Die Dido-Minne in Heinrich von Veldekes Eneasroman


Seminararbeit, 2004
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Didos Minnemonologe

3. Zur Schuldfrage innerhalb der Dido-Minne

4. Didos Konflikt zwischen Minne und Ehre

5. Abschiedsgespräch zwischen Dido und Eneas

6. Bewertung der Dido-Minne

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der 'Eneasroman' von Heinrich von Veldeke berichtet über die Flucht des Eneas aus dem brennenden Troja, die schicksalshafte Liebesbeziehung zur karthagischen Königin Dido und schließlich von seiner glückenden Erringung der Landesherrschaft und der Gründung des späteren Rom.

Die umfangreiche Dichtung in Reimpaarversen ist der erste deutschsprachige Antikenroman und setzt den Anfang des höfischen Romans in deutscher Sprache. Hierbei handelt es sich um eine Bearbeitung des altfranzösischen 'Roman d'Eneas', der um 1160 wohl im Umkreis des anglo-normannischen Hofes Heinrichs II. entstand; dieser ist ebenfalls eine Bearbeitung von Vergils lateinischem Epos 'Aeneis'.

Im Folgenden möchte ich mich speziell mit der Dido-Minne in Veldekes Werk auseinandersetzen.

2. Didos Minnemonologe

Sie beginnt ihren Monolog mit einer Klage: 'waz sal werden der armen frouwen Dîdôn?' (51,16f. = 1362f.). Schon hier wird die düstere Prophezeiung des künftigen Unglücks zwischen den Zeilen klar. Sie schildert ihren leidvollen Zustand und sucht nach Gründen. Sie sieht ihr Minneleid als Strafe (sie leit michel ungemach 52,1 = 1387) und fragt sich: 'wie lange sal ez sus stân? waz hân ich dem tage getân?' (52,3f. = 1389f.). Sie verknüpft zudem ihre leidvollen Erfahrungen mit dem Leid der Trojaner und des Eneas.

Didos Liebe wird einerseits nach antikem und französischem Vorbild, aber auch mythologisch durch den Kuss der Venus begründet, andererseits psychologisch erklärt: das gemeinsame Schicksal der schuldlosen Vertreibung aus der Heimat, der Flucht und der Existenz in der Fremde. Es kündigt sich bei der ersten Begegnung mit Eneas an, dass Dido versucht, ihr Leben mit dem des Eneas in schicksalhafter Gemeinschaft zu verbinden - dies wird im Klagemonolog aufgenommen und gerät im Abschiedsdialog mit Eneas zum Höhepunkt:

69,10 = 2076 'jâ ne was ez niht mîn rât, daz man Troie zerbrach, dâ mir sô grôz ungemach ane was gehalden. waz sal des nû gewalden? hazzet den der ez geriet. ichn slûch ouch ûwern vater niet.' Wieder versucht sie, die Ursache für ihr Leiden zu finden.

Sie beklagt den Verlust ihrer Tugenden: ouwê, war sal mîn êre und mîn rât und mîn sin, daz ich her zû komen bin? (52,16ff. = 1402ff.). Diese sind die Qualitäten, die sie als Königin in besonderem Maße auszeichneten, bevor sie von der Liebe überwältigt wurde. Gegen die Gewalt der Minne erweisen sich selbst die intellektuellen Fähigkeiten

als machtlos. Ihr Schicksal ist vorgezeichnet, die Ausschließlichkeit ihres Begehrens gewährt keinen Raum zur Reflexion über Ehre und Pflicht. Das artikuliert sich in dem Wunsch, ihr Liebessehnen möge erhört werden: 'ob ich iemer sal genesen, od ich mûz schiere tôt wesen.' (52,21f. = 1407f.).

In der Klage der Dido - ein Monolog von 20 Versen - werden bereits alle wesentlichen Elemente der Dido-Minne formuliert: ihre Verkennung der eigenen Rolle, der Verlust der Ehre und ihr Tod.

