Zwischen Russischer Revolution und Erster Republik - Die Tiroler Arbeiterbewegung gegen Ende des "Großen Krieges"

Unter besonderer Berücksichtigung der tirolspezifischen Verhältnisse und der wechselseitigen Beziehungen zum Staatsapparat


Diplomarbeit, 1999
186 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

TEIL I
EINLEITUNG
1. Einleitende Worte
1 ) Vorweggenommene Kritik
2. Zur Methodologie
1 ) Vorverständnis
2 ) Zur Arbeitsmethodik

TEIL II
TIROL UND DIE ARBEITERBEWEGUNG
1. Das Kronland Tirol
1 ) Demographie:
A Das Verwaltungsterritorium der Statthalterei für Tirol und Vorarlberg
2 ) Verwaltung
3 ) Strukturen und Entwicklungsstränge:
2. Steiniger Boden
1 ) Die politische Landschaft in Tirol:
2 ) Zur These der ”Klassenharmonie” in Tirol:
3. Die Arbeiterbewegung und Tirol
1 ) Erste Schritte
2 ) Der Tiroler Klerus und die Sozialdemokratie
3 ) Landbevölkerung und Arbeiterbewegung
4 ) Parteipresse und Wahlrechtskampf
5 ) Die Russische Revolution von 1905
6 ) Wahlen
7 ) Frauenorganisation
8 ) Schwierigkeiten
9 ) Institutionen
10 ) Die Tiroler Arbeitergewerkschaft
11 ) Vor dem Krieg
4. Zentren der Arbeiterbewegung in Tirol
5. Die Christliche Arbeiterschaft

TEIL III
BURGFRIEDEN UND HUNGER
1. Der Burgfrieden
1 ) Die Tiroler Bewegung und der Burgfrieden
2. Lebensverhältnisse und Versorgungslage
1 ) Bevölkerungsverteilung
2 ) Landwirtschaft
3 ) Kriegseinflüsse
A Frauen und Kinder an der Heimatfront
B Soldaten und Standschützen
C Der Handel bricht zusammen
D Die Versorgung des Militärs
E Die Preissteigerungen
F Die Versorgungslage
3. Die Lage der Tiroler Arbeiterschaft

TEIL IV
DIE WIEDERBELEBUNG EINGESCHRÄNKTER POLITISCHER AKTIVITÄT
1. Das Zurückdrängen der Militärdiktatur
1 ) Die Ermordung des Ministerpräsidenten
2 ) Die Nachfolge Kaiser Karls
3 ) Die Aufhebung der Verordnung Nr. 156
4 ) Die Wiedereinberufung des Reichsrates
5 ) Die Lockerung der Zensur- und Versammlungsrichtlinien
A „Das verordnete Schweigen”
B Versammlungsrichtlinien
6 ) Die Russische Revolution
7 ) Die Beschwerdekommissionen
8 ) Der Allerhöchste Gnadenerlaß
2. Die Versammlungstätigkeit der Tiroler Arbeiterbewegung
1 ) Themenschwerpunkte der Versammlungen in Innsbruck
2 ) Grundlegende Positionen der Tiroler Sozialdemokraten
3 ) Positionen der Behörden zur Arbeiterbewegung
A Militär
B Statthalterei
C Andere

TEIL V
FRAUENBEWEGUNG – VORARLBERG – SÜDTIROL/TRENTINO
1. Die sozialdemokratische Frauenbewegung und der Krieg
2. Die Vorarlberger Arbeiterbewegung
1 ) Die wichtigste Figur der Vorarlberger Sozialdemokraten:
3. „Welschtirol”
1 ) Das Trentino
2 ) Der Krieg und Italienisch-Tirol
3 ) Sozialdemokratie im Trentino
4 ) Die Irredenta und die „Unerlöste Sozialdemokratie”
5 ) Politische Einschätzungen gegen Kriegsende
TEIL VI
HEXENJAGDEN
1. Überwachung
1 ) Anarchisten und Sozialdemokraten
2 ) Bolschewistische Agitation und Revolutionäre Sozialisten
3 ) Ein „roter Teufel”
A Landeck und die Bahn
4 ) Der Fall Masarich
2. Maifeiern
1 ) Der 1. Mai 1917
2 ) Der 1. Mai 1918
A Verlauf

TEIL VII
ZWISCHEN FRIEDENSBEWEGUNG UND HEIMATTREUE
1. Die Friedensbewegung
1 ) Internationale und österreichische Friedensbewegung
2. Der Feind im Inneren
3. Einflüsse von außen

TEIL VIII
DISZIPLINIERUNGSMASSNAHMEN UND STREIKBEWEGUNG
1. Die Militärdiktatur
2. Zuckerbrot und Peitsche
1 ) Die Beschwerdekommissionen
2 ) Die Militarisierung der Arbeiterschaft
3 ) Die Militarisierung der Eisenbahner
A Eisenbahnerstreik an der Innsbrucker Südbahn
3. Die Metallarbeiter und das Kriegsleistungsgesetz
4. Die Streikbewegung
1 ) Der Jännerstreik 1918
A Reaktionen

TEIL IX
TIROL ZERBRICHT: RADIKALISIERUNG UND DEUTSCHNATIONALISMUS
1. Die Fragmentierung der Gesellschaft und ihre Hintergründe und Auswirkungen
1 ) Die Wurzeln dieser sehr strukturellen Konfrontation
2 ) Die Hintergründe von kreierten Feindbildern
3 ) Die konkreten Auswirkungen
A Die Juden und die „Roten Horden”
B Tirol und die „Walschen”
C Stadt-Land
2. Der Fluch des übersteigerten Nationalismus
1 ) Arbeiterbewegung und Nationalismus
A Die Tiroler Arbeiterbewegungen und der Nationalismus
2 ) Die Mittelstandsbewegung
A Die vereinte Rechte
B Der Vorläufer
C Die Gründungsversammlung
D Gegnerschaft
E Die Reaktion auf die „Reaktion”
F Breite Zustimmung und Legitimation
G Die Statthalterei und die Mittelstandsbewegung – eine belastete Beziehung
H Die Obrigkeit und die Mittelstandsbewegung
I Weitere Veranstaltungen
J Die „Innsbrucker Nachrichten” als Agitator
3 ) Die Bauernschaft
A Der deutsche Bauerntag in Innsbruck
4 ) Antisemitische Tendenzen

TEIL X
SCHLUSSTEIL
1. Nachwort
Verzeichnis themenrelevanter Personen:
Abkürzungen:
Literaturverzeichnis
Primärquellenverzeichnis
Curriculum Vitae

TEIL I

EINLEITUNG

1. Einleitende Worte

„Der Weg des Landes zur Teilung ... hat ... die Historiographie bei weitem mehr interessiert, als die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen während dieser Schicksalsjahre Tirols.“[1] Auch die regionale Geschichtsschreibung in Tirol konzentrierte sich jahrzehntelang fast zur Gänze auf die Erörterung der militärischen Aspekte des Großen Krieges, wobei besonders die Untermauerung des Kaiserjägermythos im Vordergrund stand.

Erst in den letzten Jahren wurde an der Universität Innsbruck in einer Reihe von Arbeiten auch auf die sozialen Auswirkungen dieser Zäsur in der Geschichte Tirols eingegangen, die einen ganz wichtigen Hintergrund für das Tiroler Selbstverständnis, ebenso wie für aktuelle politische und gesellschaftliche Landesfragen bilden.

Die Schwerpunkte historischer Forschung werden (endlich) mehr auf die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Großen Krieges gesetzt und weniger auf die Militär- und Ereignisgeschichte. Trotzdem steht in diesem Bereich der Struktur- und Alltagsgeschichte nach wie vor jedem Historiker ein weites Feld für seine Forschungen offen.

Die Mittelstandsbewegung, die Herausbildung der ÖVP-Tirol und die Schaffung der Heimatwehr sind in diesem Sinne Themen, derer sich die historische Forschung bereits angenommen hat. Auf die konkreten politischen Auswirkungen, wie zum Beispiel die schon gegen Kriegsende sehr deutlich zutage tretende Radikalisierung der politischen Lager in der Zwischenkriegszeit wurde bisher nur hingewiesen.

Wenig bis gar nicht existieren bis dato spezifische Arbeiten über die Tiroler Arbeiterschaft dieser Zeit und das sozialdemokratische Lager als politischer Gegenpol zur konservativen Rechten. Ausnahmen bilden die Arbeiten von Univ. Prof. Dr. Gerhard Oberkofler und Univ. Prof. Dr. Richard Schober, sowie einige wenige weitere Publikationen.[2]

Für das bestehende Manko gibt es eine ganze Reihe sehr offensichtlicher Gründe: Im Gegensatz zu Wien hat und hatte die Tiroler Sozialdemokratie und die Linke allgemein einen sehr geringen Wirkungskreis, wenig tatsächlichen politischen Einfluß und eine vergleichsweise kleine Wählerschaft (mit Ausnahme der Landeshauptstadt Innsbruck), was wiederum seine Gründe in den geographischen Gegebenheiten, der sozialen Struktur der Bevölkerung und in mentalitätsgeschichtlich äußerst interessanten Vorbedingungen hat, die im Zuge zukünftiger Forschung noch genauer darzustellen wären. Die Forschungsschwerpunkte blieben daher bisher größtenteils entweder auf Wien beschränkt, oder konzentrierten sich, wie bereits erwähnt, auf das dominante rechtskonservative Lager in Tirol.

Was jedoch für dieses politische Spektrum gilt, gilt natürlich auch für die Sozialdemokratie, nämlich daß sich eine Reihe von Ereignissen der Zwischenkriegszeit noch während des Krieges bereits abzeichnen. Klare politische Fronten kristallisieren sich heraus, nicht nur in Wien sondern auch in Tirol.

Gerade die letzten beiden Kriegsjahre des Ersten Weltkrieges sind vom Ende des Burgfriedens und einer enormen politischen Spannung geprägt. Graf Stürgkh wurde von dem radikalen Sozialdemokraten Friedrich Adler ermordet, der Kaiser ist tot, in Rußland bricht die Revolution aus, beendet die zaristische Herrschaft und bringt einen radikalen Umschwung mit sich, die Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk werden zu einem politischen Thema, Frauenwahlrechts-, Friedens- und Streikbewegung werden wieder aktiv, radikale Bewegungen manifestieren sich in imposanter Stärke ganz besonders in Tirol und das bevorstehende Ende der Monarchie wird immer augenscheinlicher.

Der Umgang des Staates mit der Arbeiterbewegung ist zunehmends von Mißtrauen geprägt und verschärft sich angesichts dieser Ereignisse mehr und mehr. Die Angst vor einer Ausweitung der Revolution auf die Mittelmächte und vor groß angelegten Streiks angesichts der fatalen Ernährungslage und der Unzufriedenheit in der Bevölkerung manifestiert sich deutlich.

Eine Unterscheidung zwischen Kommunisten und Sozialdemokratie durch die Behörden wird in diesem Zusammenhang kaum vorgenommen. Die Überwachung, Bespitzelung und Eindämmung jeglicher politischer Aktivität durch die staatlichen Institutionen nimmt zusehends eine zentrale Rolle ein.

