Franz Schubert und das Lied sind in der europäischen Musikgeschichte untrennbar miteinander verknüpft. Die als tiefsinnig und ausdrucksstark empfundenen Lieder erfreuen sich bis heute ungebrochener Beliebtheit. Vertonungen von Texten Friedrich Schillers je- doch gehören zu den weitgehend unbekannten Liedern Schuberts, nur sehr vereinzelt sind sie im Konzertsaal zu hören. Wie kommt es, dass zwei wichtige Vertreter der Weimarer und der späten Wiener Klassik in der Synthese nicht zu einem solchen Bekanntheitsgrad gelangen konnten wie jeder Künstler für sich?
Seine über 600 Vokalkompositionen hat Schubert vorrangig nach Texten von Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller geschrieben . Schuberts Goethe-Lieder, an erster Stelle Gretchen am Spinnrade und der Erlkönig, gehören zu seinen bekanntesten Lied- kompositionen, während die 33 Lieder nach Texten von Schiller nur selten veröffentlicht wurden und Anerkennung fanden. Die ersten Lieder Schuberts, als Opus 1 bis 3 im Druck erschienen, sind sechs Vertonungen Goethescher Texte, während die Schiller-Lieder mit der Gruppe aus dem Tartarus, op. 24,1, sehr spät erstmalig in seinem Opus repräsentiert sind. Insgesamt sind nur zwölf Schiller-Lieder zu Schuberts Lebzeiten veröffentlicht worden . Ein Tagebucheintrag Schuberts vom 13. Juni 1816 lässt die allgemeine Vorliebe seiner Zeitgenossen für Goethevertonungen erahnen: „Ich spielte Variationen von Beethoven, sang Göthe’s rastlose Liebe u. Schillers Amalia. Ungetheilter Beyfall ward jenem, diesem minderer.“ So kann geschlussfolgert werden, dass die Textauswahl für Schubert maßgebenden Einfluss auf Anlage und Erfolg der daraus entstehenden Komposition hatte. Umgekehrt könnte allerdings auch der mäßige Erfolg als Ursache für die regressive Beschäftigung Schuberts mit Schiller-Texten zu sehen sein. [...] Im Zentrum dieser Arbeit soll nicht das Verbindende zwischen Dichter und Komponist stehen, sondern die Veränderung der kompositorischen Vorgehensweise Schuberts durch die Auseinandersetzung mit den Texten Schillers. Die Schiller-Lieder repräsentieren sowohl Schuberts erste Kompositionsversuche als auch den Beginn seines Spätwerks. Somit lassen sich stilistische Entwicklungen Schuberts, die durch die Beschäftigung mit Schillertexten ausgelöst worden sein könnten, über den Zeitraum von 15 Jahren exemplarisch nachvollziehen. Häufig wird davon ausgegangen, dass Schubert mit Gretchen am Spinnrade am 14. Oktober 1814 ein plötzlicher Durchbruch zum neuen Ideal der roman- tischen Liedästhetik gelungen ist . Das scheint jedoch nicht der Fall. Vielmehr zeugen die über vielen Liedkompositionen vor diesem Datum von einer intensiven Auseinandersetzung Schuberts mit tradierten und sich neu ausprägenden Formen sowie mit ästhetischen Vorstellungen. Die Umsetzung der textlichen Vorlagen in seinen Schiller-Liedern, den allmählichen Wandel der Begleitformen und den veränderten Umgang mit Harmonik werde ich mit dieser Arbeit untersuchen und versuchen nachzuzeichnen. – Mein Interesse für diese Kompositionen wurde außerdem durch die Tatsache geweckt, dass die Gedichte und Balladen Schillers, von ihrer strophischen Anlage abgesehen, in der Regel nicht für eine Vertonung geeignet erscheinen . Die überwiegend unregelmäßige Syntax, Verschiebungen der Betonungsakzente und ihr ausgedehnter Umfang mussten Schubert zu neuen Wegen und Lösungen in der musikalischen Umsetzung geradezu herausfordern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Thematik und Forschungsstand
1.2. Methodik der Untersuchungen
2. Musikalische Lyrik zu Beginn des 19. Jahrhunderts
2.1. Kompositorische Praxis
2.2. Das Kunstlied
3. Vergleichende Analysen
3.1. Der Dichter
3.2. Der Komponist
3.3. Liedauswahl
3.3.1. Eine Leichenfantasie
3.3.2. Des Mädchens Klage
3.3.3. Die Götter Griechenlandes
3.4. Die Begleitung
3.4.1. Begleitung mit Melodieführung
3.4.2. Begleitung als harmonische Stütze
3.4.3. Eigenständige Begleitung
3.5. Vor-, Zwischen- und Nachspiele
3.6. Harmonik
4. Kompositorische Stationen in den Schiller-Liedern
5. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der kompositorischen Vorgehensweise Franz Schuberts durch seine Auseinandersetzung mit den Texten von Friedrich Schiller, um die stilistischen Veränderungen über einen Zeitraum von 15 Jahren nachzuvollziehen.
