Frühe makrotheoretische Ansätze in der Migrationsforschung


Seminararbeit, 2003
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Probleme der Begriffsbestimmung: Was ist Wanderung?

3. Eine erste „Theorie“: Die „Gesetze der Wanderung“ von Ravenstein
3.1 Typologie der Wanderer nach Ravenstein
3.2 Ravensteins’ „Gesetze“
3.3 Kritik an Ravenstein

4. Gravitationsmodelle

5. Ein Beispiel für eine makroökonomische Theorie

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

,,Sie werden auf allen Wegen, mit allen Mitteln, unter allen Gefahren in endlosen Massen herandrängen - überallhin, wo es nur um ein geringeres besser zu sein scheint, als in ihrer Heimat. [...] Die reicheren Länder werden sich gegen diesen Ansturm zur Wehr setzen. Sie werden Befestigungsanlagen an ihren Grenzen errichten, wie sie heute nur zum Schutz von Kernkraftwerken dienen. Sie werden Mienenfelder legen und Todeszäune und Hundelaufgehege bauen" (vgl. Neuffer 1982: 61). Dieses Horrorszenario über Zuwanderung stammt aus den 1980er Jahren. Auch wenn die Debatte seitdem sachlicher geworden ist, erhitzt das Thema nach wie vor die Gemüter. Dies machte auch der „Eklat“ um die Abstimmung über ein Zuwanderungsgesetz im Bundesrat im März 2002 deutlich. Fernab von diesen polemischen Auseinandersetzungen hat seit nunmehr fast 120 Jahren eine theoretische Diskussion um die Ursachen von Migration stattgefunden. Wer sich eingehender mit der Migration beschäftigt wird sehr schnell feststellen, dass eine nahezu unüberschaubare Menge an Literatur zu diesem Thema existiert. Analog dazu existiert eine Vielzahl von Theorien, die den verschiedensten Traditionen entsprungen. Das Interesse an Wanderungsbewegungen war immer höchst interdisziplinär, da Migration zahlreiche Bereiche des öffentlichen Lebens tangiert. So befassen sich neben den Soziologen auch beispielsweise Ökonomen, Geographen, Historiker und Psychologen mit der Thematik. Eine von Frank Kalter vorgeschlagene Typologie unterscheidet zunächst zwischen Theorien auf der Makro- beziehungsweise Mikroebene (vgl. Kalter 1997). Zu letzteren zählt er die Theorie der Wanderung von Lee, das mikroökonomische Humankapitalmodell, Wolperts Konzept der Place utility sowie das SEU-Modell der Wanderung. Diese Theorien sind nicht Gegenstand dieser Arbeit und werden deshalb vollständig ausgeklammert. Vorgestellt werden einige der makrotheoretischen Ansätze. Aufgrund des Umfangs dieser Arbeit muss zwangsläufig eine Selektion der vorgestellten Theorien stattfinden. Zunächst wird jedoch die Schwierigkeit einer eindeutigen Begriffsbestimmung aufgezeigt. Die vorgestellten Theorien beschreiben alle ein Phänomen, für welches in der Forschung unterschiedliche Begriffe – meist auch mit unterschiedlicher Bedeutung – benutzt werden. Gebräuchlich ist der Begriff „Migration“, mitunter wird aber auch von „Wanderung“ oder „Mobilität“ gesprochen. Als erstes wird der theoretische Ansatz von Ravenstein vorgestellt. Dieser stellt den Anfang der theoretischen Diskussion dar. Die so genannten Gravitationsmodelle wurden vor allem in den vierziger und fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts diskutiert. Die einfachste Form stammt von Zipf. Außerdem werden die Varianten von Dodd und Stewart vorgestellt. Stellvertretend für die Gruppe der makroökonomischen Migrationstheorien wird ein Ansatz von Todaro kurz vorgestellt. Nicht berücksichtigt werden in dieser Arbeit ökologische Ansätze, die Kalter ebenfalls zu den Makrotheorien zählt. Ebenso ausgeklammert wird Stouffer mit seiner Konzeption der „Intervening opportunities“ und „Competing Migrants“. Als Literatur wurden nahezu ausschließlich die Texte der jeweiligen Theoretiker bzw. die Übersichtsarbeiten von Kalter herangezogen. Die vor allem in den Fachzeitschriften ausgetragene Diskussion um die hier vorgestellten Theorien konnte deshalb nicht berücksichtigt werden. Zum Abschluss dieser Arbeit soll ein vorsichtiges Fazit gezogen werden.

