Soziologie des Konzentrationslagers - "Es existierten keine solidarischen Beziehungen zwischen den Häftlingen in den Konzentrationslagern"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

39 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlegende Begriffe
2.1. Konzentrationslager
2.2. Häftlingshierarchie
2.3. Solidarische Beziehungen

3. Gruppenbeziehungen
3.1. Kommunistische Kapos
3.2. Zeugen Jehovas
3.3. Tschechen
3.4. Sowjets
3.5. Kriminelle Häftlinge
3.6. Frauen

4. Überlebensstrategien
4.1. Grundlegende Verhaltensweisen des Überlebens
4.2. Häftlingsgruppen
4.3. Suche nach Ablenkung

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Unser Referat im Hauptseminar „Soziologie des Konzentrationslagers“ befasste sich mit den Opfern des Nationalsozialismus. Da uns bei einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Referat vor allem die Beziehungen zwischen den Häftlingen im Konzentrationslager interessiert haben, möchten wir in dieser Arbeit folgende These bearbeiten: Es existierten keine solidarischen Beziehungen zwischen den Häftlingen in den Konzentrationslagern.

Um dies untersuchen zu können, muss man sich auf die autobiografischen Zeugnisse von den Überlebenden stützen, denn diese sind die wichtigsten Quellen unseres Wissens. Sie liefern Informationen über das interne Funktionieren, das Verhalten der Häftlinge und über die Erinnerung sowie die Verarbeitungsformen (vgl. Botz 1996, S. 48). Dabei tauchen allerdings folgende Grundprobleme auf: Einerseits stammen die überwiegende Anzahl der Erinnerungsberichte, die nach 1945 verfasst wurden, von den deutschen politischen Häftlingen. Diese stellten in den Lagern ab 1943 nur noch eine Minderheit dar. Diesen Berichten folgten weitere, die oftmals weit nach 1945 verfasst wurden aus der Häftlingsgruppe der Juden. Andererseits erlebten und verarbeiteten ehemalige KZ-Häftlinge, unabhängig von ihrer individuellen Geschichte, mindestens drei Umbruch- und Schocksituationen. Darunter zählten „die Verhaftung, die traumatischen Erfahrungen im Konzentrationslager sowie die Befreiung und Wiedereingliederung in die jeweilige Nachkriegsgesellschaft ihres Heimatlandes“ (Tuchel 1996, S. 224f). Diese drei Umbrüche hinterließen ihre Spuren. Das Sprechen über die Zeit der Inhaftierung wurde vor allem durch die Haftzeit beeinflusst, welche psychische und physische Schäden mit sich brachte. Somit war das Schweigen die einzige Möglichkeit des Überlebens (vgl. ebd.). Weitere Grundprobleme zeigten sich zum Beispiel bei den Bürgern und Bürgerinnen der ehemaligen Sowjetunion. Ihre Erinnerungsarbeit ist in mehrfacher Hinsicht beeinflusst worden. Bis zu Stalins Tod oder sogar darüber hinaus mussten die meisten das in Deutschland Erlebte verschweigen und konnten höchstens im engsten Kreis der Familie und Nachbarschaft davon erzählen. Es boten sich in der späteren Phase des Kalten Krieges einige Gelegenheiten zum öffentlichen Auftritt in Kreisen der sowjetischen Gesellschaft (beispielsweise in Schulen, Clubs und Museen). Jedoch wurde ihnen dort von vornherein die Rolle als antifaschistische Zeitzeugen zugedacht. Dadurch wurden die ehemaligen Bürger und Bürgerinnen der Sowjetunion in ein bestimmtes kollektives Klischee gepresst, in dem eine persönliche Deutung des eigenen Schicksals nicht mehr möglich war. Hinzu kommt, dass die meisten einfache Bauernkinder waren. Aufgrund des Krieges und der Verschleppung wurden sie aus der elementaren Schulbildung herausgerissen und mussten zudem nach dem Krieg sofort in Fabriken oder Kolchosen arbeiten. Demzufolge kann von den Bürgern und Bürgerinnen der ehemaligen Sowjetunion nicht so eine differenzierte, individuelle Selbstdeutung erwartet werden wie zum Beispiel von intellektuellen und literarisch begabten Überlebenden westlicher Länder (vgl. Koppe 2001, S. 183f). „Und doch sind viele in Gesprächen oder Briefen formulierte Gedanken über Grenzerfahrungen im Leiden auf besondere Art eindrucksvoll, weil sich in ihnen Herkunft, Lebensgeschichte und Ideologie in eigentümlicher Weise vermischen“ (ebd. S. 184). Gerade diese sind ausschlaggebend für die solidarischen Beziehungen im Konzentrationslager, welche den Hauptteil dieser Arbeit ausmachen. Bevor wir auf diese zu sprechen kommen, möchten wir kurz auf den Begriff des Konzentrationslagers eingehen. Zum besseren Verständnis des KZ-Lebens erläutern wir im Weiteren die Häftlingshierarchie. Anschließend greifen wir den Solidaritätsbegriff auf und weisen auf Zusammenhänge hin. Das folgende Kapitel soll explizit von verschiedenen Gruppenbeziehungen, wie beispielsweise den Zeugen Jehovas und den Kommunisten handeln. Der letzte Gliederungspunkt befasst sich nun mit den individuellen Überlebensstrategien in Hinsicht auf solidarische Beziehungen.

