Kapitalmarktentwicklung und Credit Rating in der Volksrepublik China


Diplomarbeit, 2007
145 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung
I.1 Einführung in Chinas Volkswirtschaft
I.2 Ziele, Aufbau und Schlüsselfragen der Studie

II. Kapitalmarktentwicklung in der VR China
II.1 Rahmenbedingungen
II.2 Effizienz des chinesischen Finanzsystems
II.3 Der Bankensektor
II.3.1 Die Struktur des chinesischen Bankensektors
II.3.2 Transformationsprobleme des chinesischen Bankensektors
II.3.2.1 Problem der notleidenden Kredite
II.3.3 Basler Eigenkapitalvereinbarungen und die chinesischen Banken
II.3.3.1 Basel I
II.3.3.2 Basel II
II.3.3.2.1 Modifizierter Standardansatz
II.3.3.2.2 Internal Ratingbased Approach
II.3.4 Corporate Governance chinesischer Banken
II.3.4.1 Risikomanagement
II.3.4.1 Internes Kontrollsystem
II.3.4.1 Credit Scoring Modelle
II.3.5 Auswirkung des instabilen Bankensektor als Bedrohung für Chinas Wirtschaft
II.4.1 Die Aktienmärkte
II.4.1.1 Entwicklung und Größe der Aktienmärkte
II.4.1.2 Institutionelle und internationale Investoren
II.4.1.3 Marktsegmente und Börsenhandel
II.4.1.4 Transformationsprobleme der Aktienmärkte
II.4.1.4.1 Korruption bei der Emissionsplatzierung
II.4.1.4.2 Staatlicher Einfluss auf das Volumen handelbarer Aktien
II.4.1.4.2.1 Reformierung staatlicher Einflüsse auf das Volumen handelbare Aktien
II.4.1.4.3 Anlegerschutz
II.4.1.4.4 Marktvolatilität
II.4.2 Die Anleihemärkte
II.4.2.1 Entwicklung und Größe der Anleihemärkte
II.4.2.2 Die Struktur der chinesischen Anleihemärkte
II.4.2.2.1 Der Interbankenmarkt
II.4.2.2.2 Der Anleihemarkt an den Börsen
II.4.2.3 Transformationsprobleme des Anleihemarktes
II.4.2.3.1 Restriktive Emissionsverordnungen für Corporate Bonds
II.4.2.3.2 Regulierung der Zinssätze
II.4.2.3.3 Diskriminierung des Sekundärhandels
II.5 Regulierungsbehörden im chinesischen Finanzsystem

III Einführung in das Credit Rating
III.1 Definition und Funktion von Rating
III.1.1 Definition und Erläuterung von Credit Rating
III.2 Aussage des Ratings
III.3 Ratingqualität
III.4 Nachfrager von Ratings
III.5 Rating Prozess
III.6 Ratingarten
III.6.1 Internes- und externes Rating
III.6. 2 Solicit - und Unsolicit Rating
III.6.3 Debt - und Equity Ratings
III.6.4 Emissions- und Emittentenrating
III.7 Ratingtypen
III.7.1 Einteilung der Ratingtypen in Dimensionen
III.7.2 Ratings für lang- und kurzfristige Anleihen
III.7.3 Ratings für Strukturierte Finanzierungen
III.7.3.1 Strukturierte Finanzierungen in der VR China
III.7.4 Ratings für Counterparty-Risk und Vorzugsaktien
III.7.4.1 Finanzderivate in der VR China
III.7.5 Financial-Strength-Ratings
III.7.6 Rating für Bankdepositen
III.7.7 Rating von Investmentfonds
III.7.8 Länderratings
III.7.8.1 Sovereign Ceiling Konzept
III.7.8.2 Das Länderrating der VR China

IV Ratingnutzen und Rolle der Ratingagenturen in den Finanzmärkten
IV.1 Ratingnutzen für den Investor
IV.2 Ratingnutzen für den Emittenten
IV.3 Rolle der Ratingagenturen in den globalen Finanzmärkten
IV.3.1 Kritik an der Rolle der Ratingagenturen in Emerging Markets
IV.3.2 Schwacher Track Record globaler Ratingagenturen in Emerging Markets
IV.3.3 Ursachen für den schwachen Track Record am Beispiel der asiatischen Währungskrise 1997/

V. Die Rolle von Ratingagenturen in der VR China
V.1 Anzahl und Typen von Credit Ratingagenturen
V.2 Entwicklung des Ratingmarktes in der VR China
V.3 Nationale Ratingagenturen in der VR China
V.3.1 Informationspolitik chinesischer Credit Ratingagenturen
V.3.2 Geschäftsbereiche der chinesischen Credit Ratingagenturen
V.3.3 Die fünf großen chinesischen Ratingagenturen
V.3.3.1 China Chengxin
V.3.3.1.1 Kooperation mit internationalen Agenturen und Eigentümerstruktur
V.3.3.1.2 Rating-Auswertung
V.3.3.2 Dagong Global Credit Rating
V.3.3.2.1 Kooperation mit internationalen Agenturen und Eigentümerstruktur
V.3.3.2.2 Rating-Auswertung
V.3.3.3 Xinhua Shanghai Far East
V.3.3.3.1 Kooperation mit internationalen Agenturen und Eigentümerstruktur
V.3.3.3.2 Rating-Auswertung
V.3.3.4 Lianhe
V.3.3.4.1 Kooperation mit internationalen Agenturen und Eigentümerstruktur
V.3.3.4.2 Rating-Auswertung
V.3.3.5 Shanghai Brilliance
V.3.3.5.1 Kooperation mit internationalen Agenturen und Eigentümerstruktur
V.3.3.5.2 Rating Auswertung
V.4 Die internationalen Ratingagenturen in der VR China
V.4.1 Rahmenbedingungen für internationale Credit Ratingagenturen
V.4.2 Moody’s Investors Service
V.4.2.1 Das China Engagement von Moody’s Investor Relations
V.4.2.2 Rating-Auswertung
V.4.3 Standard and Poor’s
V.4.3.1 Das China Engagement von Standard and Poor’s
V.4.3.2 Rating-Auswertung
V.4.4 Fitchratings
V.4.4.1 Das Chinaengagement von Fitchratings
V.4.4.2 Rating-Auswertung

VI Ratingqualität der Ratingagenturen in der VR China
VI.1.1 Inflationäre Vergabe von Top-Investmentgrade Ratings
VI.1.1.1 Ursachen für die inflationäre Vergabe von Top-Investmentgrade- Ratings
VI.1.2 Ratingverfahren chinesischer Credit Ratingagenturen

VII. Regulierung der Ratingbranche der VR Chinas
VII.1 Indirekte Regulierung der chinesischen Ratingbranche

VIII. Risiko- und Kreditkultur in der VR China
VIII.1 Guanxi-System
VIII.2 Bilanzierungsstandards

VIIII Kritische Würdigung und Ausblick

Literatur

Primärquellen

Sekundärquellen

Abbildungsverzeichnis

Anlagen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I. Einführung

I.1 Einführung in Chinas Volkswirtschaft

Seit den 1980er Jahren haben die Wirtschaftsreformen Deng Xiaopings, die „Politik der offenen Tür“, Chinas Volkswirtschaft grundlegend verändert. Das schnelle und konstante Wirtschaftswachstum von jährlich durchschnittlich 9,5 %[1] ließ das Bruttonationalprodukt Chinas im Jahr 2005 auf ca. 2.000 Mrd. USD steigen, was in etwa 18% der US-Wirtschaft entsprach. Das verschaffte dem Reich der Mitte die Position der viertgrößten Volkswirtschaft der Erde[2]. Bei konstantem Wachstum wird China im Jahr 2009 die Bundesrepublik Deutschland als drittgrößte Wirtschaftsnation der Erde überholen. Mittlerweile ist China größter Handelspartner Japans und drittgrößter der USA. Damit realisiert China Mao Tse Tungs Vision vom "Großen Sprung nach vorne". Viele Experten prognostizieren, dass China sein Wirtschaftswachstum in den nächsten 20 bis 30 Jahren aufrechterhalten kann und damit die USA als größte Volkswirtschaft der Erde auf Platz zwei verdrängen wird.

Doch trotz dieser Leistungen steht die chinesische Wirtschaft vor großen Herausforderungen dieses Wirtschaftswachstum und die Preisstabilität beizubehalten. Seit dem Jahr 2003 hat das Land zwar makroökonomische Steuerungsinstrumente eingeführt und Investitionen in überhitzte Branchen wie den Immobiliensektor und die Stahlindustrie eingefroren. Doch nach Einschätzungen von Analysten ist es wahrscheinlich, dass trotz dieser Maßnahmen die Spekulationsblase in der Immobilienbranche bald platzen könnte, was das Wirtschaftswachstum Chinas ernsthaft beeinträchtigen würde[3].

