Das Ende der Utopie - Von den Frühsozialisten zur wissenschaftlichen Weltanschauung der Arbeiterklasse


Seminararbeit, 2002

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmung
2.1 Zum Begriff der „Utopie“
2.2 Zum Begriff „Frühsozialismus“

3 Die utopischen Systeme von Saint-Simon, Fourier und Owen

4 Bestandteile der marxistischen Weltanschauung
4.1 Der dialektische und historische Materialismus
4.2 Politische Ökonomie
4.3 Wissenschaftlicher Kommunismus

5 Frühsozialismus aus marxistischer Sicht

6 Fazit und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mit dem Scheitern 1989 / 90 des sozialistischen Versuchs in Europa hat die kommunistische Bewegung einen schweren Rückschlag erlitten. In nahezu allen ehemaligen sozialistischen Ländern (Nordkorea und China verdienen kaum mehr das Adjektiv „sozialistisch“) – mit Ausnahme Kubas – wurde kapitalistische Verhältnisse restauriert. Verbunden war dieser Prozess mit einer Marginalisierung des Einflusses der marxistischen Weltanschauung. Die ehemaligen Regierungsparteien haben sich in postkommunistische Parteien gewandelt. Besonders deutlich wird das auch in Deutschland. Die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), aus der SED hervorgegangen, hat die noch verbliebenen marxistischen Elemente in ihrer Programmatik in den vergangenen Jahren nahezu vollständig entfernt. Das Wort „Sozialismus“ in ihrem Namen ist bloß noch ein Schlagwort, ohne konkreten Inhalt. Die marxistische Partei in Deutschland, die DKP, ist mit weniger als fünftausend Mitgliedern nahezu bedeutungslos. Trotz dieser Schwäche der marxistischen Linken wird auf allen Ebenen versucht, sozialistische und kommunistische Ideen zu diffamieren. Dies äußert sich zum Beispiel in der Vehemenz, mit der die deutsche Justiz ehemalige Funktionsträger der DDR kriminalisiert und verfolgt. Aber auch auf ideologischer Ebene finden Versuche statt, marxistische Ideen zu delegitimieren. Nach den Ereignissen 1989 / 90 hatten die bürgerlichen Ideologen dann auch schnell eine Erklärung zur Hand. Sie sahen in dem Scheitern des sozialistischen Versuchs das „Scheitern einer Utopie“. Manche gingen sogar so weit, in Marx selbst die Ursache zu sehen, die den Sozialismus zu einer „Todesstarre“ verurteilte[1]. Der Vorwurf, Anhänger einer Utopie zu sein, ist jedem Sozialisten oder Kommunisten aus der politischen Praxis gut bekannt. Unabhängig davon, wie oft diese Vorwürfe wiederholt werden, wahrer werden sie dadurch nicht. Das Stadium des Utopismus haben die sozialistischen Ideen seit Karl Marx und Friedrich Engels verlassen. Sie stellten den Sozialismus auf ein wissenschaftliches Fundament. Warum diese Charakterisierung des Marxismus auch heute noch Gültigkeit hat, soll im Folgenden herausgearbeitet werden. Zunächst sollen jedoch die beiden Begriffe Utopie und Frühsozialismus geklärt werden. Vor allem das Wort „Utopie“ wird in einer Vielzahl von Bedeutungen benutzt. Danach soll eine knappe Übersicht über die Theorien der einflussreichsten Frühsozialisten, Saint-Simon, Fourier und Owen, gegeben werden. Um einen Vergleich anstellen zu können, soll dann die marxistische Weltanschauung skizziert werden, zerlegt in die drei Bestandteile historischer und dialektischer Materialismus, politische Ökonomie und wissenschaftlicher Kommunismus. Dies kann – wie auch die Darstellung der Frühsozialisten – nur stark verkürzt und vereinfacht geschehen. Diese Tatsache ergibt sich notwendigerweise aus dem Umfang dieser Arbeit. Dass damit keinesfalls dem Lebenswerk und Ideenreichtum von Karl Marx und Friedrich Engels Rechnung getragen werden kann, versteht sich von selbst. Dieser Mangel ist dem Autor dieser Arbeit durchaus bewusst. Um den Marxismus vom Frühsozialismus abzugrenzen, muss diese holzschnittartige Darstellung reichen. Schließlich bleibt zu klären, wie die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus selbst über die Frühsozialisten gedacht haben. Marx und Engels haben sich an verschiedenen Stellen dazu geäußert. Auf Grundlage der beiden Schriften „Manifest der kommunistischen Partei“ und „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ soll ihre Beurteilung über den Frühsozialismus herausgearbeitet werden.

