Mit der Prometheus–Hymne/Ode liegt dem Rezipienten sicherlich eines der bekanntesten Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe vor. Goethe, der von 1749 bis 1832 lebte, verfasste das Gedicht in seinen jüngeren Jahren und schuf damit ein Werk, welches oftmals als das Sturm-und-Drang-Gedicht schlechthin bezeichnet wird. Die Entstehung des Werkes datiert man auf das Jahr 1773 oder 1774. Über den genauen Entstehungszeitpunkt innerhalb dieses Zeitraums besteht in der Literatur jedoch keine Einigkeit. Interessanterweise wurde Prometheus von Goethe nicht unmittelbar nach Fertigstellung veröffentlicht. „Goethe hatte die Hymne zunächst lediglich Freunden zukommen lassen und sie 1777 in die handschriftliche Gedichtsammlung für Charlotte von Stein aufgenommen.“ „Einer breiteren Öffentlichkeit wurde sie erst bekannt, als Friedrich Jacobi sie, ohne Goethes Einverständnis, als Einleitung zu seiner Schrift Über die Lehren des Spinoza [Hervorhbg. i.O.] 1785 publizierte.“ Die unautorisierte Veröffentlichung durch Jacobi zog dann den berühmten Spinozastreit nach sich, auf den in dieser Arbeit jedoch nicht näher eingegangen werden soll.
Goethes Gedicht kann man durchaus als komplexes und schwieriges Werk einstufen. Das Problematische an dem Gedicht ist dabei sicherlich, daß sich einem die Komplexität nicht auf den ersten Blick erschliesst. Liest man sich das Gedicht oberflächlich durch, dann erhält man zunächst den Eindruck, dass Goethe hier ein klares Bild gezeichnet hat. Man könnte meinen, dass sich die mythologische Figur des Prometheus gegen den Göttervater Zeus auflehnt. Beschäftigt man sich mit dem Gedicht jedoch eingehender, so ergeben sich zahlreiche Fragen und Unklarheiten, die eine detaillierte Analyse des Werkes erforderlich machen. „Das Gedicht ist nicht so eindeutig , wie es gemeinhin scheint.“ Folglich ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die Literatur im Laufe der Jahre immer wieder mit dem Werk intensiv auseinandergesetzt hat. Dabei sind verschiedene Interpretationsansätze entstanden die das Werk sehr unterschiedlich auslegen.
Diese Arbeit befasst sich daher mit möglichen Interpretationsansätzen und den damit einhergehenden Schwierigkeiten. Insbesondere versucht sie dabei die Frage zu klären, ob bei Goethes „Prometheus“ überhaupt eine einheitliche Deutung möglich ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Johann Wolfgang von Goethe: „Prometheus“
2. Einleitung
3. Interpretationsansätze und deren Schwierigkeiten
3.1 Die griechische Mythologie
3.2 Goethes eigene Interpretation
3.3 Interpretation der Prometheus-Figur
3.4 Interpretation der Zeus-Figur
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Vielschichtigkeit von Johann Wolfgang von Goethes Gedicht „Prometheus“ und geht der zentralen Forschungsfrage nach, ob eine eindeutige, einheitliche Deutung dieses Werkes überhaupt möglich ist oder ob die unterschiedlichen Interpretationsansätze zu einer notwendigen Ambivalenz führen.
- Analyse der Abweichungen zwischen Goethes Werk und der antiken griechischen Mythologie.
- Untersuchung von Goethes eigener retrospektiver Selbstdeutung und deren wissenschaftliche Einordnung.
- Interpretation der Prometheus-Figur als Symbol für den Künstler oder bürgerliche Auflehnung.
- Beleuchtung der Zeus-Figur als Repräsentant von Fürstenmacht oder dem christlichen Gottesbild.
