Jugendkulturen und ihr Einfluss auf die Identitätsentwicklung im Jugendalter


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
27 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Identitätskonstruktion als Entwicklungsaufgabe
2.1 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
2.2 Das tiefenpsychologische Modell Eriksons
2.3 Marcias Identity-Status-Modell
2.3 Identitätsdiffussion

3. Identitätskonstruktion durch Jugendkulturen
3.1 Jugendkulturen und Peer-groups
3.1.1 Charakteristika von Peer-groups
3.1.2 Jugendkulturen oder jugendliche Subkulturen
3.1.3 Die Bedeutung des Stils innerhalb von Jugendkulturen
3.2 Zum Verhältnis von Jugendkulturen und Entwicklungsaufgaben
3.2.1 Abgrenzung gegenüber anderen
3.2.2 Entwicklung von Normen und Werten durch Jugendkultur
3.2.3 Jugendkulturen als Wegbereiter für Identitiätsdiffusion?
3.3 Jugendkulturen im Wandel der Zeit

4. Fazit
4.1 Ausblick: Einfluss von Jugendkulturen auf Biographie

Quellen

1. Einleitung

„Die Kinder ökonomischen Wohlstands und geistiger Verarmung rebellieren wider ein versteinertes System aus Routine, Langeweile, Wiederholung, Glücklosigkeit, Totalitarismus und Nicht-Sinn“1 Was bei Hollstein eine Beschreibung der Hippies der 1970er Jahre ist, könnte auch heute noch auf einen Großteil der Jugendkulturen zutreffen. Wobei sich bestimmte Bedingungen verändert haben. Es sind nun nicht mehr Kinder des Wohlstands, die die heutigen Jugendkulturen ausmachen. Trotzdem scheint auch das heutige jugendkulturelle Leben geprägt zu sein von einer Rebellion gegen Langeweile und Nicht-Sinn. So scheint es zumindest aus der Sicht der Erwachsenenwelt. Diese sehen in Jugendkulturen vor allem Rebellion und Abgrenzung. Auflehnung gegen traditionellen Werte durch Sprache, Umgangsformen und Kleidung. Kurz der gesamte Stil einer Jugendkultur scheint eine Negation der traditionellen Werte auszumachen. Doch ist dies wirklich die einzige Aufgabe von Jugendkulturen? Dienen sie nur der Abgrenzung und Auflehnung? Und wenn, ja, warum ist dies so wichtig für die Heranwachsenden?

Das Jugendalter ist genau das Alter, in dem Kinder anfangen erwachsen zu werden. Diese Entwicklung ist geprägt von wichtigen Aufgaben, die es zu bewältigen gilt. Dabei unterliegen die Jugendlichen einer Spannung zwischen eigenen Bedürfnissen und den gesellschaftlichen Erwartungen. Ganz zu schweigen von den körperlichen Veränderungen, die der eine oder die andere mit Verwunderung bei sich feststellt. In dieser Phase des Heranwachsens, des Erwachsenwerdens organisieren sich immer mehr Jugendliche in eigenständigen Subkulturen, die sich von der allgemein anerkannten Kultur unterscheidet. Sei es in Form einer Peer-group mit latent subkulturellem Charakter oder im Rahmen radikaler Subkulturen.

Was sie dort zu finden hoffen und welche Rolle diese Jugendkulturen bei der Identitätskonstruktion und der Erfüllung der Entwicklungsaufgaben des Jugendalters spielen, soll in dieser Arbeit beleuchtet werden.

Dazu werden in einem theoretischen Teil die Identitätskonzepte von Erikson und Marcia betrachtet. Ein besonderer Schwerpunkt soll dabei auf Marcias Modell der Identitätsdiffusion gelegt werden, denn es stellt sich die Frage, ob und wenn ja welchen Einfluss Jugendkulturen auf eine Identitätsdiffusion haben.

Im zweiten Teil soll untersucht werden, welchen Einfluss Jugendkulturen auf die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters haben. Als Grundlage dafür werden zu Beginn des zweiten Teils die Hauptcharakteristika von Peer-groups und Jugendkulturen dargestellt, um in einem kurzen Exkurs zu sehen, wie sich Jugendkulturen in den letzten Jahren gewandelt haben. Denn es ist zu vermuten, dass ein möglicher Wandel der Jugendkulturen Einfluss auf die Identitätsentwicklung des Individuums hat.

