Der Begriff Sport, von seiner Bedeutungszuweisung soviel wie Zerstreuung, Vergnügen bedeutend, ist in den westlichen Gesellschaften, in denen immer weniger körperliche Arbeit anfällt, fast zum Synonym für körperliche Anstrengung geworden. Das Phänomen Sport spiegelt das Leistungs-, Konkurrenz- und Gleichheitsprinzip unserer Industriegesellschaft wider.
Und in der Tat ist unbestritten, dass eine regelmäßige Bewegung einen positiven Effekt auf Körper und Geist hat. Zwei- bis dreimal pro Woche für 30 bis 60 Minuten Ausdauersport ist sportmedizinisch empfehlenswert. Doch was wenn das Gesunde dem Pathologischen weicht? Bei den Olympischen Spielen in Athen 1896 wurde zum Gedenken an den Lauf des Boten Pheidippides der Marathonlauf (42,195 km) als längste Laufdisziplin ausgetragen. Inzwischen wird das Vielfache dieser Strecke ohne Unterbrechung zurückgelegt, bis hin zum ca. 4700 km langen Ultra-Langstreckenlauf quer durch Nordamerika.
Obwohl das Phänomen der Sportsucht bereits 1970 durch Baekelund entdeckt wurde, rückte der pozentielle Suchtcharakter von Sport erst in den letzten zwanzig Jahren verstärkt in das Blickfeld der Öffentlichkeit und Wissenschaft – u. a. bedingt durch die Entwicklung der Laufbewegung Ende der 1970er Jahre und durch die im Zuge der sich entwickelnden Fitnesswelle fast schon inflationär zu nennende Anzahl an Fitnessstudioeröffnungen in den USA und wenig später in Europa.
Die Sportsucht ist eine Verhaltenssucht nichtstoffgebundener Art und kann in ihrer Form in sämtlichen Sportarten auftreten. Das Wesen der Sportsucht ist sowohl aus der Bodybuilderszene bekannt – dann sprechen wir von einer Bodybuilding- bzw. Muskelsucht (Muskeldysmorphie) – als auch aus dem Ausdauerbereich (Lauf- oder Ausdauersucht). Auch Risikosportarten rücken hier suchtspezifisch verstärkt in den Fokus.
In diesem kleinen Büchlein werden die Erkenntnisse über den noch relativ jungen Untersuchungsgegenstand Ausdauersucht zusammenfassend dargestellt. Zunächst ist es unabdingbar, den Begriff Verhaltenssucht zu definieren. Dann wird die Phänomenologie der Laufsucht umfassend dargestellt, und zwar durch eine Definitionsherleitung einhergehend mit einer Herausarbeitung diagnostischer Kriterien. Thematisiert werden auch die die Sportsucht fördernden Umstände und die Ursachen von Sportsucht. Zu fragen ist darüber hinaus, welche suchtspezifischen Entzugssymptome beim Unterlassen des Sports auftreten. Anschließend werden Therapieransätze und -möglichkeiten vorgestellt.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Das Störungsbild der Verhaltenssucht – ein Definitionsversuch
III. Ausdauersucht
1. Beispiel
2. Definition und Phänomenologie
2.1. Kategorie I
2.2. Kategorie II
2.3. Kategorie III
2.4. Gesundes vs. pathologisches Sporttreiben
3. Diagnostik
4. Ausdauersucht fördernde Umstände
5. Ursachen
5.1. Physiologische Erklärungsansätze
5.2 Psychologische Erklärungsansätze
6. Entzugssymptome
7. Therapie
IV. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit verfolgt das Ziel, das Phänomen der Ausdauersucht als eine Form der Sportsucht umfassend zu definieren, diagnostische Kriterien herauszuarbeiten und die Ursachen sowie Therapiemöglichkeiten vor dem Hintergrund aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse darzustellen.
- Definition von Sportsucht als Verhaltenssucht.
- Diagnostik und Abgrenzung von gesundem zu pathologischem Sporttreiben.
- Physiologische und psychologische Erklärungsmodelle der Entstehung.
- Analyse suchtspezifischer Entzugssymptome bei Trainingsunterbrechung.
- Therapeutische Ansätze und Strategien zur Verhaltensänderung.
Auszug aus dem Buch
1. Beispiel
Zunächst soll ein Beispiel im Abgleich mit den genannten diagnostischen Kriterien für eine Verhaltenssucht das Phänomen Sportsucht plastisch veranschaulichen. Der Sportjournalist Detlef Vetten kennt dieses Phänomen aus eigener Erfahrung. Er ist Triathlet und Ultraläufer. In seinem Aufsatz über Selbsterfahrungen berichtet er von seiner Beziehung zum Sport und seinem süchtig anmutenden Verlangen nach Sport.