2 Begriffsbestimmung

2.1 Zum Begriff der „Utopie“

Gleich vorweg geschickt: eine allgemein anerkannte Definition darüber, was eine Utopie ist, existiert nicht. Die Menge an Literatur, die Utopien zum Gegenstand hat, ist nahezu unüberschaubar. Dementsprechend hoch ist auch die Anzahl der unterschiedlichen Auffassungen darüber, was unter dem Begriff „Utopie“ verstanden werden soll. Unstrittig ist lediglich der etymologische Ursprung des Wortes.[2] Es geht auf den 1516 erstmals veröffentlichten Staatsroman „Utopia“[3] von Thomas Morus zurück. Der Titel setzt sich aus den beiden griechischen Wörtern „ou“ (zu deutsch: nicht) und „topos“ (zu deutsch: Ort) zusammen, bedeutet also „Nicht-Ort“ oder „Nirgendwo“.[4] Morus schildert die Erlebnisse des fiktiven Reisenden Raphael Hytlodeus, den sein Weg auf die Insel Utopia, fernab der schon erforschten Gegenden, führte. Auf Utopia ist das Privateigentum weitgehend abgeschafft, „selbst die Häuser tauschen sie alle zehn Jahre um“[5] schreibt Morus. Dies hat eine weitgehende soziale Gleichstellung der Utopier zur Folge, wenngleich diese noch die Sklaverei kennen.[6] Die „Utopia“ war nicht als bloße Fiktion angelegt. Morus stellte den Bezug zur Realität her, in dem er sich feststellt, „daß es in der Verfassung sehr vieles gibt, was ich in unseren Staaten eingeführt sehen möchte. Freilich ist das mehr Wunsch als Hoffnung“[7]. Umgangssprachlich wird das Adjektiv „utopisch“ meist gleichbedeutend mit „unerreichbar“ oder auch „phantastisch“ verwendet, hat also durchaus eine abwertende Bedeutung. Im wissenschaftlichen Bereich kommt dem Wort „Utopie“ hingegen meist eine andere Bedeutung zu. Seit Morus seine „Utopia“ verfasst hat, haben sich unzählige unterschiedliche Utopiekonzeptionen herausgebildet. Sie zu typologisieren und zu vergleichen würde eine eigene Arbeit, wenn nicht sogar ein ganzes Buch füllen. Die Frage lautet: Welche Anforderungen sind an einen Utopiebegriff zu stellen? Zum einen muss, um eine Existenzberechtigung als eigenständige Kategorie zu haben, eine deutliche Abgrenzung zu anderen wissenschaftlichen Begriffen erfolgen. Der Gegenstand, den der Begriff zum Inhalt hat, muss klar eingegrenzt sein. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, sollen hier lediglich einige unterschiedliche Ansätze der jüngeren Vergangenheit, einen Utopiebegriff zu definieren, skizziert werden. Wie sich zeigen wird, sind die Ansätze höchst unterschiedlich, schließen sich zum Teil sogar aus. Wie schon weiter oben angeführt, wird im Alltag das Wort „Utopie“ oft im Sinne von „unmöglich“ verwendet. Das Kriterium der Möglichkeit der Realisierung bestimmt also, was Utopie ist und was nicht. Solche formale Ansätze finden zum Teil auch in der Wissenschaft Verwendung, so zum Beispiel bei Martin Seel. Utopien seien „in Raum und Zeit unerreichbare Zustände, deren Erreichbarkeit dennoch gedacht werden kann“[8], schreibt er. Und weil Utopien kein Zweig der phantastischen Literatur seien, müssten Utopisten drei Kriterien erfüllen: Ihre Utopien müssten nicht nur vorstellbar sein, sondern „auf der Basis des verfügbaren Wissens […] tatsächlich denkbar“[9] sein. Das zweite Kriterium leitet Seel aus dem ersten ab: Der utopische Zustand müsse ein erfüllbarer sein.