„Über Geschmäcker lässt sich streiten.“ Dies gilt gleichwohl für jegliche Formen der Wahrnehmung über unsere klassischen fünf Sinne: So kann man sich über Skulpturen und Bilder (Sehen), kulinarische Vorlieben (Schmecken), den Duft eines Parfums (Riechen), die Beschaffenheit eines Wollpullovers (Tasten), aber natürlich auch über ein Musikstück im Radio (Hören) streiten. In allen diesen Feldern gibt es also keinen klaren, gesellschaftlichen Konsens darüber, wie etwas geartet sein muss, damit es „der Masse“ gefällt. Und um es auf den Bereich der Musik zu beziehen: warum scheint es dennoch Konsens darüber zu geben, was gefällt und was nicht? Nimmt man aktuelle Plattenverkaufszahlen als Indikator für Musikgeschmack, dann müssten die Musikproduktionen mit den meisten Abverkäufen von hoher gesellschaftlicher Akzeptanz sein – oder ist das schon Geschmack?
Auf dem Gebiet der kognitiven Psychologie zeichnen sich Theorien ab, die unterschiedlich Geschmackspräferenzen zu erklären versuchen. Eine, die Schema-Theorie, soll in dieser Hausarbeit als Arbeitsgrundlage dafür dienen, musikalische Präferenzen zu erklären. Wieso gefallen uns Musikstücke, Komponisten oder Interpreten besonders gut, andere wiederum gar nicht? Wie lassen sich die unterschiedlichen Musikgeschmäcker verschiedener Kulturkreise erklären? Warum erscheint uns ein fernöstliches Folklore-Stück
schief und intonal?
Licht in das Dunkel dieser Fragen zu bringen ist vornehmliches Ziel dieser Hausarbeit. Dabei wird in Kapitel zwei auf kognitive Informationsverarbeitung eingegangen, die den Ausgangspunkt für die folgenden theoretischen Ansätze liefert. Einen Schwerpunkt findet sich in Kapitel drei, der sich mit der Schema-Theorie im kommunikationswissenschaftlichen Verständnis nähert. Diese Gewichtung rechtfertigt sich mitunter auch in dem Versuch an das im Sommersemester 2006 stattgefundene Seminar „Framing & Priming“
anzuknöpfen, in dem die Schema-Theorie eher Stiefmütterlich behandelt wurde. Den Brückenschlag bildet Kapitel vier, indem, anknüpfend auf vorangegangenes Kapitel, aufgezeigt wird, was musikalische Schemata sind und in welcher Form diese auftreten. Den Abschluss bildet Kapitel fünf, das mit der Beschreibung von Determinanten von Musikpräferenzen versucht, oben genannter Fragestellung näher zu kommen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kognitive Informationsverarbeitung
2.1 Das „Drei-Speicher-Modell“ von Atkinson & Shiffrin (1968)
2.2 Konsistenztheoretische Modelle
3 Schema-Theorie
3.1 Soziale Schemata nach Fiske & Taylor
3.1.1 Personen-Schemata
3.1.2 Selbst-Schema
3.1.3 Rollen-Schemata
3.1.4 Ereignis-Schemata
3.2 Erwerb und Modifikation von Schemata
3.3 Einfluss von Schemata auf die Informationsverarbeitung
4 Musikalische Schemata
4.1 Typen musikalischer Schemata
4.1.1 Stil- und Formschemata
4.1.2 Strukturschemata
5 Determinanten der Musikpräferenz
5.1 Theoretischer Hintergrund
5.2 Einflussfaktoren
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die Grundlagen der kognitiven Informationsverarbeitung und insbesondere der Schema-Theorie darzulegen, um diese anschließend auf den Bereich der Musikwahrnehmung und die Entstehung von Musikpräferenzen zu transferieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie musikalische Schemata konstruiert sind und welche Funktionen sie im Prozess des Musikhörens erfüllen.