Allerdings muß die militärische Leitung aufgrund der Erlässe des neuen Kaisers Machteinbußen hinnehmen, der Allerhöchste Gnadenerlaß Karls, die Wiedereinberufung des Parlaments etc. eröffnen den politisch Aktiven größeren Spielraum. Eine Dichotomie zwischen Repression und Öffnung tut sich auf, die speziell für die Arbeiterbewegung zu einem Balanceakt wird.

- Genug spannender Stoff für eine Arbeit.

Die Akten der Statthalterei Innsbruck als verlängerter Arm Wiens spiegeln diese Entwicklungen in aller Deutlichkeit wieder. Ihnen gilt das Hauptaugenmerk dieser Arbeit. Nach wie vor bietet das Tiroler Landesarchiv in diesem Zusammenhang ein weites Forschungsfeld, das noch große Mengen an Quellen für die Tiroler Geschichtsforschung bereithält und ein enorm wertvolles Instrument zur Aufarbeitung der Tiroler Geschichte darstellt.

Wie stellt sich dieser Umgang Staat (Statthalterei) - Arbeiterschaft/Sozialdemokratie in Tirol dar? Welche Ereignisse und Vorkommnisse sind dokumentiert, was sagen die Quellen aus, und wie sind sie zu interpretieren? Wie ist die Tiroler Arbeiterschaft und die sozialdemokratische Partei Tirols in den letzten Kriegsmonaten zu charakterisieren und einzuschätzen?

Diese Fragen an die Vergangenheit sollen mit Hilfe des Aktenmaterials zumindest in Ansätzen beantwortet werden und wenn möglich eine zusätzliche Grundlage für weitere Forschungen darstellen.

1 ) Vorweggenommene Kritik

Eine Reihe von ernstzunehmenden Kritikpunkten an „sozialistischer” oder „sozialdemokratischer” Geschichtsforschung spiegelt bis heute die grundsätzliche Schwierigkeit über politisch-ideologische Bewegungen möglichst distanziert zu reflektieren, wieder. Auch die Geschichtswissenschaft ist von der Problematik der Voreingenommenheit und Parteilichkeit betroffen und speziell im Falle historischer Aufarbeitung sozialistischer Themen wird das, was Wahrheit ist (sein soll), oft ausschließlich vom Standpunkt des Betrachters bestimmt. Man denke nur an die haarsträubenden Legitimationswissenschaften der ehemaligen DDR, oder an manch pseudowissenschaftliche Thesenformulierung im Marxismus, aber auch in entgegengesetzter Richtung, an Hexenjagden provozierende Greuelgeschichten. - Auch heute wird in manchen Fällen versucht, Politik durch Interpretation und Deutung von Vergangenem zu machen, was, sei es in der einen, oder auch in der anderen Richtung, abzulehnen ist.

Diese Arbeit versteht sich als engagierter und gleichzeitig distanzierter Versuch, Abbilder des Vergangenen nachzuzeichnen, ohne jegliches intentioniertes tagespolitisches Interesse. - Was selbstverständlich nicht mit absoluter Wertfreiheit (die nirgends existiert) gleichzusetzen ist und somit Fehler nicht ausschließt.

Ein weiterer, hier vorweggenommener Vorwurf, könnte die starke Verkürzung des behandelten Zeitraumes betreffen. „Die Beschreibung der Politik einer Partei für den Zeitraum von etwa fünf Jahren ist eine ... unerlaubte Verkürzung ...”[3], schreibt Othmerding in seinem verbalen Rundumschlag gegen eine Reihe von Fachkollegen. Die sozialistische Geschichtsforschung (Anm.: der ich mich persönlich nicht angehörig fühle) gerate in das Fahrwasser der bürgerlichen Epochen- und Ärageschichte, lasse übergreifende Verbindungen der einzelnen Teilstücke vermissen und sei zudem viel zu deskriptiv, führt er weiter aus.

Nun - diese Arbeit umfaßt im wesentlichen einen Zeitraum von nur zwei Jahren, hat sich den Weltkrieg als Zensur vorgegeben und gibt sich zu einem Großteil deskriptiv. Unerlaubt?

- Verkürzter Zeitraum: Eine relativ genaue Deskription eines sehr kurzen Zeitraumes kann die Möglichkeit bieten, eine spezifische Lage (in diesem Fall die der Arbeiterschaft in Tirol) im Vergleich zu zeitlich-inhaltlich sehr übergreifenden Arbeiten wesentlich besser zu charakterisieren und aus den erstellten Charakteristiken Schlüsse auf größere Zusammenhänge zu ziehen. Die Verknüpfung von Ereignis und Struktur zu einem sinnvollen Ganzen bietet speziell bei kleineren untersuchten Zeitabschnitten durchaus Vorteile. „Alles fließt” - und um zu erkennen warum, ist es genauso richtig und wichtig den ganzen Flußlauf zu betrachten, wie einen einzelnen Tropfen zu analysieren.
- Ärageschichte á la Ranke: Die Extremsituation des Weltkrieges spitzt die inneren Fronten zu, verdeutlicht sie für den Betrachter und gibt eine wesentliche Richtung für die Zukunft vor. Dabei spielt nicht die Ära oder Epoche eine tragende Rolle, sondern die sowohl struktur- als auch mentalitätsgeschichtlich interessante Situation an sich. Über lange Zeiträume hinweg gewachsene Einschätzungen, Vorlieben, Abneigungen, Werturteile, Sichtweisen und Vorurteile lassen sich durch den Katalysator „Extremsituation” besser ablesen und in einen Kontext betten, der weit vor dem Krieg seinen Ausgang nimmt und sich bis zum Heute erstreckt.
- Deskriptive Verfahrensweisen: Das deskriptive Verfahren allein bleibt freilich ohne große Resultate, in Verbindung mit interpretativen Ansätzen auf hermeneutischer Basis bildet es jedoch ein solides Fundament für die belegbare Hypothesenbildung. Wer ausschließlich beschreibt, bietet nützliche Grundlagen für weitere Forschungen, ist aber ein Geschichtsschreiber, Chronist oder Annalist. Der Geschichtswissenschaftler kann zwischen verschiedenen methodischen Ansätzen wählen, seine Analyse oder Darstellung muß aber immer mit Folgerungen in Form von Thesen verbunden sein, egal welcher Methodologie er sich bedient. Belegte Hypothesen sollen im Zuge dieser Arbeit durchaus erstellt werden.

Unerlaubt? ...

2. Zur Methodologie

1 ) Vorverständnis

Eine zum überwiegenden Teil auf Primärquellen basierende Arbeit kommt natürlich ohne gewissenhafte Quellenkritik nicht aus. Dieser lapidare Hinweis erscheint dennoch nicht ohne Bedeutung, zeigen doch eine ganze Reihe von lokalen wissenschaftlichen Studien ein enormes Manko in diesem Bereich auf. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang nur auf die ausführlichst durchgeführte Heroisierung der Standschützen ohne Wenn und Aber und die Untermauerung der Dolchstoßlegende in vielen Arbeiten lokaler Geschichtsschreiber. Zweifellos war das Zusammenbrechen der Heimatfront der „Dolchstoß“, der zum negativen Ausgang des Krieges für die Mittelmächte führte. Dessen Ursachen sind aber nicht in dem Agieren der Sozialdemokratie oder anderer politischer Bewegungen zu suchen, sondern auf die Wirtschaftsstrukturen und vor allem die Wirtschaftspolitik der kriegführenden Regierungen zurückzuführen.

Die Theorie der Geschichtswissenschaft führt zumeist ein stilles Eigenleben und wird nur äußerst selten in wissenschaftlichen Arbeiten wissentlich umgesetzt. Die unbewußte Verwendung bereits intentionalisierter Methoden findet aber ständig statt. Deshalb ist es sinnvoll, sich über diese im klaren zu sein, um nicht „falschen Musen“ aufzusitzen.

Der in der Natur der Sache liegende retrospektive Aspekt der Geschichtswissenschaft wird immer schwierig bleiben, nur ein im Idealfall möglichst wahrheitsgetreues Abbild des wahren Geschehens kann erzeugt werden. Eine Grundvoraussetzung für die hermeneutische Analyse ist das Verstehen der Kulturvorgänge und das Begreifen der eigenen Eingebundenheit in den Dialog mit der Vergangenheit. Dabei tun sich dem Forscher allerdings eine ganze Reihe von Fallen auf.

Eine fast zwangsläufig überwiegend idiographisch dominierte Wissenschaft (Verstehen und Deuten von, in diesem Fall historischen Zusammenhängen) wie die Geschichtswissenschaft kämpft nach wie vor mit der Dichotomie Objektivität-Subjektivität, auch wenn andere Sozial- und Geisteswissenschaften vom methodischen Ansatz her bereits etwas weiter vorangekommen sind. Text- und Kontextinterpretation sind aufgrund des Vorverständnisses des Forschers oft voreingenommen und führen zu falschen Schlüssen. Dieses Engagement (als besserer Terminus für Subjektivität) muß sich nicht zwangsläufig negativ auswirken, allerdings ist zwischen Denotat und Konnotat sehr genau zu unterscheiden und der Prüfstein für die anschließende hermeneutische Analyse darf eben nicht das eigene Engagement sein, sondern die wissenschaftliche Methodik.

Die grundsätzliche Möglichkeit, Quellen bewußt oder unbewußt in ein Prokrustesbett zu zwängen, um sie dem eigenen Forschungsziel anzupassen, ist verlockend, aber für die Aussagekraft der Arbeit fatal. Beim kritischen Sichten von Texten und Quellen ist also das eigene Vorverständnis an Text und Kontext immer wieder zu überprüfen.

Eine weitere Methode, um Verfälschungen durch den Forscher zu vermeiden ist die bewußte Entfremdung des Forschungsgegenstandes. Im Sinne dieser neuen Hermeneutik wäre also die Vertrautheit des Forschers mit scheinbar „Bekanntem” durch ein grundsätzliches Mißtrauen zu ersetzen. Die Kombination verschiedener Methoden wird in diesem Zusammenhang allerdings problematisch.

Grundsätzlich haben sich in den letzten Jahren wohl zwei methodische Hauptrichtungen entwickelt, quantitative und qualitative (interpretative) Verfahren. Hier scheiden sich auch die Forschergeister. Ist den einen die quantitative Methodik zu spröde und zu sehr verallgemeinernd, so ereifern sich die anderen über die allzu schwammige Interpretation der qualitativen Verfahrensweisen. An der Verbindung der beiden Verfahren mangelt es nach wie vor.

Das Rezept des wiederentdeckten Droysen gibt so oder so hierbei nach wie vor wertvolle Hinweise für das grundsätzliche Arbeiten mit Quellen: Auf intensive äußere und innere Quellenkritik folgt die „Konstituierung einer höhere Tatsache”, will heißen, die Errichtung eines Theoriegebäudes über die Strukturen und Prozesse, die sich aus der, (hoffentlich) aus den Quellen ablesbaren Ereignisgeschichte ergeben. Diese Schlußfolgerungen einer wissenschaftlichen Arbeit sind an Regeln gebunden. Vor allem die möglichst klare Beweisführung und Untermauerung der Thesen, die Angabe aller Quellen und die Verständlichkeit der Darstellung (Intersubjektive Nachvollziehbarkeit) sind in diesem Zusammenhang zu nennen.

