Die bundesdeutschen Gewerkschaften im Spannungsfeld zwischen Krise, Globalisierung und Fusionen


Seminararbeit, 2002
28 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Quellenlage und Definitionen

3. Die traditionellen Gewerkschaften und ihre Politik

4. Veränderte Rahmenbedingungen

5. Folgen für die Gewerkschaften

6. Krise und Mitgliederschwund

7. Globalisierung

8. Fusionen

9. Innergewerkschaftlicher Diskurs und Kritik

10. Fazit und Zusammenfassung

11. Bibliographie

1. Einleitung

Das Proseminar und die dazugehörige Vorlesung „Gesellschaftliche Interessenvermittlung:

Institutionen, Akteure, Prozesse„ sollten im Sommersemester 2002 „einen Überblick über Institutionen und Prozesse der Konfliktaustragung und Interessenvermittlung in westeuropäischen Demokratien„[1] geben. Unter der Anleitung von Prof. Helmut Wiesenthal und Dozentin Doris Blutner wurden die Themen Korporatismus, Pluralismus, Verbände, Staat, Kollektivgüter, Parteien und Gewerkschaften in Referaten und Diskussionen behandelt. Als Schwerpunkt rückte immer wieder die Frage der Veränderungen innerhalb der Gewerkschaften und ihrer Klientel ins Zentrum der Debatte, nicht zuletzt wegen der zeitgleich stattfindenden Streiks der IG Metall und der IG BAU in weiten Teilen Deutschlands. Weiterführend zu meinem Protokoll vom 26.06.2002: „Verbände und Staat: `Vielfalt und Interdependenz` u.a. von W. Streeck„ werde ich in dieser Arbeit auf die Entwicklungen innerhalb der Gewerkschaften in der Bundesrepublik eingehen. Zunächst möchte ich die Politik der DGB –Gewerkschaften der vergangenen Jahrzehnte darlegen, anschließend die Veränderung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Folgen dieser Veränderungen für die Gewerkschaften. Dem Thema „Globalisierung„ ist in diesem Zusammenhang ein eigenes Kapitel gewidmet, angesichts der immensen Bedeutung dieses Prozesses für die Gewerkschaften halte ich ein gesondertes Eingehen für angebracht.

2. Quellenlage und Definitionen

Die Quellensituation ist insgesamt befriedigend. Das Thema betreffende Sekundärliteratur ist ausreichend vorhanden. Allerdings sind die als Standardliteratur geltenden Werke nicht immer aktuell genug. Wie diese Arbeit zeigen wird, haben gerade in den letzten zwei bis drei Jahren Veränderungen statt gefunden, die nachhaltigen Einfluss auch auf die deutschen Gewerkschaften haben. Besonders hilfreich waren Rückgriffe auf Texte der im engeren Sinne sozialwissenschaftlichen Forschung.

Die hier getroffenen Aussagen beziehen sich jedoch auch auf im Seminar getroffene Feststellungen und dem Studium diverser Publikationen gewerkschaftlicher Gliederungen, politischer Gruppen, marxistischer Theoretiker und einiger Presseerzeugnisse. Als hier zu behandelnde bundesdeutsche Gewerkschaften gelten die traditionell im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisierten Gewerkschaften sowie die Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG), die 2001 in der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft e.V. aufgegangen ist. Verbände, die nicht den Charakter von Massenorganisationen haben, sondern ein eher ständisches Modell repräsentieren (wie der Deutsche Beamtenbund) oder vorrangig religiöse Anliegen haben (z.B. die Gemeinschaft christlicher Lehrer und Erzieher), bleiben unberücksichtigt.

3. Die traditionellen Gewerkschaften und ihre Politik

Der Deutsche Gewerkschaftsbund ist mit fast 8 Millionen Mitgliedern einer der größten Gewerkschaftsdachverbände weltweit, und der größte in Europa. Von den 1949 an der Gründung beteiligten oder später hinzugekommenen insgesamt fünfzehn Einzelbranchengewerkschaften sind durch Fusionen bis 1995 zwölf und bis heute acht übrig geblieben. Hatte der DGB kurz nach der Wiedervereinigung durch den Mitgliederzuwachs im Osten Deutschlands noch 11 Millionen Mitglieder, so ist die Mitgliederzahl seitdem rückläufig.