Die Probleme der chinesischen Volkswirtschaft sind auf das schwache Wirtschafts- und Sozialsystem zurückzuführen. Fehlende Rechtssicherheit, Schwierigkeiten bei der Reformierung der staatlichen Unternehmen und ein strukturell schwaches Finanzsystem sind die Ursache, für eine große Ineffizienz bei der Allokation von Ressourcen. Insbesondere das schwache Finanzsystem beschäftigt die chinesische Regierung. Denn die Mehrzahl der chinesischen Banken tragen eine ungeheure Last an faulen Krediten in ihren Bilanzen und weisen gravierende operative Schwächen auf. Zudem ist die die chinesische Volkswirtschaft überwiegend von der Finanzierung durch Bankkredite abhängig. So liegt der Focus der Reformen auf einer Diversifizierung der volkswirtschaftlichen Finanzierung. Denn gemessen an der Größe des Landes und der Finanzierungsnachfrage der Unternehmen, sind die Anleihe- und Aktienmärkte geradezu winzig. Strukturelle Hindernisse, systematische Korruption, Rechtsunsicherheit, eine verworrene Regulierung und eine unterentwickelte Ratingbranche beeinträchtigen die Entwicklung der Kapitalmärkte[4].

Doch vorerst geht der Wirtschaftsboom ungebremst weiter. Der Börsengang der Commercial Bank of China im Oktober 2006 war der größte in der Börsengeschichte. Investoren kauften für über 17 Mrd. USD Anteile an der chinesischen Geschäftsbank, welche von Fitchratings noch im August 2006 in einem Financial Strengt Rating als technisch insolvent eingestuft wurde. Und die New York Times veröffentlichte im November 2006 Insiderinformationen über die China Construction Bank, welche die Bank beschuldigen, im Zuge ihres Börsengangs im Oktober 2005 über 3 Milliarden USD an faulen Krediten in ihren Büchern vertuscht zu haben.

Diese Intransparenz hat System. Internationale Bilanzierungsstandards werden in China nicht eingehalten und börsengelistete Unternehmen können von Mutterfirmen geleitet werden, die nicht zur Offenlegung ihrer Bilanzen verpflichtet sind. Erschwerend für Analysten und Investoren kommt hinzu, dass die Regierung irreführende Statistiken veröffentlicht.

Unter Experten herrscht die einhellige Meinung, dass die internationalen Ratingagenturen, die eingeschränkt auf dem chinesischen Markt tätig sind, „in einem solchen Nebel operieren, dass viele Investoren den Wert ihrer Arbeit in Frage stellen“ und das Rating chinesischer Unternehmen mit einem Ratespiel vergleichen[5]. Noch problematischer, auch die chinesische Ratingbranche kämpft um ihre Glaubwürdigkeit, die aufgrund der inflationären Vergabe von AAA-Ratings massiv in Frage gestellt ist. Kritiker sprechen davon, dass “credit ratings have become a kind of an ornament”[6] für den chinesischen Emittenten. Und die Ratings chinesischer Agenturen werden als irrelevant für die chinesischen Kapitalmarktakteure eingestuft[7]. So herrscht die weit verbreitete Meinung unter Experten, dass die Schwächen des chinesischen Finanzsektors in Zukunft eine ernsthafte Krise verursachen werden, es sei denn China leitet umfangreiche Reformen ein.

Abb.1: Entwicklung des chinesischen BNPs 1952-2005

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenQuelle: http://en.wikipedia.org/wiki/China. Abfrage 29.12.2006

I.2 Ziele, Aufbau und Schlüsselfragen der Studie

Ziele:

Ziel der Studie ist es, den Istzustand des chinesischen Finanzsystems im Allgemeinen und im Besonderen die Entwicklung der chinesischen Ratingbranche, sowie die Aktivitäten der internationalen Ratingagenturen in der VR China darzustellen.

Aufbau der Studie:

Im zweiten Teil der Studie werden Entwicklung und strukturelle Probleme des Bankensektors, sowie der Aktien- und Anleihemärkte vorgestellt. Der dritte Teil, Einführung in das Credit Rating, und der vierte Teil, Ratingnutzen und Rolle der Ratingagenturen in den Finanzmärkten, leiten zum fünften Abschnitt über. In diesem werden die Aktivitäten der maßgeblichen nationalen und internationalen Ratingagenturen (Credit Rating Agencies, CRAs) in der VR China aufgezeigt. Der sechste, siebte und achte Teil untersucht Ratingqualität, Regulierung der Ratingbranche und Risiko- und Kreditkultur in der VR China. Im neunten Abschnitt wird eine Kritische Würdigung und ein abschließender Ausblick vollzogen.

Eingrenzung des Themas:

Die Erörterung des Grauen Kapitalmarkt Chinas, die generelle Auswirkung des WTO-Beitritts auf das chinesische Finanzsystem und die Untersuchung nationaler und internationaler Kreditinformationsbüros in China hätten den Rahmen der Studie gesprengt und wurden in der Betrachtung nicht berücksichtigt.

Schlüsselfragen:

Sind die Basler Eigenkapitalvereinbarung auf Chinas Bankensektor anwendbar?

Gefährdet der Bankensektor das chinesische Finanzsystem?

Welche Größe und Struktur haben die Aktien- und Anleihemärkte Chinas?

Wie ist die Ratingqualität amerikanischer Ratingagenturen in Emerging Markets?

Was sind die Aktivitäten der amerikanischer Ratingagenturen in China?

Was sind die Aktivitäten der chinesischen Ratingagenturen in China?

Wie ist die Ratingqualität chinesischer Ratingagenturen?

Sind die chinesischen Ratingagenturen in die chinesischen Kapitalmärkte integriert?

Literaturstudien:

Als Primärquellen für den Abschnitt Kapitalmarkentwicklung, wurden die englischsprachigen Webseiten der chinesischen Regulierungsbehören und teilweise auch der Banken ausgewertet. Als Sekundärquellen dienten insbesondere die Studien der Deutschen Bank Research (2002-05), McKinsey (2006), Bottelier (2004), Ma (2006), Heilmann (2001-02), Pißler (2002) und Zhang (2004). Bezüglich der Fachpresse boten insbesondere der China Economic Review, die China Daily und The Hongkong Standard aktuelle Informationen über Kapitalmarkt- und Ratingentwicklung in der VR China.

Die Informationen über die chinesischen Ratingagenturen basieren auf den Studien von Gras (2004), Wassmuth (2004) und Kennedy (2006). Neue Erkenntnisse, ergänzende und aktualisierende Informationen stammen von den Unternehmenshomepages der Agenturen und Behörden, sowie aus Umfragen bei den CRAs und einer E-Mailbefragung des China-Experten Prof. Dr. Kersten. Bei der Übersetzung der chinesischen Webseiten wurde der Autor von der Everling Rating Advisory GmbH Frankfurt unterstützt.

Umfragen:

Im Zuge der Umfrageaktion per Fax und E-Mail wurden zweimal die fünf Marktführer der chinesischen Ratingbranche und die drei in China agierenden amerikanischen Ratingagenturen mit einem Fragebogen kontaktiert (s. Anlage 8). Der Rücklauf bei den chinesischen Agenturen war gering. Wenn überhaupt geantwortet wurde, schickten die Agenturen eine Liste mit einer Anzahl von aktuellen Ratings, ohne näher auf den Inhalt des Fragebogens einzugehen.

Dank der im Internet publizierten Ratingaktivitäten und des zufrieden stellenden Umfragerücklaufs bei den amerikanischen Agenturen in China, konnte diesbezüglich eine Vollerhebung durchgeführt werden.

Insgesamt wurden 347 Emittenten (davon 229 bewertet in 2006) mit 500 Ratings (davon 65% Long-Term- und 10% Short-Term-Ratings, sowie 25% Financial Strength Ratings) durch Umfragen und Auswertung der englischen und chinesischen Webpublikationen erhoben.

Abb.2: Häufigkeitsverteilung der untersuchten Ratingagenturen nach bewerteten Emittenten im Jahr 2006

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigen Umfragen und Auswertungen Unternehmenshomepage, (Nov/2006) (Mehrfachnennungen der Emittenten sind möglich)

Nach Schätzungen von Wassmuth ließen in China bis ins Jahr 2004 1.300 Firmen Ratings durchführen. Damit entspricht der Umfragerücklauf von 187 gerateten Emittenten bei den chinesischen CRAs im Jahr 2006, einer Stichprobe von 14,4% der Grundgesamtheit.

Umfrageauswertung:

Bezüglich der Marktanteile und Ratingqualität (Track Record) der chinesischen CRAs ließen sich keine verlässlichen Rückschlüsse ziehen. Ursachen hierfür sind:

relativ hoher Anteil ausländischer Ratings in der Stichprobe

Marktverzerrendes Bild der Stichprobe, da die Ratinghäufigkeit der Marktführer ChengXin und Lianhe nur 8% bzw. 9% ausmachen

kaum Vergaberedundanzen der Ratings zwischen nationalen und internationalen Credit Ratingagenturen

keine Angaben über Prognoseausfall der Ratings

Die Vollerhebung bei den amerikanischen Agenturen, lässt allerdings eine hinreichende Aussage bezüglich der Ratingaktivitäten der internationalen CRAs in China treffen. Und auf Basis der Stichprobe bei den chinesischen Agenturen, lässt sich auf eine tendenzielle Vergabehäufigkeit von Investment- und Non-Investmentgrade Ratings in China schließen, sowie eine Aussage bezüglich der

Ratingaktivitäten in den verschiedenen Unternehmensbranchen ableiten (s. Anlage 10-16).