2. Grundlegende Begriffe

2.1. Konzentrationslager

In diesem Kapitel soll auf die Entstehung und den Begriff des Konzentrationslagers eingegangen werden.

KZ steht als abkürzende Bezeichnung für Konzentrationslager. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist es die üblich gewordene Bezeichnung für alle Häftlingslager, die im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich im Zeitraum von 1933 bis 1945 errichtet wurden. Seit der Machtübernahme wurden die Gegner des Nationalsozialismus und Menschen, die zu Gegnern erklärt wurden, inhaftiert. Im Laufe dieser Zeit kamen auch Juden, Zigeuner und Kriegsgefangene dazu. Diese Gefangenen wurden am Anfang nur vereinzelt, später dann zu Hunderttausenden ermordet. Im Jahre 1940 galten im nationalsozialistischen Amtsdeutsch nur 20 Lager mit der offiziellen Abkürzung KL als Konzentrationslager. Als Arbeitslager wurden 165 angeschlossene Lager bezeichnet, in denen die gleichen tödlichen Bedingungen zum Vorschein kamen. Ausschließlich zur Ermordung von Millionen von Menschen, wurden im Verlauf der Endlösung in Polen Vernichtungslager errichtet. Darunter zählten die beiden größten mit Namen Auschwitz-Birkenau und Lublin-Majdanek. Die KZ wurden von den Nationalsozialisten lediglich als „Verwahrungs- und Erziehungslager“ betitelt. Dort sollten Menschen festgehalten werden, um sie vorübergehend unschädlich zu machen, wobei die Erziehung zu brauchbaren Volksgenossen im Vordergrund stand. Dazu zählten Menschen, die sich als „Schädlinge am deutschen Volkskörper“ dargestellt haben, bei denen zusätzlich ihre Sinnesänderung als aussichtslos erschien. Die KZ stellten die berüchtigtsten Terrorinstrumente der Nationalsozialisten dar. Um missliebige Menschen und politische Gegner in Schutzhaft zu nehmen und in KZ zu liefern, wurde durch die am 28. Februar 1933 erlassene Reichstagsbrandverordnung ermöglicht. Diese setzte unter anderem die Grundrechte der persönlichen Freiheit und die freie Äußerung der Meinung außer Kraft. Als missliebig zählte nach Erlass der Heimtückverordnung (21. März 1933) beispielsweise schon als Verhaftungsgrund eine beleidigende Anmerkung über den Parteiführer oder etwas Ähnlichem. Es wurden so viele Verhaftungen vorgenommen, in Preußen im März/April 1933 allein 25.000 Menschen, so dass die Gefängnisse die Menge der Festgenommenen nicht mehr aufnehmen konnten. Von Anfang an wurden wilde Lager und „Privatgefängnisse“ erbaut. Die Errichtung des ersten staatlichen Konzentrationslagers Dachau bei München im März 1933 wurde durch den Reichsführer der SS Heinrich Himmler veranlasst. Es gab bereits im Sommer desselben Jahres weitere große Lager, wie Papenburg, Esterwegen und Oranienburg. Als nach dem so genannten Röhm-Putsch[1] 1934 die Hilfspolizeieinheiten aufgelöst wurden, übernahm die SS den alleinigen Befehl über die KZ. Heinrich Himmler ernannte den Kommandant von Dachau, mit Namen Theodor Eicke, zum Inspektor der SS-Verbände und der KZ. Um Himmlers Absicht nach einer Lagerführung außerhalb der Strafgesetzordnung zu entsprechen, erstellte Eicke eine eigene Ordnung für die Häftlingsbehandlung und deren Bestrafung (vgl. Kammer/Bartsch 1990, S. 110f).

