Lopes 'A mis soledades voy...' - Versuch einer umfassenden Interpretation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
22 Seiten, Note: 2+

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Selbstreflektion und Gesellschaftskritik : Die Interpretationen von Fichter/Sánchez y Escribano, Trueblood und Ávila.
1.1 Die Interpretation von Fichter/Sánchez y Escribano
1.2 A.S. Trueblood
1.3 F. Àvila

2. Philosophische Deutungen
2.1 A. Carreño
2.2 G. Serés

3. Ein „umfassende“ Interpretation
3.1 Die zentralen Themen der Romanze
3.2 Synthese der Interpretationen

Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Romanze „A mis soledades voy“ ist nicht nur das vielleicht bekannteste poetische Werk Lope de Vegas, nach der Ansicht zahlreicher Philologen gehört sie auch zum engsten Kreis seiner besten Gedichte.[1] Für ihre Qualität spricht auch die bis heute anhaltende Popularität der Romanze.[2] Sie findet sich im 1. Akt des Lesedramas La Dorotea, jenem Werk, das Edward Morby als „las [sic!] más rica y meditada de sus [Lopes] obras, la más compleja (...)“[3] bezeichnet. Fernando, Lopes alter ego singt sie bei sei­nem ersten Auftritt für seinen Kameraden Julio, nachdem er sie mit den Worten „Oye un ro­mance de Lope“[4] angekündigt hat. Das genaue Entstehungsdatum des Gedichtes ist nicht bekannt, lässt sich aber auf den Zeitraum von 1628 bis zum erscheinen der Dorotea 1632 ein­grenzen.[5]

Viele der besten Kenner des spanischen Barocks haben während der letzten 70 Jahre Deutungen des Gedichtes verfasst. Und großen Unterscheide zwischen diesen Deutungen sprechen nicht etwas für die Ignoranz einiger Interpreten, sondern vor allem für die literari­sche Qualität des Werkes. Die Interpretationen reichen von Vossler und Spitzer, die einen mystischen Charakter in dem Gedicht sehen, über Fichter und Sánchez y Escribano, die dieser Interpretation entschieden widersprechen, bis in die heutige Zeit: Antonio Carreño hat vielleicht die sorgfältigste Arbeit über die Semantische Struktur des Gedichtes vorgelegt. Ähnlich wie A.S. Trueblood betont er die Gegensatzstruktur und die Spannungen in der Romanze, die den Zwiespalt zwischen homo socius und homo solus ausdrücken. Francisco Ávila fügte einen neuen Aspekt hinzu, indem er einen Teil des Gedichtes als Angriff auf den Lope Kritiker Pellicer darstellt. Erst 1998 wurden von G. Serés zum ersten Mal die philosophischen, neostoischen Hintergründe ausführlich beleuchtet. Alle erwähnten Autoren sind sich der früheren Studien bewusst. Mit der Ausnahme von Fichter verstehen sie ihre Deutung jeweils als Ergänzung der vorhandenen Arbeiten. So ist ein sehr vielfältiges Spektrum von Deutungen entstanden, die nur in ihrer Gesamtheit dem Gedicht gerecht werden können. Allerdings stehen diese Interpretationen unverbunden nebeneinander, es gibt keinen Versuch einer umfassenden Interpretation der Romanze. Diese Arbeit wird versuchen, eine solche Deutung vorzunehmen. Mit der Bezeichnung „umfassend“ soll hier kein endgültiger Vollständigkeitsanspruch erhoben werden. Unter „umfassend“ soll vielmehr verstanden werden, dass alle dem Autor bekannten bis heute erschienen Interpretationsansätze einbezogen werden. Dieses Vorhaben bringt zahlreiche Schwierigkeiten mit sich, trotzdem erscheint es aus zwei Gründen als lohenswert. Zum einen hilft es Widersprüche zwischen den verschiedenen Deutungen aufzudecken, zum anderen finden sich die verschiedenen Themen ja nicht völlig getrennt voneinander in dem Gedicht. Die umfassende Interpretation erlaubt es, auch die Auswahl der Themen und ihre Verknüpfung in die Deutung mit einzubeziehen und so zu einem eigenständigen, z.T. neuen Verständnis des Werkes zu gelangen.

