Die Anfänge der päpstlichen Inquisition in Deutschland und der Ketzerrichter Konrad von Marburg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ketzerverfolgung und Konrad von Marburg
2.1 Entwicklung der Ketzerverfolgung
2.1.1 Ausgangspunkt für die Ketzerverfolgung
2.1.2 Die Ketzerverfolgung zu Lebzeiten Konrads von Marburg
2.1.3 Ist Ketzerverfolgung gleich Inquisition?
2.1.4 Die Herausbildung des Ketzerinquisitionsverfahren
2.2 Konrad von Marburg
2.2.1 Biographie Konrads von Marburg
2.2.2 Chronologisierung der Tätigkeit Konrads als Ketzerrichter
2.2.3 Das Ende Konrads von Marburg
2.2.4 Konrad von Marburg und Caesarius von Heisterbach

3. Fazit – Das Nachwirken Konrads von Marburg

4. Literatur
4.1 Primärquellen
4.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Im Jahre des Herrn 1231 begann eine Ketzerverfolgung in ganz Deutschland, und es wurde während der folgenden Jahre eine Menge verbrannt. Hauptanführer dieser Verfolgung war der Magister Conrad von Marburg(…).“[1]

Konrad von Marburg ist eine der am meisten Aufsehen erregenden Gestalten der mittelalterlichen Geschichte und es gibt kaum eine andere Person, die so kontrovers beurteilt wird. Die Marksteine in Konrads Laufbahn sind seine Tätigkeiten als massenwirksamer Kreuzprediger, strenger Beichtvater der heiligen Elisabeth, Ketzersucher und zuletzt als kompromissloser Ketzerrichter.

Um eine sinnvolle Hinführung zum Themenbereich der Ketzerverfolgung zu schaffen, werden zu Beginn der Arbeit die Ursprünge für das Bedrohungspotenzial aufgezeigt, welche mit der Ketzerpräsenz für die römisch-katholische Kirche verbunden waren. Hier liegt der Ausgangspunkt für die in der Lebenszeit Konrads von Marburg intensivierte Ketzerbekämpfung. Darauf aufbauend wird die Herausbildung des Ketzerinquisitionsverfahrens erarbeitet. Ein besonderer Fokus liegt auf der Biographie Konrads von Marburg. Hier wird ein Einblick in die Persönlichkeit des Machtmenschen Konrad ermöglicht. Anschließend folgt die Darstellung seiner Tätigkeit als Ketzerrichter. An dieser Stelle sollen die Rahmenbedingungen für sein Handeln erkenntnisleitend sein. Zum Abschluss bietet ein Exkurs zum Verhältnis Konrads zu Caesarius von Heisterbach Aufschluss über die Rezeption seines Handelns bei seinen Zeitgenossen.

Quellenkritik

Die Quellenlage zu Konrad von Marburg muss sehr differenziert betrachtet und bewertet werden. Als Ausgangspunkt zu diesem Thema können die umfassenden Quellenarbeiten von Alexander Patschovsky herangezogen werden[2]. Man kann den zeitlichen Rahmen für Konrads Ketzerverfolgung an mehreren Quellen festmachen. Die bei weitem zuverlässigste Quelle ist dieContinuatio IVderGesta Treverorum[3], die um 1242 verfasst wurde. Sie überzeugt durch umfassende und sachkundige Urteile in nüchterner Sprache[4]. Als gute Ergänzung kann man die Annalen der Erfurter Dominikaner ansehen, welche 1254 niedergeschrieben wurden. Von großer Bedeutung sind Notizen aus den Jahren 1232-34, in denen Prozesse und Vorgehensweisen geschildert werden[5].