- Analyse des Liedschaffens von Franz Schubert anhand von Schiller-Texten.
- Untersuchung des Wandels von Begleitformen und Harmonik in den Vertonungen.
- Gegenüberstellung früher Kompositionsversuche mit Werken aus späteren Schaffensphasen.
- Erforschung des Wort-Ton-Verhältnisses und der Umsetzung literarischer Vorlagen.
- Einordnung der Schiller-Lieder in den zeitgenössischen Kontext der Liedästhetik.
Auszug aus dem Buch
3.3.1. Eine Leichenfantasie
Die in der Anthologie von 1782 veröffentlichte Leichenfantasie gehört zur Jugendlyrik Schillers. Der plötzliche Tod seines Schulfreundes Christoph August von Hoven hatte ihn stark erschüttert und im Jahr 1780 dazu veranlasst, die Leichenfantasie zu schreiben. Dieses neunstrophige Gedicht thematisiert die Dramatik und die Endgültigkeit des Todes. In stark emotional gefärbter Sprache wird der Antagonismus der schönen, heiteren Momente des Lebens und der unbedingten Grausamkeit des Todes in kontrastierenden Abschnitten dargestellt.
Bereits zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bezeichnete Schiller seine Jugendlyrik selbstkritisch als „überspannt“. Überspannt wirken vor allem das Pathos seiner Sprache und die Fülle der expressiven und kontrastreichen Bilder. Schiller wollte den Leser auf diese Art „an Rosenketten zu dem Himmel“ leiten oder „mit Donnern vor dem Abgrund“ warnen. Die extremen Mittel, die er dazu nutzt, schaffen in der Leichenfantasie vor allem plakative Dramatik und bewirken statt der intendierten Ergriffenheit eher emotionale Distanz.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beleuchtet den Forschungsstand zu Schuberts Schiller-Liedern und erläutert die methodische Herangehensweise der Untersuchung.
2. Musikalische Lyrik zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Beschreibt die ästhetischen Rahmenbedingungen der Gattung Lied um 1800 und die Rolle der Berliner sowie Wiener Liederschulen.
3. Vergleichende Analysen: Analysiert den Einfluss von Dichter und Komponist sowie spezifische Parameter wie Liedauswahl, Begleitung und Harmonik anhand ausgewählter Beispiele.
4. Kompositorische Stationen in den Schiller-Liedern: Fasst die stilistischen Entwicklungen und kompositorischen Veränderungen in Schuberts Umgang mit Schiller-Texten zusammen.
5. Schlusswort: Resümiert die Ergebnisse der Untersuchung und bewertet die Bedeutung von Schuberts Schiller-Vertonungen für sein Gesamtwerk.
Schlüsselwörter
Franz Schubert, Friedrich Schiller, Kunstlied, Strophenlied, Durchkomponiertes Lied, Begleitung, Harmonik, Liedästhetik, Leichenfantasie, Des Mädchens Klage, Die Götter Griechenlandes, Kompositionsstil, Musikgeschichte, Wiener Klassik, Wort-Ton-Verhältnis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Liedvertonungen von Franz Schubert nach Texten von Friedrich Schiller und analysiert, wie sich Schuberts kompositorischer Stil durch diese spezifische Textauswahl verändert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Liedbegleitung, der harmonischen Gestaltung und der textlich motivierten kompositorischen Entscheidungsprozesse Schuberts.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den kompositorischen Wandel Schuberts im Umgang mit Schillers Lyrik über einen Zeitraum von 15 Jahren anhand exemplarischer Lieder aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine vergleichende Analyse von Liedtexten und Vertonungen, wobei Kriterien wie das Wort-Ton-Verhältnis, Begleitstrukturen, Vor- und Nachspiele sowie die Harmonik als Analysewerkzeuge dienen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert intensiv die Liedauswahl, insbesondere die Leichenfantasie, Des Mädchens Klage und Die Götter Griechenlandes, sowie die verschiedenen Ausprägungen der Klavierbegleitung und harmonische Neuerungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Schubert, Schiller, Kunstlied, Begleitung, Harmonik, Liedästhetik und die Analyse spezifischer Werkgruppen wie der frühen Leichenfantasie.
Welche Rolle spielt Zumsteeg in dieser Analyse?
Zumsteeg wird als wichtiger Einflussfaktor für Schubert genannt, insbesondere im Hinblick auf die Übernahme von dramatischen Stilmitteln und das Rezitativ in den Schiller-Vertonungen.
Warum wurde Die Götter Griechenlandes als besonders repräsentativ ausgewählt?
Das Werk gilt als besonders repräsentativ, da es nach Ansicht der Autorin dem Charakter eines romantischen Kunstliedes am meisten entspricht und wesentliche Entwicklungstendenzen in der Begleitung verdeutlicht.
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- Michala Garbe (Author), 2006, Lieder Franz Schuberts nach Texten von Friedrich Schiller, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74101