Für diese Arbeit ergibt sich daraus folgendes Vorgehen. Zunächst sollen die verschiednen Interpretationen kritisch dargestellt und diskutiert werden. Dabei werden zunächst jene Interpretationen behandelt, die den Gedanken der Selbstreflektion und Gesellschaftskritik besonders stark in den Vordergrund rücken, die Ansätze von Fichter/Sánchez y Escribano (1.1), Trueblood (1.2) und Ávila (1.3). Im zweiten Teil werden die stärker philosophisch orientierten Interpretationen von Carreño (2.1) und Serés (2.2) behandelt. Dabei wird die Verarbeitung des Neostoizismus besonders ausführlich behandelt, da sich hierzu in der Literatur kaum konkrete Bezüge finden. In einem dritten Teil werden die verschiedenen Deutungen miteinander Verbunden. Zunnächst werden die Hauptthemen der Romanze aus den Interpretationen zusammengefasst (3.1). Aus dem Verhältnis der drei Hauptthemen wird eine neue, stark philosophisch geprägte Interpretation gewonnen(3.2).

1. Selbstreflektion und Gesellschaftskritik : Die Interpretationen von Fichter/Sánchez y Escribano, Trueblood und Ávila.

1.1 Die Interpretation von Fichter/Sánchez y Escribano

Fichter und Sánchez y Escribano widersprechen mit ihrer Interpretation einem sieben Jahre älteren Artikel von Leo Spitzer, in dem er die Romanze im Kontext einer mystisch-bukolischen Tradition betrachtete.[6] Während Spitzer die Wurzeln des Gedichtes in einem Werk von Raimundus Lullus sieht, behaupten Fichter und Sánchez y Escribano eine Kombination aus zwei Gedichten sei Lopes Inspiration gewesen: Zum einen ein altes cantarcillo, beginnend mit den Versen „A la villa voy, de la villa vengo“, zum anderen eine Ballade die Lope selbst zugeschrieben wird. In ihr beklagt der Autor die Übel des Madrider Lebens um sich dann, ähnlich wie in „A mis soledades voy“, in die Einsamkeit zu flüchten.[7]

Entsprechend sehen Fichter und Sánchez y Escribano das Wort „ soledades “ auch nicht als mystisch sondern betonen: „it has a strictly lay meaning“. In aller Deutlichkeit wird formuliert: „there ist nothing mystic in this poem.“[8] Die Position der soledad wird zum Ausgangspunkt für Gesellschaftskritik. Anders als in seinem früheren Gedicht, wo Lope sich vor einer gescheiterten Liebe in die Einsamkeit flüchtete, erkennen Fichter und Sánchez y Escribano einen gereiften Dichter. Die Romanze begreifen sie in erster Linie im Kontext einer „satiro-moral current in Spanish poetry“[9]. Zwar erkennen sie an, dass Lope das bekannte beatus ille Motiv Horaz’ verarbeitet (Vgl. V. 93-108), weigern sich aber daraus einen allgemeinen bukolischen Charakter der Romanze abzulesen. Wichtig erscheint in diesem Kontext die Beobachtung, dass in A mis soledades voy eine Trennung zwischen der Sehnsucht nach Einsamkeit und der Gesellschaftskritik vorliegt.[10]

Die Interpretation von Fichter und Sánchez y Escribano ist in vielerlei Hinsicht beachtlich. Im Gegensatz zu Spitzers etwas „schwammigen“ Artikel ist die Analyse präzise und beleuchtet viele der Kernthemen der Romanze. Die Darstellung der Gesellschaftskritik als zentralem Aspekt und die Beschreibung der soledades als „traditional vantage ground from which to view the shortcomings of society“ sind von besonderer Bedeutung. In der Debatte um die Wurzeln des Gedichtes (ohnehin eine Diskussion von fraglichem Wert) können sie jedoch nicht völlig überzeugen: Auch Spitzers Vorschlag, das Gedicht von Raimundus Lullus, das er in der deutschen Übersetzung zitiert ist erscheint plausibel:

Man sagt zu dem Freunde: - Wo gehst Du hin? - Ich komme von meinem Geliebten. – Woher kommst Du? – Ich gehe zu meinem Geliebten. – Wie lange wirst Du bei Deinem Geliebten bleiben? – Solange als meine Gedanken bei ihm bleiben werden.[11]

