Ist in der Systemtheorie die Rede von Inklusion und Exklusion, ist damit der am kontroversesten diskutierte Themenbereich angesprochen. Es geht um das Verhältnis von psychischen und sozialen Systemen, von Individuum und Gesellschaft.
Zunächst werden die wichtigsten gesellschaftlichen Strukturen aufzeigen: soziale Differenzierung und soziale Ungleichheiten. Ausgehend von deren Verbindung miteinander, den Abhängigkeitsverhältnissen zwischen psychischen und sozialen Systemen, wurden der Inklusions- und der Exklusionsbegriff erarbeitet.
Der nächste Teil der Arbeit befasst sich mit der sozialen Ausgrenzung und den neuen sozialen Ungleichheiten. Es wird sich zeigen, dass die eigentlich gut ausgearbeiteten Grundprinzipien zum Gegenteiligen geführt haben. Obwohl die Theorie der funktionalen Differenzierung Ungleichheitslagen akzeptiert, sind die Abgründe so tief geworden, dass man eigentlich die ganze Theorie auf den Kopf stellen könnte.
Eine eindeutige und ausgereifte Theorie der Inklusion/Exklusion gibt es mit Sicherheit noch nicht. Gute Ansätze und auch gute Ziele sind gesetzt. Doch auch die generelle Partizipationsmöglichkeit von jedem Gesellschaftsmitglied, das das wichtigste Prinzip ist, heißt jedoch noch lange nicht, dass auch tatsächlich alle in die Kommunikation der Systeme eingeschlossen werden.
Es ist fraglich ob es jemals zur Vollinklusion aller Gesellschaftsmitglieder kommen wird, denn wie die Realität zeigt, kommt es wohl eher zu massenhafter, millionenfacher Exklusion....
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Soziale Differenzierung und soziale Ungleichheit
3. „Inklusion“ und „Exklusion“
3.1 Entstehung des Begriffs „Inklusion“
3.2 Begriffserklärung
4. Prozesse der Inklusion
I Platzierung in Märkten
II Konstitution als Marktgeschehen
III Platzierung nach Regeln
5. Das Prinzip der Vollinklusion
5.1 Funktionale Differenzierung und Inklusionsbedarf
5.2 Die Kreuzung der sozialen Kreise
6. Die Problematik des vorgestellten Inklusionskonzeptes
6.1 Einführung und Entwicklung des Exklusionsbegriffs
6.2 Totale Exklusion - Marginalisierung und soziale Ausgrenzung
6.3 Exklusion und neue soziale Ungleichheiten
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Inklusion und Exklusion innerhalb der Systemtheorie unter Berücksichtigung der funktionalen Differenzierung. Ziel ist es, die Widersprüche zwischen dem theoretischen Anspruch einer Vollinklusion und der empirisch beobachtbaren Realität massenhafter Exklusion sowie neuer Formen sozialer Ungleichheit kritisch zu beleuchten.
- Grundlagen der sozialen Differenzierung und Ungleichheit.
- Entwicklung und begriffliche Herleitung von Inklusion und Exklusion.
- Prozessanalyse: Markt- und Regelinklusion sowie das Prinzip der Vollinklusion.
- Kritische Analyse der Exklusionsdynamik und Marginalisierung.
- Theoretische Auseinandersetzung mit der "Kehrseite" der funktionalen Differenzierung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Entstehung des Begriffs „Inklusion“
Luhmann entwickelte zunächst ein sinntheoretisches Verständnis von Inklusion. Inklusion war dann gemeint „wenn ein autopoietisches psychisches System, (…), seine Eigenkomplexität zum Aufbau sozialer Systeme zu Verfügung stellt.“ (Luhmann 1993: 162). Die Umstellung von einer stratifikatorischen zu einer funktionalen Differenzierung erfordert neue Fassungen des Inklusionsbegriffs auf gesellschaftstheoretischer Ebene, auf der später auch der Exklusionsbegriff näher bestimmt wird.
Mitte der 70er Jahre knüpft Luhmann erstmals an den Inklusionsbegriff der Gesellschaftstheorie Parsons an. Diese bezeichnet mit Inklusion die Art und Weise, in der gesellschaftliche Funktionskontexte den Gesellschaftsmitgliedern zugänglich gemacht werden; d.h. also in welcher Form Partizipation möglich ist und gesichert wird. Beide Theoretiker betrachten den Begriff Inklusion zunächst differenzlos. (vgl. Farzin 2006: 39). „(…) Exklusion wird als die zweite Seite der Unterscheidung zunächst ausgeblendet und nicht näher definiert“ (Farzin 2006:39).
