Kontinuität und Diskontinuität in Martin Luthers Stellung zum Judentum


Examensarbeit, 2006
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zielsetzung der Arbeit

2 Einleitung
2.1 Die Person Martin Luther im historischen Kontext
2.2 Das mittelalterliche Judenbild

3 Luthers Wirkungsphasen und ein sich änderndes Judenbild
3.1 Luther in frUhreformatorischer Zeit
3.2 Zeit um 1523
3.3 Zeit um 1543
3.4 Luther kurz vor seinem Tod
3.5 Bewertung

4 Verbreitung und Wirkung Luthers Gedankengut nach seinem Tod
4.1 Von der Aufklärung bis zum 19. Jahrhundert
4.2 Rezeption Luthers im Dritten Reich

5 Schlussbetrachtung

Literatur

1 Zielsetzung der Arbeit

Martin Luther nimmt in der deutschen Reformationsgeschichte eine zentrale Rol­le ein. Die Wirkungen seines Handelns und seiner Gedanken reichen weit Uber seine Zeit hinaus und sind Gegenstand unzahliger literarischer Werke.

In Verbindung mit seinem Wirken wird besonders außerhalb wissenschaftlicher Diskussionszusammenhänge ein Thema nahezu immer zentralisiert, Luthers Hal­tung zum Judentum.[1]So wird geschrieben, Luther habe sich „im Alter als ubler Antisemit“ entpuppt[2]oder Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lugen“ zäh­le zu den agressivsten Texten, die der Antisemitismus je hervorgebracht hat und hatte „als Einleitung zu Hitlers „Mein Kampf“ [...] dienen kännen.“[3]. Einige Au­toren gehen soweit, dass sie versuchen, eine kontinuierliche ideologische Linie von Martin Luther zum deutschen Nationalsozialismus aufzuzeigen, „Luther proposed in detail how his fellowers should treat the „damned Jews“.“[4].

Der Gegenstand der folgenden Arbeit soll die Analyse einschlägiger Schriften Luthers auf sein Verhältnis zum Judentum und das Aufzeigen von Entwicklun­gen derselben sein. Dabei sollen seine Schriften nicht isoliert betrachtet, sondern, wie bedeutende Theologen mahnen[5], mit Blick auf ihre Entstehungsgschichte und den historischen Kontext naäher untersucht werden. Es gilt eine Antwort auf die Frage zu finden, ob sich Luther zu einem „ublen Antisemiten“ entwickelte und wie verschieden sich wirklich seine unterschiedlichen Aä ußerungen zum Judentum im Spiegel der damaligen Umstände darstellen.

In einem weiteren Teil soll die Weiterentwicklung Luthers Gedankengut bis zum Dritten Reich, wo er haäufig zitiert wurde, skizziert werden. Unter Umstäanden wird es so mäoglich sein, die häaufig gewagte Verbindung von Luther zu Hitler zu bewerten.

2 Einleitung

Dieser einleitende Teil der Arbeit soll Grundlagen für die folgende Diskussion um Luthers Judenbild und die Entwicklung desselbigen aufzeigen, indem zunächst die Person Martin Luther in den historischen Kontext eingeordnet und anschlie­ßend das vor Luthers Wirken vorherrschende mittelalterliche Judenbild darge­stellt wird.

2.1 Die Person Martin Luther im historischen Kontext

Zur Zeit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert war das Denken der christlichen Gesellschaft geprägt von einer allgegenwartigen Jenseitsangst. Die Menschen ve- banden mit dem Gedanken an ihre Sterblichkeit den Tag des Jängsten Gerichts, an welchem uber die Zukunft ihrer Seele entschieden werden sollte. Instrumente zur Sändenvergebung und Heilserlangung wurden von der spätmittelalterlichen Kirche angeboten und auf einem regelrecht institutionalisierten Markt gegen Geld gahandelt. So wurde die sprirituelle Heilserlangung durch den Ablasshandel ma­terialisiert.