Bei aller berechtigten Kritik an Spitzer ist die radikale Ablehnung aller mystischen Interpretationen an einigen Stellen problematisch. Sie führt dazu, dass der philosophisch/religiöse Hintergrund der Romanze außen vor bleibt. Schon die geringe Bedeutung die Fichter und Sánchez y Escribano dem beatus ille Motiv zumessen fällt auf: „Lope, (...), may well have thought about it [the beatus ille theme, S.K.] again when writing ‚A mis soledades voy...’“[12]. Lopes Verweis auf Horaz könnte aber kaum deutlicher sein: Auch bei Horaz spricht der Städter über die Landbevölkerung[13]. So wie Lope die Unabhängigkeit gegenüber Adligen preist, heißt es auch bei Horaz: „Forumque vitat et superba civium
potentiorum limina“[14]. Auch die Form der 16 Zeilen aus A mis soledades voy, eine Aufzählung der Vorzüge des ländlichen Lebens, erinnert an die Epode von Horaz. Insgesamt handelt es sich hier wohl eher um ein bewusstes Zitat als um ein zufälliges Erinnern. Wird Horaz noch erwähnt, fehlt im Artikel von Fichter und Sánchez y Escribano jeglicher Verweis auf die stoisch-philosophischen Elemente der Romanze. Wo der philosophische Gehalt des Gedichtet betrachtet werden müsste, greift die Interpretation als satirisch-gesellschaftskritisches Gedicht zu kurz.

[...]


[1] Vgl. für viele andere Guillermo Serés, „’A mis soledades voy...’. Fuentes Remotas y Motivos Principales“, in: Anuario Lope de Vega IV (1998), S. 327-337, S. 327.

[2] So findet es sich z.B. auf vielen privaten Webseiten, wie z.B. www.rjgeib.com/thoughts/vega/vega.html oder members.tripod.com/Heron5/anto/amisole.htm .

[3] Edwin S. Morby, „Introducción“, in: Lope Felix de Vega Carpio, La Dorotea, Edición, introducción y notas de Edwin S. Morby, Madrid 1980, S. 9.

[4] Lope de Vega, La Dorotea, S. 87.

[5] In V. 55-56 nimmt Lope Bezug auf die Abwertung des Kupfergeldes im August 1628, vgl. die Anmerkung in: Lope Felix de Vega Carpio, Rimas Humanas y Otros Versos, Edición y estudio preliminar de A. Carreño, Barcelona 1998. Alle Zitate und Versangaben im Text beziehen sich auf diese Ausgabe von A mis soledades voy.

[6] Spitzers Interpretation „A mis soledades voy“, in: RFE, XXIII (1936) S. 397-400, heute von den meisten Autoren abgelehnt (so etwa Antonio Carreño, El Romancero lírico de Lope de Vega, Madrid 1979, FN 51). Aus diesem Grund wird auf eine nähre Darstellung seiner auf der Arbeit von Vossler aufbauenden Ausführungen verzichtet.

[7] Vgl. William Fichter/ F. Sánchez y Escribano, „The Origin and Character of Lope de Vega’s A Mis Soledades Voy”, in: Hispanic Review 1943, S. 304-313, S.304-309.

[8] Fichter/Sánchez y Escribano, Origin and Character, S. 311.

[9] ebd. S. 313.

[10] Vgl. Fichter/Sánchez y Escribano, Origin and Character, S. 313.

[11] Spitzer, A mis soledades, S. 398.

[12] ebd.

[13] haec ubi locutus faenerator Alfius,
iam iam futurus rusticus, (Z. 76-77)

Horaz Episode 2. Zitiert nach der Ausgabe auf den Seiten des Horace’s Villa projects, der UCLA:

www.humnet.ucla.edu/horaces-villa/poetry/Epode2.html

[14] Z. 7-8

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Lopes 'A mis soledades voy...' - Versuch einer umfassenden Interpretation
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Spanische Lyrik des Barock
Note
2+
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V7390
ISBN (eBook)
9783638146715
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Umfassende Behandlung der Sekundärliteratur. 195 KB
Schlagworte
Lope de Vega spanischer Barock, Neostoizismus
Arbeit zitieren
Sebastian Karcher (Autor), 2002, Lopes 'A mis soledades voy...' - Versuch einer umfassenden Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7390

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