindest bisher. Eine andere Statistik weist auch noch auf einen weiteren problematischen Aspekt der Kohleförderung hin. Von 2000 bis 2005 starben bei Industrieunfällen in China - wohlgemerkt nach offiziellen Zahlen – 6.476 Menschen, davon alleine 5.493 im Bergbau. Damit ist China mit weitem Abstand alleiniger Spitzenreiter.

Abbildung 2 zeigt die Erdölvorkommen in China sowie im Ost- und Südchinesischen Meer. Nach aktuellen Angaben ist das Tarim-Becken im Westen des Landes das größte Ölfeld innerhalb der eigenen Staatsgrenzen. Frühere Schätzungen gingen davon aus, dass die dort lagernden Reserven die von Saudi-Arabien übersteigen würden. Diese Hoffnung hat sich allerdings nicht bewahrheitet, die Schätzungen mussten im Laufe der Zeit immer weiter nach unten korrigiert werden. Wie dem auch sei, der entscheidende Zeitpunkt ist in dieser Angelegenheit das Jahr 1993, als China seine lange währende Ära der autarken Energieversorgung aufgeben musste und zum Nettoimporteur von Öl wurde. Selbst im unwahrscheinlichen Fall, dass noch größere Lagerstätten innerhalb Chinas gefunden werden sollten, würden diese wohl kaum ausreichen, den ständig wachsenden Bedarf der chinesischen Volkswirtschaft zu decken.

Neben fossilen Energieträgern investiert China zur Zeit massiv in den Ausbau der Kern- und Wasserkraft, mit dem Drei-Schluchten-Staudamm betreibt China immerhin das größte Wasserkraftwerk der Welt. Zum einen können aber auch diese Quellen den steigenden Bedarf nur zu geringen Teilen decken, zum anderen wird durch Atom- und Wassserkraft lediglich Strom erzeugt, für viele weitere Anwendungen sind fossile Brennstoffe immer noch unumgänglich.

Die politische Führung ist mithin gezwungen, zuverlässige Quellen auf dem Weltmarkt zu erschließen. Andernfalls wird es ihr kaum gelingen, das Wirtschaftswachstum aufrecht zu erhalten, was – so die These - die Grundlage ihrer Herrschaftslegitimation darstellt. Da also die heimischen Vorkommen nicht ausreichen, ist es umso interessanter, die chinesische Politik daraufhin zu untersuchen, in welchen Ländern sie auf welche Weise versucht, Zugang zu Erdölquellen zu erlangen, beziehungsweise, welche Maßnahmen bezüglich der umstrittenen Vorkommen im Ost- und Südchinesischen Meer getroffen werden. Die hier für Erdöl dargestellte Situation kann ohne größere Änderungen auch für Erdgas gelten. Dieses tritt zum einen meist in geographischer Nähe zu Erdölfeldern auf, zum anderen aber macht Erdgas in China im Vergleich zu Industrienationen nur einen sehr geringen Teil des Primärenergiebedarfs aus.

II.3. Prognosen zum Bedarf

Unumstritten ist, dass der Energiebedarf Chinas in Zukunft weiter wachsen wird. Um aber eine Ahnung von den Dimensionen dieses Bedarfs zu erhalten, ist ein kurzer Überblick über die bisherige Entwicklung und die zuverlässigsten Prognosen hilfreich. Betrachtet man den weltweiten Anteil Chinas am Gesamtprimärenergiebedarf (Total Primary Energy Supply, TPES), so wuchs dieser von 7,2% im Jahre 1973, also noch vor den wirtschaftlichen Reformen von 1978, auf 14,7% im Jahre 2004. In absoluten Zahlen bedeutet dies ein Wachstum von 434 Million Tonnen Öleinheiten (Mtoe) auf 1.625 Mtoe. Nach den Prognosen der International Energy Agency (IEA) wird Chinas Anteil am Gesamtbedarf 2010 14,3% und 2030 16,2% sein. Wieder in absoluten Zahlen bedeutet dies ein Wachstum auf 1.745 bzw. 2673 Mtoe. Das bedeutet, dass die chinesische Volkswirtschaft im Jahre 2030 in etwa die gleiche Menge an Primärenergie benötigen wird, wie die USA im Jahr 2004, deren Bedarf 2.325 Mtoe betrug. Kein anderes Land der Erde kommt nur annähernd an diese Wachstumswerte heran. Das bedeutet also Herausforderung und Handlungszwang für die chinesische Politik, die benötigten Quellen zu erschließen und die Möglichkeiten zur Weiterverarbeitung bereitzustellen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Wie lässt sich die Politik der Volksrepublik China bezüglich der Sicherung des Zugangs zu fossilen Brennstoffen erklären?
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Seminar für wissenschaftliche Politik)
Veranstaltung
Die Außenpolitik der Volksrepublik China
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V72251
ISBN (eBook)
9783638722605
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, Volksrepublik, China, Sicherung, Zugangs, Brennstoffen, Außenpolitik
Arbeit zitieren
Pascal Zimmer (Autor), 2007, Wie lässt sich die Politik der Volksrepublik China bezüglich der Sicherung des Zugangs zu fossilen Brennstoffen erklären?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72251

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