II. Kapitalmarktentwicklung in der VR China

II.1 Rahmenbedingungen

Die VR China ist trotz ihres gigantischen Wirtschaftswachstums der letzten Jahre und immenser sozioökonomischer Entwicklungsfortschritte[8] immer noch als eine emerging market economy[9] zu klassifizieren. Zudem ist die Entwicklung des chinesischen Finanzsektors durch den Transformationsprozess von einer sozialistischen Planwirtschaft zu einer freien Marktwirtschaft geprägt. So ist nach Heilmann die Gründung, Liberalisierung und Regulierung der chinesischen Kapitalmärkte zu förderst politischen Zielsetzungen untergeordnet und dient insbesondere der Finanzierung von defizitären staatseigenen Unternehmen (state owned enterprises, SOE’s)[10].

Die chinesische Währung Rimimbi (RMB) untersteht einem quasi fixen Wechselkursregime. Die Regierung spielt eine entscheidende Rolle bei der Kreditvergabe und der Verzinsung des Kapitals. Die Anleihe- und Aktienmärkte sind verhältnismäßig klein und es existieren Emissionsquotierungen für chinesische Unternehmen und Markteintrittsbarrieren für internationale Investoren.

So ist trotz des WTO-Beitritts der VR China und der damit einhergehenden Liberalisierung der chinesischen Kapitalmärkte, die Folgen der zentralen Planwirtschaft noch nicht überwunden.

II.2 Effizienz des chinesischen Finanzsystems

Die Kapitalallokation des chinesischen Finanzsystems funktioniert äußerst ineffizient. Nach Angaben von McKinsey produzierten die privaten Unternehmen in

China im Jahr 2003 52% des BNPs[11], bezogen aber nur 27% aller vergebenen Kredite. Da der Privatsektor von der staatlich gelenkten Kreditvergabe benachteiligt wird, finanzieren sich viele Firmen über den informellen Kreditmarkt, der von McKinsey auf über 100 Mrd. USD geschätzt wird Die SOEs, die nur noch 23% des BNP erwirtschaften, erhielten dagegen 35% aller vergebenen Darlehen.

Obwohl viele SOEs mittlerweile umstrukturiert wurden und hoch profitabel produzieren, ist diese Gruppe in allen Branchen nur halb so produktiv wie ihre private Konkurrenz. Diese ineffiziente und unproduktive Kapitalallokation führt zu einer hohen Zahl von uneinbringlichen Krediten (Non Performing Loans, NPLs), die zeitweise bis zu 50% aller ausgegeben Kredite in der chinesischen Volkswirtschaft ausmachten. Die Rekapitalisierungskosten belasten den Staatshausalt mit über 500 Mrd. USD.

Diese ineffiziente Kapitalallokation ist die Ursache für die schwindende Investitionseffizienz. Benötigte China Anfang der 1990er Jahre noch 3,30 USD, um 1 USD BNP zu erwirtschaften, brauchte das Land im Jahr 2001 bereits 4,90 USD für 1 USD Wachstum. Doch China nimmt diesen Missstand in Kauf, da eine schnelle Privatisierung der verbleibenden SOEs Massenentlassungen in Millionen-Höhe unvermeidbar machen würde und aufgrund eines bislang fehlenden sozialen Sicherungssystems Unruhen in der Bevölkerung befürchtet werden[12].

Abb.3: Investitionseffizienz in der VR China

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Deutsche Bank Research, 2004

Abb.4: Allgemeine Struktur des Finanzsystems

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: McKinsey Global Institute analysis, 2006

II.3 Der Bankensektor

II.3.1 Die Struktur des chinesischen Bankensektors

Das Bankensystem war bis ins Jahr 1984 zentralisiert und bestand aus der Notenbank People’s Bank of China (PBOC), der ein regional und branchenspezifisch strukturiertes Staatsbankensystem unterstellt war. Im Zuge der Bankensektorreformen wurde ein zweistufiges Bankensystem eingeführt, in dem die PBOC nur noch die Funktionen einer Noten- und Zentralbank behielt und der chinesische Bankenmarkt nun in vier Hauptgruppen unterteilt werden kann.

Gemessen an den Bankeinlagen der Volkswirtschaft Chinas im Jahr 2004 bilden die „Großen Vier“, womit die mittlerweile teilweise privatisierten Staatsbanken gemeint sind, mit den Entwicklungsbanken[13] die größte Gruppe. Die Entwicklungsbanken entstanden im Jahr 1994, als Peking die politisch gelenkte Kreditvergabe (policy lending) von den vier Staatsbanken auf die Entwicklungsbanken (Policy Banks) übertrug. Seitdem sind die „Großen Vier“ nicht länger auf die ihnen damals zugedachten Geschäftsgebiete[14] spezialisiert, sondern müssen als kommerzielle Kreditinstitute unter den Bedingungen der Profitmaximierung und Risikominimierung am Markt agieren. Auf diese Gruppe von Banken entfielen im Jahr 2004 68% aller Einlagen.

Die Geschäftsbanken, auch Aktienbanken genannt, werden von 120 Banken gebildet, auf die etwa 18% aller Einlagen entfallen, und deren Anteilseigner neben der Regierung auch private Investoren sind.

Die Kreditkooperativen bilden die dritte Gruppe auf die ca. 11% der Bankeinlagen entfallen.

Die ausländische Banken, deren Anzahl sich nach Angaben der PBOC Mitte 2006 auf 71 Institute belief, die 214 Niederlassungen in China besaßen, hielten Ende 2005 in China nur einen Marktanteil von 2%.

Finanzinstitute des Nicht-Banken-Sektors, bilden die kleinste Gruppe im Bankensektor, die so genannten Trust and Investment Companies (TIC's), sowie Finanzierungs-, und Leasing-Gesellschaften. Auf sie entfallen ca. 1% der gesamten Einlagen[15].

II.3.2 Transformationsprobleme des chinesischen Bankensektors

„Chinas Finanzmarkt steht auf schwachen Füßen“, titelte die FAZ im Oktober 2006 in einem Artikel vor dem Hintergrund des Börsenganges (IPO) der Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), deren Emissionsvolumen in Höhe von 17,4 Mrd. Euro den Börsengang weltweit zum Größten seiner Art machte. Während der Hongkong Standard nach dem historischen Doppellisting der ICBC-Aktie in Hongkong und Shanghai einen Fondsmanager von Merrill Lynch zitierte, die mit der Credit Suisse zu den größten internationalen Investoren gehören: „Many investors are holding the stock for a longer term because they have confidence in the bank, as it is the largest lender in the fastest growing economy“[16].

Der Optimismus der Anleger täuscht aber über den wahren Zustand des chinesischen Bankenwesens hinweg. Die FAZ zitierte in einem Artikel Michel Petit, Geschäftsführer von Standard and Poor’s in Tokio mit der Aussage, dass „gemessen am weltweiten Standard, Chinas Bankensystem in Hinblick auf die Qualität der Anlagen, der Unternehmensführung, des Risikomanagements, des internen Kontrollsystems, der Transparenz und der Finanzstärke hinter praktisch allen Märkten in Industrie- und Schwellenländern zurück bleibt“.

II.3.2.1 Problem der notleidenden Kredite

Durch den WTO-Beitritt Chinas im Jahr 2001, ist Peking bis zum Dezember 2006 gezwungen, weite Teile des Bankensektors für die internationale Konkurrenz zu öffnen. Daher, aber auch insbesondere wegen der Asienkrise 1997/98, welche China die potentielle Verletzlichkeit seines Finanzsystems aufzeigte, wurden in den letzten Jahren schrittweise große Anstrengungen[17] unternommen, die strukturellen Defizite des chinesischen Bankensektors, wie den Abbau der NPLs und eine geringe Eigenkapitalquote der Banken, zu verbessern.

Die hohen Kreditausfälle im Bankensektor sind das Erbe der staatlich gelenkten Kreditvergaben an unrentable SOEs, die später die Kredite nicht mehr zurück zahlen konnten. Das Problem verschärfte sich, als neue Wirtschaftsreformen zur Sanierung des SOE-Sektors eingeleitet wurden, in deren Zuge diese unrentablen Unternehmen aufgelöst oder umstrukturiert wurden. Dadurch mussten die Gläubigerbanken der betroffenen Unternehmen hohe Zahlungsausfälle in Kauf nehmen.

Nach Angaben von Ma[18] und Bottelier saniert Peking seit dem Jahr 1998 die vier großen Staatsbanken, welche 2003 noch 90% aller Kredite der SOEs trugen[19] und im Jahr 2006 53% der gesamten Bankeinlagen der VR China verzeichneten, mit großem finanziellem Aufwand.

