Für die Produktion des Filmes "Entr'acte" zeichnen sich zwei unterschiedliche Personen verantwortlich: die Ideen bringt der in der dadaistischen Szene von Paris etablierte Künstler Francis Picabia ein, während die Realisierung dieser Ideen dem cinéastischen Intellektuellen und dem am Anfang seiner Karriere stehenden Regisseur René Clair obliegt. Diese produktionsästhetische Arbeitsteilung kennzeichnet den ganzen Film, da beide Ansätze in "Entr’acte" verschmelzen und dadurch eine Ästhetik erzeugen, die sich aus mehr als der bloßen Summe der einzelnen Teile zusammensetzt. Gleichzeitig korrelieren die beiden Ansätze mit zwei avantgardistischen Bewegungen der Entstehungszeit, die gerade im Jahr 1924 ineinander übergehen. In diesem Jahr begründet André Breton mit dem ersten surrealistischen Manifest den Surrealismus, der große Teile der dadaistischen Kunstkonzeption in sich aufnimmt und gleichzeitig verändert. In dieser ästhetischen Übergangssituation entsteht nun "Entr’acte", ein Film, der vom paradigmatischen Wechsel der Avantgarden nicht unbeeinflusst geblieben ist.
In der Forschung zu "Entr'acte" wurden vor allem der dadaistische Gehalt des Films hervorgehoben. Diese Arbeit geht jedoch von der Annahme aus, dass an der historischen Schnittstelle zweier Avantgarden sich neben die dadaistischen Elemente surrealistische Formen gesellen, die nicht mit Bretons Konzeption des Surrealismus identisch sein müssen. Denn der Surrealismus zeichnet sich aufgrund seiner Heterogenität retrospektiv nicht bloß durch die stilistische Ausführung, sondern vor allem durch die methodische Herstellung des Werks aus. Zudem bedingt die mediale Struktur des Films, in die die dadaistischen Ideen integriert werden, eine Affinität zum Surrealismus und stellt damit a priori eine Verbindung zwischen dem Film und der surrealistischen Ästhetik her. Insofern wird zu zeigen sein, wie "Entr’acte" nicht nur einen dadaistischen Charakter aufweist, der vor allem inhaltlich manifest ist, sondern gleichzeitig auch surreale Formen integriert. Damit stünde "Entr’acte" als ein hybrides Werk explizit zwischen Dadaismus und Surrealismus und leistete somit ebenfalls einen Beitrag zur französischen Filmavantgarde der 20er Jahre.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Schwellensituation von Entr’acte
2. Entr’acte und Dadaismus
3. Surrealismus
3.1. Kino und Surrealismus
3.2. Entr’acte und Surrealismus
4. Entr’acte und Dada-/Surrealismus
5. Bibliographie:
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Film "Entr’acte" von René Clair (1924) an der ästhetischen Schnittstelle zwischen Dadaismus und Surrealismus. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie der Film durch die Interaktion von Picabias dadaistischen Konzeptionen und Clairs filmischer Inszenierung eine hybride Ästhetik erzeugt, die über eine reine Summe der Teile hinausgeht.
- Die Schwellensituation des französischen Kinos in den 1920er Jahren.
- Die produktionsästhetische Aufteilung zwischen Picabia (Idee) und Clair (Realisierung).
- Die Analyse dadaistischer Provokationsmechanismen in der Filmstruktur.
- Die Rolle der filmischen Form (Montage, Überblendung, Zeitlupe) bei der Konstitution surrealistischer Elemente.
- Die Untersuchung des Films als hybrides Werk zwischen zwei Avantgardebewegungen.
Auszug aus dem Buch
1. Die Schwellensituation von Entr’acte
Zu Beginn der 1920er Jahre durchläuft das französische Kino eine Phase der Veränderung, die sich produktions- und werkästhetisch manifestiert. Zum einen interessieren sich nun nicht mehr nur Regisseure und Produzenten für den Film, sondern auch Literaten und bildende Künstler steigen zunehmend in die Filmproduktion ein. Zum anderen wird in zahlreichen Filmen die kausal-logische Narration zugunsten eines non- linearen Erzähldiskurses aufgegeben und damit neue Möglichkeiten des filmischen Erzählens geschaffen. Dadurch schreitet die Autonomisierung des Filmes von der Literatur voran und entzündet Mitte der 20er Jahre die Debatte um den „reinen Film“, die in Frankreich ein wichtiger Gegenstand des filmischen Diskurses war.