2. Probleme der Begriffsbestimmung: Was ist Wanderung?

Was ist unter „Wanderung“ zu verstehen? Dieser Begriff wird in vielfältiger Bedeutung benutzt und ist daher höchst unpräzise. Deutlich wird dies bereits beim Gebrauch des Wortes in der Alltagssprache. Man versteht unter „Wandern“ zum Beispiel eine ganz bestimmte Form der Freizeitgestaltung, es wird aber auch als Synonym für „spazieren gehen“ benutzt. „Wandern“ war lange Zeit eine fest institutionalisierte Lebensweise während eines bestimmten Lebensabschnitts der Handwerksgesellen. Es existiert der Begriff der „Völkerwanderung“ und man spricht vom „Wandern“ der Nomaden. Gelegentlich wird auch der Umzug von einer in die andere Stadt als „Wanderung“ umschrieben. Diese Auflistung ließe sich noch fortsetzen, deutlich wird jedoch die Notwendigkeit, eine präzise Begriffsbestimmung vorzunehmen. Entsprechend dem interdisziplinären Interesse und der Vielzahl der Publikationen zum Phänomen „Migration“ existiert eine hohe Anzahl von Definitionen. Einige dieser Definitionen werden im Folgenden kurz vorgestellt um die Schwierigkeit, einen einheitlichen Migrationsbegriff festzulegen, zu verdeutlichen. Folgender Vorschlag stammt von Günter Albrecht: „Wir verstehen also unter Wanderung zunächst die Ausführung einer räumlichen Bewegung, die einen vorübergehenden oder permanenten Wechsel des Wohnsitzes bedingt, eine Veränderung der Position also im physischen und sozialen Raum“. (Albrecht 1972: 23). In Abgrenzung zur Alltagssprache schlug er vor statt „Wanderung“ den Terminus „geographische Mobilität“ zu benutzen. Hoffmann-Nowotny definierte Migration als „jede Ortsveränderung von Personen“ (Hoffmann-Nowotny 1970: 109). Treibel listet zehn unterschiedliche Definitionen von Migration auf und stellt fest, dass diese sich nach den Kriterien der zurückgelegten Entfernung bzw. des Kontrasts zwischen der Herkunfts- und der Zielregion unterscheiden. In allen Definitionen sei der Aspekt des Wechsels und der Bewegung zentral (vgl. Treibel 1999: 19). Den schon existierenden Definitionen fügt sie eine weitere hinzu: „Migration ist der auf Dauer angelegte bzw. dauerhaft werdende Wechsel in eine andere Gesellschaft bzw. in eine andere Region von einzelnen oder mehreren Menschen“ (Treibel 1999: 21). Andere Vorschläge zielen darauf ab, ein Begriffspaar „Migration / Mobilität“ einzuführen. Unter „Migration“ soll demnach eine transnationale Wanderung, unter „Mobilität“ hingegen Binnenwanderung verstanden werden. In der Praxis birgt ein solches theoretisches Konstrukt enorme Probleme in sich. Deutlich wird dies an einem Beispiel. In Mitteleuropa stimmen die nationalen Grenzen nicht unbedingt mit sozialen oder kulturellen Grenzen überein. So existieren in Belgien und auch Frankreich nahe der deutschen Grenze Deutsch sprechende Minderheiten. Wechselt eine Person aus Deutschland nun grenzüberschreitend von Deutschland in ein von der Deutsch sprechenden Minderheit bewohntes Gebiet, wird dieser Prozess zwangsläufig als „Migration“ aufgefasst. Die tatsächliche räumliche Veränderung kann unter Umständen nur eine Entfernung von wenigen Kilometern betragen. Der „Migrant“ könnte sein bestehenden Arbeitsverhältnis und nahezu alle sozialen Bindungen aufrechterhalten. Anders hingegen ein „mobiler“ Mensch der innerhalb bestehender nationaler Grenzen umzieht, aber dabei eine große Entfernung z. B. von mehreren hundert Kilometern zurücklegt. Weder das Arbeitsverhältnis noch soziale Bindungen könnten dauerhaft aufrechterhalten werden. Eine solche duale Gliederung Migration / Mobilität erscheint aufgrund der angeführten Probleme als äußerst zweifelhaft. Insbesondere bei empirischen Untersuchungen dürfte es zu enormen Verzerrungen kommen, wenn man ein solches Begriffspaar zugrunde legt. Hervorzuheben ist, dass in den unterschiedlichen Begriffsdefinitionen immer theoretische Implikationen enthalten sind. Dies wirkt sich vor allem auf die Vergleichbarkeit von Theorien aus.

3. Eine erste „Theorie“: die „Gesetze der Wanderung“ von Ravenstein

Die Arbeiten von E. G. Ravenstein werden in der einschlägigen Literatur als Beginn der theoretischen Bemühungen angesehen, eine Erklärung für Wanderungsbewegungen zu finden. (vgl. Kalter 2000: 440). Seine „Gesetze der Wanderung“[1] stellte er anlässlich eines Vortrages vor der „Royal Statistical Society“ im März 1885 in London vor. Angestoßen durch die Behauptung, Wanderung finde ohne jede Gesetzmäßigkeit statt, untersuchte Ravenstein die Wanderungsbewegungen im Vereinigten Königreich[2]. Als Grundlage dienten ihm die Daten der Volkszählung aus dem Jahr 1871. Den Kern seines Vortrages bilden von ihm aufgestellte sieben „Gesetze“[3], außerdem entwickelte er eine dreigliedrige Typologie von Wanderern. Bereits unmittelbar im Anschluss an Ravensteins Vortrag wurde Kritik an seiner Methodik und seinen Thesen laut.

[...]


[1] Ravenstein hat seine Überlegungen in einem weiteren Vortrag mit dem gleichen Titel präzisiert. Zur besseren Unterscheidung wurden vom Herausgeber beide mit römischen Zahlen durchnummeriert.

[2] Das Vereinigte Königreich umfasst England, Wales, Schottland und Nordirland.

[3] Das Wort „Gesetz“ wurde bewusst in Anführungszeichen gesetzt, denn die Aussagen Ravensteins’ erfüllen keineswegs die Ansprüche einer modernen Soziologie an ein Gesetz.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Frühe makrotheoretische Ansätze in der Migrationsforschung
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Seminar „Migration und Integration“, SS 2003
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V72291
ISBN (eBook)
9783638620741
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frühe, Ansätze, Migrationsforschung, Seminar, Integration“
Arbeit zitieren
Dominik Clemens (Autor), 2003, Frühe makrotheoretische Ansätze in der Migrationsforschung , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72291

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