Generelle Aspekte einer Rhetorik der Stammesgesellschaften


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Soziokulturelle Aspekte und Formierung des „rhetorischen Raums“
a) Lebensverhältnisse und Wirtschaftsform
b) Sozialordnung
c) Nichtformalisiertes Recht
d) Die Bedeutung der Magie
e) Kultur des Mythos
f) Primäre Oralität

III. Beispiele aus der Feldforschung
a) Politische Entscheidungsfindung
b) Formalsprache
c) Alltagskommunikation

IV. Generelle Aspekte einer Rhetorik der Stammesgesellschaften
a) Ars
b) Artifex
c) Opus

V. Schluss

VI. Literatur

I. Einleitung

Eine Analyse der Rhetorik der Stammesgesellschaften liefert im Idealfall nicht nur Aufschlüsse über die gegenwärtige Redepraxis, die uns in fremden Kulturen begegnet, sondern verschafft Einblicke in die Formen der Kommunikation, die in einer prähistorischen Vergangenheit vorherrschten: Einer Zeit, als die Schrift noch nicht das Selbst- und Weltbild des Menschen unwiderruflich veränderte, als ein Begriff von Wissenschaft noch nicht existierte, als die sozialen Ungleichheiten sich noch auf einfache Aufgabenteilung nach Geschlecht und Alter beschränkten und es das Individuum nach modernem Verständnis noch nicht gab.

Die Benennung des Untersuchungsgegenstandes „traditionale Gesellschaften“ oder „Stammesgesellschaften“ ist dabei zwangsläufig unscharf. Auf welchen Aspekt der jeweiligen Kultur beziehen sie sich? Spielen traditionale Elemente nicht auch in modernen Industriegesellschaften ihre Rolle? Sind uns manche gegenwärtige Stammesgesellschaften nicht kulturell „näher“ als die hochkomplex in Staaten organisierten Gesellschaften der frühen Hochkulturen?

Die von der Kulturanthropologie gebrauchte evolutionäre Ansatz kann uns helfen, den Forschungsgegenstand sinnvoll einzugrenzen. Dieses Modell, das vornehmlich dazu benutzt wird, „kulturübergreifende Gleichheiten zwischen Gesellschaften hervorzuheben“[1], geht davon aus, dass die adaptiven Verfahren, derer sich eine Gesellschaft zu ihrer Reproduktion bedient, in Verbindung mit ihrer Umwelt maßgeblich zur Ausbildung ganz charakteristischer sozialer, politischer, und kultureller Strukturen führen. Im Allgemeinen werden vier Hauptgruppen adaptiver Strategien beobachtet:

1. Wildbeutertum (Jagen und Sammeln, Fischerei)
2. Niederer Bodenbau (Sesshaftigkeit, Gartenbau mit einfachsten Werkzeugen)
3. Höherer Bodenbau (Ackerbau mit Pflug, Rad, Bewässerung)
4. Industrialismus (Nutzung von Maschinen)[2]

Diese Reihe adaptiver Strategien folgt der generellen Evolution der Menschheit in den Industrieländern. Aus dieser Perspektive ist es erlaubt, zeitgenössische Stammesgesellschaften als quasi „prähistorisch“ zu betrachten: Behutsame Interpretation ihrer Lebensweise kann zusammen mit archäologischem Wissen zu einem konkreteren Bild des vorzeitlichen Menschen führen.

Wie oben beschrieben gehen mit der adaptiven Strategie ganz spezielle Charakteristika der jeweiligen Gesellschaft in Sozialstruktur, politischer Organisation, Kultur und Verhalten einher. So sind beispielsweise Wildbeuter im Allgemeinen in lockeren Horden, Gartenbauer in Stämmen, Ackerbauern und moderne Gesellschaften in Staaten mit Zentralgewalt organisiert.

Für eine Untersuchung genereller Aspekte einer Rhetorik der Stammesgesellschaften bzw. einer Rhetorik traditionaler Gesellschaften (quasi einer Rhetorik der Prähistorie) ist es daher sinnvoll, die Untersuchung auf Wildbeuter und Gartenbauer zu begrenzen. Die nicht unerheblichen Gemeinsamkeiten dieser Kulturen sollen im Folgenden im Hinblick auf die Rhetorik herausgearbeitet werden.

