Innerhalb von Molières Gesamtwerk nimmt "Dom Juan" in doppelter Hinsicht eine Sonderstellung ein. Es ist die einzige Komödie im Gesamtwerk Molières, die der Dichter wegen ihrer schockierenden Wirkung definitiv vom Spielplan absetzen musste, während er sich im Falle des Tartuffe schließlich mit Hilfe des Königs gegen die dévots durchsetzen konnte. Außerdem ist "Dom Juan" diejenige seiner großen Komödien, die dem Regelkanon der französischen Klassiker heftig widersprach. In mancher Hinsicht stellt "Dom Juan" Molières unkonventionellstes Werk dar und ist in formaler und inhaltlicher Hinsicht ein literarischen Sonderfall im Zeitalter Ludwig XIV.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
La Formation de la Doctrine classique
Molière und das volkstümliche Theater
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Molières Werk Dom Juan zur klassischen Dramentheorie und analysiert, wie der Autor durch die Integration volkstümlicher Theatertraditionen mit dem aristotelischen Regelkanon bricht. Der Fokus liegt dabei auf der formalen und inhaltlichen Sonderstellung des Stücks im Kontext der französischen Klassik unter Ludwig XIV.
- Die Entwicklung und der Anspruch der klassischen Dichtungslehre (Doctrine classique).
- Einflüsse der Farce und der Commedia dell'arte auf Molières dramatisches Schaffen.
- Die Analyse der dramaturgischen Struktur von Dom Juan im Hinblick auf klassische Einheiten.
- Die Charakterzeichnung und der Konfliktaufbau als bewusste Abkehr von zeitgenössischen Sehgewohnheiten.
Auszug aus dem Buch
Die Akte im Dom Juan
Dem Regelkanon der Klassik entsprechend ist Dom Juan in fünf Akte eingeteilt. Die dramaturgische Bedeutung des einzelnen Akts im klassischen Drama ist an Aristoteles' Poetik angelegt. In den Kapiteln der Poetik, die sich mit dem Handlungsaufbau der Tragödie befassen, stellt Aristoteles fest, dass die Tragödie die Nachahmung einer in sich geschlossenen und ganzen Handlung ist, die eine bestimmte Größe hat; es gibt ja auch etwas Ganzes ohne nennenswerte Größe. Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat.
Aus der Forderung nach Anfang, Mitte und Ende, wobei der Mitte die Peripetie zugewiesen wird, ergibt sich für jeden der fünf Akte folgende Aufgabe in der Vorantreibung der Handlung: I Akt Exposition, II Akt Steigende Handlung mit erregendem Moment, III Akt Höhepunkt und Peripetie, IV Akt Fallende Handlung mit retardierendem Moment und Akt V Katastrophe.
Die Mehrheit der Literaturtheoretiker verneint, dass sich die Komödie Dom Juan in dieses Schema einordnen lässt. Aber es hat auch Arbeiten gegeben, die davon überzeugen wollten, dass die Bedeutung der Akte bei Molière den Bedeutungen der Akte im klassischen Sinn entspricht.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es wird die besondere Stellung von Molières Dom Juan als literarischer Sonderfall im Zeitalter Ludwigs XIV. hervorgehoben, der durch seine schockierende Wirkung den Spielplan verlassen musste.
La Formation de la Doctrine classique: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung der klassischen Dichtungslehre, deren dogmatische Regelpoetik Molière durch seine Komödien herausforderte.
Molière und das volkstümliche Theater: Hier wird der Einfluss von Traditionen wie der Farce und der Commedia dell'arte auf Molières individuellen Stil und seine Dramaturgie analysiert.
Schlüsselwörter
Molière, Dom Juan, Klassik, Aristotelismus, Doctrine classique, Farce, Commedia dell'arte, Dramaturgie, Theatergeschichte, 17. Jahrhundert, Komödie, Regelpoetik, Sganarelle, Ludwig XIV., Literaturtheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die formale und inhaltliche Sonderstellung von Molières Stück Dom Juan im Kontext der französischen Klassik und deren starrem Regelkanon.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Konflikt zwischen der aristotelischen Regelpoetik (Doctrine classique) und Molières unkonventioneller dramaturgischer Praxis sowie die Einflüsse volkstümlicher Theaterformen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Molière durch den bewussten Bruch mit klassischen Normen und die Einbettung von Elementen aus Farce und Commedia dell'arte ein Werk schuf, das die Sehgewohnheiten seiner Zeit herausforderte.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die historische Kontexte, dramaturgische Strukturanalyse und den Vergleich mit zeitgenössischen Theaterkonzepten kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entstehung der Doctrine classique, der Biografie Molières in Bezug auf seine Theatererfahrungen, der Analyse der volkstümlichen Traditionen im Werk und der strukturellen Untersuchung der Akte in Dom Juan.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören Molière, Dom Juan, Klassik, Aristotelismus, Farce, Commedia dell'arte und Dramaturgie.
Warum gilt Molières Werk als "literarischer Sonderfall"?
Es gilt als Sonderfall, weil es als einzige Komödie Molières wegen seiner schockierenden Wirkung abgesetzt wurde und in seiner Struktur sowie Charakterzeichnung massiv mit den Regeln der französischen Klassik kollidierte.
Welche Rolle spielen die Akte im Hinblick auf den klassischen Aufbau?
Während klassische Stücke strikt dem Aufbau von Exposition, Steigerung, Höhepunkt, retardierendem Moment und Katastrophe folgen, zeigt die Analyse, dass Dom Juan diese Erwartungen durch eine willkürlich wirkende Aneinanderreihung von Geschehnissen konterkariert.
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- Valerie Schmidt (Author), 2002, Das Problem der dramatischen Gattung bei Molières Dom Juan, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7380