Verschiedene Instrumentarien zur Darstellung der aufgestellten Schlußfolgerungen mit dem zweifellos hochgesteckten Ziel einer Annäherung an die Wirklichkeit sind hierbei von Nutzen: Webers Idealtypen als konstruierte Gebilde zur Veranschaulichung und Verdeutlichung des Gemeinten, des historischen Abbildes, ohne Anspruch auf absolute Erkenntnisse (gemeint ist der Anspruch, Realtypen zu kreieren, die in der Wissenschaft grundsätzlich niemals zu erzeugen sind). Deduktion und Induktion, trotz ihrer Schwächen, als Basis der hermeneutischen Analyse. Die Erzählung (imitierter Zeitverlauf) als Darstellungsprinzip im interpretativen Verfahren, verstanden als weiter Begriff (die Interpretation miteinschließend) und die statistische Auswertung und Interpretation für quantitativ Forschende.

Auch bedient sich die Geschichtsforschung immer mehr Ansätzen, die aus anderen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen entlehnt werden, wie der Untersuchung von Sozialisationsmustern, Klassenlagen etc. zur Verdeutlichung von Mentalitätsgeschichte. Diese Form der Alltagsgeschichtsschreibung ist speziell für das vorliegende Thema von großer Bedeutung, da Gesellschaftsgeschichte im Forschungsprozeß zweifellos als Doppelkonstruktion sozialer Wirklichkeit zu sehen ist.[4] Der Mensch handelt in eine Struktur eingebunden, diese verändert sich und beeinflußt wiederum sein Handeln, wobei sich dem Handelnden zwei grundsätzliche Möglichkeiten im Umgang mit diesen gesellschaftlichen Strukturen bieten: Arbeiten und Leben im und mit dem System, oder Ablehnung des Systems und Streben nach einer Veränderung.

Diese Vorbemerkungen sind speziell für eine Arbeit, die sich mit der Lage einer existierenden politischen Partei in einer Krisenzeit befaßt dringend vonnöten, da die Gefahr, das eigene Vorverständnis durch die Selektion der Quellen untermauern zu wollen, sehr wohl gegeben ist. Deshalb dieser kleine Exkurs, um zumindest das Bewußtsein der Problematik aufzuzeigen.

2 ) Zur Arbeitsmethodik

Speziell rund um die Thematik des Ersten Weltkrieges wurde bisher vorrangig auf die das System tragenden und bestimmenden Gruppierungen und Personen eingegangen, was natürlich durchaus sinnvoll ist. Das dabei entstehende Abbild des Sozialsystems einer Gesellschaft, in diesem Fall der Tirols im „Großen Krieg” ist jedoch unvollständig. Und hier liegt der Grund für die Themenwahl dieser Arbeit.

Ziel soll sein, die Basis des Wissens über die Geschehnisse in Tirol im Ersten Weltkrieg zu verbreitern und einen häufig fehlerhaft interpretierten politischen Bereich zumindest einzubringen. Von großer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang zweifellos die Selektion der Quellen, die zwangsläufig vorgenommen werden muß und ganz besonders die anschließende richtige Verknüpfung der einzelnen „Variablen” (Korrelationsinterpretation).

Es wurde vorab versucht, eine möglichst umfassende Sichtung der vorhandenen Quellen des Landesarchivs zu diesem Thema vorzunehmen, was aufgrund des eng beschränkten Zeitraumes der Darstellung im Bereich des Möglichen lag, auch wenn eine Sichtung sämtlicher Akten natürlich nicht durchführbar ist. Einzelereignisse sollen „erzählt”, analysiert und in den richtigen Kontext gerückt werden, um ein politisches soziales System zumindest ansatzweise zu beleuchten, das bisher ausgeklammert blieb - das der Arbeiterschaft in Tirol unter den Extrembedingungen des Krieges und das Verhältnis derselben zum Staatsapparat.

Quantitative Ansätze waren für die vorliegende Arbeit von sehr untergeordneter Bedeutung, da wiederum aufgrund der kleinen untersuchten Zeitspanne von vornherein zu wenig Daten für eine zielführende, aussagekräftige quantitative Analyse vorliegen. Geschehnisse und Strukturen werden erzählt, um sie für eine hermeneutische Hypothesenbildung verwenden zu können.

Auch eine Festlegung oder Zentriertheit auf Weltbilder und Ideologien (die französischen „Annales” definieren Ideologie als imaginäres Verhältnis zu wirklichen Existenzbedingungen), wie sie vermehrt in Schriften und Publikationen über die Arbeiterschaft und ihre politische Führung deutlich wird, sollte nach Möglichkeit vermieden worden sein. Es besteht ausdrücklich kein Interesse an politischen Wertungen.

Der Autor fühlt sich der Auslegung Max Webers in bezug auf den Terminus „Klasse” näher, als der Interpretation von Marx. Sinngemäß: Die gemeinsame Klassenlage der Arbeiter, und somit ihre Zusammengehörigkeit, ergibt sich aus ihren Erwerbschancen am Arbeitsmarkt, eine Gemeinschaft existiert dadurch nicht, aber eine Ungleichheit zwischen dem Stand der Arbeiter und dem der Besitzenden. Diese Interessensdivergenz hat Folgen. Die Folgen sind wiederum historisch spannend und untersuchenswert.

Die Arbeiterschaft ist somit als Weberscher Idealtyp zu verstehen und als solcher strukturell zu analysieren, wobei wiederum nicht das einzelne Subjekt als Handelnder der Gruppe ausgeklammert werden darf, sondern in der wissenschaftlichen Analyse eine Dialektik zwischen Struktur und Handelnden entstehen sollte. Das System und die Rolle der Arbeiterbewegung darin - als Prozeß.

Die Arbeiterbewegung ist besonders in dem untersuchten Zeitraum, aufgrund der extremen Krisensituation, in Gegnerschaft zu den Behörden zu sehen, was es umso schwieriger macht, nicht Partei zu ergreifen. Deshalb soll mit dem oben angesprochenen, grundsätzlichen Mißtrauen allen in den Akten belegten Handlungen entgegengetreten werden.

Auch wird in der vorliegenden Arbeit nicht ein zeitlicher Ablauf imitiert, sondern aufgrund der aus dem Quellenmaterial ersichtlichen Aktionen und Reaktionen sollen einzelne, sicherlich ineinandergreifende Themenkomplexe untersucht werden, um Schlüsse auf das gegenseitige Miteinanderumgehen ziehen zu können. Aus diesem Grund findet sich im umfangreichen Teil II über die „Arbeiterbewegung und Tirol“ auch eine ausführliche Vorgeschichte über die Entstehung und die tirolspezifischen Probleme der Sozialdemokratie in diesem Land, die alle weiteren Entwicklungen wesentlich prägt und auf die deshalb nicht verzichtet werden soll. Langfristig angelegte Wahrnehmungsformen und Handlungsmuster lassen sich daraus ablesen.

Wie reagiert wer, warum, auf was - und wie ist dies alles zu deuten?

Zur Sprache

In an und für sich unkorrekter Form ist im Zuge dieser Arbeit größtenteils von Arbeitern, Sozialdemokraten, etc., also von Menschen die Rede, die unrichtigerweise semantisch in ihrer männlichen Form beschrieben sind, aber vielfach beide Geschlechter umfassen sollen. Dahinter steht keine absichtliche patriarchale Diskriminierung, sondern der Wunsch nach Vereinfachung und besserer Lesbarkeit.

TEIL II

TIROL UND DIE ARBEITERBEWEGUNG

1. Das Kronland Tirol

1 ) Demographie:

Die Begriffe „Kronland Tirol”, „Deutschsüdtirol”, „Welschtirol” etc. sorgen immer wieder für Mißverständnisse, da die Begriffe zu verschiedenen Zeitpunkten der Geschichte verschiedene Territorien umfassen bzw. verschiedene Territorien bezeichnen. Deshalb hier eine genauere Klärung der territorialen, numerischen und ethnischen Verhältnisse während des Krieges:

Das österreichische Kronland Tirol umfaßte vor Kriegsende ein Territorium von rund 29.600 qkm (Tirol inklusive Deutschsüdtirol, sowie den Provinzen Bozen und Trentino) und wies 1910 eine Gesamtbevölkerung von 946.000 Einwohnern auf. Vorarlberg war dem politischen Verwaltungsbezirk Tirol angegliedert, jedoch nicht Bestandteil des eigentlichen Kronlandes und hatte ca. 145.000 Bewohner. Das gesamte Verwaltungsgebiet umfaßte folglich etwa 1.100.000 Menschen.

Das Trentino (Welschtirol) ist erst 1803 dem Kronland Tirol zugeordnet worden, als der Reichsdeputationshauptschluß zur Auflösung des Fürstbistums Trient führte.

In diesem „italienischen Teil Tirols” (Trentino) lebten vier Jahre vor Kriegsbeginn 393.000 Menschen, davon knapp 14.000 Deutschsprachige. In „Deutschsüdtirol” hingegen zählte man im selben Jahr (1910) knapp 243.000 Einwohner, davon rund 22.500 Italienischsprachige.[5] - Man könnte also von umgekehrten ethnischen Verhältnissen im Vergleich zum Trentino sprechen.

Rund 320.000 Einwohner fanden sich in Nord- und Osttirol.

Die Bewohner Gesamttirols, in diesem weiter gefaßten Sinne eines Verwaltungsterritoriums (also Tirol inklusive Südtirol, dem Trentino und Vorarlberg), wurden bei den Volkszählungen, die in Österreich seit 1800 durchgeführt wurden, in zwei Großgruppen eingeteilt, wobei die deutsche Volksgruppe mit 62% gegenüber der italienischen und ladinischen (38%) klar dominierte.[6] Die in Südtirol lebenden Ladiner (rund 28.000) waren übrigens mit der von der österreichischen Verwaltung vorgenommenen Zurechnung zur italienischen Volksgruppe durchaus nicht einverstanden und legten mehrfach Proteste ein, da sie sich als ladinische Deutsche sahen.

Insgesamt standen sich also in absoluten Zahlen 530.000 bis 550.000 Deutschtiroler und 390.000 bis 400.000 Italiener und Ladiner gegenüber (exklusive den 145.000 Vorarlbergern).[7]

Laut der letzten Volkszählung 1910[8] waren 53,69% der 194.217 Berufstätigen in Nord- und Osttirol in der Land- und Forstwirtschaft beschäftigt, 21,9% in Industrie und Gewerbe.

In Deutschsüdtirol, wo die industrielle Entwicklung noch weit weniger fortgeschritten war, arbeiteten sogar 61,4% der Berufstätigen in der Land- und Forstwirtschaft (vor allem Obst- und Weinanbau).

Anmerkung: Alle oben angeführten Zahlenangaben divergieren in der konsultierten Sekundärliteratur leicht, verzerren aber die Relationen nicht und scheinen mir deshalb im Sinne eines groben Überblicks akzeptabel.

A Das Verwaltungsterritorium der Statthalterei für Tirol und Vorarlberg

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Karte zeigt die heutigen Länder und Grenzziehungen Nord- und Osttirols, Alto Adiges und Vorarlbergs, die dem Verwaltungsbereich der Statthalterei von 1803 bis 1918 entsprachen.