[10] Und drittens müsse der utopische Zustand erreichbar sein, es muss also einen Weg zur Verwirklichung des utopischen Systems geben. Diese Erreichbarkeit habe „jedoch nichts mit dem hier und heute Machbaren zu tun, dessen Grenzen das utopische Denken stets überschreitet“[11]. Eine solche Konzeption birgt große Mängel in sich. Mit einer bloßen Beschränkung auf Formalien wird man den Utopien nicht gerecht. Sie werden so aus dem historischen Kontext herausgelöst. Keine Berücksichtigung finden die konkreten historischen und gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen die Utopien entstanden sind. Wäre die „Utopia“ nicht 1516, sondern erst vor wenigen Jahren erschienen, wäre wohl kaum jemand auf die Idee gekommen, sie als Utopie zu klassifizieren. In eine ganz andere Richtung gehen Ansätze der jüngeren Vergangenheit. Es gibt Versuche, einen Utopiebegriff im Sinne der Totalitarismustheorie zu etablieren. Solche Bestrebungen erhielten durch den Zusammenbruch des realexistierenden Sozialismus weiteren Auftrieb. Joachim Fest etwa sieht sowohl im Faschismus als auch im Sozialismus zwei Utopieversuche des 20. Jahrhunderts, die scheiterten[12]. Die utopischen Systeme hätten „zweihundert Jahre lang die Geschichte beherrscht und ungewöhnliche Gewalten entfesselt“[13]. Eine solche Gleichsetzung von Faschismus und Sozialismus hat natürlich die Diskreditierung sozialistischer Ideen zum Ziel. Außerdem ist sie tendenziell dazu geeignet, den Faschismus mit allen seinen bekannten Folge zu verharmlosen. Seiner Logik folgend plädiert Fest dann auch für ein Leben ohne Utopie. Vom praktischen Nutzen ist ein solcher Utopiebegriff jedoch nicht. Im Gegenteil: Es ist höchst fragwürdig, „totalitäre“ Staaten als zur Wirklichkeit gewordene Utopien zu betrachten. Zumal die Totalitarismustheorie selbst wissenschaftlich nicht zu halten ist[14]. Eine wesentlich brauchbarere Konzeption des Utopiebegriffs hingegen schlug Max Horkheimer bereits 1930 vor. Er sieht die Utopien der Renaissance vor allem als Ausdruck der „verzweifelten Schichten, welche die Unkosten des Übergangs zwischen zwei Wirtschaftsformen zu tragen hatten“[15]. Er nährt sich marxistischen Auffassungen an. Horkheimer definiert Utopien also nicht über die Form, sondern den (sozialen) Inhalt. Folgerichtig sieht Horkheimer in der schlechten Lage der englischen Bauern die Ursache für die Entstehung von Morus „Utopia“.[16] Er weist auf den Doppelcharakter der Utopien hin: Zum einen enthielten sie eine Kritik an dem Bestehenden, zum anderen den Wunsch nach dem, was sein sollte.[17] Charakteristisch für die Utopien sei, dass „die Änderung des bestehenden nicht an die mühsame und opferreiche Umwandlung der Grundlagen der Gesellschaft geknüpft, sondern in den Kopf der Subjekte verlegt“[18]. Diese Feststellung wird noch bei den utopischen Sozialisten von Bedeutung sein.

