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Generelle Aspekte einer Rhetorik der Stammesgesellschaften

Title: Generelle Aspekte einer Rhetorik der Stammesgesellschaften

Term Paper (Advanced seminar) , 2002 , 25 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Eike Freese (Author)

Rhetoric / Elocution / Oratory
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Eine Analyse der Rhetorik der Stammesgesellschaften liefert im Idealfall nicht nur Aufschlüsse über die gegenwärtige Redepraxis, die uns in fremden Kulturen begegnet, sondern verschafft Einblicke in die Formen der Kommunikation, die in einer prähistorischen Vergangenheit vorherrschten: Einer Zeit, als die Schrift noch nicht das Selbst- und Weltbild des Menschen unwiderruflich veränderte, als ein Begriff von Wissenschaft noch nicht existierte, als die sozialen Ungleichheiten sich noch auf einfache Aufgabenteilung nach Geschlecht und Alter beschränkten und es das Individuum nach modernem Verständnis noch nicht gab.

Der von der Kulturanthropologie gebrauchte evolutionäre Ansatz kann uns helfen, den Forschungsgegenstand sinnvoll einzugrenzen. Dieses Modell, das vornehmlich dazu benutzt wird, „kulturübergreifende Gleichheiten zwischen Gesellschaften hervorzuheben“, geht davon aus, dass die adaptiven Verfahren, derer sich eine Gesellschaft zu ihrer Reproduktion bedient, in Verbindung mit ihrer Umwelt maßgeblich zur Ausbildung ganz charakteristischer sozialer, politischer, und kultureller Strukturen führen. Im Allgemeinen werden vier Hauptgruppen adaptiver Strategien beobachtet:

1. Wildbeutertum (Jagen und Sammeln, Fischerei)
2. Niederer Bodenbau (Sesshaftigkeit, Gartenbau mit einfachsten Werkzeugen)
3. Höherer Bodenbau (Ackerbau mit Pflug, Rad, Bewässerung)
4. Industrialismus (Nutzung von Maschinen)

Diese Reihe adaptiver Strategien folgt der generellen Evolution der Menschheit in den Industrieländern. Aus dieser Perspektive ist es erlaubt, zeitgenössische Stammesgesellschaften als quasi „prähistorisch“ zu betrachten: Behutsame Interpretation ihrer Lebensweise kann zusammen mit archäologischem Wissen zu einem konkreteren Bild des vorzeitlichen Menschen führen.

Da generelle Aspekte der Rhetorik dieser Kulturen das Thema der Arbeit sind, werden nur ausgewählte Aspekte (und bei weitem nicht alle) behandelt, die auch tatsächlich generalisierbar sind. Am Ende sollen Aspekte einer „idealtypischen“ traditionalen Gesellschaft benannt sein, von der sich real existierende traditionale Gesellschaften möglicherweise in Einzelpunkten unterscheiden. Die Beispiele aus der Feldforschung aber sollen das vorgeschlagene Modell unterstützen. Wichtig ist auch, alle diese allgemeinen Charakteristika einer traditionalen Gesellschaft als Tendenzen zu verstehen, die sich um so mehr verflüchtigen, je weiter jene im „evolutionären Kontinuum“ fortgeschritten ist.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Soziokulturelle Aspekte und Formierung des „rhetorischen Raums“

a) Lebensverhältnisse und Wirtschaftsform

b) Sozialordnung

c) Nichtformalisiertes Recht

d) Die Bedeutung der Magie

e) Kultur des Mythos

f) Primäre Oralität

III. Beispiele aus der Feldforschung

a) Politische Entscheidungsfindung bei den Hamar – das osh

b) Formalsprache: Die Merina auf Madagaskar

c) Alltagskommunikation bei den Hamar

IV. Generelle Aspekte einer Rhetorik der Stammes-gesellschaften

a) Ars

b) Artifex

c) Opus

V. Schluss

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit untersucht die rhetorischen Praktiken in sogenannten Stammesgesellschaften, um durch einen kulturanthropologischen Vergleich Einblicke in die menschliche Kommunikation fernab moderner Schriftkultur zu gewinnen. Ziel ist es, die spezifischen Rahmenbedingungen und Wirkmechanismen der Rede zu identifizieren, die auf Konsensbildung in egalitären Strukturen ausgerichtet sind.

  • Soziokulturelle Grundlagen der Kommunikation in traditionalen Gesellschaften
  • Der Einfluss von primärer Oralität auf Rhetorik und Mnemotechnik
  • Rituelle Formen der Entscheidungsfindung (am Beispiel der Hamar)
  • Die Rolle von Formalsprache als Machtinstrument
  • Die Rhetorik als integrative Kraft für kollektive Identität