Nach dem Krieg bewusst als Einheitsgewerkschaften gegründet, sollte eine Gewerkschaft für einen Betrieb bzw. eine Branche verantwortlich und die einzig legitime Arbeitnehmervertretung sein. Sie entwickelten sich im DGB zu einem wichtigen Machtfaktor in der Auseinandersetzung um Mitbestimmung und Interessensausgleich und zugleich als Standbein des Wirtschaftswunder.

Maßgebliche Bedeutung für das Modell des deutschen Sozialstaats, seines relativen sozialen Friedens und der Idee des rechtlich verankerten Ausgleichs, hatte der Konflikt um das Montanmitbestimmungsgesetz und um eine betriebliche Verfassung durch garantierte und geschützte Betriebsräte. Am 22. Mai 1950 legte der damalige DGB-Vorsitzende Hans Böckler den „Gesetzesvorschlag für die Neuordnung der deutschen Wirtschaft„ vor. Danach sollten „in allen Unternehmen mit mehr als 300 Beschäftigten ... die Aufsichtsräte ... zu Hälfte mit Vertretern der Gewerkschaften besetzt werden„[2].

Weil den Gewerkschaften schon ab „1950 ein wieder voll ausgebildetes System von wirtschaftlichen Interessenverbänden gegenüber„[3] stand, sah sich der DGB in der Folge veranlasst, zwischen Kompromiss und Machtdemonstration zu pendeln. Lange Zeit konnte er sich damit erfolgreich behaupten - im Gegensatz zu den Richtungsgewerkschaften in vielen anderen europäischen Ländern. In Frankreich beispielsweise ist der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter und Angestellten nicht nur viel geringer als in Deutschland – nur etwa 8 Prozent aller abhängig Beschäftigten sind Gewerkschaftsmitglieder – die Gewerkschaftsbewegung ist noch dazu auf drei verschiedene Dachverbände aufgeteilt[4]. Kooperation beim Aushandeln von Löhnen und Gehältern – im europäischen Vergleich hat die BRD auffallend wenige Streiktage[5] - und eine weitgehende personelle und politische Übereinstimmung mit der SPD führten zu einer Politik von Korporatismus und Sozialpartnerschaft.

Als Beispiel für eine kritische und weniger konfliktscheue Gewerkschaft galt lange die Industriegewerkschaft Medien. Durch ihr gesamtgesellschaftliches Engagement, durch ihre Streikfreudigkeit bis hin zu Solidaritätsstreiks durch Mitglieder in Zeitungsredaktionen, und durch ihre vielfach demonstrierte Kompromisslosigkeit vor allem in der Druckindustrie, gewann die kleine IG Medien den Ruf als „linke Tigergewerkschaft„. Allerdings ist auch die Politik der IG Medien nur entschiedenere Fortsetzung sozialdemokratischer Ansprüche, denn neben einigen Funktionären mit DKP-Mitgliedschaft, waren beispielsweise auf dem Gewerkschaftstag 1989 über „52 Prozent der Delegierten SPD-Mitglieder, wie ... auf dem SPD-Parteiabend stolz betont„[6] wurde.

In der Öffentlichkeit gelten die Arbeitnehmerorganisationen als "Traditionskompanien", als "Dinosaurier" und "Fossile" der untergegangenen Industriegesellschaft. Als einflussreiche gesellschaftliche Institutionen werden die Gewerkschaften in Deutschland ungeachtet bestehender Probleme voraussichtlich noch lange bestehen - ihre bloße Existenz scheint ungefährdet. "Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will" - es war die historische Entdeckung der gebündelten Kraft der Vielen die ihre Arbeitskraft gegen Lohn anbieten mussten, aus der die Gewerkschaften ihre Kraft und Legitimation bezogen. Als konfliktfähige Akteure am Arbeitsmarkt, als gesellschaftspolitische Gegenmacht mit utopischem Idealen verkörperten die Gewerkschaften auch noch in der alten Bundesrepublik vor 1989 den Anspruch ihrer Mitglieder auf ein bessere Leben. In gewonnenen Arbeitskämpfen und populären Kampagnen ("Samstags gehört Vati mir!") bauten sie in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren ihre Geltungsmacht aus. Wirtschaftsdemokratie und Mitbestimmung lauteten dabei jahrzehntelang ihre Schlagworte. Die Idee der starken Kaufkraft (nach Keynes) erschien vielen, über die Aktiven der Gewerkschaften hinaus, als schlüssig und gerecht. Durch inhaltliche und mediale Präsenz zogen viele gewerkschaftliche Gliederungen junge Intellektuelle aus der Bewegung von 1968 an. So bemühten sich IG Metall und die damalige IG Chemie 1968 zusammen mit Schriftstellern, Wissenschaftlern und Teilen der linksliberalen Öffentlichkeit darum, als Teil der Bewegung gegen die Notstandsgesetze direkt auf die SPD Einfluss zu nehmen. Auch durch die massenhafte Intellektualisierung von Arbeitern und Arbeiterinnen[7] wurde mit den Gewerkschaften vor allem in den 1970ern einmal Aufbruch und Dynamik assoziiert. Die gewerkschaftliche "Lehrlingsbewegung" löste seinerzeit Engagement und Begeisterung aus.

