Kunst- und Künstlerdiskurs in Reinhard Johannes Sorges "Der Bettler"


Hausarbeit, 2007

18 Seiten, Note: 13


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Bettler-Künstler
2.1 Der Titel im Bezug zu Drama und Künstlertum
2.1.1 Zur Typisierung der dramatis personae in „Der Bettler“
2.1.2 Das Bettler-Motiv im literaturgeschichten Kontext der Entstehungszeit
2.1.3 Der Künstler als Bettler
2.1.4 Intertextualität des Dramas

3 Die Kunst des Dichters
3.1 Darstellung
3.2 Die Kunst als Sendung
3.3 Die Kunst des Dichters im Verhältnis zu den Werken seines Umfeldes
3.3.1 Die erwartete Kunst der Kritiker
3.3.2 Das Werk des Vaters
3.3.3 Das Werk des Mädchens: Das Muttertum

4 Schluss

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Theodor W. Adorno schrieb 1920 in einer Kritik über die expressionistische Kunst mit Blick auf Sorges Drama „Der Bettler“: „Die kommenden Tage, in die wir gebannt unseren Blick eingesenkt halten, werden uns künden, ob der neue Wille neue Wahrhaftigkeit zu gebären die Kraft in sich trägt“[1]. „Der Bettler“ erfährt in der heutigen Theaterlandschaft keine Rezeption. Lediglich in der Literaturwissenschaft ist Sorges Drama noch präsent. Könnte dies schon Antwort auf Adornos Fragestellung sein?

In der Sekundärliteratur ragen vor allem die Arbeiten Martin Rockenbachs und Hans Gerd Rötzers heraus. Beide gehen in ihren Gesamtdarstellungen von Sorges Werk auf „Der Bettler“ als Sorges Hauptwerk gründlich ein. Wobei sich Rockenbach vor allem auf die Dramaturgie konzentriert und Rötzer eher entstehungsgeschichtliche Aspekte und einzelne Themen und Motive des Dramas analytisch darstellt. Eine der jüngeren Beiträge der Forschungsliteratur ist die eher sprachwissenschaftliche Analyse von Susanne Götz. „Der Bettler“ findet in den Gesamtdarstellungen zur Literaturgeschichte des Expressionismus weitgehend Erwähnung, jedoch kaum in analysierender Form. Meist dient darin der Bezug zu „Der Bettler“ dazu, typisch expressionistische Dramatik exemplarisch darzustellen. Dabei wird immer davon ausgegangen, dass dieses Drama ein expressionistisches sei, obgleich es kaum in diesem Bewusstsein verfasst wurde.

Reine Analysen zum Kunst- und Künstlerdiskurs fallen in der Sekundärliteratur rar aus, Was eventuell an der Komposition des Dramas liegt, in der verschiedenste Themen komplex miteinander verwoben sind. Diese Lücke kann die folgende Arbeit nicht füllen. Sie versucht in Teilaspekten einen groben Überblick des Kunst- und Künstlerdiskurses herzustellen.

2 Der Bettler-Künstler

2.1 Der Titel im Bezug zu Drama und Künstlertum

Der im Dramentitel angekündigte Bettler findet im Drama selbst keine wörtliche Entsprechung. Weder eine Figurenbezeichnung, noch eine Vokabel bezieht sich konkret auf einen Bettler oder das Bettlertum. Dramentext und Titel stehen in einem unaufgeklärten Spannungsverhältnis.

2.1.1 Zur Typisierung der dramatis personae in „Der Bettler“

Es liegt nahe, den Titel als Kennzeichnung der Hauptfigur zu verstehen. Ein solches Vorgehen wird aber durch den Aufbau des Dramas selbst erschwert, denn die Hauptfigur findet sich in vier Typisierungen gesplittet[2]: „Der Sohn“, „Der Bruder“, „Der Dichter“ und „Der Jüngling“.[3] Die verschiedenen Typen „werden im Text kenntlich allein durch den Wechsel der Sprecherangabe; es werden keine Veränderungen im äußeren Erscheinungsbild, auch keine voneinander unterscheidbaren sprachlichen Verhaltensweisen notiert.“[4] Der Wechsel ist abhängig von der Funktion, die die Figur „dem jeweiligen Partner gegenüber zu verkörpern hat.“[5]

Eine Möglichkeit die Titelproblematik zu lösen, wäre, den Bettler als Überbegriff der verschiedenen Erscheinungsformen der Hauptfigur zu sehen und in ihm den von allen sozialen wie rollenspezifischen Pflichten losgelösten Menschen zu finden. Dieser Interpretation nach müsste das dem Bettlertum Eigene im Wesen aller Formen der Hauptfigur zu finden sein und somit auch im Künstlertum des Dichters seine Eigenschaften zeigen.

