Theorien und empirische Befunde zum Bevölkerungswachstum der Erde


Seminararbeit, 2006

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Der Begriff und die Kontroverse um die Tragfähigkeit der Erde

3. Theorien zum Bevölkerungswachstum der Erde
3.1 Tragfähigkeitsuntersuchungen der Erde
3.1.1 Johann Peter Süßmilch (1707-1767)
3.1.2 Malthusianismus und das exponentielle Wachstum
3.2 Dennis L. Meadows und die „Grenzen des Wachstums“
3.3 Die Theorie der demographischen Transformation
3.3.1 Grundgedanken
3.3.2 Die Phasen der demographischen Transformation
3.3.3 Kritik am Modell der demographischen Transformation

4. Die Entwicklung der Weltbevölkerung
4.1 Historische Entwicklung
4.2 Ursachen des Bevölkerungsanstiegs
4.3 Folgen der Bevölkerungszunahme

5. Ursachen der Differenz zwischen Bevölkerungstheorie und Realität

6. Gegenwärtiger Stand und Entwicklung der Weltbevölkerung
6.1 Globale Betrachtung des Standes der Weltbevölkerung
6.2 Regionale Unterschiede
6.2.1 Industrieländer
6.2.2 Entwicklungsländer
6.3 Der Einfluss von Aids/HIV auf das Wachstum

7. Bevölkerungsprognosen der Vereinten Nationen

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Noch nie in der Menschheitsgeschichte haben gleichzeitig so viele Menschen die Erde bewohnt wie heute. Allerdings entspricht der Bevölkerungsstand von nahezu hundert Prozent der Verweilzeit des Menschen nur einem Bruchteil der heutigen Population. Am 12. Oktober 1999 überschritt die Weltbevölkerung laut Berechnungen der Vereinten Nationen die 6-Milliarden-Grenze.[1] Den im Zusammenhang mit dieser Entwicklung auftauchenden Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden. Die Weltbevölkerung wird hier als ein geschlossenes System betrachtet, da weder räumliche Migrationen noch Wanderungen den globalen Begriff der Weltbevölkerung betreffen. Dieser definiert sich also ausschließlich aus Geburten- und Sterbefällen.

Der erste Teil dieser Arbeit beschreibt zunächst die wichtigsten Theorien und Überlegungen zur Bevölkerungsentwicklung und der Auswirkung auf die Tragfähigkeit der Erde. Im zweiten, empirischen Teil wird eingangs die historische Entwicklung bis zum heutigen Tag dargestellt, dann die gegenwärtige Situation der Weltbevölkerung und schließlich mit Vorausberechnungen über die zukünftige Entwicklung der Weltbevölkerung durch die Vereinten Nationen abgeschlossen.

2. Der Begriff und die Kontroverse um die Tragfähigkeit der Erde

Die Tragfähigkeit bezeichnet die Menschenpopulation eines bestimmten Gebiets, die unter Beibehaltung ihres Kultur- und Zivilisationsstandes auf agrarischer oder gesamtwirtschaftlicher Basis langfristig überleben kann. Unterschieden wird zwischen einer effektiven bzw. potentiellen, einer maximalen bzw. optimalen und einer innenbedingten bzw. außenbedingten Tragfähigkeit.[2]

Wird zur Berechnung der Tragfähigkeit die jeweils praktizierte Methode bzw. die momentan beste dafür geeignete Methode herangezogen, handelt es sich um die effektive bzw. potentielle Tragfähigkeit. Die maximale Tragfähigkeit geht vom Existenzminimum, die optimale von einem bestimmten, einzuhaltenden Lebensstandard aus. Zudem muss festgestellt werden, ob die Befriedigung der Bedürfnisse alleine aus dem eigenen Lebensraum (innenbedingt) oder durch Handel mit anderen Räumen (außenbedingt) erreicht werden kann. In Abhängigkeit der Bezugsbasis ergeben sich zusätzlich eine agrare, eine naturbedingte und eine gesamtwirtschaftliche Tragfähigkeit. Von besonderer Bedeutung ist die agrare Tragfähigkeit, da auf ihrer Grundlage der Nahrungsmittelspielraum errechnet werden kann. Aus diesen Variablen erschließen sich insgesamt 24 mögliche „Tragfähigkeiten“, wobei eine scharfe Grenzziehung untereinander in der Praxis auf Grund unterschiedlicher Berechnungen und unbekannter Wirkungszusammenhänge nicht möglich ist.[3]