Die Sanierungsmethoden der chinesischen Regierung bestehen insbesondere aus „massiven Finanzspritzen aus dem Topf der chinesischen Währungsreserven“[20], aus der Übernahme der Verbindlichkeiten durch die PBOC und durch eigens gegründete Auffanggesellschaften für Not leidende Kredite (s. Fußnote 17).

Die FAZ und Ma sprechen davon, dass die vier großen Staatsbanken im Jahr 2005 noch durchschnittlich 10,1% uneinbringliche Forderungen hatten und Peking seit dem Jahr 1998 407 Mrd. USD in diese Institute „pumpte“, was etwa 18% des BNPs im Jahr 2005 entsprach. So erhielt die ICBC im Jahr 2005 alleine 15 Mrd. USD und durfte weitere 85 Mrd. USD auf die staatlichen Auffanggesellschaften überschreiben.

Während der chinesische Staat in den letzen Jahren den Geschäftsbanken massive Hilfe zu Teil werden ließ, konzentrierte sich die PBOC und die China Banking Regulatory Commission (CBRC) nun mehr auf die Kreditkooperativen, welche im Jahr 2002 nach offiziellen Angaben noch 37% aller ausgegebenen Kredite als Not leidend führten und 91% aller Agrarkredite in China vergaben. Nach Angaben der PBOC sind im ersten Quartal 2006 nur noch 13,5% aller Kredite der Kreditkooperativen uneinbringlich. Der Rückgang dieser NPLs ist auf staatliche Finanzspritzen, darunter 425 Mrd. RMB alleine im ersten Quartal 2006, zurück zu führen.

Doch unqualifiziertes Bankpersonal, fehlendes Management-Know-how und mangelhafte IT-Infrastruktur werden auch zukünftig eine effektive Kreditallokation beeinträchtigen. Ob weitere Reformschritte, wie die Übertragung der Managementverantwortung von den Kreditkooperativen auf die Provinzregierung, erfolgreich sein werden, bleibt abzuwarten[21].

Die Frage nach der exakten Höhe der NPLs insgesamt muss aufgrund der Vielzahl von Quellen und der unzuverlässigen offiziellen Statistiken der VR China unbeantwortet bleiben. Die Studie vom Ma (2006) schätzt, dass das Gesamtvolumen der NPLs Ende der 1990er Jahre 40%-50% aller ausgegebenen Kredite entsprochen haben dürfte und die Restrukturierungskosten letztendlich bis auf 30% des BNPs von 2005 steigen könnten[22]. Fitch Ratings schätzt den Berg der Problemkredite auf rund 670 Mrd. USD, davon seien 220 Mrd. USD uneinbringlich. Wobei, wie die FAZ berichtete, die offizielle Pekinger Buchführung nur 150 Mrd. USD als uneinbringliche Forderungen in ihren Büchern führt und 225 Mrd. USD als zweifelhafte Kredite.

II.3.3 Basler Eigenkapitalvereinbarungen und die chinesischen Banken

II.3.3.1 Basel I

Im Jahr 2004 kündigte China an, die Eigenkapitalanforderungen für seine Banken auf Grundlage einer überarbeiteten Version der ersten Basler Eigenkapitalverordnung (Basel I) bis Januar 2007 implementieren zu wollen, aber Basel II vorerst nicht beizutreten[23].

Die Eigenkapitalvereinbarung aus dem Jahr 1988 koppelt das Kreditrisiko der Banken an ihr Eigenkapital[24] und fordert eine Unterlegung der Aktiva (im Wesentlichen vergebene Kredite) mit einer pauschalen Eigenkapitalquote von 8%. So werden die Forderungen der Banken entsprechend ihrer Schuldnerkategorie (Adresse) in drei Risikogewichte eingeteilt.

Abb.5: Bonitätsgewichtung und Schuldnerkategorie nach Basel I

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Berechnung des erforderlichen Eigenkapitals (EK) nach Basel I

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

EK = Bemessungsgrundlage x Bonitätsgewicht x Solvenzkoeffizient (8%)

Dementsprechend strebt die PBOC und CBRC bis zum Jahr 2006 die Erhöhung der Eigenkapitalquote des Bankensektors von bisher 5% auf 8% an und erhoffen sich durch die Einführung weiterer Reformen, wie bspw. Kreditklassifizierungsmethoden, eine Stärkung der Capital Adequacy Ratio (CAR)[25] der chinesischen Kreditinstitute. Nach einem Bericht der FAZ, wurden Anfang 2006 28.000 Banken in China untersucht, von denen nur 53 Institute die Mindestreserveanforderung von 8% erfüllten.

Doch die Reformanstrengungen verzeichnen nach Angaben der Regulierungsbehörde China Banking Regulation Commission (CBRC) erste Erfolge, denn der Anteil der NPL's im Verhältnis aller ausgegebenen Kredite konnte im Jahr 2006 auf 7,5% gesenkt werden. Dabei verzeichneten u. a. die staatlichen Banken einen NPL-Anteil von 9,5% und die privaten Geschäftsbanken einen NPL-Anteil von 3,2%[26].

Abb.6: Volumen Fauler Kredit des chinesischen Bankensektors

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Deutsche Bank Research, 2005

II.3.3.2 Basel II

Ein Beitritt zur zweiten Basler Eigenkapitalvereinbarung (Basel II)[27] würde sich aufgrund des Ausmaßes der NPLs und der faktischen Insolvenz vieler chinesischer Banken als schwierig gestalten. Insbesondere die neuen Mindestkapitalanforderungen des zweiten Konsultationspapiers würden die chinesischen Banken wegen ihrer dünnen Eigenkapitaldecke vor große Herausforderungen stellen. Denn die Eigenkapitalregeln werden bei der Beurteilung des Kreditrisikos nun stärker differenziert. Neben dem Kreditrisiko müssen zusätzlich Markt- und operationelle Risiken für die Eigenkapitalunterlegung gewichtet werden.

Zur Messung des Kreditrisikos haben die Banken die Wahl zwischen der modifizierten Form des bisherigen Standardansatzes und einem Internal Ratingbased Approach (IRB-Ansatz).

II.3.3.2.1 Modifizierter Standardansatz

Bei dem sogenannten Standardansatz ergibt sich das Risikogewicht aus der Bonitätsbeurteilung der Adresse, die durch eine autorisierte, externe Ratingagentur erstellt wird. Innerhalb erweiterter Schuldnerkategorien des Standardansatzes wird jede Adresse einem Bonitätsgewichtungsfaktor entsprechend ihrem Rating zugeordnet[28].

Abb.7: Bonitätsgewichtungsfaktor nach Basel II

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Tabelle in Anlehnung an Hückman

Bei Einführung der Basel-II-Mindestkapitalanforderungen könnten die chinesischen Banken gegenüber dem prinzipiell in China etablierten Basel-I-Standard die Eigenkapitalunterlegung für Unternehmenskredite nicht senken, da für Unternehmen mit einem schlechteren Rating als BB- die Eigenkapitalunterlegung von 8% (100% von 8%) auf 12% (150% von 8%) aufzustocken wäre.

Wassmuth führt an[29], dass in den letzten Jahren ca. 1.300 chinesische Unternehmen von nationalen CRAs geratet wurden. 30% dieser Unternehmen, welche auch Kunden der Banken sind, erhielten ein Rating zwischen AAA bis A-, und auch 87 % der Ratings, welche im Rahmen der Studie erhoben wurden, lagen im Investmentbereich (s. Anlage 10-13).

Aufgrund der staatlichen Garantien für die meisten Emittenten täuscht aber die hohe Anzahl der Investmentgrade-Ratings und zeigt nur ein verzerrtes Bild der wirtschaftlichen Realität chinesischer Unternehmen[30]. So äußerte Liu Tinghuan, der ehemalige Gouverneur der PBOC, das nahezu alle Kreditnehmer der Banken ein Rating unter BBB erhalten müssten und deshalb die Implementierung der Basel II Kriterien mittelfristig nicht durchführbar sei[31].

II.3.3.2.2 Internal Ratingbased Approach

Der IRB-Ansatz erlaubt den Banken, nach aufsichtsrechtlich streng vorgegebenen Kriterien, die Verwendung eigener Ratingsysteme. Hierbei werden die Forderungen in sechs Schuldnerklassen eingeteilt und in drei Risikokomponenten unterschieden, welche den erwarteten Verlust einer Forderung (Expected Loss, EL) bestimmen.

Die Ausfallswahrscheinlichkeit einer Adresse (Probability of Default, PD) schätzt das Risiko, dass der Kreditnehmer im nächsten Jahr ausfällt[32]. Fällt eine Adresse tatsächlich aus, so hängt der Verlust von der Höhe der ausstehenden Forderung ab (Exposure at Default, EAD). Die Verlustintensität (Loss given Default, LGD) prognostiziert dann den erwarteten Verlust im Zeitpunkt des Ausfalls anhand des Rangs im Insolvenzfall und den Kreditsicherheiten der Bank.