Auch der am 10.11.1483 in diese Zeit geborene Martin Luther sah sich diesem Zwang ausgesetzt.[6]Er selbst begrändete räckblickend seinen Entschluss, ins Klos­ter zu gehen, „Ich will der hellen entlauffen mit meiner Muncherei und Orden.“[7]. Luthers Bemähungen, sein Seelenheil zu finden, äbertrafen die von den Ordenso­beren an ihn gestellten Erwartungen. Dennoch, geplagt von der stetigen Erkennt­nis des eigenen Ungenugens und dem Fragen nach Gott und der Gnadengewiss­heit, vertiefte der junge Mönch sein Bibelstudium.[8]Im Zuge dieses Studiums der Heiligen Schrift entwickelte er ein neues Verständnis vom Begriff der Gerechtigkeit Gottes. Bisher war sie als aktive Gerechtigkeit eines strafenden Gottes verstanden worden, durch welche der suändige Mensch am juängsten Tag der ewigen Verdamm­nis uberlassen wurde. Die Aussage des Paulus, „der Gerechte lebt aus Glauben“[9], verhalf Luther zu der zentralen Erkenntnis seines reformatorischen Strebens. Er verstand die Gerechtigkeit nicht mehr als jene, die den sündigen Menschen am jüngsten Tag durch die ewige Verdammnis der Seele straft, sondern als ein Ge­schenk Gottes, welches dem glüubigen Menschen zur Rechtfertigung und damit zu ewigem Leben verhelfe.[10]Gemeint war der Glaube an Jesus Christus, der durch seinen Tod am Kreuz die Sünde von der Menschheit nahm.[11]

Diese Erkenntnis stand teilweise im Konflikt zum Dogma der römischen Kir­che, deren Bild durch die Werkheiligkeit und den Gnadenmarkt geprägt war und predigte, der Sunder habe nur durch Buße und Ablass eine Chance, seinem See­lenheil ein Stuck naher zu kommen. Dieser Neuansatz religiüsen Denkens traf in einer Gesellschaft, welche sowieso schon ein Bedurfnis nach Individualisierung und Patrizipation am Heilsprozess verspurte auf sehr viel Anerkennung. Das sich verbreitende Gedankengut Luthers, ließ die den von der spüatmittelalterlichen Kir­chen beanspruchten Mittlerstatus immer unglaubwuürdiger erscheinen. Es zeich­nete sich eine antiklerikale Grundstroümung in allen Schichten der Gesellschaft ab, welche die Kirche nicht mehr aufzuhalten verstand.[12]

Luthers zentrale Erkenntnis stand daruüber hinaus in voülligem Gegensatz zur Lehre des Judentums. Die Juden versuchten nüamlich, so Luther, durch die Aüußerlich- keiten des Glaubensvollzuges (Beschneidung, Speisevorschriften) ihre Seele von der Sünde zu befreien.[13]

Wie ein Katalysator fur die Verbreitung der neuen Lehre wirkte der in jener Zeit aufkommende Buchdruck. So verblieb das reformatorische Gedankengut nicht in der Diskussion der wissenschaftlichen Gelehrten, sondern wurde in das Volk hineingetragen und das neu proklamierte Gottesverhültnis als lebenspraktische Müglichkeit wahrgenommen.[14]

2.2 Das mittelalterliche Judenbild

Aus der spätmittelalterlichen Denkensweise gingen zahlreiche Stereotypen zur Beschreibung einzelner gesellschaftlicher Gruppen hervor. Das jädische Stereotyp unterschied sich dabei von einigen anderen durch seine stark negative Belastung. Dessen Urspränge finden sich im hellenistischen Alexandrien, wo die Juden als aussetzige und verbrecherische Fremdlinge verurteilt wurden, deren Ausschluss von der äbrigen Gesellschaft als Schutz vor äbertragbaren Krankheiten verstan­den wurde. Dieses Judenbild griffen die Romer auf und formten es weiter. Sie deklarierten den jädischen Einfluss als eine Gefahr fur die rämische Weltordnung.

Weiter ausgebaut wurde das judische Stereotyp in der altchristlichen Literatur durch die Beigabe christlicher Motive der Judenfeindlichkeit. Eine zentrale Be­deutung kommt in diesem Zusammenhang der propagierten Kollektivschuld der Juden am Leiden und Tod Jesu Christi zu, fär deren Beweis stets „Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme uber uns und unsere Kinder!“[15]an­gefährt wurde.[16]In den Jahrhunderten nach den Progromen der ersten Kreuzzuge wurde die allgegenwärtige Motivation des Antijudaismus noch verschärft. Neben bisher dominierenden religiösen Grimden kamen weitere hinzu.[17]