Ein Bezirk des damaligen Verwaltungsterritoriums fehlt auf dieser Karte: Ampezzo wurde im italienischen Staatsverband der Region Venetien zugeordnet und ist heute nicht mehr Teil Südtirols.

2 ) Verwaltung

Die Statthalterei für Tirol und Vorarlberg, als verlängerter Arm der Regierung in Wien, hatte die Verwaltung dieses westlichsten Territoriums des österreichischen Kaiserreiches inne.

Ihr unterstanden folgende politische Verwaltungsbezirke bzw. Bezirkshauptmannschaften (in alphabetischer Reihenfolge):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Leitung der Statthalterei oblag dem vom Kaiser bestellten Statthalter (Statthalter = der, der an seiner statt dem Kronland vorsteht) - man könnte ihn heute Gouverneur nennen. Er war den Gesetzen und der Verfassung verpflichtet und nahm seine Weisungen ansonsten nur von den Ministerien und natürlich dem Kaiser selbst entgegen.

In dem für diese Arbeit maßgebenden Zeitraum stand zuerst Friedrich Graf Toggenburg bis 28. Juni 1917 der Statthalterei vor (er hatte dieses Amt seit 1913 inne), anschließend interimistisch der bisherige Statthaltereistellvertreter Dr. Georg Pockels. Graf Toggenburg avancierte zum Minister des Inneren – und behielt diesen Posten auch bis Kriegsende bei. Am 24.10.1917 übernahm der ehemalige Landespräsident der Bukowina und Statthalter von Oberösterreich Dr. Rudolf Graf von Meran die Agenden der Statthalterei.[9] Daraus ergibt sich der interessante Aspekt, daß der neue Statthalter, in seinen Schilderungen verschiedenster Ereignisse, seinem ehemaligen Vorgänger und genauen Kenner der Verhältnisse Tirols, dem nunmehrigen Innenminister, Bericht erstattete.

3 ) Strukturen und Entwicklungsstränge:

Tirol stand sowohl wirtschaftlich als auch politisch am Rande der Donaumonarchie. Der Industrialisierungsprozeß in Österreich-Ungarn hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Osten her eingesetzt (Wiener Raum, Böhmen, Mähren, Niederösterreich, Steiermark). Tirol (Nord-, Süd-, und Osttirol) hatte an diesem Prozeß kaum bzw. mit erheblicher Verspätung teilgenommen und ist zu Kriegsbeginn größtenteils als vorindustriell einzustufen. Erst sehr spät, im Vergleich etwa zu Ostösterreich, bildeten sich in Tirol Industriegebiete aus. Im Gegensatz zu Vorarlberg, wo sich die Industrialisierung rascher durchgesetzt hatte und das einen wesentlich höheren Industrialisierungsgrad aufwies.

In noch vermehrtem Ausmaße blieb das Trentino von diesen wirtschaftlichen Entwicklungen unberührt.

2. Steiniger Boden

Für eine effiziente Arbeiterbewegung war Tirol sicherlich ein äußerst schwieriger Boden. Die ideologischen Vorbedingungen für ein Eindringen sozialistischen Gedankenguts in die Tiroler Mentalitätsstrukturen waren schlecht. Es fehlte ein geschlossenes Industriearbeiterpotential, die Kirche dominierte aufgrund jahrhundertealter Traditionen das Alltagsleben und Denken der größtenteils bäuerlichen Bevölkerung, das Bildungswesen war fest in den Händen des Klerus und die konservativ-bäuerlichen Strukturen waren von den wenig theoretisch und praktisch geschulten Kadern der Tiroler Arbeiterbewegung kaum zu durchdringen.

Besonders die Kirche war sehr rege tätig, um den Einfluß der Sozialdemokratie auf die Arbeiterschaft so gering wie möglich zu halten. Arbeiterorganisationen, Kolpingfamilien, Gesellenvereinigungen, Arbeiter- und Handwerkerbünde wurden gegründet, um den Arbeitern Alternativen zur antiklerikalen Sozialdemokratie zu bieten. Die Sozialdemokratie agierte, bezogen auf die Verhältnisse und Mentalitätsstrukturen in Tirol, teilweise sehr ungeschickt und verlor durch ihre dezitierte Kirchenfeindlichkeit speziell in diesem Kronland viele mögliche Stimmen und Mitglieder.

Interessant zu untersuchen wären in diesem Zusammenhang die Auswirkungen des Entstehens der Arbeiterbewegung in Tirol auf den Klerus und die neue Rolle, die zum Beispiel Dorfpfarrer nun einzunehmen hatten - als Abwehrinstrumente der Kirche gegen die ”gottlose Sozialdemokratie”.

Durch die Struktur der meist sehr kleinen Betriebe (im Gegensatz zu Wiener Fabriken etwa) bestand eine geschlossene „Arbeiterklasse” in Tirol nicht. Ein Gutteil der in Industrie und Gewerbe tätigen Tiroler arbeitete in Familienbetrieben, die einerseits die Solidarisierungsmöglichkeit der Arbeiter in einer Großfabrik gar nicht ermöglichten, andererseits dieser auch nicht in diesem Maße bedurften. Die in dieselbe Berufssparte eingerechneten Handwerker sahen sich zudem nicht in gleichem Maße als vom Kapital ausgebeutete Arbeiter im Sinne der sozialdemokratischen oder gar kommunistischen Propaganda.

Die Arbeiterbewegung hatte weiters mit einer gewissen Ghettoidentität[10] zu kämpfen. Ein solidarisches Gemeinschaftsgefühl unter den Arbeitern war in Tirol auch in den urbanen Räumen noch kaum entwickelt und durch Faktoren wie die ethnische Durchmischung noch zusätzlich erschwert.[11] 1907 waren nur ganze 13% der Arbeiter in Tirol und Vorarlberg gewerkschaftlich organisiert.

Allerdings kreierte der gemeinsame Kampf gegen die Lohnherrn, die Militärs und die staatliche Bürokratie sehr wohl eine relativ große Bandbreite der Solidarität der Arbeiter, und hier vor allem der Arbeiterinnen untereinander.

1 ) Die politische Landschaft in Tirol:

Die konservative Partei in Tirol hatte seit 1861 die absolute Mehrheit, meist sogar eine Zweidrittelmehrheit, inne. Diese alles dominierende politische Bewegung bildete eine konservative Fundamentalopposition gegen jegliche angestrebte Neuerung (gg. die Schulreform, gg. die rechtliche Gleichstellung der Protestanten, gg. Zentralisierungsbestrebungen der Regierung etc.) und ist somit auch als Gradmesser Tiroler Mentalität zu betrachten.

Die breite Ablehnung, den Auswirkungen und neuen Anforderungen der Industrialisierung gegenüber, wurde im nachhinein als Tiroler ”Kulturkampf” (1869-1892) bezeichnet. Oberkofler geht noch weiter und nennt Tirol eine „Zitadelle des Neoabsolutismus”[12].

In dieser Zeit spaltete sich das konservative Lager aufgrund der Meinungsverschiedenheiten über diverse Themen und die Christlich-Sozialen, die Konservativen der ”schärferen Tonart”[13], entstanden in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Diese neue Partei lief den Konservativen nach dem Jahrhundertwechsel zunehmend den Rang ab. 1918 vereinigen sich diese beiden Parteien allerdings wieder und bilden die Tiroler Volkspartei.

Die Liberalen waren nach dem Ende der Liberalen Ära (1867-1879) immer mehr ins deutschnationale Lager abgedriftet und hatten an Einfluß verloren. Sie waren es, die zu anfangs große Hoffnungen in die Sozialdemokraten gesetzt hatten[14] und sich so etwas wie einen Juniorpartner heranziehen wollten.

Die Arbeiterbewegung hatte also von Anfang an mit heftigem Widerstand zu kämpfen, weil sozialdemokratisches Gedankengut „als von außen importiert, als nicht bodenständig, kurzum als untirolerisch abgetan werden konnte, was auch auf den Umstand zurückzuführen ist, daß die meisten Eisenbahner und Arbeiteraktivisten aus dem Osten Österreichs stammten.”[15]

2 ) Zur These der ”Klassenharmonie” in Tirol:

Es ergibt sich die Frage, warum nach diesen Schwierigkeiten, die der Arbeiterbewegung in Tirol im Weg standen, die Sozialdemokratie sich überhaupt arrivieren und halten konnte.

Werner Hanni führt in seiner Arbeit über die Gewerkschaften in Tirol[16] Antworten dafür an, die hier verkürzt und prägnant wiedergegeben werden sollen:

- Trotz der Sonderstellung des Kronlandes Tirol (spätere Industrialisierung, bäuerlich-konservativ-katholische Gesellschaft ...) steht Tirol nicht gänzlich abgeschottet den sozio-kulturellen und politischen Entwicklungen des restlichen Reiches gegenüber.
- Die systemimmanente Interessendivergenz zwischen Kapital und Arbeit bestand natürlich auch in Tirol.
- Die sozio-ökonomische Lage vieler Handwerker, Arbeiter und Gesellen war so beschaffen, daß der Kampf um eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen geradezu eine Konsequenz sein mußte.
- Der Sozialismus und seine ersten Erfolge strahlte natürlich besondere Anziehungskraft auf diese unterprivilegierte und unterdrückte Bevölkerungsschicht der Lohnabhängigen aus.

Diese vier Hauptgründe scheinen mir Erklärung und Begründung genug zu sein.

3. Die Arbeiterbewegung und Tirol

1 ) Erste Schritte

Die Buchdruckervereinigung ”Gutenberg” (1868 in Innsbruck gegründet) ist als ”erstes Resultat der Organisationsbestrebungen der Arbeiter in Tirol”[17][18] zu sehen. Ab 1868/69 ist ein Arbeiterbildungsverein für Tirol, sehr konservativ-bürgerlich dominiert und vor allem vom liberalen Bürgertum unterstützt, in Innsbruck präsent. Seine Statuten schlossen jegliche politische Betätigung ausdrücklich aus. Auch sprach sich der Tiroler Arbeiterfortbildungsverein explizit gegen ein direktes Wahlrecht und gegen eine parteiliche Organisierung der Mitglieder aus. Oberkofler nennt dies die ”Bürgerliche Bevormundung”[19] des Vereines.

Inhalte und Themen der Arbeiterbildungsvereine in ganz Österreich und somit auch in Tirol waren vor allem Bildungsfragen, Sparkassengründungen, Wanderunterstützungen (Wanderhandwerker), Einschränkung der Frauen- und Kinderarbeit, Kranken- und Invalidenunterstützung, Schaffung einer einheitlichen Normalarbeitszeit (10 h/Tag) und die gesetzliche Festlegung einer achtjährigen Schulpflicht für alle Kinder.

1873 zählt der Arbeiterbildungsverein (oder auch Arbeiterfortbildungsverein) 436 Mitglieder, davon 196 in Innsbruck, 100 in Bozen und 140 in Meran).[20] Bei der Gründungsversammlung der sozialdemokratischen Partei Österreichs in Neudorf an der Leitha (ungarische Grenze) am 5.4.1874 ist Tirol nicht einmal vertreten.