Daran anschließend soll in einem Ausblick dargestellt werden, wie stark oder schwach die Mitgliedschaft in Jugendkulturen die weitere Biographie des Einzelnen prägt.

2. Identitätskonstruktion als Entwicklungsaufgabe

2.1 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter

Laut Havinghurst sind Entwicklungsaufgaben Dinge, die man können muss, um in einer konkreten Gesellschaft in einer bestimmten Lebensspanne anerkannt wird. Diese Entwicklungsaufgaben sind kulturabhängig und haben eine historische Dimension, werden also vom Zeitgeist beeinflusst. Sie sind interdependent, beeinflussen sich also gegenseitig und strukturieren so die Biographie.2

Im folgenden sollen nun die Entwicklungsaufgaben im Jugendalter betrachtet werden. Havinghurst nimmt an, dass es drei konstante Merkmale oder auch Bedingungen der Adoleszenz gibt, die über die gesamte Erde verbreitet sind. Das sind für ihn die Suche nach Identität, Geschlechtstrieb und Familiengründung und der Übergang von einer altersgeschichteten zu einer statusgeschichteten Gesellschaft.

Zusätzlich zu den kulturübergreifenden Merkmalen bzw. Bedingungen von Adoleszenz sieht Havinghurst in diesem Lebensalter vier geistig-soziale Aufgaben: Die emotionale Unabhängigkeit von Eltern und anderen Erwachsenen, die Berufswahl, beziehungsweise Berufsvorbereitung, der Aufbau neuer und reiferer Beziehungen zu Altersgenossen und die Entwicklung sozialer Verantwortung.3

Die Bewältigung all dieser Entwicklungsaufgaben soll im Jugendalter stattfinden und der Konstruktion einer stabilen Identität dienen. Havinghursts Charakterisierung der Entwicklungsaufgaben wurde oft rezipiert und erweitert. Abels betont besonders das Konzept von Oerter, der zusätzlich zu den vier psycho-sozialen Entwicklungsaufgaben von Havinghurst vier weitere ergänzt. Dazu gehört das Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung, der Erwerb der männlichen beziehungsweise weiblichen Rolle, die Vorbereitung auf Heirat und Familienleben und der Aufbau eines Wertesystems und ethischen Bewusstseins. Oerter zufolge stehen die Entwicklungs- aufgaben zwischen individuellen Bedürfnissen und objektiven gesellschaftlichen Forderungen. Havinghurst sieht neben diesen individuellen und gesellschaftlichen Erwartungen auch noch die körperliche Entwicklung als wichtige Quelle von Entwicklungsaufgaben.4 Diese unterschiedlichen Quellen und Einflüsse stehen nicht selten in einem Spannungsverhältnis zueinander, dass die Bewältigung dieser Aufgaben maßgeblich beeinflusst.

2.2 Das tiefenpsychologische Modell Eriksons

Nach Eriksons Stufenmodell ist das gesamte Leben eines Menschen geprägt von verschiedenen Entwicklungsaufgaben. Angefangen von der Ausbildung eines Urvertrauens in der ersten Lebensphase reichen diese Entwicklungsaufgaben bis zur Aufgabe der Integritätsfindung am Ende des Lebens. Für ihn können all diese Phase in zwei Ergebnissen münden. Der erfolgreichen Bewältigung dieser Entwicklungsaufgabe oder dem Scheitern daran und der daraus folgenden Krise. Das Scheitern an einer Entwicklungsaufgabe führt nach Eriksons Stufenmodell auch zu Schwierigkeiten bei der Bewältigung der darauf folgenden Entwicklungsaufgaben.

In seinem Werk hat er sich besonders intensiv mit der Entwicklungsaufgabe der Identitätskonstruktion im Jugendalter beschäftigt. Diese hat seiner Ansicht nach ihren Schwerpunkt zwar im Jugendalter, doch betont Erikson zugleich, dass sie während der gesamten Persönlichkeitsentwicklung eine bedeutende Rolle spielt.