Die weitere Entwicklung des negativ propagierten Judenbildes war von diversen Beschuldigungen getragen, die von einer durch oäkonomische und soziale Miss- staände stark verunsicherten mittelalterlichen Gesellschaft ausgingen. Diese such­te in den Juden den Ursprung ihres Ubels. Die Beschuldigungen erstreckten sich äber die Bezichtigung des Ritualmordes und des Hostienfrevels bis zu der der Brunnenvergiftung als Ursache fuär zahlreiche Pestepedemien, die das mittelalter­liche Europa beherrschten. Die Kombination mit endzeitlichen Erwartungen und der Angst vor daämonischen Maächten bewirkte eine stetige Unterdruäckung und systematische Ausgrenzung der judischer Bevälkerung. Exemplarsich fur diese Entwicklung steht das IV. Lateralkonzil von 1215, auf dem eine Kennzeichnungs­pflicht für Juden beschlossen wurde, um irrtümliche Vermischungen mit Christen zu verhindern.[18]

Zudem begunstigten der sich vollziehende Wechsel der Literatursprache vom La­teinischen zum Alltagsdeutsch und der sich durchsetzende Buchdruck die Verbrei­tung und fürderte die Festigung des jüdischen Stereotyps im gemeinen Volk.[19]Die sensationsgierigen Massen wurden durch stetig neue Nachrichten über angebliche jüdische Ritualmorde und Hostienschündungen, die über Zeitungen und Flugblat­ter distribuiert wurden, fur eine antijudische Haltung und eine Streuung weiterer Gerüchte sensibilisiert. Somit trug das zeitgenössiche Schrifttum maßgeblich zur antijudischen Hetze des Spütmittelalters bei.[20]Wo das Volk des Lesens nicht müchtig war, propagierte man das jüdische Stereotyp in Form der Kunst oder des Schauspiels.[21]

3 Luthers Wirkungsphasen und ein sich ändern des Judenbild

3.1 Luther in frühreformatorischer Zeit

Martin Luthers erste große Vorlesung, die Dictata super Psalterium aus den Jah­ren 1513-1515, ist zwar keine thematische Abhandlung über das Judentum, jedoch finden sich in diesen Schriften derart zahlreiche antijudische und kirchenkritische Implikationen Luthers Bibelhermeneutik[22], dass sie als durchaus repräsentativ ge­sehen und zur Analyse des aufgezeigten Kontexts herangezogen werden kännen.[23]

Der Kern in Martin Luthers Aussagen liegt in der den Juden angelasteten Schuld an der Kreuzigung Jesu Christi. Diese haufig artikulierte Überzeugung bildet den Ausgangspunkt der Beurteilung judischen Seins. Diese Tat setze sich bei den Ju­den stets dadurch fort, dass sie nicht an die durch Jesus Christus vermittelte Gna­de Gottes glauben, sondern weiter ihr Leben an einer irdischen Werkgerechtigkeit orientieren. Sie unterdräckten vorsätzlich die durch Christus erlangte Wahrheit und täten es damit ihren Vätern, die Jesus ans Kreuz brachten, gleich. Luther stellt die Juden als Gemeinschaft dar, die durch den Zorn Gottes gestraft ist. Dieser Zorn äußere sich in der irdischen Leiden jener: „Sie sind tot in sich selbst und werden nicht auferstehen“. Der Sinn judischer Existenz liege, so Luther, in der Darstellung eines abschreckenden Beispiels des goättlichen Zorns. Doch nun bleiben sie [die Juden] zur Bezeugung des Kreuzes Christi, unserer Rettung und ihrer Sunde“.[24]

Mit einer ersten gezielten Aussage zum Judentum seiner Zeit wird Luther im Jahre 1514 einer Bitte des kurhirstlichen Sekretars und Hofpredigers Georg Spa latin gerecht. Dieser fordert, dass sich Luther zum Streit zwischen J. Reuchlin, dem zum Christentum konvertierten J. Pfefferkorn und der Kölner Inquisition um die Verbrennung des angeblich gottesläasterischen Talmud und anderer juädi- sche Schriften, was Reuchlin mangels Beweisen ablehnt, kritisch äußert.[25]

