Martin Luther nimmt in der deutschen Reformationsgeschichte eine zentrale Rolle ein. Die Wirkungen seines Handelns und seiner Gedanken reichen weit über seine Zeit hinaus und sind Gegenstand unzähliger literarischer Werke. In Verbindung mit seinem Wirken wird besonders außerhalb wissenschaftlicher Diskussionszusammenhänge ein Thema nahezu immer zentralisiert, Luthers Haltung zum Judentum. So wird geschrieben, Luther habe sich ”im Alter als übler Antisemit“ entpuppt oder Luthers Schrift ”Von den Juden und ihren Lügen“ zähle zu den agressivsten Texten, die der Antisemitismus je hervorgebracht hat und hätte ”als Einleitung zu Hitlers ”Mein Kampf“ [...] dienen können.“ Einige Autoren gehen soweit, dass sie versuchen, eine kontinuierliche ideologische Linie von Martin Luther zum deutschen Nationalsozialismus aufzuzeigen, ”Luther proposed in detail how his fellowers should treat the ”damned Jews“.“
Der Gegenstand der folgenden Arbeit soll die Analyse einschlägiger Schriften Luthers auf sein Verhältnis zum Judentum und das Aufzeigen von Entwicklungen derselben sein. Dabei sollen seine Schriften nicht isoliert betrachtet, sondern, wie bedeutende Theologen mahnen5, mit Blick auf ihre Entstehungsgeschichte und den historischen Kontext näher untersucht werden. Es gilt eine Antwort auf die Frage zu finden, ob sich Luther zu einem ”üblen Antisemiten“ entwickelte und wie verschieden sich wirklich seine unterschiedlichen Äußerungen zum Judentum im Spiegel der damaligen Umstände darstellen.
In einem weiteren Teil soll die Weiterentwicklung Luthers Gedankengut bis zum Dritten Reich, wo er häufig zitiert wurde, skizziert werden. Unter Umständen wird es so möglich sein, die häufig gewagte Verbindung von Luther zu Hitler zu bewerten.
Inhaltsverzeichnis
1 Zielsetzung der Arbeit
2 Einleitung
2.1 Die Person Martin Luther im historischen Kontext
2.2 Das mittelalterliche Judenbild
3 Luthers Wirkungsphasen und ein sich änderndes Judenbild
3.1 Luther in frühreformatorischer Zeit
3.2 Zeit um 1523
3.3 Zeit um 1543
3.4 Luther kurz vor seinem Tod
3.5 Bewertung
4 Verbreitung und Wirkung Luthers Gedankengut nach seinem Tod
4.1 Von der Aufklärung bis zum 19. Jahrhundert
4.2 Rezeption Luthers im Dritten Reich
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert das Verhältnis Martin Luthers zum Judentum im Wandel seiner Schriften und bewertet dabei kritisch die häufig diskutierte, ideologische Kontinuitätslinie vom Reformator zum deutschen Nationalsozialismus.
- Analyse der Schriften Luthers vor ihrem historischen und theologischen Hintergrund
- Untersuchung der Entwicklung des Judenbildes in den verschiedenen Wirkungsphasen Luthers
- Gegenüberstellung der theologischen Argumentation Luthers mit der rassistischen Ideologie des Dritten Reiches
- Bewertung der Kontinuität und Diskontinuität in Luthers judenfeindlichen Äußerungen
Auszug aus dem Buch
3.3 Zeit um 1543
Während Luther in den Jahren um 1523 noch die Kommunikation zwischen Christen und Juden anstrebte, um jene überzeugend zu belehren, wandelte sich seine Herangehensweise an den bereits erwähnten Konflikt zwanzig Jahre später drastisch. War es eigentlich in Luthers Intresse, über die Thematik Stillschweigen zu bewahren, nachdem er 1538 ein Pamphlet mit dem Titel „Wider die Sabatther an einen guten Freund“ veröffentlicht hatte. Mit dieser Schrift war er einer Bitte des Grafen Schlick zu Falkenau gefolgt, der eine Belehrung für den Kampf gegen eine Sekte, die sich Sabbather nannte und sich von den Juden zum Sabbath hätte bekehren lassen, erbat. Die Antwort auf den Brief des Grafen Schlicks und eine erneute Anfrage desselbigen ließen Luther zu einer erneuten Produktivität in der Diskussion der Judenfrage kommen. Im Zuge dieser betrieb er nun nicht mehr eine Diskussion auf die Juden zu, sondern eine zur Stärkung des Christentums gegen das Judentum. Er behandelt die Frage: „Wer leuget hie? Leuget Gott oder leuget Jude, Denn sie sind wider einander.“ und beantwortet sie, indem er für sich richtig stellt, „es darff gar keiner frage, sondern ist uberweiset [=nachgewiesen], das die Juden liegen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Zielsetzung der Arbeit: Diese Einführung erläutert die Forschungsabsicht, Luthers Haltung zum Judentum vor dem Hintergrund seines historischen Kontexts kritisch zu untersuchen und die ideologische Verbindung zum Nationalsozialismus zu bewerten.
