Der Mythos der Wasserfrau wird in der Literaturgeschichte immer wieder aufgegriffen und erfuhr bisher mehrfache Veränderungen. Die Figur der Wasserfrau ist ein Geschöpf der Phantasie, ein Zwitterwesen, das sowohl tierische als auch menschliche Elemente in sich vereint. Somit vereint diese Figur auch Merkmale zweier Welten bzw. Daseinsformen in sich. Gleichzeitig verkörpern sich in diesem Mythos sowohl die Sehnsucht nach Überschreitung von Grenzen, als auch die Hilflosigkeit diese zu überwinden. In meiner Arbeit werde ich das Motiv der Wasserfrau anhand Ingeborg Bachmanns Erzählung Undine geht hinsichtlich der Konstruktion von Geschlechteridentitäten untersuchen. Die Autorin Ingeborg Bachmann löst ihre Protagonistin Undine von diesem aufgepressten Frauenbild los, indem sie einen Perspektivenwechsel vornimmt und Undine somit Gehör verschafft. Undine ist im Gegensatz zu ihren Gleichgesinnten kein passives Wassergeschöpf mehr, sondern möchte ihrem eigenen Mythos entsteigen. Dabei fordert sie ihre eigene Kultur und vor allem ihr selbst entworfenes Spiegelbild. Wie der Titel meiner Arbeit schon andeutet, werde ich mich mit der Frage beschäftigen, ob Bachmanns Undine am Ende wirklich geht und sich von ihrem Zwang, einen Menschen namens Hans zu lieben, befreien kann. Ich werde so vorgehen, dass ich zunächst allgemein auf Ingeborg Bachmanns Erzählung Undine geht eingehe. Dabei ist der vorgenommene Perspektivenwechsel, den ich bereits erwähnt habe, ein wesentlicher Bestandteil der Undinenkonzeption bei der Autorin.
Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung zur Thematik
2. Ingeborg Bachmanns Erzählung Undine geht
2.1 Ingeborg Bachmanns Perspektivenwechsel in Undine geht
3. Undines Welten
3.1 Welt der Einsamkeit
3.2 Kritik an den deformierten Geschlechterbeziehungen
3.3 Utopia - Strategie der Absonderung
4. Fazit
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Motiv der Wasserfrau in Ingeborg Bachmanns Erzählung "Undine geht", um die Konstruktion von Geschlechteridentitäten kritisch zu beleuchten. Dabei steht die Frage im Fokus, ob sich die Protagonistin Undine erfolgreich von den patriarchalen Zwängen ihrer Liebesbeziehung zu Hans lösen kann.
- Analyse des Perspektivenwechsels als Mittel zur Subjektwerdung
- Untersuchung der kritischen Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen
- Bewertung der utopischen Versuche einer geschlechtergerechten Identität
- Diskussion der Unvereinbarkeit zwischen der Welt der Wasserfrau und der Menschenwelt
Auszug aus dem Buch
3.1 Welt der Einsamkeit
Der Existenzbereich der Protagonistin Undine hat ein Charakteristikum. Es ist die Einsamkeit, da ihr Herkunfts- und Zufluchtsort das Wasser ist. Trotz der darin enthaltenen Einsamkeit ist Undine stark mit ihm verbunden. Diese ’Einsamkeit’, die sie im Wasser findet, ist im Gegensatz zu der Hanswelt verbunden mit Bewegung und Freiheit.
Ganz anders als Undine streben die Menschen nach Behaglichkeit, Luxus und Sicherheit. Allein das Zweckdenken regiert das Sein dieser “Ungeheuer“. Die emotionale Einheit, die Undine zum Wasser hat, drückt sich auch in ihrem Monolog aus: „So dem Gesetz gehorchen und keinem Gefühl. So der Einsamkeit gehorchen. Einsamkeit, in die mir keiner folgt.“
Im Unterschied zu denjenigen, die durch ihr Zweckdenken, ihre Autonomie geopfert haben, entsagt Undine freiwillig der Liebe und Sicherheit, als ihre eigene Souveränität einbüßen zu müssen. „Versucht das nicht mit mir. Mit mir nicht!“ Zwar wird Undine einerseits in diese Isolation getrieben, entscheidet sich andererseits aber auch selbst für die Absonderung, was diese Textstelle beweist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Hinführung zur Thematik: Die Einleitung stellt den klassischen Wasserfrauenmythos vor und erläutert Bachmanns Absicht, diesen durch einen Perspektivenwechsel zu dekonstruieren.