In der Sekundärliteratur wird erst in neueren Werken ein neutral-sachlicher und kein ausnahmslos negativ verurteilender oder moralisierender Standpunkt eingenommen. Der einseitig verurteilende Blickpunkt der älteren Forschung auf sein Wirken zeigt sich schon in den Quellen, die größtenteils nach seinem Tod verfasst wurden. Seit Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Renaissance bezüglich der Beschäftigung mit Konrad von Marburg. Unter den wissenschaftlichen Arbeiten dieser Zeit sind die Werke von Ludwig Förg[6]und Charles Lea[7]zu nennen. Im Gegensatz dazu stehen die freien Erzählungen und Theaterstückvorlagen, welche immer wieder zur Legendenbildung neigen und sich jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entziehen[8]. Die darin erzählten, detailreichen Ausschmückungen über Konrads Wirken als Beichtvater der heiligen Elisabeth und als Ketzerrichter kann man im Gros als frei erfunden bewerten. Nach dem Tode Konrads wurden im Zuge einer aufkeimenden Abwehrhaltung gegenüber seiner Person sämtliche Quellen wie Briefwechsel mit Bischöfen und Protokolle von Prozessen vernichtet wurden[9].

2. Die Ketzerverfolgung und Konrad von Marburg

2.1 Entwicklung der Ketzerverfolgung

2.1.1 Ausgangspunkt für die Ketzerverfolgung

Dass es im Laufe des Mittelalters zu weitreichenden Ketzerverfolgungen gekommen ist, liegt in erster Linie an dem Bedrohungsbewusstsein, welches durch das Anwachsen häretischer Gruppen empfunden wurde. In der Fortentwicklung des 11. und 12. Jahrhunderts hatten Verweltlichung und Missstände das Gesicht der Kirche umfassend und nachhaltig verändert. Die geistlichen Institutionen waren zu großem Reichtum gekommen und der Lebenswandel mancher Geistlicher wurde von vielen Zeitgenossen kritisch betrachtet. Viele der Geistlichen predigten Armut, lebten jedoch selbst in völlig gegensätzlichen Verhältnissen. Dieses Missverhältnis führte vielerorts zu Unzufriedenheit, oppositionellen Erscheinungen und neuen religiösen Bewegungen. Die römisch-katholische Kirche, welche mit einem einflussreichen Papsttum einen starken Machtapparat herausgebildet hatte, konnte demgegenüber ihren politischen Entscheidungen massiven Nachdruck verleihen[10].

Die maßgeblichen häretischen Gruppen für die Ketzerverfolgung Konrads von Marburg waren die Katharer und Waldenser und hier grob skizziert werden sollen. Nach Kolmer hatte es bis zur ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts kaum „klassifizierbare“ Häresien gegeben. Doch seit der Mitte des Jahrhunderts konzentrierte sich die Hauptströmung auf den Katharismus, welcher sich mit enormer Geschwindigkeit vom Balkanraum in Richtung Westeuropa ausbreitete. Wahrscheinlich gehen die Ursprünge des Katharismus auf die Bogomilen zurück, da diese ein ähnliches „dualistisches Weltbild“ vertraten. In diesem System sind das Gute (Gott) und das Böse (Satan) gleich-berechtigte Elemente, deren fortwährende Auseinandersetzung das menschliche Leben bestimmt[11]. Neben ihrem eigenständigen Dogma und ihrem Selbstverständnis als einzig „reine“ Lehre waren es vor allem ihre fest etablierten Institutionen, die die römische Kirche provozierten und ihre Bekämpfung begründete[12]. So hatten sich die Katharer mit Bischöfen, Sakramenten und Dogmen ihre eigene Kirchenorganisation geschaffen, welche in ihrer Gesamtheit als Feindbild gesehen wurde. Aus diesem Grunde ist auch der negativ besetzte Begriff „Ketzer“ eine Ableitung von „Katharer“[13]. Die katharische Bewegung hatte ihr Zentrum zwischen den südfranzösischen Städten Albi und Toulouse, weswegen sie auch Albigenser genannt werden. Auffällig war der Zulauf in wirtschaftlichen Gunsträumen wie Norditalien, Südfrankreich oder am Niederrhein. „1143 erschienen die Katharer in Köln, 1143 in Lüttich.[...] Wiederum in Köln wurden 1163 einige Sektenanhänger verbrannt.“[14]In den Folgejahren stieg die Zahl der Anhänger weiter an und die Bekämpfung gegen die „Irrgläubigen“ spitzte sich immer weiter zu. Viele häretische Gruppen versuchten sich der Verfolgung zu entziehen, indem sie ihre Aktivitäten möglichst unauffällig im Untergrund betrieben.

