Die sozioökonomischen, politischen und kulturellen Umstände in Venezuela die den Erfolg des Hugo Chávez begünstigten


Hausarbeit, 2006
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

II. Die sozioökonomischen, politischen und kulturellen Umstände in Venezuela die den Erfolg des Hugo Chávez begünstigten

1. Einleitung Venezuela in der Krise

2. Sozioökonomische Transformation in die Krise
2.1. Volkswirtschaftliche Probleme
2.1.1. Monostrukturelle, exportorientierte Ausrichtung der Wirtschaft
2.1.2. Binnenwirtschaftliche Probleme
2.1.3. Die venezolanischen Verschuldungskrise
2.2. Die Armutsentwicklung
2.3. Die Sozioökonomische Krise und Chávez

3. Politische Transformation in die Krise
3.1. Die Politisierung des Militärs
3.2. Die Regierungskrise
3.3. Das Parteiensystem
3.4. Die Politische Krise und Chávez

4. Charakteristika der venezolanischen Kultur und Chávez
4.1. Die politische Vergangenheit Venezuelas
4.2. Venezolanische Kulturstandards
4.2.1. Maskulinität („Machismo“)
4.2.2. Hohe Machtdistanz
4.2.3. Kollektivismus und Religiosität

5. Schluss Chávez‘ Erfolg – Intuition und Kalkül

III Literaturverzeichnis

II. Die sozioökonomischen, politischen und kulturellen Umstände in Venezuela die den Erfolg des Hugo Chávez begünstigten

1. Einleitung – Venezuela in der Krise

Dem Erfolg populistischer Regime sind unabhängig vom Gesellschaftstyp und Epoche historisch-empirisch durchgängig außergewöhnliche Krisensituationen vorausgegangen. Der Krisenbegriff wird definiert als “Höhepunkt einer problematischen Entwicklung, die mit herkömmlichen Mitteln nicht zu bewältigen ist und die als aufgezwungene Herausforderung den Weg offen lässt für einen negativen wie positiven Ausgang.“[1] Im wirtschaftlichen Kontext entspricht die Krise dem Moment, in dem eine Hochkonjunktur in eine Rezession umschlägt. Im sozialen Bereich beginnt die Krise wenn schnelle gesellschaftliche Transformationsprozesse die gewohnte Werteordnung außer Kraft setzen und vom Individuum ein übergroßes Maß an Anpassung verlangen.[2] Sozioökonomische und politische Transformationen sind somit meist die Auslöser für solche Krisen. Hierbei spielt es keine Rolle, wie sinnvoll und vernünftig die Motive und die hierauf folgenden Entscheidungen der Verantwortlichen ursprünglich waren, denn die Entwicklung eines Transformationsprozesses ist kaum kontrollierbar und sein Ergebnis lässt sich somit schwer voraussagen.

Wie sich eine Krise im Rahmen – oder als Ergebnis – eines Transformationsprozesses darstellt, wie mit ihr umgegangen wird, ist meist abhängig von kulturellen Eigenheiten der jeweiligen Gesellschaft. Letztere können vor allem eine Katalysatorfunktion haben. Auch Venezuela befand sich unmittelbar vor dem Amtsantritt des Hugo Chávez zweifellos in einer „Krise“. Das politische, wirtschaftliche und soziale System war von enormer Instabilität gekennzeichnet, was rückblickend als Anzeichen für den bevorstehenden Totalzusammenbruch gesehen werden kann. Die Probleme des Landes kurz bevor Hugo Chávez demokratisch zum Präsidenten gewählt wurde, waren so unübersehbar, dass es nahe liegt, in diesen Problemen Faktoren zu vermuten die den Aufstieg von Hugo Chávez begünstigten. Im folgenden sollen die Krisenphänomene in Venezuela und darüber hinaus venezolanische Kulturstandards analysiert werden, um zu klären, inwiefern sie dem politischen Diskurs des Hugo Chávez zum Erfolg verhalfen.