Als der Nationalsozialismus in Deutschland an die Macht kam, hat er nach und nach unterschiedliche Herrschaftselemente entwickelt, die sich wechselseitig koordinierten und ein perfektes System bildeten. Dieses bestand vor allem aus nachhaltiger „Beeinflussung durch Propaganda und Erzeugung von ‚Massenbegeisterung’, Pseudopartizipation der ‚Volksgenossen’, mancherlei ökonomische, soziale und kollektiv-psychologische (nationale) ‚Belohnungen’, eine organisatorische Kontrolle, die bis in kleine soziale Einheiten (Nachbarschaft, Familie, Betrieb) herabreichte, [!] und ein System terroristischer Einschüchterung und Unterdrückung“ (Botz 1996, S. 49). Diejenigen, die vom System als „gefährlich“ angesehen wurden, sollten, zur Stabilisierung des Herrschaftssystems, eliminiert werden. Zunächst wurden sie aus der Gesellschaft „ausgegliedert“, in bestimmte Bezirke eingeteilt und anschließend eingesperrt. Nach dem folgte eine systematische Ermordung der „Gemeinschaftsfremden“ oder „Rassefeinden“ (vgl. ebd., S. 50). Um dies verwirklichen zu können, benötigte der Nationalsozialismus bestimmte Lager: Konzentrations- und Vernichtungslager.

Anfang 1941 hat der Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes Heydrich die verschiedenen Schweregrade der Haftbedingungen systematisiert. Er legte dafür eine formelle Stufeneinteilung der Konzentrationslager fest. Zu dieser Zeit reichte die Skala von Lagern für „wenig belastete und unbedingt besserungsfähige Schutzhäftlinge“ (Botz 1996, S. 52), wie zum Beispiel in Dachau oder Sachsenhausen, über Lager „für schwerbelastete, jedoch noch erziehungsfähige und besserungsfähige Schutzhäftlinge“ (ebd.) bis hin zu solchen für „schwerbelastete, insbesondere auch gleichzeitig kriminell vorbestrafte und asoziale, d.h. kaum noch erziehbare Schutzhäftlinge“ (ebd., S. 52f). Letztere fielen beispielsweise in das Stammlager Mauthausen und dessen Nebenlager Gusen (vgl. ebd.).

Auch können differenzierte Phasen in der Lagergeschichte erfasst werden. Anhand von diesen erkennt man die Unnachgiebigkeit des KZ-Systems. Dies geschieht über die Parameter Häftlingszahl (pro Lager und gesamt), deren Zusammensetzung, der Todesrate und die Form des Arbeitseinsatzes. Die erste Periode erfolgte von 1933 bis 1936. Es war die Phase der „Machtergreifung“ und der Stabilisierung. Das Lagersystem bildete sich 1933 und zu dieser Zeit gab es eine Vielzahl verschiedener Lagertypen, welche danach unterschieden worden, wie die Häftlinge untergebracht waren, wer sie bewachte, etc. Ab Anfang 1934 wurden diese vereinheitlicht. Die zweite Phase markierte die „Zeit der Kriegsvorbereitung und die ersten Jahre siegreicher Kriegführung“ (Pingel 1996, S. 99) von 1935 bis 1941/42. Mit Kriegsbeginn hat die Zahl der Inhaftierten deutlich zugenommen und die Lebensbedingungen haben sich stark verschlechtert. Die Jahre des totalen Krieges von 1942 bis 1944 stellen den dritten Abschnitt dar. Die Lager wurden innerhalb des nationalsozialistischen Regimes zu einem totalitären Universum, indem man sie als Zwangsarbeitsstätte für die Rüstung sowie zur Massenvernichtung nutzte. Dabei zählten ökonomische Effizienzgesichtspunkte nicht. Zu diesem Zeitpunkt bestanden die meisten Lagereinheiten und die Gefangenen kamen aus fast allen Gebieten, die die deutschen Truppen besetzten. Daran schließt sich die vierte Phase an. Einzelne Konzentrationslager wurden aufgelöst und Evakuierungsmärsche von 1944 bis zur Befreiung begannen (vgl. ebd., S. 98f).