Die zweite größere Ketzergruppierung waren die Waldenser. Ihr Namensgeber war der reiche französische Kaufmann Valdes aus Lyon[15]. Valdes wird als besonders religiös beschrieben und ließ sich die Bibel aus dem Lateinischen in die Landessprache übersetzen. 1177/78 verschenkte er seinen Besitz unter den Armen und begann unter dem Leitsatz: „Man muss Gott mehr gehorchen als dem Menschen[16], den Aposteln folgend, Gottes Wort zu predigen. 1182/83 wurde Valdes aus seiner Heimatstadt vertrieben und begeisterte als Wanderprediger große Menschenmengen. Schon 1184 wurde Valdes wegen Laienpredigt als Ketzer verurteilt, die Bewegung jedoch lebte weiter und breitete sich vereinzelt von Frankreich nach Deutschland aus[17].

2.1.2 Die Ketzerverfolgung zu Lebzeiten Konrads von Marburg

Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts, also dem Beginn des Lebensweges Konrads, kann man von einem etappenartigen Ausbau der organisierten Ketzerverfolgung sprechen. In der römisch-katholischen Kirche sah man seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert die dringende Notwendigkeit, der anwachsenden Ketzerbedrohung entschiedener entgegenzutreten. Die fortlaufende Ausweitung und Professionalisierung in der Ketzerbekämpfung soll an einigen Schlüsselereignissen veranschaulicht werden. Als wesentliche Ereignisse auf dem Weg zur Einsetzung päpstlicher Inquisitoren kann man die vatikanischen Beschlüsse der Jahre 1179, 1184, 1199, 1215 und 1229 sehen, weil hier die rechtlichen Grundlagen auch für Konrads Ketzerverfolgung gelegt wurden[18].

Gab es zuvor nur vereinzelte Maßnahmen gegen Ketzer, so wurden auf dem III. Laterankonzil 1179 erstmals Richtlinien zur Ketzerverfolgung vorgegeben. Mit sofortiger Wirkung wurden die führenden Geistlichen verpflichtet, Ketzer zu verfolgen. Wurde den Regelungen keine Folge geleistet, sollten harte Strafen verhängt werden[19]. Trotz der Beschlüsse des III. Laterankonzils kam es in Europa zur verstärkten Ausbreitung von Häresien, weshalb sich Papst Lucius III. dazu berufen sah, entschiedener gegen Häretiker vorzugehen.

Infolgedessen verabschiedeten Papst Lucius III., Kaiser Friedrich I., der gemeinsame Rat der Orden, die Erzbischöfe und viele Fürsten auf dem Konvent von Verona im Herbst 1184 das Edikt Ad abolendam. Es war eine weitaus kraftvollere Anstrengung, der Ketzergefahr entgegen zu wirken als alle bisherigen Versuche und hatte durch die Einbeziehung der wichtigsten geistlichen und weltlichen Institutionen eine legitime Machtgrundlage und einen nachhaltigen Charakter[20]. Mit der Ketzerei lag die „Majestätsbeleidigung Christi“ und somit eine Verschwörung gegen den Kaiser von Gottesgnaden vor. Die Ketzerei wurde mit dem Majestätsverbrechen auf eine Stufe gestellt. Das Edikt richtete sich gegen diverse Ketzergruppen wie Katharer, Patariner, Humiliaten oder Passaginer, illegitime Prediger und Unterstützer von Ketzern. Die Konsequenzen für Ketzer waren existenzbedrohend, weil ihnen Exkommunikation, Infamie und Güterkonfiskation drohten[21].

