Das Seminar "Migration und interkulturelle Erziehung“ beschäftigte sich hauptsächlich mit Einwanderung in der Moderne, aber auch ihren historischen Ursachen, und spezifischen Problemen bei der Integration im Bildungssystem.
Dabei ging es um Chancen und Schwierigkeiten, die sich für Migranten im - freiwilligen oder unfreiwilligen - Zielland auftaten. Dieses Hauptseminar in der Abteilung Soziologie im Institut für Allgemeine Pädagogik, wird hauptsächlich von Pädagogikstudenten und Pädagogikstudentinnen besucht. Ihr Ziel ist eine Ausbildung für den Umgang mit Schülern nichtdeutscher Herkunft und den damit aufgeworfenen Konflikten. So wurde sich ausgiebig mit Migration in Deutschland befasst. Im Seminar dienten Filme, Sachtexte und Referate als Quellen. Fiktionale Materialien haben aber demgegenüber oft den Vorteil, anschaulicher zu berichten als manche Statistiken und Artikel.
Deshalb möchte ich diese Hausarbeit unter einem anderen Schwerpunkt angehen:
Saul Bellow ist Autor und Kind russisch-jüdischer Immigranten. Häufig thematisiert er in seinen Büchern jüdische Assimilation, also: Integration, aber ebenso die Wahrung jüdischer Werte und Normen in der Moderne, also: Probleme de Erziehung.
In dieser Hausarbeit soll an dem Roman Die Abenteuer des Augie March gezeigt werden, dass auch Bellows Erzählungen die Entwicklung immigrierter Juden in Amerika historisch belegen können. Dabei beschränkt sich diese Seminararbeit auf den Aspekt jüdischen Lebens im Einwanderungsland zu Zeiten der "Great Depression".
Zunächst sollen die Gründe angeführt werden, die osteuropäische Juden zur Emigration bewegten. Auch wenn eine Übertragung auf heutige Einwanderungsbewegungen nicht haltbar wäre, so lässt sich dennoch Interessantes ableiten.
Die Folgen der Weltwirtschaftskrise in den 1930ern für jüdisches Familienleben hat Beth S. Wenger, Professorin für amerikanisch-jüdische Geschichte, in ihrem Buch New York Jews And The Great Depression - Uncertain Promise beschrieben. Diese Auswirkungen werden im Anschluss an die Biographie Saul Bellows zusammengefasst.
Im zweiten Teil der Hausarbeit wird dann Bellows Roman Die Abenteuer des Augie March vorgestellt und im Hinblick auf Parallelen zu Wengers Schilderungen untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Situation in Osteuropa zu Beginn des 20. Jahrhunderts
3 Saul Bellow
3.1 Familienhintergrund
3.2 Biographie
4 Jüdische Immigranten aus Osteuropa und die "Great Depression"
4.1 Der New Yorker Börsenkrach und die Folgen
4.2 Auswirkungen auf jüdisches Familienleben
4.2.1 Die Rolle der Mütter und Frauen
4.2.2 Die Rolle der Söhne und Töchter
4.2.3 Die Rolle der Väter und Männer
5 Der Roman Die Abenteuer des Augie March
5.1 Inhalt
5.2 Darstellung jüdischen Familienlebens zu Zeiten der „Great Depression“
6 Zusammenfassung und Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedingungen und Auswirkungen der jüdischen Migration in die USA während der Weltwirtschaftskrise (Great Depression), indem sie historische Fakten mit der literarischen Darstellung in Saul Bellows Roman „Die Abenteuer des Augie March“ verknüpft und Parallelen zu modernen Integrationskontexten aufzeigt.
- Historische Hintergründe der jüdischen Emigration aus Osteuropa
- Sozioökonomische Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf jüdische Familien
- Geschlechts- und generationsspezifische Rollenbilder innerhalb immigrierter Familien
- Die literarische Verarbeitung von Kindheitserfahrungen und Identitätskrisen bei Saul Bellow
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Die Rolle der Mütter und Frauen
In Zeiten ökonomischer Engpässe waren arbeitende, verheiratete jüdische Frauen in Europa nicht ungewöhnlich und wurden, z.B. um ihre Männer bei der Religionsausübung zu unterstützen, sogar gefördert. Dieses Toleranzdenken änderte sich in den USA: Das amerikanische Rollenbild – die Frau sei für den Haushalt und die Familie zuständig, während der Mann den Unterhalt verdienen müsse – wurde im Laufe des Assimilationsprozesses übernommen. Um einen Kompromiss zu finden, arbeiteten einige jüdische Frauen zuhause, im Familienbetrieb oder nahmen Pensionsgäste auf.