Erikson sieht die Adoleszenz als abgeschlossen, „wenn das Individuum seine Kindheitsidentifikationen einer neuen Form von Identifikation untergeordnet hat“5 Jedoch betont Erikson, dass Identifikation nicht gleichzusetzen ist mit Identität.

Die endgültige Identität schließt alle vorangegangen Identifikationen mit ein und geht darüber hinaus. Nach Erikson beginnt Identitätsbildung dort, wo die Brauchbarkeit der Identifikationen endet.6

Für ihn ist die Identität eine wechselseitige Beziehung: einerseits ein „dauerndes inneres Sich-Selbst-Gleichsein [und anderseits ein] dauerndes Teilhaben an bestimmten gruppenspezifischen Charakterzügen.“7 Jugendkulturen verkörpern diese gruppenspezifischen Charakterzüge. Es wird zu sehen sein, welche Art der Einfluss ist, den sie auf die Identitätsentwicklung haben.

Laut Erikson kann die Identitätsbildung ebenso wie die anderen Entwicklungsaufgaben erfolgreich und nicht erfolgreich abgeschlossen werden. Die erfolgreiche Bewältigung dieser Entwicklungsaufgabe ist durch ein vorbewusstes psychosoziales Wohlbefinden gekennzeichnet.

Ein Scheitern an dieser Entwicklungsaufgabe führt nach Erikson zu einer Identitätsdiffusion. Dabei konstatiert er eine Unfähigkeit des Ichs eine Identität zu bilden. Zu solch einer Identitätsdiffusion kann es seiner Meinung nach kommen, wenn „der junge Mensch sich vor eine Häufung von Erlebnissen gestellt sieht, die gleichzeitig von ihm die Verpflichtung zur physischen Intimität, zur Berufswahl, zur energischen Teilnahme am Wettbewerb und zu einer psychosozialen Selbstdefinition fordern.“8 Dies führt dann zu einem Ausweichen vor jeder Wahl, was nach Erikson mit einem Gefühl äußerer Isolierung und innerer Leere einhergeht. Laut Erikson kommt es bei einer solchen Identitätsdiffusion zu Intimitätsproblemen, zu einer Diffusion der Zeitperspektive und des Werksinns und zu einer Flucht in die negative Identität.9

2.3 Marcias Identity-Status-Modell

Während Erikson von einem bipolaren System der Identitätsbildung, der erfolgreichen Identitätsbildung und der Identitätsdiffusion ausgeht, erweitert James Marcia dieses Modell und baut es zu einem Vier-Feld-Schema aus. Demzufolge gibt es bei ihm vier verschiedene Typen des Identitätsstatus, die er wie folgt charakterisiert.10

Zum einen gibt es bei ihm eine erarbeitete Identität (Identity Achievement), die in etwa der erfolgreichen Identitätsentwicklung in Eriksons Modell entspricht. Die Identität ist dabei ausgebildet und das Individuum hat gefestigte Zukunftsvorstellungen. Als zweites unterscheidet Marcia den Status des Moratoriums, das Marcia als Übergangsstadium ansieht. Das Individuum befindet sich in einer Phase der Exploration von Alternativen. Es kann im Anschluss an dieses Moratorium durchaus eine gefestigte Identität haben. Eine weitere Möglichkeit der Identitätsbildung ist nach Marcia die Identitätsübernahme (Foreclosure). Damit meint er rigide Vorstellungen die ohne explorative Phase entwickelt wurden. Meist wurden diese Vorstellungen unreflektiert von den Eltern übernommen. Als letzten Status der Identitätsentwicklung sieht Marcia, wie schon Erikson, die Identitätsdiffusion. Diese charakterisiert er als Mangel an Überzeugungen, hohe Konformitätswerte und geringe kognitive Leistungen, die meist nur unter Stress erbracht werden. Wie Erikson spricht auch Marcia von einer geringen Fähigkeit zur Intimität und einem wenig entwickelten moralischen Denken.11

2.3 Identitätsdiffussion

Wie eben beschrieben geht Marcias Konzept über Eriksons bipolare Einteilung hinaus. Marcia hat in seinen Studien festgestellt, dass die Gruppe der Diffusen stetig anwächst und hat sich die Frage gestellt, worauf das zurückzuführen ist und welche Bedeutung dies für das Konzept hat.