Zusammengefasst hat Luther wie folgt dazu Stellung genommen: Er verteidigt die ablehnende Haltung auch wenn seine Begründung sich von der des Huma­nisten unterscheidet. Dem an Reuchlin gerichteten Vorwurf der Christus- und Gotteslästerung begegnet Luther mit zwei Gedankengange. Zum einen sei Got­teslästerung viel haufiger und in schlimmerer Form in den Taten von Christen zu finden. Des weiteren stände das gotteslästerliche Verhalten der Juden im Ein­klang mit den Aussagen der Schrift, wo von den Propheten bereits vorhergesagt wurde, dass die Juden Gott und Christus schmahen und lästern werden. Stellte man sich nun der Gotteslästerung entgegen, so ließe man Gott und die Schrift als Luge erscheinen.[26]Diese Äußerungen, wenn sie auch wider staatliche Eingrif­fe gegen die Juden stehen, beschreiben keinen Wandel in Luthers Überzeugung, sondern reflektieren nur seinen proklamierte Ausgrenzung staatlicher Macht aus Glaubensfragen.[27]

3.2 Zeit um 1523

Der Streit um Reuchlin war waährend dessen in der durch die reformatorische Bewegung ausgelästen Ünruhe untergegangen. Auf dem Reichstag in Nürnberg hatte Erzherzog Ferdinand von Österreich in Vertretung seines Bruders Karl V. vor den versammelten Ständen eine Interpretation Luthers Handelns veröffent­licht. Diese besagte, Luther vertrete die Lehre, Jesus stamme von Abraham ab, was die Jungfrauengeburt und daruäber die Jungfraäulichkeit Marias leugne. Die­se Auslegung Luthers Wirkens verbreitete sich schnell in der Öffentlichkeit und Luther sah sich gezwungen, diese Anschuldigungen zu widerlegen und sein Han­deln ins rechte Licht zu ruäcken. Mit seiner Schrift Daß Jesus ein geborener Jude sei“(1523) setzte er sich schließlich zu Wehr.[28]

[...]


[1]Vgl. Kaufmann, 2005, S.4.

[2]Vgl. Schwarz, 2003, S.76.

[3]Vgl. Messadié, 2001, S.216.

[4]Wiener, 1985, S.61.

[5]Vgl. Lohse, 1982, S.95; Späth, 2003, S.9; Kaufmann, 2005, S.5; von der Osten-Sacken, 2002, S.45f; Wiese, 2003, S.28.

[6]Vgl. Lottes, 1997, S.13ff.

[7]WA 47, 90,35f.

[8]Vgl. Kaufmann, 2006, S.34ff.

[9]Rom 1, 17.

[10]Vgl. Kaufmann, 2006, S.38ff “Vgl. Lottes, 1997, S.18f.

[12]Vgl. Lottes, 1997, S.16ff.

[13]Vgl. Spath, 2001, S.89.

[14]Vgl. Lottes, 1997, S.23.

[15]Mt 27,25.

[16]Vgl. Degani, 1985, S.3 ff.

[17]Vgl. Degani, 1985, S.9.

[18]Vgl. Detmers, 2001, 37ff; Schoeps, 2001, S.49.

[19]Vgl. Degani, 1985, S.11.

[20]Vgl. Degani, 1985, S.35ff.

[21]Vgl. Degani, 1985, S.18ff.

[22]Vgl. Kirn, 2005, S.218.

[23]Vgl. von der Osten-Sacken, 2002, S. 45.

[24]Vgl. von der Osten-Sacken, 2002, S.50ff.

[25]Vgl. Kirn, 2005, S.218.

[26]Vgl. WA Br 1, 23.

[27]Vgl. von der Osten-Sacken, 2002, S.75f.

[28]Vgl. Stohr, 1985, S.91f.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Kontinuität und Diskontinuität in Martin Luthers Stellung zum Judentum
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Lehrstuhl für Evangelische Theologie unter besonderer Berücksichtigung der Sozialethik und der Theologiegeschichte)
Veranstaltung
Christliche Sozialethik
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V72542
ISBN (eBook)
9783638627573
ISBN (Buch)
9783638675413
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kontinuität, Diskontinuität, Martin, Luthers, Stellung, Judentum, Christliche, Sozialethik
Arbeit zitieren
Dipl.-Kfm. Michael Gräßel (Autor), 2006, Kontinuität und Diskontinuität in Martin Luthers Stellung zum Judentum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72542

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