Als sich 1875 der ”Allgemeine Arbeiterverein” in Innsbruck mit einem starken Bekenntnis zur Sozialdemokratie gründet, manifestiert sich erstmals auch in Tirol das ”Klassenbewußtsein” der Arbeiter deutlich. Kontakte zu Ostösterreich bestehen einerseits durch im Arbeiterverein tätige Personen und andererseits durch den (in Tirol neuen) Willen zur gemeinsamen Stärkung der Position der Arbeiter. Das liberale Bürgertum hat seinen Einfluß weitgehend verloren, weshalb auch die Statthalterei den Arbeiterfortbildungsverein wegen Überschreiten des in den Statuten festgehaltenen Wirkungskreises – keinerlei politische Aktivität – auflöst. Mehrere Prozesse gegen Einzelpersonen des neuen Arbeitervereines werden angestrengt.

Dieser neue Allgemeine Arbeiterverein bildete die Keimzelle für eine Arbeiterbewegung bzw. sozialdemokratische Partei in Tirol, auch wenn sich zu Beginn das politische Agieren in unvergleichbar gemäßigterem Ausmaße manifestierte als etwa in Wien oder anderen neuen Hochburgen des Sozialismus in der Monarchie.

Eines der Hauptziele des Arbeitervereins war die Herausbildung von Fachvereinen, so wurden Holzarbeiter-, Schuhmacher-, Metallarbeitervereine etc. in Bozen, Meran und Innsbruck gegründet, die sich fast ausschließlich um die konkrete Berufssparte kümmerten und politisch kaum aktiv wurden. Waren auch viele der Mitglieder Sozialdemokraten, so hatte die Fachvereinsleitung offiziell weder Kontakte zu politischen Parteien, noch eine ideologische Ausrichtung. Gemäßigte Reformisten bestimmten also die politische Linie in Innsbruck. Der Innsbrucker Bürgermeister Dr. Heinrich Falk schrieb am 30.8.1884 an den Statthalter, daß die gemäßigte Fraktion seit 1883 vollends die Herrschaft über den Verein innehabe.[21] In Trient kam es sogar zu Vereinsausschlüssen wegen sozialistischer Betätigung einiger Mitglieder.

Eine erste Streikbewegung für die Einführung des 10-stündigen Arbeitstages und höhere Löhne setzte 1884 ein, erreichte allerdings nur sehr wenig. Trotzdem kann dieses erste gemeinsame Auftreten von organisierten Arbeitern aus verschiedenen Berufssparten als erster, wichtiger Schub hin zu einer Solidarisierung der Arbeiterschaft gesehen werden.

Am 1.1.1888 erschien zum ersten Mal die ”Volksstimme” als monatliches Organ der Tiroler Arbeiter, konnte sich aber aufgrund des zu kleinen Potentials an organisierten Arbeitern finanziell nicht halten und nur eine einzige Ausgabe wurde verkauft.

Als Wendepunkt für die gesamtösterreichische Arbeiterbewegung muß zweifellos der Einigungsparteitag der österreichischen Arbeiterbewegung am 31.12.1888 und 1.1.1889 in Hainfeld gelten, der die Einigung der in Gemäßigte und Radikale gespaltenen österreichischen Arbeiterbewegung mit sich bringt. Für die Tiroler Fraktion waren Joseph Holzhammer und Ignaz Saska anwesend.

Die vordringlichste Aufgabe für die Tiroler Sozialdemokratie war es nun, eine einheitliche, zentral geführte Parteiorganisation zu schaffen.

Am 1. Mai 1890 fanden sich 1500 Arbeiter im Innsbrucker Adambräu zur ersten groß angelegten Maifeier ein (einberufen wurde die Versammlung von Hermann Flöckinger und Eduard Protiva), weitere Feiern fanden in Bozen, Meran und Innsbruck-Hall statt. Auch in Imst, Schwaz; Jenbach und Lavis kam es zu kleineren Maidemonstrationen.

Es ist zu bedenken, daß die österreichischen Arbeiter zu diesem Zeitpunkt noch ohne Stimmrecht waren, die Vereins-, Presse- und Versammlungsfreiheit sehr eingeschränkt und die Maifeiern ein ganz wesentliches Instrument der Demonstration von Einigkeit und gemeinsamen Interessen waren. Das Gelingen der ersten Maidemonstration war sehr wichtig für das Bewußtsein und die politische Formierung der Tiroler Arbeiterbewegung, sowie eine direkte Vorbedingung für die Gründung der Tiroler Arbeiterpartei im Herbst 1890 in Telfs.

Die von der Gründungsversammlung formulierten Forderungen lauteten: Pressefreiheit, Aufhebung der das Vereins- und Versammlungsrecht einschränkenden Gesetze und die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts vom 20. Lebensjahre an.

Speziell nach der Telfser Arbeiterversammlung wurde nun von seiten der Tiroler Sozialdemokratie vermehrt Augenmerk auf die Herausbildung von Gewerkschaften in Tirol gelegt. Mangels eines geschlossenen Industrieproletariats in Tirol, versuchte die politische Führung der Tiroler Arbeiterbewegung durch ein gezieltes Einwirken auf die vielen Arbeiter kleiner Betriebe, Handwerker, sowie Linksintellektuelle etc. mehr Einfluß zu gewinnen und der „Politische Volksverein für Tirol und Vorarlberg” wurde am 15.2.1891 in Innsbruck gegründet, allerdings wegen „politischer Umtriebe” bereits im August 1892 vom Statthaltereipräsidium wieder aufgelöst. Die bereits formulierten Forderungen blieben aufrecht, ein zusätzliche Ziele stellten Steuersenkungen bzw. –Umverteilungen, sowie eine staatliche Ablöse der bäuerlichen Hypothekarschulden und eine Verminderung der Ausgaben für das Militärsystem dar.

Postwendend wird als Nachfolgeverein des aufgelösten Politischen Volksvereins, gegen den Widerstand der Statthalterei, im Mai 1893 der „Politische Verein für Tirol” gegründet.

2 ) Der Tiroler Klerus und die Sozialdemokratie

Die Katholische Kirche als erbittertster Gegner der Sozialdemokratie begann zu diesem Zeitpunkt immer mehr gezielt gegen die SD-Arbeitervereine zu arbeiten und gründete unter anderem den ”Katholischen Arbeiterverein für Innsbruck und Umgebung” (1891). Die dogmatische Verwurzeltheit im Naturrecht, das unbedingte Festhalten am Privatbesitz (vgl. auch Enzyklika ”rerum novarum” 1891) und die Gefahr, an Macht und Einfluß in Tirol zu verlieren (Schulaufsicht, Vormachtstellung der Christlich-Sozialen etc.), läßt die Tiroler Kirche den ”Glaubenskrieg” gegen die Sozialdemokraten ausrufen, wobei sich Fürstbischof Simon Aichner ab ca. 1894, sowie die Innsbrucker Jesuiten und vor allem Josef Biederlack besonders engagierten.[22] Schon allein die Mitgliedschaft zu einer religionsfeindlichen Partei oder Gewerkschaft wurde als schwere Sünde deklariert. Der Klerus, ein in Tirol über Jahrhunderte erprobter und bewährter Machtapparat, wurde mobilisiert, genaues Augenmerk auf lokale Umtriebe und Propaganda der Sozialdemokraten zu legen.

Joseph Biederlack formulierte die Position der Kirche zur Frage der sozialdemokratischen Arbeiterschaft klar und drastisch: Katholische Arbeiter, die einer sozialdemokratischen Gewerkschaft angehören, wirken nach Auffassung der Kirche ”mit zur Untergrabung des öffentlichen Wohles der Kirche und des Staates, sowie zur Ertötung des Glaubens und des Glaubenslebens in vielen ihrer Standes- und Berufsgenossen”[23]. Auch die in den sozialdemokratischen Vereinen organisierten katholischen Arbeiter waren von diesen Attacken verunsichert und die Tiroler Sozialdemokraten mußten erhebliche Mühen aufwenden, um nicht zu viele Mitglieder zu verlieren, die von diesem Glaubenskampf ganz persönlich betroffen waren. Appelle an die Arbeiter wurden verfaßt, nicht auf die von seiten der Kirche geführte, argumentative Schiene eines Glaubenskampfes einzusteigen, die nur dazu diene, die eigentlichen Ziele der Arbeiterbewegung zu verdecken.

3 ) Landbevölkerung und Arbeiterbewegung

Immer wieder versuchte die Führung der Arbeiterbewegung auch die Landbevölkerung anzusprechen, was jedoch trotz der sich enorm steigernden Verschuldung der Bauernschaft gerade gegen Ende des 19. Jahrhunderts, kaum bis gar nicht gelang.

Artikelserien in der „Volkszeitung“ an die Bauern Tirols, Informationsveranstaltungen in den Dörfern und groß angelegte Agitationsversuche fruchten wenig. Im Gegenteil, die Christlich-Sozialen verstärken ihre Angriffe auf die Sozialdemokratie und haben einen sehr großen Anteil der Landbevölkerung hinter sich, die sogar tätlich gegen Versammlungen der Arbeiterbewegung in den Dörfern vorgehen und sogenannte ”Saalabtreibungen” organisieren.

Der konservativ-katholische Schriftsteller Sebastian Rieger und die Verbreitung seines ”Reinmichl-Kalenders” in so gut wie jedem Deutschtiroler Bauernhaus machen deutlich, in welch aussichtsloser Position sich die Sozialdemokraten in ihrem Werben um die Landbevölkerung befanden.[24] Die Bauernschaft Tirols war zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie für die Arbeiterbewegung verloren. Politisch scheiterte der Werbefeldzug um die Bauern Tirols endgültig als am 11.12.1904 in Innsbruck der Tiroler Bauernbund gegründet wurde, als politisch mächtige Bauernorganisation der Christlich-Sozialen.

Das Herstellen einer Verbindung zur Studentenschaft funktionierte ebenso kaum. Selbst der Besuch Karl Renners an der Innsbrucker Universität konnte die Tiroler Studentenschaft nicht längerfristig an die Sozialdemokratie heranführen, wofür Oberkofler die Klassenherkunft der Studierenden und das Bildungswesen Tirols verantwortlich macht[25].

Auch der Beschluß der neuen Landesschulgesetze im Tiroler Landtag 1892 (wären schon laut dem Reichsvolksschulgesetz von 1869 umzusetzen gewesen) änderte nichts an der de facto totalen Kontrolle der Schulaufsicht durch den Klerus.

4 ) Parteipresse und Wahlrechtskampf

Zentrales Anliegen blieb weiterhin die Schaffung eines Parteiorgans als tragende Säule der Tiroler Sozialdemokratie, als Transportmedium sozialdemokratischer Ideen an eine breitere Öffentlichkeit. Ende 1892 initiiert Ignaz Saska die Gründung der ”“Volkszeitung“ – Organ für die Interessen des arbeitenden Volkes in Tirol und Vorarlberg”, was sofort zu einem klar erkennbaren Mitgliederzustrom zu sozialdemokratischen Gewerkschaften und zur sozialdemokratischen Partei führte. Schon 1893 kann die „Volkszeitung“ 1200 Abonnenten aufweisen, hat jedoch ständig mit der deutsch-nationalen Bevormundung durch die Druckerei Edlinger in Innsbruck und nach der Verlegung der Drucksetzung nach Vorarlberg mit den dort sehr scharfen Zensurbehörden zu kämpfen – mehrere Nummern wurden zur Gänze eingezogen.