Gerade anhand dieser Diskussion lässt sich die Ausweitung des Filmdiskurses auf Kritiker, Schriftsteller und Theoretiker ablesen, die in Form der Nouvelle Vague knapp 40 Jahre später ihre historische Fortsetzung erfuhr. Einer dieser Kritiker, die sich Anfang der 20er Jahre in den Filmdiskurs einschalteten, war René Clair, der für die Zeitschriften L’ Intrasigeant und Théatre et Comoedia Illustré Filmrezensionen schrieb und sich in diesen immer wieder kritisch zur Filmästhetik äußerte. Seine Arbeit über den Film versetzte ihn 1923 in Lage, seinen ersten eigenen Film mit selbst verfasstem Drehbuch zu produzieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Schwellensituation von Entr’acte: Das Kapitel erläutert die Umbruchphase des französischen Kinos Anfang der 1920er Jahre und die Entstehungsbedingungen von "Entr’acte" durch die Zusammenarbeit von Francis Picabia und René Clair.
2. Entr’acte und Dadaismus: Hier werden die dadaistischen Elemente des Films analysiert, wobei der Fokus auf der Provokation des Publikums und der Brechung medialer Konventionen liegt.
3. Surrealismus: Dieses Kapitel diskutiert den theoretischen Zusammenhang zwischen dem Kino und der surrealistischen Bewegung sowie die spezifische Rolle der filmischen Form.
4. Entr’acte und Dada-/Surrealismus: Das Kapitel führt die Analysen zusammen und zeigt auf, wie der Film als hybrides Werk sowohl dadaistische als auch surrealistische Merkmale vereint.
5. Bibliographie:: Auflistung der verwendeten Quellen und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Entr’acte, René Clair, Francis Picabia, Dadaismus, Surrealismus, Filmavantgarde, Montage, Produktionsästhetik, Schockwirkung, mediale Konventionen, hybride Ästhetik, französische Filmgeschichte, Kino der 1920er Jahre, Bildobjektivierung, filmische Zeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit untersucht den Film "Entr’acte" (1924) von René Clair im Kontext der historischen Avantgardebewegungen Dadaismus und Surrealismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die Produktionsbedingungen des Films, das Spannungsfeld zwischen dadaistischer Provokation und surrealistischer Formensprache sowie die Autonomisierung des Films in den 1920er Jahren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist der Nachweis, dass "Entr’acte" kein rein dadaistisches oder surrealistisches Werk ist, sondern eine hybride Ästhetik darstellt, die den Übergang zwischen diesen beiden Strömungen markiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine filmwissenschaftliche Analyse, die formale Aspekte wie Montage, Zeitmanipulation und Kameraperspektive mit kunsttheoretischen Ansätzen des Dadaismus und Surrealismus verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung des Films, die Funktion dadaistischer Performance-Elemente sowie die Etablierung surrealistischer Merkmale durch filmimmanente Mittel wie Überblendungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Dadaismus, Surrealismus, Entr’acte, Montage, Produktionsästhetik und Avantgarde.
Welche Rolle spielt die Person René Clair bei der Analyse?
René Clair wird als Regisseur betrachtet, der Picabias dadaistische Konzepte durch seine filmische Virtuosität transformiert und damit eine neue, spezifisch filmische Ästhetik erschafft.
Warum ist der Leichenwagen im Film von besonderer Bedeutung?
Der Leichenwagen dient als Beispiel für eine dadaistische Provokation, die durch filmische Zeitmanipulation in eine surreale Repräsentation überführt wird.
Was bedeutet die "Schwellensituation" von Entr’acte?
Sie bezeichnet die zeitliche und ästhetische Lage des Films zwischen dem auslaufenden Dadaismus und dem aufkommenden Surrealismus im Jahr 1924.
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- Frank Dersch (Autor), 2006, Entr'acte zwischen Dadaismus und Surrealismus, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72503