Da generelle Aspekte der Rhetorik dieser Kulturen das Thema der Arbeit sind, werden nur ausgewählte Aspekte (und bei weitem nicht alle) behandelt, die auch tatsächlich generalisierbar sind. Am Ende sollen Aspekte einer „idealtypischen“ traditionalen Gesellschaft benannt sein, von der sich real existierende traditionale Gesellschaften möglicherweise in Einzelpunkten unterscheiden. Die Beispiele aus der Feldforschung aber sollen das vorgeschlagene Modell unterstützen. Wichtig ist auch, alle diese allgemeinen Charakteristika einer traditionalen Gesellschaft als Tendenzen zu verstehen, die sich um so mehr verflüchtigen, je weiter jene im „evolutionären Kontinuum“ fortgeschritten ist.

II. Soziokulturelle Aspekte und Formierung des „rhetorischen Raums“

Die innere und äußere Wirklichkeit des Menschen bestimmt sein kommunikatives Handeln. Die gesellschaftliche Bedeutung des Redners, seine Intention, Art und Zeitpunkt seiner Rede werden vom soziokulturellen Umfeld beeinflusst. Dieses Umfeld formiert den Raum, in dem der Rhetor sein telos verwirklichen kann, um seinerseits jene Strukturen zu re-formieren. Im Folgenden soll die traditionale Gesellschaft kurz skizziert werden in Aspekten der Wirtschaft, der Lebensverhältnisse, der Sozialordnung und der Kultur.

a) Lebensverhältnisse und Wirtschaftsform

Traditionale Gesellschaften zeichnen sich fast durchgängig durch kleine soziale Einheiten und eine geringe Bevölkerungsdichte aus. Die Horden und Stämme umfassen einige Dutzend bis einige Hundert Mitglieder, die oft weit voneinander entfernt leben. Normalerweise ist es die primitive Wirtschaftsform, die keine größeren Populationen zulässt und es (wie bei der Jagd und der extensiven Bodennutzung) nötig macht, sich über ein weites Gebiet zu zerstreuen. Dabei hängt das Wohlergehen der Gruppe in sehr hohem Maße von der Natur bzw. den Naturgewalten ab.

Es gibt im Allgemeinen keine Arbeitsspezialisierung bei den Mitgliedern: Jeder macht das gleiche. Nahrungsbeschaffung, Nahrungsbereitung und andere anfallende Arbeiten werden von allen Stammesmitgliedern ausgeführt. Allenfalls eine Arbeitsteilung nach Geschlecht und Alter (etwa bei der Kinderbetreuung oder im Krieg) findet statt. Dieser Gesichtspunkt sollte nicht unterschätzt werden: Die Auswirkungen der Arbeitsteilung auf die Entwicklung des Individuums und seiner Individualinteressen ist hinlänglich beschrieben.

Besitz bedeutet (vor allem bei Wildbeutern) im Wesentlichen Besitz der Gruppe. Geistiges oder materielles Privateigentum ist nur rudimentär vorhanden. Gerade Nahrung wird im Allgemeinen geteilt. Häufig ist es sogar so, dass gerade der Nahrungsbeschaffer (z.B. der Jäger) nichts vom Ertrag bekommt.

In den meisten Fällen findet Handel nur in geringstem Ausmaß statt, das heißt im Tauschhandel mit unmittelbaren Nachbarn. Sie sind auch meist der einzige außenpolitische Kontakt und das, was die Mitglieder als „Fremde“ betrachten. Diese „Fremdheit“ definiert sich vor allem über materiale Interessenkonflikte. Traditionale Verhaltensweisen oder die Kultur des Stammes werden durch diese unmittelbaren Nachbarn nicht infrage gestellt. So verläuft im Allgemeinen das traditionelle Leben der Gruppe in geregelten Bahnen.[3]

