Die Motivik in F. I. Tjutèevs lyrischem Werk „Не то, что мните вы, природа...“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

23 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Tag- und Nachtsymbolik
1.1 Tag
1.2 Nacht

2. Meeressymbolik

3. Das Aufgehen in der Natur

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Natur hat in F. I. Tjutčevs lyrischem Werk ein ambivalentes Dasein: zum einen zeichnet Tjutčev die helle, zum anderen die dunkle Seite der Natur. Seine Lyrik zeichnet sich insbesondere durch „Bipolarität“ aus: „Seine Dichtung ist in den meisten Fällen bei der Behandlung der gleichen Thematik ‚bipolar’, d. h. er hat für das gleiche Thema einerseits lichte und helle Farben sowie harmonische und fröhliche Klänge, andererseits düstere und unheimliche Farben und Töne.“[1] Die Opposition von Tag- und Nachtseite der Natur bildet bei Tjutčev ein zentrales Paradigma. „Unser Poet“, so Vladimir Solov’ev in seinem berühmt gewordenen Aufsatz „Die Poesie Tjuttschews“, „ist gleichermaßen für die beiden Seiten der Wirklichkeit empfänglich; er vergisst nie, daß dieses helle Tages-Antlitz der lebendigen Natur, das er so tief zu empfinden und so glänzend darzustellen versteht [...] nicht der Urgrund des Weltalls ist.“[2] Aus diesem Grund schätzte Solov’ev die Bedeutung Tjutčevs hoch ein. Das, was Tjutčev in seinem lyrischen Werk in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts thematisiert, finden wir ein halbes Jahrhundert später bei den Symbolisten vertreten. Tjutčevs zentrale Motive werden nicht nur von Solov’ev, sondern auch von anderen Symbolisten, wie z. B. Valerij Brjusov[3] neu entdeckt und in ihrer Wirksamkeit auf den Symbolismus neu bewertet. Auf die Bedeutung Tjutčevs für die Symbolisten weist Blagoj in seiner Arbeit „Творчество Тютчева“ hin: „Cимволисты воспринимают Тютчева не только, как своего литературного ‚предтечу’, ‚первого русского символистa', ‚учителя поэзии для поэтов’, но и в качестве ‚пророка, учителя жизни’.“[4]

Charakteristisch für Tjutčevs „philosophische“[5] Lyrik sind Naturgedichte, die romantische Themen[6] wie die Nacht, das Meer, das Chaos oder den Traum zum Gegenstand haben, und in denen eine Berührung Tjutčevs mit der Dichtung und der Philosophie der deutschen Romantik anklingt.[7] Besonders das Motiv der Nacht, das Tjutčev wiederholt entfaltet und in seinem lyrischen Werk so augenfällig erscheint, verbindet ihn mit Eichendorff, Novalis und vor allem mit Schelling, wie Toporov in seiner Arbeit „Заметки о поэзии Тютчева“ feststellt.[8]

In dieser Arbeit soll eine Untersuchung zur Lyrik Tjutčevs in Bezug auf ihre grundlegenden thematischen und motivischen Strukturen durchgeführt werden. Die vorliegende Arbeit betrachtet nicht das Gesamtwerk Tjutčevs, sondern beschäftigt sich ausschließlich mit bestimmten Motiven. Ziel der Arbeit ist die Darstellung zentraler Motive als auch die Erhellung ihres funktionellen Zusammenhangs in Tjutčevs lyrischem Werk. Im ersten Kapitel der Arbeit wird das archetypische Gegensatzpaar Tag und Nacht zuerst einer Einzeldarstellung unterzogen, bis sie in eine direkte Konfrontation treten. Dabei sollen die Elemente des Tag- und Nachtraums bestimmt werden, und es gilt in diesem Kapitel vor allem herauszuarbeiten, welche Funktion der Tag- und Nachtseite der Natur in Tjutčevs Lyrik zukommt. Im zweiten Kapitel der Arbeit wird die Meeressymbolik in den Blick genommen und hinsichtlich ihrer Bedeutung für das lyrische Werk Tjutčevs untersucht. Im dritten und letzten Kapitel soll Tjutčevs pantheistische Naturauffassung beleuchtet werden. Dabei wird ein Seitenblick auf die Spuren des Einflusses der Naturphilosophie des deutschen Idealismus auf Tjutčevs Lyrik zu werfen sein.