Expected Loss = PD x EAD € x LGD %

Der IRB-Ansatz zerfällt für Unternehmensforderungen in zwei Unteransätze. Zum einen in die fortgeschrittene Methode, bei der die Kreditinstitute hoch entwickelte Ratingsysteme vorweisen müssen, um die EAD- und LGD-Faktoren bestimmen zu können. Dieser Ansatz kommt i. d. R. nur für global agierende Großbanken in Frage.

Zum anderen vereinfacht der Basisansatz hingegen die Bestimmung des Expected Loss, in dem die Banken nur die Ausfallswahrscheinlichkeit (PD) mit ihrem Ratingsystem bestimmen müssen[33]. Dabei wird für die ermittelte Ratingklasse eine auf historischen Ausfalldaten beruhende Ausfallswahrscheinlichkeit geschätzt, mit der die Risikogewichtung des Kreditnehmers errechnet wird. Die EAD- und LGD-Faktoren werden in diesem Fall von der Bankenaufsicht vorgegeben[34].

Nach Einschätzung von Wassmuth ist der so genannte IRB-Ansatz in China vorerst nicht praktikabel. „Die technischen und datenmäßigen Voraussetzungen dürften hierfür noch nicht gegeben sein. Die Alternative, der auf externes Rating von Ratingagenturen abstellende Standardansatz, erscheint praktikabler“[35].

II.3.4 Corporate Governance chinesischer Banken

II.3.4.1 Risikomanagement

Ein Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich, wie das seit 1998 existierende deutsche KonTraG, gibt es in der VR China nicht[36].

Die „Großen Vier“ der chinesischen Banken verzeichneten in den letzten Jahren aber beträchtliche Fortschritte bei der Etablierung einer Corporate Governance[37]. So wurden Risikomanagement- und Reportingsysteme, sowie interne Revisionsinstanzen eingeführt (s. Abb.:8). Denn die CBRC forciert die Etablierung von Risikomanagement bei den chinesischen Kreditinstituten. So müssen alle Banken spezielle Riskmanagementabteilungen gründen, welche getrennt vom Tagesgeschäft operieren und direkt dem Seniormanagement berichten[38]. Das eingeführte Risikomanagementsystem soll operationelle Risiken durch geteilte Verantwortung und Früherkennung verhindern. Bis zur Entscheidung über einen Kreditantrag, prüfen nicht nur die Bankniederlassungen vor Ort, sondern auch ein Due Dilligence[39] Team und ein zentrales Risiko-Überwachungskomitee die Kreditrisiken[40].

Abb.8: Risikomanagementprozess bei der Kreditvergabe chinesischer Banken

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Zhang

II.3.4.2 Internes Kontrollsystem

Die Entwicklung interner Revisionsinstanzen wird von den „Großen Vier“ ernst genommen. Allerdings hapert es an der Umsetzung, da das Management aufgrund der notwendigen Modernisierungsprozesse bislang der Geschäfts- und Produktentwicklung größere Prioritäten einräumten, als der Stärkung einer internen Kontrollkultur[41]. Die Bank of China (BOC) verweist aber in ihrem Halbjahresbericht 2006 auf die Umsetzung der PBOC Richtlinien für Interne Kontrollmechanismen für Commercial Banks[42]. Nach Angaben der PBOC führten auch die CCB und die ICBC im Jahr 2005 unabhängige interne Revisionsabteilungen und Compliance-Richtlinien für Management und Mitarbeiter ein[43].

II.3.4.3 Credit Scoring Modelle

Mittlerweile etablieren Chinas Banken auch flächendeckend auf Datenbanken basierende analytische Risikomessungsinstrumente. Da aber die verschiedenen Kreditinstitute nicht vernetzt sind, existiert eine hohe Datenredundanz. Anstrengungen der PBOC seit November 2003, eine zentrale Kreditauskunftsdatei, das Credit Information System Bureau (Zhengxin guanli ju 征信管理局), ähnlich der deutschen SCHUFA, aufzubauen, scheiterten bislang an fehlenden IT-Kapazitäten der Banken[44].

Nach den Forschungsergebnissen von Zhang führten die Staatsbanken aufgrund mangelhafter IT-Infrastruktur, der geringen Dichte an historischen Daten und fehlendem Expertenwissen bisher keine fortgeschrittenen Credit Risk Modelle (s. Anlage 4) zur Messung von Portfoliorisiken ein. So sind auch umfangreiche interne Credit-Ratingsysteme subjektiver Natur. Einige Banken implementierten Ratingmodelle, mit denen quantitative und qualitative Parameter untersucht werden können. Allerdings fehlt eine historische Datenbasis, um statistische Prognosen durchführen zu können[45]. Seit Juni 2006 testet die BOC ein zweidimensionales Credit Rating Modell, welches die Ausfallwahrscheinlichkeit der Adressen auf Basis historischer Daten von Unternehmensratings und Underlaying Credit Assets (Kreditbesicherungen) berechnet. Nach Angaben der BOC konnten im ersten Halbjahr 2006 43,7% aller nationalen Kunden ein A-Rating verzeichnen, was einen Anstieg von 1,8% im Vergleich zum Jahr 2005 ausmachte[46].

II.3.5 Auswirkung des instabilen Bankensektor als Bedrohung für Chinas Wirtschaft

Viele Beobachter halten den schwachen Bankensektor für eine tickende Zeitbombe, welche die Stabilität der chinesischen Wirtschaft bedroht. Denn der Bankensektor dominiert Chinas Finanzsystem. So werden 83% des Finanzierungsbedarfes der Unternehmen durch Bankkredite gestillt, 11% durch Staatsanleihen, 5% durch Aktien, und nur 1% durch Unternehmensanleihen[47]. Nach einer Studie von McKinsey liegt im Vergleich zu China diesbezüglich der Anteil der Bankeinlagen in den Industrienationen bei 20% und in anderen Schwellenländern bei maximal 50%.

Doch dank des hohen Wirtschaftswachstums und der hohen Devisenzuflüsse durch internationale Investoren investieren in China Staat und Unternehmen überwiegend finanziert durch Bankkredite. Sobald das Wirtschaftswachstum jedoch abflacht, könnte die Wachstumsblase platzen und die unterkapitalisierten[48] und zinsgeschäftabhängigen chinesischen Banken hätten keine ausreichenden Rücklagen, um konjunkturelle Schwächephasen eigenständig zu überstehen.

Nach Einschätzung der Deutschen Bank Research ist sich die chinesische Regierung bewusst, „dass Restrukturierungen notwendig sind, um das hohe Wachstumstempo langfristig aufrechtzuerhalten. Sie [die chinesische Regierung] hat die Probleme erkannt und versucht, mit der Bankenreform die Grundlagen für ein marktorientiertes System zu schaffen“[49]. Und Horst Löchel, Direktor des Shanghai International Banking and Finance Institute, sagte der FAZ im Oktober 2006, „dass im Prinzip China wahrscheinlich einer der besten Orte der Welt für das Bankgeschäft ist. Nicht nur wegen der Größe des Marktes, sondern auch deshalb, weil sein gesamtes Finanzsystem von Banken getrieben ist".

Dieser Optimismus basiert auf dem ungebrochenen Wirtschaftswachstum der VR China (s. Abb.: 9) und scheint vor dem Hintergrund folgender Faktoren vorerst begründet:

eingeleitete Reformen im Finanzsektor

enormes Erschließungspotential der chinesischen Absatzmärkte

hohe Sparquote chinesischer Bürger

anhaltender Zufluss von Direktinvestitionen

quasi-fixer Wechselkurs der chinesischen Währung,

hohe Devisenreserven

moderate Staatsverschuldung

So erwartet der Deutsche Bank Research mittelfristig eine durch den WTO-Beitritt Chinas beschleunigte Konsolidierung und Privatisierung im chinesischen Bankensektor[50]. Fest steht aber auch, dass durch die Öffnung des Bankensektors im Rahmen des WTO-Beitritts kurzfristig, eine Wettbewerbs bedingte Anpassung der chinesischen Kreditinstitute an westliche Standards nicht zu erwarten ist. So bestehen auch über den 31.12.2006 hinaus Beteiligungsbeschränkungen für den Aktienerwerb von Staatsbanken und es existieren weitere restriktive Auflagen, welche die Expansion ausländischer Banken in der VR China einschränken[51]. So wird auch in naher Zukunft der chinesische Staatshaushalt durch die Sanierung des Bankensektors belastet werden.

Abb.9: Hohes Wachstum und hohe Investitionsquote Chinas im internationalen Vergleich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenQuelle: Deutsche Bank Research, 2005

II.4.1 Die Aktienmärkte

II.4.1.1 Entwicklung und Größe der Aktienmärkte

1990 und 1991 wurden die heutigen Börsen[52] in Schanghai (SHSE) und Shenzhen (SZSE) gegründet, um den SOEs neue Wege der Kapitalbeschaffung zu eröffnen und damit die Umstrukturierung der Unternehmen zu fördern[53].