Dabei stellte er fest, dass es eine neue Form von Diffusion gibt, die aus der Sicht des Subjekts keine Störung, sondern im Gegenteil sogar sinnvoll ist. Marcia führt diese neuen Formen der Diffusion auf die wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen zurück, die ein höheres Maß an Flexibilität erfordern. Dabei unterscheidet er nochmals vier Typen der Identitätsdiffusion.12

Eine mögliche sozial erwünschte Diffusion ist die kulturell-adaptive Diffusion. Es scheint für ein Individuum vernünftig sich in den Bereichen gesellschaftlichen Lebens nicht festzulegen, wo die gesellschaftliche Bedingungen Unverbindlichkeit und Indifferenz erfordern. Sich bietenden Chancen werden genutzt, ohne jedoch andere Optionen aus dem Blickfeld zu verlieren. Eine andere neue Form der Diffusion bezeichnet Marcia als disturbed Diffusion. Diese ist weniger gesellschaftlich erwünscht. Sie beruht seiner Meinung nach auf biographischen Verletzungen und einem Mangel an Ressourcen. Dies führt schließlich zu sozialer Isolation und eventuell auch kompensatorischem Größenwahn. Marcia zufolge entspricht diese Form in etwa der oben beschriebenen Identitätsdiffusion.

Es findet sich in den neuen Formen noch eine weitere Entsprechung zu den Identitätszuständen von Marcia: Die Developmental Diffusion entspricht weitestgehend dem Moratorium. Marcia charakterisiert sie als Durchgangsstadium zur erfolgreichen Indentitätsfindung, die weder durch Krise, noch durch Experiment und Auseinandersetzungen gekennzeichnet ist, sondern viel eher durch Undeutlichkeit, Unentschiedenheit und fehlenden Verbindungen. Als viertes bezeichnet Marcia die Carefree-Diffusion. Menschen mit dieser Art Diffusion scheinen von außen oft gut integriert und sozial kompetent, doch sind ihre Kontakte oft ohne emotionale Verbindlichkeit und zeitliche Kontinuität.

[...]


1 Hollstein, zitiert nach: Farin, Klaus: generation kick.de, Jugendsubkulturen heute, C.H. Beck, München 2001, S.65

2 Vgl. im Folgenden: Abels, Heinz: Entwicklungsaufgaben, Strukturvorgaben einer normalen Biographie, in ders.: Jugend vor der Moderne. Soziologische und psychologische Theorien des 20. Jahrhunderts. Opladen Leske+Budrich 1993

3 Vgl. ebd. S. 263

4 Vgl. ebd., S.268f

5 Erikson, Erik: Das Problem der Ich-Identität, in ders., Identität und Lebenszyklus. Frankfurt suhrkamp 1974. S. 137

6 Vgl. ebd., S.139ff

7 Ebd., S.124

8 Ebd., S. 155

9 Vgl. ebd., S. 156ff

10 Vgl. im folgenden Keupp, Heiner (u.a.): Identitätskonstruktionen, Das Patchwork der Identitäten der Spätmoderne. Rowohlt Hamburg 1999, S. 80ff

11 Vgl. Kraus, W./Mitzscherlich, B.: Identitätsdiffussion als kulturelle Anpassungsleistung, Erste empirische Ergebnisse zu Veränderungen der Identitätsentwicklung. Pychologie in Erziehung und Unterricht, Vol. 42 1995 S. 66

12 Vgl. ebd., S.66f

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Jugendkulturen und ihr Einfluss auf die Identitätsentwicklung im Jugendalter
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V73661
ISBN (eBook)
9783638783309
ISBN (Buch)
9783638844819
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendkulturen, Einfluss, Identitätsentwicklung, Jugendalter
Arbeit zitieren
Hana Gunkel (Autor), 2006, Jugendkulturen und ihr Einfluss auf die Identitätsentwicklung im Jugendalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73661

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