- Diskussion über die Rolle des Gedichts als Ausdruck der persönlichen Lebenssituation des jungen Goethe.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die griechische Mythologie
Eine umfassende Interpretation des Gedichts ist ein schwieriges Unterfangen. Gerade wenn man das Gedicht auf die griechische Mythologie beschränkt, ergeben sich schnell zahlreiche Ungereimtheiten. „In der griechischen Mythologie ist Prometheus Sohn des Titanen Iapetos, bei Goethe ist er Sohn des Zeus.“ Goethe hat hier folglich die Konstellation dahingehend abgeändert, dass Prometheus gar kein Titan ist. „Das ist eine entscheidende Änderung.“ Wenn man die Lektüre des Werkes fortsetzt stösst man auf weitere Ungereimtheiten. In den Zeilen 27-30 des Gedichts stellt Prometheus Zeus rhetorische Fragen. Prometheus fragt, wer ihm wider der Titanen Übermut geholfen habe und wer ihn vor Tod und Sklaverei gerettet habe. „Sklaverei und Tod aber sind die dies- und jenseitigen Hauptsorgen der Menschen, und nicht [Hervorhbg. i.O.] der Titanen, Götter und Halbgötter, die ja als Gemeinsamkeit zumindest ihre Unsterblichkeit haben.“ Hier zeigt sich ein weiterer großer Widerspruch zur antiken Vorlage, denn Prometheus hätte keiner Hilfe bedurft um vor dem Tod gerettet zu werden. Es wird demnach schnell klar, daß man dem Gedicht nicht gerecht werden kann, wenn man es streng auf die griechische Mythologie reduziert. Vielmehr drängt sich hier der Verdacht auf, daß Goethe die antike Mythologie lediglich als Aufhänger für seine wirkliche Aussage benutzt hat. Dieser Eindruck wird umso deutlicher, wenn man sich vor Auge führt um was für eine Art Gedicht es sich hier überhaupt handelt. In Goethes Prometheus nimmt das lyrische Ich die Rolle einer mythologischen Figur ein. Sämtliche Aussagen die im Gedicht getroffen werden, sind folglich dieser Figur zuzurechnen. Im vorliegenden Fall handelt es sich demnach um ein Rollengedicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Johann Wolfgang von Goethe: „Prometheus“: Dieses Kapitel präsentiert den Originaltext des Gedichts „Prometheus“ von Johann Wolfgang von Goethe.
2. Einleitung: Hier wird der historische Kontext der Entstehung des Gedichts skizziert und auf die literaturwissenschaftliche Problematik der Interpretation hingewiesen.
3. Interpretationsansätze und deren Schwierigkeiten: Dieser Abschnitt widmet sich der kritischen Prüfung verschiedener Deutungsversuche und zeigt die Widersprüche bei der Anwendung traditioneller Interpretationsmuster auf.
3.1 Die griechische Mythologie: Dieses Kapitel analysiert die Abweichungen des Gedichts von der klassischen Mythologie und begründet, warum diese den Status als Rollengedicht unterstreichen.
3.2 Goethes eigene Interpretation: Der Autor untersucht hier Goethes späte Selbstdeutung aus „Dichtung und Wahrheit“ und warnt davor, diese unkritisch auf das Jugendgedicht zu übertragen.
3.3 Interpretation der Prometheus-Figur: Hier werden verschiedene Deutungen der Titelfigur, etwa als Künstler-Genie oder Symbol bürgerlicher Auflehnung, diskutiert.
3.4 Interpretation der Zeus-Figur: Dieses Kapitel hinterfragt die Rolle des Zeus und identifiziert ihn als vielschichtiges Symbol, das auch zeitgenössische Obrigkeiten oder den christlichen Gott repräsentieren kann.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass eine einzelne, verbindliche Deutung des Gedichts nicht möglich ist, da die Vielschichtigkeit der Symbole gerade den Reiz und die Qualität des Werkes ausmacht.
Schlüsselwörter
Goethe, Prometheus, Sturm und Drang, griechische Mythologie, Rollengedicht, Interpretation, Zeus, Blasphemie, Auflehnung, Symbolik, Literaturwissenschaft, Geniezeit, religiöse Kritik, Identitätsbestimmung, Spinozastreit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Deutungsebenen von Goethes bekanntem Sturm-und-Drang-Gedicht „Prometheus“ und beleuchtet die Schwierigkeiten, eine einzige, einheitliche Interpretation zu finden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung konzentriert sich auf das Verhältnis zur griechischen Mythologie, die Interpretation der beiden Hauptfiguren Prometheus und Zeus sowie die historische Einordnung des Gedichts in den Kontext der Sturm-und-Drang-Zeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, zu untersuchen, ob eine verbindliche Identitätsbestimmung der Figuren Prometheus und Zeus möglich ist oder ob die Mehrdeutigkeit ein wesentlicher Bestandteil des Werkes ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die sowohl den historischen Kontext als auch den Vergleich mit der antiken Vorlage sowie existierende Forschungsliteratur einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der mythologischen Abweichungen, eine kritische Betrachtung von Goethes Selbstdeutung sowie die detaillierte Deutung der Rollen von Prometheus und Zeus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Sturm und Drang, Rollengedicht, Symbolik, Blasphemie und die kritische Auseinandersetzung mit Autorität.
Inwiefern spielt der christliche Gott eine Rolle in der Prometheus-Interpretation?
Der Autor führt aus, dass der Trotz des Prometheus nicht nur gegen die mythologische Figur des Zeus gerichtet ist, sondern auch eine Form von Religionskritik oder ein „Anti-Vaterunser“ darstellen kann.
Warum ist laut Autor eine „komplette Entschlüsselung“ nicht erstrebenswert?
Der Autor argumentiert, dass die Vielschichtigkeit des Gedichts seine Genialität ausmacht und eine erzwungene Eindeutigkeit die individuelle Rezeption des Werkes schmälern würde.
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- Jan-Christoph Allermann (Author), 2006, Über die Schwierigkeiten einer einheitlichen Deutung von Goethes "Prometheus", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73485