Die Entwicklung der chinesischen Aktienmärkte verlief rasant. Waren 1993 noch 183 Unternehmen registriert, hatte sich zwischen 1997 und 2001 die Zahl der notierten Firmen auf 1.200 erhöht[54]. Und in der Börsenhausse von 2001/02 machte der Finanzplatz Shanghai der Hongkonger Börse den zweiten Platz unter den asiatischen Börsen streitig[55].

Nach Angaben der Börsenplätze waren im Oktober 2006 884 Unternehmen in Shanghai und 595 Unternehmen in Shenzhen gelistet, die insgesamt 109 B-Aktien emittierten. Im Jahr 2006 wurden an der SHSE und SZSE Aktien, Fonds, Regierungs- und Unternehmensanleihen, sowie Optionsscheine gehandelt .

Im Dezember 2006 verzeichneten die Börsenplätze Shanghai und Shenzhen eine Marktkapitalisierung[56] der A- und B-Aktien von 686,5 Mrd. USD und 192 Mrd. USD und bilden somit - ohne Japan - den viertgrößten Börsenplatz Asiens. Nach Informationen von Sinomania könnte die Marktkapitalisierung der chinesischen Wertpapiermärkte im Jahr 2010 etwa 2.000 Mrd. USD betragen. Damit würde der chinesische Börsenplatz eine Platzierung unter den Top Ten der internationalen Wertpapierbörsen belegen - noch vor der Deutschen Börse[57] -. Diese Einschätzung wird von der Securities Regulatory Comission (CRSC) geteilt, die der VR China im Jahr 2012 bis zu 10.000 börsennotierte Unternehmen voraussagt. Zudem wird die Mobilisierung der auf 3.300 Mrd. EURO taxierten Spareinlagen chinesischer Bürger und ein sich bildender Markt für private Altersvorsorge die Kapitalmärkte mit zusätzlicher Liquidität versorgen[58].

II.4.1.2 Institutionelle und internationale Investoren

Im Zuge des WTO-Beitritts öffnete die VR China ihre Kapitalmärkte für institutionelle Investoren aus Übersee. So hatte bspw. die SHSE Ende 2005 156 Mitglieder, darunter 4 ausländische. Für den B-Aktienhandel halten 39 internationale Investoren an der SHSE und 19 internationale Investoren an der SZSE Handelslizenzen. Im Rahmen des Qualified Foreign Institutional Investor Scheme[59] (QFII) hielten Ende 2005 34 Finanzinstitute Investitionslizenzen für A-Aktien, RMB-Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Fonds und Wandelanleihen. Insgesamt investierten die Ausländer 5,6 Mrd. USD[60] und gehören neben den 53 chinesischen Investmentfonds-Unternehmen, dem National Security Fund, Versicherungsunternehmen und dem Corporate Annuity Fonds (staatlicher Rentenfond) zu den wenigen institutionellen Investoren der VR China[61].

II.4.1.3 Marktsegmente und Börsenhandel

Die chinesische Regierung segmentierte die nationalen Aktienmärkte von Anfang an. Damit sollte verhindert werden, dass ausländische Investoren die Kontrolle über chinesische Unternehmen erlangen. Zudem sollten die chinesischen Märkte vor der Volatilität an den Weltmärkten geschützt werden.

Bislang dürfen so genannte A-Aktien nur von chinesischen Staatsbürgern und wenigen internationalen Investoren im Rahmen des QFII gehandelt werden. Die B-Aktien werden in RMB notiert und in USD gezahlt und sind internationalen, und mit Einschränkungen, chinesischen Investoren vorbehalten. Letztendlich gibt es noch die Notierung chinesischer Unternehmen an der NYSE, der LSE und HKSE, den so genannten N-Aktien, L-Aktien und H-Aktien, die den B-Aktien in der VR China entsprechen[62].

Der Handel[63] ist an beiden Börsen vollständig automatisiert und insbesondere an der SHSE wird ein hochmodernes elektronisches Handelssystem eingesetzt, welches 16.000 Transaktionen pro Sekunde abwickeln kann. Der Handel ist auftragsgesteuert und basiert auf übereinstimmenden Angebots- und Nachfragequotierungen in Echtzeit. An der SHSE werden A- und B-Aktien in Paketen von jeweils 100 Stück gehandelt. Hierbei sind Short Selling, d.h. der Terminverkauf von Wertpapieren und Over the Counter Trade, also Privathandel, bzw. Direktverkäufe verboten[64].

Seit Mai 2004 wird das Bestreben der chinesischen Regierung umgesetzt, am Börsenplatz Shenzhen eine Venture-Kapitalbörse vergleichbar der amerikanischen NSDAQ zu etablieren. So werden an der SZSE nur noch so genannte Small and Medium Enterprises (SME) überwiegend aus Hightech Branchen gelistet. Ende 2005 waren 50 Unternehmen im SME Segment akkreditiert[65]. Die A-Aktien werden an der SZSE in einzelnen Stückelungen von 100 RMB (1000 RMB bei Anleihen) gehandelt und B-Aktien nur in Paketen von 2000 Stück. Der Handel, die Quotierung, das Clearing und Settlement erfolgt an der HKSE[66].

II.4.1.4 Transformationsprobleme der Aktienmärkte

Allgemein wird die dynamische Entwicklung der chinesischen Börsen und insbesondere der Aktienmärkte als erfolgreich bezeichnet. Doch nach wie vor spielen die Wertpapiermärkte bei der Unternehmensfinanzierung in China eine deutlich geringere Rolle als die Bankdarlehen. So lag im Jahr 2002 die Marktkapitalisierung der Börsen in Shanghai und Shenzhen bei 45,2% des BNP, während die Bankkredite 123% ausmachten. Und auch im Jahr 2005 wurde nur 6% des Finanzierungsbedarfes chinesischer Unternehmen über die Wertpapiermärkte eingeholt[67]. Nach Angaben der Deutschen Bank Research liegt die Ursache darin, dass „der chinesische Aktienmarkt immer noch stark von staatlichen Wirtschaftsinteressen beeinflusst [ist] und seine Entwicklung durch zahlreiche strukturelle und institutionelle Mängel behindert wird“[68].

II.4.1.4.1 Korruption bei der Emissionsplatzierung

Die chinesische Regierung und die CSRC legen entsprechend ihres Kapitalbedarfes ein bestimmtes nationales Emissionsvolumen von Wertpapieren fest und verteilen es anschließend auf die Provinzen und Städte. Hierzu müssen die potentiell zu listenden Firmen ihre Geschäftsberichte der letzten drei Jahre einreichen und sich von staatlich festgelegten Wirtschaftsprüfern begutachten lassen.

Da das Management bei den staatlichen Unternehmen überwiegend aus ehemaligen Staatsbeamten und politischen Kadern besteht, ist aufgrund der starken personellen Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft, das System der Emissionszulassung nach einhelliger Expertenmeinung sehr korruptionsanfällig[69] (s. Abb.: 10).

Abb.10: Korruptionsindex 2006

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.transparency.org/publications/gcr. Abfrage 03.03.2007

So hat nach Heilmann das planwirtschaftliche bestimmte IPO-Verfahren immer wieder zu spektakulären Korruptionsskandalen geführt. Bspw. wurde im Jahr 2001 das IPO einer maroden staatlichen Hühnerzuchtfirma publik, die unter dem Namen „China Venture Capital“ zu einem zeitweise sehr begehrten „Biotechnologie“-Wert an den Börsen Chinas wurde. Die Hühnerzuchtfirma wurde jedoch niemals reorganisiert. Die gefälschten Finanz- und Restrukturierungspläne wurden sogar in amtlichen Börsenzeitungen abgedruckt nachdem sie von Wirtschaftsprüfern und der Wertpapieraufsichtbehörde anstandslos gebilligt wurden[70].

Die New York Times machte im November 2006 ein jüngstes Beispiel für Korruption und Gesetzesuntreue bei der Emissionsplatzierung von Aktien der China Construction Bank (CCB) publik. So feuerte die CCB im Juli 2006 einen hochrangigen sino-amerikanischen Senior Risk Advisor, nach dem dieser wiederholt dem Vorstand der Bank berichtete, dass bis zu 3 Mrd. USD an Faulen Krediten vor der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, welche die Bilanzen der CCB für den Börsengang im Oktober 2005 prüfte, in den Büchern der regionalen Bankniederlassungen unter der Bilanzposition von einbringlichen Forderungen „versteckt“ wurden. Der nun entlassene Senior Risk Advisor berichtete schon vor dem Börsengang dem damaligen Präsidenten der CCB Enzhao Zhang, der aber im März 2005 wegen eines Bestechungsskandals zurücktreten musste und zur 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Doch die CCB, wie auch die Bank of America - die ein 9% Aktienpaket an der CCB hält- streitet bis heute alle Anschuldigungen ab und verweist auf die umfangreichen Due Dilligence Untersuchungen vor dem IPO und auf den uneingeschränkten Prüfvermerk von KPMG[71].