1893 wird die „Erste Landeskonferenz der Tiroler und Vorarlberger Sozialdemokraten” (Anm.: Vorarlberg schuf erst 1899 eine eigene Landesorganisation) zur Installierung von Bezirksorganisationen und zur organisatorischen Durchstrukturierung der Arbeiterbewegung in Tirol einberufen. Im selben Jahr (genauer am 18.6.1893) kommt es auch in Innsbruck zu einer von 4000 Personen besuchten Volksversammlung und Demonstration für das allgemeine, direkte Wahlrecht, sowie zu mehreren Flugblattaktionen zu diesem Thema.

Unter dem Druck der öffentlichen Meinung und nicht zuletzt der Sozialdemokraten reformiert die Regierung Kasimir Felix Graf Badeni 1897 das Wahlrecht und stellt den bestehenden vier Kurien eine fünfte Kurie, die ”Allgemeine Kurie”, bei, die allen männlichen Staatsbürgern über 24 Jahren unabhängig ihres Besitzes und sozialen Status das Wahlrecht eröffnete. Allerdings entfielen von den insgesamt 425 Mandaten zum Reichsrat nur 72 Mandate auf diese Kurie. Bei den anschließenden Wahlen im März dieses Jahres zogen die Sozialdemokraten erstmals mit 15 Kandidaten in den österreichischen Reichsrat ein.

Als Tiroler Kandidat der Sozialdemokraten für die Reichstagswahl wurde Josef Holzhammer nominiert, erreichte allerdings sein Wahlziel nicht. Im Zuge des Wahlkampfes wurde wiederum der starke Einfluß bürgerlicher Elemente auf die Tiroler Arbeiterbewegung sichtbar, als Ideen laut wurden, man möge gemeinsam mit der Liberalen Partei eine Art Volkspartei in Tirol schaffen, die das Erbe der Liberalen in Tirol antreten könnte.

Zu diesem Zeitpunkt (1897) zählten die Sozialdemokraten in den 6 Bezirken Nordtirols 1.860 und in den 3 Bezirken Südtirols 1.460 ArbeiterInnen zu ihren eingeschriebenen Mitgliedern[26].

5 ) Die Russische Revolution von 1905

Einen sehr großen Einfluß auch auf die Tiroler Sozialdemokratie hatte zweifellos die Russische Revolution von 1905 (Über 100.000 russische Arbeiter mit Familien demonstrierten vor dem Winterpalais des Zaren gegen die Ausbeutung der Arbeiter und für eine Linderung ihrer Not, zaristische Truppen schossen wahllos in die Menge). Die Sympathien der Tiroler Arbeiter standen ganz auf der Seite des revolutionären russischen Volkes und auch die „Volkszeitung“ druckte mehrere Artikel zu diesem Thema.

Besonders die Wahlrechtsbewegung in Tirol wurde von den Ereignissen in Rußland verstärkt angespornt und manifestierte sich in den folgenden Jahren durch eine Reihe von verabschiedeten Resolutionen, Volksversammlungen und Massenkundgebungen, so etwa am 24.10.1905 als 12.000 Menschen unter der Leitung von Joseph Holzhammer, Simon Abram und Martin Rapoldi zum Landhaus marschierten, für das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht demonstrierten und eine Resolution an den Statthalter übergaben.

Am 28.11.1905 legten tausende Arbeiter die Arbeit nieder und an die 10.000 Menschen demonstrierten in Innsbruck. Auch in Bozen, Meran, Kufstein, Wörgl und Kitzbühel kam es zu Streiks und größeren Versammlungen und Demonstrationen[27]. Immer wieder wurde das russische Proletariat als Vorreiter der internationalen Arbeiterschaft gepriesen. Im selben Jahr wurde die Lohnbewegung zu einem vordringlichen Politikum. Durch Versammlungen (u.a. 11.06.1905 Große Eisenbahnerversammlung in Innsbruck) und Streiks (allein 1905 waren im deutschsprachigen Raum Tirols 8.012 Arbeiter an 35 Streiks beteiligt, ein Großteil davon im Baugewerbe) demonstrierte die Arbeiterschaft Einigkeit.

1906 gelang schließlich durch den Druck der Sozialdemokraten und unter den Eindrücken der Revolution in Rußland die Durchsetzung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts und im Mai 1907 fanden die ersten Wahlen nach dem neuen Wahlrecht statt. Unter den 87 sozialdemokratischen Abgeordneten zum Reichsrat war auch der Tiroler Simon Abram. Schon 3 Monate zuvor hatte die Landeskonferenz der Tiroler Sozialdemokraten beschlossen in allen deutschsprachigen Wahlkreisen zu kandidieren, wobei reelle Chancen auf einen Wahlsieg nur in den beiden Innsbrucker Wahlkreisen bestand. Die Sozialdemokraten gaben sich sehr gemäßigt, Holzhammer betonte, daß er revolutionäre Kampfmittel, wie etwa einen politischen Massenstreik ablehne. Die „Volkszeitung“ änderte sogar ihr Titelkopf-Logo und ab 1907 ist darauf ein Händedruck zwischen einem Bauern und einem Arbeiter zu sehen.

6 ) Wahlen

Nachdem im Innsbrucker Wahlkreis I der deutschnationale Kandidat Dr. Eduard Erler Holzhammer klar auf den zweiten Platz verwiesen hatte, im Wahlkreis II jedoch Abram gegenüber dem deutschnationalen Kandidaten die Nase vorn hatte, mußten Stichwahlen entscheiden. Ein politischer Pakt mit den Deutschnationalen und ihren Wählerstimmen trug beiden Parteien je einen Reichsratsabgeordneten in den beiden Wahlbezirken (Erler im Wahlkreis I und Abram im Wahlkreis II) ein, die Christlich-Sozialen, die Alldeutschen und der Kandidat der Konservativen gingen in Innsbruck leer aus. Von den insgesamt 93.417 in den sechzehn deutschsprachigen Tiroler Wahlkreisen abgegebenen Stimmen, erhielten die Sozialdemokraten 8.574 Stimmen, mehr als ein Drittel davon in Innsbruck.[28]

Dieser doch etwas überraschende Erfolg brachte für die Tiroler Sozialdemokraten natürlich einen enormen Ansporn mit sich, und die Parteileitung entschloß sich, die Agitationstätigkeit zu verstärken.

7 ) Frauenorganisation

Mit Beginn des Jahres 1908 erschien die „Volkszeitung“ wöchentlich dreimal, ein Einteilungsplan für die Bezirksorganisationen und deren Agitationsfelder wurde erstellt und auch die längst fällige Frauenorganisation konnte endlich umgesetzt werden. Gegen alle Widerstände, v.a. auch gegen das, die Aufnahme von Frauen verbietende, Vereinsgesetz, fand schon im Jänner 1907 eine große Arbeiterinnenversammlung im Adambräu statt (besonders der Aufenthalt Adelheid Popps in Innsbruck im Jahre 1906 gab einen starken Anstoß dazu) und 1909 konnten die Arbeiterinnen-Bildungsvereine in Innsbruck, Wörgl und Kufstein 549 Mitglieder aufweisen. Ein Jahr später wurden diese Vereine in ”Freie politische Frauenorganisationen” umgewandelt, wobei besonders Maria Ducia, die dem ersten dieser politischen Frauenvereine in ihrer Heimat Lienz ins Leben rief, federführend tätig war.

1912 fand in Innsbruck die erste sozialdemokratische Frauenkonferenz Tirols statt und eine Tiroler Landesfrauenorganisation wurde ins Leben gerufen.

8 ) Schwierigkeiten

Diesen positiven Entwicklungen stand nach wie vor das Sorgenkind Jugendorganisationen gegenüber: 1912 waren nur ganze 63 jugendliche Arbeiter in Tirol gewerkschaftlich organisiert.[29]

Allgemein waren in der Tiroler Arbeiterbewegung, will heißen, in der Parteiorganisation selbst, nur sehr wenige Mitglieder tatsächlich eingeschrieben, ein Gros der der Sozialdemokratie in Tirol zurechenbaren Arbeiterschaft fand sich in den diversen Vereinen und freien Organisationen, was verdeutlicht, wie zersplittert die Arbeiterbewegung im Inneren war. Sozialdemokratische Wählervereine (der ”Erste Sozialdemokratische Wählerverein” wurde 1904 in Innsbruck gegründet), die bis 1909 existierenden Arbeiterbildungsvereine, freie Vereine und Organisationen, Fachverbände etc., die auch dem Kleinbürgertum und vielen liberalen Ideen sehr offen gegenüberstanden und großen Einfluß auf die Führung der Tiroler Sozialdemokratie hatten, mußten in den politischen Entscheidungen, ebenso wie die eigenständigen italienischsprachigen Organisationen berücksichtigt werden.

Uneinigkeit, viele Kompromisse und eine durch die verschiedenen Interessen einigermaßen unklar gewordene politische Linie waren die Folge. Erst 1909 gelang es ein ständiges Landesparteisekretariat in Innsbruck zu installieren, dessen Leitung und Aufgaben Johann Orszag übernahm.

Der Einfluß der Sozialdemokratie hatte jedoch in diesen Jahren stark zugenommen und im Mai 1909 wurde im Rahmen des ”Erster Tiroler Katholikentages” von den Konservativ-Klerikalen zur Mobilmachung gegen die Sozialdemokraten geblasen. Eine sich bereits abzeichnende Lagerbildung war nicht mehr zu übersehen.

9 ) Institutionen

Angegliedert an das Landesparteisekretariat entstand 1910, die, für Unabhängigkeit und rasches Agieren und Reagieren so wichtige parteieigene Druckerei. So konnte auch ab April 1911 die „Volkszeitung“ (bereits 2.000 Abonnenten) täglich erscheinen und eine Reihe von Flugblättern gedruckt werden.

Die finanziellen Belastungen durch den Ankauf des Parteilokals (im ehemaligen Fischnaller-Anwesen) und die Einrichtung der Druckerei (in einem angegliederten Pferdestall errichtet) waren enorm, wurden aber durch große Opferbereitschaft der Arbeiterschaft und ihrer Beiträge gemeistert. Die Schaffung einer parteieigenen Druckerei und das damit ermöglichte tägliche Erscheinen der „Volkszeitung“ ist als eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Tiroler Arbeiterbewegung zu werten und als großer Schritt der Etablierung sozialdemokratischen Gedankenguts in Tirol.

Bildungspolitik stand von jeher sehr im Vordergrund sozialdemokratischer Arbeit in ganz Österreich und auch in Tirol wurden Arbeiterbibliotheken eingerichtet, Vortragsreihen organisiert, 1912 sogar ein Bildungsausschuß gegründet. Besonders die „Volkszeitung“ förderte das Literaturverständnis ihrer Leser, wenn auch fast ausschließlich Autoren, die im sozialdemokratischen Kontext und Umfeld schrieben, abgedruckt und rezitiert wurden.

Weitere wichtige Einrichtungen auf diesem Gebiet stellten die Arbeitermusikkapellen, Arbeitersängervereine (besonders die ”Concordia” - ab 1885 ”Arbeiter-Sängerbund Eintracht”) und die Arbeiterradvereine (1913 über 640 Mitglieder im deutschsprachigen Tirol) dar.

