Reinhard Johannes Sorge "Der Bettler" gilt als eines der ersten expressionistischen Dramen und prägte somit die Dramaturgie der Moderne. Sorge Selbst durchlief während der kurzen Zeit des Schreibend an diesem Drama einen inneren Wandlungsprozess von den Gedanken Nietzsches hin zum Katholizismus. "Der Bettler" entstand in Zeiten innerem und äußerem Wandel und drückt eben jenes Lebensgefühl an der Figur des Künstler-Menschens aus. Was die Kunst in dieser Dramenwelt ist und wo in ihr der Künstler positioniert ist soll die folgende Arbeit herausarbeiten.
Theodor W. Adorno schrieb 1920 in einer Kritik über die expressionistische Kunst mit Blick auf Sorges Drama „Der Bettler“:
„Die kommenden Tage, in die wir gebannt unseren Blick eingesenkt halten, werden uns künden, ob der neue Wille neue Wahrhaftigkeit zu gebären die Kraft in sich trägt“ . „Der Bettler“ erfährt in der heutigen Theaterlandschaft keine Rezeption. Lediglich in der Literaturwissenschaft ist Sorges Drama noch präsent. Könnte dies schon Antwort auf Adornos Fragestellung sein?
In der Sekundärliteratur ragen vor allem die Arbeiten Martin Rockenbachs und Hans Gerd Rötzers heraus. Beide gehen in ihren Gesamtdarstellungen von Sorges Werk auf „Der Bettler“ als Sorges Hauptwerk gründlich ein. Wobei sich Rockenbach vor allem auf die Dramaturgie konzentriert und Rötzer eher entstehungsgeschichtliche Aspekte und einzelne Themen und Motive des Dramas analytisch darstellt. Eine der jüngeren Beiträge der Forschungsliteratur ist die eher sprachwissenschaftliche Analyse von Susanne Götz. „Der Bettler“ findet in den Gesamtdarstellungen zur Literaturgeschichte des Expressionismus weitgehend Erwähnung, jedoch kaum in analysierender Form. Meist dient darin der Bezug zu „Der Bettler“ dazu, typisch expressionistische Dramatik exemplarisch darzustellen. Dabei wird immer davon ausgegangen, dass dieses Drama ein expressionistisches sei, obgleich es kaum in diesem Bewusstsein verfasst wurde.
Reine Analysen zum Kunst- und Künstlerdiskurs fallen in der Sekundärliteratur rar aus, Was eventuell an der Komposition des Dramas liegt, in der verschiedenste Themen komplex miteinander verwoben sind. Diese Lücke kann die folgende Arbeit nicht füllen. Sie versucht in Teilaspekten einen groben Überblick des Kunst- und Künstlerdiskurses herzustellen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Bettler-Künstler
2.1 Der Titel im Bezug zu Drama und Künstlertum
2.1.1 Zur Typisierung der dramatis personae in „Der Bettler“
2.1.2 Das Bettler-Motiv im literaturgeschichten Kontext der Entstehungszeit
2.1.3 Der Künstler als Bettler
2.1.4 Intertextualität des Dramas
3 Die Kunst des Dichters
3.1 Darstellung
3.2 Die Kunst als Sendung
3.3 Die Kunst des Dichters im Verhältnis zu den Werken seines Umfeldes
3.3.1 Die erwartete Kunst der Kritiker
3.3.2 Das Werk des Vaters
3.3.3 Das Werk des Mädchens: Das Muttertum
4 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Kunst- und Künstlerdiskurs in Reinhard Johannes Sorges Drama „Der Bettler“. Dabei wird der Forschungsfrage nachgegangen, wie sich das Künstlertum des Protagonisten im Spannungsfeld zwischen persönlicher Sendung, gesellschaftlichem Anspruch und der Fehlbarkeit menschlicher Sprache entwickelt.
- Analyse des Bettler-Motivs und dessen Funktion als Metapher für den modernen Menschen.
- Untersuchung der typisierten Hauptfigur als Wanderer zwischen verschiedenen Existenzen.
- Reflektion der „dramatischen Sendung“ des Dichters im Kontext expressionistischer Ästhetik.
- Gegenüberstellung des Dichter-Werks mit den Schöpfungen von Vater und Mädchen.
- Deutung der künstlerischen Menschwerdung und der Hinwendung zum genealogischen Prinzip.
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Titel im Bezug zu Drama und Künstlertum
Der im Dramentitel angekündigte Bettler findet im Drama selbst keine wörtliche Entsprechung. Weder eine Figurenbezeichnung, noch eine Vokabel bezieht sich konkret auf einen Bettler oder das Bettlertum. Dramentext und Titel stehen in einem unaufgeklärten Spannungsverhältnis.