1. Tag- und Nachtsymbolik

1.1. Tag

Das archetypische Gegensatzpaar Tag und Nacht, das eine grundlegende motivische Opposition in Tjutčevs Lyrik bildet, erscheint in seinem lyrischen Werk am deutlichsten.[9] Die Beschaffenheit zweier gänzlich unterschiedlichen Welten, der Tag- und Nachtseite[10] der Natur, nimmt in Tjutčevs „philosophischer“ Lyrik eine zentrale Stellung ein.

Das Motiv des Tages scheint verglichen mit der Nachtwelt in Tjutčevs Lyrik weniger ausgeprägt. Der positiv gewerteten Tagseite der Natur steht bei Tjutčev die negative Symbolik des Tages gegenüber. Die Epitheta, mit denen der Tag in folgenden Textstellen gekennzeichnet wird, weisen auf die positive Wertigkeit des Tages hin: „веселый“, „пышно-золотой“ (Tjutčev, I, 23); „отрадный“, „любезный“ (I, 118); „чудный“ (I, 215). In „День и ночь“ (I, 98), einem Gedicht mit einem sehr hohen Abstraktionsgrad und schwach entwickelten bildlichen Elementen, tritt der Tag als die Tageszeit hervor, welche die „Belebung der Erdgeborenen“ und die „Heilung der leidenden Seelen“ vermag. Der Tag gilt als „Freund der Menschen und Götter“. Die Opposition von Tag und Nacht, die bereits im Titel angelegt ist, bestimmt das gesamte Gedicht. Unterstrichen wird die Gegenüberstellung auch durch syntaktische Mittel. Die erste Strophe des Gedichts ist dem Tag gewidmet, die zweite der Nacht. Die beiden Strophen stehen in einem augenfälligen Kontrast sowohl formal als auch inhaltlich zu einander. In „День и ночь“ gleicht der Tag einem über den „namenlosen“ Abgrund ausgebreiteten Schleier[11] (покров), der die Menschheit vor der unmittelbaren Erfahrung des Grauens schützt:

„На мир таинственных духов,
Над этой бездной безымянной[12],
Покров наброшен златотканный
Высокой волею богов.
День – сей блистательный покров
[...]

Но меркнет день – настала ночь;
Пришла – и с мира рокового
Ткань благодатную покрова,
Сорвав, отбрасывает прочь...
И бездна нам обнажена
С своими страхами и мглами,
[...]

Der „goldgewobene“ Schleier erweist sich als eine wohltätige Illusion, die uns den Anblick des Abgrundes erträglich macht. Der Tag wird bei Tjutčev zum Verhüllungs-raum. Erst wenn der Tag schwindet, zieht die Nacht das „segensreiche Gewebe des Schleiers“ weg und enthüllt zugleich den „namenlosen“ Abgrund aber auch das verborgene Geheimnis des Seins, die verdeckte Wirklichkeit. Tjutčevs Bild des Tages als „goldgewobener“ Schleier erweist sich als ambivalent. Einerseits figuriert der Schleier als Schutz vor der Abgründigkeit der Natur, andererseits verbirgt er die volle Offenbarung.