Um diese These zu belegen, bedarf es einer Definition des Bettler-Motivs in der Literaturgeschichte zur Entstehungszeit des Dramas „Der Bettler“:

2.1.2 Das Bettler-Motiv im literaturgeschichten Kontext der Entstehungszeit

Für den Expressionismus definiert Rothe das Bettlertum als „Grundausstattung des Menschen, symbolisiert seinen Mangel-Charakter als Erdwesen, ist Metapher für dessen prinzipielle Defizienz“.[6]

Der Bettler fungiert als Figur am Rande einer Gesellschaft, als deren Kontrast. Unter christlich-theologischen Gesichtspunkten steht der Bettler in der Tradition des Ausgestoßenen Jesu.[7] Wie Jesu macht der Bettler „den großen Bruch zwischen Altem und Neuem sichtbar.“[8]

Der Bettler ist aber auch eine, gerade zur Entstehungszeit des Dramas „Der Bettler“, durch Nietzsche geprägte Figur.[9] In „Also sprach Zarathustra“ wird zum Beispiel ein „freiwilliger Bettler“ beschrieben, „ein friedfertiger Mensch und Berg-Prediger, aus dessen Augen die Güte selber predigte [...] der sich seines Reichthums schämte und der Reichen, und zu den Ärmsten floh, dass er ihnen seine Fülle und sein Herz schenke“, womit er aber scheiterte, denn „sie nahmen ihn nicht an“ und so ging er „zu den Thieren und zu d[ies]en Kühen“[10] Er wird als „Schaffender“ und Jünger Zarathustras charakterisiert. Diese sind „von Verzweiflung, von Ekel vor der philiströsen Bürgerwelt und der Sehnsucht nach dem toten Gotte“[11] getrieben.

Shearier versteht den Bettler als einen sich zwischen verschiedenen Welten und Existenzen bewegenden „wandering thinker“.[12] Der Bettler selbst verkörpere so den Menschen an sich. Die Rollen, die der Mensch im sozialen Kontext einzunehmen hat, wären nur Fassaden.

2.1.3 Der Künstler als Bettler

Im Gegensatz zu Nietzsches „freiwillige[n]r Bettler“ erlaubt die Kunst dem Dichter keine Wahl: Er lebt in der „Pflicht“[13] zu seiner Kunst. Seit der Kindheit[14] war ihm nur das Werk Herr[15]. Die Kunst ist sein ausschließlicher Existenzgrund[16].

Mit Nietzsches Gedankengut gemeinsam hat der Dichter die Abwendung vom Bürgerlichen[17], wie die Sehnsucht nach Höherem, nach Gott.[18]

Vor allem aber der Aspekt der Aufteilung der Hauptfigur in vier Typen, hinter denen das Individuelle verschwindet, lässt Anklänge von Sheariers Bettlerdefinition erkennen: Die eigentliche Hauptfigur wird zum Wanderer zwischen verschiedenen, vom sozialen Umfeld abhängigen, Existenzen. Von diesen beginnt sie sich im Dramenverlauf stückweise zu lösen. Mit dem Mord an den Eltern verliert die Hauptfigur die Rolle des Sohnes, im Bruch mit dem Freund auch diese Rolle. Allerdings vollziehen sich diese Loslösungen nur äußerlich. Innerlich bleibt er (in der Erinnerung) Sohn und Freund.[19] Dieses Wandern spiegelt sich auch wieder im Wechsel des Schrifttypus (Wechsel zwischen Vers und Prosa) der Hauptperson.

[...]


[1] Theodor W. Adorno: Expressionismus und künstlerische Wahrhaftigkeit. Zur Kritik neuer Dichtung. In: Noten zur Literatur. Frankfurt a. M. 19946.S. 609-611.; S. 611

[2] Dass diese Formen von einem Darsteller gespielt werden und somit Formen einer Person sind, darauf verweist folgende Regieanweisung: „ Mutter und Sohn (der Dichter) sitzen am Tisch einander gegenüber (Profil). “ (Sorge 1985; S. 31)

[3] Daneben treten noch Erscheinungen der Hauptfigur auf: „Die drei Gestalten der Zwiesprache“(„Die Erscheinung des Mannes“, „Die Erscheinung der ersten Frau“, „Die Erscheinung der zweiten Frau“) und „Die Gestalt des Dichters“.