Die Tragfähigkeit setzt sich also zum einen aus einer physischen Komponente (Klima, Relief, Vegetation und Bodengüte) und zum anderen aus einer sozialen und ökonomischen Komponente (Entwicklungsgrad der Produktionsfaktoren, Sozialverhalten und -system, Bevölkerungsstruktur und Siedlungsweise) zusammen.[4] Je nachdem, welche Faktoren die Tragfähigkeit limitieren spricht man von einer agraren, einer ökologischen oder einer ökonomischen Tragfähigkeit. Eine Überschreitung wird als Überbevölkerung bezeichnet. Berechnungen über die maximale Weltbevölkerungszahl reichen von 5,995 Milliarden durch E.G. Ravenstein über 13,3 Milliarden von Hollstein bis hin zu 22,4 Milliarden Menschen durch Ballod.[5]

Auswahl verschiedener maximaler Bevölkerungsberechnungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1, Quelle: WEIß (2004): S. 615

Die Differenzen begründen sich u.a. darin, dass in der Vergangenheit das Potential der Tropen überschätzt, den Berechnungen verschiedene Lebensstandards zu Grunde gelegt oder unterschiedliche Bezugsflächen verwendet wurden. Auch führten unterschiedliche Ansichten über den Anteil der bereits erschlossenen und noch erschließbaren Ernährungsquellen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen der Tragfähigkeitsberechnungen.[6] Orientiert man sich an der Lebensgewohnheit von Indianern im Urwald Brasiliens, so könnten 20 bis 30 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Bei amerikanischem Standard wäre die Tragfähigkeit bereits heute überschritten.[7]

Untrennbar verbunden mit der Tragfähigkeit ist die Nahrungsmittelproduktion und die Verteilung der Nahrung. Zwar stehen den heutigen 6 Mrd. Menschen durchschnittlich 15% bzw. 20% mehr Nahrungsmittel zur Verfügung als 1976 bzw. 1950, doch trifft diese Verbesserung der Nahrungsmittelproduktion nicht für alle Regionen gleichermaßen zu. Hauptproblemgebiete sind weiterhin Afrika und Asien, in den 43% bzw. 20% der Bevölkerung unterernährt sind.[8]

Wie groß die Tragfähigkeit der Erde ist, hängt also nicht nur von der Bevölkerungszahl ab, sondern auch von der Wirtschaftsweise, den Produktivitätsfortschritten, technologischen Innovationen, Lebensstilen, Konsummustern und dem Umgang mit Ressourcen.[9]

3. Theorien zum Bevölkerungswachstum der Erde

3.1 Tragfähigkeitsuntersuchungen der Erde

Im Folgenden sollen die Begründer und stärksten Widersacher der modernen Bevölkerungswissenschaft J.P. Süßmilch und R.T. Malthus vorgestellt, sowie deren Theorien erläutert werden.

3.1.1 Johann Peter Süßmilch (1707-1767)

In Süßmilchs 1741 erschienenen Hauptwerk „Die Göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts, aus der Geburt, Tod, und Fortpflanzung desselben erwiesen“[10] behandelt er die Bevölkerungsentwicklung anhand der Komponenten Nuptialität, Fertilität, Morbidität, Mortalität, Migration und der Geschlechterproportion. Darin führt er die ersten Bevölkerungsprognosen durch und errechnet eine agrare Tragfähigkeit der Erde von 7 Milliarden Menschen, was einem vielfachen der damaligen Bevölkerung entspricht. Diese Zahl stimmt mit heutigen Berechnungen relativ gut überein.[11] Ausgangspunkt der Berechungen sind die ihm bekannten Entwicklungspotentiale der Landwirtschaft, die Verpflegungssätze der brandenburgischen Soldaten und ein nur begrenztes Wissen über weit entfernte Kontinente.[12] Außerdem geht Süßmilch von einem gegensinnigen Zusammenhang zwischen der Höhe der Geburtenrate und den materiellen Lebensbedingungen der Unterschicht aus.[13] Sein eigentliches Ziel war es jedoch, die Existenz Gottes durch empirische Daten der Bevölkerungswissenschaft zu beweisen und zu zeigen, „dass das irdische Unheil, das in Form von Hunger, Kriegen und Elend über die Menschen kommt, nicht gottgewollt und daher vermeidbar sei.“[14] In der 1765 erschienenen zweiten Ausgabe seines Werkes erhöht er diese Zahl nach Überprüfung seiner Rechnungen und neuen Berechnungen auf 14 Milliarden.[15]