2.2. Häftlingshierarchie

Um auch nach den schwierigen Anfangsmonaten im Lager überleben zu können, musste man sich nicht nur in der eigenen Kategorie geschickt bewegen können. Es bedurfte auch einem Platz in kleineren, persönlich geprägten Gruppen, in welchen sich eventuell eine persönliche Beziehung herausbilden konnte (vgl. ebd., S. 104). So konnte man in der Häftlingsgesellschaft verschiedenen Ranggruppen begegnen.

Zunächst bekam jeder Inhaftierte bei der Einlieferung eine fortlaufende Nummer. Diese wurde entweder in den Arm tätowiert (Auschwitz) oder aber an der Häftlingskleidung angebracht. Die Zahl ersetzte beim Kontakt mit der SS den Namen des Häftlings und wurde somit zu einer bloßen „Nummer“. Weiterhin konnte anhand dieser die Einlieferungszeit und somit die Lagererfahrung und die Überlebensdauer jedes Mithäftlings erkannt werden. Zudem hatten die Inhaber einer niedrigeren Nummer oftmals ein höheres Prestige. Ein weiteres äußeres Kennzeichen erhielt ein Häftling durch unterschiedlich farbige Dreiecke, welche „Winkel“ genannt wurden (vgl. Botz 1996, S.60f). Auch diese signalisierten eine „Art soziale Hierarchie“ (ebd., S. 61). Nichtjüdische politische Häftlinge, welche durch einen roten Winkel gekennzeichnet waren, hatten den höchsten Rang in der „Häftlingsgesellschaft“ inne. Die, mit einem schwarzen Winkel gezeichneten, so genannten „Asozialen“ oder „Arbeitsscheuen“ folgten. Auch die „Zigeuner“ waren dieser Kategorie zugehörig. In manchen Lagern konnte diese Gruppe jedoch sehr tief stehen. Auf der nächsten Rangstufe befanden sich jüdische politische Häftlinge und die Zeugen Jehovas („Bibelforscher“). Letztere waren aus Gewissensgründen nicht bereit, den Wehrdienst abzuleisten. Den folgten die so genannten „Berufsverbrecher“. Diese wurden manchmal wegen kriminellen Handlungen ins Konzentrationslager eingewiesen und trugen einen grünen Winkel. In einigen Lagern standen diese in der Hierarchie jedoch eine Weile weit oben. Auf der Stufe unter diesen standen die „Rassenschänder“ sowie die mit einem rosa Winkel gekennzeichneten Homosexuellen. Diese Einteilung belangte meist Inhaftierte aus deutschsprachigen Ländern an. Diese Skala erfuhr eine stark ins Gewicht fallende Ausweitung nach unten, als massenhaft Häftlinge aus anderen Nationen eingeliefert wurden. Diese Gruppe wurde mit einem roten Winkel samt einem Buchstaben ihres Landes charakterisiert. Sie zählten somit zu den politischen Inhaftierten. Damit bekamen sie weiterhin eine Zuordnung zu der „nationalsozialistischen Rangordnung der Nationen“ (ebd. S. 62): Auf dieser standen Nordwest- und Westeuropäer ganz oben. Dem schlossen sich die Südeuropäer an. Dann folgten Tschechen, Slowaken und Polen. Unter diesen befanden sich auch Osteuropäer. Auf der Skala bis unten standen die Juden, die aus nichtdeutschen Ländern kamen. Sie trugen entweder noch den Judenstern oder aber das farbige Winkelzeichen, welches mit einem gelben Dreieck unterlegt war (vgl. Bettelheim zit. n. ebd., S. 61f).