2.2 Zum Begriff „Frühsozialismus“

Die Begriffe „Frühsozialismus“ oder „utopischer Sozialismus“ leiteten sich aus dem allgemeinen Utopiebegriff ab. Sie sind gleichbedeutend mit dem von Marx und Engels verwendeten Terminus „kritisch-utopischer Sozialismus“.

Die Begriffe fassen die Sozialtheorien zusammen, die sich zwischen den Jahren 1789 und 1848 vor allem in Frankreich und England, aber auch in Deutschland herausbildeten. Diese sechs Jahrzehnte waren für die Herausbildung sozialistischer Ideen und Begriffe ein entscheidener Zeitabschnitt[19], auch wenn das Wort „Sozialismus“ von meisten Frühsozialisten nicht verwendet wurde. Es hielt erst um 1841 Einzug in die deutsche Sprache.[20] Die bürgerliche Revolution 1848 bildet den zeitlichen Abschluss der Ära des Frühsozialismus. In dem gleichen Jahr veröffentlichten Marx und Engels das „Manifest der Kommunistischen Partei“, das als das Gründungsdokument des wissenschaftlichen Sozialismus gilt. Frühsozialismus bezeichnet also die vormarxistischen sozialistischen Ideen. Anderer Auffassung ist zum Beispiel Karl Kautsky, der bereits in Thomas Morus einen Frühsozialisten sieht.[21]

[...]


[1] Vgl. Fest, Joachim, Leben ohne Utopie, in: Saage, Richard (Hrsg.), Hat die politische Utopie eine Zukunft?, Darmstadt 1992, S. 17.

[2] Vgl. Saage, Richard, Politische Utopien der Neuzeit, Darmstadt 1991, S. 2.

[3] Morus, Thomas, Utopia, Stuttgart 1983.

[4] Vgl. Saage, Richard, a. a. O, S. 2.

[5] Morus, Thomas, Utopia, Stuttgart 1983, S. 63.

[6] Vgl. ebenda, S. 75.

[7] Ebenda, S. 148.

[8] Seel, Martin, Drei Regeln für Utopisten, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Heft 9 /10 2001, S. 747.

[9] Ebenda, S. 748.

[10] Vgl. ebenda, S. 749.

[11] Ebenda, S.752.

[12] Vgl. Fest, Joachim: Leben ohne Utopie, in: Saage, Richard (Hrsg.), Hat die politische Utopie eine Zukunft?, Darmstadt 1992, S. 15.

[13] Ebenda, S. 26.

[14] Die Totalitarismustheorie ist nicht Gegenstand dieser Arbeit. Vergleich dazu etwa: Wippermann, Wolfgang, Totalitarismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, Darmstadt 1997.

[15] Horkheimer, Max, Die Utopie, in: Neusüss, Arnhelm (Hrsg.), Utopie. Begriff und Phänomen des Utopischen, Darmstadt 1986, S. 178.

[16] Vgl. ebenda.

[17] Vgl. ebenda, S. 186.

[18] Ebenda, S.184.

[19] Vgl. Kool, Frit / Krause, Werner (Hrsg.), Die frühen Sozialisten, Frankfurt /M. 1968, S.15.

[20] Vgl. Müller, Hans, Ursprung und Geschichte des Wortes „Sozialismus“, Hannover 1967, S. 131f.

[21] Vgl. Kautsky, Karl, Thomas More und seine Utopie, Berlin 1947.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Ende der Utopie - Von den Frühsozialisten zur wissenschaftlichen Weltanschauung der Arbeiterklasse
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar 'Klassiker der politischen Utopie'
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V72289
ISBN (eBook)
9783638620727
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ende, Utopie, Frühsozialisten, Weltanschauung, Arbeiterklasse, Proseminar, Utopie“
Arbeit zitieren
Dominik Clemens (Autor), 2002, Das Ende der Utopie - Von den Frühsozialisten zur wissenschaftlichen Weltanschauung der Arbeiterklasse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72289

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