Nachdem die Minne Besitz von ihr ergriffen hat, gehorchen ihr die sinne nicht mehr. Erst im Angesicht des Todes ist Dido für Momente fähig, den Verlust ihrer intellektuellen Fähigkeiten und damit den Zusammenbruch ihrer Persönlichkeit rational zu erfassen:

76,32 = 2378 'ouwî êre unde gût, wunne unde wîstûm, gewalt unde rîchtûm, des hete ich alles mîn teil.'

Jetzt spricht sie Eneas von jeder Schuld frei; im Gegensatz zum Abschiedsgespräch, bei dem sie, vom Schmerz überwältigt, Vorwürfe gegen ihn erhebt: 'wande ir sît es âne scholt' (76,17 = 2363). Sie gewinnt Einsicht in die arglose Zuneigung des Eneas und in die Lauterkeit seiner Absichten, die letztlich einem höheren Gebot als dem der Minne unterliegen: 'ir wâret mir genûch holt' (76,18 = 2364). Seine Zuneigung war also ehrlich und wahr, weil sie seiner eigentlichen Bestimmung angemessen war; sie baut ihre jedoch auf falschen Voraussetzungen auf: 'ich minnete ûch zunmâzen.' (76,19 = 2365). Man könnte darauf schließen, dass rehte minne im Einklang mit der Bestimmung des Menschen einhergeht. Die Minne zeigt erst dort ihre negativen und heillosen Wirkungen, wo sie sich nicht höherem Wollen unterordnet. Wenn Dido bekennt, dass ihre Liebe das zulässige Maß überschritten hat, möchte sie dennoch ihre große Liebe rechtfertigen, indem sie ihre Zügellosigkeit auf den Verlust ihrer rationalen Fähigkeiten zurückführt - das ist ein Zugeständnis ihrer Schwäche und eine Kapitulation vor der Übermacht der Minne: 'ouwê, unsenfte minne, wie dû mich hâst bedwungen! (76,28f. = 2374f.).

Dido charakterisiert ihre tödliche Liebeserfahrung ausdrücklich nicht als Konsequenz einer schuldhaften Verfehlung, sondern als tragische Zuspitzung einer unheilvollen Liebeskonstellation:

76,36 = 2382 'daz is ein michel unheil, daz ich ez sus mûz enden ze mînen missewenden und alsus grôzem mînem schaden.

Dido spricht zwar davon, Eneas zu verzeihen, aber sie befreit ihn nicht von der Schuldzuweisung an ihrem Tod. Nicht sie hat ihre Ehre aufs Spiel gesetzt, sondern sie sieht ihr Liebesgeständnis als Entehrung durch Eneas. Sie bekennt: 'ich mûz dorchstechen daz herze, daz mich verriet.' (77,20f. = 2406f.).

Dido ist selbst verantwortlich für den tragischen Ausgang, denn sie erkennt nun die Gebundenheit des Eneas an einen Plan, in dem sie zu Unrecht einen Platz beansprucht hat:

77,22 = 2408 'war umbe ensterbete ich mich niet, do ich zem êrsten quelen began unde ich den fremden man alsô tumblîche nam, der dorch mich niht here quam?' In den letzten Sätzen wird klar, worin die Unglückliche ihre wahre Schuld erkennt: 77,32 = 2418 'nû is after lande mîn laster vile mâre, und mûz ouch offenbâre mîn schade vile grôz wesen, wand ich ne wil niht genesen.'

Dido ist schuldig geworden am Volk, denn als Königin eines mächtigen Reiches hat sie ehrlos gehandelt, da sie dessen Ansehen riskierte. Mit dem offenkundigen Verlust an Ehre scheint sie nicht nur die höfischen Konventionen verletzt zu haben, sondern auch ihr Wort gebrochen zu haben, was einer Schande gleichkommt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Dido-Minne in Heinrich von Veldekes Eneasroman
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Veranstaltung
Proseminar: Heinrich von Veldeke „Eneasroman“
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V74034
ISBN (eBook)
9783638784214
ISBN (Buch)
9783640204137
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dido-Minne, Eneasroman, Veldeke, Heinrich, Eneas, Minnemonolog, Dido, Lavinia, Mediävistik, Ältere Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Nelli Schulz (Autor), 2004, Die Dido-Minne in Heinrich von Veldekes Eneasroman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74034

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