b) Sozialordnung

Stammesgesellschaften sind egalitär. Zwar machen „größere Bevölkerungskonzentrationen, die aufgrund ihrer Abhängigkeit von den Bodenprodukten mehr oder minder an ihr Land gebunden sind, besser definierte Autoritätspositionen notwendig“[4], wie dies bei Pflanzern schon der Fall ist. In den allermeisten Fällen sind diese Führungspositionen jedoch informeller Natur, das heißt durch eigene Leistung erarbeitet und jederzeit widerrufbar: Sie folgen dem primus-inter-pares -Muster: Einfluss, aber keine unmittelbare Macht, wird ausgeübt. Selbst bei Stämmen (fortgeschrittenere politische Ordnung) von Pflanzern (fortgeschrittenere Wirtschaftsform) sind es lediglich Persönlichkeiten vom Status eines „big man“[5] (inoffizielle Führerposition mit weiter reichendem Einfluss auf Widerruf) oder eines „Dorfältesten“[6] (offizielle Führerposition mit geringerem Einfluss), die keinerlei Verfügungsgewalt haben. Führungspositionen entstehen so gewissermaßen spontan und wie die Situation es erfordert. Sie beruhen auf erworbenem Ansehen, Respekt und Prestige aufgrund von speziellen Fähigkeiten in bestimmten Gebieten: Kriegerische Leistungen, Fleiß und nicht zuletzt das Talent zur wirkungsvollen Rede gehören dazu. Seine herausragenden Fähigkeiten befreien den Führer allerdings nicht von einer dauernden Evaluation durch die Stammesgemeinschaft und geben im Normalfall keine Befehlsgewalt: „Ein Wort von ihm genügt, und jeder tut, was ihm gefällt.“[7] Besteht die Gefahr einer zu hohem Machtkonzentration (und dazu gehört auch das Prestige einer solchen Respektperson), existieren im Allgemeinen Mittel und Wege, das Kräftegleichgewicht in der Gruppe wieder herzustellen.

Die Egalität der Stammesstruktur steht in direktem Zusammenhang mit der vorherrschenden Form der Arbeitsteilung: Insbesondere in Wildbeutergesellschaften (bspw. den meisten Eskimo-Gesellschaften) verfügt jedes Stammesmitglied über alle für das unmittelbare biologische und soziale Überleben notwendigen Fähigkeiten (was praktisch heißt: über alle Fähigkeiten, die im wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Leben überhaupt eine Rolle spielen). In Pflanzergesellschaften ist dies nicht viel anders. Auch unter dem weiteren Gesichtspunkt der „sozialen Arbeitsteilung“ im Sinne Durkheims lassen sich allenfalls marginale Differenzierungsprozesse feststellen, wie oben erwähnt.

[...]


[1] VIVELO, F.R.: Handbuch der Kulturanthropologie. Stuttgart, 1981. S. 63

[2] VIVELO, S. 60.

[3] Das, was man in den modernen Gesellschaften als „Kulturrelativismus“ bezeichnet, eine auch nur vage Vorstellung davon, dass andere Völker gänzlich anders leben (und trotzdem leben), ist direkt auf den Umstand des Kontakts mit fremden Völkern zurückzuführen. Dieser stellt die eigene Tradition infrage, macht sie verhandelbar, nimmt ihre unmittelbare Kraft. Nicht zufällig bedeutet der Name vieler traditionaler Völker nichts anderes als „Mensch“, als ob es keine anderen Menschen gäbe.

[4] VIVELO: a.a.O., S. 92.

[5] VIVELO: a.a.O., S. 201.

[6] ebd., S. 200.

[7] SAHLINS, M.D.: Tribesmen. Englewood Cliffs, 1968. S.21 zit. nach. VIVELO:a.a.O., S. 200.

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Details

Titel
Generelle Aspekte einer Rhetorik der Stammesgesellschaften
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Seminar für Algemeine Rhetorik)
Veranstaltung
Rhetorische Anthropologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V74290
ISBN (eBook)
9783638690423
ISBN (Buch)
9783638776660
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Generelle, Aspekte, Rhetorik, Stammesgesellschaften, Rhetorische, Anthropologie
Arbeit zitieren
Eike Freese (Autor), 2002, Generelle Aspekte einer Rhetorik der Stammesgesellschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74290

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