Die Entstehung und Konzipierung des Inklusionsbegriffs kommt, wie bereits angedeutet, aufgrund evolutionstheoretischer Überlegungen zur Entwicklung der modernen Gesellschaft zustande. Da sich die moderne Gesellschaft zunehmend in funktionale Teilsysteme unterteilt hat, die jeweils immer nur genau eine gesellschaftliche Problemlage behandeln bzw. behandeln können, sinkt die Wahrscheinlichkeit der Kommunikation der Systeme untereinander. Um nun trotz dieser hochspezifischen und universalen Systembildung Anschlusswahrscheinlichkeit zu generieren, werden einerseits Kommunikationsmedien wie Geld und Macht eingesetzt und andererseits muss eine grundlegende Zahl von Kommunikation gegeben sein (vgl. Farzin 2006: 40f). Es geht also um eine Ausweitung der Kommunikationsmöglichkeiten; eine Steigerung der Interaktionsspielräume, die mit dem Begriff „Inklusion“ bezeichnet werden. Für Luhmann, genauso wie für Parsons, ist Inklusion „eine Voraussetzung gesellschaftlicher Entwicklung, die Prozesse der Ausdifferenzierung begleitet und stabilisiert“ (Farzin 2006: 41).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zur systemtheoretischen Problematik von Inklusion und Exklusion und Darstellung des Aufbaus der Arbeit.
2. Soziale Differenzierung und soziale Ungleichheit: Analyse der zwei grundlegenden sozialen Strukturen und Erläuterung ihres Zusammenhangs als Ausgangspunkt für das Konzept der Inklusion.
3. „Inklusion“ und „Exklusion“: Herleitung der Entstehung des Inklusionsbegriffs bei Luhmann und Parsons sowie eine definitorische Einordnung der Begriffe im systemtheoretischen Kontext.
4. Prozesse der Inklusion: Erläuterung der verschiedenen Mechanismen wie Markt- und Regelinklusion sowie Konstitutionsformen, durch die Akteure in soziale Systeme integriert werden.
5. Das Prinzip der Vollinklusion: Untersuchung des theoretischen Anspruchs, dass jedes Mitglied der Gesellschaft an jedem Funktionssystem partizipieren können soll, und der Rolle der Kreuzung sozialer Kreise.
6. Die Problematik des vorgestellten Inklusionskonzeptes: Kritische Auseinandersetzung mit der Entwicklung des Exklusionsbegriffs, der Marginalisierung und der Entstehung neuer, radikaler Formen der sozialen Ungleichheit.
7. Fazit: Resümee über das Fehlen einer ausgereiften Theorie und die Feststellung, dass funktionale Differenzierung eher massenhafte Exklusion als eine Lösung für soziale Ungleichheit produziert.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, Inklusion, Exklusion, funktionale Differenzierung, soziale Ungleichheit, Vollinklusion, Partialinklusion, Marginalisierung, soziale Ausgrenzung, Kommunikationssysteme, Statusinkonsistenz, Gesellschaftsstruktur, Luhmann, Parsons, soziale Kreise.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den systemtheoretischen Konzepten von Inklusion und Exklusion und untersucht, wie diese als "Brückenkonzepte" soziale Differenzierung und soziale Ungleichheit miteinander verbinden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Entstehung des Inklusionsbegriffs, die Prozesse der Integration von Akteuren in Funktionssysteme, das Prinzip der Vollinklusion sowie die kritische Analyse von Exklusionsmechanismen und deren gesellschaftliche Folgen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den theoretischen Anspruch einer inklusiven modernen Gesellschaft der funktionalen Differenzierung mit der empirischen Realität von Exklusion, Marginalisierung und neuen, tiefgreifenden sozialen Ungleichheiten zu konfrontieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse soziologischer Fachliteratur, insbesondere der systemtheoretischen Ansätze von Niklas Luhmann und Talcott Parsons, ergänzt um aktuelle Diskurse zur sozialen Ausgrenzung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung, die Beschreibung verschiedener Inklusionsprozesse (Märkte, Regeln), die Erörterung des Vollinklusionsprinzips sowie die abschließende kritische Problematisierung des Exklusionsphänomens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Systemtheorie, Inklusion, Exklusion, funktionale Differenzierung, soziale Ungleichheit, Marginalisierung und Vollinklusion bilden die begrifflichen Eckpfeiler dieser Publikation.
Was ist mit dem "Prinzip der Vollinklusion" gemeint?
Es beschreibt die theoretische Annahme, dass in einer funktional differenzierten Gesellschaft jedes Gesellschaftsmitglied prinzipiell die Möglichkeit haben muss, an jedem sozialen Funktionssystem zu partizipieren.
Warum führt funktionale Differenzierung laut Autorin zur Exklusion statt zur Lösung sozialer Ungleichheit?
Die Autorin argumentiert, dass die Logik der Funktionssysteme (Qualifikationsanforderungen, strukturelle Kopplung) dazu führt, dass Individuen, die den Anforderungen nicht entsprechen, nicht nur in einem, sondern in mehreren Systemen dauerhaft ausgeschlossen ("total exkludiert") werden.
- Quote paper
- Linda Weidner (Author), 2007, Entwicklungen und Probleme der Unterscheidung von Inklusion und Exklusion - Widersprüche in der Logik der funktionalen Differenzierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73120