2. Sozioökonomische Transformation in die Krise

2.1. Volkswirtschaftliche Probleme

2.1.1. Monostrukturelle, exportorientierte Ausrichtung der Wirtschaft

Die Geschichte Venezuelas ist durch den immensen Erdölreichtum geprägt. Seit es 1910 die ersten Erdölfunde durch ausländische Ölgesellschaften gab, nahm die Bedeutung der Erdölwirtschaft stetig zu. Das Land erlebte eine Transformation von einer seit der Kolonialzeit auf Kaffee und Kakao spezialisierten Exportwirtschaft hin zu einer vom Erdöl dominierten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. 1925 wurde 1/10 der gesamten Wirtschaftsleistung durch das Öl erwirtschaftet und bereits 1929 schon 1/3. Etwa 90 % des Rohstoffs werden seither exportiert.[3] Dies bringt zwangsläufig einen hohen Grad an Abhängigkeit von den Preisentwicklungen an den internationalen Erdölmärkten mit sich.[4] Hierin besteht auch das Kernproblem Venezuelas: Die Transformation beinhaltete lediglich einen Austausch der Exportgüter. Zweifelsohne ging damit eine Erhöhung der Exporteinnahmen einher, jedoch wurde die monostrukturierte Ausrichtung der Exportwirtschaft nicht überwunden. Die wirtschaftlichen Folgen dieser „Erbsünde(n)“[5] aller Regierungen führten schließlich zu den zahlreichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen, mit denen das Land bis in die Gegenwart zu kämpfen hat. Auch regelmäßige Versuche, den Erdölsektor durch neue Gesetze unter staatliche Kontrolle zu bringen, bzw. den Einfluß des Staates zu erhöhen, brachten zwar höhere Einnahmen, jedoch verringerte dies nicht die Abhängigkeit vom Erdöl. Schon das Petroleum-Gesetz von 1943 sah vor, dass der Staat mit 50% an den Gewinnen der ausländischen Ölkonzerne beteiligt ist. Außerdem sollten neue Fördekonzessionen auf 40 Jahre begrenzt werden und das Eigentum nach deren Ablauf an den Staat übergehen –sog. Reversionsprinzip.[6] Auch vertragswidrige Maßnahmen, wie die vorgezogene Reversion[7], brachten keine effiziente Nutzung der Erdöleinnahmen, wie im folgenden dargestellt wird.

2.1.2. Binnenwirtschaftliche Probleme

Als Ende der fünfziger Jahre die internationale Preisentwicklung für Erdöl rückläufige Tendenzen zeigte, erkannte man erstmals die Notwendigkeit der Errichtung und Diversifizierung einer Binnenwirtschaft.[8] Dies geschah primär durch die politische Steuerung der Gewinndistribution, d.h. die gezielte Investition der Erdölgewinne in den Aufbau einer modernen Grundstoffindustrie und der Modernisierung des Agrarsektors mit dem Ziel der Importsubstitution, letzteres vor allem im Bereich der Konsumgüter.[9] Diese Versuche, das „Erdöl zu säen“ brachten eine unüberschaubare Anzahl staatlicher Unternehmen hervor, über deren genaue Tätigkeit und wirtschaftlichen Erfolg selbst die Regierungen keinen Überblick mehr hatten, und deren Korruption und Mißwirtschaft wesentlich zur späteren Schuldenkrise beigetragen hat. Die forcierte Importsubstitutionsstrategie schwächte sich schnell ab, die industriellen Produkte waren zu keiner Zeit international wettbewerbsfähig und trugen daher kaum zu wirtschaftlichem Wachstum bei. Die Produktion beschränkte sich im wesentlichen auf Lizenzfertigungen und Endmontagen.[10]

In den siebziger Jahren jedoch ist eine Trendwende in der internationalen Preisentwicklung für Erdöl zu verzeichnen. Aufgrund der Verfünfzehnfachung des Erdölpreises[11] erlebte Venezuela eine Boomphase, was mit einer jährlichen Wachstumsrate des BIP von durchschnittlich 6,2%[12] einherging. Soziale Probleme konnten daher über lange Zeit geschickt reguliert werden, Auslandsverschuldung stellte kein nennenswertes Problem dar.

Präsident Carlos Andrés Pérez gründete in seiner ersten Amtszeit (1974-1978) den Venezolanischen Investitionsfond, dessen Hauptaufgabe die Förderung staatlicher Industrieprojekte durch Einnahmen der Erdölindustrie war.[13] Dies brachte zwar eine kurzfristige Prosperität, es gelang der Regierung jedoch nicht die immensen Einnahmen langfristig zu einer Stabilisierung der Wirtschaft auf hohem Niveau zu nutzen. Statt dessen sind die Gelder aufgrund von Korruption versickert, „in Luxuskonsum und als langfristige Geldanlage ins Ausland abgeflossen“[14] und dienten der Finanzierung einer künstlich generierten Binnenwirtschaft, was äußerst kostspielig und ineffizient war. Hunderte vom Staat gegründete Unternehmen hatten den Zweck Güter und Dienstleistungen im Inland zu produzieren, wobei marktwirtschaftliche Prinzipien wegen der Subventionierung durch die Erdöleinnahmen und durch kurzfristige Kredite nicht im Vordergrund standen.[15]

Die Transformation von einer monostrukturellen, stark von den internationalen Märkten abhängigen Volkswirtschaft hin zu einem Land mit einer diversifizierten und konkurrenzfähigen Binnenwirtschaft glückte bis dahin noch keiner Regierung. Der sich rasch nähernden Verschuldungskrise hatten die Verantwortlichen daher keine nennenswerten Abwehrmaßnahmen entgegenzusetzen.

2.1.3. Die venezolanische Schuldenkrise

Erste Anzeichen einer wirtschaftlichen Krise zeigten sich Anfang der 80er Jahre, begleitet von dem Verfall der Erdölpreise und dem Anstieg des internationalen Zinsniveaus. Als Folge hiervon, geriet die öffentliche Hand samt seiner Unternehmen in Zahlungsnot, was schließlich zu einem rapiden Niedergang der Volkswirtschaft führte. Die venezolanischen Erdöleinnahmen waren 1982 um 18%, 1983 um weitere 12% gesunken.[16] Die gesamte Auslandsverschuldung stieg zwischen 1975 und 1983 von 1,5 Mrd. US$ auf 38,3 Mrd. US$ an.[17] Die Verschuldungskrise fand ihren Höhepunkt im „Schwarzen Freitag“ an der Börse von Caracas am 18.Februar 1983. Dieser Börsencrash bedeutete einen massiven Währungsverfall - die Abwertung des Bolivar um 300%[18] - und gleichzeitig massive Kapitalflucht ins Ausland, sowie verstärkte Inflation.