2. Ingeborg Bachmanns Erzählung Undine geht: Dieses Kapitel behandelt die Rezeptionsgeschichte der Erzählung sowie die Bedeutung der ungleichen Liebeskonstellation und des Mahrtenehe-Motivs.
2.1 Ingeborg Bachmanns Perspektivenwechsel in Undine geht: Der Abschnitt fokussiert auf die Erzählsituation, in der Undine als Ich-Erzählerin auftritt und eine Anklage gegen die patriarchale Gesellschaft formuliert.
3. Undines Welten: Hier wird der Lebensbereich der Protagonistin analysiert, der zwischen dem freien Element Wasser und der fremdbestimmten Menschenwelt oszilliert.
3.1 Welt der Einsamkeit: Das Kapitel beleuchtet Undines freiwillige Abkehr von menschlichen Normen zugunsten ihrer Autonomie im Element Wasser.
3.2 Kritik an den deformierten Geschlechterbeziehungen: Es wird analysiert, wie Undine die männlich geprägte Gesellschaft und die Rolle der "Menschenfrauen" scharf kritisiert.
3.3 Utopia - Strategie der Absonderung: Dieser Teil erörtert den utopischen Charakter der Begegnung zwischen Undine und Hans sowie das Scheitern dieser Utopie an den patriarchalen Strukturen.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Undine an ihrem Zwang zur Liebe zu Hans scheitert und die mangelnde Kommunikation eine dauerhafte Befreiung verhindert.
5. Bibliographie: Das Verzeichnis listet die verwendete Primär- und Sekundärliteratur zur Analyse von Ingeborg Bachmanns Werk auf.
Schlüsselwörter
Ingeborg Bachmann, Undine geht, Wasserfrauenmythos, Patriarchat, Geschlechteridentität, Emanzipation, Perspektivenwechsel, Mahrtenehe, Autonomie, Utopie, Kommunikation, Identität, Literaturanalyse, Feminismus, Geschlechterbeziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Seminararbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht das Motiv der Wasserfrau bei Ingeborg Bachmann und analysiert, wie die Autorin durch einen Perspektivenwechsel eine eigene weibliche Identität jenseits patriarchaler Vorgaben konstruiert.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Analyse behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die Dekonstruktion des klassischen Frauenbildes, die Kritik an patriarchalen Machtstrukturen, das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Isolation sowie der utopische Versuch einer gleichberechtigten Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es zu ergründen, ob sich die Protagonistin Undine am Ende der Erzählung wirklich von ihrem Zwang befreien kann, einen Menschen namens Hans zu lieben.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Motive und Erzählstrategien (speziell den Perspektivenwechsel) auf Basis der vorliegenden Erzählung und ergänzender Sekundärliteratur untersucht.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Undines Identität durch den Perspektivenwechsel, ihre Absonderung im Wasser als Welt der Einsamkeit, die Kritik an den Geschlechterverhältnissen und das utopische Scheitern der Liebesbeziehung.
Welche Keywords beschreiben das Dokument am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie "Undine geht", "Patriarchat", "Autonomie", "Geschlechteridentität" und "Literarische Analyse" charakterisieren.
Warum wird Hans in der Erzählung als verallgemeinernder Begriff verwendet?
Für Undine repräsentiert der Name "Hans" nicht ein Individuum, sondern die gesamte zweckorientierte, patriarchale Gesellschaft, der sie sich nicht unterordnen möchte.
Welche Rolle spielt das Element Wasser in Undines Selbstverständnis?
Das Wasser ist für Undine ein Zufluchtsort, der ihr Freiheit von gesellschaftlichen Rollenzwängen ermöglicht, sie jedoch gleichzeitig in einer Form von "sprachloser" Isolation belässt.
Wie bewertet die Autorin den Schluss der Erzählung?
Das Fazit kommt zu dem Schluss, dass Undine sich nicht dauerhaft von dem Zwang der Liebe befreien kann, da ihre Existenz in der Erzählung weiterhin von der mangelnden Kommunikation mit der "Hanswelt" geprägt bleibt.
- Quote paper
- B.A. Daniela Künzel (Author), 2006, Ingeborg Bachmann: Geht Undine wirklich?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72325