Zum Thema der Rhythmisch-musikalischen Erziehung finden sich viele Beiträge in der Literatur. Auch zur Anwendung bei sprachauffälligen Kindern gibt es eine Vielzahl an Literaturhinweisen. Deshalb werden im Folgenden nur Beiträge ausgewählter Autoren verwendet. Der Einsatz von Rhythmisch-musikalischer Erziehung (RME) an der Sonderschule ist ein spannendes Thema, lädt zum Selbststudium und eigenem Probieren ein.
Was spricht für den Einsatz von RME bei sprachbehinderten Kindern?
Kinder mit „Beeinträchtigungen verschiedener Art“ (vgl. Bauer, 1986, 15) profitieren in hohem Maße vom Einsatz der Rhythmik und der Musik. Neben der körperlichen und seelischen Entspannung werden geistige Fähigkeiten wie Gedächtnis und Aufmerksamkeit gestärkt, der Gemeinschaftssinn gefördert und die sprachliche Ausdrucksfähigkeit beeinflusst. Musik wird somit zu einem Ausdruckmittel, mit dem sich Kinder Mitschülern gegenüber auf einer persönlichen Kommunikationsebene mitteilen können. Rhythmisch-musikalische Spiele eignen sich demnach zur Unterstützung stimmlicher wie sprachlicher Entwicklungsprozesse.
Dagegen behandelten seit den 30er Jahren Wlassowa und Griner in Moskau stotternde Kinder im Vorschulalter mit einem System, das sie „Logopädische Rhythmik“ oder „Logorhythmik“ nannten. Im Vordergrund standen Lehreinheiten nach einem bestimmten Aufbau: Begonnen wird mit Gesang, der die Atmung regelt. Es folgen Übungen zur Gliederung des Raumes und zur Regulierung des Muskeltonus. Danach schließen sich Sprech- und Aufmerksamkeitsübungen an. Den Abschluss bilden Übungen zur Beruhigung und zur Hörerziehung.
In der DDR wurde diese „Logopädische Rhythmik“ in den 60er Jahren von Gerger aufgenommen, weiterentwickelt und in das Konzept „Rehabilitative Bewegungserziehung“ integriert.
Nach diesem geschichtlichen Abriss wird nun auf den Begriff der Rhythmisch-musikalischen Erziehung eingegangen und anschließend für die Sprachheilpädagogik konkretisiert. Es folgt eine Darstellung der Grundelemente der RME und eine Systematisierung geeigneter Übungen. Ausführlich schließt sich ein Vorschlag einer Therapieeinheit im Bereich der Dyslalien an. Abschließen werde ich mit einem persönlichen Wort.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Begriff Rhythmisch-musikalische Erziehung
2.1 Musik als Mittel zur Lebensbewältigung
2.2 Förderung der Wahrnehmung
2.3 Dem Bewegungsbedürfnis des Kindes entgegenkommen
2.4 Erwerb der kommunikativen Kompetenz
2.5 Aufbau von positivem Selbstwerterleben
3. Rhythmisch-musikalische Erziehung in der Sprachheilpädagogik
3.1 Rhythmisch-musikalische Erziehung als Unterrichtsfach
3.2 Rhythmisch-musikalische Erziehung als Unterrichtsprinzip
4. Grundelemente der rhythmisch- musikalischen Erziehung
4.1 Zeit
4.2 Raum
4.3 Kraft
4.4 Form
5. Systematisierung der rhythmisch-musikalischen Übungen
5.1 Ordnungsübungen (Ordnung im Raum, in den Dingen, in sich selbst)
5.2 Sozialübungen (Kontakt nehmen, akzeptieren, Ein-, Über- Unterordnen)
5.3 Konzentrationsübungen (Motorische, akustische, visuelle und taktile Konzentration)
5.4 Phantasieübungen
5.5 Begriffsbildungsübungen (räumliche, zeitliche, dynamische und motorische Begriffe)
6. Therapieansätze von sprachheilpädagogischer Rhythmik
6.1 Sprachheilpädagogische Rhythmik bei der Behandlung von Dyslalien
6.2 Sprachheilpädagogische Rhythmik speziell bei Schetismus
7. Persönliche Stellungnahme
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einsatz der rhythmisch-musikalischen Erziehung (RME) als ganzheitliche Methode in der Sprachheilpädagogik. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, wie RME zur Unterstützung stimmlicher und sprachlicher Entwicklungsprozesse bei Kindern mit Beeinträchtigungen beitragen kann und welche therapeutischen Möglichkeiten sich daraus ergeben.
- Grundlagen und theoretische Einordnung der RME
- Die Rolle der RME bei der Förderung von Wahrnehmung und Kommunikation
- Strukturierung und Systematisierung rhythmisch-musikalischer Übungen
- Praktische Therapieansätze bei Sprachstörungen wie Dyslalien und Schetismus
- Die Bedeutung von Musik und Bewegung für die Persönlichkeitsentwicklung
Auszug aus dem Buch
Exkurs: Ein geschichtlicher Rückblick
Die Rhythmisch-musikalische Erziehung geht zurück auf Emil Jaques-Dalcroze (vgl. Elstner, 1975, 55). Dieser lebte von 1865-1950 und arbeitete als Musikpädagoge in Genf. Er erkannte, dass Musik und Bewegung in engem Kontakt zueinander stehen. Daher setzte er Bewegungen in der Musikerziehung ein und nannte dies „Rhythmische Gymnastik“. Zu seinem ersten Schülerkreis gehörten u.a. auch Feudel und Scheiblauer, zwei Musikpädagogen aus dem Raum Dresden durch deren Einsatz die Rhythmisch-musikalische Erziehung namentlich in der Heil-, Sonder- und Behindertenpädagogik Beachtung fand (vgl. Gerger, 1993, 24).
