Iacopo Sannazaro (1457-1530) gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Neapolitanischen Kultur im 15. und 16. Jahrhundert und schuf mit seinem Werk „Arcadia“, das im volgare geschrieben war, ein Modell für die Pastoraldichtung. Das literarische Arkadien ist aber nicht gleichzusetzen mit einer realen, geographischen Landschaft, sondern ist vielmehr ein Ort der freien Liebe und der Dichterkunst, in dem alle Menschen Hirten sind und im Einklang mit der Natur leben. Auch die Thematik der unglücklichen Liebe wird immer wieder in den Eklogen aufgegriffen. Dieses fiktive Arkadien geht zurück auf den lateinischen Schriftsteller Vergil, der seine Eklogen in eben diese Landschaft versetzte. Zudem galt Arkadien als Heimat des Hirtengottes Pan, der eine Hirtenflöte, die sog. Syrinx, aus einem Schilfrohr schnitt. Sannazaro verlegt seinen Schauplatz Arkadien in die Landschaft bei Neapel, seinem Geburtsort, und konstruiert eine Intertextualität zu Vergils Arkadien, indem er nicht nur die Idylle Arkadien aufgreift, sondern sich in seinem Prosimetrum immer wieder auf Vergils „Bucolica“ bezieht. So konstruiert Sannazaro beispielsweise eine Genealogie zu dem Hirtengott Pan, indem er Theokrit und Vergil erwähnt und somit die griechische und römische Antike verbindet. In Sannazaro’s X Ekloge nimmt Sincero (könnte mit Sannazaro gleichgesetzt werden) die gefundene Panflöte an sich, wodurch er sich neben Vergil und Theokrit zu den von Pan erwählten Dichtern zählt. Weiter funktioniert diese Genealogie in der V Ekloge, indem Sannazaro „vaccari“ (Kuhhirten) erwähnt, die im altgriechischen „bucolos“ genannt werden und dies wiederum eine Intertextualität zu Vergils „Bucolica“ ist (Metapoetische Benennung).
Im Folgenden werde ich auf die V Ekloge von Sannazaro’s „Arcadia“ eingehen. Das Idyll Arkadien stelle ich dem getrübten Bild dieses Ortes gegenüber und zeige anschließend den Bezug zwischen dem Grabmahl Androgeos und Massilias aus der X Ekloge auf. Zuletzt verdeutliche ich den Bruch des Arkadienbildes in diesem Kapitel, welches dadurch eingetrübt wird und die erwartete Standartrelation zu Neapel nicht erfüllt.
Inhaltsverzeichnis
A) Sannazaro’s Arcadia und Genealogie
B) Prosa/ Ekloge V
1. Ungebrochenes Idealbild von Arkadien
1.1. Sonnenuntergang bis Endes des Tages (Vers 1-8)
1.2. Morgendämmerung und Hirten kommen zu Androgeo’s Grabmahl (9-19)
2. Getrübtes Bild Arkadiens
2.1. Erwähnung des Grabes von Androgeo bis Ende der Prosa (Vers 20 – 36)
2.2. Klagelied Ergastos (Vers 1-68)
C) Bezug zu dem Grabmahl von Massilia (Ekloge X)
D) Bruch des Arkadienbildes und Vergleich zu Neapel
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Brechung des Arkadienbildes in Sannazaros Werk „Arcadia“, insbesondere in der V. Ekloge, und analysiert die Funktion der Grabmähler sowie den Bezug zwischen der fiktiven Hirtenwelt und der historischen Realität Neapels.
- Intertextuelle Bezüge zu Vergils „Bucolica“ und Petrarca.
- Die Darstellung des Todes als Element der Trübung des arkadischen Idylls.
- Die Funktion der Grabstrukturen als Wendepunkte im Werk.
- Der Vergleich zwischen dem idealisierten Arkadien und der Stadt Neapel.
- Die Bedeutung von Androgeo als tragische Figur und seine Verbindung zu klassischen Vorbildern.
Auszug aus dem Buch
1.2. Morgendämmerung und Hirten kommen zu Androgeo’s Grabmahl (9-19)
Am nächsten Morgen zum Morgengrauen erwachen die Hirten wieder aus ihrem Schlaf und begeben sich auf den Weg in die Wälder.