Für die Verfolgung und Verurteilung von Ketzern sollten die Bischöfe in ihren Diözesen Verantwortung tragen. Wenn die Bischöfe ihren Pflichten nicht in angeordneter Form nachkamen, drohte ihnen die Amtsenthebung. Die geistlichen und weltlichen Kompetenzen wurden bei der Ketzerverfolgung voneinander getrennt und so die „angemessene“ Strafe durch weltliche Amtsträgerausgeführt[22]

[...]


[1]Zenz, Emil (Hg.): Die Taten der Trierer - Gesta Treverorum, Trier 1964, 52.

[2]Zur Ketzerverfolgung Konrads von Marburg, in: Ketzer, Juden, Antichrist. Gesammelte Aufsätze zum 60. Geburtstag von Alexander Patschovsky, 660 (Onlineartikel im Folgenden Patschovsky: Ketzerverfolgung).

[3]Zenz, Emil (Hg.): Die Taten der Trierer - Gesta Treverorum, Trier 1964, Continuatio IV der Gesta Treverorum, in: MGH SS 24, 400.

[4]Patschovsky: Ketzerverfolgung, 660.

[5]Ebd.

[6]Förg, Ludwig: Die Ketzerverfolgung in Deutschland unter Gregor IX.. Ihre Herkunft, ihre Bedeutung und ihre rechtlichen Grundlagen, Berlin 1932.

[7]Lea, Henry: Geschichte der Inquisition im Mittelalter, Bonn 1905.

[8]Vgl. hierzu: Cuno, Louise: Conrad von Marburg. Ein Sucher der Ketzer und Mehrer des Christenglaubens, Marburg 1877 und Rademacher, H.: Ein König ringt um sein Reich. Eine Erzählung aus der Zeit des Großinquisitors Konrad von Marburg, Berlin 1940.

[9]Vgl Patschovsky: Ketzerverfolgung, 662ff. Trotz des deutlich verkürzten Prozessverfahrens war üblich, dass die Prozesse protokolliert wurden. Aus genannten Gründen sind Prozessprotokolle und ähnliche Dokumente nicht mehr vorhanden.

[10]Vgl. Beck: Vom Umgang mit Ketzern, 19.

[11]Zu den Katharern: Rill: Die Inquisition und ihre Ketzer, 29-57; Erbstößer: Ketzer und Heilige, 314-397.

[12]Vgl. zu dieser Argumentation das Kapitel „Die Katharer“ in: Lambert: Ketzerei im Mittelalter, 165-226.

[13]Ebd.

[14]Kolmer: Ad capiendas vulpes, 23.

[15]Lambert: Ketzerei im Mittelalter, 108ff.

[16]Apostelgeschichte 5,29.

[17]Vgl. Borst, Arno: Lebensformen im Mittelalter, 106f.

[18]Feststellung beruht auf eigener Untersuchung.

[19]Förg: Ketzerverfolgung, 19.

[20]Vgl. Förg: Ketzerverfolgung, 18f.

[21]Vgl. Förg: Ketzerverfolgung, 19.

[22]Diehl, Peter: „Ad Abolendam“ (X 5.7.9) and imperial legislation against heresy; in: Bulletin of Mediaval Canon Law, New Series. 19 (1989), 1-11. [...] sancimus, ut quicunque manifeste fuerint in haeresi deprehensi, si clericus est vel cuiuslibet religionis obumbratione fucatus, totius ecclesiastici ordinis praerogativa nudetur, et [...] saecularis relinquatur arbitrio potestatis animadversione debita puniendus. Laicus autem [...] nisi abiurata haeresi et satisfactione exhibita confestim ad fidem confugerit orthodoxam, saecularis iudicis arbitrio relinquatur, debitam recepturus pro qualitate facinoris ultionem.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Anfänge der päpstlichen Inquisition in Deutschland und der Ketzerrichter Konrad von Marburg
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V73456
ISBN (eBook)
9783638634991
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anfänge, Inquisition, Deutschland, Ketzerrichter, Konrad, Marburg
Arbeit zitieren
Jens Gürtler (Autor), 2007, Die Anfänge der päpstlichen Inquisition in Deutschland und der Ketzerrichter Konrad von Marburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73456

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