Auch die übrigen Figuren des Stückes tragen in der dramatis personae keine Eigennahmen, sondern zeichnen sich durch ihre Berufe, verwandtschaftliche, soziale Beziehungen oder ihr Alter und Geschlecht aus; zB. „Die Kokotten“, „Die Schwester“, „Gäste des Kaffehauses“. Die Figuren sind aber nicht namenlos: In der Figurenrede findet sich die namentliche Benennung des Mädchens („Susanne“ Sorge 1985; S. 49, S. 58, S. 71) sowie der Schwester („Hedi“ Ebd. S. 35, S. 38, S. 44, S. 58, S. 71).

[4] Susanne Götz: Bettler des Wortes. Irritationen des Dramatischen bei Sorge, Hofmannsthal und Horváth, Frankfurt a. M. 1998. S. 29-88. hier S. 42.

[5] Eberhard Lämmert: Das expressionistische Verkündigungsdrama. In: Literatur und Gesellschaft. Festschrift für Benno von Wiese. Hrsg. Von H.J. Schrimpf. Bonn 1963. S. 309-329. hier S. 315.

[6] Wolfgang Rothe: Der Expressionismus. Theologie, soziologische und anthropologische Aspekte einer Literatur. Frankfurt a. M. 1977. S. 349. In „Der Bettler“ manifestiert sich diese Unzulänglichkeit des Menschen vor allem in der Unausführbarkeit der Sendung des Dichters durch die Unzulänglichkeit der menschlichen Sprache.

[7] Wolfgang Rothe: Der selige Bettler. Anmerkungen zu einem Topos des Expressionismus. In: German Life & Letters 23 (1969/70). S. 71-84

[8] Ebd. S. 84

[9] Es finden sich in Sorges früher wie mittleren Schaffenszeit starke Einflüsse des Werkes Friedrich Nietzsches wieder. Vgl. Hans Gerd Rötzer: Diss. Reinhard Johannes Sorge. Theorie und Dichtung, Diss. Erlangen 1961. S. 19-32.

[10] Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und keinen. Wiesbaden-Berlin o.z.A. S. 238-241. hier S. 331.

[11] Heidemarie Oehm: Subjektivität und Gattungsform im Expressionismus. München 1993. S. 138

[12] Stephen Shearier: Modernist Consciousness and Mass Culture. Alientation in „Der Bettler“ by Reinhard Sorge. In: German Studies Review 11 (1988). S. 227-240. hier S. 234.

[13] Vgl. Sorge 1985; S. 20

[14] Vgl. Ebd. S. 23: „Schon als ich Kind war, und dann mählich reifte / Und mächtig wuchs und zwang und fort mich trieb / [...]“

[15] Vgl. Ebd.

[16] Worin sich auch die Typisierung erklärt: Ein Dichter stellt das Dichten dar; Ein Bruder das Brüderliche und ein Jüngling die Hingebung zu einem Mädchen.

[17] So ist ihm z.B. die Ausübung eines Berufes zum Broterwerb eine Beschmutzung seiner Selbst Vgl. Sorge 1985; S. 78

[18] Diese Sehnsucht spiegelt sich anfangs noch in Farb- und Dingsymbolen (blau, Sonne, Krone) wieder (Vgl. Rötzer S. 50-52 sowie S. 59), im vierten Aufzug aber benennt der Dichter diese Sehnsucht erstmals als Sehnsucht zu Gott: „Aus ihrer Sehnsucht spinnt sie (Anm. d. Verf.: die Seele) sich zu Gott!“ Sorge 1985; S. 75

[19] Vom Freund trennt er sich mit den Worten: „Lieber, laß uns beide rein bleiben und Freunde. – Wir müssen uns für ein Leben trennen, aber wir bewahren einander in uns nach wie vor. [...] wir sind für das Leben nicht mehr zu trennen. [...] Laß uns Freunde bleiben und auseinander gehen.“ Ebd. S.

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Details

Titel
Kunst- und Künstlerdiskurs in Reinhard Johannes Sorges "Der Bettler"
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für neuere deutsche Literatur)
Veranstaltung
Dramatik der frühen Moderne
Note
13
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V73891
ISBN (eBook)
9783638784139
ISBN (Buch)
9783638797276
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunst-, Künstlerdiskurs, Reinhard, Johannes, Sorges, Bettler, Dramatik, Moderne
Arbeit zitieren
Lea Schäfer (Autor), 2007, Kunst- und Künstlerdiskurs in Reinhard Johannes Sorges "Der Bettler", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73891

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