Jugendliche schämen sich für ihre Eltern. Die große Schwester schämt sich für ihr kleines Geschwister. Ein Mann schämt sich für seine Frau. Studenten schämen sich für ihre Kommilitonen. Lehrer schämen sich für ihre Schüler. Wir schämen uns für andere. Aber warum?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Was verstehen wir unter dem Begriff „Scham“?
3 Das Schamgefühl: Wann tritt es auf?
4 Zwei Arten von Scham – Eine Unterscheidung
5 Die Strukturmomente des Schamgeschehens
6 Scham aufgrund von Bloßstellung durch andere
7 Scham nach gescheitertem Hervortreten
8 Das Phänomen „sich für andere schämen“
9 Wer schämt sich und wer nicht?
10 Warum schämen wir uns für andere?
11 Abgrenzung und Benennung
12 Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des „sich für andere schämens“. Ziel ist es, die spezifischen Mechanismen dieser Schamform zu identifizieren und sie durch eine fundierte theoretische Analyse von anderen Schamphänomenen abzugrenzen, um schließlich einen passenden Begriff für dieses Erleben vorzuschlagen.
- Soziale Grundlagen und Strukturmomente des Schamgeschehens
- Unterscheidung zwischen passiver Bloßstellung und aktivem Hervortreten
- Analyse der Dynamik in sozialen Beziehungen bei Schamsituationen
- Die Rolle der sozialen Wahrnehmung und der Zuschreibung von Verhalten
- Abgrenzung zu Begriffen wie „Mitschämen“, „Resonanzscham“ oder „Fremdschämen“
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Jugendliche schämen sich für ihre Eltern. Die große Schwester schämt sich für ihr kleines Geschwister. Ein Mann schämt sich für seine Frau. Studenten schämen sich für ihre Kommilitonen. Lehrer schämen sich für ihre Schüler. Wir schämen uns für andere. Aber warum?
Obwohl die Scham „eines der elementarsten Gefühle des Menschen“ (Rost, 1987, S. 20) ist, haben sich die Humanwissenschaften über lange Zeit nur beiläufig mit ihren Phänomenen beschäftigt (Schüttauf, Specht & Wachenhausen, 2003). Till Bastian (1996) betitelt sie deshalb gar als das „Aschenputtel unter den Gefühlen“ (S. 9). In der jüngeren Vergangenheit ist der Scham jedoch durch Psychologen, Philosophen und Soziologen eine größere Bedeutung beigemessen worden (Kühn, Raub & Titze, 1997), so dass sich mittlerweile eine Reihe von Publikationen zu den unterschiedlichsten Aspekten der Scham finden (Gilbert, 1998). Die Arbeiten befassen sich beispielsweise mit der Schamgenese, also der Frage nach dem Ursprung und der Entwicklung dieser Emotion, sie untersuchen die Schamauslöser oder die Bedeutung von Schamzeugen.
Trotz der erhöhten Aufmerksamkeit die der Scham in den vergangenen zwanzig Jahren also zuteil geworden ist (Gilbert & Andrews, 1998), findet sich eines ihrer Phänomene praktisch gar nicht in der Literatur erörtert: Der Frage warum wir uns für andere schämen wird bislang kaum Beachtung geschenkt. Eine Ausnahme bildet das Buch der beiden Psychotherapeuten Udo Baer und Gabriele Frick-Baer (2000). Darin findet sich diese Form der Scham durch folgendes Fallbeispiel beschreiben (S. 47):
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Phänomen der stellvertretenden Scham anhand von Alltagsbeispielen und Einordnung in den Forschungsstand.
2 Was verstehen wir unter dem Begriff „Scham“?: Untersuchung der semantischen Vieldeutigkeit des Schambegriffs und Festlegung der Perspektive auf Scham als Gefühl.
3 Das Schamgefühl: Wann tritt es auf?: Analyse der Auslöser von Scham und Hervorhebung der sozialen Komponente des Schamgeschehens.
4 Zwei Arten von Scham – Eine Unterscheidung: Differenzierung zwischen passiver Bloßstellung und aktivem, gescheitertem Hervortreten.
5 Die Strukturmomente des Schamgeschehens: Darstellung der drei Basiselemente: soziale Beziehung, Wertschätzung und Unvermögen, Normen zu entsprechen.
6 Scham aufgrund von Bloßstellung durch andere: Analyse der Scham, die durch das ungewollte Bekanntwerden eines verborgenen Fehlers entsteht.
7 Scham nach gescheitertem Hervortreten: Betrachtung der Scham bei missglückten Versuchen, sich aktiv in den Mittelpunkt zu stellen.
8 Das Phänomen „sich für andere schämen“: Hinführung zum Sonderfall, in dem sich eine Person für das Verhalten einer ihr nahestehenden Person schämt.
9 Wer schämt sich und wer nicht?: Untersuchung der emotionalen Diskrepanz zwischen dem Handelnden und seinen Begleitern.
10 Warum schämen wir uns für andere?: Herleitung der Ursache durch den Wunsch, nicht aufgrund der Assoziation mit dem anderen negativ bewertet zu werden.
11 Abgrenzung und Benennung: Kritische Auseinandersetzung mit bisherigen Begriffen und Einführung des Begriffs „stellvertretende Scham“.
12 Zusammenfassung: Resümee über die Entstehungsbedingungen der stellvertretenden Scham als soziales Phänomen.
Schlüsselwörter
Scham, stellvertretende Scham, Soziales Gefühl, Wertschätzung, Normen, Ideale, Ungenügen, Zynismus, Bloßstellung, Interpersonelle Beziehung, Fremdschämen, Identität, Sozialität, Affekt, Schamzeugen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen, warum Menschen Schamgefühle für das Verhalten anderer Personen entwickeln, obwohl sie selbst keinen Fehler begangen haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die psychologische Struktur von Schamgeschehen, die Bedeutung sozialer Beziehungen und die Frage, wie die Wahrnehmung durch Dritte das eigene Schamerleben beeinflusst.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Phänomen des „Sich-für-andere-Schämens“ theoretisch zu begründen und einen präzisen, wissenschaftlichen Fachausdruck dafür zu finden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine phänomenologische und theoretische Analyse bestehender psychologischer Literatur zum Thema Scham, ergänzt durch die Untersuchung von Fallbeispielen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Strukturmomente von Scham, unterscheidet zwischen verschiedenen Schamtypen und erörtert, warum insbesondere die soziale Verbundenheit dazu führt, dass das Fehlverhalten eines anderen auf einen selbst zurückfällt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind stellvertretende Scham, soziale Identität, Normerfüllung, Wertschätzung und die Konstituenten des Schamgeschehens.
Warum schämt sich der Zyniker im Beispiel nicht für sein eigenes Verhalten?
Der Zyniker empfindet keine Scham, da er sich emotional von den Werturteilen der anderen unabhängig gemacht hat und ihm die Einschätzung durch die betroffenen Personen oder Beobachter gleichgültig ist.
Warum ist der Begriff „Fremdschämen“ laut Autor nicht passend für das untersuchte Phänomen?
Der Autor argumentiert, dass beim „Sich-für-andere-Schämen“ eine tatsächliche oder wahrgenommene soziale Bindung zwischen den Beteiligten bestehen muss, was bei der klassischen Definition des „Fremdschämens“ (z. B. gegenüber fremden Moderatoren) oft fehlt.
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- Felix Dinger (Author), 2005, Warum schämen wir uns für andere?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72365