Ein weiteres Merkmal, welches von einer Klasseneinteilung zeugt, waren die Zuteilung bestimmter Funktionen in der internen „Lagerselbstverwaltung“ sowie ein „engeres“ Verhältnis zu SS-Leuten. Hatte man eine solche Funktion inne, übernahm man wichtige Aufgaben und zählte zu den einflussreichen Häftlingen. Man gehörte zur „Lagerprominenz“. Diese umfasste vor allem die „Blockältesten“ sowie die Kapos bedeutender Arbeitskommandos, Lagereinrichtungen und Werkstätten. Weitere Funktionshäftlinge waren die Häftlingsärzte und die Chefschreiber, welche in Büros der Lagerverwaltung tätig waren. Die Funktionshäftlinge waren zudem von der normalen Lagerarbeit ausgeschlossen und hatten einen großen Einfluss auf die Häftlinge in niedereren Rängen. Taten die Häftlinge, die unter ihnen standen, nicht das, was von ihnen erwartet wurde, so wurden die Funktionshäftlinge zur Verantwortung gezogen. Es folgte die Absetzung sowie eine schwere Bestrafung derer. Der Druck, der Funktionshäftlingen auferlegt war, war sehr groß. Einerseits mussten sie diesen nach unten weitergeben, Mithäftlinge bestrafen, schlagen und der SS ausspielen. Auf der anderen Seite durften sie die Loyalität anderer bedeutender Häftlingsgruppen nicht einbüßen, denn sonst konnte es sein, dass sie in ihrer Funktionstätigkeit erfolglos blieben oder sich die Rache anderer Gefangener zuzogen. Im schlimmsten Fall konnte es zu einer Ermordung durch Sträflinge kommen. Durch diese schwierige Zwischenstellung erhielten die Funktionshäftlinge jedoch Privilegien. Diese wurden entweder von der SS gewährt oder aber sie teilten sie sich selber zu. Die Vorteile, die die Funktionshäftlinge nutzten, waren die, dass sie in einem abgesonderten Bereich des „Blocks“ schliefen und sie in der Lage waren, reichlich zu „organisieren“. Zudem konnten sie sich besser ernähren, besser kleiden und ihr äußeres Erscheinungsbild pflegen. Letzteres diente „der Aufrechterhaltung der eigenen Identität und der Vorspiegelung von Kraft und Arbeitsfähigkeit“ (Botz 1996, S. 63). Unter der „Lagerprominenz“, die nur zwei Prozent der Häftlinge umfasste und zu der nicht nur „Kriminelle“ sondern auch „Politische“ gehörten, waren die Deutschen am stärksten vertreten (vgl. ebd., S. 62f).

Eine breitere Mittelschicht, welche ca. zehn Prozent der Inhaftierten ausmachte, schloss sich an die Häftlingsoberschicht an. Die Mittelschicht umfasste vor allem die „Prominenten“ sowie die weniger „einflussreichen und ellbogentüchtigen Kapos und ‚Blockältesten’“ (ebd., S. 63). Ihr Lebensstil war immer noch besser als der, der Mehrzahl der Häftlinge. Die Deutschen stellten in dieser Schicht immer noch die Überzahl dar, wobei auch schon Nichtdeutsche eine Chance hatten. Darunter zählten die Tschechen in Mauthausen und die Slowaken anfangs in Birkenau. Die breite Unterschicht, welche die „Normalhäftlinge“ waren, machte 90 Prozent der Gefangenen aus. Für sie galten die katastrophalen Bedingungen im KZ-Alltag: „Hunger, Kälte, Mangel an Kleidung, Platzmangel, ekelerregende sanitäre Zustände, Krankheiten, Einsamkeit, Häftlingsintrigen, SS-Willkür“ (ebd.). Somit lebten diese Häftlinge meist nicht lange. Die „Muselmänner“ standen am untersten Ende der sozialen Hierarchie (vgl. Kautsky zit. n. ebd.). Bei ihrer Inhaftierung standen die meisten Neuankömmlinge auf der Stufe der „Normalhäftlinge“. Schaffte man es dann nicht, binnen kurzer Zeit, sozial aufzusteigen, wurde die Gefahr des Absinkens in die unterste Schicht immer größer (vgl. Botz 1996, S. 63f).