10 ) Die Tiroler Arbeitergewerkschaft

Die Gesamtbevölkerung in Deutsch- und Italienischtirol belief sich laut Volkszählung vom 31. Dezember 1900 auf 852.712 Personen, davon sind allein 510.144 Menschen der Land- und Forstwirtschaft samt Nebennutzen zuzurechnen; „nur” 51.366 Arbeiter und 1.896 Tagelöhner (davon 13.558 Frauen) waren in der Industrie (Klein- und Mittelbetriebe mitgezählt) beschäftigt, wobei die Textil- und Bekleidungsindustrie den stärksten Industriezweig dieser Zeit stellte[30].

Erstmalig erklärte auch die Erste Tiroler Gewerkschaftskonferenz 1895 die Aufnahme von Arbeiterinnen in ihre Reihen, was allerdings nicht zur Stärkung der Gewerkschaften beitrug. 1910 konnten in Deutschtirol nur 602 Arbeiterinnen als gewerkschaftlich organisiert gezählt werden.[31] Auch waren die Gewerkschaften ausschließlich in einigen wenigen Städten und größeren Orten präsent, am Lande konnten sie nie Fuß fassen.

Wichtige Themen der Gewerkschaftsbewegung waren vor allem die Vermittlung von Fachkenntnissen (Bibliotheken mit Fachliteratur wurden eingerichtet), die Bekämpfung des Alkoholismus, Hilfestellungen für aus- und einwandernde Arbeiter (v.a. italienischsprachige Tiroler suchten in Vorarlberg, Deutschtirol, Deutschland und der Schweiz Arbeit – eine Auswandererkommission wurde 1909 von der Innsbrucker Gewerkschaftsleitung ins Leben gerufen) und die Verbesserung der Wohnverhältnisse der Arbeiter – Forderung nach Arbeiterwohnhäusern und Verbot der Unterbringung von Arbeitern in Elendsquartieren (Kellerräumen etc.). Das Projekt eines Arbeiterkonsumvereins mit niedrigeren Preisen für Grundnahrungsmittel scheiterte bereits in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, wurde aber von italienischen Arbeitern in Tirol 1896/97 wieder aufgegriffen und stellte trotz schwerer Krisen vor Kriegsbeginn (nur ein Ausgleich verhinderte einen Konkurs) eine wichtige Hilfestellung für die ausgehungerte Bevölkerung im Ersten Weltkrieg dar.

Von Bedeutung blieb nach wie vor die Streikbewegung, die allerdings um 1900 fast zum Stillstand gekommen war (bis 1905, als die Geschehnisse in Rußland der Arbeiterbewegung wieder enormen Auftrieb gaben). Eine Resolution ”Streiks und Boykotte” wurde verabschiedet und die Gewerkschaft beschäftigte sich intensiv mit der Streikfinanzierung. Durch die Mitgliedsbeiträge konnten bei einer sehr großen Zahl von Streiks die Arbeiter in ihren Forderungen nicht nur ideologisch sondern auch finanziell unterstützt werden. Durch den Gewerkschaftskongreß beschleunigte sich der Konzentrationsprozeß der Gewerkschaftsbewegung in Tirol und 1901 wurde auch die Gründung eines Tiroler Gewerkschaftssekretariats (erster Sekretär: Hermann Flöckinger) erreicht.

Die Eisenbahner stellten zweifellos die stärkste Fraktion der Tiroler Gewerkschaften dar, wie sie auch generell als Kern der Arbeiterbewegung in Österreich bezeichnet werden können. Schon 1897 hatte die Regierung Kasimir Felix Graf Badeni die Eisenbahnerorganisationen für ganz Österreich wegen ihrem sozialdemokratischen Charakter aufgelöst, doch schon ein Jahr später hatten sich die Eisenbahner erneut organisiert, indem sie in Wien den ”Allgemeinen Rechtsschutz- und Gewerkschaftsverein für Österreich” bildeten. Ortsgruppen entstanden auch in mehreren Städten Tirols, die allerdings von Anfang an unter sehr strenger Überwachung der Obrigkeit standen.

Besonders die Weltwirtschaftskrise 1900 bis 1903, die verspätet auch Tirol traf und zu einer weiteren Konzentration der Wirtschaft und Industrie führte (viele Kleinbetriebe wurden aufgesogen) arbeitete in diesem Sinne für die Gewerkschaften, die stetig wuchsen und zu einem wichtigen politischen Faktor zumindest in Innsbruck wurden.

Dem Vorstand der Innsbrucker Verbandsvereine gehörten 1904 an: Johann Orszag (Buchdrucker), Jakob Fingerl (Eisenbahner), Martin Rapoldi (Holzarbeiter, späterer Redakteur der „Volkszeitung“), Raffelsberger, Winkler, Flöckinger und Vertreter der italienisch-tirolischen Gewerkschaften. Gewerkschaftsführung und Parteileitung waren größtenteils personell ident.

Auch wenn die tatsächlich greifbaren Erfolge in der Minderzahl blieben, konnte doch nicht mehr über eine organisierte Arbeiterschaft hinweggesehen werden. Im deutschsprachigen Tirol konnten Ende 1904 immerhin bereits 3.249 Mitglieder und 1907 7.594 Arbeiter als Gewerkschaftsmitglieder gezählt werden.[32]

Allerdings hatten die Tiroler Gewerkschaften auch mit zunehmenden Problemen zu kämpfen. Die Christlich-Soziale Partei, die katholische Kirche und die Unternehmer begannen sich immer mehr zu organisieren, um dem zunehmenden Einfluß der Gewerkschaften entgegenzuarbeiten. Die Unternehmer etwa reagierten auf die Streikbewegung und den zunehmenden Druck der Sozialdemokraten und bildeten am 14. November 1897 in Wien den ”Bund österreichischer Industrieller”. Ebenso wurde der innergewerkschaftliche Separatismus mehr und mehr zum Problem. Verschiedenste Interessensgruppen prallten aufeinander, Fachvereine arbeiteten teilweise gegeneinander, in Bozen wurde ein eigenes Gewerkschaftssekretariat gegründet etc. All diese Entwicklungen waren keinesfalls günstig für eine einheitliche gewerkschaftliche Solidarisierung in Gesamttirol.

Ab 1912 verloren die Gewerkschaften in Tirol wieder an Bedeutung, die hohe Arbeitslosigkeit führte unter anderem zu einem starken Mitgliederschwund (viele Arbeiter waren gezwungen aus Tirol abzuwandern). Auch die Uneinigkeit und Spaltung der Interessen der lokalen Organisationen der Streikbewegung zeigt in diesen letzten Vorkriegsjahren die Schwächen der Tiroler Gewerkschaften und ihrer Leitung klar auf. Streikbrecher wurden von seiten der Unternehmer und Industriellen eingesetzt und die Uneinigkeit der Arbeiterbewegung schadete den Interessen der Arbeiter insgesamt sehr. Auch die Konflikte zwischen den einzelnen Organisationen der Tiroler Arbeiterbewegung traten deutlich zutage, so weigerten sich die freien Gewerkschaften in Tirol etwa, Wahlfondsbeiträge für die Reichs- und Landtagswahlen 1911 für die Tiroler Arbeiterpartei zu sammeln. [33]

11 ) Vor dem Krieg

Bei den letzten Neuwahlen zum Reichsrat vor dem Krieg (1911) brachte es die Tiroler Arbeiterpartei auf 9.371 Stimmen. Abram gewann wiederum im Innsbrucker Wahlkreis II, Holzhammer verlor in Wahlkreis I gegen Erler; bei diversen Stichwahlen in anderen Tiroler Wahlkreisen, in denen ein Christlich-Sozialer gegen einen Freiheitlichen (ehemals Deutschnationale) antrat, empfahl die Arbeiterpartei ihren Anhängern den freiheitlichen Kandidaten zu wählen – man erhoffte sich von den Freiheitlichen Demokratisierungsschübe in der Tiroler Gemeinde- uns Landtagswahlordnung.

Bei den ebenfalls 1911 stattfindenden Gemeinderatswahlen (wurden noch nicht nach dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht durchgeführt, sondern durch die Kurien gewählt) gingen die Sozialdemokraten auch in Innsbruck (erwartungsgemäß) mit nur 330 Stimmen leer aus.[34].

Die Erfolge der Tiroler Sozialdemokratie brachten der Parteileitung viel Lob und Anerkennung auch von seiten der gesamtösterreichischen Parteispitze ein und im Oktober/November 1911 wurde in Innsbruck der Parteitag der Österreichischen Sozialdemokraten abgehalten - Viktor Adler bezeichnete es geradezu als ein Wunder, daß ein sozialdemokratischer Parteitag in Tirol stattfinden konnte[35]. Als Gastdelegierter nahm unter anderem auch Leo Trotzky an diesem Parteitag teil.

Im September 1911 nahmen laut „Volkszeitung“ 8 bis 10.000 Menschen in Innsbruck an einer Massenkundgebung gegen die starke Teuerung teil.

Einen Dämpfer mußte die Arbeiterpartei allerdings im Oktober 1913 einstecken. Eine sehr reaktionäre Landtagswahlreform wurde durch die bürgerlichen Parteien des Tiroler Landtages beschlossen. Die Erwartungen, die die Sozialdemokraten in die Freiheitlichen gesetzt hatten, wurden schwer enttäuscht. Selbst die Virilstimmen der Fürtserzbischöfe von Brixen und Trient, des Fürsterzbischofes von Salzburg, des Universitätsrektors, sowie der Kurien der Prälaten, der adeligen Großgrundbesitzer und der Handels- und Gewerbekammer blieben erhalten. Trotzdem verlief der erste Landtagswahltag für die Sozialdemokraten, betrachtet man ihre Ausgangsposition, sehr erfolgreich. Abram gewann wiederum in Innsbruck II, diesmal sogar mit absoluter Mehrheit und auch Cesare Battisti konnte die Stichwahlen in Trient für sich entscheiden. Weitere Erfolge (Stichwahlen auch in Bozen und Innsbruck I) blieben allerdings aus, was auf das Zerbrechen des strategischen Bündnisses mit den Freiheitlichen/Deutschnationalen zurückzuführen ist, die in Innsbruck I mit Hilfe der christlich-sozialen Stimmen ihren Kandidaten, Bürgermeister Wilhelm Greil, in der Stichwahl gegen Holzhammer durchsetzen konnten.

Immerhin zogen die Sozialdemokraten 1914 erstmals mittels Simon Abram und Cesare Battisti in den Tiroler Landtag ein. - Allerdings nur für drei Monate.

4. Zentren der Arbeiterbewegung in Tirol

Zentren der Sozialdemokratie in Nordtirol waren vor allem Innsbruck, Wörgl (Industriegebiet), Jenbach-Schwaz (Metallarbeiter) und Lienz (Eisenbahnbau). Große Teile Tirols, vor allem natürlich der ländliche Raum blieben gänzlich ohne sozialdemokratische Organisation, wie etwa das gesamte Außerfern. In Reutte wurde erst in der Zwischenkriegszeit eine Parteiorganisation aufgebaut.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Karte zeigt deutlich, daß sich im gesamten Oberland, mit Ausnahme minimaler Aktivitäten in Landeck[36], keine wirklich funktionierenden sozialdemokratischen Organisationen aufbauen konnten.