2 Einleitung: Hier wird Martin Luther in seine historische Epoche eingeordnet und das damals vorherrschende, stark negativ geprägte mittelalterliche Judenbild skizziert.
3 Luthers Wirkungsphasen und ein sich änderndes Judenbild: Dieses Kapitel analysiert chronologisch Luthers Schriften und zeigt auf, dass sein Judenhass theologisch begründet war und sich die Polemik über die Jahre hinweg intensivierte.
4 Verbreitung und Wirkung Luthers Gedankengut nach seinem Tod: Die Untersuchung beleuchtet die Rezeption von Luthers Schriften durch spätere Jahrhunderte, mit einem besonderen Fokus auf die Instrumentalisierung durch den Nationalsozialismus.
5 Schlussbetrachtung: Das Fazit lehnt die Hypothese eines Wandels in Luthers Grundhaltung ab und distanziert den theologischen Antijudaismus Luthers scharf vom rassistischen Antisemitismus der Nationalsozialisten.
Schlüsselwörter
Martin Luther, Judentum, Reformationsgeschichte, Antijudaismus, Judenbild, Antisemitismus, Nationalsozialismus, Theologie, Kirchengeschichte, Historischer Kontext, Polemik, Judenfeindlichkeit, Rezeption, Konversion, Messias
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht Martin Luthers Stellung zum Judentum, wie sie sich in seinen Schriften ausdrückt, und bewertet, ob es einen inhaltlichen Wandel gab oder ob Luthers Sichtweise eine konsistente theologisch begründete Haltung darstellt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind Luthers Schriften, die Entwicklung seines Judenbildes im historischen Wandel, die Analyse seiner Polemik sowie die spätere Rezeption seiner Texte, insbesondere im Nationalsozialismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu klären, ob sich Luther zu einem „üblen Antisemiten“ entwickelte und wie die häufig gewagte ideologische Verbindung zwischen Luther und Hitler auf Basis historischer Fakten zu bewerten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine Analyse einschlägiger Schriften Luthers durch, wobei diese nicht isoliert, sondern unter Berücksichtigung ihrer Entstehungsgeschichte und des historischen Kontextes betrachtet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der verschiedenen Wirkungsphasen Luthers (von der Frühreformation bis zu seinen späten Schriften) sowie eine Untersuchung der Rezeptionsgeschichte nach seinem Tod bis ins Dritte Reich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Martin Luther, Judentum, Antijudaismus, Reformation, Antisemitismus, Nationalsozialismus und historische Rezeption bestimmt.
Warum unterscheidet der Autor zwischen Luthers Antijudaismus und dem Antisemitismus des Dritten Reiches?
Der Autor argumentiert, dass Luther aus einer theologischen, religiös begründeten Judenangst heraus handelte, während der Nationalsozialismus den Judenhass auf einer rassistischen Ideologie aufbaute und Luthers Zitate aus ihrem historischen Kontext riss.
Wie bewertet die Arbeit Luthers Schrift „Daß Jesus ein geborener Jude sei“ von 1523?
Diese Schrift wird als Ausdruck eines Missionierungsversuchs bewertet, der nicht auf plötzlicher Toleranz basiert, sondern die Juden durch Nächstenliebe zur freiwilligen Bekehrung zum Christentum bewegen sollte.
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- Dipl.-Kfm. Michael Gräßel (Author), 2006, Kontinuität und Diskontinuität in Martin Luthers Stellung zum Judentum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72542