- Grundlagen der kognitiven Informationsverarbeitung (Drei-Speicher-Modell, Konsistenztheorien)
- Vertiefung der Schema-Theorie und ihre Bedeutung für die Wahrnehmung
- Systematisierung musikalischer Schemata (Stil-, Form- und Strukturschemata)
- Analyse der Einflussfaktoren auf die individuelle Musikpräferenz
- Verknüpfung kommunikationswissenschaftlicher Ansätze mit musikpsychologischen Erkenntnissen
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Personen-Schemata
Personen-Schemata beinhalten einerseits Charakterzüge von Personen, als auch ihre Ziele und Absichten, die in einer bestimmten Situation von einer Person beabsichtigten Taten. Diese Person-in-Situation-Kombination ist dem menschlichen Gedächtnis sehr leicht zugänglich, bspw., wenn man sich die Situation Einbrecher (Person) vor einem Bungalow (Situation) vorstellt. Das kommt daher, weil diese Person-Situation-typisches Verhalten mit sich bringt (bspw. umschauen, weil man nicht entdeckt werden will). Ein Personen-Schema ist hilfreich bestimmtes Verhalten einer Person in einer bestimmten Situation voraus zu sagen. Wenn der Rezipient eine Person einmal in ein Personen-Schema eingeordnet hat, so werden dieser Person auch bestimmte Wesenszüge zugeordnet, die dem Schema entsprechen (also Schemakonsistent sind). Gegenteiliges ist der Fall, wenn eine Eigenschaft nicht in das Personen-Schema passt, wie an obigem Beispiel der jüngeren Professorin gut erkennbar ist.
In einem Experiment konnten Cantor & Mischel (1977) feststellen, dass Versuchspersonen, einer Person Eigenschaften zuordneten, die zwar nicht genannt waren, jedoch in das Schema der beschriebenen Person passten. Dazu legten sie den Versuchspersonen eine Liste mit Eigenschaften einer extrovertierten Person vor. Die Liste enthielt Wörter, die eher in schwacher Relation zur Extrovertiertheit (bspw. energetisch, unterhaltsam) standen. Bei dem späteren Recognition-Test meinen die Versuchspersonen prototypische Wörter für eine extrovertierte Person erkannt zu haben, welche nicht in der Original-Liste waren. Personen-Schemata schließen also Absichten genauso mit ein, wie die (charakterlichen) Eigenschaften einer Person.
Jedoch kann das Wissen darüber, welche Absicht eine Person verfolgt, zu einer Verzerrung in Richtung der Absicht-konsistenten Information führen – ebenso kann das Wissen über Eigenschaften von Personen zu einer Verschiebung in Richtung der Eigenschafts-konsistenten Information führen. Infolge dessen können Absicht-konsistente oder Eigenschafts-konsistente Informationen (also Schema-konsistente) besser erinnert werden, was von durch Studien mit unterschiedlichen Anlagen gut dokumentiert werden konnte (u.a. Anderson & Picher, 1978; Owens et al., 1979). Es kann festgehalten werden, dass Personen-Schemata dem Rezipienten dabei helfen Schema-konsistente Informationen besser zu erinnern. Wenn konsistente und inkonsistente Information zeitgleich vorliegen, entscheidet sich das Schema i.d.R. für die Information, die am einfachsten einem bestimmten Schema zugeordnet werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der musikalischen Präferenzen ein und stellt die Schema-Theorie als zentralen Erklärungsansatz vor.
2 Kognitive Informationsverarbeitung: Dieses Kapitel erläutert grundlegende Modelle der Informationsverarbeitung, darunter das Drei-Speicher-Modell und kognitive Dissonanztheorien.
3 Schema-Theorie: Es werden die Grundlagen der Schema-Theorie, verschiedene Typen sozialer Schemata sowie deren Erwerb und Einfluss auf die Informationsverarbeitung detailliert beschrieben.