II.4.1.4.2 Staatlicher Einfluss auf das Volumen handelbarer Aktien

Bei einer Börsennotierung eines Staatsunternehmens blieb Peking bislang direkt oder über „zwischengeschaltete“ Holdingunternehmen Mehrheitsaktionär. Lediglich ein Minderheitenanteil von durchschnittlich ca. 20% der Aktien durften von privaten Investoren gehalten werden[72]. Zwar dürfen ausländische Institutionen bedingt durch den WTO-Beitritts Chinas seit 2002 direkt über den QFII-Scheme in China Aktien kaufen, Unternehmen an die Börse bringen oder chinesische Firmen übernehmen, doch insbesondere eine umfassende Fungibilität der Unternehmensaktien war bis Anfang 2005 faktisch nicht vorhanden. So waren nach Angaben der CRSC im Jahr 2005 nur 33% der gesamten Marktkapitalisierung i. H. v. 3.242 Mrd. RMB (390,6 Mrd. USD) der SHSE und SZSE in Aktien handelbar. 77% der Marktkapitalisierung befand sich im Staatsbesitz. Die Aufteilung der Wertpapiere in handelbare und nicht-handelbare Aktien störte die natürliche Preisbildung an den chinesischen Börsen und behinderte zudem die Umsetzung einer Corporate Governance[73] zur Stärkung des Anlegerschutzes bei den gelisteten Unternehmen[74].

II.4.1.4.2.1 Reformierung staatlicher Einflüsse auf das Volumen handelbare Aktien

Die negativen Auswirkungen der strukturellen Probleme auf den chinesischen Kapitalmarkt waren seit langem bekannt, doch die Angst vor einem Zusammenbruch der Börsen verhinderte jahrelang Reformen. Im März 2006 reagierte dann die CSRC und setzte die Reformierung des Problems der nicht-handelbaren Aktien um. Demnach zahlen die Halter der nicht-handelbaren Aktien den Eigentümern von handelbaren Aktien einen Goodwill Preis für das Recht, ihre Aktien zukünftig handeln zu dürfen. Diese Transformation von nicht-handelbaren Aktien in handelbare Aktien wird autonom zwischen den Aktionären der jeweiligen Gesellschaften durchgeführt. Nach Angaben der CRSC hatten bis März 2006 57% der börsennotierten Unternehmen die Transformation begonnen oder bereits abgeschlossen. Seit den ersten Testläufen der Reform im Juni 2005 haben der SSE-Index und der SZSE-Component-Index bis Dezember 2006 um über 100% zugelegt. Nach Einschätzung der CRSC steht den chinesischen Kapitalmärkten „a new era for sound and rapid growths“ bevor[75].

Abb.11: Entwicklung des SSE-Index (rot) und des SZSE-Component-Index (schwarz) 2003-2006

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: China Stock Market Web, HKSE

II.4.1.4.3 Anlegerschutz

Damit die positive Börsenentwicklung auch langfristig Bestand hat, muss der Anlegerschutz weiter gestärkt werden. Doch die erlassenen Bestimmungen zur Verstärkung des Schutzes der Rechte und Interessen von Publikumsaktionären zeigten kaum Wirkung bei den Marktakteuren. So hatte im Jahr 2004 das Anlegervertrauen in die Märkte seinen absoluten Tiefpunkt erreicht, als mehrere Wertpapierhandelshäuser unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt werden mussten und einem Dutzend Wertpapiergesellschaften von der CRSC die Lizenz entzogen wurde. Die Intermediäre hatten aufgrund des seit 2002 anhaltenden Bärenmarktes systematisch Kundengelder für Eigengeschäfte und Immobilieninvestitionen veruntreut und dabei Verluste von bis zu 200 Mrd. RMB angehäuft. Vor diesem Hintergrund forderte die CRSC im Oktober 2004 die Wertpapiergesellschaften auf, Maßnahmen einzuleiten, die der Trennung von Eigenmitteln und Kundengeldern dienen und einen internen Prüfbericht über die vorschriftsmäßige Verbuchung der Clearinggelder einzureichen[76].

Bislang verhinderten staatliche Zuwendungen soziale Unruhen, wenn Anleger bei Insolvenzen um ihre Gelddepots bei den Wertpapierhäusern fürchten mussten. Da keine Garantiefonds zum Anlegschutz existierten, traten bisher die PBOC und das Finanzministerium für die Schuldner ein[77].

II.4.1.4.4 Marktvolatilität

Ein weiteres strukturelles Problem ist die hohe Marktvolatilität (s. Abb.:13). Verantwortlich sind hierfür zum einen das hoch spekulative Anlegerverhalten der Chinesen, zum anderen Preisunterschiede von bis zu 30% bei Red-Chips[78], und A- und B-Aktien, die gleichzeitig an den beiden nationalen wie auch internationalen Börsen gelistet sind und damit Insiderhandel und Arbitragegeschäfte provozieren.

Nach Angaben von Wassmuth liegt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis[79] (KGV) der Hongkonger H-Aktien unter 8. Im Vergleich dazu, liegt das durchschnittliche KGV der A-Aktien bei 40 und das der B-Aktien bei 20. Die Kurse der für Ausländer bestimmten Aktien liegen somit weit unter den Kursen der für die Chinesen bestimmten A-Aktien des gleichen Unternehmens. Somit sind die B- und H-Aktien bezüglich ihres KGV's günstiger und tragen höhere Renditen.

So war bspw. die Emission des ICBC IPOs um das 26-fache überzeichnet. Als Erklärung für die im internationalen Vergleich überteuerten chinesischen Wertpapiere, zieht man die hohe Nachfrage der 70 Millionen Wertpapierdepotinhaber und das geringe Angebot an Kapitalanlagemöglichkeiten für die Chinesen heran[80].

[...]


[1] BNP-Wachstum von durchschnittlich 9,5% in den letzten Jahren (vgl. BIS-Papers Nr. 26).

[2] In Kaufkraftparitäten gerechnet ist das BNP der VR China sogar das zweitgrößte der Welt

[3] Zhang, 2004, S.2

[4] Deutsche Bank Research, (a/2004), S.1

[5] Neue Epoche, Rating oder Ratespiel, (Mai/2006). Kennedy, (2006)

[6] Kennedy, (2006), S.11

[7] The Standard, (Mrz/2006)

[8] 1978 lebten noch 53% der Bevölkerung Chinas unterhalb der Armutsgrenze, d. h. nach UN-Definition von weniger als einem USD pro Tag. 2001 lebten nur noch 8% unterhalb der Armutsgrenze. Vgl. www.wikipedia.org/china. Abfrage 20.10.2006

[9] Der Begriff wurde von dem Weltbankökonom Antoine van Agtame in den 1980er Jahren geprägt und wird gewöhnlich zur Beschreibung von Volkswirtschaften benutzt, deren Märkte sich in einer Übergangsphase von einem Entwicklungslandstatus (developing country) zu einer entwickelten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft (developed country) befinden. Die Weltbank führt China, Indien, Indonesien, Brasilien und Russland als die fünf größten Emerging Markets der Welt. Vgl. Chuan Li, What are Emerging Markets).

[10] Heilmann, (2002), S.15

[11] 2005 produzierte der Privatsektor bereits 70% des chinesischen BNPs. Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/China. Abfrage 29.12.2006

[12] McKinsey, (2006), S. 9-13

[13] Die Agricultural Development Bank, Die China Development Bank und die China Export-Import Bank.

[14] So war die Agricultural Bank of China (ABC) ursprünglich nur für die Finanzierung der Landwirtschaft und der ländlichen Entwicklung verantwortlich. Die Bank of China (BOC), war zuständig für den Devisenhandel und die Vergabe von Handelskrediten. Die China Construction Bank (CCB) war auf die Finanzierung von Bau- und Infrastrukturprojekten spezialisiert. Und die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) finanzierte Gewerbe und Industrie in den Städten. Vgl. Deutsche Bank Research, (a/2004)

[15] Deutsche Bank Research, (a/2004), S. 3-7. FAZ, (2006). Wassmuth, (2004), S.227-228

[16] The Standard, (Okt/2006)

[17] Nach Bottelier wurden 1998 vier staatliche Auffanggesellschaften, so genannte Asset Management Companies (AMCs) gegründet (Xinda, Huarong,Great Wall und Orient „to assist in the process of NPL clean up which started in 1999. Vgl. Bottelier, (2004), S. 2.

Die AMCs operieren hauptsächlich mit Debt-Equity Swaps (Umwandlung von Fremd- in Eigenkapital) oder Verkäufen von Sicherheiten, da es in China keinen Markt für den Handel mit gefallenen Wertpapieren gibt. Auch die Methode der Verbriefung Not leidender Kredite findet Anwendung. Dabei werden inländische Anleihen ausgegeben, die mit notleidenden Krediten besichert sind und deren Anleihezinsen mit Rückforderungen von Schuldnern fauler Kredite gezahlt werden. Vgl. Chen, (b/2004), S. 9 ff.