Lienz liegt geographisch isoliert und profitierte hauptsächlich von der sehr engagierten Maria Ducia, die die Osttiroler Parteileitung praktisch im Alleingang aufgebaut hatte und am Leben erhielt.

Gesteuert wurde die gesamte Tiroler Bewegung also fast ausschließlich von Innsbruck aus.

In Vorarlberg kann trotz weiter fortgeschrittener Industrialisierung und größerem Arbeiterproletariat überhaupt nicht von sozialdemokratischen Zentren gesprochen werden. August Gföllner, als Leiter des sozialdemokratischen Wählervereins für Vorarlberg, ist, wie Maria Ducia in Lienz, als „Einzelkämpfer” zu bezeichnen.[37]

Auf Südtirol trifft Ähnliches zu. Einzig in Bozen und Meran gab es bis 1914 aktive Sozialdemokraten.

Die vor dem Krieg relativ starke sozialdemokratische Bewegung in Trient (Mussolini und Battisti als herausragende Persönlichkeiten) wurde ebenso bereits frühzeitig in die Schranken gewiesen und 1915 ausgelöscht. Durch ihr italienisch-nationalistisch ausgerichtetes Hauptanliegen[38] hatte sie sich zu Kriegsbeginn vollkommen von der österreichischen Sozialdemokratie abgewandt und sozialdemokratischen Ideen weitestgehend den Rücken gekehrt.

5. Die Christliche Arbeiterschaft

Wie bereits in den vorangegangenen Kapiteln ausgeführt, rief die Katholische Kirche in Tirol (und auch österreichweit) in Zusammenarbeit mit der Konservativen Partei und den Christlich-Sozialen eine Reihe von Institutionen ins Leben, die Arbeitern die Möglichkeit bieten sollten, sich auch außerhalb der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung zu organisieren. Eine der wichtigsten dieser Einrichtungen im Kronland Tirol stellte der „Verband der katholischen Arbeitervereine Deutsch-Tirols“ dar.

Dieser Verein ist zweifellos auch als Vertretung eines nicht unwesentlichen Anteils der Arbeiterschaft zu sehen, allerdings nicht als „Bewegung“. Er trat politisch nicht in Erscheinung bzw. nur als Teilorganisation der Konservativen Partei und sah sich auch vorrangig nicht als politische Vertretung der Arbeiterschaft, sondern hauptsächlich als Opposition zur Sozialdemokratie und unterstützender Bestandteil der Konservativen. Sein Hauptaugenmerk legte der katholische Arbeiterverein auf Veranstaltungen zur Sicherung einer engen Bindung der Arbeiter an die Kirche. Wenn also bisher, und auch im folgenden, von der Arbeiterbewegung die Rede war und sein wird, so beschränkt sich diese Bezeichnung auf die sozialdemokratische Arbeiterbewegung und bezieht sich nicht auf die katholischen Arbeitervereine Tirols.

Der Verband der katholischen Arbeitervereine umfaßte in Tirol 1914 (laut eigenen Angaben) 4130 Mitglieder, litt aber unter massivem Mitgliederschwund seit Kriegsbeginn und zählte 1916 nur mehr 1552 eingeschriebene Mitglieder.

Das erste Sekretariat dieses Vereins war 1908 in Hall eröffnet worden. Seit damals organisierte der katholische Arbeiterverein Wallfahrten, Exerzitien und Katechismus-Kurse, betrieb einen Jugendverein im Stile der heutigen „katholischen Jungschar“, hatte in Innsbruck eine Bibliothek mit christlicher Literatur eröffnet und gab das Verbandsorgan „Der Arbeiter“ in unregelmäßigen (zeitlich relativ großen) Abständen heraus. Mit einer, allerdings mangelhaft finanzierten, Krankenzuschuß-, Sterbe-, und Rechtsschutzkasse wurden auch ursächliche Arbeiterinteressen vertreten, jedoch in sehr bescheidenem Ausmaße.

Die Leitung des Vereines teilten sich Geistliche und Laien (auch der spätere Kanzler Dr. Michael Mayr war im Vorstand des Hauptverbandes vertreten).

Während des gesamten Krieges tritt der katholische Arbeiterverein nur ein einziges Mal in Erscheinung und zwar höchst negativ: Auf einer der Statthalterei nicht gemeldeten Versammlung am 17.5.1917 griff der Obmann des Ortsausschusses der katholischen Arbeiterschaft Innsbruck, Heinrich Loreck (Schriftsetzer bei der Tyrolia), die Statthalterei, verbunden mit Drohungen, richtiggehend an: „Wenn es nicht bei unserer Statthalterei anders wird, müssen wir andere Mittel ergreifen; Seine Exzellenz darf nicht glauben, weil er ein Graf ist, daß er was ist; das Gelindeste, was ihm passieren kann ist, daß man ihm einen leeren Möbelwagen vor´s Tor stellt, damit er weiß, was er zu tun hat. Es kann aber auch noch ganz anders kommen.“[39] Dieser Angriff hat die Vorwürfe des Irredentismus gegen Toggenburg zum Hintergrund, die ihm von verschiedener Seite vorgeworfen wurden und ist natürlich hauptsächlich auch auf die fatale Versorgungslage zurückzuführen, für die ebenfalls, zumindest teilweise, die Statthalterei verantwortlich gemacht wurde.

Solche Ausfälligkeiten gegenüber einer so hochgestellten Persönlichkeit waren bisher noch nicht dagewesen. Die Statthalterei reagierte empört.

Der Verband der katholischen Arbeitervereine Deutschtirols distanzierte sich sofort von den „radikalen Elementen“ in der Ortsgruppe Innsbruck und versicherte der Statthalterei untertänigst, die absolute Vaterlandstreue der christlichen Arbeiterschaft. Der in demütigen Worten gehaltene Brief endet mit dem Wahlspruch „Für Gott, Kaiser und Vaterland“[40].

Loreck und sein Stellvertreter Raich werden von der Statthalterei vorgeladen und abgekanzelt. Die Bezirkshauptmannschaft als zuständige Institution erstattet jedoch weder wegen der rhetorischen Ausfälligkeiten, noch wegen der nicht angemeldeten Versammlung Anzeige. Wer in dieser Sache an welchen Rädern gedreht haben mag, ist aus den Akten leider nicht ersichtlich.

Der katholische Arbeiterverein verschwindet anschließend wieder in der Versenkung und bis Kriegsende kommt es zu keiner weiteren Versammlung oder anderen bemerkenswerten Aktivitäten.

[...]


[1] aus dem Vorwort Prof. Schobers zu Pircher: Militär, Verwaltung und Politik in Tirol im Ersten Weltkrieg

[2] siehe Literaturverzeichnis

[3] Othmerding: Die Südtiroler Sozialdemokratie nach 1918, S. 97

[4] vgl. Sieder: Was heißt Sozialgeschichte?

[5] Zahlen siehe Pircher: Militär, Verwaltung und Politik in Tirol, S. 45

[6] vgl. Zahlen auch in: Wagner: Der große Bildatlas zur Geschichte Österreichs, S. 166,

sowie: Hartungen/Pallaver: Arbeiterbewegung und Sozialismus in Tirol, Einleitung S. 11

[7] Zahlen siehe Pircher: Militär, Verwaltung und Politik in Tirol im Ersten Weltkrieg, S. 45

[8] folgende Zahlen siehe Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 3

[9] TLA Statth. Präs. 3284 I 8 b/1 1917; der Träger des Franz-Joseph-Ordens mit Kreuz, Geheimrat Graf von

Meran ist der Sohn Erzherzog Johanns und der Postmeisterstochter Anna Plochel aus Aussee

[10] Othmerding: Die Südtiroler Sozialdemokratie nach 1918, S. 103

[11] vgl. Heiss: Andere Fronten, S. 161

[12] Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 16

[13] vgl. Hartungen/Pallaver: Arbeiterbewegung uns Sozialismus in Tirol, Einleitung S. 15

[14] über das Entstehen der sozialdem. Bewegung in Tirol siehe Kap. „Die Arbeiterbewegung und Tirol”

[15] Hartungen/Pallaver: Arbeiterbewegung uns Sozialismus in Tirol, Einleitung S. 13

[16] vgl. Hanni: Soziale und politische Kämpfe der Gewerkschaften, S. 82

[17] das folgende Kapitel stützt sich zu einem überwiegenden Teil auf die Arbeit Univ.-Prof. Dr. Gerhard

Oberkoflers zur Tiroler Arbeiterbewegung von den Anfängen bis 1934 (siehe unten)

[18] Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 18

[19] ebenda S. 22

[20] Zahlen laut Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 25

[21] Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 38

[22] vgl. Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 75f

[23] Joseph Biederlack: Theologische Fragen über die gewerkschaftliche Bewegung; zitiert in: Oberkofler:

Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 109

[24] vgl. Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 74

[25] vgl. ebenda, S. 83

[26] Angaben zitiert in: Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 65

[27] Zahlenangaben laut diversen Ausgaben der Volkszeitung in: Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 126f

[28] zitiert nach Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 134

[29] Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 140

[30] Zahlen zitiert nach Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 93

[31] zitiert nach Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 114

[32] zitiert nach Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 104

[33] vgl. Oberkofler: Die Tiroler Arbeiterbewegung, S. 121

[34] Zahlen zitiert in: ebenda, S. 146f

[35] Protokoll des Parteitages, zitiert in: ebenda, S. 150

[36] vgl. Kap. „Ein roter Teufel”

[37] vgl. Kap. „Die Vorarlberger Arbeiterbewegung”

[38] vgl. Kap. „Welschtirol” und „Tirol und die Walschen”

[39] TLA Statth. Präs. 2749 XII 77 a/1 1917

[40] TLA Statth. Präs. 2749 XII 77 a/1 1917

Ende der Leseprobe aus 186 Seiten

Details

Titel
Zwischen Russischer Revolution und Erster Republik - Die Tiroler Arbeiterbewegung gegen Ende des "Großen Krieges"
Untertitel
Unter besonderer Berücksichtigung der tirolspezifischen Verhältnisse und der wechselseitigen Beziehungen zum Staatsapparat
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Österreichische Geschichte)
Note
1,00
Autor
Jahr
1999
Seiten
186
Katalognummer
V74281
ISBN (eBook)
9783638741149
ISBN (Buch)
9783638742337
Dateigröße
2107 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Revolution, Republik, Arbeiterbewegung, Ende, Weltkrieg, Sozialismus, SPÖ, Sozialdemokratie, Innsbruck, Jahrhundertwende, Tirol, Krieg, Abram, Politik, Landtag, Statthalterei, Schutzbund, Habsburg, Burgfriede, Pazifismus, Irredentismus, Südfront, Trentino, Südtirol, Russische, Zeitgeschichte, Erste, Geschichte, Patriotismus, Zwischenkriegszeit, Frieden, Streik, Monarchie
Arbeit zitieren
Dr. David Schnaiter (Autor), 1999, Zwischen Russischer Revolution und Erster Republik - Die Tiroler Arbeiterbewegung gegen Ende des "Großen Krieges", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74281

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