In seiner zweiten Amtszeit (1988 - 1993) versuchte Präsident Carlos Andrés Pérez 1988 mithilfe eines neoliberalen Stabilisierungs- und Strukturanpassungsprogrammes -„el gran viraje“- den bankrotten Staat zu reformieren. Das schockartig realisierte Programm beinhaltete scharfe Sparmaßnahmen, unter anderem die Freigabe von Preisen, Wechselkursen und Zinsraten. Weiterhin wurden die Tarife für öffentliche Dienstleistungen angehoben und mit dem IWF bezüglich der Schuldenrückzahlung neu verhandelt.[19] Statt dem gewünschten Erfolg, verschlechterte sich die wirtschaftliche und soziale Lage. Der Rückgang des BIP um 8,6%, die Explosion der Inflationsrate von 35,5% im Jahre 1988 auf 81% im Jahre 1989[20], der rasante Anstieg der Arbeitslosigkeit einhergehend mit enormem Kaufkraftverlust bescherte Venezuela die schlimmste Rezession seiner Geschichte.

[...]


[1] Habermeyer, Wolfgang: „Krise“;

[2] Vgl. Habermeyer, Wolfgang: „Krise“;

[3] Venitz, Jutta: „Die Ursachen der Schuldenkrise in Lateinamerika“; S. 130;

[4] Vgl. Venitz, Jutta: „Die Ursachen der Schuldenkrise in Lateinamerika“; S. 133;

[5] Vgl. Burchardt, Hans-Jürgen: „Das soziale Elend des Hugo Chávez: Die Wirtschafts- und Sozialpolitik der Fünften Republik“, S. 117;

[6] Vgl. Venitz, Jutta: „Die Ursachen der Schuldenkrise in Lateinamerika“, S. 131;

[7] Vgl. dieselbe, S. 150;

[8] Vgl. dieselbe, S. 134;

[9] Vgl. dieselbe, S. 134;

[10] Vgl. dieselbe, S. 137;

[11] Ölpreis 1970: 1,9 US $/Fass; 1981: 27,8 US $/Fass; Vgl. Ashoff, Guido (1992): „Wirtschaftspolitik in Venezuela 1973-1992: Von der Erdölbonanza zur sozioökonomischen Krise und Strukturanpassung“, S. 25;

[12] Vgl. Ashoff, Guido: „Wirtschaftspolitik in Venezuela 1973-1992“, S. 24;

[13] Vgl. Aumaitre, José Vicente Carrasquero: „Venezuela: Demokratie in der Krise?“, S. 12;

[14] Muno, Wolfgang: „Öl und Demokratie – Venezuela im 20. Jahrhundert“, S. 17;

[15] Vgl. Röder, Jörg/ Rösch, Michael: „Neopopulismus in Venezuela“, S. 5;

[16] Vgl. Muno, Wolfgang: „Öl und Demokratie – Venezuela im 20. Jahrhundert“, S. 17;

[17] Venitz, Jutta: „Die Ursachen der Schuldenkrise in Lateinamerika“; S. 138; Vgl. Weltbank: „World Debt Tables“; Vgl. Weltbank: „World Tables“;

[18] Vgl. Muno, Wolfgang: „Öl und Demokratie – Venezuela im 20. Jahrhundert“, S. 17;

[19] Schultz, Judith: „Präsidentielle Demokratien in Lateinamerika“, S. 325;

[20] Vgl. Aumaitre, José Vicente Carrasquero: „Venezuela: Demokratie in der Krise?“, S. 19;

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die sozioökonomischen, politischen und kulturellen Umstände in Venezuela die den Erfolg des Hugo Chávez begünstigten
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Universität)
Veranstaltung
Transformationsprozesse in Europa, Asien und Lateinamerika in politischer und historischer Perspektive
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V73083
ISBN (eBook)
9783638737531
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zunächst wird die Transformation Venezuelas in die Krisensituation dargestellt. Den Schwerpunkt bilden die volkswirtschaftlichen Probleme, die Armutsentwicklung, sowie politische Faktoren. Daraufhin werden typische Kulturstandars der venezolanischen Bevölkerung untersucht und dargestellt, wie Chávez diese gezielt anspricht und für seinen Erfolg nutzt.
Schlagworte
Umstände, Venezuela, Erfolg, Hugo, Chávez, Transformationsprozesse, Europa, Asien, Lateinamerika, Perspektive
Arbeit zitieren
Stefanie Lembacher (Autor), 2006, Die sozioökonomischen, politischen und kulturellen Umstände in Venezuela die den Erfolg des Hugo Chávez begünstigten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73083

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