Durch Ausbruch des ersten Weltkrieges zersplitterte diese Arbeitsgemeinschaft und jeder übernahm aus Jaques-Dalcrozes Lehre das, was ihm wichtig erschien.
Mimi Scheiblauer (1891-1968) legte in Hellerau (bei Dresden) ihr Rhythmikexamen ab und ging 1912 an das Konservatorium in Zürich. Dort unterrichtete sie bewegungsunsichere, konzentrationsschwache und verhaltensauffällige Kinder. Nach und nach eröffnete sich ihr der Weg in die Heilpädagogik, wo sie sich zusehends mit behinderten Kindern beschäftigte. In Österreich, Deutschland und der Schweiz hielt Scheiblauer Lehrgänge ab und verdeutlichte die Wichtigkeit der Gesamtpersönlichkeitsförderung durch RME (vgl. Gerger, 1993, 24).
Dagegen behandelten seit den 30er Jahren Wlassowa und Griner in Moskau stotternde Kinder im Vorschulalter mit einem System, das sie „Logopädische Rhythmik“ oder „Logorhythmik“ nannten. Im Vordergrund standen Lehreinheiten nach einem bestimmten Aufbau: Begonnen wird mit Gesang, der die Atmung regelt. Es folgen Übungen zur Gliederung des Raumes und zur Regulierung des Muskeltonus. Danach schließen sich Sprech- und Aufmerksamkeitsübungen an. Den Abschluss bilden Übungen zur Beruhigung und zur Hörerziehung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Bedeutung der Rhythmisch-musikalischen Erziehung für die Gesamtpersönlichkeit des Kindes und begründet deren Relevanz für sprachbehinderte Kinder.
2. Zum Begriff Rhythmisch-musikalische Erziehung: Dieses Kapitel definiert RME als ganzheitliches Erziehungsprinzip und erläutert wesentliche Aspekte wie die Lebensbewältigung, Wahrnehmungsförderung und die Stärkung des Selbstwerts.
3. Rhythmisch-musikalische Erziehung in der Sprachheilpädagogik: Hier wird der Einsatz von RME als Unterrichtsfach sowie als Unterrichtsprinzip analysiert, um ganzheitliche Förderansätze in der Sprachtherapie zu etablieren.
4. Grundelemente der rhythmisch- musikalischen Erziehung: Die zentralen Faktoren Bewegung, Musik, Material, Zeit, Raum, Kraft und Form werden als Basis für didaktische Handlungsabläufe vorgestellt.
5. Systematisierung der rhythmisch-musikalischen Übungen: Dieses Kapitel kategorisiert Übungen in Ordnungs-, Sozial-, Konzentrations-, Phantasie- und Begriffsbildungsübungen, um eine gezielte praktische Anwendung zu ermöglichen.
6. Therapieansätze von sprachheilpädagogischer Rhythmik: Es werden konkrete therapeutische Beispiele zur Behandlung von Dyslalien und speziell des Schetismus analysiert und kritisch reflektiert.
7. Persönliche Stellungnahme: Die Autorin fasst ihre Erfahrungen aus der Praxis zusammen und unterstreicht die Bedeutung eines freudvollen, druckfreien Lernumfelds für den Therapieerfolg.
Schlüsselwörter
Rhythmisch-musikalische Erziehung, Sprachheilpädagogik, Rhythmik, Sprachförderung, Musik und Bewegung, ganzheitliche Förderung, Dyslalie, Schetismus, Wahrnehmung, Kommunikationskompetenz, Selbstwerterleben, Sprachtherapie, Motopädagogik, Unterrichtsprinzip, Körperausdruck.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Fundierung und der praktischen Anwendung der rhythmisch-musikalischen Erziehung (RME) im Bereich der Sprachheilpädagogik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Verbindung von Sprache und Bewegung, die Systematisierung geeigneter Übungsformen sowie die therapeutische Behandlung spezifischer Sprachstörungen durch RME.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie RME als ganzheitlicher Ansatz genutzt werden kann, um bei sprachbehinderten Kindern nicht nur die Artikulation, sondern auch soziale, motorische und kognitive Fähigkeiten zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse und der kritischen Auseinandersetzung mit verschiedenen therapeutischen Stundenbildern basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsdefinition, die Analyse von Grundelementen (Zeit, Raum, Kraft, Form), die Systematisierung von Übungen und konkrete Therapiebeispiele bei Dyslalien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Rhythmik, Sprachheilpädagogik, ganzheitliche Förderung, Kommunikation, Dyslalie, Schetismus und Körperausdruck.
Welche Rolle spielt die Musik im therapeutischen Prozess?
Musik dient als Ausdrucksmittel und ordnendes Element, das den Abbau von Hemmungen fördert und dem Kind durch den gemeinsamen Rhythmus Sicherheit vermittelt.
Wie kann eine Therapieeinheit konkret gestaltet sein?
Anhand der Beispiele zum Schetismus zeigt die Arbeit, wie durch thematische Einheiten (z.B. "Affen" oder "Eisenbahn") gezielte Lautübungen spielerisch mit Bewegungs- und Wahrnehmungselementen verknüpft werden.
Warum wird beim Schetismus besonders die Motorik einbezogen?
Da eine enge Wechselbeziehung zwischen Sprache und Motorik besteht, zielen rhythmische Übungen darauf ab, durch körperliche Entspannung und gezielte Bewegungsabläufe die Artikulation der Laute zu unterstützen.
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- Anne Baumann (Author), 2006, Rhythmisch-musikalische-Erziehung in der Sprachbehindertenpädagogik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73010