2.3. Solidarische Beziehungen

Im Folgenden soll der zweite grundlegende Abschnitt unserer These erläutert werden: solidarische Beziehungen. Zunächst wird aber der Solidaritätsbegriff kurz definiert. Nach dem Bertelsmann Lexikon von 1992 bedeutet Solidarität, „die wechselbezogene Verbundenheit u. Mitverantwortung der Mitglieder einer Gruppe, sozialen Klasse oder Gemeinschaft“ (Bertelsmann Lexikon Verlag 1992, Band 15, S. 60). Somit kann man von einem Zusammengehörigkeitsgefühl von Individuen und Gruppen sprechen, welches sich, in unserem Kontext, zwischen Häftlingen entfalten kann. Unter wechselbezogener Mitverantwortung könnte man eine gegenseitige Hilfe und Unterstützung verstehen. Wie äußerte sich Solidarität nun aber im Konzentrationslager? Die solidarischen Beziehungen der Häftlinge im Lager waren unter anderem abhängig von gegenseitiger Sympathie, dem Kategoriensystem[2], der Sprache, der Nationalität sowie von der Funktionsmacht (vgl. www.hagalil.com/czech/dachau/kz-12.htm, besucht am 04.09.2006).

Seit vielen Jahren waren die Etiketten „kriminell“, „asozial“, „homosexuell“, „Jude“, „Pole“ oder „Tscheche“ mit Vorurteilen besetzt. Diese prägten zudem die soziale Wahrnehmung in der zivilen Gesellschaft. Das Ziel der SS lag darin, die Häftlinge gegeneinander auszuspielen und potentielle Gemeinschaften zu spalten. Um einen größeren, für ihre Macht bedrohlichen Zusammenhalt zu verhindern, versuchte die SS ebenfalls wechselseitiges Misstrauen zu erwecken. Ein Teil dieser Strategie war somit die Vergabe des schwarzen Winkels an die meisten Häftlinge, die dann als „asozial“, „arbeitsscheu“, „feige“ und „verdreckt“ galten. Dies hatte dann zur Folge, dass sie von ihren Mithäftlingen verächtlich betrachtet und behandelt wurden. Bei den „kriminellen“ und „homosexuellen“ Häftlingen entwickelte es sich ähnlich, indem sie sogar nach vielen Jahren der Befreiung um ihre Anerkennung als so genannte vergessene Opfer kämpfen mussten (vgl. ebd.). „Es finden sich bis heute zahlreiche Vermerke auf die reservierte Haltung gegenüber diesen ‚gemeinschaftsfremden’ Häftlingsgruppen in den Erinnerungsberichten“ (ebd.).

[...]


[1] Benannt nach nationalsozialistischen Politiker Ernst Röhm (1887-1934). Hitler ließ ihn nach der erfundenen Anschuldigung, dass Röhm eine „zweite Revolution“ geplant habe (so genannter Röhm-Putsch), erschießen (vgl. Bertelsmann Lexikon Verlag 1992, Band 13, S. 186).

[2] Sofsky betonte, dass das Kategoriensystem mehrfach als Differenzierung wirkte. Die SS bediente sich dabei „Stereotype der gesellschaftlichen Umwelt“ (vgl. Sofsky zit. n. www.hagalil.com/czech/dachau/kz-12.htm, besucht am 04.09.2006)

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Soziologie des Konzentrationslagers - "Es existierten keine solidarischen Beziehungen zwischen den Häftlingen in den Konzentrationslagern"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Insitut für Soziologie)
Veranstaltung
Soziologie des Konzentrationslagers
Note
1,7
Autoren
Jahr
2006
Seiten
39
Katalognummer
V73405
ISBN (eBook)
9783638867078
ISBN (Buch)
9783638867139
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Konzentrationslagers, Beziehungen, Häftlingen, Konzentrationslagern
Arbeit zitieren
Anke Zimmermann (Autor)Judith Walther (Autor), 2006, Soziologie des Konzentrationslagers - "Es existierten keine solidarischen Beziehungen zwischen den Häftlingen in den Konzentrationslagern", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73405

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