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Vergleich mit dem Gedicht „Святая ночь на небосклон взошла..“. Die Thematik beider Gedichte, der Übergang von Tag zu Nacht sowie das Schleiermotiv, stehen einander auffälligerweise nahe. Auf diesen Zusammenhang weist auch Zelinsky hin: „Svjataja noč’ na nebosklon vzošla..“ [...] erweist sich im Ganzen als eine vertiefende Variation der zweiten Strophe des ersten Gedichts [День и ночь]. Die Bild- und Sinnstruktur beruht auf dem gleichen metaphorischen Durchwirktsein von Teppich und Tag sowie von Abgrund und Nacht.“[13] Hier liegen die wesentlichen Elemente alle in gleicher Weise vor wie in „День и ночь“: „Святая ночь на небосклон взошла, / И день отрадный, день любезный / Как золотой покров она свила, / Покров, накинутый над бездной. /..“ (I, 118).

Das Schleiermotiv ist bei Tjutčev auch in einem weiteren Gedicht realisiert. In „Как сладко дремлет сад темно-зеленый..“ begegnet das Motiv des Schleiers jedoch in einer abgewandelten Form, es erfährt eine Modifizierung. Nicht der Tag, sondern die Nacht figuriert hier als über die Tagwelt gefallener Vorhang: „..На мир дневной спустилася завеса; /..“ (I, 74). In der Verwendung des Schleiermotivs erweist sich deutlich Tjutčevs Nähe zur Schopenhauerschen Idee in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“,[14] die Welt sei eine Illusion, eine Täuschung, verhüllt vom „Schleier der Maja“.[15] Das Motiv des Schleiers, das sowohl bei Tjutčev als auch in der Philosophie Schopenhauers verarbeitet ist, ist in der altindischen Philosophie wieder. Dort ist der „Schleier der Maja“ ein Bild für Schein und Trug. Maja, die Göttin der Illusion, überdeckt mit ihrem Schleier die wahre Wirklichkeit, das eigentliche Wesen. Nach Schopenhauer muss der Schleier durchstoßen werden, um die Dinge an sich, das Wirkliche und Reale sehen zu können. Auch Dudek sieht bei Tjutčev eine Nähe zur über Schopenhauer vermittelten Nirwana Vorstellung:

[...]


[1] Tschižewskij 1977, I, 131.

[2] Solowjew 1953, 363.

[3] Vgl. Brjusov 1975, 200ff.

[4] Blagoj 1933, 232. Hervorhebung durch Kursivschrift dort.

[5] Bubnoff 1956, 91.

[6] Bei Blagoj 1933, 193 findet sich dazu folgende Stelle: „следуя в основном романтической темати-ке, Тютчев вносит в нее некоторые специфически-свои мотивы, сообшает ей специфическую окрашенность.“

[7] Vgl. u.a. Tschižewskij 1977, 134; Toporov 1990, 33ff; Schneider 1982, 202.

[8] Vgl. Toporov 1990, 34.

[9] Vgl. Toporov 1990, 48.

[10] Dabei fällt auf, dass der Nachseite der Natur bei Tjutčev in der Forschung mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, die Analyse der Tagessymbolik wird dagegen eher vernachlässigt.

[11] Zur Symbolik des Schleiermotivs im lyrischen Werk Tjutčevs vgl. Blagoj 1933, 202; Toporov 1990, 53; Bubnoff 1956, 96ff.; Hansen-Löve 1998, 111.

[12] Hervorhebungen hier und auch in weiteren Zitaten aus der Lyrik Tjutčevs durch N. Bastron.

[13] Zelinsky 1975, 86. Auf diesen Zusammenhang weist auch Blogoj 1933, 203 hin.

[14] Schopenhauer 1991, Bd. 1.

[15] Vgl. Philosophisches Wörterbuch (Jahr fehlt) 468.

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Details

Titel
Die Motivik in F. I. Tjutèevs lyrischem Werk „Не то, что мните вы, природа...“
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Fedor Tjutèevs Lyrik
Note
1,0
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V74094
ISBN (eBook)
9783638881913
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Motivik, Tjutèevs, Werk, Fedor, Tjutèevs, Lyrik
Arbeit zitieren
Anonym, 2006, Die Motivik in F. I. Tjutèevs lyrischem Werk „Не то, что мните вы, природа...“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74094

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