Während der "Great Depression" waren Familien auf Zusatzverdienste der Frauen angewiesen. Diese Situation wurde nur als temporär, nicht als Idealzustand angesehen und "symbolize[d] the unfulfilled expectations of a generation of immigrants". Das eigene Selbstverständnis der Frauen tendierte deshalb auch dahin, ihre Anstellungen nur als "Aushilfe" zu bezeichnen. Sie arbeiteten oft halbtags, meist in "typischen" Frauenberufen (z.B. in Büros, als Angestellte). Diese Branchen hatten natürlich unter der Wirtschaftskrise weniger gelitten. Da sie deshalb häufig leichter Arbeit fanden als ihre Ehemänner, wurden sie bezichtigt, den Männern die Arbeitsplätze weg zu nehmen. Frauenarbeit wurde, trotz großer finanzieller Notwendigkeit, nur zögernd akzeptiert. Ebenfalls weit verbreitet ist diese Ansicht bei den vorrangig muslimisch geprägten Einwanderern in Deutschland.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des Themenfeldes Migration und die Zielsetzung, Saul Bellows Roman als historische Quelle für das jüdische Leben in den 1930er Jahren zu nutzen.
2 Situation in Osteuropa zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Analyse der Fluchtursachen osteuropäischer Juden, insbesondere aufgrund von Pogromen, Diskriminierung und sozialer Perspektivlosigkeit.
3 Saul Bellow: Biographische Einordnung des Autors, beleuchtet seine Herkunft, den Einfluss seiner Kindheit und den Werdegang als Schriftsteller.
4 Jüdische Immigranten aus Osteuropa und die "Great Depression": Untersuchung der sozioökonomischen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf jüdische Familienstrukturen und die veränderten Rollenbilder.
5 Der Roman Die Abenteuer des Augie March: Inhaltsangabe und Analyse des Romans hinsichtlich der Darstellung des Einwanderermilieus und der familiären Konflikte während der Wirtschaftskrise.
6 Zusammenfassung und Schluss: Synthese der Ergebnisse mit dem Hinweis auf die dokumentarische Relevanz des Romans und Parallelen zu heutigen Integrationsphänomenen.
Schlüsselwörter
Jüdische Migration, Great Depression, Saul Bellow, Die Abenteuer des Augie March, Assimilation, Osteuropa, Weltwirtschaftskrise, Familienleben, Rollenbilder, Identität, Einwanderung, USA, Chicago, Migrationsgeschichte, Soziale Integration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Lebensrealität jüdischer Immigranten in den USA während der Zeit der Weltwirtschaftskrise (Great Depression) anhand historischer Daten und der literarischen Aufarbeitung durch Saul Bellow.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Schwerpunkten gehören die Fluchtursachen der osteuropäischen Juden, die sozioökonomischen Auswirkungen der Krise auf die Familie sowie die Identitätsfindung in einem neuen kulturellen Umfeld.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass der Roman „Die Abenteuer des Augie March“ als historisches Zeugnis für die Herausforderungen der ersten Generation jüdisch-amerikanischer Einwanderer dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und sozialwissenschaftliche Analyse, die den Roman in einen historischen und soziologischen Kontext einbettet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der historischen Situation, die Biographie des Autors, die Analyse der wirtschaftlichen Krise und deren Auswirkungen auf die familiäre Rollenverteilung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind unter anderem Jüdische Migration, Great Depression, Assimilation, Familienleben und soziale Identität.
Wie beeinflusste die Great Depression die Geschlechterrollen in jüdischen Familien?
Traditionelle Rollenbilder wurden durch den ökonomischen Druck in Frage gestellt; Frauen trugen oft durch "Aushilfsjobs" zum Einkommen bei, während Männer unter dem psychologischen Druck ihres Statusverlustes litten.
Inwiefern weist der Roman „Die Abenteuer des Augie March“ autobiographische Züge auf?
Der Autor verarbeitet eigene Kindheitserfahrungen in Chicago, teilt mit der Romanfigur ähnliche soziale Hintergründe, Sprachkenntnisse und das frühe Interesse an Literatur.
Welche Parallelen sieht der Autor zur heutigen Situation in Deutschland?
Der Autor zieht Vergleiche zur muslimisch geprägten Einwanderung, insbesondere hinsichtlich der Rolle der Familie, des sozialen Status und der Spannungen zwischen alten Werten und dem Leben im Zielland.
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- Hannes Heine (Author), 2002, Jüdische Migration in den USA zur Zeit der Great Depression am Beispiel Saul Bellows "Augie March", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72596