Es liegt nahe, den Titel als Kennzeichnung der Hauptfigur zu verstehen. Ein solches Vorgehen wird aber durch den Aufbau des Dramas selbst erschwert, denn die Hauptfigur findet sich in vier Typisierungen gesplittet: „Der Sohn“, „Der Bruder“, „Der Dichter“ und „Der Jüngling“. Die verschiedenen Typen „werden im Text kenntlich allein durch den Wechsel der Sprecherangabe; es werden keine Veränderungen im äußeren Erscheinungsbild, auch keine voneinander unterscheidbaren sprachlichen Verhaltensweisen notiert.“ Der Wechsel ist abhängig von der Funktion, die die Figur „dem jeweiligen Partner gegenüber zu verkörpern hat.“
Eine Möglichkeit die Titelproblematik zu lösen, wäre, den Bettler als Überbegriff der verschiedenen Erscheinungsformen der Hauptfigur zu sehen und in ihm den von allen sozialen wie rollenspezifischen Pflichten losgelösten Menschen zu finden. Dieser Interpretation nach müsste das dem Bettlertum Eigene im Wesen aller Formen der Hauptfigur zu finden sein und somit auch im Künstlertum des Dichters seine Eigenschaften zeigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung bettet das Drama in den expressionistischen Kontext ein und identifiziert den Mangel an spezifischen Untersuchungen zum Kunst- und Künstlerdiskurs als Ausgangspunkt der Arbeit.
2 Der Bettler-Künstler: Dieses Kapitel analysiert die Titelproblematik, die Typisierung der Hauptfigur in ihre vier Erscheinungsformen sowie das Bettler-Motiv als zentrales Merkmal der existentiellen menschlichen Defizienz.
3 Die Kunst des Dichters: Hier wird die Sendung des Dichters untersucht, wobei die Diskrepanz zwischen künstlerischem Ideal und der Fehlbarkeit der Sprache sowie die Abgrenzung zu den Werken des Vaters und des Mädchens im Vordergrund stehen.
4 Schluss: Das Schlusskapitel fasst die Entwicklung des Dichters vom sendungsbewussten Propheten zum Menschen zusammen und deutet die Sehnsucht nach Ewigkeit als Hinwendung zum genealogischen Fortbestehen.
Schlüsselwörter
Reinhard Johannes Sorge, Der Bettler, Expressionismus, Künstlerdiskurs, Dramatische Sendung, Bettler-Motiv, Künstlertum, Sprachkritik, Identität, Vater-Sohn-Konflikt, Menschwerdung, Symbolik, Literaturwissenschaft, Moderne, Schaffensprozess.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit behandelt die Untersuchung des Kunst- und Künstlerdiskurses im Drama „Der Bettler“ von Reinhard Johannes Sorge und hinterfragt dabei die Rolle des Künstlers in der frühen Moderne.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte des Künstlertums, die Bedeutung der „dramatischen Sendung“, das Bettler-Motiv als existenzielle Metapher sowie die Beziehung des Künstlers zu seiner sozialen Umwelt und seinen Vorbildern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, einen Überblick über den komplexen Kunstdiskurs in Sorges Drama zu geben und aufzuzeigen, wie die Figur des Dichters versucht, ihre künstlerische Mission innerhalb der menschlichen Endlichkeit zu realisieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse des Dramentextes unter Einbeziehung zeitgenössischer Sekundärliteratur und existentieller sowie mythologischer Deutungsansätze.
Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Figurenkonstellation, die Definition des Künstlertums als Pflicht, die Auseinandersetzung mit den Erwartungen der Kritiker und den Vergleich mit den Werken von Vater und Mädchen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Expressionismus, Sprachkritik, das Bettler-Motiv, die künstlerische Sendung und der Prozess der Menschwerdung.
Warum wird die Hauptfigur in vier Typisierungen gesplittet?
Die Aufteilung spiegelt die Vielschichtigkeit der Identität wider, wobei die Figur je nach sozialer Funktion und Interaktion als Sohn, Bruder, Dichter oder Jüngling auftritt, während der Kern als „Bettler“ erhalten bleibt.
Welche Bedeutung hat das Werk des Vaters für den Dichter?
Das Werk des Vaters dient als negativer Kontrast und als Ursprung der eigenen Sendung, wobei der Vater für die mythologische Komponente (Mars) steht, die der Sohn erst in der Selbsterkenntnis überwinden muss.
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- Lea Schäfer (Author), 2007, Kunst- und Künstlerdiskurs in Reinhard Johannes Sorges "Der Bettler", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73891