3.1.2 Malthusianismus und das exponentielle Wachstum

Der Engländer Thomas Robert Malthus (1766-1834) veröffentlicht 1798 seinen „Essay on the principle of population as it affects the future improvement of society“. Darin beschreibt er, dass aus einem ungebremsten Bevölkerungswachstum ökologische Konsequenzen entstehen, da sich die Bevölkerung in geometrischer bzw. exponentieller Reihe (1, 2, 4, 8, 16,…) vermehrt, während die Nahrungsmittelproduktion auf Grund abnehmenden Bodenertrags nur im arithmetischen Verhältnis (1, 2, 3, 4, 5,…) steigt.[16]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Schematische Darstellung des linearen Nahrungsmittel- und exponentiellen Bevölkerungs- anstiegs. Eigene Grafik, basierend auf fiktiven Werten.

Das bedeutet, dass selbst eine noch so kleine anfängliche Bevölkerungszahl früher oder später unweigerlich die Nahrungsmittelreserven übersteigen muss. Diese ungleiche Vermehrungskraft von Bevölkerung und Nahrungsmittel ist Hauptthese in Malthus’ Bevölkerungsgesetz.[17] Die Folgen der Bevölkerungsvermehrung bzw. der Verknappung von Nahrungsmitteln sind Hungersnöte, Epidemien und Kriege, die er als „positive checks“ bezeichnet, da sie wieder durch Bevölkerungsreduktion zu einem Gleichgewicht führen. Sexuelle Enthaltsamkeit und Geburtenbeschränkung bezeichnet Malthus als einzigen Ausweg, die Lage der Armen zu verbessern und das „Gleichgewicht zwischen Bevölkerung und Nahrungsmittelproduktion“[18] wiederherzustellen. Malthus widerspricht sich jedoch selbst, indem er einerseits vom biologischen Sexualtrieb als unabänderliches Naturgesetz spricht, andererseits aber das Überwinden des Naturgesetzes durch moralische Anstrengungen für möglich und erforderlich erachtet. Die Wahrscheinlichkeit aber, der Bevölkerungsfalle zu entrinnen ist sehr gering, da eine Produktionssteigerung an Nahrungsmitteln „wieder das Bevölkerungswachstum anrege.“[19]

Die maximale Tragfähigkeit der Erde sei laut Malthus bereits im Erscheinungsjahr seines Essays mit der damaligen Population von knapp einer Milliarde Menschen schon annähernd erreicht. Primäres Ziel des Aufsatzes aber war es, gesellschaftliche Reformen im England des ausgehenden 18. Jahrhunderts zu verhindern, da laut Malthus, jede Verbesserung der Lebensbedingungen der Unterschicht gleichsam einen Anstieg der Geburtenrate nach sich zieht und so eine Überschreitung des Nahrungsmittelspielraums begünstigt. Dieses „Bevölkerungsgesetz“ geht im Gegensatz zu Süßmilchs Werk von einem „gleichsinnigen Zusammenhang zwischen der Höhe der Geburtenrate und den materiellen Bedingungen der Unterschicht-Bevölkerung“[20] aus.