4 Musikalische Schemata: Hier wird der Transfer der Schema-Theorie auf die Musikwahrnehmung vollzogen und spezifische Typen musikalischer Schemata, wie Stil-, Form- und Strukturschemata, analysiert.
5 Determinanten der Musikpräferenz: Dieses Kapitel untersucht theoretische Grundlagen und empirische Einflussfaktoren wie Alter, Sozialstatus und Persönlichkeit auf die Bildung von Musikpräferenzen.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die Übertragbarkeit kommunikationswissenschaftlicher Schema-Konzepte auf musikpsychologische Fragestellungen.
Schlüsselwörter
Schema-Theorie, Musikpräferenz, Kognitive Informationsverarbeitung, Musikpsychologie, Musikgeschmack, Soziale Schemata, Stil- und Formschemata, Strukturschemata, Musikwahrnehmung, Kognitive Dissonanz, Medienwirkungsforschung, Wissensstrukturen, Rezipientenforschung, Individuelle Präferenzbildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Menschen musikalische Präferenzen bilden und welche kognitiven Prozesse dabei eine Rolle spielen. Im Mittelpunkt steht die Anwendung der Schema-Theorie, um zu erklären, warum bestimmte Musikstücke gefallen oder abgelehnt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themenfelder sind die kognitive Psychologie der Informationsverarbeitung, die Theorie der Schemata und deren Anwendung auf die Musikwahrnehmung sowie soziologische und psychologische Determinanten, die den individuellen Musikgeschmack prägen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, das Konzept der Schemata aus der Kommunikationswissenschaft auf die Musikpsychologie zu übertragen und zu analysieren, wie musikalische Schemata (z.B. für Stile oder Strukturen) zur Informationsverarbeitung und zur Ausbildung von Vorlieben beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Hausarbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse basiert. Es werden psychologische und kommunikationswissenschaftliche Konzepte zusammengeführt, um ein theoretisches Fundament für die Erklärung von Musikpräferenzen zu schaffen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung allgemeiner kognitiver Informationsverarbeitungsprozesse, eine detaillierte Erläuterung der Schema-Theorie, die Kategorisierung spezifisch musikalischer Schemata sowie eine Diskussion der Faktoren, die Musikpräferenzen beeinflussen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Schema-Theorie, kognitive Strukturen, Musikpräferenz, Musikwahrnehmung, Stil- und Formschemata sowie die soziokulturellen und demografischen Einflussfaktoren auf das Hörverhalten.
Wie unterscheidet der Autor zwischen verschiedenen Schematypen in der Musik?
Der Autor unterscheidet primär zwischen Stil- und Formschemata, die sich auf übergreifende Gestaltungsprinzipien (wie Epochen oder Gattungen) beziehen, und Strukturschemata, die die hierarchische Gliederung der Musik in musikalische Objekte wie Klänge, Rhythmen und Melodien betreffen.
Welche Rolle spielen demografische Faktoren für die Musikpräferenz?
Laut den zitierten Studien beeinflussen demografische Faktoren wie das Alter und der Sozialstatus die Musikpräferenz erheblich. Während sich Kinder an ihren Eltern orientieren, findet in der Pubertät eine Abkehr zur Peer-Group statt, wobei der soziale Status (z.B. Schichtzugehörigkeit) das Genre-Präferenzspektrum maßgeblich mitbestimmt.
Warum wird die Schema-Theorie im Kontext der Medienforschung als Bindeglied bezeichnet?
Die Schema-Theorie wird als Bindeglied angesehen, da sie sowohl das Stimulus-Response-Modell (passiver Nutzer) als auch die konstruktivistische Sichtweise (aktiver, interpretierender Nutzer) integriert, indem sie den Rezipienten als jemanden beschreibt, der aktiv auf vorhandene Wissensbestände zurückgreift, ohne die Rolle des Medieninputs zu vernachlässigen.
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- Kerim A. Herbst (Author), 2006, Der einkomponierte Hörer - Musikpräferenzen unter besonderer Berücksichtigung der Schema-Theorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72332