Auf deren Weg fragt Opico, ein älterer und sehr geschätzter Hirte, ob er die anderen Hirten führen solle, da er seit seiner Jugend mit dieser Gegend vertraut ist und beginnt anschließend Geschichten aus seiner Jugend und von einer verflossenen Liebe zu erzählen, was eine typische Anlehnung an Petrarca ist. „…con la mia falce scrissi il nome di quella che sovra tutti gli greggi amai…“ Der Name „Opico“ ist abgeleitet von dem Namen eines Volkes aus der Campania, wobei Sannazaro, wie des öfteren, auch diesen Namen möglicherweise für ein Synonym eines nicht identifizierbaren Mitglieds der „Accademia pontaniana“ verwendet.
Unter der Führung Opicos passieren die Hirten den arkadischen Fluss Erimanto und beginnen einen Berg aufzusteigen, wobei dieser Aufstieg durch die erschreckenden Laute der Nymphen, die in dieser Gegend wohnen, den Hirten erschwert wird. Nymphen, weibliche Naturdämonen und Gefolge des Gottes Merkur, werden in der Arcadia immer wieder angesprochen, ebenso wie andere Fabelwesen.
Zusammenfassung der Kapitel
A) Sannazaro’s Arcadia und Genealogie: Dieses Kapitel führt in Sannazaros Arkadien-Konzept ein, das als intertextuelle Weiterentwicklung von Vergils Bucolica und Theokrit verstanden wird.
B) Prosa/ Ekloge V: Hier wird der Kontrast zwischen dem paradiesischen Alltag der Hirten und der Störung durch den Tod des Androgeo im Zentrum der Analyse beleuchtet.
C) Bezug zu dem Grabmahl von Massilia (Ekloge X): Das Kapitel untersucht die strukturelle Spiegelung durch ein zweites Grabmahl und die Vertiefung der Grab- und Todesmotivik im Werk.
D) Bruch des Arkadienbildes und Vergleich zu Neapel: Abschließend wird gezeigt, wie Sannazaro die idealisierte Fiktion Arkadiens mit der politischen Realität Neapels verknüpft und das Arkadienbild durch diese Relativierung neu definiert.
Schlüsselwörter
Sannazaro, Arcadia, Hirtendichtung, Arkadien, Vergils Bucolica, Intertextualität, Androgeo, Grabmahl, Neapel, Pastoraldichtung, Klagelied, Opico, Ergasto, Renaissance, Lyrik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die inhaltliche und poetologische Brechung des arkadischen Idylls in Sannazaros „Arcadia“ durch das Motiv des Todes.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Intertextualität zu klassischen Vorbildern, die Funktion von Grabmählern als narrative Wendepunkte und die Beziehung zwischen literarischer Fiktion und historischer Realität.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Sannazaro durch die Einführung des Todesmotivs sein Arkadienbild eintrübt und den Bezug zu seiner Geburtsstadt Neapel neu bestimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, insbesondere den Vergleich von Primärtexten mit antiken Vorbildern (Vergil, Theokrit) sowie die Einbeziehung zeitgenössischer kunstgeschichtlicher und historischer Kontexte.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des ungebrochenen Idylls, die Analyse der Todes- und Klagelieder von Opico und Ergasto sowie den Vergleich der Grabstrukturen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Sannazaro, Arcadia, Intertextualität, Arkadienbild, Tod, Grabmahl, Neapel und Pastoraldichtung.
Warum spielt die Figur des Androgeo eine so bedeutende Rolle?
Androgeo fungiert als zentrale tragische Figur, durch deren Tod die Hirtenwelt ihre Unschuld verliert und das arkadische Idyll seine idealisierte Form einbüßt.
Inwiefern unterscheidet sich Sannazaros Arkadien von dem Vergils?
Während bei Vergil der Tod Daphnis' eine begrenzte Einwirkung hat, führt Sannazaro durch eine verdoppelte Grabstruktur eine intensivere Präsenz des Todes und eine komplexere Verknüpfung zur Realität ein.
Was bedeutet die Aussage, dass das Arkadienbild „gebrochen“ wird?
Der Begriff beschreibt den Übergang von einem paradiesischen, statischen Idyll hin zu einer Welt, die durch Sterblichkeit, Trauer und reale politische Bezüge eingetrübt wird.
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- Katharina Bindl (Autor), 2007, Analyse: Tod in Arkadien: Das Grabmahl des Androgeo, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73865