„Das Abdriften in den exzessiven Sport geschah kaum merklich. Dennoch hat es immer wieder Erlebnisse gegeben, die prägten: Ein 90-Kilometer-Rennen auf Langlaufskiern, nach dem ich die Füße kaum noch heben konnte; der Lauf auf den Mount Kinabalu, den höchsten Berg Südostasiens, den ich kriechend beendete; eine wundervolle Inlinetour von Frankfurt ins 250 Kilometer entfernte Bamberg; der Endlostag beim „Ironman“ auf Hawaii; mein erster 24-Stunden-Lauf in einer Plattenbausiedlung des sächsischen Reichenbach. Viele Erinnerungen sind zusammengekommen. [Ausdruck eines dauernden, wiederholten Tuns.] Geblieben sind die guten Momente. Das Ankommen im Ziel, das Hochgefühl während der Anstrengungen, der Stolz aufs Geschaffte. Verdrängt sind die Augenblicke, in denen Sport überhaupt nicht mehr lustig war. Als ich mit dem Rad nachts gegen einen Baum rauschte. Als ich vor Übelkeit im Biwak auf dem Kilimandscharo Galle kotzte. Als ich mich in Alaska bei einem 100-Meilen-Rennen verlief und bei minus 25 Grad in ernsthaften Schwierigkeiten war. Als ich mir nach harten Trainingswochen einen Virus einfing und wegen des geschwächten Immunsystems kollabierte und ins Krankenhaus musste. Die Sorge meiner Frau, weil es nicht weniger wurde mit dem Sporttreiben […]. [Betreiben des Sports trotz gesundheitlicher Nachteile/Bedenken.] So etwas wird ausgeblendet. Das Gedächtnis des Sportverrückten ist voll mit Situationen, die wiederholt werden wollen. [Hinweis auf einen schwer kontrollierbaren Drang nach dem Tun und gedankliches Beschäftigseins mit dem Tun.] Doch eine Wiederholung allein tut es nicht. Es muss ein bisschen mehr sein. Ein höherer Berg, eine weitere Strecke, eine härtere Trainingswoche, noch mehr Gewicht auf der Hantel. [Ausdruck eines anhaltenden und noch gesteigerten Tuns.]“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in den Sport als gesellschaftliches Phänomen und erste theoretische Annäherung an das Phänomen der Sportsucht.
II. Das Störungsbild der Verhaltenssucht – ein Definitionsversuch: Herleitung einer allgemeinen Definition für Verhaltenssüchte und Übertragung auf sportliche Aktivitäten.
III. Ausdauersucht: Detaillierte Untersuchung der Ausdauersucht anhand von Fallbeispielen, diagnostischen Kriterien, Ursachenmodellen, Entzugssymptomen und Therapieansätzen.
IV. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung des Forschungsstandes und kritische Würdigung der Problematik, Sport als Sucht zu diagnostizieren.
Schlüsselwörter
Sportsucht, Ausdauersucht, Verhaltenssucht, Laufbewegung, Endorphinhypothese, Flow, Entzugssymptome, Leistungssport, Abhängigkeit, Psychologie, Sportmedizin, Leistungsprinzip, Diagnostik, Therapie, Körperkult.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt das Phänomen der Sportsucht, insbesondere der Ausdauersucht, und beleuchtet diese aus soziologischer, medizinischer und psychologischer Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf Definitionen von Sucht, diagnostische Merkmale, physiologische sowie psychologische Erklärungsmodelle, Entzugssymptome und Ansätze zur therapeutischen Behandlung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand zur Ausdauersucht zusammenzuführen und zu verdeutlichen, dass exzessives Sporttreiben unter bestimmten Umständen pathologische Formen annehmen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse sowie der Auswertung von Fallbeispielen und Experteninterviews basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition und Phänomenologie der Ausdauersucht, deren Ursachen, die Beschreibung suchtspezifischer Entzugssymptome sowie die Diskussion therapeutischer Strategien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Sportsucht, Verhaltenssucht, Endorphinhypothese, Flow-Zustand, Entzugssymptome und das Konzept der Ausdauerbindung.
Wie unterscheidet der Autor zwischen gesundem Sport und Sportsucht?
Die Arbeit betont, dass die Grenzen fließend sind. Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal ist die soziale sowie körperliche Beeinträchtigung trotz negativer Konsequenzen, die beim Süchtigen das Leben kontrolliert.
Warum ist die Therapie von Sportsucht so schwierig?
Da Sport eine positive gesellschaftliche Konnotation hat (Gesundheitsförderung), fehlt bei Betroffenen oft die Krankheitseinsicht und der Leidensdruck, was die Behandlungsbereitschaft deutlich senkt.
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- Marc Castillon (Autor), 2007, Das Phänomen der Sportsucht, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73576