Oft als beharrend und konstant in der Öffentlichkeit präsentiert und wahrgenommen, trugen die deutschen Gewerkschaften durch die Flächentarifverträge und ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu langanhaltenden Veränderungen bei. Nicht nur unter diesem Aspekt kann von einer Dialektik der Funktion von Gewerkschaften innerhalb westlicher Demokratien gesprochen werden. Wie ein Referent für industrielle Beziehungen beim Vorstand der IG Metall feststellt, sind die Gewerkschaften „systemstabilisierend und systemtranszendierend zugleich„[8] .

4. Veränderte Rahmenbedingungen

Die Organisationsform der deutschen Einheitsgewerkschaft beruht auf dem Organisations­kriterium wirtschaftlicher Einheit: ein Betrieb – eine Branche. Die Realität hat diesem Grundsatz immer nur näherungsweise entsprechen können. In den letzten Jahren hat jedoch die Beschleunigung des ökonomischen Strukturwandels immer höhere Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit der Gewerkschaften als Organisationen gestellt. Im günstigsten Fall hat sich der Strukturwandel innerhalb des Organisationsbereichs ein- und derselben Gewerkschaft vollzogen, wie bei den meisten deregulierten Bereichen des öffentlichen Dienstes. Schwierig ist die Situation, wenn neu entstehende Branchen die Organisationsgrenzen der Gewerkschaften überschreiten. Sollte sich beispielsweise die Abkoppelung der Studentenwerke aus dem Öffentlichen Dienst und ihre Ausrichtung auf die Gastronomie bzw. Catering - Branche nicht stoppen lassen, so fände sich die neue Branche teils im Organisationsbereich von ver.di und teils der Gewerkschaft Nahrung Gaststätten Genussmittel (NGG).

Die Gewerkschaften sind nach der drei Jahrzehnte währenden fordistischen, durch Sozialpartnerschaft geprägten Periode dem Out- sourcing (letztendlich der Spaltung durch Auslagerung von Arbeiter und Produktionsabläufen) und den vehementen Privatisierungen im öffentlichen Dienst kaum gewachsen..

[...]


[1] HU Berlin: Kommentiertes Vorlesungsverzeichnis. HU Berlin, Institut für Sozialwissenschaften,

Sommersemester 2002, S. 14

[2] Schneider, Michael. Kleine Geschichte der Gewerkschaften. 2. Auflage, Dietz GmbH, Bonn 2000, S.271

[3] ebenda, S.273

[4] CFDT (syndikalistisch), CGT(der KPF nahestehend) und FO (sozialdemokratisch)

[5] vergleiche auch: www.indymedia.de

[6] Gärtner, Hans-Dieter und Klemm, Peter: Der Griff nach der Öffentlichkeit – Grundsätze und Ziele der neuen IG Medien. Tiberius Verlag, Köln 1989, S.77

[7] Dieser Gedanke geht auf den italienischen Politologen Antonio Negri zurück. Vgl. „Empire„ u.a.

[8] Schroeder, Wolfgang. Nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. In: Frankfurter Rundschau. 12.Juni 2002, S.18

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die bundesdeutschen Gewerkschaften im Spannungsfeld zwischen Krise, Globalisierung und Fusionen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Gesellschaftliche Interessenvermittlung: Institutionen, Akteure, Prozesse
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
28
Katalognummer
V72595
ISBN (eBook)
9783638632645
ISBN (Buch)
9783638675475
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Guter Überblick zur Krise des DGB
Schlagworte
Gewerkschaften, Spannungsfeld, Krise, Globalisierung, Fusionen, Seminar, Gesellschaftliche, Interessenvermittlung, Institutionen, Akteure, Prozesse
Arbeit zitieren
Hannes Heine (Autor), 2002, Die bundesdeutschen Gewerkschaften im Spannungsfeld zwischen Krise, Globalisierung und Fusionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72595

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