Über die Objektivität und Richtigkeit des Essays darf allerdings gestritten werden, da Malthus selbst einräumt, dass sich seine Annahmen an einer geringen Datenmenge orientieren, die zum Teil von Süßmilch übernommen und entgegengesetzt interpretiert wurden, und die Überlegungen nicht unbefangen sind.[21] Obwohl dieses Bevölkerungsprinzip bereits bei seinem Erscheinen widerlegbar war, war es in erster Linie Malthus’ Gedankengut, das die

Bevölkerungslehre des 19. und 20. Jahrhunderts bestimmt und sich auch in der Entwicklungs­politik durch Maßnahmen zur Verminderung der Bevölkerung wie Familienplanung oder Sterilisationsprogramme nachteilig bemerkbar macht.[22]

3.2 Dennis L. Meadows und die „Grenzen des Wachstums“

Dennis L. Meadows et al. versuchten ein Weltmodell zu entwickeln, das durch Kombination großer Informationsmengen die bisherigen Denkmodelle über langfristige, weltweite Probleme verbessern soll. Untersucht werden hierbei die fünf Trends der beschleunigten Industrialisierung, des rapiden Bevölkerungswachstums, der weltweiten Unterernährung, der Ausbeutung der Rohstoffreserven und der Zerstörung des Lebensraums. Durch das Modell sollen die Ursachen der Entwicklungsrichtungen, ihre Wechselwirkungen und Folgen erfasst werden.[23]

Grafische Darstellung des dynamischen Bevölkerungswachstums (nach Meadows):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Eigene Grafik, nach MEADOWS (1972): S. 26

In dem Modell des dynamischen Bevölkerungswachstums teilt sich das Wachstum in einen positiven und in einen negativen Regelkreis. Der positive Regelkreis entspricht der durchschnittlichen Fruchtbarkeit, also der Geburtenzahl pro Jahr, die für das exponentielle Wachstum der Bevölkerung verantwortlich ist.[24] Auf diesen wirkt der negative Regelkreis durch die Zahl der Todesfälle pro Jahr regulierend.[25]

Da der positive Regelkreis im Weltdurchschnitt zwar leicht gefallen ist, die Sterberaten aber sehr viel stärker abgenommen haben, fällt der positive Regelkreis sehr viel stärker ins Gewicht und führt zu dem starken exponentiellen Wachstum.[26] Meadows berechnet für das Jahr 2002 eine Weltbevölkerung von 7 Milliarden Menschen voraus.[27] In dem 1972 von Meadows et al. verfassten Bericht „The Limits of Growth“[28] an den Club of Rome aber sind Befürchtungen über einen drohenden Zusammenbruch der globalen Tragfähigkeit wieder neu entbrannt. Die Schlussfolgerungen des Berichts lassen sich wie folgt ableiten:

[...]


[1] LEISINGER (2005): S. 14

[2] LESER (2005): S. 969

[3] BÄHR (1997): S. 265

[4] WEIß (2004): S. 603

[5] Ebd.: S. 615

[6] BÄHR (1997): S. 260-265

[7] LEISINGER (1999): S. 56

[8] BUNDESINSTITUT FÜR BEVÖLKERUNGSFORSCHUNG (2004): S. 85

[9] NUSCHELER (2005): S. 291

[10] BIRG (1989): S. 72

[11] Ebd.: S. 69

[12] NUSCHELER (2005): S. 255 f.

[13] BIRG (2004): S. 30

[14] BIRG (1989): S. 57

[15] BIRG (2004): S. 30

[16] LEISINGER (1999): S. 67

[17] BÄHR (1997): S. 261

[18] NUSCHELER (2005): S. 80

[19] Ebd.: S. 280

[20] BIRG (2004): S. 30

[21] BÄHR (1997): S. 261

[22] BIRG (1989): S. 70

[23] MEADOWS (1972): S. 15

[24] Ebd.: S. 26

[25] Ebd.: S. 27

[26] Ebd.: S. 29

[27] Ebd.: S. 30

[28] BOHLE (2001): S. 18

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Theorien und empirische Befunde zum Bevölkerungswachstum der Erde
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V72463
ISBN (eBook)
9783638633505
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorien, Befunde, Bevölkerungswachstum, Erde
Arbeit zitieren
Tobias Klier (Autor), 2006, Theorien und empirische Befunde zum Bevölkerungswachstum der Erde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72463

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