[18] Ma, (2006), S. 14-16

[19] Economist Intelligence Unit, (2003)

[20] FAZ, (2006)

[21] PBOC, China Monetary Policy Report Q1 2006, S. 13-14

[22] Ma, (2006), S. 8

[23] The Global Implementation Of Basel II, (2005), S. 8-9

[24] Das Eigenkapital (EK) wird unterschieden in Tier 1 (Aktienkapital und Rücklagen) und Tier 2 EK (langfristige Wertpapiere usw.). Die 8% EK-Unterlegung muss mindestens mit 50% Tier 1 EK unterlegt sein. Vgl. Brau/Gstach, (2002), S. 28

[25] CAR = Vorhandenes Risikokapital / Risikokapitalbedarf x 100. Ist der Quotient < 100% besteht Unterkapitalisierung für die Deckung des Risikokapitals. Das Risikokapital besteht aus der Aggregation von Markt-, Kredit,-Operational- und Geschäftsrisiko. Vgl. Knippschild, (2005), S. 30

[26] www.cbrc.gov.cn/english. Abfrage 17.01.2007

[27] Das Basel II Konzept soll den Banken ermöglichen ihre Risiken individueller zu messen. Es gilt: wer weniger Risiken eingegangen ist, muss weniger Eigenkapital hinterlegen. Die Eigenkapitalregeln (Säule I) werden in Basel II ergänzt durch einen intensiveren bankenaufsichtlichen Überprüfungsprozess (Säule II) und einer erweiterten Offenlegungspflicht (Säule III) zur Stärkung der Marktdisziplin. Vgl. Braun/Gstach, (2002), S. 30

[28] Hückmann, (2003), S. 23-31

[29] Wassmuth, (2004), S. 269

[30] Vgl. hierzu Kapitel V.3.3.3.2. Dabei wird ersichtlich, dass die Ratingverteilung der PI-Ratings von SFE im Gegensatz zu den Verteilungen der Solicit-Ratings die chinesischen Unternehmen deutlich schlechtere Ratings bekommen.

[31] Wassmuth, (2004), S. 268

[32] Ausfallkriterien sind Zahlungsverzug größer als 90 Tage oder die Bildung von Einzelwertberichtigungen.

[33] Hierzu können verschiedene statistisch-mathematische Verfahren eingesetzt werden. Bspw. Lineare Diskriminanzmodelle, Expertensysteme und künstliche neuronale Netze. Vgl. Munsch/ Weiß, (2004), S. 74-78

[34] Hückmann, (2003). S. 33. Knippschild, (2005), S. 18

[35] Wassmuth, (2004), S. 283

[36] Interview, Kersten, (2006)

[37] Näheres hierzu vgl. Fußnote 70

[38] www.cbrc.gov.cn/english

[39] Im Rahmen einer Financial Due Dilligence (FDD) wird eine Bestandsaufnahme aller für den geplanten Unternehmenserwerb finanzwirtschaftlichen Tatbestände u. a mit dem Substanzwert- oder Ertragswertverfahren aufgenommen. Ein Rating unterscheidet sich von einer FDD, da hier am Ende eine Notation steht, welche die Bonität eines Unternehmens vergleicht und nicht eine Summe die den Wert des Unternehmens wieder spiegelt. Vgl. Brau/Gstach, (2002), S.20

[40] Zhang, (2004), S. 46

[41] Zhang, (2004), S. 47-49

[42] BOC, Interim Report 2006, S. 46

[43] PBOC, China Monetary Policy Report Q1 2006, S. 13

[44] Zhang, (2004), S. 48-49. Interview, Kersten, (2006)

[45] Zhang, (2004), S. 50

[46] BOC, Interim Report 2006, S. 43

[47] Deutsche Bank Research, (2005), S. 42

[48] Nach Angaben der Deutschen Bank Research lag 2002 die Gesamtkapitalrendite (ROA) der Staatsbanken BOC und ICBC bei 0,15% und 0,3%. Bei den Geschäftsbanken China Merchants Bank und Pudong Dev. Bank lag die ROA bei 1,1% und 0,8%. Vgl. DB Research (a/2004), S.3

[49] Deutsche Bank Research, (2005), S. 17

[50] Deutsche Bank Research, China Spezial (a/2004), S. 13-19

[51] DB Research, (a/2004), S. 6

[52] Weitere wichtige Börsen der VR China sind die HKSE , die Warenbörsen für Agrarprodukte in Dalian, und Zhengzhou, die Terminbörse in Shanghai und die elektronischen Handelsysteme STAQ und NET.

[53] Börse Shanghai, Fact Book 2005, S. 2 ff.

[54] Wassmuth, (2004), S. 63

[55] www.sinomania.com. Abfrage 09.09.2006

[56] Börse Hongkong, China Stock Markets Web (2006)

[57] Die NYSE verzeichnete im April 2006 eine Marktkapitalisierung von 14.330 Mrd. USD, gefolgt von der Tokio SE mit 4.910 Mrd. USD. An achter Stelle folgt die Deutsche Börse mit einer Marktkapitalisierung von 1.470 Mrd. USD. Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/boerse. Abfrage 11.11.2006

[58] Pißler, (2002), S. 5. FAZ, ( 2006)

[59] Akkreditierungsbedingungen sind 5-30 jährige Erfahrungen im internationalen Wertpapiermanagement und Haftungskapital der Aspiranten in Milliarden Höhe. Vgl. CRSC, (2006), S.30

[60] Davon 64% in A-Aktien, 17% in Fonds, 7% in Wandelanleihen und 11% in Staatsanleihen.

[61] CSRC, (2006), S.27-31

[62] www.sinomania.com. Abfrage 09.09.2006

[63] Näheres zu den Handelsgebühren an der SHSE vgl. SHSE Factbook 2005 S. 22-37

[64] Wassmuth, (2004), S.84

[65] CRSC, (2006), S. 36

[66] Wassmuth, (2004), S. 84

[67] Deutsche Bank Research, (a/2004). S. 6

[68] Deutsche Bank Research, (a/2004). S. 1-2

[69] Wassmuth, (2004), S. 82

[70] Heilmann, (a/2001), S.7

[71] New York Times, (2006). China Daily, (Nov/2006)

[72] Deutsche Bank Research, (a/2004), S. 7

[73] lt. Pißler bezieht sich Corporate Governance „auf die innere Organisation im Unternehmen, auf die Eigentümerstruktur in Unternehmen sowie auf die Beziehung zwischen Unternehmen, Aktionären und andern am Unternehmen Beteiligten“. Hauptursachen der schwachen Corporate Governance sind nach Pißler der hohe Anteil staatseigener Aktien bei den Börsenzugelassenen Firmen, eine einseitige Konzentration von Aktienbesitz, nicht-handelbare Aktien und die schwache Rolle institutioneller Anleger. Vgl. Pißler, (2002), S. 2-8.

[74] CRSC, (2006), S. 1-3

[75] CRSC, (2006), S. 6. The Star, (Aug/2006)

[76] Pißler, (2004), S.2-3

[77] Pißler, (2004), S. 23

[78] Der Begriff Red-Chip ist angelehnt an den Begriff Blue-chips, welcher für Aktien von Unternehmen mit guter Performance und hohem Wachstumspotential benutzt wird. Red- Chips sind meist ehemalige chinesische Staatsbetriebe, deren Aktivitäten fast ausschließlich in China liegen, die an der HKSE erstnotiert wurden und ihren Firmensitz in Hongkong haben.

Weiter existieren so genannte Pf-Chips, also private Unternehmen, die ihre Erstnotierung in Hongkong, Singapur oder den USA vollzogen haben. Dieses Segment junger Unternehmen wird aufgrund seines Börsenerfolges in einem eigenen P-Chip-Index zusammengefasst. Vgl. Wassmuth, (2004), S. 67 und 80

[79] Setzt man den Kurs zum Gewinn ins Verhältnis erhält man nach der Fundamentalen Aktienanalyse (Methode zur Prognose von Aktienkursen, die sich auf betriebsinterne Ertragsdaten bezieht) die bewertungsrelevante Größe einer Aktie. Dieser Multiplikator beschreibt, mit welchem Faktor des bisherigen Jahresgewinns die Börse eine Aktie bewertet. KGV = Kurs / Gewinn pro Aktie, Kurs = KGV x Gewinn pro Aktie. Vgl. Busse, (2003), S. 193

[80] Yixing, (2005), S. 8

Ende der Leseprobe aus 145 Seiten

Details

Titel
Kapitalmarktentwicklung und Credit Rating in der Volksrepublik China
Hochschule
Hochschule München
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
145
Katalognummer
V73762
ISBN (eBook)
9783638734219
ISBN (Buch)
9783638903530
Dateigröße
3246 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kapitalmarktentwicklung, Credit, Rating, Volksrepublik, China
Arbeit zitieren
Diplom Betriebswirt (FH) Melchior Ballreich (Autor), 2007, Kapitalmarktentwicklung und Credit Rating in der Volksrepublik China, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73762

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