Auszug aus dem Buch

d) Die Bedeutung der Magie

Magie (wenn sie auf sprachliche Handlungen bezogen wird) meint den Glauben daran, dass Worte einen unmittelbaren Einfluss auf die materielle Welt haben. Der Zauberspruch gilt den Stammesmitgliedern als „Urtext, der zusammen mit Tieren und Pflanzen, mit Wind und Wellen, mit Krankheit, Mut und Hinfälligkeit des Menschen in die Welt gekommen ist.“ Die Sprache der Magie stimmt dabei nur am Rande mit der jeweiligen Alltagssprache überein: Zumeist sind es alte Worte, umschreibende Sentenzen oder grammatikalische Abweichungen, die die magische Sprache kodieren. Immer gibt es diesen „Koeffizienten des Unheimlichen“, der die magische Handlung als solche ausweist, Andacht abverlangt und emotionale Berührung erzeugt. Dabei ist es nicht egal, was der Magier tut oder sagt: Der Zauberspruch ist meist auf die eine oder andere Art vorgegeben und beinhaltet auch immer ein gewisses Maß an Übersetzbarkeit („Koeffizient der Verständlichkeit“), das ihn als den in der jeweiligen Situation geeigneten ausweist. Er findet seine Anwendung in Alltags- oder Extremsituationen, die keine „nichtmagische“ Lösungsmöglichkeit erkennen lassen. Die Abhängigkeit der Pflanzer von Wetter und Boden verlangt nach einer Magie des Gartens, wechselndes Jagdglück der Wildbeuter nach einer Magie der Jagd usw..

Der Magier nun muss alle diese Zaubersprüche lernen und verinnerlichen, er ist der Bewahrer der Tradition der Gemeinschaft. Zu seinen Aufgaben gehört auch die effektvolle Inszenierung des Spruches, der ja nicht zuletzt auf die Herzen der Stammesmitglieder zielt um „[...]Vertrauen zu schaffen, Hoffnungen und Erwartungen zu stärken und damit zu Leistung, Ausdauer und Schwung anzuspornen [...].“

Zusammenfassung der Kapitel

I. Einleitung: Diese Einleitung grenzt den Forschungsgegenstand der Stammesgesellschaften methodisch durch kulturanthropologische Ansätze ein und definiert die Perspektive der Rhetorik auf prähistorische Kommunikationsformen.

II. Soziokulturelle Aspekte und Formierung des „rhetorischen Raums“: Dieses Kapitel skizziert die soziokulturellen Rahmenbedingungen, wie Wirtschaftsform, Sozialordnung und die Bedeutung von Mythos und Oralität, welche den rhetorischen Handlungsspielraum in traditionalen Gesellschaften konstituieren.

III. Beispiele aus der Feldforschung: Hier werden anhand konkreter Fallbeispiele bei den Hamar und den Merina die praktischen Ausprägungen von politischer Entscheidungsfindung und Formalsprache untersucht.

IV. Generelle Aspekte einer Rhetorik der Stammes-gesellschaften: Das Kapitel analysiert die rhetorische Kunst (Ars), den Redner als Artifex und das vollendete Werk (Opus) unter den Bedingungen einer schriftlosen, egalitären Kultur.

V. Schluss: Der abschließende Teil fasst zusammen, dass die Rhetorik in Stammesgesellschaften primär der Schaffung eines solidarischen Konsenses dient, um die Gruppe in einem prekären Umfeld zu stabilisieren.

Schlüsselwörter

Rhetorik, Stammesgesellschaften, Kulturanthropologie, Oralität, Kommunikation, Konsensbildung, Magie, Mythos, Hamar, Merina, Formalsprache, soziale Struktur, Traditon, Argumentation, Kollektivbewusstsein.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?

Die Arbeit analysiert die rhetorischen Strategien und kommunikativen Bedingungen in traditionellen Stammesgesellschaften und vergleicht diese mit unserer modernen Redepraxis.

Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?

Zentrale Themen sind die Auswirkungen von Oralität, der soziokulturelle Kontext, die Bedeutung magischer Sprache, die Rolle von Mythen und die spezifische Ausgestaltung von Formalsprache.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, zu verstehen, wie in egalitären, nicht-schriftlichen Kulturen durch Sprache Autorität und ein tragfähiger gesellschaftlicher Konsens erzeugt werden.

Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?

Der Autor nutzt einen kulturanthropologischen und evolutionären Ansatz, der durch eine Analyse der Feldforschung (ethnographische Beispiele) gestützt wird.

Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?

Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Analyse der soziokulturellen Faktoren, praktischen Beispielen aus ethnographischen Studien sowie der strukturellen Untersuchung von Rhetorik als Mittel zur Konsensbildung.

Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?

Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Rhetorik, Oralität, Stammesgesellschaften, Konsensbildung und kollektive Identität.

Welche spezifische Rolle spielt der „Magier“ in der rhetorischen Kommunikation dieser Völker?

Der Magier fungiert als Bewahrer der Tradition und nutzt die „Magie“ der Worte, um durch rituelle Inszenierung Vertrauen zu schaffen und die Gemeinschaft zu motivieren.

Warum wird in diesen Kulturen die Formalsprache oft als Machtsprache eingesetzt?

Formalsprache ist hochgradig ritualisiert und lässt dem Einzelnen wenig Spielraum für abweichende Meinungen; sie transportiert Autorität per se und zwingt den Angesprochenen in einen festen rituellen Rahmen.

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Details

Title
Generelle Aspekte einer Rhetorik der Stammesgesellschaften
College
University of Tubingen  (Seminar für Algemeine Rhetorik)
Course
Rhetorische Anthropologie
Grade
1,0
Author
Eike Freese (Author)
Publication Year
2002
Pages
25
Catalog Number
V74290
ISBN (eBook)
9783638690423
ISBN (Book)
9783638776660
Language
German
Tags
Generelle Aspekte Rhetorik Stammesgesellschaften Rhetorische Anthropologie
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Eike Freese (Author), 2002, Generelle Aspekte einer Rhetorik der Stammesgesellschaften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74290
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